AnterchaLtnirgsblatt $um Gietzenev Anzeigen tGeneval-Anzergev) M Samstag, de« 20. Oktober. Lola. Roman frei nach dem Amerikanischen von Erich Friesen. (Fortsetzung.) Lord Rawdon entsinnt sich nicht mehr seiner ersten Worte. Er weiß nur, daß die groß aufgeschlagenen Augen vor ihm sich plötzlich senkten, daß die langen, dunklen Wimpern den leuchtenden Blick gänzlich verschleierten. Ec glaubt, noch niemals etwas so Bescheidenes, Mädchenhaftes gesehen zu haben. Nur mit Mühe beherrscht er sich. Sie sprechen über den gestrigen Ball. Dabei erwähnt Lola einiger besonders hübscher Damen. Sie will sich überzeugen, ob er sür irgend eine derselben Jnteresie fühle. Doch dieser geht achtlos darüber hinweg. Ihn interesstrt nur die Eine, die da vor ihm im Fauteuil lehnt und deren linker Fuß im weißen, goldgestickten Seidenpantöffelchen ein klein wenig unter dem Saum des Kleides hervorlugt. Jetzt dankt sie ihm für die Blumen. „Wenn ich Sie in meiner Erinnerung sehe, werde ich Sie stets mit einer weißen Hycinthe sehen," ruft er feurig. Sie blickt mit großen, unschuldigen Augen zu ihm auf. ..Hat Ihr Herz schon früher einmal eine Frau mit einer Blume in Verbindung gebracht?" „Nein, niemals!" „Ich bin stolz, die Erste zu sein," sagte sie einfach. O, wie sehnt er sich darnach, ihr zu sagen, daß sie die Erste und Letzte sei, daß er sie von ganzem Herzen liebe, daß er sich ein Anderer fühle seit dem ersten Augenblick, da er sie gesehen. . . . Doch kein Wort kommt über seine Lippen. Lola weiß es auch so. Sie kennt diese Symptome. Eine kurze Zeit lang fühlt er sich beseligend glücklich. Dann erscheinen vorübergehend andere Besucher, — „dumme Lassen" und „alte Klatschbasen" nennt Lord Rawdon sie grollend bei sich selbst. Und nun tritt Baron Gerald ein. Noch vor einer Stunde hatten die Freunde zusammen ge- srühstückt. Keiner von Beiden hatte dabei von der Baronin Medfort gesprochen oder von dem beabsichtigten Besuche bei ihr. Jeder fürchtet im Stillen, den Anderen bei ihr zu treffen. Lola überblickt zufrieden den kleinen, auserwählten Kreis von Besuchern. Da meldet der Diener die Herzogin von Edenfield, eine der interessantesten und vornehmsten Damen Londons. Lola geht ihr mit ausgestreckten Händen entgegen. „Wie liebenswürdig von Ihnen, Frau Herzogin!" „Ich muß doch sehen, was unsere kleine Ballkönigin macht," entgegnet diese mit einem anmuthigen Lächeln. Dabei Überfliegt ihr Blick hastig die Gruppen der Besucher. „Richtig," murmelte sie und preßt die Lippen wie im Schmerz zusammen. Bald wird die Unterhaltung lebhaft; denn die Herzogin ist eine vorzügliche Gesellschafterin. Die übrigen Besucher haben sich empfohlen. Außer der Herzogin sind nur noch Lord Rawdon und Baron Gerald anwesend. Keiner von Beiden will dem Anderen das Feld räumen. Lola, welche sich köstlich amüsirt, ladet alle Drei zum Thee ein. Mit Vergnügen wird die Einladung angenommen und die Herzogin ergeht sich in Lobpreisungen über die Reise des Nachmittags- thees. „Es kommt darauf an, wie der Thee fervirt wird," wendet Lord Rawdon ein- Lola lacht. „Sie sollen sehen, wie hübsch ich ihn servire," ruft sie heiter und klingelt nach dem Samowar. Eine halbe Stunde später sitzt der kleine Kreis gemüth- lich beim Thee, den Lola zierlich servirt. Es ist ein entzückender Anblick, wie die weißen Händchen mit den Grübchen und den schlanken, rosigen Fingern zwischen dem Silber und Porzellan herumhantiren- Lord Rawdons Blicke hängen bewundernd an diesen schlanken Händen. Dann streifen sie flüchtig diejenigen der Herzogin. Sie bemerkt es und zieht sie hastig zurück. Die Hände bilden den schwachen Punkt der schönen Herzogin- Sie sind zwar weiß, aber groß und für eine so hohe Dame entschieden plebejisch geformt. Baron Gerald erwähnt im Laufe des Gespräches der Patti, die gerade während dieser Saison in London singt. Die Herzogin besitzt eine Loge in der Italienischen Oper und überredet Lola, sie am kommenden Abend dorthin zu begleiten. „Recht gern," erwidert diese. „Ich kenne die Oper hier noch nicht. In Italien war ich öfters dort." „Sie haben die hiesige Oper noch nicht besucht? ruft die Herzogin verwundert. „Wie merkwürdig!" Lola lächelt. „Nicht so merkwürdig, wie Sie denken- Ich stamme aus einer Pastorsfamilie." Die Herzogin ist lebhaft interesstrt. „Eine Pastorstochter? Das erscheint mir noch merk« wü iger." Lola lacht noch immer. „Die Pastoren haben ebenso gut Töchter, wie andere 490 - Leute. Sie sind gewöhnlich nur strenger erzogen. Das ist der einzige Unterschied." „Wie mag es kommen," sagt Baron Gerald nach einer kleinen Pause, „daß fast alle Sopranistinnen blond sind und die Altistinnen dunkel? Auch hört man selten eine klare, Helle Tenorstimme an einem brünetten Mann." Die Herzogin stimmt ihm bei und fügt lebhaft hinzu: „Haben Sie Lord Rawdon schon singen hören, liebe Baronin?" „Nein," entgegnet Lola mit einem freundlichen Blick auf Arno. „Doch nichts könnte mich augenblicklich mehr erfreuen." Lord Rawdon erröthet vor Vergnügen. Er kann ihr eine Freude bereiten! Sein Herz klopft, seine Pulse fliegen. Die Herzogin wirft einen Blick auf ihre kleine, juwelenbesetzte Uhr. „Ich habe noch für ein Lied Zeit; dann muß ich fort. Lord Rawdon, singen Sie, bitte, mein Lieblingslied!" • Arno blickt befremdet auf die Herzogin. „Ihr Lieblingslied, Frau Herzogin? Ich bin nicht ganz sicher, welches Sie meinen!" Die Herzogin scheint unangenehm berührt. „Haben Sie es vergessen?" fragt sie vorwurfsvoll. „Sie sangen es mir so oft vor." „Ich singe oft und viel- Man muß mir meine Vergeßlichkeit schon verzeihen." Doch die Herzogin ergibt sich noch nicht. „Es ist „Der Wanderer" von Schubert," bemerkt sie ein wenig verletzt. „Entsinnen Sie sich jetzt?" Arno lächelt ein wenig. „Ach so, Sie haben Recht. Doch bedauere ich, Ihnen dieses Lied heute nicht singen zu können. Ich werde es nie wieder singen. Ehemals lag meine Seele in dem Liede —" „Und jetzt?" unterbricht ihn die Herzogin ungestüm. „Hast Du endlich Dein Glück gefunden?" fragt Gerald. „Jetzt singe ich etwas Anderes." Und Lord Rawdon steht schnell auf und begibt sich mit einem leidenschaftlichen Blick auf Lola zum Flügel. Bald erfüllen die mächtigen Töne einer weichen Baritonstimme den Raum: „Hab' Dich im Traum geseh'n die letzte Nacht, Um weiße Schultern wogt der Locken Pracht Und Freude lag im Engelsangesicht. Anbetend ruht der Blick auf Deinem Glanz Wie auf dem eisgekrönten Alpenkranz, Wenn Morgenroth sich um die Firnen flicht." Lord Rawdon singt mit tiefer Innigkeit, mit leidenschaftlicher Begeisterung, während er sich selbst auf demMavier begleitet. Lola sucht ihrem Gesicht einen Ausdruck von Aufmerksamkeit zu geben. Es gelingt ihr schlecht. Sie versteht wenig von Musik und empfindet nicht die Macht, die sie auf warm» fühlende Herzen ausübt- Sie benutzt die Zeit, Baron Gerald einige schüchtern verschämte Blicke zuzuwerfen. Das Antlitz der Herzogin ist bleich vor Erregung. „Ich danke Ihnen," sagt sie einfach, als der letzte Ton verklungen ist. „Sie haben sehr schön gesungen." Auch Lola dankt ihm — mit einem Blick, der ihm alles Blut zum Herzen treibt. Die Herzogin erhebt sich. Die Herrem folgen ihrem Beispiel. Zwar hat keiner von Beiden viel bei Lola erreicht; aber auch Keiner braucht zu fürchten, daß der Andere heute noch etwas erreichen werde. Als Lola wieder allein ist, überblickt sie noch einmal den Tag. Sie ist sehr zufrieden — mit sich sowohl wie mit ihren Verehrern. „Mit Baron Gerald kann ich vergnügt sein, so viel ich will," lacht sie, „und mit Lord Rawdon — ah, seine zunehmende Leidenschaftlichkeit ist freilich nicht ganz so angenehm." VII. Die Herzogin von Edenfield befindet sich allein in ihrem Boudoir. Das Gemach ist so traulich, so elegant, daß man geneigt ist, die Inhaberin desselben für eines der glücklichsten Geschöpfe der Welt zu halten. Die Herzogin ist jung, schön, reich und nimmt eine der höchsten Stellungen Englands ein. Trotzdem drücken ihre stolzen, klassisch geformten Züge eher Mißvergnügen aus. Die Brauen sind finster zusammen- gezogen; die dunklen Augen blicken müde- Sie hat bis jetzt in einem Buch gelesen. Jetzt läßt sie es nachlässig in den Schooß sinken und verbirgt ein Gähnen hinter dem edelstein- besetzten Fächer. Da wird Lord Rawdon gemeldet. Sofort verändert sich ihr Gesichtsausdruck. Die müden Augen erhalten Glanz, die bleichen Wangen Farbe. Schnell geht sie ihm entgegen und reicht ihm herzlich die Hand. „Willkommen!" „Ich bin glücklich, Sie allein zu treffen," sagt Lord Raw- don lebhaft. „Ich möchte mit Ihnen sprechen." Ein glückliches Lächeln umspielt ihre feinen Lippen- „Dies hier ist der bequemste Sitz im ganzen Zimmer," sagt sie heiter, auf einen niedrigen Fauteuil deutend. „Wenn Jemand mit mir plaudern und sich zu Hause fühlen will, muß er ihn einnehmen. Also bitte!" Dieser hübsche Gedanke kann nur einem Frauenkopf entspringen. Lord Rawdon lächelt und rollt den Stuhl etwas näher zu der Herzogin heran. Sein Auge überfliegt die imposante Gestalt und er gesteht sich, daß er niemals eine edlere, stolzere Schönheit gesehen. Die Herzogin kleidet sich stets in Uebereinstimmung mit ihrer Erscheinung. Gefällt ihr die eine oder andere Mode- thorheit nicht, so ignorirt sie dieselbe. Heute schmiegt sich ein bernsteingelbes Sammtkleid an ihre hohen, üppigen Glieder. Ein schwarzer Spitzenshawl ist in spanischer Weise um Brust und Hüften geschlungen. Das nachtschwarze Haar, welches, ganz schlicht frisirt, in einem schweren Knoten im Nacken liegt, schmückt eine einzige Marechal Niel-Rose. „Wie kommt es, daß Sie das Bedürfniß haben, sich zu mir auszusprechen, Lord Rawdon?" fragt sie lächelnd. „Die Frauen versteben ihres Gleichen am besten," entgegnet Arno ernst. „Ich möchte mit Ihnen über eine solche sprechen." Eine leichte Bläffe überzieht die Züge der Herzogin. „Ganz gewiß," sagt sie gepreßt. „Lassen Sie hören!" Er schweigt einige Secunden, als werde es ihm schwer, zu sprechen. Lord Rawdon fragt dann hastig: „Sind Sie eine Freundin der Baronin Medfort?" Sie zuckt zusammen. „Nein, ich kenne sie erst seit Kurzem. Ich lernte sie da kennen, wo Ihr Anderen auch ihre Bekanntschaft machtet — in Gesellschaft. Der Herzog sprach heute früh ebenfalls von ihr. Natürlich — es gibt ja keinen interessanteren Gegenstand für die Männer, als eine neuaufgetauchte Schönheit." Lord Rawdon bemerkt die Bitterkeit in ihren Worten nicht- „Was sagte der Herzog?" fragt er lebhaft. „Nichts Besonderes. Daß sie die Tochter eines Pfarrers ist, wissen Sie ja schon. Der Herzog kannte ihren Vater. Er war Pfarrer in Clifdale. Die Baronin ist sein einziges Kind. — Ein etwas eigenthümliches Pfarrerstöchterlein, dünkt mich." „Ich finde sie unendlich lieblich und unschuldig," ruft Lord Rawdon eisrig. Die Herzogin lacht laut auf. „Wie schnell und genau die Männer stets den Character einer schönen Frau kennen!" Lord Rawdon weiß nicht recht, ob sie int Ernst spricht oder seiner spotten will. „Was wissen Sie sonst von ihr?" „Fast nichts. Ihr Vater ist tobt; die Mutter lebt bei ihr. Sie soll eine Masse Verehrer gehabt haben, ohne daß ihr Herz jemals davon berührt wurde." „Niemals berührt wurde?" wiederholt Lord Rawdon in fragendem Tone. „Sie ist Wittwe." Die Herzogin zuckte die Achseln- - 491 „Mit siebzehn Jahren hcirathete sie einen alten Mann. Das sagt genug." „Armes Kind," murmelt Lord Rawdon. „Wie konnte man sie dazu zwingen!" Wieder lacht die Herzogin laut auf und diesmal fällt der harte Klang selbst Arno auf. „Ec war reich, der alte Baron," sagt sie mit Nachdruck. „Sie hat ihre Zukunft gesichert." Lord Rawdon fährt auf. „Unmöglich." Die Herzogin schweigt. Ihre Brauen sind unmuthig zu- sammengezogen- „Glauben Sie, daß sie sich wieder verheirathen wird? ' fragt er endlich langsam. „Ich weiß es nicht " Wieder eine kleine Pause. „Wissen Sie, welch' bezeichnenden Namen man für sie erfunden hat?" „Wie soll ich das wissen! All' diese Sachen sind Albernheiten." Die Herzogin ist sichtlich ärgerlich. „Man nennt sie: Die Dame mit den weißen Hyacinthe»," fährt er fort, „sehr passend, denn sie gleicht der —" Die Herzogin blickt plötzlich auf und gewahrt in seinem Knopfloch eine kleine Hyacinthenblüthe — weiß, zart, duftig. Ohne ein Wort zu sagen, ergreift sie dieselbe und wirft sie heftig zu Boden. Mit zornsunkelnden Augen steht sie vor dem Manne, der betroffen einen Schritt zurücktritt. „Frau Herzogin —" „Sie sollen solchen Unsinn nicht mitmachen," ruft sie leidenschaftlich, „Sie nicht. Bis jetzt spotteten Sie über die Narretheien der Männer und nun wollen Sie sich selber zwischen die gehtrnlose Menge mischen, die eine Frau vergöttert, nur weil sie eine schöne Larve hat!" Lord Rawdon blickt erschreckt auf die schöne Herzogin, der die sürchterliche Erregung momentan jede weibliche Zurückhaltung raubt. „Ich warne Sie," flüstert sie leise und heftig. „Die Baronin Medfort ist eine Kokette. Sie wird sich ihrer Triumphe ein paar Jahre erfreuen und dann wieder um Geld heirathen — um Geld, aber nicht um Liebe- Sie kann überhaupt nicht lieben. Sie ist ebenso falsch, wie sie schön ist. Nochmals — ich warne Sie, Lord Rawdon! Was nun auch kommen mag — Sie haben von mir die Wahrheit gehört." „Woher wissen Sie, daß es die Wahrheit ist?" fragt dieser kurz. y „Mein Instinkt sagt es mir und — meine — meine Freundschaft für Sie." Sie hat ihre Ruhe wiedergefunden. Jetzt reicht sie ihm herzlich die Hand und sagt leise: „Sie werden einstens wieder zu mir kommen und mir sagen, daß ich Recht hatte. Möge es nicht zu spät sein! Leben Sie wohl!" Lord Rawdon ist gegangen. Die Herzogin stützt den Kopf in die Hand und denkt nach. Wie lange ist es her, da war die junge Baronin Diana Murray die umschwärmteste Dame bei allen Festlichkeiten. Sie aber liebte nur Einen — Einen, der achtlos an ihren Reizen vorüberging. Als Freund ihres Bruders sah sie ihn fast täglich. Sie machte kein Geheimniß aus ihrer Neigung. Jedermann wußte darum, nur er nicht, dem alle Frauen gleichgiltig waren. Zuletzt konnte sie den Zustand nicht mehr ertragen. Sie heirathete den Herzog von Edenfield, einen ältlichen, leidenschaftslosen Mann, dem fie keine Liebe vorzuheucheln brauchte. Nun ihr Geschick entschieden war, bereute sie es tief. Sie fühlte sich an der Seite des ungeliebten Mannes noch unglücklicher als zuvor. Als einen gelinden Trost empfand sie es, daß des Geliebten Herz unberührt blieb, daß er sich frei hielt von all' den Liebeleien, die das Vergnügen der meisten jungen Männer ausmachen. W Ihr Sinn war edel, ihr Empfinden rein. Niemals hätte sie sich eines Treubruchs gegen ihren Gatten schuldig gemacht- Sie hatte es sogar verstanden, ihre Liebe zu Lord Rawdon in ein Gefühl der Freundschaft einzuzwängen Sie wollte nichts, als ihn glücklich sehen. Und nun warf dieser Mann, der gegen jeden Frauenblick gefeit schien, der über Liebestollheiten spottete, den ihre tiefe Neigung nicht zu rühren vermochte — nun warf dieser selbe Mann sein Herz, seinen Stolz, seine Manneswürde einer Frau zu Füßen, welche — die Herzogin sah es klar — mit all' dem, wonach ihr eigen Herz so brennend verlangt hatte, nur spielte. Als sie die Hyacinthe im Knopfloch Lord Rawdons bemerkt, war mit einem Male das mühsam aufgebauts Gefühl der Freundschaft wieder zu heller Liebe entfacht. Brennende Eifersucht und der Wunsch, ihn zu retten, trieben sie zu jenem ihrer sonstigen Zurückhaltung fremden Leidenschaftsaurbruch. Die Herzogin grübelt und grübelt. . . . „Ich werde ihm beistehen, was auch kommen mag," murmelt sie und findet endlich Trost in diesem Gedanken. VIII. Lola ist die anerkannte Königin der Saison. Die ganze Männerwelt liegt ihr zu Füßen. Sie kokettirt mit Allen. Sie freut sich des traurig-sehnsüchtigen Blickes einer Braut, wenn sie den Arm von deren Geliebten nimmt. Sie freut sich des todtenbleichen Antlitzes einer jungen Frau, deren Gatten sie zulächelt- Sie freut sich des gezwungenen Scherzes, der eine Wunde verdeckt, des lauten Lachens, welches tiefem Herzweh entspringt. Von Natur ist sie nicht grausam; doch ihre Gefallsucht läßt sie es werden. Sie will ihre Macht probiren und ist glücklich, wenn sie überall siegt- Nie kommt ihr der Gedanke an Anderer Sorgen und Schmerzen. Sie ist nur mit sich und ihren Vergnügungen beschäftigt. Diese Selbstanbetung hat nach und nach jeden Keim einer edleren Empfindung in ihr erstickt. — So fluthet Lola lustig den breiten Strom der Fröhlichkeit hinab — die schönste, populärste und angebeletste Frau der Gesellschaft. Heute ist ihr Opernabend. Sie besitzt eine der elegante« fien Logen im ersten Rang. Strahlend in Frische und Dia- mantenpracht lehnt sie in ihrem Sessel- Neben ihr sitzt Frau von Lovel, eine Dame mit großem Herzen und kleinen Grundsätzen. Lola liebt es, im Theater Jemand um sich zu haben, der sie auf die einzelnen Gesichter aufmerksam macht, ihr all' die kleinen pikanten Klatschgeschichten mitiheilt- Hierin ist Frau von Lovel Meisterin. Frau March besucht niemals da« Theater- Sie ist das ihrem guten, verstorbenen Pastor schuldig, wie sie sagt- Lola bedauert es nicht- Die lustige Frau von Lovel ist eine viel amüsantere Gesellschafterin, als die ernste, sittenstrenge Mutter. Die Loge der beiden Damen übt eine große Anziehungskraft aus — fast mehr, als die Schauspieler auf der Bühne. Hunderte von Operngläsern sind beständig auf die reizende Baronin gerichtet- Sie hält förmlich Cercle. Männer von Geist und Rang kommen und gehen. Ein Lächeln, ein paar freundliche Worte — und sie sind entlassen- Nur Zwere halten gleichmäßig bei ihrem Sessel Wache — Lord Rawdon und Baron Gerald. Das Publikum flüstert sich zu, daß, wenn sie einmal nicht mit der Baronin beschäftigt sind, sich einander grollende Blicke zuwerfen. Frau von Lovel ist heute von ihrem eigenen Cavalier in Anspruch genommen. Beide Herren können sich daher ganz Lola widmen. . Der Zwischenact beginnt. Lola erhebt sich, um das Foyer aufzusuchen. Arno nähert sich ihr von links, Gerald von rechts. Sie weiß: sobald sie jetzt des Einen Arm nimmt, entsteht ein tödtlicher Streit. . . • Mit der Linken zieht sie den pelzverbrämten Seidenumhang fester um die Schultern, als ob sie friere; mit der Rechten hält sie die silbergestickte blaue Sammetschleppe, dabei die zierlichsten Pariser Stiefeletten zeigend- 492 Beide reden sie gleichzeitig an, während sie neben ihr hergehen — Gerald rechts, Arno links. Sie antwortet nicht, sondern lächelt nur. Das kann Keinen beleidigen. . . . Die Oper ist aus. Die früheren Freunde und jetzigen Nebenbuhler haben die Baronin in ihren Wagen geleitet und sind von ihr, geschickt wie immer, gleichmäßig freundlich verabschiedet worden. Jetzt gehen sie finster zusammen die Straße entlang. Beide schweigen. „Gerald!" ruft plötzlich Lord Rawdon ungestüm, „ich muß Dir etwas sagen." Sein Antlitz glüht, seine Augen funkeln. Baron Gerald blickt lebhaft auf. „Auch ich will mit Dir sprechen." „Ich habe mich nie mehr in einem Menschen getäuscht, als in Dir. Du hintergehst mich." „Ich Dich?" „Du mich." „Wieso?" „Ich hielt Dich stets für meinen Freund." „Habe ich mich Dir je anders bewiesen?" „Ja. Du drängst Dich zwischen mich und die Frau, die ich liebe.. Du folgst mir wie ein Gespenst. Wenn ich mit ihr spreche, redest Du ste an. Wenn sie mir ein Zeichen ihrer Neigung gibt, kommst Du mit Deiner Eifersucht dazwischen. Das dulde ich nicht länger." „Halt ein! Hör' mich an, bevor Du weiter sprichst!" (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Ueberwinterung der zum Samentrageu bestimmten Gemüsearten. Die meisten Kohl-, Wurzel- und Knollengewächse tragen im ersten Jahre keinen oder doch nur unvollkommenen Samen; will man von diesen Gewächsen dennoch Samen ziehen, so ist es nöthig, nachstehendes Verfahren, welches sich sehr gut bewährt, anzuwenden. Im Herbste, wenn Nachtfröste zu befürchten sind, wähle man die schönsten der zur Samenzucht geeigneten Samen aus, nehme sie vorsichtig mit dem ganzen Wurzelballen aus der Erde und setze sie in Töpfe, gieße sie gut an, und stelle ste an einen hellen frostfreien, trocknen Ort, an welchem auch nach Belieben Luft zugelasien werden kann. Wer nicht Töpfe zur Hand hat, oder nehmen will, bringe die Pflanzen in der angegebenen Weise in den Sand oder leichte, nicht zu trockene, auch nicht zu naffe Erde, jedoch so, daß sie aufrechtstehsn und sich gegenseitig nicht berrühren. Erde oder Sand sollen stets gleichmäßig feucht erhalten und das Lüften wie auch das Reinigen der Pflanzen nicht verabsäumt werden. Hier bleiben dieselben zum April, wo ste dann herausgenommen und in das vorbereitete Beet gepflanzt werden. Werden die Pflanzen auf die angegebene Weise mit Vorsicht und Aufmerksamkeit behandelt, so bleiben die Herzen wie sämmtliche Wurzeln gesund; Erdflöhe und anderes Ungeziefer können den Herzblättern dieser Pflanzen nichts anhaben; denn dieselben sind hart, während die im warmen Keller überwinterten weich und zart sind. Eine solche Behandlung der Gemüsearten, welche als Samenträger bestimmt find, werden stets guten, vollkommenen und keimfähigen Samen tragen und anstatt daß man über Ausarten derselben zu klagen braucht, wird man stets schönere, besiere und schmackhaftere Gemüsearten ernten. • » ♦ Umgraben des Gartenlandes im Herbst. Die Vortheile, welche das Umgraben vor dem Winter bewährt, sind besonders folger de: Das Land wird durch den Frost fruchtbar gemacht. Ferner wird dadurch viel Ungeziefer, das sich im Herbst in die Erde verkriecht, an die Oberfläche ge- I bracht und durch den Frost vernichtet- Dabei empfiehlt es sich, dem Federvieh freien Zutritt zu dem umgegrabenen Lande zu gestatten, denn gerade dieses vertilgt dann eine große Zahl des Gewürmes rc. Auch werden durch das Umgraben viele Unkräuter zerstört. Die meisten Gartengewächse lieben, ebenso wie die meisten Feldfrüchte, einen gelagerten Standort. Im Frühjahre bleibt dann nur noch übrig, das im Herbste umgegrabene Land.mit der Hacke „klar" zu machen. Aufbewahrung der Bouillon. Man hat gefunden, daß sich Fleischbrühe, in eine Flasche gefüllt und letztere locker mit Baumwolle verstopft, lange vollkommen gut erhält. ♦ ♦ Um Kastanien als Fleckseife zu benutzen, schält man die reifen, abgefallenen Kastanien und zerstößt den weißen Kern in einem Mörser. Das so gewonnene Mehl wird auf die Flecken der Wäsche gestrichen und diese schwinden beim Waschen gänzlich. • ♦ ♦ Petroleumstecken. Man entfernt dieselben aus farbigen Stoffen am besten mit Töpferthon, der zu einem dicken Brei mit Waffer aufgelöst und auf die Flecken aufgelegt wird. Nachdem die Masse getrocknet ist, bürstet man sie sauber aus. ___________ Vermischtes. Anknüpfungspunkt. Er: „Sieh' nur, wie herrlich die Gebirgskette im Glanz der untergehenden Sonne leuchtet!" — Sie: „Ach, die Halskette, die Du mir versprochen hast, würde noch viel schöner leuchten!"-- ♦ ♦ • Tusch. Zwei auf dem Kriegsfuß stehende Studenten- Verbindungen einer kleinen Universitätsstadt treffen sich in einer Bierkneipe. Durch Bemerkungen und beständiges Fi- xiren Seitens der Randalia fühlte sich die Platonia provocirt und schickte den Piccolo zu den Gegnern, mit dem Auftrag, diesen zu sagen, sie wären „dumme Jungen". — „Aber meine Herren," ruft darauf ein Randale den Platoniern zu, „wegen einer solchen Bagatelle wäre es wirklich nicht nöthig gewesen, Ihren Senior herüber zu schicken!"-- ♦ ♦ ♦ ‘Deplacierte Redensart. Herr: „Ich möchte gern einige Meter Stacheldraht." — Kaufmann: „Bedaure, der ist vollständig vergriffen."-- * * * Aufrichtig. A.: „Wie viel Cigarren rauchen Sie täglich?" — B.: „Das kommt darauf an, wie viel Bekannte ich des Tags über treffe!"-- ♦ ♦ ♦ Glück im Unglück. Alter Knabe (der bas Podagra hat): „Herr Gott, bin ich froh, daß ich kein Tausendfüßler bin 1"-- • * ♦ Vorsichtig. „Tante, ißt Du gern Pfeffernüffe?" — „O ja, mein Kind!" — Dann will ich meine Düte doch lieber dem Onkel Fritz zum Aufbewahren geben!" Vom Kasernenhof. Sergeant: „Pimpel, Sie haben so wenig Ahnung vom Parademarsch, wie 'ne saure Gurke vom Billardspielen. Und dabei trägt der Mensch noch eine Brille!" * ♦ * Der neue Zimmerherr. Klavier-Virtuos (mit langen ungekämmten Haaren): „Na, Kleiner, warum schaust Du mich so neugierig an?" — Söhnchen der Quartierfrau: „Nicht wahr, Sie sind der Vater vom Struwwelpeter?" Rcdaction: A. Schryda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen. Nr. 124. Antei Romai Der S Sterne fun voller Ruhl Die l einander m „Hör' nicht das e Du gibst ei Lord 1 die heiße § „Weit, „Und Gerald for! „Mich „Nein, „Ich t „Ich o „Du b „Oder „Wir werter/' Lord Boden. Bo schaftdurchgl „Arno, liebt und i! Ich würde : vernichtet w n „Ich b Ee Ewigkei Gerald r „Aber 'le, ZU gewin Mich nicht h „Das i , „Nenn' vlr frühere der Eine hi M seinen V Zwischen «Sie hl