An-EvhaLtttngsblattznin Giehenev Anzeigen sGeneval-Anzsrgev) MW r3v-*- Dienstag, den 19. Juni. Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) Am Abend des fünften Tages nach seiner Abfahrt kam der Hofprediger von der Reise zum Landgrafen in Homburg zurück. Er brachte einen schriftlichen Befehl des Fürsten, wodurch bestimmt wurde: 1) Die Gefangenen find sogleich gegen Bürgschaft in Freiheit zu setzen. 2) Die Untersuchung darf erst dann fortgesetzt werden, wenn der Landgraf wieder in Bingenheim restdirt. Caspari war wüthend, als er diese Ordres las. So energisch war ihm noch nicht Halt geboten worden. Von da an haßte er den Hosprediger. Dieser hatte auf seiner Reise einige Strapazen erdulden müssen. Zweimal war der Reisewagen umgefallen, je einmal brach ein Rad und eine Achse und viermal gerieth der Kutscher in solche Untiefen, Löcher oder Gräben, daß das Gefährte erst nach mehrstündiger Arbeit wieder in Gang gebracht werden konnte. Solches geschah in der guten alten Zeit vor dritthalbhundert Jahren. Wäre aber die Flucht des jungen Paares mißlungen, dann hätte Caspari am folgenden Tage mit der Folter Alles aus den Eingekerkerten herausgepreßt, was ihm zweckdienlich erschien; er hätte das Todesurtheil über die Unglücklichen ausgesprochen und sofort vollstrecken lassen. Der Hosprediger wäre also um einen vollen Tag zu spät gekommen. Wie sehr dem trefflichen Manne seine Pfarrkinder am Herzen lagen und daß er selbst vom Hexenwahn und Zauberei-Aberglauben nicht frei war, beweist eine Notiz, die er im Jahre 1658 einem Taufprotocolle beifügte; diese lautet: „Gott gebe seine Gnadt, daß wir es in Zucht und Ehren mögen auferziehen zu Gottes Lob und Preiß. Gott wolle es auch behüten für aller bösen Verführung des Teufels, Hexen und Unholde, Gott wolle sie auch bei ihrem Taufbunde erhalten bis an ihr seliges Ende." — Der.Wächter am Thore zu Ronneburg fand großen Gefallen an dem jungen Paare, das sich seinem Schutze anvertraut hatte. Jmgleichen war das Wächterweib den Beiden wohlgeneigt und es wurde beschlossen, den Burggrafen — was so viel heißt als Befehlshaber der Burg, er mußte deßhalb nicht gerade von Adel fein — sogleich mit in das Geheimniß zu ziehen, wenn er von der Jagd nach Hause käme. Als der Burggraf den Namen Bardenstein vernahm, horchte er hoch auf. Es stellte sich heraus, daß des Rentmeisters Vater und der Burggraf zusammen unter Landgraf Wilhelm zu Hessen-Kassel in einem Regiments gedient und in vielen Schlachten und Gefechten des 30jährigen Krieges nebeneinander gekämpft hatten. Deß freute sich der alte Haudegen, dem das Umhersteigen auf den Treppen, Gängen und Wällen, in den tiefen Kellern und auf den hohen Thürmen bei feinen 68 Jahren nicht sonderlich mehr behagen mochte. Also nahm er sich den Sohn seines Waffengefährten, den ihm das Geschick gar rechtzeitig zugesandt, als Gehülfen an, übertrug ihm auch alle Schreibereien und Rechnereien, welch' letztere ihm am meisten Kopfschmerzen verursachten. Noch am ersten Tage ihrer Ankunft wurde ein Geistlicher herbeigeholt, der segnete das Paar ehelich ein. In der Nähe des Burggrafen und mit ihm auf demselbigen Gange erhielten Gerhardt und Margarethe mehrere Wohngelasse. Stbille- Margarethe nahm sich des Hauswesens sogleich kräftig an, kochte, wusch und scheuerte so flink und geschickt, daß es bei dem alten Eisenbeißer bald viel behaglicher und wohnlicher aus- sah, denn jemals. Wenn das züchtige, liebliche Weiblein so in den Gelassen herumhantirte, kam der Alte hinzu und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Nach einigen Wochen sprach er zu dem jungen Ehepaare: „Ihr seid mein Sonnenschein in den alten Tagen worden; will Euch zu Kindern auf- und annehmen und Euch als meine Erben einsetzen; jetzt erst weiß ich, was es heißt, eins Familie zu haben und von einem braven weiblichen Wesen umsorgt zu werden." Drei Wochen nach der Flucht empfing Justine einen Brief von der Freundin, worin Alles geschildert und der heißeste Dank sür die bewiesene Liebe und Freundschaft ausgesprochen, auch der Großmutter viel tausend Grüße und Dankesworte beigefügt waren. Allabendlich kam Justine zu der alten Beilstein und jedesmal las sie den Brief vor. „Es ist gut, daß es so kam," sprach eines Abends die Alts. „Hier hätten die Beiden niemals so glücklich und zufrieden sein können, wie auf der Ronneburg, weil der Neider und Verleumder zu viele sind. Darunter sind etliche, die hätten sich mehr gedünkt als mein Kind, hätten es mit Hochmuth von oben herab behandelt und gekränkt und beleidigt, wo sie es zuwege gebracht, obgleich meine Enkelin mehr in sich trägt, als Alle zusammen. Alle schmerzlichen Erfahrungen und Bitternisse werden ihr erspart, ihr Beschützer sorgt für ihre Zukunft; sie bleiben für sich und genießen ihr Eheglück, das ihnen der liebe Gott erhalten und segnen möge." = 278 SZ Ao. prak stein man Tag mit bra> sche geg gar diej ihr die ihn 16f heil Frü wod vers der und Süt die meh gars erke Unk richi wie Eis ohn schll mei und Ra Bo thu zu M< Bo zu tra Hal dar Fr- zur hei bri me die enl lei 861 lei Xöfc me ric Nach diesen Worten machte der Fürst eine verabschiedende Handbewegung, Caspari zog sich zurück. „Was sind das für neue Grundsätze, die ich hören mußte," brummte der Hochmögende, als er in die Kanzlei zurückging. „Seine Durchlaucht scheinen ganz und gar von den revolutionären Ideen beherrscht zu sein, die sich gegen den Teufelsund Hexenglauben immer breiter machen. Ich werde es als besondere Aufgabe ansehen, die grundstürzenden Ansichten dieser Neuerer zu bekämpfen. Nichts Besseres taugt dazu, als schlagende Beweise sür die Hexereien und Zaubereien dieser alten Beilstein und ihrer Brut herbeizuschaffen. Der Fürst besitzt offenbare Sympathieen für den aufgeblasenen Bardenstein und seine Dirne; der wäre mir über den Kopf gewachsen, ich habe heute die feste Ueberzeugung davon erhalten. Nun muß auch die Alte noch weg, nur dann habe ich wirklich Ruhe." — Im April desselbigen Jahres 1659 war es sehr naßkalt, stürmisch und unfreundlich. Der vorhergegangene Monat März ließ sich trocken und sonnig an, daß man vermeinte, der Frühling müße über Nacht erscheinen und Alles zum Blühen bringen. Um so bitterer empfanden die Menschen, insonderheit die Kinder, den Witterungsumschlag im April, denn die Kleinen mußten sich nun wieder in die dumpfen Stuben verkriechen. Das naßkalte Wetter hatte auch einen ungünstigen Einfluß auf die Gesundheit der Kinder, denn es zeigte sich eine Plage unter denselben von eigenthümlicher Erscheinung. Vielen schwollen die Hälse an; andere hatten Schmerzen in den Ohren. Ganz kleine Kinder bekamen heftigen Husten und wurden dabei blau im Gesichte. Das Herzchen ist ihnen gespannt, hieß es, oder sie zahnen über die Brust. Auch unter dem Vieh gab es Beschwerden: manche Kühe gaben plötzlich keine Milch mehr. Junge Schweine gingen zu Grunde; andere Hausthiere wurden schwach, daß sie kaum auf den Beinen stehen konnten. Schultheiß Schöffer zeigte diese Umstände bei dem Com- miffarius Caspari an, welcher alsbald die beiden Gerichtsschöffen Merten Frickell und Emanuel Stall vorforderte. Sie wurden in dieser Sache specialiter beeidigt und deponirten in Kraft ihrer Pflichten nicht blos, was bereits mitgetheilt, sondern noch einige andere Dinge: Allhier in Bingenheim sei ein großer Zauberer und Hexenmeister mit Namen Andreas Kul- mann. Derselbige vermöge viele übernatürliche Dinge zu verrichten, habe schon aus einem Handtuche Milch gemolken, Mäuse und Ungeziefer gemacht, das böse Aprilwetter herangezogen, wäre mit den Zauberern und Hexen zu Echzell und Gettenau im Bunde. . _____ Ueber letztere Aussage schnauzte der Richter die Schöffen heftig an, dieweil in Echzell, Gettenau, Biffes und Geiß-Nidda das Zaubereilaster gänzlich ausgetilget fei, wie die Pfarrherrn gleichstimmig berichtet hätten. Verbleibe also nur noch Bingenheim von der Gewalt des Teufels zu befreien. Die Schöffen erschraken; sie wollten das Unheil gerade von Bingenheim abwenden, um plötzlich die Entdeckung zu machen, daß es für ihren Geburtsort sehr schlecht stünde. Die Männer sahen sich rathlos an, bis Emanuel Stall sagte: Mehr wüßten sie heute nicht, wollten aber nach Weiterem sich umthun. — Nachdem einige Tage verstrichen, wurden sie wiederum vorgefordert, wobei sie deponirten: Andreas Kulmann gelte allgemein als Hexenmeister und teuflischer Compagnieführer, habe sich auch damit gebrüstet: er sei bei der geisterhaften Flucht des Bardenstein und der Sibille König m t thätig gewesen. Wurden Beide weiter gefragt: Ob nicht die alte Beilstein auch eine Hexe wäre und der Jungen davon geholfen habe. Worauf die Schöffen bestimmt versicherten- Davon wüßten sie nichts. Als Caspari sah, daß nichts auf die alte Beilstein zu bringen war, ließ er ab, fchickte die Schöffen heim und befahl, den Andreas Kulmann zu verhaften. Auf der Folter bekannte dieser Alles, was von ihm gefordert wurde. Der Landgraf verlangte die genaueste Mittheilung über den Fall, las die Protokolle fämmtlich durch und war besonders betreten, als er vernehmen mußte, daß Rentmeister Bardenstein durch Zauberei und Teufelskunst entronnen sei. Kulmann sah, daß es doch mit ihm zu Ende gehe, darum * Dreizehntes Kapitel. „Euer Durchlaucht geruhen daraus gnädigst zu entnehmen, welch' große Wohlthat dem Lande und der Herrschaft dadurch erwuchs, daß dieser Haupthexenmeister, Teufelsspielmann und Trummelschläger rechtzeitig entwich und seine Buhle mitnahm," mit diesen Worten schloß der Hexenrichter Caspari seinen Vortrag über die in den letzten Monaten vorgekommenen Er- e^9tt Der Landgraf stand am Eckfenster des sogen. Langenbaues im Schlöffe zu Bingenheim und schaute sinnend über das Horloffthal nach Gettenau und Echzell. Jener Raum im Schlosse heißt bis auf den heutigen Tag „das landgräfliche Gemach". Es war im Monat März 1659; vor Kurzem hatte die Herrschaft ihren Wohnsitz wieder in Bingenheim genommen. Ueber den Wiesen des Horloffthales zeigte sich bereits ein grüner Schimmer; zwei Störche stelzten hochbeinig umher und suchten nach Futter. Der Frühling nahte. „Sagtet Ihr nicht vorhin, die Buhle habe den Rentmeister weggeführt; am Schluffe des Vortrages machte sich die Ansicht geltend: der Rentmeister wäre der Haupträdleinsführer gewesen." „Es wird auf eins hinauslaufen, Durchlaucht, die Wirkung bleibt dieselbe." „Mir scheint das doch sehr zweierlei, Comnnssarius; es wäre jedenfalls von Jntereffe, zu wissen, wer die Hexe und wer der Behexte ist. Diese Sibille König ist ein schönes Weib, soll Manchem den Kopf verdreht und viele Burschen behext haben. Gefiel sie Euch nicht?" fragte der Landgraf. „Mir? Ich--in der That, Durchlaucht, darüber habe ich noch nicht nachgedacht." „Wenn man etwas Schönes sieht, hört oder empfindet, denkt man eigentlich doch nicht nach, sondern genießt, meine ich," bemerkte der Landgraf belustigt, als er die Verlegenheit des Richters, der nur fehr schwer aus dem Geleise zu bringen war, sah. „Oder steckt Ihr so tief in Juristerei und sonstigem Kram, daß Ihr erst darüber nachdenken müßt, ob Euch ein schönes Gebilde erfreut." „Mein Grundsatz ist: Fiat Justitia et pereat mundus, Durchlaucht, halten zu Gnaden." „Der Grundsatz: Gerechtigkeit werde geübt und wenn die Welt darüber zu Grunde gehe, ist ein lobenswerther. Mein hochseliger Herr Vater sagte mir gelegentlich einmal: Grundsätze in die äußerste Consequenz getrieben, könnten in Unsinn, — Tugenden in Laster verkehret werden, wenn man sie rücksichtslos ausübet. Darum will es mir gar nicht in Kopf und Sinn, daß der prächtige Bardenstein ein Hexenmeister und die liebliche Sibille König eine Zauberin fein soll." Bei diesen Worten dachte Caspari: Welch' Glück, daß die Zwei rechtzeitig vom Teufel entführt wurden; laut entgegnete er: „Der böse Feind bedient sich häufig der klügsten und feinsten Leute, um seine verderblichen Pläne desto sicherer zu erreichen, das beweisen die Acten der Hexenprocesse. Daß der Rentmeister dieser Bauerndirne in die Hände fiel, ist auch ein eigenthümlicher Fingerzeig für uns." „Auch darin bin ich anderer Ansicht, Cornmiffarius. Die Heirath ist nicht gerade standesgemäß; wir finden aber jetzt häufiger denn je, daß selbst fürstliche Herren sich Frauen erwählen, die durch Schönheit, Tugend und Talente ausgezeichnet sind. Und was Ihr mir von der Entführung des Paares durch den Gottseibeiuns, Feuerluft, Rabenthiere und anderen Spuk vortruget, glaube ich insolange nicht, bis ich selbst einen solchen Fall miterlebe. Gebt Acht, die Sache stellt sich hintendrein als merkwürdig einfache Entweichung dar, wenn auch Scharfsinn, Klugheit und Kühnheit mitgeholfen haben mögen. So Gott will und wir leben, werden wir uns daran einmal erinnern." „Euer Durchlaucht dürfen überzeugt sein, daß ich mit der größten Sorgfalt und Gerechtigkeit, dabei nur das Wohl des Landes und der hochfürstlichen Familie im Auge haltend, Recht sprechen und urtheilen werde und gehandelt habe." „Daran zweifle ich keinen Augenblick. Ihr habt gut verwaltet und sparsame Wirthschaft geführet. Fahret so fort." — 27S s= prahlte er besonders durch seine Heldentaten bei der Barden- stein'schen Entweichung. Mit schwerem Herzen bestätigte der Fürst das über Kul- mann ausgesprochene Todesurtheil, welches schon am anderen Tage vollzogen wurde. Schultheiß Schöffer schreibt darüber: Anno 1 659. Ao. 1659 den Ilten May. Ist Andreas Kulmann vnder dem Gericht vfm Lösbusch mit dem Schwert Hingericht, vndt der Cörper zu Aschen ver- brant worden. Wenige Tage nach der Hinrichtung trat schönes, warmes Frühlingswetter ein- Das Vieh konnte auf die Weide gehen, wodurch die Krankheits- und Schwäche-Ersieinungen schnell verschwanden. Bei den Kindern erging es gerade so. Ehe der Wonnemond Mai zu Ende, waren alle Plagen, Schmerzen und Gebrests verschwunden, herrliches Wetter und goldener Sonnenschein lag über dem Lande, die Bäume blühten und die Früchte gediehen so schnell, daß man bald keinen Mangel mehr verspürte und gar nicht für möglich hielt, daß Alles so garstig und Übel gewesen. „Seht Ihr," sprachen jetzt die Leute untereinander, „jetzt erkennen wir deutlich, daß dieser Hexenmeister Kulmann alles Unheil angestiftet hat. Von Stund an, da ihn der Scharfrichter hingethan, kam die Sonne herfür und schien lieblich, wie viele Wochen lang nie zuvor. Also sind auch diesmal die Eisheiligen Pankraz und Servaz gnädiglich vorübergegangen, ohne etlichen Schaden anzurichten. Ist nichts anderes zu schließen, als daß es dem Himmel gefallen: solchen Hexenmeister und Teufelsbraten aus dem Menschengeschlechte zu tilgen und wegzuthun." Die hinterlaffene Wittwe des Andreas Kulmann verkaufte ihr Anwesen und zog nach Echzell. Von hier aus zahlte sie die Kosten, welche durch das Einkerkern und die Hinrichtung ihres Mannes entstanden. Die Zahlung erfolgte am 4. Juli 1659, denn in den Aufzeichnungen des Schultheißen Schöffer heißt es: «Zwantzig Rthr: Andreas Kulmans Witt. Von Echtzel wegen Ihres Manß Uncosten Geliefert, So Ihr angesetzt worden, den 4tn July 1659.“ Für Caspari waren die Aussagen Kulmanns und die Er- scheinungen nach Hinrichtung desselben ein großer Triumph gegenüber dem Landgrafen. Die Ansichten des Richters hätten gar nicht beffer unterstützt werden können. Der Fürst empfand dies und kam nicht mehr auf die Angelegenheit zurück. — Zu Anfang September kam ein treuer Bote von der Ronneburg, der brachte wieder ein Brieflein an Justine. Der Bote sagte, er habe einen Tag oder zwei in der Umgegend zu thun, dann käme er zurück, um Justine mit in das Jfenburgische zu nehmen. Sie war sprachlos vor Freude, erquickte den Mann mit Essen und Trinken, gab ihm auch etliche Albus Botenlohn und konnte kaum abwarten, bis sie allein war, um zu erfahren, was in dem Schreiben stehe. Der Inhalt übertraf noch ihre Erwartungen, denn sie las darinnen: der Storch habe den jungen Eheleuten ein Knäblein in die Wiege gelegt; da» solle demnächst getauft werden und zu Ehren der treuen Freundin Justine den Namen Justus erhalten. Also müsse sie zur Tauffeterlichkeit erscheinen und das liebe Menschlein zur heiligen Handlung auf ihren eigenen Armen tragen. Mit dieser Nachricht eilte sie zur alten Beilstein; als die brave Frau die Nachricht vernahm, tanzte sie im kleinen Zimmer herum, wie es ihre alten Glieder vertrugen, klatschte in die Hände und rief unter Weinen und Lachen: „Ein Ur- enkeleinl Ein Urenkelein I Gütiger Gotthilf, daß ich das Kindlein auch noch sehen kann vor meinem Ende, dann will ich gerne dahin fahren." Darnach gaben sich beide Personen wieder das Versprechen, keiner menschlichen Seele zu verrathen, wo ihre Lieben geborgen wären, denn was mehr als Zweie wüßten, sei kein Geheimniß mehr. Durch die Geständnisse des Kulmann habe der Hexenrichter Caspari wieder Oberwasser bekommen, der Fürst hätte den Rentmeister um deswillen noch nicht begnadigt, weil Bardenstein den Richter mit dem Tode bedrohet habe. Also sei nach wie vor große Vorsicht nöthig und müßten bessere Zeiten abgewartet werden. Für Justine bestand die Schwierigkeit, von dem Vater auf vierzehn Tage Urlaub zu bekommen und eine Reise in das Jfenburgische zu machen. Es ging aber besser, als sie dachte. Der Vater hatte Verwandte in Mittel-Gründau, einem Dorfe, das nahe bei der Ronneburg liegt. Das wußte Justine sehr wohl: auch im Hanau-Lichtenbergischen hatten sie Freunde, die öfter Grüße sandten und um Besuch baten. Als nun Justine mit ihrem Reiseplan und der guten Fahrgelegenheit kam, stimmte der Alte sehr bereitwillig zu. Nach zwei Tagen fuhr sie ab, traf wohlbehalten auf der Ronneburg ein und konnte kaum erwarten, bis sie zur Freundin kam. Das Glück und die Freude des Wiedersehens zu beschreiben, ist unmöglich. Die Freundinnen lagen sich in den Armen. „Bei Euch heißt es: Sie gedachten es böse zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen," sprach Justine, als sie endlich Worte fand. „Wie schön Du geworden, Sibille, das weißt Du selber nicht, ein reizendes junges Weib, wie ich es nie gesehen. Nun zeige mir das Söhnlein. Wie alt ist es schon?" „Zwei Wochen heute," war die Antwort, „doch sprich leiser, meine Gute. Hier nebenan im Gemache ist das Knäblein. Daneben sitzt der Burggraf, der uns als Kinder an* und ausgenommen. Er sitzt den ganzen Tag im Zimmer, nahe bei dem Menschlein, und starrt es mit Entzücken an, ist unwillig, wenn man es stört und untersucht doch zuweilen, wenn es lange schläft, ob es noch am Leben. Komme mit herein, der Adoptivvater, den wir aus vollem Herzen Vater nennen, kennt Dich und die Liebe, die Du uns bewiesen, sehr genau, er freut sich auf Deine Ankunft." (Fortsetzung folgt.) Der Bienen-Vetter. Eine Heide-Novelle von C. Crome-Schiviening. (Fortsetzung.) Die alte Trude zupfte und rückte an ihrer Haube und nöthigte die Gesellschaft ins Wohnzimmer, um alsdann mit den hastigen Worten, sie werde den Herrn rufen, zu verschwinden. Draußen, in dem ungepflegten Garten stand sie hoch- athmend still. Sie erinnerte sich des strengen Verbotes ihres Herrn, je das Gartenhaus zu betreten oder ihn, wenn er darinnen sei, zu stören. „Aber was' mach' ich denn nur?" eiferte die Alte. „Drüben im Wohnzimmer die ganzen gnädigen Verwandten, und er hat sich wieder eingeschloffen. Ich werde ihn rufen." Und sie that es. „Was giebt's?" klang es aus dem Gartenhause. „Besuch!" keuchte die alte Trude, der die Aufregung fast den Athem nahm, — „der Herr Oberamtmann, und die Frau Oberamtmännin und das gnädige Fräulein und--" Sie verstummte, denn die Thür des Gartenhauses flog auf. Eine leichte Röthe der Ueberraschung auf dem Antlitz stand Hinrik vor der Alten. „Was sagen Sie da, Trude wer ist da?"' Die Alte wiederholte ihren Sermon, aber Hinrik schien schon nicht mehr auf sie zu hören. Er schlug die Thür des Gartenhauses zu, ohne sie wie sonst sorglich zu verschließen und ging so behend dem Hause zu, daß die Alte ihm schier verdutzt nachstarrte. Dann aber erinnerte sie sich ihrer Pflichten und eilte in die Küche, wo alsbald das Gerassel einer eifrig in Bewegung gesetzten Kaffeemühle verrieth, daß sie wußte, was zunächst nothwendig sein würde. — Der Glanz der freudigen Ueberraschung wich sofort aus Hinrik's Gesicht, als er neben Marien, der fein erster Blick galt, Fritz Gerding gewahrte. äs 280 » „Guten Lag, mein Junge!" rief ihm der Onkel Oberamtmann zu, sich aus dem altmodischen, weichgepolsterten Sopha schwerfällig erhebend. „Du staunst, was? Ja, wenn Mohamed nicht zum Berge kommt, so kommt der Berg zu Mohamed. Und nun Ernst statt Scherz, Hinrik! Soviel Segenswünsche, wie die alte Boten-Marlene über Dich herabgefleht, können meine alten Lippen nicht nachbeten, aber das wollte ich Dir doch auch sagen: Junge, ich, Dein Onkel, bin stolz auf Dich!" „Aber Onkel," wehrte Hinrik ab, aber es half ihm nichts, er mußte auch ein paar anerkennende Worte der Tante Ober« amtmännin mit in den Kauf nehmen. Seine Stirn entwölkte stch erst wieder, als Mariechen auf ihn zutrat und mit den schlichten, aber von tiefer Herzlichkeit durchdrungenen Worten: „Ich danke Dir, Hinrik!" seine Hand ergriff. Nun meldete sich auch Fritz Gerding zum Worte: „Knüpfen uns auch nur entfernte Verwandtschaftsgrade aneinander, Herr Schneider, so gestatten Sie doch auch mir, Ihnen meine besondere Hochachtung auszusprechen und dabei mich vorzustellen. Ich bin Fritz Gerding. Sie haben auch mich durch Ihre gestrige That stolz gemacht. Hinrik reichte dem jungen Referendar stumm die Hand- Er fühlte einen Stich in der Brust, als dieser sie herzlich drückte, hätte er ihn doch am liebsten wett hinweggewünscht. Mit einer Verlegenheit kämpfend, die dadurch, daß er Mariens Blick auf sich gerichtet fühlte, nur noch größer wurde, entschuldigte er sich in ungelenken Worten: er müsse einmal nachsehen, wo Trude bleibe, um den Herrschaften mit einer Erfrischung aufzuwarten. Das war nun nicht nöthig, denn die runde Gestalt der Alten segelte schon eilfertig ins Wohnzimmer, und bald stand der frischduftende Kaffee, köstliches Haurbrod, frischer Butter und goldiger Haidhonig auf dem Tische, und der Oberamtmann gab durch rasches Zulangen ein Beispiel, dem alle anderen folgten. „Wenn Du nun denkst, wir seien nur gekommen, um Dir Elogen zu machen, so irrst Du Dich, Hinrik!" ließ sich nach einer Pause behaglicher Sättigung der Oberamtmann vernehmen. „Jetzt entführen wir Dich — ja, mach' nur große Augen! Beruhige Dich, es geht nicht unter Menschen, sondern in Deine vielgeliebte Haide hinein. Deine Imkerei sollst Du uns zeigen — der Neffe Rechtsverdreher kann von Deinen Bienen vielleicht etwas lernen. Dich Alte dispensier' ich, das Mittagsschläfchen, das Dir entgangen ist, kannst Du hier auf dem Kanapee nachholen. Hinrik wird wohl nichts dagegen haben. Während wir fort sind, kann Deine Trude uns ein Vesperbrod bereit machen. Du siehst, wir machen keine Umstände und thun so, als ob wir hier zu Hause wären. Und wie ist's mit Dir, Mariechen — kommst Du mit zu den Bienen, oder leistest Du der Mama Gesellschaft?" „Ich möchte hier bleiben. Vielleicht kann ich der Trude zur Hand gehen!" „Bienen-Vetter!" Das Wort tauchte in Hinrik's Brust wieder auf und erfüllte sie mit Bitterkeit. Fritz Gerding's Antlitz verrieth einiges Unbehagen. Die Fahrt in die Haids ohne Marie schien ihm wenig Aussicht auf Vergnügen zu gewähren. Aber eine Ablehnung seinerseits war unmöglich, und so folgte er denn dem Beispiele seines Onkels und Hinriks, die sich für die Haidefahrt fertig machten. Mit stummem Gruß nahm Hinrik Abschied von Tante und Cousine. Aber es war doch schon die fünfte Nachmittagsstunde vorüber, als der Wagen mit den drei Herren den sandigen Weg durch die duftende Haide durchrollte. „Ein schrecklicher Mensch, dieser Hinrik," klagte die Frau Oberamtmann, indem sie sich behaglich in der Sophaecke zurechtrückte. „Gerade als ob man ihm jedes Wort abkaufen müßte." Marie wollte ein hastiges Wort erwidern, aber sie schwieg. Eine Unruhe quälte sie, über deren Ursache sie sich keine Rechenschaft zu geben wußte. i „Ich will einmal zur alten Trude gehen, vielleicht kann ich ihr helfen I" „Thu das, mein Kind I" kam es gähnend aus der Sopha- Ecke zurück. Ihre freundlichen Absichten, die Marie in der blitzblanken Küche alsbald der würdigen alten Wirthschafterin mitt heilte, fanden dort freilich ein freundliches Ohr, aber auch eine unverblümte Ablehnung. „I, wo denken Sie sich, Fräulein Mariechen! Das besorge ich schon selbst! gehen Sie lieber ein Stündchen in den Garten. Du lieber Himmel, rares Zeug haben wir freilich nicht darin, es wächst ein bischen bunt durcheinander dort, dafür sind aber ein paar Lauben da voll Schatten. Und die Stachelbeeren links unten, Fräulein Mariechen, der erste Busch mit den großen, gelben — den empfehl' ich Ihnen!" (Fortsetzung folgt.) GeMSMnNtziKSS. Erhöhung der Fruchtbarkeit der Erbsen. Man kneipe den Pflanzen die Spitze ab, und zwar den niedrig bleibenden Sorten, wenn sie ca. 15 Centimeter, den hoch werdenden, wenn sie ca. 30 Centimeter lang sind. Haben die Pflanzen nach dem Abkneipen wieder drei neue Glieder getrieben, so werden die Spitzen abermals abgezwickt und dies Verfahren noch zwei bis drei Mal wiederholt, bis die Zeit kommt, zu der man wünscht, daß sie blühen und Schoten ansetzen. Sobald die Pflanzen verblüht und die Schoten ausgebildet sind, soll mit flüssigem Dünger gegossen werden. Auf solche Weise behandelte Pflanzen sollen einen vierfach größeren Ertrag liefern, und es wird dadurch, wenn verschiedene Sorten an einem und demselben Tage gesteckt werden, eine Reihenfolge im Ertrage erzielt, die nur wünschenswerth sein kann. Kurze Zeit nach dem letzten Einkneipen entfalten sich die Blüthen. Wo an Obstbäumen der Fruchtsegen zu groß ist, besonders wo an Formbäumen mehrere Früchte an einem Zweige sich befinden, muß jetzt zur Schonung des Baumes ausgebrochen werden. Von oft wunderbarer Wirkung ist das Bespritzen der tragenden Obstbäume früh Morgens mit Regenwasser, noch besser, wenn man solchem auf 100 Liter 1 Kilo Eisenvitriol beimischt, die Früchte und das Laub werden dadurch gestärkt, größer und glänzender. * * Die Raupen an den Obstbäumen richten jetzt am meisten Schaden an; ihre Nester sind jetzt groß und leicht sichtbar. Ein einfaches Mittel ist, die Nester abzuschneiden und zu zertreten oder mit der Raupenfackel (ein Strohwisch thut es auch) zu verbrennen, auch sollen die Raupen zu Grunde gehen, wenn man einfach ihre Nester zerstört durch Hauen oder Peitschen mit Ruthen, was besonders an niederen Bäumen und Weißdornhecken leicht auszuführen ist. ♦ * * Au Johannis- und Stachelbeeren hat man in neuerer Zeit ein vorzeitiges Abfallen der Blätter beobachtet, wodurch ein Ausbilden der Zweigs und besonders der Augen unmöglich wird. Die Ursache hieran ist ein Pilz, vielleicht derselbe, der die Blattfallkrankheit der Reben verursacht; wie dort, sind hier die Pflanzen mit Kupferkalklösung zu bespritzen; die abgefallenen Blätter müssen verbrannt werden. * * Unreife Stachelbeeren, die man zu Speisezwecken verwendet, legt man in eine Schüssel, gießt kochendes Wasser darauf, bedeckt sie und läßt sie so eine bis drei Stunden stehen; hierauf legt man dis Beeren auf ein Sieb und verwendet sie zu Speisen. Die dem Körper nicht zuträgliche Säure hat sich daun in das Wasser, das man fortgießt, gezogen, auch erspart man bei solcher Zubereitung viel Zucker. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.