1894. H' ■H---fixä- Nr. 45. W M W W WSAMMMK < ; <; *W ■ n»T- ■.. .'j rtin* tT ■/ II «nWSKMKW-LK WWSW^M EMM '■ar1' MmMÄE .MWd WUM MM Nntevhaltnngsblatt $um Gietzenev Anzeigrv sGeneval-Anzerge^) Donnerstag, den 19. April. Vergißmeinnicht Novelle von H. v. Ziegler. dem Fächer spielend leise ihren Gast. „Comteß Bergen — oder mich?" „Wie kann die strahlende Rose fragen, ob ich das blaffe Vergißmeinnicht ihr vorziehen will? Tausend Mal bitte ich, Fräulein Thekla, lassen Sie mich neben Ihnen sitzen," erwiderte Bellartno feurig. Ein koketter Blick traf ihn durch die Federn des eleganten Fächers und die schöne junge Dame des Hauses erhob sich. „Herr Bellarino, wollen Sie meine Freundin, Comteß Bergen, zu Tisch führen?" frug sie aber plötzlich ceremoniell, und der Künstler verneigte sich zustimmend, während Albrecht von Lassow, der soeben herantrat, augenscheinlich sehr unangenehm von der Aufforderung seiner Schwester berührt wurde. Die anderen Paare ordneten sich inzwischen und als man sich zur Tafel setzte, fand es sich, daß Thekla auf Bellarinos anderer Seite Platz gefunden. Vorher hatte der verschlagene Italiener aber Comteß Lucie zugeflüstert: „Welch' ein holdes Geschick führt mich heute neben die liebliche Waldfee? Sind Sie noch rechtzeitig heim gekommen, Comteß?" Das Festmahl dauerte ziemlich lange, nur den beiden Freundinnen erschien es kurz und herrlich. Der gewandte Bellarino manövrtrte so geschickt, daß keine der jungen Damen merkte, daß er allen beiden den Hof machte. Nur der ernste Schloßherr durchschaute das herzlose, frevelhafte Spiel Bellarinos. Lassows Faust ballte sich heimlich und am liebsten hätte er den Italiener sogleich zu Boden geschlagen. „Kommen Sie morgen wieder an den Waldrand, um Vergißmeinnicht zu suchen, Comteß?" frug Bellarino zum Schluß der Tafel leise an Lucie gewandt. „Ich — weiß es noch nicht," stotterte diese verwirrt, „ob Großmama mich freigibt; ich muß ihr meistens vorlesen und darf selten allein das Schloß verlassen." „Nun, vielleicht reitet Herr von Lassow nach dem Schloß, um die Großmama zu unterhalten; soll ich ihn zu einem Besuch auf Schloß Bergenhöhe veranlassen?" „Ja, dann muß ich erst recht im Schlosse bleiben," erwiderte die blonde Comteß unmuthig, „und er redet immer so langweiliges Zeug mit der Großmama." „Nun, meine Gnädige, machen Sie sich nur frei. Wir wollen dann am Bachesrande zusammen plaudern. Oder soll ich meine Geige mitbringen und Ihnen darauf vorspielen?" Die Gesellschaft erhob sich jetzt von der Tafel und Lucie konnte vorläufig keine Antwort geben. Auch trat Albrecht von Lassow jetzt neben sie und verwickelte sie in ein längeres Gespräch, dann rollte ein Wagen in den Schloßhof. (Fortsetzung.) Lucie saß so, daß sie beim Aufblicken gerade in Bellarinos Antlitz sehen konnte, und mitten in seinen bald jubelnden, bald schluchzenden Weisen traf sie sein brennendes Auge, daß sie das ihre senken mußte. Albrecht von Lassow stand mit verschränkten Armen hinter einem Vorhang, doch so, daß ihm dies Alles nicht entging; er war todtenbleich, seine Lippen preßten sich fest zusammen, seine Augen flammten. „Der Schurke," murmelte er heiser, „spielt mit beiden Mädchen I Ich muß wissen, in welchem Zusammenhang die alte Gräfin Bergen die Vergangenheit mit dem Namen Bellarino bringt und dann kommt das traurige Ende — ich werde dies Doppelspiel zu Hintertreiben suchen!" Bellarinos Vortrag war beendet und Thekla schloß mit einem prachtvollen Accord, und noch ehe sie sich zu ihrem Mitspieler wandte, hatte dieser sich lächelnd vor Lucie verneigt, die in unbeschreiblicher Verwirrung das Köpfchen senkte. „Wie schön war dieses Lied, Herr Bellarino!" rief Fräulein von Lassow bewundernd. „Wir müssen Ihnen sehr dankbar sein, denn es war ein ganz besonderer Genuß." „O, meine Gnädigste, Sie sind zu gütig," lächelte Bellarino verbindlich. „Wenn ich nun an diese meine bescheidene Leistung anknüpfend eine ergebene Bitte aussprechen dürste, so wäre es die, daß Sie uns doch ebenfalls ein Lied gewähren möchten, gnädiges Fräulein." Die junge Dame erröthete leicht, neigte jedoch beistimmend das Haupt und sagte: „Sehr gern, aber was soll ich denn singen?" „Hier dieses wundervolle Lied!" entgegnete der Italiener, ergriff ein Notenheft und schlug es auf. „Ich kann ja dies- mal die Begleitung übernehmen." Er war das feurige Liebeslied: „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein." Theklas tiefe Altstimme eignete sich herrlich dafür und eine lautlose Stille herrschte im Saal während ihres Gesanges. Als sie geendet, bog sich Bellarino hastig einen Moment nach ihr um und flüsterte leise: „Wer wird der Glückliche sein, an welchen Sie diese Worte einst richten werden! O, wenn er doch — Leo hieße!" Thekla nahm diese neue Huldigung nicht ungnädig, sondern mit einem glücklichen Lächeln auf. — Um sieben Uhr setzte sich die Gesellschaft zu Tische. „Wen wollen Sie zur Tafel führen?" frug-Thekla mit 178 „Großmama kommt," rief Lucie hinauseilend, und der | schöne Künstler wandte sich an Thekla mit der Frage: „Ist die I Comteß die einzige Enkelin der Gräfin Bergen?" „Jawohl," erwiderte Thekla, „Lucie ist die Tochter von I der Gräfin Tochter, doch hat sie Lucie auf ihren eigenen I Namen adopiirt und Niemand weiß eigentlich, wie des Mäd- I chens Vater hieß. Ich glaube, es war damals eine etwas I dunkle Heirath der jungen Comteß mit einem ausländischen I Schauspieler-a mw bQd vornehme Aristokratin," I seufzte Bellarino erröthend, „welche eine Verbindung mit I Künsterblut nicht anerkennen will. Wir armen Menschen sollen I eben nicht glücklich werden! Ist die junge Comteß reich? „Jawohl, sie beerbt einmal ganz allein d,e Gräfin, welche I Ärnen Sb?' mir, Gnädigste?" flüsterte der Italiener leidenschaftlich in ihr Ohr. „Was kann ich armer Sterblicher dafür, wenn eine hochgeborene Dame mein Herz entflammt? | „Sie mißverstehen mich, Herr Bellarino, in meinem Herzen lebt kein solcher Hochmuth, wie Sie meinen," erwiderte Thekla. „Gnädiges Fräulein, um des Himmels willen, was wollen Sie damit sagen? Wisien Sie auch, daß Sie die kühnsten Hoffnungen in mir wachrufen?" flüsterte Bellarino erregt. „Ich will nur so viel sagen - daß ich völlig frei da« stehe, auch über mein von den Eltern ererbtes Vermögen selbstständig verfüge," entgegnete Thekla scheinbar kühl und gleich- 9Uti9@ie wandte sich dann plötzlich ab und ließ den Künstler allein, um die eintretende Gräfin Bergen, Luciens Großmutter, zu begrüßen. „ , , Bellarinos Augen flammten auf, als Thekla gegangen, und er dachte: „Das war deutlich, mein schönstes Mädchen! In der That, ste hat es in der kurzen Zeit verstanden, mein Herz zu entflammen, daß ich denke, ohne sie nicht leben zu können. Freilich, die kleine Gräfin ist gewrß reicher - hm, die Wahl fällt schwer — nun, wir werden sehen!" Gräfin Bergen hatte sehr herzlich das Geschwisterpaar von Laflow, Lucie und die anderen Gäste begrüßt- Jetzt wandte ste stch wieder an Albrecht von Laflow und deutete fragend auf den noch immer fernstehenden Italiener. „Ich bin gespannt, die Bekanntschaft Ihres fremden Gastes zu machen," sagte sie. c _ n . . Als der Künstler dann vor der alten Dame stand und sich tadellos verneigte, ward sie todtenbleich und um ihren feMen Mund zuckte er wie bittere Qual, aber ste beherrschte stch und neigte nur freundlich das Haupt, war sie doch darauf vorbereitet gewesen, dieses dunkle, schöne Antlitz des Künstlers erstaunt. s „O doch, nur die magnetischen Blicke des Künstlers verletzen mich, — es liegt in denselben eine Mißachtung derjenigen Damen, an die sie gerichtet sind." Lucie erglühte und senkte das Köpschen, sie athmete schwer und die feinen Finger zupften verlegen an einer der dunkel- rothen Vorhangsquasten. Von drüben her brach letzt das Geigenspiel mit einem jähen Accorde ab, und Lasiow bog sich zu dem jungen Mädchen mit den Worten: „Vergeben Sie mir, Comteß, wenn meine Worte Sie verletzten; aber der Arzt schneidet oft mit scharfem Meffer die Wunde auf, damit sie heilen kann. Herr Bellarino darf Ihnen nie mehr in der Weise wie vorhin den Hof machen, wenn er nicht meine strengste Zurechtweisung gewärtigen will." „Und weshalb wollen gerade Sie sich zu meinem Beistand aufwerfen?" srug Lucie jetzt unwillig. „Ich habe noch nicht um denselben gebeten." , ,., „Comteß Lucie, Sie fragen, weshalb?" gab er tief bewegt zurück und seine ernsten Augen senkten sich vorwurfsvoll in die ihrigen. „Wissen Sie denn nicht, wie dies Herz nur für Sie allein schlägt, welch' aufrichtiger, inniger Wunsch darin lebt?" , „Herr von Lassow, haben Sie Erbarmen, zwmgen Sie mich nicht dazu — Ihnen wehe zu thun und unsere bisherigen freundschaftlichen Beziehungen zu stören," sagte Lucie lerse, I aber sehr erregt. „ . , x Albrechts Antlitz wurde bleich, seine Hand legte stch krampfhaft um eine Stuhllehne und er sagte betroffen: „So sollte denn Alles nur ein Traum gewesen sein, Lucie, was ich bisher ersehnt und erfleht? Und nur — um jenes fremden Künstlers willen? O, gilt Ihnen ein treues Männerherz nichts! Spielen Sie nicht mit Ihrem Glücke, Comteß! Es mag ja I Männer geben, die Ihrer würdiger sind als ich, der entfache I Landedelmann, aber den Italiener zähle ich nicht unter Dre- I jenigen, die Sie selbstlos lieben und glücklich machen können. „Herr von Lassow, ich bin noch jung und weiß nichts I von Liebe, nur das weiß ich, daß ein Mädchen ohne diese nicht I heirathen sollte," erwiderte Lucie ruhig. „Comteß, Sie mögen bisher die Liebe nicht gekannt haben, I aber jetzt nun flammt sie in Ihren Augen, lächelt auf Ihren I Lippen — sagen Sie nicht» dagegen, es wäre eine Täuschung! Lucie athmete schwer und blickte verlegen um sich. Da I sah sie, wie man sich zum Aufbruch rüstete und reichte plötz- I lich kurz entschlossen ihre kleine Hand dem bleichen Albrecht I von Lassow. , _ „ . „Zürnen Sie mir nicht, Herr von Laflow," bat sie kind- I lich, „bleiben Sie mir gut, auch wenn ich — wenn ich Ihren I Wunsch nicht erfüllen kann." . „Wie könnte ich anders, Lucie," entgegnete er traurig und I hielt ihre schlanken Finger einen Augenblick fest, „ich werde vor sich zu sehen- „ „Ich kannte einst einen — Herrn Ihres Namens, Herr Bellarino, er starb vor lange» Jahren durch eigene Hand!" | „Das war mein Bruder Nicol jedenfalls, gnädigste Gräfin? Er war in Turin Schaufpieler und —" „Ganz recht," unterbrach sie ihn erregt. „Ste sehen ihm so ähnlich, als sei er es selbst. Doch laffen wir die traurige Geschichte, welche längst vorbei ist." „Es sind gewiß achtzehn Jahre seit dem Tode meines Bruders vergangen und ich erinnere mich kaum mehr auf ihn, denn damals war ich selbst erst acht Jahre alt. Frau Gräfin haben ein sehr gutes Gedächtniß für Personen. O ja," entgegnete die Dame, und es klang wie unendliche Bitterkeit durch ihre Worte, „jenes Gesicht werde ich bis zü meinem letzten Stündlein nimmer vergessen!' Gräfin Bergen schien dann ruhig und heiterer zu sein, sie ließ sich von Thekla einige Erfrischungen vorsetzen und stimmte sogar in die allgemeinen Bitten ein, welche noch ewige Vorträge Bellarinos wünschten, denn dieser war zweifellos ein ganz hervorragender Geigenkünstler und verstand mit seiner Kunst alle Hörer zu bezaubern. Bald jubelte und klagte dann auch seine Getge tn den wundervollsten Tönen, und Comteß Lucie, welche fernab an einem Fensterpfeller lehnte, fühlte sich von der hinreißenden Musik so ergriffen, daß die Thränen über ihre Wangen rannen« heiß und unaufhaltsam. „Die Musik scheint Sie anzugreisen, Comteß," sagte eine gütige, wohlbekannte Stimme hinter ihr. Al» sie sich umwandte, sah sie in Albrecht von LaffowS ernste Augen. „O nein," murmelte sie gepreßt, „ich höre diese seltsamen Weisen nur unbeschreiblich gern " „Aber Sie weinen doch über dieselben, Gräfin Lucie! Er liegt ein scharfer Gegensatz in Ihren Worten." „Wissen Sie denn nicht, daß man von den Deutschen sagt, sie hörten schwermüthige Lieder gerade dann am liebsten, wenn sie sehr glücklich seien und weinten dann über ihr Glück." „Fühlen Sie sich gerade heute besonders glücklich, Lucie?" frug Albrecht scharf. „Es sollte — mir leid sein." Sie blickte beinahe furchtsam zu ihm auf. „Weshalb sehen Sie so finster aus, Herr von Laflow? Ich habe Sie doch nicht verletzt?" frug sie dann schüchtern. „Nein, Comteß, aber ich meine, der Mann dort mit der ! Geige, der Rattenfänger ist schuld, er besitzt die Gabe, Alle» an sich zu reißen, was ihm naht. Ich verwünsche die Stunde, in welcher ich ihn zu mir einlud." „Sie mögen dies Geigenspiel nicht leiden?" srug Lucie nie in Si un UN bri na Lil ist. Cc ert un un st" an un T! so bei ve: fu fÜ! Ti fei er: bo B M he ar ar ut mi mi G di ar id ih Dl if a ch le C T ni 179 -- nie aufhören, — Ihr Freund zu sein und wenn Sie einmal in ernster Stunde eines Freundes bedürfen sollten, so denken Sie an Albrecht von Laffow — er geht für Sie durch Feuer und Master I" „Ich danke Ihnen viel tausendmal," hauchte sie erröthend und eilte dann an die Seite der Großmutter, welche zum Aufbruch mahnte. Draußen im Corridor, als die Damen die Mäntel umnahmen, stand mit einem Male Bellarino neben Comteß Sucie. „Also morgen wollten Sie am Waldrande Vergißmeinnicht suchen, Gräfin? Ich darf Ihnen wohl dazu eine italienische Liebesklage spielen, wie sie in meiner Heimath oft zu hören ist. Auf Wiedersehen, holdeste aller Waldfeen," flüsterte er der Comteß ganz leise zu. „Comteß Bergen, ich habe wohl Ihren Shawl gefunden," ertönte plötzlich streng und kalt die Stimme des Schloßherrn und er stand vor den Beiden. „Darf ich Ihnen denselben umlegen und Sie zum Wagen führen, Comteß? Frau Gräfin find bereits eingestiegen." Und ohne den hart daneben stehenden Künstler auch nur anzusehen, bot er der erglühenden, zitternden Comteß den Arm und führte sie hinweg, während Bellarino bleich und zornig zu Thekla trat. „Gnädiges Fräulein, ich muß mich von Ihnen für heute verabschieden," sagte er mißmuthig. „Mein Kopf schmerzt furchtbar und die Lichter blenden mich. Gute Nacht, Thekla," fügte er leise, leidenschaftlich hinzu, „Ihr Bild wird meine Träume umgaukeln; mein Herz liegt zu Ihren Füßen und ersehnt nur das Eine — daß Sie es aufheben möchten." Thekla erröthete und sagte ausweichend: „Auf Wiedersehen morgen, Herr Bellarino!" „Sagen Sie nicht so! Der Name klingt von Ihren Lippen so steif und so haffenswerth; Sie wissen, wie ich noch außerdem heiße" „Gute Nacht — Leo," flüsterte Thekla dann von Neuem erröthend. Ihre Augen flammten, ihr Athem flog und hastig bog er sich zu ihr hin, um noch einige glühende Worte zu flüstern, dann eilte er fort, noch ehe Albrecht zurückkam. Dieser stand noch regungslos draußen in der feuchtwarmen Märznacht und starrte dem davonrollenden Wagen nach. „Der Schurke," stieß er dann heiser zwischen den Zähnen hervor, „er verabredete mit Sucie ein Rendezvous und wechselt auch mit Thekla glühende Blicke. Aber hall, morgen will ich auch dabei sein am Waldesrande, um Vergißmeinnicht zu suchen und dann wehe ihm!" ♦ * ♦ „Sucie," sagte die Gräfin während der Fahrt, „Du schienst mir vorhin ein sehr ernstes Gespräch mit Herrn von Lassow zu führen. Was war es? Oder — kannst Du mir es nicht sagen?" „Doch, Großmama, wenn Du danach frägst. Er erklärte mir, daß — daß er mich liebe —" „Und Du, Kind, was antwortetest Dn^ ihm?'V frug die Gräfin hastig. „Ich? O, Großmama — ich sagte ihm, daß — daß ich diese Gefühle nicht zu erwidern vermöchte, aber ich bat ihn auch, mir deshalb nicht zu zürnen." „So wiesest Du den braven Albrecht ab? — Sucie, das schmerzt mich tief; mein liebster Wunsch wäre, Dich neben ihm am Altäre stehen und Euch durch Priesterhand für immer vereinigt zu sehen. O, Kind, wie thöricht und unberechenbar ist doch Dein Herz! Ein braves Männerherz ist mehr werth, als ein flüchtiger Siebesrausch!" Der traurige Ton dieser Worte schnitt dem jungen Mädchen tief in die Seele, Thränen schossen in ihre Augen und sie lehnte beinahe scheu das blonde Köpfchen an die Schulter der Gräfin. „Ach, Großmama, zürne mir nicht! Saß mich nur bei Dir bleiben! Weshalb soll ich schon heirathen? Ich bin ja noch so jung," erwiderte Sucie dann schmeichelnd. „Gerade deshalb würde ich mich von Herzen freuen, Dich in den Armen jenes edlen Mannes geborgen zu wissen. Aber reden wir nicht mehr davon, Du hast entschieden und mein Seid und Schmerz nützt eben doch nichts mehr. Der Traum ist vorbei für immer; Gott helfe Dir und auch dem wackeren Albrecht zu einem anderen Glücke!" Der Rest der Fahrt ward in trübem Schweigen zurück« gelegt. Als die beiden Damen aurstiegen, sahen beide verweint aus und begaben sich nach wenigen Worten in ihre Schlafzimmer. Hier sank Sucie qualvoll aufschluchzend vor dem Bett in die Kniee und murmelte: „Ich konnte nicht anders, barmherziger Gott im Himmel! ®enn nachdem ich Jenen gesehen, weiß ich, was Liebe ist und durfte Albrecht nimmermehr belügen! Großmama scheint ihn nicht zu mögen, aber wenn sie sieht, daß er mich liebt, wird sie auch milder werden. Morgen will er an den Waldrain kommen." — Bild aus Bild zog vorüber an ihrer Seele, der Schlaf floh die glänzenden Augen des jungen Mädchens und jene berauschenden, schmeichelnden Weisen, die sie vorhin gehört, schwirrten von Neuem in ihrem Ohr. „Vergißmeinnicht," murmelte sie erglühend und preßte die Lippen auf das welke Blumensträußchen, das von ihm stammte, „wie ich Euch liebe, Ihr blauen, süßen Dinger, welche er für mich bestimmt. Nehmt meine Grüße und tragt sie zu ihm, damit sie ihm sagen, was ich selbst nicht aussprechen kann — daß ich — ihn — liebe!" Wie rasch lernt ein Mädchenmund dies große herrliche, inhaltsschwere Wort aussprechen! Wie klingen dabei alle Saiten des Herzens wieder in seligem Entzücken; all' das Leid und Weh des Daseins rückt in ferne, nebelgraue Weiten, Glück und Sonnenschein fluthet hinein in die Seele — auf wie lange! Bald, ach bald vielleicht verblassen die glühenden Farben, grau und todt steht die kahle Wirklichkeit vor dem enttäuschten Weibe, dessen Lippen nun bebend flüstern: „Es wäre zu schön gewesen, es hat nicht sollen sein — fahre wohl!" — Unruhig durchmaß die Gräfin Bergen indeß ihr Schlafzimmer; der schöne, interessante Italiener wollte nicht au» ihrem Gedächtniß schwinden. „Es ist sein Bruder," murmelte sie erregt, „aber wie er selbst vielleicht dem ganzen Character nach. O, und wie er mit Thekla kokettirte! Es kann Unheil daraus entstehen und ich muß den Albrecht von Lassow warnen, wenn schon ich froh bin, daß der Italiener nicht gar Lucien sich für seine gefährlichen Werbungen auserkor. Armer Laffow! Meine schönste Hoffnung ist dahin, denn er hat zu früh gesprochen, hat Sucie überrascht und — Alles vernichtet." Lange, lange noch brannte Licht in dem Schlafzimmer der Gräfin. Ruhelos warf sich die alte Dame auf ihrem Lager umher; überall von der Wand, von der Decke und dem Fenster her schien Bellarinos schönes Antlitz auf sie herabzusehen, bald höhnisch grinsend, bald zornig blickend und seine Stimme schien bald laut, bald leise zu rufen: „Ich bin da, hüte Dich! Ich breche lachend die Herzen der stolzen Damen und greife zur Waffe, wenn das Schicksal seine Hand erhebt! Schau doch, schau! Wieder ein Opfer und es geht strahlend, ja glückselig in die Falle!" „Nein, nein, ich will nicht mehr an ihn denken," stöhnte die Gräfin, „ich will beten, daß dieser Versucher weiche und sich die böse Vergangenheit nicht abermals wiederholt." (Fortsetzung folgt.) GsMeinirütziges. Die Knollen der Anemonen pflanze man von September bis Mai, je nachdem man sie blühend haben will, 5 Zentimeter tief in lockeren, stark mit Kuhdung versetzten Boden in’s Freie. Feuchtigkeit und Schatten sind ihnen recht zuträglich, ebenso im Winter eine leichte Bedeckung mit Moos. Im September und October gelegte Anemonen blühen im März und April, im Februar oder März gepflanzte im Mai - 180 - und Juni; für noch späteren Flor, von Juli bis September, kann noch im April oder Mai gelegt werden. Ein wenig Salz unter die Erde gestreut, bietet Schutz gegen den Mehlthau- • * ♦ Ein trefflicher Dunggutz für Topf- und Gemüsepflanzen. Man fülle ein Faß bis zu V3 seiner Höhe mit Schasmist oder Streu und Hornspähnen und dann voll mit Wasser. Oester umgerührt ist die Mischung in 14 Tagen brauchbar und so wirksam wie kein anderes Düngmittel. * * • Abschneider, der verblühten Blumen. Eine einzige Blume, der man erlaubt, zu reifen oder Samen anzusetzen, erschöpft die Kraft der Pflanzen eher, als es ein Dutzend neuer Knospen Lhut. Schneidet daher so viel als möglich die Blumen ab, ehe sie zu welken beginnen; Ihr werdet dann bald finden, daß sich Eure Blumen mehren, je mehr Ihr davon abschneidet. ♦ Viktoria - Rhabarber - Staude. Der allererste Rang unter sämmtlichen cultivirten Garten- und Ziergewächsen gebührt der Victoria-Rhabarber-Staude, und es' gibt wohl keine zweite Pflanze, die mit so hervorragend glänzenden Eigenschaften ausgestattet ist. Als Nahrungs- und Delicateß- pflanze liefern die Blattstiele ein herrliches Compot. Für Kuchenbäckerei ersetzen sie die feinsten Obstsorten. Als Zier- und Solitär-Pflanze auf Rasenflächen, Beeten rc. bildet die Victoria-Rhabarber-Staude eine brillante Decoration. Als Markt- und Erwerbspflanze sichert die Victoria - Rhabarber- Staude den allerhöchsten Ertrag, weil sie das erste Gemüse liefert und einen bedeutend größeren Gewinn abwirst als die beste Spargelanlage. * * * Neber die Ertragsfähigkeit verfchiedener Hühnerraffen gibt folgende Zusammenstellung interessante Aufschlüsse. Weiße Brahmas und rebhuhnfarbige Cochins liefern 7 Eier auf 1 Pfund und 100 Eier pro Jahr; dunkle Brahmas 8 per Pfd. und 70 pro Jahr; schwarze, weiße und gelbe Cochins 8 per Pfd. und 100 pro Jahr; Houdans 8 und 150; La Flüche 7 und 150; schwarze Spanier 7 und 150; Italiener 9 und 150bis200; Hamburger 9 und 175; Polen 9 und 150; Bantams 16 und 60; Enten 5 bis 6 und 30 bis 60; Gänse 4 und 20; Perlhühner 11 per Pfd- und 60 pro Jahr- Vermischtes. Die Ausstattung unserer künftigen Großherzogin. Zur Ergänzung unserer Mittheilung über bte Ausstattung unserer künftigen Großherzogin bringen wir noch folgende Einzelheiten, welche namentlich unsere Damenwelt interessiren dürften. Die Ausstattung ist von der in London ansässigen Schneiderin Frau Magnier angefertigt worden. Dar Hochzeitskleid ist dicke, reiche weiße Seide mit einem gelblichen Elfenbeinschimmer, vorn mit Perlenstickerei: Orangen- blüthen. Dazu gehört eine lange Schleppe, ein Schleier aus Spitzen und ein Orangenblüthenkranz. Da« Reisekleid ist aus blaugrauer Vigogne, mit Rosenmotiven bestickt. Das Kostüm, in welchem die junge Großherzogin in Darmstadt eintreffen wird, ist aus terracottafarbigem Tuch, mit einer Schmetterlingsstickerei aus schwarzer, blauer und goldfarbener Seide. Neben diesen insonderheit für die Ceremonie bestimmten Kleidern ist natürlich noch eine ganze Anzahl andere geliefert worden, Kleider aus allen Stoffen und zu allen möglichen Bestimmungen, Hauskleider, Promenadentoiletten, Kleider für Tbeegesellfchaften, Gartenvergnügen und Sportgelegenheiten, Gesellschastsroben, Staatsroben und so fort. Ein Wunder an Kostbarkeit, kunstvoller Arbeit und Geschmack ist die Hoftoilette, welche die Großherzogin bei ihrem ersten feierlichen Empfang (Drawin-Room) in Darmstadt am 21. April tragen wird. Der Stoff ist aus Rußland verschrieben worden: Silberseidenzwirn mit Einsatzzeichnungen in Silberbrokat. Dazu kommt eine reiche schneeweiße Straußenfedergarnitur. Die Wäsche ist durchweg aus feinstem Battist- leinen, mit echten Spitzen gesäumt und mit den Monogrammen V. M. bestickt, welches von der herzoglichen Krone überragt wird. Unterröcke aus Seide und aus den feinsten Wollstoffen, zum Theil mit eingestickten Randmustern, zum Theil mit Spitzenbesatz; Taschentücher, theils mit Spitzen umgeben, theils mit farbigen Rändern; Strümpfe aus Seidenzwirn, farbig, in den Mustern zu den Stickereien und Verzierungen der Unterröcke und Kleider passend — alles in Hülle und Fülle vorhanden, man fagt zwölf Dutzend Paar Strümpfe, zwölf Dutzend Taschentücher rc. Die Schuhe und Stiefel sind ebenfalls in London gearbeitet, von Gundry u. Sons. Die Hochzeitsschuhe sind aus weißem Lackleder mit Silberstickerei und Perlenbesatz; die Reiseschuhe aus goldbronzefarbigem Lackleder. Im Ganzen sind es zweiundfünszig Paar, darunter eines aus weißer Seide mit Gold- und Silberstickerei, eines — „Ach wie süß!", rief eine Dame, die die fürstliche Ausstattung sah — aus moosgrünem Lackleder mit blauer Seidenstickerei. Zu jeder Toilette gehören die entsprechenden Schuhe. Für Spaziergänge ist ein Dutzend Paar Schnürschuhe da, vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braun. Die Reitstiefel sind aus feinstem Kalbleder, die Schlafzimmerpantoffel theils aus braunem Seehundledcr mit blauer Seide gefüttert und mit blauen Quasten, theils aus schwarzem Lackleder. Alle Schuhe und Stiefel ohne Ausnahme haben ganz niedrige Absätze, nicht einen Zoll hoch und sind vorn sanft abgerundet. Daß in Mänteln, Hüten, Handschuhen, Reisekoffern, Handtaschen rc. auch ein wahrer embarras de richesse vorhanden ist, bedarf kaum der Erwähnung. Kurzum, die ganze Ausstattung ist ebenso reich, als geschmackvoll. Quellenforschung. Arzt: „Von jetzt ab erlaube ich Ihnen, stark mit Wasser vermischten Wein zu trinken." — Patient: „Ja welcher Weinhandlung würde ich den wohl am besten bekommen?" * * ♦ Osteologisches Mißverständniß. Auguste: „Na, Rieke! Bei so en Doktor Dienstmädchen zu sind, bet iS gar zu schrecklich I Denke Dir, jeben Morgen hat er seine Knochen in dem ganzen Zimmer 'rum liegen." -- Rieke: „Herrjeses! Nimmt sich denn der Mann bet Abends ganz ausenander?" ♦ • • Ad absurdum. A.: „Haben Sie die Vorlesung des Professors H.: „Die Influenza ist nur Einbildung" mit angehört?" — B.: „Nein, er hat die Vorlesung ja gar nicht gehalten!" — A.: „Warum denn nicht?" — B.: „Er liegt an der Influenza zu Bette!" * • * Ein Musikfreund. Bei der Soiree des Commerzien- raths Preßburger ersucht der Gastgeber den Opernsänger Schreier, ein bestimmtes Lied vorzutragen. — „Wünschen es der Herr Commerzienrath in A-molI oder in C-molI zu hören?" — „Bitte, singen Sie erst aa Mol; wenn'S so gefällt, können Sie es ja immer noch zeh Mol singen!" * * Enthaltsam. Kammerherr: „Frau Baronin, sind Sie morgen bei der Beerdigung des Grafen Strokowitz?" — Baronin: „Nein, wir machen diesen Winter nichts mit!" * * * Bestrafte Bonhomie. Vertheidiger (zum Angeklagten): „Was meinen Sie, habe ich nicht für Sie gesprochen, als ob Sie mein eigener Sohn wären?" — Angeklagter: „Ist das auch so'n Lump?" Rcdaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen.