AnLerchaltungsblatt $um Gietzenev Anzeigen (Geneval-Anzeigev) Dienstag, den 18. Deeember. Der Schuldige. Criminal-Novelle von W. Roberts. ------- (Nachdruck verboten.) In einer freundlichen Seitenstraße der Residenz lag das hübsche Haus des Commerzienrathes Homberg. In demselben ging es heute Abend sehr fröhlich zu, denn der Commerzien- rath feierte seinen Geburtstag. Die anwesenden Gäste bestanden allerdings nur aus Herren, denn der Commerzienrath war Junggeselle und besaß keine weiblichen Anverwandte, die sich an der Feier seines Geburtstages hätten betheiligen können. Von Verwandten Hombergs war überhaupt nur besten Neffe Curt Matthey, ein genial angelegter, aber arg verbummelter junger Maler, zugegen und die übrigen Gäste waren lauter Freunde Hombergs, welche meistens dem Kaufmannsstande angehörten, aber auch einige Oifiziere und Beamte nahmen an dem Geburtstagsfeste theil. Homberg, ein angesehener und begüterter Fabrikant, dazu ein Mann von seltener Herzensgüte und entzückender Liebenswürdigkeit, verstand er, seine Gäste fürstlich zu bewirthen und vortrefflich zu unterhalten, und sein noch frisches Antlitz erstrahlte in hellster Freude, als er bemerkte, daß er seiner kleinen Gesellschaft nur Lust und Wonne bereitete. „Es ist wirklich heute Abend reizend bei Ihnen, H rr Commerzienrath," bemerkte Major Lingen, indem er auf Hombergs Wohl ein neues Glas Champagner leerte, „und es ist eigentlich zu bedauern, daß hier nur einmal im Jahre Geburtstag gefeiert wird." „Allerdings sehr schade, sehr schade, denn man trinkt nirgends besseren Champagner, als zu Hombergs Geburtstag," riefen mehrere Mitglieder der Tafelrunde und brachen in ein übermülhiges Lachen aus. „Meine Herren," erwiderte der Major, „so ganz in dem Sinne, wie. Sie meine Worte auffaßten, habe ich dieselben nun doch nicht gemeint. Ich wollte nämlich mit meiner Bemerkung mein Bedauern darüber ausdrücken, daß hier in diesem gastlichen Hause überhaupt nur jedes Jahr ein Geburtstag gefeiert wird, weil unser liebenswürdiger Freund Junggeselle geblieben ist. Hätte er Weib und Kinder, so würden hier viel mehr Geburtstage gefeiert werden und des Herrn Com- merzienraths Haus würde sicher als eins der glücklichsten und berühmtesten in der ganzen Stadt genannt werden." „Sehr schmeichelhaft für mich, Herr Major, sehr schmeichel- haft," bemerkte der Commerzienrath lächelnd, „aber es hat sich leider für mich noch keine paffende Frau gefunden und in meinen Jahren wird sich eine solche auch schwerlich staden." „O, in Ihrem Alter von dreiunbvierzig Jahren und be Ihrer blühenden Gesundheit, Herr Commerzienrath, können Sie noch jeden Tag eipe passende Partie machen," erwiderte der Major. „Jawohl kann er das," riefen die Freunde im Chor, „und er muß noch heirathen, damit der edle Stamm der Hombergs nicht ausstirbt." „Sie berühren da eine sehr empfindliche Seite meine» Gemüths, meine Herren," erklärte der Commerzienrath, „denn die Aussicht, daß mit mir der letzte Homberg des alten Patriziergeichlechts unserer Stadt zu Grabe getragen wird, hat mir schon manche bittere Stunde bereitet." „Nun, so heirathen Sie doch in Gottes Namen, Herr Commerzienrath," rief der Major Lingen. „Falls Sie keine Dame kennen sollten, um deren Liebe Sie werden wollen, so werden wir Alle uns bemühen, eine passende Partie für Sie ausfindig zu machen." „Dies wird Ihnen aber sehr schwer werden, meine Herren," sagte jetzt Curt Matthey, Hombergs Neffs, „denn mein verehrter Onkel ist gewissermaßen ein Weiberfeind. Seit länger als zehn Jahren hat er keinen Ball mehr besucht und er meidet, wie Sie sich erinnern werden, geflissentlich auch alle Gesellschaften, wo viele Damen anwesend sind." „Ach, ein Weiberfeind kann unser alter Freund gerade nicht sein," entgegnete der Major und zupfte an seinem Schnurrbart. „Wenn ich nicht sehr irre, hat vor langen Jahren der gute Homberg einmal für ein sehr schönes und stolzes Mädchen leidenschaftlich geschwärmt. Nach so langer Zeit — ich glaube, es sind zehn Jahre her, — begeht man wohl keine Indiskretion, wenn man die kleine Affaire erwähnt." „Erzählen Sie nur, Herr Major," riefen einige Stimmen, „es ist für uns hoch interessant, den Herrn Commerzien- rath in einer früheren Rolle als Don Juan kennen zu lernen." „Als Don Juan?" rief der Major lachend. „O, eine solche Rolle hat der Herr Commerzienrath, der übrigens damals noch den Namen Fritz Homberg trug und noch nicht Commerzienrath war, zu jener Zett durchaus nicht gespielt, es war wohl eher eine unglückliche Liebe." „Eine unglückliche Liebel" erklang es staunend aus dem Munde der Freunde. „Jetzt wird es aber interessant. Davon haben wir ja niemals etwas gehört. Sie müssen uns diese Liebesgeschichte selbst erzählen, Homberg! Wir bitten darum!" „ , „Die Affrire sollte eigentlich schon längst begraben uni vergessen sein," erwiderte Homberg mit einem leisen Seufzer „denn sie war für mich traurig genug und hat mehrere Jahr '■ an meinem Herzen genagt. Doch jetzt habe ich schon lang 590 — Zett den Kummer und die Leidenschaft überwunden und kann, wenn es den Herren nicht zu langweilig ist, meine Herzens« geschichte erzählen." „Bitte, erzählen Sie, Herr Commerzienrath I" riefen die Freunde und Homberg begann: „Vor nun dreizehn Jahren lernte ich im Hause der Frau Geheimrath Springer ein schönes Mädchen kennen, das in mir sofort bei der ersten Begegnung eine tiefe Liebe erweckte. Das Mädchen hieß Hilda von Hausen, ste war kaum siebzehn Jahre alt und galt als Schützling der Frsu Geheimrath. Hilda von Hausen war nämlich Waise und gehörte einem verarmten adeligen Geschlechte an. Die Frau Geheimrath Springer hatte sich des jungen Mädchens aus Freundschaft zu dessen verstorbener Mutter angenommen. Die Aussichten für meine Werbung um Hilda erschienen sehr günstig, denn ich fand Gnade vor ihren Augen und da ich auch im Hause der Frau Geheimrath sehr gern gesehen war, zog ich diese eines Tages in's Vertrauen und erhielt die Antwort, daß Hilda als verarmtes adeliges Fräulein sich wohl kaum eine bessere Partie als diejenige mit einem reichen jungen Patrizier wünschen könne und daß die Frau Geheimrath bei Hildas Vormunde meine Werbung befürworten wolle. Zu Ostern solle dann unsere Verlobung stattfinden- Ich verlebte dann viele glückliche Stunden in der Gesellschaft Hildas und der Frau Geheimrath, vom Vormunde des jungen Mädchens traf auch nach einiger Zeit eine sehr günstige Antwort ein und ich dachte nur noch an meine Verlobung und Hochzeit mit Hulda. Da fand ungefähr drei Wochen vor Ostern ein für mich ver« hänanißvolles Ereigniß statt- Es starb ein entfernter Anverwandter Hildas, ein Baron von Hausen, kinderlos und bei der Eröffnung seines Testamentes stellte es sich heraus, daß er Hilda von Hausen zur alleinigen Erbin seines großen Vermögens eingesetzt hatte. Sofort änderte sich die ganze Situation. Hilda war mir vielleicht im Herzen noch zugethan, aber für die jetzt reiche Erbin aus altadeliger Familie war ich in den Augen der eitlen und stolzen Frau Geheimrath Springer jetzt kein passender Freier mehr. Diese ehrgeizige Dame hegte jetzt für ihren Schützling hochfliegende Pläne. Mindestens einen Baron, am liebsten aber eine« Grafen sollte Hilda nunmehr heirathen, und ich wurde bei meinen Besuchen plötzlich kühl und reservirt empfangen. Zum Unglücke stand Hilda auch ganz unter dem Einflüsse der Frau Geheimrath und als ich dem geliebten Mädchen eines Tages mein Herz ausschütten wollte und Hilda mit einer Thräne in den schönen Augen vor mir stand, trat die Frau Geheimrath plötzlich zwischen uns und verhinderte jede weitere Erklärung. Bald stellten sich natürlich auch adelige Freier ein. Die Frau Geheimrath begünstigte unter diesen ganz besonders einen Rittmeister Baron von Sassen und dieser führte ein halbes Jahr später die schöne und reiche Hilda heim." Homberg schloß mit einem tiefen Seufzer die Erzählung seiner traurigen Herzensgeschichte. „Und ist die Dame glücklich mit dem Baron geworden?" frug einer der Freunde. „Ich weiß es nicht," erwiderte Homberg, „denn ich fühlte mich damals so unglücklich, daß ich mich nach dem Schicksale meiner Jugendliebe gar nicht weiter zu kümmern Neigung hatte. Es wäre ja auch sinnlos gewesen, damals erforschen zu wollen, ob Hilda mit dem Barone glücklich geworden sei." „Nun, so will ich Ihnen von dem Schicksal des Paares etwas berichten," bemerkte der Major ernst. „Sie kennen den Baron und seine Frau?" rief jetzt Homberg ganz erregt. „O, bitte, dann erzählen Sie, wie es ihnen geht, Herr Major." „Der Baron von Sassen ist längst tobt," fuhr der Major fort. „Baron von Sassen tobt und Hilba Wittwe I Ist bies wahr, Herr Major?" frug Homberg ganz erstaunt. „Ich sagte die Wahrheit- Der Baron hat balb nach seiner Verheirathung wegen einer Sptelaffaire ben königlichen Dienst quittiren müssen unb siedelte mit seiner schönen jungen Frau, auf deren großes Vermögen pochend, nach Wien über. Dort machte der Baron ein großes Haus, huldigte aber auch weiter dem unglückseligen Hazardspiele und wurde dabei in einen solchen schlimmen Ehrenhandel verwickelt, daß ihn ein heißblütiger Ungar auf Pistolen forderte- Gefallen ist nun der Baron in dem Duell gerade nicht, aber er erhielt einen Schuß in die Schulter. Die Kugel konnte nicht herausgenommen werden, es lentstand eine Art Blutvergiftung und der Baron ist nach langen Leiden in Wien gestorben. Seine Wittwe ist nun voriges Jahr in unsere Stadt zurückgekehrt und ich habe ste sogar gesehen." „Und Sie erzählen mir das Alles jetzt erst, Herr Major I" sagte Homberg erstaunt „Aber lieber Commerzienrath, ich wußte ja selbst nicht mehr genau, daß Ihre einzige Jugendliebe und die hübsche Wittwe Baronesse Sassen ein und dieselbe Person sind," erklärte der Major lachend. „Ich wurde erst vor ungefähr vierzehn Tagen der Baronesse bei einem Feste, welche» der General von Bomsdorf gab, vorgestellt und in den letzten Tagen tauchten dann verschiedene Erinnerungen in mir auf. Bedenken Sie doch, bester Homberg, daß ich die Baronesse früher al« Hilda von Hausen auch gar nicht näher gekannt habe und nur damals flüchtig erfuhr, daß Sie Ihr Herz an das schöne Mädchen verloren haben sollten." „Ich kenne die Baronesse übrigens auch sehr gut," bemerkte jetzt Curt Matthey, Hombergs Neffe, unb lächelte seltsam- „Du kennst sie auch, Curt?" frug ber Commerzienrath erstaunt. „Wo hast Du ihre Bekanntschaft gemacht?' „Nun, bie Sache ist sehr einfach. Die Frau Baronesse läßt ihr Kinb, eilt bildhübsches, achtjähriges Mädchen bei mir malen," gab Curt mit wichtiger Miene zurück. „Sie kommt wenigstens jede Woche zweimal wegen des Bildes zu mir in das Atelier." „Und Du wirst wie gewöhnlich mit dem Bilde zur versprochenen Zeit nicht fertig," bemerkte Homberg boshaft- „Nun, dieses Mal soll es Dir verziehen werden, wenn Du die Baronesse lange auf das Bild warten läßt, denn dann habe ich vielleicht Gelegenheit, sie auch einmal zu sehen." „Daraus wird wohl nichts werden," erklärte Curt, „denn die Baronesse lebt sehr zurückgezogen und wünscht außer mit mir mit Niemandem in meinem Atelier zusammenzutreffen. Sie ist förmlich menschenscheu und läßt immer erst anfragen, ob ich allein zugegen sei, wenn sie mit ihrem Töchterchen sich anmeldet." „Sprichst Du im Scherze ober im Ernste, Curt?' frug Homberg seinen mit verschlagenem Gesicht dasitzenden Neffen. „Natürlich im Ernste," bemerkte ber Maler, schlug aber vor bem forschenden Blicke des Onkels die Augen nieber. „Wir wollen dies unerquickliche Thema vertaffen, meine Herren," sagte jetzt der Commerzienrath, „denn ich glaube, es fängt an, langweilig zu werben." „Langweilig ist es boch wahrhaftig nicht, bas seltsame Schicksal ber Jugendliebe eine« wackeren Freunde» zu hören," bemerkte einer der Herren. „Ja, die Sache ist aber zu Ende," entgegnete Homberg, „bie verwitiwete Baronesse von Sassen wirb sich meiner kaum mehr erinnern unb scheint keine Lust zu haben, sich roieber zu verheirathen, am allerwenigsten würde sie aber wohl meinen erneuten Werbungen Gehör schenken." „Wer kann da» jetzt beurteilen I“ erwiderte ber Major. „Frauenherzen sind immer unberechenbar, unb es ist absolut nicht einzusehen, warum ein stattlicher, liebenswürdiger Commerzienrath, der in den besten Kreisen unserer Stadt als ein Gentleman ersten Ranges gilt, einer Wittwe, auch wenn sie einen adeligen Namen führt, als Freier unangenehm fein sollte- Und wie würden wir uns Alle freuen, wenn der gute Commerzienrath nach den einstigen so herben Enttäuschungen dennoch die Dame seiner Jugendliebe heimführe« würde." „Das ist leider unmöglich!" rief jetzt mit auffallender Heftigkeit Hombergs Neffe. „Warum unmöglich, Herr Matthey?" frug der Major. „Nun weil ich weiß, daß die Baronesse von Sassen ihren Witwenschleier sobald nicht ablegen wird," antwortete der Maler. „Sind Sie wirklich so sehr in die Gedanken der Baroneffe eingeweiht, Herr Matthey, oder haben Sie vielleicht gar der schönen Dame etwas zu tief in die blauen Augen gesehen?"' forschte der Major in scherzendem Tone. „Aber Herr Major, wo denken Sie hin! Die Baro- neffe ist doch mindestens so alt als ich, und Sie können einem Jünger der schönen Kunst doch nicht mmuthen, daß er sich eine Frau wählt, die in wenigen Jahren altern muß," gab der Maler spitz zurück- Der kluge Major ließ sich durch diese Entgegnung aber nicht verblüffen und sagte mit seiner gewichtigen Stimme: „Mein lieber Herr Matthey, Sie wären nicht der erste Maler, der sich in eine schöne Wtttwe verliebt hätte und die Baro- neffe von Saffen ist sehr schön." „Sehr schön ist sie," bemerkte jetzt ein anderer der anwesenden Offiziere, Lieutenant von Meerenheim, „dann fragt es sich nur noch, ob sie auch reich ist und dann wäre sie eine glänzende Partie." „Ob die Baroneffe reich ist, das weiß ich ^allerdings nicht," entgegnete der Major, „aber es ist wohl anzunehmen, daß sie noch ein ansehnliches Vermögen besitzt, denn sie hat nach dem Tode ihres Gatten noch in der Weise gelebt, daß man annehmen darf, daß der leichtlebige Baron von Saffen nicht das ganze Vermögen seiner Frau durchgebracht hat. Was wissen Sie von den Vermögensverhältnissen der Dame, Herr Matthey?" schloß der Major, sich an den Maler wendend." »Ich — ich — weiß so gut wie nichts," erwiderte dieser und stotterte verlegen. „Jetzt bitte ich aber die Herren von der Bowle zu trinken und die Vermögensverhältnisse der beklagenswerthen Baroneffe ruhen zu laffen," rief der Commerzienrath mit wirksamer Stentorstimme, „und dann mag uns Freund Hillisch mit seiner prächtigen Baritonstimme noch ein Lied vorsingen." Alsbald erklangen die Gläser der fröhlichen Zecher zusammen, und wenige Minuten später hörte man die 'ergreifende Weise eines schönen Frühlingsliedes. Gerührt trat Homberg an das Fenster und die funkelnden Sterne des Nachthimmels anschauend flüsterte er: „Lieber Gott! Soll in meinem Herzen noch einmal Frühling werden. Hilda, Hilda ist wieder frei und weilt in dieser Stadt! Es märe ein fast unglaubliches Glück!" „Herr Commerzienrath, Herr Commerzienrath," erscholl es jetzt hinter ihm, „kommen Sie herbei, wir wollen mit Ihnen auf die Erfüllung Ihres schönsten Herzenswunsches anstoßen." Homberg eilte leuchtenden Auges in den fröhlichen Kreis zurück und stieß lächelnd mit den Freunden an- „Nun wird es aber Zeit zum Aufbruch, die Uhr zeigt auf Mitternacht," mahnte der Major, und nur noch wenige Minuten gelang es dem Commerzienrath, die Freunde in seinem Hause zusammenzuhalten. Sie verabschiedeten sich einzeln oder in Gruppen zu dreien und vieren herzlich von dem Gastgeber und verließen das Haus. Nur Curt Matthey blieb noch eine Weile bei Homberg zurück. „Du könntest mir einen großen Gefallen thun, Onkel," sagte Curt halblaut zu diesem, als sie allein waren. „Schon wieder," bemerkte Homberg mit leisem Spott. „Hast Du nicht erst vorige Woche meine Gefälligkeit in Anspruch genommen? Du brauchst doch wieder Geld?" „Leider, leider," gab der leichtsinnige Neffe mit der Miene eines unschuldig Leidenden zurück, „aber es wird nun balv besser mit mir werden, Onkel- Ich werde mehr arbeiten und weniger Geld ausgeben." „Das wünsche ich von Herzen, Curt, denn Du solltest doch nun über die leichtsinnigen Jahre hinaus sein, und nur noch an ein solides Schaffen denken. Deine Berufsgenoflen sagen auch alle, daß Du ein entschiedenes Talent als Land- 891 - fchaftsmaler und auch als Portraitmaler hättest, aber wie wenig hast Du bisher geleistet." „Habe nur noch ein halbe» Jahr? Geduld mit mir, Onkel, dann wirst Du sehen , daß das Geld, welches Du auch noch an mich gewandt hast, nicht zum Fenster hinaus- geworfen wurde." „Nun, wie viel Geld soll ich Dir noch geben," frug Homberg unmuthig. „Zehntausend Mark," stieß .der Maler^ hastig und mit lauernder Geberde hervor. „Zehntausend Mark?" rief Homberg und wich erschrocken zurück. „Zehntausend Mark willst Du schon wieder haben! Curt, bist Du toll geworden! Du verlangst von mir heute schon wieder zehntausend Mark, nachdem ich Dir vorige Woche die gleiche Summe gegeben habe. Das ist eine Unmöglichkeit, daß Du solche Summen zu Deiner vollständigen Ausbildung, zu Deinen Studien und zur Bezahlung laufender Ausgaben bedarfst. Curt, Du spielst Hazard oder treibst sonstige schlimme Dinge, und dazu habe ich kein Geld für Dich. Heute bekommst Du auch entschieden kein Geld von mir. Eist muß ich wissen, wie es wirklich mit Dir steht, und das werde ich von Deinen Freunden und von Deinen Gläubigern zu erfahren wissen." „O, liebster Onkel, gib mir diese Summe nur noch einmal," bat Curt. „Da müßte ich ein schlechter Rechner und ein noch schlechterer Onkel sein," gab Homberg kalt zurück. „Du kennst meine Güte, Curt, denn seit dem Tode Deiner Eltern habe ich Dich unterstützt und Du bist noch nicht von mir abgewiesen worden, aber jetzt bekommst Du keinen Pfennig, und wenn Du mein leiblicher Sohn wärest, so würdest Du auch nichts bekommen, denn ich habe Dich in dem Verdachte, daß Du seit Monaten schon meine Güte mißbraucht hast. Wo sind die zehntausend Mark hin, die ich Dir vorige Woche gab?" Curt wollte antworten, aber es war ihm, als brächte er kein Wort aus der Kehls und er schwieg mit verlegener Geberde. „Du kannst oder willst mir also keine Rechenschaft geben," fuhr Homberg erzürnt fort. „Nun, so bleibt es eben erst recht bei meinem Entschlüsse, daß ich Dir jetzt kein Geld gebe. Ich will morgen oder die kommenden Tage Deine Angelegenheiten untersuchen, und was ich dann für meine Pflicht halte zu thun, das wird sich finden. Gute Nacht für heute." Homberg zog sich nach diesen heftigen Worten au» dem Salon in fein Schlafzimmer zurück und ließ seinen verblüfften Neffen stehen. Bald erschien der Diener de» Commerzienrath» und sagte, mit einem Lichte in der Hand: „Ich stehe zu Diensten, Herr Matthey, fall» ich Ihnen die Hausthür öffnen soll." „Ich komme gleich," erwiderte der Maler wie im Traume und schritt hinter dem vorausgehenden Diener her. Bold war die Hausthüre geöffnet und wieder geschloffen und Curt Matthey befand sich auf der Straße. „Man möchte rasend werden," knirschte er vor Wuth und blieb noch eine Weile vor Hombergs Hause stehen. — „Dieser Mensch könnte mir helfen und thut es nicht, obwohl er mein leibhaftiger Onkel und ein reicher Mann ohne directe Leibeserben ist. Mir scheint, als hätte ich heute eine rechte Dummheit begangen, als ich ihm erklärte, daß er die Baroneffe in meinem Atelier nicht werde sehen können, denn es ist wahrscheinlich, daß er die Dame noch ebenso liebt, als vor zehn oder elf Jahren, als sie fein unerreichbares Ideal war. O, könnte ich doch nur noch einmal in die Wohnung zurück und ihm sagen, daß er die Baroneffe bei mir sehen kann. Aber er ist offenbar bereits zu Bett gegangen und er ist auch jetzt viel zu mißtrauisch, um mir auf eine solche Zusicherung hin das Geld zu geben. Und ich muß aber doch das Geld haben, sonst bin ich entehrt und unglücklich." Wie gebannt stand der junge Mann noch eine ganze Weile vor dem Hause des Onkels und verschwand dann endlich im Dunkel der Nacht. - 582 Wie ein Lauffeuer flog am anderen Vormittage die Nachricht durch die Stadt, daß im Hause des Commerzienraths Homberg ein schwerer Raubmord begangen worden sei. „Unglaublich! Unglaublich!" riefen sich alle Leute zu, welche die Schreckenskunde vernahmen. „Der Commerzienrath mit sammt seinem Diener wurden ermordet und eine hohe Geldsumme geraubt." Viele Menschen liefen nach dem Hause, in welchem das Verbrechen stattgefunden hatte. Vier Polizisten sperrten den Zugang zu dem Hause schon im weiteren Umkreise ab und zwei Polizisten standen in der Hausthür. Jetzt fuhr ein verschloflener Wagen rasch vor das Haus und der Staatsanwalt, der Gerichtsarzt und ein Criminal- Jnspector stiegen aus und gingen rasch in da» Haus. Schon auf der Treppe wandten die drei Beamten ihre Augen scharf prüfend nach allen Richtungen und betraten dann die Stätten des Verbrechens. Homberg, der edle, gute Mann, lag halb angekleidet und leblos in einer Blutlache in seinem Wohnzimmer. Schnell beugte sich der Gerichtsarzt über Homberg und prüfte die Wunde. „Er ist ein Stich in die rechte Brust und nicht absolut tödtlich!" rief der Arzt. „Wenn keine weiteren Verletzungen vorhanden sind, könnte der Commerzienrath vielleicht noch ge- ratet werden" Rasch wurde Homberg ein Rothverband umgelegt und der Schwerverletzte auf ein Bett gelegt. „Und nun zum Diener!" rief der Staatsanwalt. Den Diener fand man wie tobt im Bette seines Zimmers liegend, aber es war keine Wunde an ihm sichtbar. Eilig prüfte der Arzt den leblos daliegendsn Körper des Dieners. „Der Diener ist sehr stark durch Chloroform betäubt und unter Umständen auch zu retten," rief der kluge Gerichtsarzt. Er riß dann die Fenster des Zimmers auf, daß frische Luft hereinströmen konnte und begann Wiederbelebungsversuche mit dem Betäubten anzustellen. Gleichzeitig rief er einem zweiten inzwischen noch herbeigekommenen Arzte zu, sich des schwerverwundeten Commerzienraths anzunehmen. Homberg schlug plötzlich nach einer Weile die Augen auf, ■ blickte aber wie irrsinnig um sich und war noch fo schwach, daß er kein Wort reden konnte. „Dieser Zustand tritt nach schweren Ohnmächten immer ein," tröstete der Arzt den Staatsanwalt, „und wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, den Herrn Commerzienrath zu retten." Man flößte dem Verwundeten wiederholt stärkenden Wein ein und na h einiger Zeit wurde sein Befinden ein besseres. Auch der betäubte Diener athmete wieder leise, lag aber immer noch wie tobt auf seinem Bette. Der Staatsanwalt und der Criminalinspector hatten inzwischen noch das Verbrechen des Raubes und Diebstahles im Hause des Commmerzienraths festgestellt. Der Geldschrank desselben war durch geschickte Hände, vielleicht gar mit dem Homberg entwendeten Schlüssel geöffnet und eines großen Theiles seines Inhaltes beraubt worden. Sonst hatten die Räuber andere Werthgegenstände, wie Uhren und Juwelen, unberührt gelassen. „Es sieht aus, als wenn keine Professionrdiebe die Un- that begangen hätten," flüsterte der Criminalinspector leise dem Staatsanwalts zu, „denn es macht fast den Eindruck, als ob eine mit den Localitäten sehr gut vertraute Person die That vollbrachte." „Dies ist auch meine Ansicht," bemerkte der Staatsanwalt, „und wir werden auf alle Personen, welche in Hembergs Hause verkehrten, ein scharfes Auge haben müssen." „Diese Maßregel würde nach meiner Ansicht allerdings viel zu weit gehen," entgegnete der Criminalinspector, „denn im Hause des unglücklichen Commerzienrathes verkehrtest viels Personen aus den besten Ständen, Banquiers, Offiziers, Großkaufleute, Beamte, Künstler und Hofschauspieler. Gegen solche Männer, welche zu dem Hombergs edle Freundschaft genossen, kann man doch keinen Verdacht haben. Außerdem ist es für uns Criminalbeamte furchtbar peinlich, solche Leute, von denen höchst wahrscheinlich alle unschuldig an dem Morde sind, einer Beobachtung zu unterziehen." „Nun, auf dem Gebiete der Verbrechen kommen zuweilen die unglaublichsten Dinge vor, Herr Jnspector," antwortete der Staatsanwalt, „und es ist unsere Pflicht, alle Möglichkeiten in Berechnung zu ziehen, zumal wir hier an der Stätte des Verbrechens nicht den geringsten Anhalt für die Entdeckung des Missethätsrs bis jetzt fanden." „Ich werde meine Pflicht thun, Herr Staatsanwalt," erwiderte der Criminalinspector diensteifrig, „und auch meins Gehilfen entsprechend instruirsn. Ich vermuthe, daß eine lüderliche untergeordnete Person, welche vielleicht mit Hombergs Diener befreundet war und deshalb oft hier ins Haus kam, den Raubmord begangen hat. Gestern hat Herr Homberg, wie ich bereits erfuhr, seinen Geburtstag gefeiert, und da war wahrscheinlich eine günstige Gelegenheit vorhanden, daß sich der Verbrecher in das Haus einschleichen und bis zur Ausführung des Verbrechens verbergen konnte." „Demnach erscheint es wichtig, den Diener Hombergs, sobald sein Zustand es erlaubt, in dieser Angelegenheit zu vernehmen," bemerkte der Staatsanwalt. In diesem Augenblicke stürzte mit entsetzlich verstörtem Aussehen Hombergs Neffe, der Maler Matthey, in das Zimmer und rief mit angstvoller Stimme: „Mein guter Onkel, der Commerzienrath Homberg, ist ermordet! Ist diese Schreckenskunde wahr, meine Herren?" „Ein Raubmord ist hier verübt worden, mein Herr," erwiderte der Staatsanwalt, „aber der Arzt hat Hoffnung, den Herrn Commerzienrath, der schwer verwundet ist und noch ohnmächtig im Nebenzimmer liegt, zu retten." „Um Gottes willen, ich muß zu ihm, ich bin sein Neffe," stieß der junge Mann hervor und lief nach der Thür de» Nebenzimmers, in welchem Homberg lag. Aber in dem Augenblicke, wo Matthey stürmisch den Fuß über die Thürschwelle setzte, trat ihm einer der Aerzte entgegen und sagte im abweisenden Tone: „Der Herr Commerzienrath, welcher durch den Blutverlust ungemein geschwächt ist, brauet jetzt unbedingt Ruhe. Sie können ihn deshalb heute unter feinen Umständen sprechen, mein Herr." „Glauben Sie, daß sein Leben erhalten wird.?" frug Matthey ganz aufgeregt. „Wir hoffen es," erwiderte der Arzt, „denn die Wunde ist nicht gerade lebensgefährlich, nur dürfen keine schlimmeren Umstände im Befinden des Verwundeten hinzutreten." „Sie sind ein Neffe des Herrn Commerzienraths Homberg?" frug jetzt der Staatsanwalt den über alle Maßen aufgeregte« jungen Mann. „Ja, das bin ich," antwortete dieser, „mein Name ist Curt Matthey, meine verstorbene Mutter war die Schwester des Herrn Commerzienraths." „Verkehrten Sie öfters hier im Haufe Ihres Onkels, Herr Matthey?" forschte der Staatsanwalt weiter. „Allerdings, ich kam fast tägl.ch hierher und bin erst gestern Abend in Gesellschaft mehrerer Herren zum Geburtstage meines Onkels hier gewesen." „Wann verließe« die Herren wohl das Hans?" „Es mochte gegen Mitternacht sein." „Wissen Sie vielleicht, welcher von den Herren zuletzt das Haus-verließ?" frug der Staatsanwalt immer weiter. „Der letzte der Gäste, die das Haus verließen, war ich," erwiderte der junge Mann in verlegenem Tone. »Wie viel später als die übrigen Gäste verließen Sie de« Herr« Commerzienrath? ' „Wohl eine halbe Stunde später." (Fortsetzung folgt.) Redaktion: A. Gcheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.