AnterchaltungsblatK jum Gietzenev Anzeigen (GenepsL-Anzeigevjl L IL T-4 -*1' -- T. ■•=■<-•.•*«•' ,.dt; FWW MKD-Ä Donnerstsg, dm 18 Oktober. Lola. Roman frei nach dem Amerikanischen von Erich Friesen. (Fortsetzung.) Baron Gerald wendet den Kopf. Er erblickt die stattliche Figur des Fürsten Larinski, halb bedeckt mit Orden und Auszeichnungen. Neben ihm steht Lola Medfort. Er steht den goldigen Schimmer ihres Haares, die sanfte Rundung der Wangen, das Lächeln des lieblichen Mundes, den Blick der leuchtenden Augen, die bestrickende Weiße de» Halses und der Arme — und hat die Empfindung, als ob er zu lange in die Sonne geblickt oder zu tief den betäubenden Duft einer Blume eingesogen. „Welch' ein Weib!" rüst er enthusiastisch. „Die ganze Männerwelt von London wird hinter ihr her sein," bemerkt Lord Rawdon. „Du zuerst," erwiderte Baron Gerald leise. „Nein, nein. Ich sagte Dir schon, des ist Unstnn. — Wie elegant ste geht! Mit der freien Grazie der Spanierin. Komm', Gerald!" Nach wenig Minuten schon werden Beide der Vielgefeierten vorgestellt. Baron Geralds offene Züge überfliegt ein tiefes Roth; Lord Rawdon erbleicht jählings. Lola neigt lächelnd das Haupt. Die Freunde blicken einander an, als wollten sie ihre Kräfte erproben. Etwes Feindseliges liegt in den Blicken Beider. Jeder fühlt, sie sind nicht länger mehr Freunde. Lord Rawdon faßt sich zuerst. „Darf ich um einen Tanz bitten, gnädigste Baronin?" fragt er hastig. Sie blickt mit einem zweifelnden Lächeln auf ihr juwelen- befetztes Tanztäfelchen — mit einem Blick, der Arnos Blut rascher kreisen macht. Er schwört sich, daß er mit ihr tanzen muß und wenn cs einen Andern umzubrtngen gilt. „Da habe ich roch einen Walzer," bemerkt sie lächelnd. „Es wird mir ein Vergnügen sein, denselben Ihnen zu über- laffen." Lord Rawdon triumphirt. Der erste Sieg über seinen Nebenbuhler! ... Er kennt diese Frau erst seit fünf Minuten und schon nennt er seinen Freund einen Nebenbuhler. . Jetzt bittet Baron Gerald um dieselbe Gunst. Die blauen Augen blicken so treuherzig, seine Züge drücken eine so beredte Bitte aus — Lola gewinnt ein gewiffes Interesse. Sie verspricht ihm zwei Quadrillen. „Wer von uns ist besser d'ran?" fragt sich Lord Rawdon. „Ich denke, ich!" Baron Gerald dagegen freut sich, daß er zwei Tänze hat und der Andere nur einen. Es fehlen noch einige Minuten bis zum Beginn des nächsten Tanzes. Wieder ist Lord Rawdon gewandter, als sein Freund. „Es ist hier sehr heiß," sagt er lebhaft, „befehlen Sie ein wenig Eis — vielleicht Vanille oder Erdbeer „Ich ziehe Citrone vor," entgegnet Lola freundlich. Mit einer tiefen Verbeugung reicht er ihr den Arm. Sie legt ihre Fingerspitzen leicht auf denselben. Dann blickt ste zu Baron Gerald empor mit einem Lächeln, welches zu sagen scheint: „Ich nehme zwar den Arm des Anderen, aber ich wünsche Ihre Begleitung." Baron Geralds betrübtes Gesicht klärt sich auf. Alle Drei verlassen den Saal. Lola spricht lebhaft. Dabei richtet sie zwei Worte an Gerald und nur eines an Arno. Sie weiß stets ganz gleichmäßig ihre Gunstbezeigungen zu vertheilen. Sie controlirt ihre Worte, ihre Blicke, ihre Bewegungen, ihr Lächeln. Sie ist eine Meisterin in der Kunst der Koketterie. Wohl hat sie Lord Rawdons Arm genommen und ihm zugelächelt, als er das Eis brachte; aber während sie ein Löffelchen davon nach dem andern zwischen ihre rothen Lippen bringt, reicht ste Gerald ihren Strauß und sagt neckisch: „Hyacinihen stnd weine Lieblinge. Ich muß sie stets um mich haben." „Ach, wär'ich eine weiße Hyacinthe!" seufzt dieser. „Ich könnte dann für Sie blühen und in Ihren Händen sterben." Lord Rawdon lacht spöttisch. „Wenn ich mich metamorphosiren könnte, würde ich etwas Edleres werden, als eine Blume." „Vielleicht etwas Edleres, doch gewiß nichts Schöneres," entgegnet Lola lächelnd. Baron Gerald beugt sein Antlitz tief auf den Strauß in seinen Händen herab. „Die weiße Hyacinthe sei meine Devise!" ruft er be- geistert. Gleich einem Feuerstrahl durchzuckt es Lord Rawdon. Wie darf der Andere es wagen, sich ihren Blumen derart zu nähern? „Ich habe die Baronin hierher geführt," denkt er zornig. „Er ist ein Zudringlicher, der nur stört." Aus dem Ballsaale ertönen die einschmeichelnden Töne eincs Strauß'schen Walzers. Lord Rawdon springt auf. „Unser Walzer, gnädigste Baronin." 486 Lola erhebt sich langsam. Sie bemerkt, wie sein Antlitz sich vor Freude röthet, wie seine Augen glänzen. Sie bemerkt auch die plötzliche Niedergeschlagenheit in Geralds Zügen. — Mit einem ihrer tiefen Blicke sagt sie leise zu letzterem: „Wenn Sie nicht tanzen, Baron, wollen Sie die Güte haben, meine lieben Hyacinthe» so lange unter Ihre Obhut zu nehmen?" „Ich werde sie bewachen, als wären sie von Gold I" ruft Gerald feurig. „Sie sind kostbarer als dar," entgegnet Lola- , Betrach- ten Sie diese vollendet schönen, wachsgleichen Blüthen nur genauer 1" Dabei wirst sie einen Blick voller Zärtlichkeit und Leidenschaft auf die Blumen — einen Blick, den sie heute noch nicht einem dieser beiden Anbeter gönnen durfte. Lord Rawdon triumphirt; Baron Gerald triumphirt. Jener führt seine schöne Tänzerin stolz hinweg. Dieser bleibt, glücklich in dem Bewußtsein, als Hüter ihrer Blumen ausersehen zu sein. Er betritt den Ballsaal nicht während des ganzen Tanzes. Er will Lola nicht in den Armen des Anderen sehen. Auch findet er, daß Frauen während des Tanzens sich am Un« vortherlhaftestkn pcäsentiren. Sie werden roth, kommen auß-r Athem und verlieren jvöllig jene anmuthige, klassische Ruhe, welche oft ihren größten Reiz bildet Noch niemals vorher war ihm ein Tanz so lange erschienen. Manch' leuchtend Augenpaar richtet sich verwundert auf den Einsamen. Manch' hübsches Mädchen, das dem Allbeliebten einen Tanz aufgehoben, blickt enttäuscht darein. Er merkt von alledem nichts. Er denkt nur an sie, deren Blumen er in der Hand hält. Endlich ist der Tanz vorüber. Er bahnt sich seinen Weg zu ihr. Lord Rawdon hat sich ein wenig niedergebeugt und spricht lebhaft. Sie hört mit anscheinendem Interesse lächelnd zu. Als sie Geralds blaue Augen sehnsüchtig auf sich gerichtet sicht, antwortet sie mit einem gleichen Blick. Dabei lächelt sie nicht, sondern seufzt ein wenig. Sie ist viel zu klug, um zwei Männer auf gleiche Weise sesieln zu wollen. Schweigend überreicht er ihr den Strauß. Da kommt Fürst Larinski und holt sie zum nächsten Tanz. Die beiden Zmücköleibenden blicken ihm neidisch nach. Dann wendet sich eines Jeden Aerger gegen den Andern. „Mein lieber Gerald," beginnt Lord Rawdon höhnisch. „Deine kleine Sentimentalität vorhin mit den Hyacinthen war sehr originell; doch würde ich an Deiner Stells derlei Sachen nicht versuchen. Sie stehen Dir schlecht- Ein Mann soll sich nie lächerlich machen." Das Blut steigt Gerald zu Kopfe; aber er beherrscht sich. Er thut, als ob er den Hohn nicht bemerke, und lacht- „Wie denkst Du über sie?" fährt Arno fort- Er kann der Versuchung nicht widerstehen, von ihr zu sprechen. „Wie denkst Du über sie?" fragt Gerald lachend. „Ich Haffe den Fürsten Larinrki," murmelt Jener, ohne auf die Frage zu antworten. „Wozu kommen Ruffen nach England I Ich sehe gar keinen Grund. Die Baronin wird ihn doch nicht heirathen." „Ich glaube, sie denkt überhaupt nicht an's Heirathen- Sie wird ihre Freiheit genießen wollen." „Woher weißt Du das?" Lord Rawdon ist augenscheinlich geärgert. „Du solltest Dich darüber freuen," fährt Gerald lachend fort. „Du denkst ja selber ähnlich." Doch merkwürdig genug — Lord Rawdon freut sich nicht. Im Gegentheil. Seine schlechte Laune wächst zusehend«. „Du scheinst Dein letztes bischen Verstand zu verlieren, Gerald." Dieser lacht noch immer. Er nimmt sich fest vor, nicht heftig zu werden. „Der Verlust ist vielleicht kein großer," entgegnet er gul- müthig. Lord Rawdon schweigt beschämt. Baron Gerald begibt sich zu Lola, da die Quadrille beginnt. Jedoch kann er sich nicht voll dem Genuß hingeben. Er besitzt einen weichen, großmülhigen Character und fühlt, daß Arno ihn j-tzt eifersüchtig beobachtet. Das schmerzt ihn. Der Ball naht seinem Ende. Lola hat ihren Wagen 6;< sohlen. Beide Herren geleiten das herrliche Weib die breite Treppe hinab. Der Eine trägt Fächer und Strauß, der Andere legt den kostbaren Spitzenshawl um die weißen Schultern. „ Ich werde diesen Abend nie vergeffen," flüstert Lord Rawdon. „Ich auch nicht," sagt Baron Gerald. „Auch ich werde noch oft daran denken," erwidert Lola. Lachender Spott blitzt aus ihren Augen. Die Eifersucht der beiden Männer amüsirt sie. Der Wagen Mgt mit Lola davon. Arno ist enttäuscht, daß ihm nicht ihr letztes Wort galt. Ebenso Gerald. „Jeder Cavalier sollte wissen, ob er erwünscht ist oder nicht," murmelt Lord Rawdon bitter. „Das sollte er," erwidert Gerald heiter. „Gute Nacht, Arno!" IV. Lord Rawdon und B^ron Hastings sind seit Jahren gute Freunde und Kameraden. Sie haben zusammen den Continent bereist und manche Erlebntffe mit einander getheilt. Niemals entzweiten sie sich — vielleicht, weil ihre Neigungen und Ansichten so verschieden sind. Baron Hastings ist sechsundzwanzig Jahre alt und Besitzer eines der schönsten Güter Englands. Mitten im Park, zwischen uralten Eichen, steht dar Herrenhaus, unendlich malerisch in seiner altmodischen Schönheit. Bis an seine breite Freitreppe wagt sich dar Edelwild heran, das, nicht eingezäunt, frei im Park uwherläust. Baron Gerald hat jährlich ein Einkommen von etwa hundertzwanzi tausend Mark. Er könnte es verdoppeln, da sein Grund und Boden Kohle birgt. Doch verzichtet er darauf. Er liebt seine alten Bäume, seine grünen Wiesen, seine fruchtbaren Flder und ist zufrieden mit dem, was er besitzt. Sein Vater starb, als er noch ein Kind war. So wuchs er unter den sorgenden Augen der Mutter auf, deren ganzer Lebenszweck darin bestand, den einzigen Sohn zu einem edlen Menschen zu erziehen. Auf seinem Gute gibt es kein Elend. Niemand wendet sich vergebens an ihn in der Noth. Als der Waldhüter Franz Gr y tobt vorgefunden wurde, erschossen von Wilddieben, schenkte er der Wittwe ein kleines Haus im Dorfe und die Mittel, mit ihren Kindern leben zu können. Als der Tagelöhner Johann Mitler und feine Frau am Typhus starben, gab er nicht zu, daß die sechs kleinen Waisen in's Armenhaus gesteckt wurden. Er ließ sie in ihrer Hütte und sorgte dafür, daß eine Frau aus dem Dorfe sich der Kinder annahm. Als Ma'y Swift ihre Miethe nicht bezahlen konnte und sie, vor Hunger und Kälte zitternd, in einer Ecke ihres Stübchens faß, jeden Augenblick gewärtig, daß man sie aus ihrem Heim verweisen würde, da schickte Gerald ihr keinen Zahlungsbefehl, sondern Holz und Kohlen und Nahrungsmittel und eine Kuh an Stelle ihrer kürzlich verstorbenen „Mieke". Wo sein Name genannt wird, geschieht es mit Segenswünschen, mit Lobpreisungen. In seiner Mutter verehrt er das Ideal der Frau. Ui,d sie verdient diese Verehrung, die ehrwürdige, weißhaarige Matrone. In ihren Träumen sieht sie an der Seite de» geliebten Sohnes eine sanfte Gattin durch die verwitterten Säulengänge schreiten, sieht sie liebliche Kinder mit süßem Lächeln sich an ihre Kniee schmiegen, sieht sie, wie das alte Geschlecht der Hastings neu und glänzend ausblüht. — Lord Rawdon ist um einige Jahre älter, als sein Freund. Auch er ist seit lange schon sein eigener Herr. Die Mutter starb bei seiner Geburt, der Vater, als er kaum sechzehn Jahre zählte. Er erhielt eine vorzügliche Erziehung; doch die sanfte Hand der Mutter fehlte, um die guten Eigenschaften zu fördern, die schlechten zu unterdrücken. Seine Fehler wuchsen mit ihm. Der Eigensinn de» - 487 Knaben wurde beim Manne zur Widerspenstigkeit; der Stolz zur Anmaßung. Als Knabe liebte er keine Einschränkung seiner Wünsche; als Mann haßt er sie. Al« Knabe gerieth er leicht in Zorn; als Mann steigert sich diese Empfindung zum brennenden Wunsch nach Rache. Daneben zeichnen ihn einige vorzügliche Eigenschaften aus. Er ist freigebig, gewissen- haft und jedes Vertrauen« werth. Sein Wort gilt so viel, wie eines Anderen Schwur. Er besitzt ein tiefes Gemüth und ein bedeutendes Wissen. Er wäre ein berühmter Volksvertreter geworden, hätten nicht seine Fehler die Oberhand gewonnen. Die Frauen kümmerten ihn wenig. Noch niemals war es einer gelungen, sein Herz, wenn auch nur vorübergehend, zu gewirnen. Wenn Gerald in Helle Begeisterung über' ein hübsches Mädchen gerieth, wehrte er ungeduldig ab mit dem Bemerken, das interessire ihn nicht. Er hat äußerst selbstherrliche Anstchten über die Stellung des Mannes und begriff es niemals, wie einer dieses gepriesenen Geschlechtes durch ein Paar leuchtender Augen oder einen lächelnden Mund besiegt werden konnte. Mehr als einmal hatte er wegwerfend geäußert, daß der ganze Unsinn mit den Weibern und ihre Koketterie und Gefall, sucht aufßören würde, wenn die Männer mehr auf ihre Würde hielten. Dann kicherten die Frauen hinter ihren Spitzen, taschentüchern oder Straußenfächern. Auch seine Zeit würde einmal kommen. Lord Rawdon ist sehr reich — viel reicher als Baron Gerald. Er b. sitzt mehrere Schlösser, in denen er abwechselnd residirt- Beide Herren sind Lieblinge der Gesellschaft, zu deren Unterhaltung und Belebung sie viel beitragen — Arno durch sein tiefes Wissen, große musikoÜsche Begabung und dramatisches Talent, Gerald durch seine sonnige Heiterkeit, seine stets frohe und übermüthige Laune. V. Lo'a ist soeben von dem Ball der Marquise zurückgekehrt« Die Kammerzofe entkleidet behende die hohe Gestalt und wirft ihr einen bequemen Morgenrock aus weißem Cachemire über. Dann schickt Lola da« Mädchen fort und betritt das Schlaf, zimmer ihrer Mutter. „Du hast wieder ein Unglück angerichtet," ruft diese be. sorgt, mit einem Blick auf die lachenden Augen, die ironisch gekräuselten Lippen der Tochter. „Ich habe mich gut unterhalten." „Des heißt, Du hast einige besondere Eroberungen qe» macht, nicht wahr?" „Du hast recht." Und sie schildert der ernst dreinschauenden Mutter alle Elnzelnheiten ihrer Triumphe, die Eifersucht der beiden Cava- Here, den Neid der Frauen. Dabei spickt sie das Ganze mit allerhand kleinen Moquanterien und Sarkasmen, so daß selbst die ernste Pastorswittwe einmal herzlich anflacht. Als Lola spät in der Nacht len reizenden Kopf in die spitzenbesetzten K ssen drückt, schläft sie bald in dem süßen Gefühl befriedigter Eitelkeit tief und fest. Sie ahnt nicht, daß zur selben Zett ein stolzer, ernster Mann ruhelos in seinem Zimmer auf. und abwandert, seine Schwäche verdammend, die seine Gedanken jede Minute bei der verführerischen Frau weilen läßt. Sie ahnt nickt, daß ein blonder, ritterlicher Jüngling vergebens Schlaf sucht, und als dieser ihm endlich naht, träumt, daß er sie, das Weib seiner Sehnsucht, gewonnen und zur Königin seines alten Herrensitzes gemacht. Und hätte sie es gewußt — sie würde vielleicht noch besser geschlafen haben. — Am nächsten Morgen erwachte sie erst spät. Ihr erster Blick fällt auf einen prächtigen Strauß weißer Hyacinthen. „Von wem?" ruft sie in Hellem Entzücken, das Antlitz tief in die duftenden, noch lhaufrischen Blülhen tauchend. Das Kammermädchen zieht eine Karte aus den üppigen Blumenglocken hervor. „Lord Rawdon, gnädige Baronin," liest sie. „Geh' sorgsam mit ihnen um, Lisette. Ich will noch etwas schlafen." Und sie wendet das Gesicht wieder der Wand zu- Doch mit dem Schlafen ist es nichts mehr- Sie erhebt sich und läßt sich ankleiden. Dann trinkt sie Chocolade aus einer kost, baren chinesischen Tasse, die einst die Tafel einer Königin ge. ziert. Sie ruht dabei nachlässig in einem Fauteuil. Das herrliche kastanienbraune Haar fällt, frei jeder Fessel, lose auf dar werße Morgengewand. Sie überfliegt die soeben angekom. menen Briefe und Zeitungen. Da tritt Lisette mit einem vergoldeten Korb weißer Hua. c'n hen ein. Lola lacht hell auf. „Mama, die Hyacinthen werden im Preise steigen!" Von Lord Rawdon und Baron Hastings?" fragt diese lebhaft. Lola nickt und nimmt ihre Lectüre wieder auf. Dabei wartet sie mit einer gewissen Ungeduld auf die Besuchszeit- „Die beiden Blumenspender kommen bestimmt," lackt sie, „vielleicht auch einige Damen. Die meisten derselben hassen mich. Gerade deshalb werden sie mir ewige Freundschaft schwören." Frau March schüttelt bedauernd den Kopf. „Welch' bittere, cyntsche Ansichten, Lola!" „Bewahre, M.ma. Du hast nur utopische Ansichten. Gewiß — wenn in dem guten Clifdale die Frauen einander küßten, so meinten sie es so. Die Weltdamen küssen sich nur, um ihren Haß, ihren Verrath zu verdecken und vielleicht noch, um auf die Männer Eindruck zu machen." Frau March blickt verwundert von ihrer Handarbeit empor. ,Jch möchte die Welt nicht mit Deinen Augen ansehen, mein Kind," sagt sie sanft. Lola zuckt die runden Schultern. „Sie ist doch einmal so. Wozu Menschen und Dinge idealisiren!" Beide Frauen schweigen eine Zeit lang, jede mit ihren Gedanken beschäftigt. „Lola," ruft Frau March plötzlich, „ich weiß, was Dir no!h thut." „Nun?" Der ernste, feierliche Ton der Mutter macht sie neugierig. „Du mußt einen-Mann von Herzen lieb gewinnen und ihn heirathen. Die Liebe würde Dich sanfter und weiblicher machen." Lola hält sich mit komischem Entsetzen die Ohren zu. „Hör' auf, Mama!" ruft sie lachend. „Ich werde mich so bald nicht verlieben. Zur Liebe gehört Eifersucht und so was macht häßlich. Denk' nur an Frau Smith! Ihr hüb. sches Gesicht war bald ganz alt und verzerrt. Warum? Nur, weil sie verliebt und eifersüchtig war. Puh!" Lola hatte nicht viel gelesen. Nur die Geschichte berühm« ter schöner Frauen machte sie zu ihrem besonderen Studium. Sie weiß ganz genau, welche Mittel Ninon d'Enclos, Diana von Poitiers, die' La Valliöre und Andere angewandt, um ihre Schönheit und Jugend möglichst lange zu bewahren. Ihnen will sie nachstreben. Und nun soll sie sich verlieben und hei« rathen und Kinder bekommen und eifersüchtig fein und — als richtige Folge Alles dessen — vor der Zett alt und häß- lich werden? Unsinn — auch nur der Gedanke daran. . . . VI. Das Besuchszimmer des Hauses Medfort gleicht nicht der gewöhnlichen Schablone eines Londoner Salons. Es ist nicht übergroß, hat drei hohe, breite Fenster und zwei Erker. Mattgelb und dunkelblau herrschen vor. Kein Ueberfluß an Zierrath und Nippes. Eine kostbare orientalische Vase, etliche werthvolle Marmorstatuen, mehrere künstlerisch vor« treffliche Bilder in Wasserfarben und Oel, ein paar chinesische Porzellarfiguren und eine herrliche Terracottabüste, farbenprächtige Teppiche, goldgestickte Shawls, hin und wieder eine Palme oder Orchidee, unter welcher ein kleiner Springbrunnen plätschert. Das Ganze erinnert an ein Gemach des Orients wo üppige, dunkellockige Frauen sich auf niederen Ottomanen t strecken. Auch hier behauptet die weiße Hyacinthe das Feld. - Die Herrin dieses märchenhaften Raumes liegt nachlässig | graciös in einem Fauteuil von dunkelblauem Sammet. Sie weiß, der Contrast zwischen diesem Dunkelblau und dem Goldschimmer ihres Haares ist unübertrefflich. Ihre Toilette ver- räth die äußerste Sorgfalt — eine duftige Combination von Weiß und Himmelblau. Ein Büschel Vergißmeinnicht hält über der Brust die Spitzenfalten zusammen. Das Haar hängt im Nacken, nur durch eine goldene Spange gehalten, in seiner ganzen Fülle herab. Vor ihr auf einem niedrigen Seffel sttzt Lord Rawdon. Er ist soeben erst gekommen. Auf seinem Antlitz spiegelt sich noch die tiefe Erregung des Wiedersehens. Lola empfindet fast Mitleid mit ihm, der sichtlich vergebens gegen seine Leidenschaft ankämpft. Doch nur einen Augenblick. Im nächsten schon ist ihr Entschluß gefaßt. Diesen stolzen Mann zu ihren Füßen zu sehen — welch' ein Triumph! (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Bezüglich der Behandlung der Spargelanlagen im Herbste ist es gewöhnlich üblich, das Kraut abzuschneiden, sobald es vollständig abgestorben ist. Sowie man das Kraut weggenommen hat, müssen sofort die Beete vertheilt werden. Bei größeren, besonders freiliegenden Anlagen, welche dem Winde ausgesetzt sind, oder abhängig liegen, mäht man jedoch das Kraut erst im nächsten Frühjahre ab, es kann sich der Schnee dann in der Anlage besser halten und dieselbe bei starkem Froste schützen. Außerdem hat dieses Verfahren noch den Vortheil, daß die Stangen, welche im Herbste nicht voll- ständig reif sind, noch nachreifen. Dagegen zieht sich im Winter bei abgemähtem Spargel viel Feuchtigkeit in den hohlen Stangen oder Strünke hinunter und schädigt die Wurzelkrone; Jnsecten gelangen ebenfalls leicht hinein. Wegen solcher Spargelfeinde ist es auch nothwendig, das Kraut tief aus der Erde herauszuschneiden und zu verbrennen. — Daß Früchte, sowohl wie Blüthen am Spargelkraut entfernt werden, sobald sie sich zeigen, ist wohl allgemein bekannt. Sie ziehen viele Nährstoffe an sich, die besser den Wurzeln als Reservestoffe zu Gute kommen. ♦ Die Roßkastanien sind ein nicht zu verachtendes Futtermittel. Anfangs werden sie zwar wegen ihres bitteren Geschmackes nicht gern gefressen, doch allmählich gewöhnen sich die Thiere, wie Schafe, Schweine und Rinder, daran. Um die bitter schmeckenden Bestandtheile zu entfernen, werden die Kastanien geschält, zerklemert, mehrere Tage in kaltem Wasser gehalten, welches einige Male erneuert wird. Dadurch werden die Kastanien den Thieren im Geschmack angenehmer, Ver- dauungsstörungen werden vermieden, die Milch erhält nicht den unangenehmen Beigeschmack, den sie sonst nach Kastanienfütterung hat. Man lasse die jetzt reifenden Kastanien von den Kindern sammeln und gebe ihnen sür einen Centner eine gewisse Belohnung. ♦ Aufbewahrung des Obstes. Heuer, da die Obst- ernte wieder eine so reiche ist, lohnt es sich, dasselbe aufzubewahren und zu überwintern. Die hierzu dienenden Räumlichkeiten, ob Keller oder Kammer, sollten möglichst auf der Nordseite des Hauses liegen, um durch den stetigen Temperaturwechsel weniger beeinflußt zu werden. An deM Wänden, auch im inneren Raume werden Lattengerüste bissszur Decke aufgestellt, deren Fächer bequem zu überseheiMnd und mindestens 75 Centimeter bis 1 Meter Zwischenraum besitzen. Die Lattenflächen werden zuvor mit frischem, glatten Langstroh dünn bedeckt und dann erst mit Früchten, belegt nachdem sie einige Tage an der frischen Luft zum Abdünsten ausge- breitet waren. Rauhschalige Sorten, wie Reinetten, müssen sofort nach dem Pflücken in die Aufbewahrungsräume gebracht werden, da sie schnell welken. Je weniger Schichten übereinander liegen, um so besser wird sich das Obst aufbew^hren lassen und sollen auf ein Quadratmeter nur ungefähr 25 bis 30 Klg. Obst untergebracht werden. Die Temperatur des Raumes, der vollkommen dunkel und trocken sein muß, soll höchstens + 6 Grad Reaumur betragen. Von großer Bedeutung ist eine gute Ventilation. Bei trocknem, nicht zu kaltem Winterwetter muß stets in den Mittagsstunden gelüftet werden. Bei eintretender lang anhaltender Feuchtigkeit ist es empfeh- lenswerth, Chlorkalcium auszulegen. Genanntes Salz legt man auf Brettern mit Rillen aus, die von ihm abforbirte Feuchtigkeit kann hier leicht als abfließendes Wasser aufge- fangen und entfernt werden. Oftmalige, aber vorsichtige Untersuchung des Obstes, wobei alle schadhaften und angefaulten Früchte schleunigst entfernt werden, ist ferner nothwendig, um größeren Verlusten vorzubeugen. ♦ ♦ Hase in schwarzer Sauce. Den in zwetfingerbreite Stücke geschnittenen Hasen bringt man mit 300 Gramm Butter, einigen Lorbeerblättern, Pfeffer und Salz, */< Liter Rothwein, */4 Liter Wasser, 20 Gramm Liebigs Fleischextract, und 40 Gramm schwarzem Brode in eine Kasserole und läßt bei geschloffenem Deckel Alles eine Stunde dünsten. Hieraus nimmt man die Hasenstücke heraus, gießt V. Liter Rahm zur Sauce, läßt diese mit 40 Gramm Zucker und womöglich auch mit etwas Hasenblut äufkochen, treibt die Sauce durch ein Sieb, schöpft das Fett davon, läßt sie nochmals auskochen und schüttet sie über die auf einer Schüssel zierlich angerichteten Hasenstücke. _____________ Vermischtes. Kasernenhofblüthe. Unteroffizier (zu einem recht mageren Rekruten): ,,Mensch, Sie sehen ja aus wie ein Abreißkalender am 31. December!" — ♦ • • Erkannt. Bauer (der soeben sein Gehöft versichert hat, zum Versicherungs-Agenten): „Was krieg' i' jetzt, wenn'z nächste Woch' scho' bei mir brennt?" — Versicherungs-Agent: „Nun, da können Sie schon drei bis vier Jahre Zuchthaus kriegen!" ♦ * Ein edler Gatte. Sie (vor einem Confectionsge- schäft): „Ach, Oekar, ich hätte nur ein Ideal: kaufe mir dieses grünseidene Kleid!" — Er: „Aber, was fällt Dir ein, liebe Elise, ich werde Dir doch nicht Deine Ideale rauben!" — * ♦ ♦ Doch etwas. Förster (zu seinem Nebenmann, der auf einen Hasen geschossen): „Na, getroffen?" — Lieutnant: „Das zwar nicht, aber — aus seiner früheren Richtung hab' ich ihn doch geschlagen!" — ♦ Das artige Fritzchen. Tante: „Hier, Fritzchen, hast Du ein Stück Kuchen. Nun, was muß man sagen?" - Fritzchen: „Ich bitte noch um eins." ♦ Naiv. Gerichtskassenrendant (bei Auszahlung des Zeugengeldes): „Haben Sie etwas versäumt?" — Fräulein (verschämt): „Jawohl... ein Rendez-vous!" * ♦ ♦ Hyperbel. Chef (zum Commis): „Gehen Sie nicht so verschwenderisch um mit dem Streusand. Sie denken wohl, ich hab 'n Rittergut in der Sahara?" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schcn Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen.