herab, daß die heiteren Klänge verlockend durch die Reihen der glänzenden Gesellschaftssäle hallten und es wurde viel und im lebhaftesten Tempo getanzt. Die älteren Damen hatten auf den Sammtdivans Platz genommen und schauten dem jungen tanzlustigen Volke mit Vergnügen zu. Größere und kleinere Gruppen stauden plaudernd und lachend im Prunksaal umher oder promenirten in den feenhaft erleuchteten Nebenräumen. Ganz allein saßen in einer Ecke des Ballsaales zwei Damen. Die rothe Sammetdraperie der Wand bildete gleichsam einen Rahmen um beide. Die eine derselben war ein schönes junges Mädchen mit zartrostgem Gesicht, tiefen blauen Augen und kirfchrothen Lippen. Das hellblaue Crepekleid, deffen Taille ein goldener Gürtel umschloß, floß in duftigen Falten an der schlanken Gestalt hinab. Das Haar war braun, mit goldigem Schimmer und wallte in natürlichen Locken über Nacken und Schultern. Das junge Mädchen nahm an dem fremdartigen farbenprächtigen Treiben rings umher mit offenbarer Begeisterung Thetl, während ihre bedeutend ältere Begleiterin, eine kleine, corpulente Dame mit gütigem Ausdruck in den Zügen und in altmodische Seide gekleidet, etwas gelangweilt vor sich hinblickte. „Wollen wir nicht auch nach Hause gehen?" fragte letztere während einer Tanzpause. „O nein, Mama, noch lange nicht. — Ich finde es reizend hier und möchte auch gern tanzen!" entgegnete das junge Mädchen lebhaft. „Du willst tanzen, Amalie?" frug erstaunt die gutmüthige Mutter. „Gewiß, Mama!" „Aber Du kennst ja hier noch Niemanden, da wir gestern erst angekommen sind l" „Schadet nicht! — Hier kennt überhaupt keiner den Andern! Ich hoffe aber trotzdem bestimmt, noch einen Tänzer zu bekommen. Ich bin nun immer solch' ein tanzlustiges Wesen, wie Du weißt, Mama, und kann dieser bezaubernden Ballmusik kaum widerstehen. Hör' nur den reizenden Walzer! „Rosen aus dem Süden" heißt er. Ach, wie schön!" Und sie wiegte den schlanken Körper nach dem Takte der berauschenden Musik hin und her. „Aber Annie!" mahnte die alte Dame und musterte ängst- lich ihre Umgebung. „Sich' nur, man wird schon aufmerksam aus Dich!" Und in der That: mehrere Herren kreisten in ihrer Nähe herum und betrachteten verstohlen das reizende Mädchen — scheinbar überlegend, ob sie sich vorstellen und um einen Tanz bitten sollten. tt den- Weise Köpfe, nde an äßt sie o dicht n oder rge ge- fäßchen ch dann gutem Wasser gefüllte n Alles leim je* zerläßt wieder stehen, lufzube- ? Be- jellgelbe -cheiben, ie hier- sie ab- Dann td koche V2 Kilo und ein erkaltet, i Arac- id Per- se muß en aber rt nicht, i haben >gnet ja in, nur Vater- en vor- it." - n Max, ch vor- mzu an nbraten stch ge- eltsam, idestens (dessen ?" - hr!" e denn intags- nicht, AnteichaltrrnSsblatt sum Gistzener Anzeigen (Generml-Anzeiger) Ä Samstag, dm 18. August. Geläuterte Herzen. Novelle von Johanna Berger. ------- ^Nachdruck verboten.) Der Maimonat des Jahres 1883 hatte fröhlichen Einzug in's Land gehalten und die Frühlingssonne leuchtete warm und goldig über die schöne Kurstadt Karlsbad in Böhmen. Im romantischen Teplthal, wo Karlsbad liegt, grünte und blühte Wald und Flur zur rechten Herzensfreude der Bewohner nach langer und schwerer Wintersnoth. Im Mai ist Karlsbad verhältnißmäßig nur eine stille Stadt und noch ziemlich frei von dem geräuschvollen Treiben des modernen Badelebens, da der große internationale Strom der Kurgäste sich erst im Juni einfindet, wo das Gewühl und Gedränge namentlich des Morgens bei den verschiedenen Heilquellen gewaltig ist und fast sinnverwirrend auf den Fremden wirkt. Heute, am ersten Mai, brachte das Fest der Brunnenweihe eine heitere und glanzvolle Abwechselung in das bis dahin stille Badeleben. Schon am frühen Morgen bot die mit Fahnen, Guirlanden und Kränzen geschmückte Stadt einen prächtigen Anblick dar. Da fand sich kein Haus ohne den Ausputz grüner Tannengewinde, nicht ein Giebel, von dem nicht ein Fähnlein herabflatterte. Die Brunnen-Colonnaden hatten auch ein Festgewand angelegt und begrüßten die Kurgäste mit zahllosen Fahnen und Wimpeln in österreichischen und deutschen Farben, mit Blumen und Festons, und die goldene Morgensonne that das ihrige, um die Scenerie noch zu verschönern. Die Kurcapelle spielte ihre lieblichsten Weisen und leitete damit das Fest ein. Darauf fand Gottesdienst in der Stadtkirche statt, dem die Repräsentation sammt bett Honoratioren de» Ortes, wie auch dis Mehrzahl der Kurfremden beiwohnte. Von dort begab sich der Festzug mit Musik zu den verschiedenen Heilquellen, um bei jeder einzelnen die Einweihung vorzunehmen. Glockengeläute und die vom Schützencorps abgegebenen Salven trugen noch zur Erhöhung der Feier bei. Am Nachmittag war Concert in verschiedenen Musikpavillons und zum Schluß Tanz-Reunion im großen Kursaale, welche durch die Verschiedenartigkeit^der Nationen, die dort vertreten waren, viel Interessantes bot. Die Betheiligung an der Tanz-Reunion war ziemlich bedeutend, da auch nicht der geringste Zwang dabei herrschte. Jeder kam, wann und wie er wollte, selbst in einfacher Promenadentoilette. Die prachtvollen Kronleuchter verbreiteten im Saale ein Meer von Licht, die Musiker schmetterten ihre Wiener Walzer, Franeaisen und Quadrillen von der Empore 382 Am Eingang des Saales stand ein junger österreichischer Offizier, dessen Blicke ohne Unterlaß auf den beiden Damen ruhten. Er war von hoher, imposanter Gestalt, sein Haar dunkel und die Farbe des stolzen Gesichtes tief gebräunt, über dem wohlgeformten Munde kräuselte sich ein starker Schnurr» bart. Die ganze Erscheinung zeigte das Gepräge vornehmer Ritterlichkeit. Er trug die kleidsame Uniform eines österrei» chischen Dragonerregiments. Wie magnetisch durch seine Blicke angezogen, sah Annie jetzt gleichfalls zu dem jungen Manne hinüber. Und dann trafen sich Beider Blicke. Sie erröthete tief und senkte die Wimpern. Im nächsten Augenblicke stand der Offizier aber schon vor den beiden Damen, grüßte ehrerbietig und sagte in verbindlichem Ton: „Verzeihung, meine Gnädigen, mein Name ist Bernthal — Oberlieutenant Bernthal. Darf ich um eine Tour bitten?" Annies Gesicht strahlte. Sie erhob sich sofort und legte mit glücklichem Lächeln ihre kleine Hand auf seinen ihr dargebotenen Arm. Er umfaßte die leichte Mädchengestalt, die sich schüchtern an ihn lehnte, und schwebte flott und anmuthig mit ihr durch den weiten Saal. Er tanzte vorzüglich und mit leidenschaftlichem Feuer. Wie auf Flügeln schwebten Beide dahin. Rechtsum — links- um — mehrere Male kreisten sie durch den weiten Raum. Es war selige Lust, so dahinzugleiten und sich zu wiegen nach den bald jauchzenden, bald klagenden Walzermelodien. Die Musik schwieg, der junge Offizier führte seine Tänzerin an ihren Platz zurück und bat um die nächste Quadrille. Hochbeglückt willigte Annie ein, und wenn sie auch nicht durch Worte ihre Freude äußerte, so redeten doch ihre blauen, seelenvollen Augen eine gar deutliche Sprache. „Ich amüsire mich köstlich," flüsterte sie der Mutter in's Ohr, nachdem der Oberlieutenant sich entfernt hatte. „Dieser Oesterreicher tanzt famos, viel schneidiger noch als unsere jungen Offiziere in Deutschland. Und Du glaubst nicht, Mama, welch' reizender Mensch er ist — wirklich nett! Er lächelt so hübsch, und spricht so herzig mit seinem österreichischen Accent und ist so höflich — ich meine nicht mit Verbeugungen — aber so höflich, wie — wie —" „Wie wer?" frug die Mutter mit staunender Wißbegier. „Wie nur ein Prinz sein kann, Mama!" Die alte Dame lachte. „Ach, Kind, Du schwärmst," sagte sie kopfschüttelnd. „Und er hat Dich ganz heiß gemacht — er tanzt zu wild, zu leidenschaftlich!" Annie wehte sich mit dem Fächer eifrig Kühlung zu. „Thut nichts — es war schön, himmlisch schön mit ihm zu tanzen! Jetzt fängt die Musik wieder an, er wird gleich kommen und mich zur Quadrille holen." Sie trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Fächer herum und warf ihre Locken zurück. „Annie, was für ein Mädchen Du doch bist?" seufzte die Mutter. „Du mußt Dich besser beherrschen." Jetzt trat Bernthal wieder zu ihnen, machte eine tiefe Verbeugung, sah Annie bittend an und führte sie davon. Die Touren der Quadrille waren dieselben wie in der Heimath und doch mutheten sie das junge Mädchen eigenartig an. Weshalb, wußte sie selbst nicht. Aber sie ging neben ihrem Tänzer her wie in stiller Verzückung, die Musik klang ihr wie Sphärenmusik. Sie spielte in den Pausen des Tanzes mit ihren Handschuhen, streifte sie halb von den weißen Armen und zog sie wieder hinauf, es war ihr unmöglich, ihre Empfindungen zu meistern. Der junge Offizier sprach nicht viel, aber wenn er etwas sagte, konnte sie, die sonst immer so schlagfertig war, seltsamer Weise nur stammelnd antworten. Es schien etwas wie Zauber, aller Wirklichkeit Entrücktes an dem Orte, in der berauschenden Musik zu liegen. Dabei Mts Annie, daß Bernthals Augen beständig auf ihr hafteten, und wenn sie aufblickte, dann tauchten Beider Blicke ineinander, um sich gleich wieder zu fliehen und zu meiden. Dieses Begegnen, dieses Fliehen machte das junge Mädchen nur noch verwirrter. Die Quadrille war zu Ende und Annie kehrte mit seltsam verklärtem Gesicht zu ihrer Mutter zurück. „Laß uns nun nach Hause gehen, bitte, Mama," bat jetzt Annie mit glühenden Wangen. „Ich mag jetzt nicht mehr tanzen!" „Ja, ja, Kind, ich breche gern auf, weil ich todtmüde bin," versetzte die alte Dame und gähnte. „Und morgen muß ich schon frühzeitig am Brunnen sein I" Die beiden Damen entfernten sich still und sprachen auch nicht viel auf dem Heimweg. Es war eine schöne Nacht und der Himmel ganz von Mondenglanz überfluthet. Auf der breiten Straße gingen noch viele Leute spazieren und ihre Stimmen mischten sich mit dem leisen Rauschen des Teplflusses, der wie ein silberner Bogen den Weg umsäumte. Annie blieb beständig ein paar Schritte hinter der Mutter zurück, um noch immer der bezaubernden Musik zu lauschen, die allmählig in der Ferne verklang. Ihre Blicke folgten träumerisch dem schäumenden Wasser und hafteten auf den nassen Steinen, die seinen Lauf hemmten, und immer langsamer, zögernder wurden ihre Schritte, als könne sie sich nicht entschließen, weiter zu gehen. „Annie!" rief jetzt die Mutter, die sich umschaute und bemerkte, wie weit ihr Kind zurück war. „Annie, wo bleibst Du?" Das Mädchen erwachte wie aus einem Traum und eilte der Mutter hastig und mit erröthenden Wangen nach. Sie wußte ganz bestimmt, daß die Mutter ihre Gedanken nicht er- rathen konnte und doch fürchtete sie, daß es geschehen sein könnte. ♦ * ♦ Oberlieutenant Bernthal hatte gleichfalls den Tanzsaal verlassen und begab sich in ein nebenanliegendes Gesellschaftszimmer, wo er sofort von einer Anzahl seiner Kameraden umringt wurde. „Sie Glücksmensch, wir haben Sie vorhin beneidet I" rief ein junger Offizier mit gelblichem Gesicht und einer dünnen Stimme. „Wahrhaftig, Ihre Tänzerin war bezaubernd!" „Fesches Mäderl tst's — zum Anbeißen hübsch!" meinte ein Anderer. Bernthal lächelte still vor sich hin und zuckte mit den Achseln. „Die Kleine ist Ihnen wohl noch nicht schön genug, Sie anspruchsvoller Mensch?" sagte der erste Sprecher wieder. — „Sie ist ein Engel, ein holdes Gottesgeschöpf und im Tanz schwebte sie unter den anderen Damen wie eine Elfe dahin!" „Sie werden ja ganz warm und schwärmerisch wie ein Verliebt«, Kamerad 1" spottete jetzt Bernthal. „Sie sind vielleicht in die Kleine verliebt?" „Nun, wenn ich's noch nicht bin, kann ich es doch noch werde«," fuhr Jener unbeirrt fort. „Und wenn die junge Dame von honnetter Familie ist und das nothwendige Vermögen besitzt, dann kann man nicht wissen, was geschieht. Ich heirath« .sie gleich vom Fleck weg, denn sie ist wirklich reizend, die Kleine! — Freilich, ich bin nur ein armer, unansehnlicher Kerl, während Sie heute schon coloflale» Glück bet ihr hatten," fügte er kleinlaut hinzu. „Wieso — ich?" fragte Bernthal betroffen. „Nun, das konnte ein Blinder sehen! Sie haben die schöne Fremde im Sturm erobert! Thun Sie nur nicht so unschuldig — dar ist ja schauderhaft, wirklich schauderhaft!" Der junge Offizier wechselte lebhaft die Farbe, dann lachte er kurz und spöttisch .'auf. Er ging aber auf das Gespräch gar nicht weiter ein und sprang gewandt auf ein anderes Thema über. » ♦ ♦ Annie bewohnte mit ihrer Mutter, der verwittweten Gerichtsräthin Göhren, zwei kleine freundliche Logierzimmer im Oberstock einer Villa in der Parkstraße. Die Wohnung war verhältnißmäßig billig zu nennen, aber die Wirthin des Hauses, eine wohlhabende alte Jungfer, die sich nicht veranlaßt sah, Zinsen zum Capital zu schlagen, vermiethete ihre Zimmer nur - 383 - an vornehme Damett, tittb es kam ihr dabei auf hohen Gewinn nicht an. Das alte Fräulein, Rosa Brunner mit Namen, war die verkörperte Güte und Liebenswürdigkeit für ihre Kurgäste. Wer irgend etwas auf dem Herzen hatte, kam stets zu ihr und fand sie immer zu jeder Hilfe bereit. Alle, welche nur einmal bei ihr logirt hatten, hingen mit Liebe und Freundschaft an der vortrefflichen Dame und trugen diese Anhänglichkeit mit in die weiteste Ferne hinaus. Frau Gerichtsräthin Göhren war durch Bekannte, welche früher in der Villa gewohnt hatten, an Fräulein Brunner empfohlen worden und hatte sofort die freundlichste Aufnahme gefunden. Der Arzt hatte der Gerichtsräthin eine Kur in dem berühmten Weltbade verordnet, nachdem bet einem hartnäckigen Leberleiden sich verschiedene Heilmittel erfolglos erwiesen. Annie war zur Begleitung der Mutter mitgereist, da diese sich niemals von dem einzigen Kinde trennen konnte, welches ihr ganzes Glück ausmachte, seitdem ihr Gatte gestorben war. Die alte Dame lebte keineswegs in glänzenden Verhält- niffen. Die bescheidene Wittwen-Pension und die Zinsen eines mäßigen Vermögens bildeten ihre ganzen Einkünfte. Aber sie verstand es, sich mit dem knappen Einkommen einzurichten und mit ihrer Tochter vollkommen sorgenfrei und angenehm zu leben. Annie hatte eine sehr gute Erziehung erhalten, verkehrte in besten Gesellschaftskreisen und fand häufig Gelegenheit, sich ihres jungen Lebens zu erfreuen. Die Mutter zweifelte nicht daran, daß sich die Zukunft für ihr schönes, von der Natur reich begünstigtes Töchterchen nur vorzüglich gestalten würde. Am Morgen nach der Reunion erhob sich die Räthin schon um sechs Uhr von ihrem Lager, um zum Brunnen zu gehen. Annie schlief noch und sie wollte sie auch nicht stören. Er war schon am Abend vorher verabredet worden, daß sie später nachkommen sollte. An der Mühlbrunnen-Colonnade wollten sich Beide treffen, um dann in irgend einem Restaurant das Frühstück zu nehmen. Die alte Dame fand am Brunnen bereits einen starken Besuch vor. Die Kurgäste bewegten sich in der Reihe, wie sie gekommen, zu der Heilquelle, um sich von den Brunnenmädchen die Becher füllen zu lasten. Niemand wagte es, die vorgeschriebene Ordnung zu unterbrechen: Vornehm oder Gering, Reich oder Arm wanderte unter den Klängen der Orchester-Musik im langsamen Gänsemarsch dem Ziele entgegen. Die Stadtuhr verkündete die achte Morgenstunde, die Räthin hatte schon drei Becher getrunken, da kam Annie den Quai an der Tafel entlang. Sie trug ein weißes Kleid von leichtem wollenen Stoff und einen kleinen Strohhut mit schwarzem Band. Am Gürtel hatte sie einen Strauß frischer Maiblumen befestigt; über dem rosigen Gesicht lag es wie goldiger Sonnenglanz. Sie lief der Mutter fröhlich entgegen und reichte ihr die Hand. „Guten Morgen, Mamachen!" rief sie. „Hast Du gut geschlafen?" „So ziemlich," nickte diese. „Ich war schon zeitig auf und bin jetzt fertig mit Brunnentrinken. Wir wollen zum Kaffee gehen." Dann schritten Beide plaudernd weiter, die Mühlbadgaffe hinab und über den Marktplatz, wo es sehr lebendig war und von Kurfremden wimmelte, nach der alten Wiese, dem beliebtesten Promenadenplatz Karlsbads, um durch die herrliche Kastanienallee zu den Pupp'schen Anlagen zu gelangen und dort das Frühstück einzunehmen. Zweimal täglich war das Pupp'sche Etablistement der Versammlungsort der vornehmen Badewelt. Das erste Mal, wenn die Arbeit frühmorgens am Brunnen verrichtet worden — das zweite Mal am Nachmittag und gegen Abend, wo entweder im Freien unter den schattigen Bäumen oder in den eleganten Glasveranden mit einer nur hier heimischen Ungenirtheit Kaffee und Thee getrunken und in den großartigen Speisesalons dinirt oder soupirt wurde. Heute bei dem schönen Wetter schienen sich die ganzen Karlsbader Kurgäste bei Pupp ein Stelldichein gegeben zu haben, denn jeder Platz war besetzt. Strahlendes Sonnenlicht umfing Alles. Die Wipfel der Bäume schimmerten im smaragdenen Licht, die Vögel sangen und im Hintergründe grüßte der frische grüne Wald herüber. „Ach, wie schön, Mama, wie schön!" rief Annie begeistert aus. „Ja, in der That, es ist wunderschön hier und wenn wir erst einen hübschen Platz zum Kaffeetrinken gefunden haben, wird es noch angenehmer sein," erwiderte die Räthin, indem sie nach allen Seiten scharfen Ausguck hielt- Dem Musikpavillon gegenüber, in einer stillen Ecke, war noch ein Tisch fast frei. Nur ein Herr saß daran und las Zeitungen. Die Räthin schritt ungenirt darauf los, verneigte sich und fragte, ob sie hier Platz nehmen dürfte. Der Herr blickte flüchtig auf, lüstete seinen Hut und rückte bereitwillig zur Seite, um den Damen Raum zu geben, dann vertiefte er sich wieder in seine Zeitung. So saßen denn die drei Personen ruhig beisammen, ohne miteinander zu sprechen. Die beiden Damen beobachteten mit lebhaftem Interests die fremde Badegesellschaft, musterten die geputzten Damen und athmeten mit Behagen den frischen Dust des Waldes ein, der sich bald mit dem feinen Aroma des Kaffees mischte, welchen Pepi, dis saubere Kaffesmamsell, zierlich servirte. Ihr Tischnachbar blickte kaum von seiner Zeitung auf und nahm keine Notiz von ihnen. Er schien ein stiller, in sich gekehrter Mann zu sein und war längst über die erste Jugend hinaus. Er war groß und schmächtig, hatte feine, durchgeistigte Züge, welche ein starker Vollbart halb verdeckte, und tiefe ernste Augen. Ein Heller, ärmelloser Mantel hing von seinen Schultern herab, sein grauer Anzug und der um einen Schatten dunklere Filzhut waren von modernem Schnitt. Die Räthin brannte vor Neugier, zu erfahren, wer wohl der Fremde sei; seinem Aussehen nach konnte er nur ein feiner Mann sein — vielleicht auch ein Baron oder ein Graf. Aber er hüllte sich beharrlich in Schweigen und Unnahbarkeit. Annie kümmerte sich nicht um ihn, sie schlürfte ihren Kaffee, ließ die blauen, sonnigen Augen munter in die Runde schweifen und benahm sich so, wie es jedes andere wohlerzogene Mädchen gethan haben würde, unbefangen, harmlos imb zurückhaltend. Plötzlich stieg glühende Röths in ihr Gesicht, ihre Blicke spannten sich und richteten sich fest auf einen Punkt. In der Thür des Speisesalons erschien die stolze, reckenhafte Gestalt des Oberlieutenants Bernthal, der die meisten seiner Kameraden um eines Hauptes Länge überragte. Er blieb wie abwartend einen Augenblick auf der Schwelle stehen, spähte eifrig umher und schritt dann langsam zu einem Tisch, an welchem ganz allein eine junge Dame saß, die er sehr freundlich begrüßte- Sie war eine blendend schöne Erscheinung mit kohlschwarzen Augen und prachtvollem rothblonden Haar, sah aber sehr kokett und auffallend aus. Sie nahm mit zierlich spitzen Fingern einen seidenen Shawl vom nächsten Seffel und bedeutete den jungen Offizier, sich an ihrer Seite niederzulassen. Er that es nach einigem Zögern und nun lehnte sie sich in ihrem Sessel zurück und begann angelegentlich auf ihn einzusprechen und mit ihm zu kokettiren, wobei sie ihm zuweilen einen leichten Schlag mit ihrem Fächer auf den Arm versetzte. In der eigenartig pikanten Schönheit dieses jungen Weibes lag ein wahrhaft sinnverwirrender, fast dämonischer Zauber. Annie ließ ihre Augen nicht von dem jungen Paar, wenn sie auch nicht hören konnte, was sie miteinander sprachen, so entging ihr doch keine Miene, keine Bewegung. „Steh' nur, Mama!" rief sie nach einer Weile. „Dort drüben ist ja mein Tänzer von gestern, der österreichische Räthin räusperte sich verlegen, denn ihr Tischnachbar blickte soeben von seiner Zeitung auf. „Aber entzückend war's doch gestern, Mama — ich träumte 384 die ganze Nacht davon!" fuhr Annie unbekümmert fort. Nächsten Samstag ist wieder Reunion, und wir gehen hin! Bitte, bitte — ich will wieder tanzen!" Die alte Dame schüttelte den Kopf. „Du darfst nicht Nein sagen, Mamachen!" schmeichelte die Kleine. „Was willst Du auch anfangen, wenn ich auf meinem Willen bestehe?" „Du bist ein ganz verwöhntes, unnützes Ding — rch muß die Zügel straffer halten!" flüsterte die Räthin mit einem ängstlichen Blick auf ihr Gegenüber. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Einen angenehmen Obst- Schaumwein als Laustrunk bereitet man folgendermaßen: Ganz klarer Obst« wein wird in eine Champagnerflasche gefüllt, worauf man 5 Gramm doppelkohlensaures Natron und 4,2 Gramm Ct« tronensäure mit demselben vermischt, und zwar in der Weise, daß man, sobald jene beiden Stoffe in die Flasche geschüttet sind, letztere möglichst rasch verkorkt und den dicht eingetriebenen Kork mit Draht befestigt. Nach 6 Stunden schon ist dieser „Champagner" reif und trinkbar. * Mittel gegen Erdflöhe. Bestreuen der Pflanzen mit Kalk oder Schwefelstaub am Morgen nach dem Thau; Begießen mit Wermuthwaffer (eine Hand voll Wermuth in 70 Liter heißes Wasser geworfen und 12 Stunden darin belassen) oder mit Tabakaufguß (1 Kilo in 90 Liter Waffer); Aus- leqen von Hobelspähnen, die man in heißen Kohlentheer getaucht hat, zwischen die Pflanzen oder auch Durchziehen von Brettchen, die mit ähnlicher klebriger Maffe bestrichen und an denen Reiser zum Aufstöbern der Käfer angebracht sind. durch die Pflanzreihen. - Säet man zwischen den Pflanzen Garten- kreffe, die Lieblingsnahrung der Erdflöhe, so werden Me mehr verschont. — Man mische zwischen den Rübsamen bei äufig den fünfzehnten Theil Hanfsamen und baue diesen vereint ein. Die Rübenpflanzen bleiben dadurch von den Erdflöhen verschont. — Man mengt unter 1 Liter Sägemehl 30 Gramm Schwefelblüthe und bestreut die Felder, auf denen der Schätz- ling haust, so dünn, wie beim Aussäen von Samen; oder man nimmt gewöhnliche Sägespähne, beträufelt sie mit etwas Petroleum, rührt sie gut durcheinander, läßt sie einige Stunden liegen, worauf man die Spähne auf und zwischen den Pflanzen ausstreut. # , Perlhühner sollte sich* Jeder, der über einen Gras- und Gemüsegarten verfügt, aufziehen. Das Fleisch derselben ist außerordentlich wohlschmeckend, und die Eier gelten »Mich den Kibitzeiern, als Leckerbissen. Außerdem sind diese Thiere auch die besten Vertilger von Insekten aller Art, und deren Puppen, Würmern, Raupen, kleineren Schnecken rc. und scharren nicht. , . Weber Fehlbrute«. Eier, die über drei Wochen alt find oder welche bezogen und, wie beiläufig erwähnt, unterwegs viel gerüttelt wurden, liefern Fehlbruten. Der Land- mann achtet auf ersteres zu wenig unt'schadet sich dadurch selbst. Eine tüchtige Hausfrau sucht sich die Bruteier der besten Legerinnen aus uud bezeichnet sie mit dem Datum. Dann kann sie nicht irre gehen. * Ziegenzucht. Die Hebnng der Ziegenzucht ist ent- schieden von großer wirthschaftlicher Bedeutung. Der Milch- ertrag guter Ziegen kann sich aus 700 Liter jährlich belaufen. Die Mtlchergiebigkeit guter Ziegen hält vom Wersen (März- April) bis in den December hinein, i« oft noch länger an. Am besten gedeiht die Ziege, wenn man ihr Weidegang gewährt ; da dies jedoch nicht überall möglich, oder rathsam ist, schon weil diese naschhaften Thiere viel Schaden anrichten können, kommt vielfach die Stallhaltung in Frage. Bei letzterer sorge man für eine gute engsprossige Raufe und einen genügend breiten Trog, und gebe das Futter in kleinen Por- ionen. Man rechnet für eine Milchziege für sechs Wintermonate zusammen 6 bis 7 Ctr. gutes Dürrfutter. Als Bei- utter gibt man Kleientränke und geschnittene Rüben. Mei der Stallhaltung muß die Ziege täglich gestriegelt und gebürstet werden, überhaupt ist darauf zu sehen, daß sie ein trockene«, gutes Lager hat. Im vierten bis fünften Altersjahre steigt deren Nutzungsfähigkeit am höchsten und nimmt vom sechsten bis siebenten Jahre wieder ab. Ueber zehn Jahre alte Ziegen geben wenig Nutzen mehr und; müssen abgeschafft werden. Der häufig beobachtete widerliche Geschmack der Ziegenmilch kommt besonders bei dunkelfarbigen und gehörnten Thieren vor und füll auch nach starkem Laubsutter auftreten; sonst gleicht die Milch im Geschmack fast völlig der Kuhmilch, ist etwas fett« reicher und besonders geeignet als Kindernahrung, vor Allem auch deshalb, weil bei den Ziegen Tuberkulose nur äußerst selten vorkommt, die Thiere überhaupt bei einigermaßen sorg- samer Pflege sich einer unverwüstlichen Gesundheit erfreuen. Aus diesem Grunde schon hat die Ziegenzucht eine nicht gering anzuschlagende volkswirthschaftliche Bedeutnng. — Außer der Milch ist aber auch noch das Fleisch und das Fell der Ziegen nutzbar. Junge, gemästete Ziegen haben vorzügliches, zartes Fletsch und aus den Fellen derselben macht man Glacehandschuhe. — Dem Ziegendünger sagt man nach, daß er besonders gut sei und sich sehr rasch zersetze. Vermischtes. Unverfroren. Kriminalbeamter (dem ein gefährlicher Verbrecher entwichen ist): „Steh' oder ich gebe Feuer!" - Verbrecher: „Ick danke — ick rooche «ich!" ♦ ♦ • Der Liebling der Damen- „Herr Lieutenant, Sie haben ja eine Menge blauer Flecken im Gesicht. Woher kommen die?" — „Mädels haben gestern ihre Augen auf mich geworfen!" * e DieEhre gerettet- Liese: „Denk'Dir, nur Minna, wie geizig meine Madam' ist. Sie gibt morgen eine Kaffee- gesellschaft und da soll ich die Damen einladen zu einer Tasse Kaffee. Na, ich thät' mich schämen, wenn ich das hält' ausrichten sollen." — Minna: „Was hast Du denn da gesagt? — Liese: „Ich habe überall gesagt, zu zwei Tassen Kaffee mit Kuchen, da« klingt doch nicht gar so verhungert." * * Schmeichelhafte Freude. „Warum weinen Sie, liebe Emma, habe ich Sie beleidigt?" — ,,D nein, das sind nur Freudenthränen. Meine Mutter sagte heute zu mir, du bist so dumm, daß du nicht einmal einen Esel zum Liebhaber bekommst — und nun habe ich doch einen!" • * Eigene Auffassung. Erster Student: „Was? Meinen neuen Rock soll ich Dir pumpen? Ja, wenn Du's nur allein wärst, aber da kommt die ganze Gesellschaft. . . Zweier Student: „Na, ich denke, es ist ein Gesellschafts-Anzug?" * * * Im Eifer. Hausherr: „Bevor Sie einziehen, muß ich Ihnen bemerken, daß ich es liebe, wenn die Miethe pünktlich bezahlt wird!" Student: „Ist auch mein Prinzip: Entweder pünktlich — oder gar nicht!" Redaction: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen.