Anterchaltrrngsblatt jum Giehenev Anzeigen (Genevnl-Anzeigev) ^WUl Dienstag, dm 17. Juli. Das Geheimmß der Droschke. Von F. Hume. (Fortsetzung.) Jvanyi hatte unterdeß in der Zeitung eine Notiz entdeckt, welche ihn veranlaßte, wieder an den Mann zu denken, der ihm so beharrlich nachgegangen war. Die Nachricht, ziemlich geheimnißvoll abgefaßt, besagte, daß es der Polizei gelungen sei, einige Anhaltspunkte zu finden, welche die Ausforschung der Verbrechens wesentlich erleichterten. Einen Augenblick lang dachte Jvanyi daran, von Wien abzureisen, dann aber überlegte er, daß durch seine Abreise dem einmal gefaßten Verdachte neue Nahrung zugesührt werde und er entschloß sich, zu bleiben, mochte kommen, was da wolle. Er fühlte kein feiges Mitleid mit sich selbst — nur mit jenem zarten, herrlichen Wesen, das er mehr liebte als sein Leben, in dessen Dasein e» keine Kümmerniß, keine Sorge, kein Leid, keine Thräne geben sollte. Das, was er wußte, was er zutiefst in seiner Brust als strenges Geheimniß hütete, das sollte Margarethe, die arme Margarethe niemals erfahren — lieber wollte er daran selbst zu Grunde gehen! Er läutete seiner Wirtschafterin und machte ihr die Mittheilung, daß er jetzt ausgehe, um erst des Abends nach Hause zu kommen. „Ah," sagte sie versöhnt, „das wird Ihnen gut thun. Gehen Sie fleißig spazieren. Wie ich gesehen, haben Herr von Jvanyi das Frühstück gar nicht berührt. Und die Bewegung in freier Luft wird Ihnen Appetit machen. Ein Bruder meiner Mutter ist Omnibus-Conducteur — der hat mmer einen rechtschaffenen Hunger —" „So, so," unterbrach Jvanyi lächelnd den Redestrom der Frau Kroll. „Freilich," fuhr sie dadurch ermuntert fort, „freilich — und ein Neffe meiner seligen Schwester war Briefträger, der war auch bekannt wegen seines guten Appetits." „Richtig," fiel Jvanyi ihr in's Wort, „beinahe hätte ich vergessen, Ihnen zu sagen, daß ich schon Nachmittags heim- wmme, und zwar mit Herrn Weber und Fräulein Margarethe. Sie wünscht schon längst zu sehen, wie ein Junggeselle wohnt, und ob sie viel an mir zu bessern haben werde, um einen häuslichen Eheherrn aus mir zu machen. Nehmen Sie sich also zusammen, Frau Kroll, Ihnen wird es nicht schwer fallen, Kaffee und Gebäck vorzubereiten, die sich sehen lassen können." „Ah," meinte Frau Kroll geschmeichelt und vor Freude erglühend. „Ich werde mich mit meinem Kaffee auszeichnen. Solche junge Damen meinen gewiß, ein Herr sei schlecht aufgehoben bei einer Haushälterin. Freilich kennt sie mich nicht — und meinen Kaffee auch nicht. Eine Tante meiner Mutter, die bei einer Gräfin aus- und eingegangen ist, hat immer gesagt: Bei der Mizzi (das bin ich) trinkt man den besten Kaffee. — Und einen Guglhupf will ich Ihnen backen — na, ich sage gar nichts — aber mein seliger Vater, der gewiß wählerisch war —" „Ich weiß, Sie werden es gut machen, Frau Kroll," entgegnete Jvanyi belustigt und entfernte sich schnell. Eine Weile darauf läutete es an der Wohnungsthüre und Frau Kroll beeilte sich, zu öffnen. Vor ihr stand Herr Wendelin Adamek, der vor Ungeduld brannte, etwas über Jvanyi zu erfahren. „Ist Herr Desider Jvanyi zu Haufe?" fragte er. „Nein, er kommt erst Nachmittag wieder. Wenn Sie etwas zu bestellen haben, dann bitte es mir zu sagen. Herr Jvanyi wünscht es so, weil er weiß, daß es pünktlich ausgerichtet wird." „Es ist keine Bestellung," antwortete Adamek langsam, „ich habe vielmehr mit Ihnen selbst zu reden — aber ich bitte, mich in's Zimmer zu führen." Frau Kroll blickte den Fremden scharf an; nachdem sie sich aber überzeugt, daß der Mann ganz reputirlich aussah, sührte sie ihn in Jvrnyis Salon; sie bot ihm einen Sitz an und nahm dann selbst umständlich in einem Fauteuil Platz. „Er hat keine Schulden," begann die Frau in ihrer würdevollen Art. „Wenn Sie vielleicht eine Rechnung sür ihn haben, dann hat er nur daran zu denken vergessen." „Ich habe," scherzte Adamek, „leider keine Rechnung, die unter diesen Verhältnissen wahrhaftig nicht von Hebet wäre. Ich wollte Sie nur bitten, mir Einiges über die Gewohnheiten Ihres Herrn mitzutheilen." Frau Kroll sah ihn sehr unfreundlich an. „Ich bin nämlich" — er freute sich über diesen guten Einfall — „ich bin nämlich ein Versicherungsagent — hm —" „Oh, dann gebe ich Ihnen gerne jede Auskunft," beeilte sich die Haushälterin, ihm in's Wort zu fallen, „denn ich weiß, welche Wohlthat es für die Familie ist, wenn das Oberhaupt derselben versichert war. Herr Jvanyi wird ja bald heirathen, und ich wünsche ihm das Beste, trotzdem ich eine gute Stelle verliere — aber ich habe mir Manches erspart —" „Wann kommt Herr Jvanyi gewöhnlich nach Hause?" begann Adamek, das Notizbuch herausziehend, sein Verhör. „Vor zwölf Uhr Nachts." „So — immer?" Frau Kroll blinzelte den Deteetiv mit einem Lächeln an. — 326 „Nun," sagte sie, „nicht immer — Sie wissen ja, junge . „Sie schlafen wohl schon um diese Zeit?" forschte Adamek. ‘ „Gewöhnlich — aber manchesmal erwach' ich doch, wie zum Beispiel das letzte Mal." „Wann war das?" „Warten Sie — es war ein Donnerstag — Donnerstag vor acht Tagen." Adamek wäre fast aufgesprungen vor Erregung, aber er bezwang sich. „Wie kam das?" fragte er leichthin. „Ich habe damals meine Migräne gehabt und ging in die Küche, mir ein Senfpflaster zu holen, das ich immer zu Hause habe. — Gerade in diesem Moment ist Herr von Jvanyi nach Hause gekommen." „Wie spät war es damals?" „Warten Sie," — sie dachte eine Weile nach, — „ich habe die Gewohnheit, noch von damals her, da mein Seliger nach Hause gekommen ist, auf die Uhr zu schauen —" „Wie spät war es?" wiederholte der Detectiv ungeduldig. „Zehn Minuten vor zwei Uhr." Adamek begann zu rechnen: „Der erste Fiaker war um 1 Uhr angerufen worden, nach 6 bis 7 Minuten setzte er sich in Bewegung. Um 1 Uhr 25 Minuten mag er in der Liechtensteinstraße gewesen sein, 5 Minuten hat Jvanyi mit dem Kutscher gesprochen — macht 1 Uhr 30. Ich nehme an, er hat dann noch weitere 10 Minuten auf den zweiten Fiaker gewartet — macht 1 Uhr 40. 25 Minuten braucht er, um in die Heugasse, weitere 5, um zu Fuß in die Alleegasse zu kommen — macht 10 Minuten nach zwei Uhr anstatt vor dieser Stunde." „Hm," sprach er laut, „ist die Küchenuhr richtig gegangen?" „Nun, ich glaube schon," antwortete Frau Kroll. „Manchmal geht sie zu langsam, wenn sie längere Zeit nicht gereinigt worden ist, aber da schicke ich sie zu meinem Neffen, der ist Uhrmacher und reparirt sie mir umsonst." „Damals ist sie zu langsam gegangen," rief Adamek lebhaft. „Er muß zehn Minuten nach zwei Uhr heimgekehrt sein — dann stimmt's." „Was stimmt?" fragte Frau Kroll mißtrauisch. „Und woher wissen Sie, daß meine Uhr zu langsam gegangen ist?" „Also war sie um 20 Minuten zurück?" „Ich kann es nicht bestimmt sagen," erwiderte die Haushälterin pikirt. „Man kann sich auf Uhren ost nicht besser verlassen, als auf Menschen, — aber deshalb kann man ihn doch versichern, denn für gewöhnlich ist er vor Mitternacht zu Hause," schloß sie mit einem strafenden Blick auf den vermeintlichen Agenten. „Wir werden ihn schon versichern," versetzte er plötzlich in ausgezeichneter Laune. In diesem Augenblicke läutete es abermals an der Wohnungsthüre und Frau Kroll ließ den Detectiv allein. Es war keine Zeit zu verlieren, da sie jeden Augenblick wieder eintreten konnte. Adamek lief in's Schlafzimmer und bemerkte sofort auf dem Kleiderstock einen Hellen Ueberzieher. „Aha," dachte er, indem er zu vemselben hineilte und die Taschen durchsuchte. „Das ist derselbe Rock, den er damals an hatte!" Er hörte Schritte und eilte in das erste Zimmer zurück. „Wünschen Sie noch eine Auskunft?" fragte Frau Kroll, die eben zurückkam- . „Sagten Sie nicht," entgegnete Adamek, „daß Herr Jvanyi heute Nachmittag zu Hause sein werde?" „Jawohl; seine Braut und Herr Weber kommen zum Kaffee." „Ich danke Ihnen, im Uebrigen sehe ich Sie wieder." — „Auf der Zeugenbank im Landesgericht," brummte er vergnügt, während er von Frau Kroll mit höflicher Verbeugung Abschied nahm- IX. Die Wiener Ringstraße bietet, zumal an sonnenhellen Frühlingstagen, ein ungemein freundliches, schönes Bild. Von ,en Gartenanlagen her weht ein süßer Wohlgeruch über die »reite Straße und dringt in die engen, uralten Gäßchen der nneren Stadt, und wie in Duft getaucht ist Alles: die prächtigen Paläste, die herrlichen Monumentalbauten und die früh- iche Menschenmenge, welche, gleichsam feiertäglich gekleidet, von der Oper bis zur Wollzeile lustwandelt. Elegante Wagen rollen unablässig vorüber, dazwischen die Pferdebahn, in deren Coupes die Leute dichtgedrängt stehen, um in den Prater zu kommen. Zwischen den zumeist hellgekleideten Damen steht man die Uniformen der österreichischen Offiziere; zumeist herrscht aber die bürgerliche Tracht vor. Auch Margarethe machte hier am Arme ihres Bräutigams einen Spaziergang; sie lachte und scherzte und brachte es durch ihre köstliche Laune dahin, auch Jvanyi heiter zu iimmen. Diesen berauschten die bewundernden Blicke, welche alle Welt für seine schöne Braut hatte, aber er sehnte sich doch jinweg; es schien ihm, als wäre er auch hier von einem charfen Auge beobachtet, als forschte der Unbekannte von zestern in seinen Gesichtszügen. . . - So freute er sich fast darüber, als Margarethe endlich erklärte, daß sie müde sei und ihren Landauer herbeiwinkte, der dem Brautpaare im Schritt nachgefahren war. Sie gab dem Kutscher den Auftrag, in die Universitätsstraße zu fahren, wo Herr Weber ein Kaffeehaus zu besuchen pflegte. „Wir holen Papa," sagte sie zu Jvanyi, „und fahren dann zu Dir. Weißt Du, Liebster, ich freue mich herzlich darauf, zu sehen, wie Du es verstanden hast, Dir Dein Heim behaglich zu machen . . und ich werde dann darüber entscheiden, ob Du zum Ehemann taugst." Sie plauderte in dieser heiteren Weise fort, während Desider sich in die seidenen Kissen des Wagens zurücklehnte und das schöne Mädchen mit freundlichem Lächeln ansah. — Vielleicht hörte er gar nicht, was sie sprach — vielleicht lauschte er nur dem Wohlklang ihrer feinen Stimme, ihres Lachens, das sich von ihren feinen Lippen loslöste wie Perlen von einer gerissenen Schnur. Es war die Musik ihrer Rede, welche ihn entzückte, und das Gefühl, von einem Wesen geliebt zu werden, das so schön war und so gar nicht berührt von dem Schmutz dieses Lebens. „Armes Ding, armes Ding," murmelte er wieder. Jndeß waren sie vor dem Kaffeehause in der Universitätsstraße angekommen, Jvanyi verließ rasch den Wagen und trat ein, um Weber abzuholen. Als die kleine^Gescllschaft in die Alleegaffe kam, war Frau Kroll in heller Verzweiflung. „Ach, entschuldigen Sie tausendmal — der Kaffee ist noch nicht fertig, — aber es war heute so heiß, daß ich Nachmittag ein wenig ausruhen mußte. Um diese Zeit eine solche Hitze! Meine selige Schwester hat zwar erzählt, daß es einmal im Juni so heiß war, daß das Wasser —" „Ich hoffe, sie wird mit dem Kaffee srüher fertig, als mit ihren Erzählungen," flüsterte Margarethe ihrem Bräutigam zu, während die Haushälterin in die Küche ging. Nach einer Weile kam die Frau mit dem Kaffee und einer neuen Entschuldigung. „Ach, der Guglhupf ist nicht fertig," seufzte sie, „Herr von Jvanyi hat mir nicht gesagt, daß die Herrschaften so zeitig kommen, und wenn der Guglhups nicht seine Zeit hat, ist er verdorben, und nichts ist so gefährlich für den Magen, hat meine selige Tante gesagt, die mehr verstanden hat, als mancher Arzt--" , Damit verließ sie das Zimmer und Margarethe goß den Kaffee in die Tassen; ihre Hände bewegten sich dabei so geschickt, daß nicht nur Jvanyi, sondern auch Herr Weber mit Interesse der eifrigen Geschäftigkeit des Mädchens zusahen. „Nun," sagte sie, indem sie den Herren den Kaffee reichte, „Ihr seid ja heute recht unterhaltend." „Besser gar nicht reden, als dummes Zeug," antwortete Weber. , Das Gespräch wurde erst lebhafter, als die Frage aufgeworfen wurde, was man am Abend unternehmen wolle. Aber ehe dies noch entschieden war, hörte man die Glocke 327 läuten ttttb hierauf die schrille Stimme der Haushälterin, die Jemandem den Eintritt in das Zimmer verbot. Zugleich wurde die Thüre aufgeriffen und Herr Adamek trat in Begleitung eines zweiten Herrn ein. Jvanyi war aufgesprungen- Sein Gesicht schien in diesem Augenblicke aschfahl. Mit einer heftigen Bewegung trat er vor Adamek und fragte mit vor Erregung heiserer Stimme: „Was wünschen die Herren?" Adamek knöpfte seinen Rock auf, so daß man sein Abzeichen sah, und legte seine Hand auf die Schulter Jvanyis. „Desider Jvanyi, ich verhafte Sie! — Im Namen des Gesetzes!" Jetzt sprang auch Margarethe auf; ihren Lippen entfuhr ein Schreckensschrei. Nur Weber blieb am Tische sitzen. „Westen beschuldigt man mich?" fragte Jvanyi fest. „Des Mordes an Ottokar Wolski," antwortete Adamek. „Gut," sagte Jvanyi und wendete sich, um dem Detectiv zu folgen. Dann ging er noch einmal zurück und sagte zu Margarethe, die wie erstarrt und mit weit geöffneten Augen dastand: „Margarethe — man führt mich in's Gefängniß, aber ich schwöre Dir bei Allem, was mir heilig: Ich bin unschuldig an diesem Verbrechen!" Als hätte sich der Bann gelöst, der das schöne Mädchen gefangen hielt, warf sich dieses jetzt an Jvanyis Hals und rief unter Schluchzen: „Geliebter, ich glaube Dir!" Desider umarmte sie noch einmal innig, küßte sie auf die Stirn und wandte sich zum Gehen. Als er das Zimmer ver- lasten hatte, fiel Margarethe ohnmächtig zu Boden. X; Herr Wendelin Adamek erlebte die Genugthuung, daß die Zeitungen sich in außerordentlich wohlwollender Weise mit ihm beschäftigten. Es wurde an dem Tage, an welchem er Jvanyi verhaftet, beinahe so viel von seiner Geschicklichkeit gesprochen, wie von dem angeblichen Thäter, an besten Schuld zu glauben alle Welt geneigt war. Ein Mann aus so vornehmen Gesellschaftskreisen, der Bräutigam eines der schönsten und reichsten Mädchen der Stadt — ein gemeiner Verbrecher! Die Reporter, ohnedies mit einer Phantasie begabt, der es ein Leichtes ist, das geringste Vorkommniß zu einer Sensationsaffaire aufzubauschen, dichteten auf Grund der ihnen durch die vertraulichen Mittheilungen Adameks bekannt gewordenen Einzelheiten einen Roman, der an Spannung nichts zu wünschen übrig ließ und in welchem sie das Schicksal der schönen Margarethe Weber in den rührendsten Worten schilderten; natürlich war die junge Dame nach diesen Darstellungen in Ottokar Wolski verliebt gewesen, denselben, der nun von dem nach den Millionen Webers lüsternen Jvanyi getödtet worden; das sensationrbedürfttge Publikum war vollauf befriedigt- Anton Weber hatte noch an demselben Abend, an welchem er bei seinem zukünftigen Schwiegersöhne den Kaffee hätte trinken sollen, mit seiner unglücklichen Tochter eine lange Unterredung, in welcher er den Wunsch aussprach, daß sie Wien auf einige Zeit verlasse, um nicht der Gegenstand der öffentlichen Neugierde zu sein- Aber Margarethe widersprach in so heftiger und leidenschaftlicher Weise, daß Weber, der für die Gesundheit seiner Tochter fürchtete, nicht nur nachgeben, sondern auch versprechen mußte, Alles, was in seiner Macht stand, zu thun, um die Unschuld Jvanyis an den Tag zu bringen. „Mein liebes Kind," sagte Weber, „ich habe Doctor Mark gebeten, sich seiner anzunehmen, und wenn Beredtsamkeit und Klugheit ihn zu retten vermögen, so kannst Du ruhig sein." „Aber glaubst Du an seine Schuld?" unterbrach ihn Margarethe mit thränenerstickter Stimme. „Ich halte ihn weder für schuldig, noch für unschuldig," meinte der Millionär kalt- „Ich aber," rief das Mädchen, während ihre Wangen sich wieder rötheten, „ich glaube Desider mehr als irgend Jemandem auf der Welt — und er hat mir geschworen, an dem Morde unschuldig zu sein!" Während dieser Zeit schritt der Mann, mit dem sich alle Welt beschäftigte, in seiner Zelle auf und ab und überlegte. Er wußte sehr gut, was ihn hätte befreien können. Aber gerade von diesem einzigen entlastenden Beweise wollte er keinen Gebrauch machen. Er dachte an Margarethe, und immer fester wurde sein Vorsatz, nichts zu seiner Rettung zu thun. „Sie würde es nicht ertragen," murmelte er traurig, „und es ist bester, daß der letzte Jvanyi in Schmach zu Grunde gehe, als daß das arme, bedauernswerthe Mädchen, mein süßer Liebling, die volle, schreckliche Wahrheit erfahre." Er verbrachte eine schlaflose Nacht. Am nächsten Morgen öffnete sich die Zelle, und Doctor Philipp Mark trat in den kleinen, düsteren Raum. Seine hohe Gestalt erschien noch schlanker in der niedrigen Thür. „Wie gut von Ihnen," rief Jvanyi freudig überrascht, „daß Sie mich aufsuchen. In solchen Zeiten lernt man seine wahren Freunde kennen." „Nun ja," entgegnete der Advocat etwas zögernd. „Ich komme übrigens im Auftrage des Herrn Anton Weber, der mich ersuchte, Ihre Vertheidigung zu übernehmen." „Glaubt er an meine Unschuld?" fragte Jvanyi. Doctor Mark gab eine ausweichende Antwort. „Und Margarethe?" forschte der Häftling gespannt. „Fräulein Weber hält Sie für unschuldig und erlaubt Niemand, Uebles über Sie zu sprechen," erwiderte der Advocat etwas wärmer. „Gott sei Dank," rief Jvanyi aufathmend. „Sie ist ein echtes Weib! Ich kann mir denken," setzte er erbittert hinzu, „wie ich hergenommen werde." „Man spricht von nichts Anderem, in der That," meinte ruhig Doctor Mark. „Alle anderen Ereigniste sind in den Hintergrund getreten. Ihre Verhaftung bildet den ausschließlichen Gesprächsstoff. Aber," — der Advocat hatte bemerkt, daß Jvanyi vor Zorn zu zittern begann, — „das ist lauter Geschwätz. Ich hoffe, Sie nehmen meine Vertheidigung an." „Es ist umsonst," murmelte Jvanyi düster, auf die feuchte Wand des Gefängnisses starrend. „Unsinn," brummte der Advocat gezwungen. „Uebrigens, Sie mögen wollen oder nicht, ich werde Sie vertheidigen. Ich glaube an Ihre Unschuld und muß diese um jeden Preis an's Licht bringen und geschehe das auch nur um des edlen Mädchens willen, von dem Sie in solcher Weise geliebt werden." Desider war gerührt und reichte ihm die Hand. „Ich habe aber kein Material für die Vertheidigung," sagte er. „Wie?" rief Mark überrascht aus. „Sie werden doch nicht zugeben . . ." „Nein," antwortete Jvanyi zornig. „Aber gewiste Verhältnisse zwingen mich, die Beweise meiner Unschuld Niemandem anzuvertrauen." „Ah," sagte der Advocat und blickte seinen Clienten erstaunt an; „es gibt keine Verhältniffe, die Jemanden zwingen könnten, sein Leben preiszugeben. Im Uebrigen wollen Sie mir einige Fragen beantworten?" „Ich kann das nicht versprechen." „Wir werden sehen." Mark nahm sein Notizbuch zur Hand. „Wo waren Sie Donnerstag Nachts?" „Das kann ich nicht beantworten." „O ja, das können Sie, lieber Freund. Sie gingen gegen elf Uhr von Weber fort-" „Ja, zwanzig Minuten nach elf Uhr." Doctor Mark lächelte befriedigt, als er dies notirte. „Nur diplomatisch," dachte er und fuhr in seiner Fragestellung fort. „Und wohin gingen Sie?" „Ich begegnete Roller; wir nahmen zusammen einen Wagen und fuhren in meinen Club." „Der Junge Herren-Club?" „Ja-" „So." „Roller suchte seine Wohnung auf, ich begab mich in's Spielzimmer und spielte etwas Billard." (Forts, folgt.) Unfug mit Briefmarken. Nach einer Mittheilung der „Times" hat sich der Viee- könig von Indien genöthigt gesehen, ein Rundschreiben gegen das Speculiren mit Briesmarken durch die Postbeamten der ihm unterstellten Colonien zu erlassen. Die Briefmarkenhändler haben nämlich ihre Agenten in den verschiedenen Colonien angewiesen, in der Weise Ueberdrucke zu veranlassen, daß sie — häufig auf einen Wink der Postbeamten hin — den von einem gewissen Werthzeichen vorhandenen Vorratb auskausen und sodann mehr davon verlangen. Der Vorsteher des Postamts wird dadurch in die Nothwendigkeit versetzt, andere Marken auf den gewünschten Werth überdrucken zu lassen, da bei den großen Entfernungen neuer Vorrath nicht schnell genug herbeigeschasst werden kann. Einige Händler gehen so weit, eine größere Summe an den einen oder anderen Postvorsteher mit der Bitte einzuschicken, dafür gelegentlich Ueberdrucke oder sonstige Seltenheiten zu liefern. Diese zweckwidrige Verwerthung von Briefmarken zeitigt auch sonst recht häßliche Erscheinungsformen. So war eine Neger-Republik an der Westküste von Afrika außer Stand, ihrem Commiflar bei der Weltausstellung in Chicago die erforderlichen Geldmittel zur Verfügung zu stellen; sie sandte ihm daher ein Packet ihrer schön gedruckten Postwertzeichen, aus deren Erlös er seine Bedürfnisse bestreiten konnte. Die neun oder zehn Cook-Inseln im Stillen Ocean erzielen auf solche' Weise ebenfalls erhebliche Einnahmen. Die Inseln bilden eine Kohlen- und Lebensmittelstation für den Schiffsverkehr zwischen Mittelamerika und Neuseeland. Vor nicht langer Zeit waren die 10,000 bis 11,000 Bewohner, meist braune Polynesier, noch Menschenfresser; jetzt kleiden sie sich nach europäischem Geschmack, handeln mit Neuseeland in Kaffee, Tabak, Baumwolle und Copra und leben in Häusern aus Korallenstein und Schilfdächern. Im Jahre 1888 wurden sie auf Wunsch unter britischen Schutz gestellt, und vor etwa anderthalb Jahren empfanden sie das Bedürfniß, ihre Fortschritte in der Gesittung auch durch den Gebrauch von Briefmarken zu bekunden. Von Neuseeland erhielten sie einfach gedruckte Werthzeichen; bald erschienen die Händler und die Eingeborenen fanden, daß mit den kleinen Werthzeichen mehr zu verdienen sei, als mit Kaffee oder Copra. Unlängst haben sie eine neue Auflage, diesmal kunstfertig, drucken taffen, worauf die Händler noch zahlreicher erschienen. Man kann sich denken, daß auf 100 oder 200 verkaufte Werthzeichen eins kommt, das im Postverkehr gebraucht wird. Es heißt, daß die Leute ihre Staatsausgaben mit dem Ertrag des Postmarkengeschäfts decken. In einem anderen, großen Land erscheint fast Jahr für Jahr eine neue Ausgabe von Postwerthzetchen für einzelne Staaten; die Händler liefern die neuen Marken umsonst, und beim Erscheinen einer neuen Ausgabe wird die ältere außer Cours gesetzt, während die Platten den Händlern verbleiben. Auch in Indien machen mehrere einheimische Staaten auf diesem Wege einträgliche Geschäfte: Faridkot z. B., einer der Sikhs-Cissutley'Staaten im Südosten von Firozpur mit etwa 115,000 Einwohnern, hat seit 1877 gegen 300 verschiedene Postwerthzeichen ausgegeben. Zu diesen Mittheilungen liefert die „N. Z." einige weitere, von dem Forschungsreisenden Dr. Bäßler herrührende be- merkenswerthe Beiträge. Als der Genannte im vergangenen Jahre im Laufe von ungefähr vier Monaten Singapore viermal berührte, gab es dort jedes Mal neue überdruckte Freimarken; sie mußten hergestellt werden, weil die Auflagen stets in kürzester Zeit vergriffen waren, einmal eine solche von 80,000 Stück in nicht ganz drei Tagen. Die Marken waren meist mit 1 Cent überdruckt, da die Billigkeit den Absatz erhöhte, ohne den Werth in Europa zu beeinträchtigen. Dr. Bäßler erzählt von einem Angestellten eines dortigen Geschäftshauses, der privatim den Auftrag hatte, von jeder neu erscheinenden Marke umgehend 4000 Stück nach Deutschland zu senden. Leute, die sich durchaus nicht in günstigen Verhältnissen be- fanden, konnte man für 100 Dollars Briefmarken am Schalter kaufen sehen, mit denen sie speculirten, wie andere Leute in Kaffee. So erschienen stets andere Marken mit 1 Cent über- druckt, heute eine 8 Cents-Marke, einige Tage später eine 2 Cents- oder 5 Cents-Marke und so fort. Die Höhe der dadurch gewonnenen Einnahmen erregte in den Nachbarreichen begreiflichen Neid. Der Sultan von Johor setzte es durch, eigene Marken drucken zu dürfen. Statt der früheren mit „Johor" quer überdruckten Marken der Straits Settlements führt er jetzt solche, die sein Bildniß zieren. Allerdings gelten sie nur für die Strecke Johor-Singapore, eine Entfernung von ungefähr 14 englischen Meilen, während alle über Singapore hinausgehenden Briefe die Marken der Straits Settlements tragen müssen, und zwar in derselben Höhe des Betrags, als ob die Johor-Marke nicht vorhanden wäre. Deßhalb bestand deren Satz nur aus drei oder vier Marken im Werth von wenigen Cents. Da aber hierbei der Sultan kaum auf seine Kosten gekommen wäre, und es ihm nicht gerade Nebenzweck war, außer dem Ruhm: sein Bildniß aus den Marken prangen zu sehen, auch einen Ueberschuß zu erzielen, so verfiel er auf den Gedanken, noch eine Dollar- Marke Herstellen zu lassen. Das Postamt in Johor wird kaum jemals in die Lage gekommen fein, diese Marke ihrem Werthe nach benutzt zu sehen; der Sultan aber verkaufte an Sammler oder vielmehr an Händler int ersten Jahre davon 30,000 Stück. Das Unglaublichste gewahrte Dr. Bäßler in Apia. Dort verkauft unmittelbar neben dem Haus der deutschen Postagentur ein englischer Photograph „samoanische" Briefmarken. Wie er dazu kommt, weiß Niemand; vielleicht hat er die Erlaubniß dazu einmal von irgend einem samoanischen „König" erhalten. Diese Marken gelten auf Briefen nach Tonga, Neuseeland und Australien, soweit sie von englischen Colonialdampfern befördert werden, während sonstige Postschiffe die samoanischen Privatmarken niemals anerkannten. Dr. Bäßler, welcher einige „Sets" für Freunde erwarb, fügt — für die Verhältnisse bezeichnend genug — hinzu, daß er den ganzen Posten für die Hälfte des eigentlichen Werthes erhalten habe, nachdem er erklärt hatte, daß er die Marken nur als Sammler erstände und bereit sei, die Hälfte abgestempelt zu übernehmen. Bei dieser Gelegenheit sei noch erwähnt, daß die Pariser Polizei kürzlich mehrere Personen in Haft genommen hat, die in großem Maßstab seltene Briefmarken nachgemacht und einen gewinnbringenden Handel damit getrieben haben. Einer von ihnen, angeblich ein Württemberger Namens Menke, hat französische Colonialmarken hergestellt und mit Ueberdrucken versehen, während ein Händler Beauzemont u. A. Marken angefertigt hat, wie solche 1870 bis 1871 von Deutschland in den besetzten französischen Gebieten in Verkehr gebracht wurden. Gegenüber dem Unfug, der im Briefmarkenhandel Platz gegriffen hat, verdient das zeitgemäße Vorgehen des Vicekönigs von Indien vollste Anerkennung. (Archiv für Post und Telegraphie.) Vermischtes. DerHerrfcher vonX., dessenRegierungsgefchäfte die Minister besorgten, lustwandelte vor den Thoren der Residenz. Da fallen ihm mehrere arme Leute zu Füßen und bitten ihn mit thränenden Augen, ihnen Arbeit zu verschaffen. — „Ja," sagte der Herrscher gerührt, „darin kann ich Euch nicht helfen, ich habe selber nichts zu thuni" ♦ ♦ Gemeindediener: „Bürgermeister, der Gemeindestier ist auskumma!" — Bürgermeister: „Kruzitürken! Nit amal im Wirthshaus hat ma> Ruh vor seine Gemeindeglieder!" Redaktion: A° Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.