Unt-rchaltrrngsblatt 311m GLetzenev Anzeigen (Geneval-Anzeig-v) 1894 -sx9— M te' hk. Dienstag, den 16. Januar. jrni.garg7J-.r8S88gss- ------------- Bekehrt. Novelle von F. S t ö ck e r t. (Fortsetzung.) Es lag auch wirklich wie eine neue Lebenshoffnung auf Doras Antlitz, als sie an einem sonnigen Tage im April mit ihrer Tante in der Residenz angelangt war und in einer Droschke durch die schönsten Straßen der Hauptstadt fuhr. Die Caroflen und Reiter, die geputzten Menschen, die eleganten Schausenster, Alles in Frühlingssonnenschein getaucht, bot ein so lebensfrisches Bild, daß die Blicke beider Damen mit Entzücken darauf ruhten. „Und hier weilt er," sagte sich Dora. „Wird unter diesem gewaltigen Menschenstrom diese eine ersehnte Gestalt auftauchen, werden wir uns sehen und sprechen? Hier, wo das kleinstädtische Leben nicht mehr mein Denken und Empfinden beengt, däucht es mir viel leichter, ihm Alles das zu sagen, was ich an jenem Abend nicht über die Lippen brachte." Am Abend war Dora mit ihrer Tante in der Oper und am anderen Morgen nahmen die beiden Damen verschiedene Sehenswürdigkeiten in Augenschein. Frau Schmidt beobachtete dabei mit innerer Befriedigung, wie munter und angeregt Dora war, fast wie in früheren Zetten. Rach einigen Tagen jedoch ließ diese frohe Aufregung bei Dora schon bedenklich nach und ein herber Zug flog öfters wieder über das Antlitz des jungen Mädchens. Dabei aber war sie unermüdlich im Umherstreifen und schleppte die etwas corpulente Tante erbarmungslos in Bildergallerien, Schlösser und Kunsthandlungen, bis diese endlich erklärte, sie halte diese Strapazen nicht mehr aus und darauf bestand, heimzukehren. Sie könne das Wagengerassel nicht mehr hören und die vielen Menschen nicht mehr sehen, sie sei ganz erschöpft. „Bleib' nur noch ein paar Tage, Tantchen," bat Dora. „Der Ankauf des Flügels ist ja noch nicht einmal entschieden, und morgen wird „Tannhäuser" gegeben." „Ich will aber nichts mehr hören, nichts mehr sehen, ich bin übersättigt, Kind!" sagte Frau Schmidt, und blieb tief ausathmend auf der breiten Straße „Unter den Linden" stehen, wo sie soeben den Laden einer Kunsthandlung verlassen hatten. Ihre gutmüthigen blauen Augen blickten dabei fast zornig auf Dora. „Wir wollen eine Droschke nehmen, Tantchen," erwiderte Dora, „die Dich wieder nach unserem Hotel fahren soll; ich kann ja auch allein gehen," meinte dann Dora und richtete ihre Augen mit wachsender Aufmerksamkeit auf einen sie offenbar sehr interesfirenden Gegenstand auf der anderen Seite der Straße. „Allein gehen!" rief die Tante entsetzt. „Um Gottes willen, ich würde mich tobt ängstigen, Dich allein in diesem Menschengewühl hier zu wissen. Ich bin ganz erschöpft und wir müssen zu Hause." Dora jedoch vernahm diese letzten energischen Worte nicht mehr. Ihre Augen, die fortwährend suchend umherflogen, hatten plötzlich drüben auf der anderen Seite der Linden ein bekanntes Gesicht entdeckt, den Assessor Born, und ohne nur einen Moment sich zu besinnen, war sie hinüber auf die andere Seite der Straße gelaufen. Das Schicksal schien sich noch in der letzten Stunde ihrer erbarmen und ihr heißes Sehnen und Wünschen endlich sich erfüllen zu sollen. „Dora! Kind! Wo willst Du hin?" rief die Tante außer sich und folgte der unbesonnenen Richte, so schnell sie es vermochte. Aber Frau Schmidt war nicht im Stande, das davoneilende junge Mädchen einzuholen, da ihr bei dem Laufen der Athem gänzlich ausgegangen war. Rur „Dora! Dora!" stöhnte sie von Zeit zu Zeit. Dora bog soeben in eine Seitenstraße ein, in welcher Born ahnungslos, daß ihm Dora nachgeeilt war, vorangeschritten war. Doch als Dora sich hier suchend nach ihm umschaute, war Born verschwunden; er mußte in irgend eins der nächsten Häuser gegangen sein. Als Dora nun rathlos stehen blieb, tönte der Tante keuchender Ruf an ihr Ohr; Dora wandte sich um und wenn ihre Stimmung nicht eine halb verzweifelte gewesen wäre, hätte sie wohl hell aufgelacht, als die alte Dame hochroth und keuchend, gefolgt von einer Anzahl neugieriger Straßenjungen, herbei- gestürzt kam. Jetzt war die Tante wirklich ganz erschöpft, sie konnte kein Wort über die Lippen bringen, nur ihr vorwurfsvoller Blick ruhte vernichtend auf Dora. „Ich wollte ja nur eine Droschke besorgen, Tantchen," sagte diese, sich keck mit einer kleinen Rothlüge entschuldigend, „und wollte einer leeren Droschke nachlaufen." „Es halten ja aber doch genug leere Droschksn," hauchte die Tante- . „Die gefiel mir aber gerade," erwiderte Dora etwas kleinlaut und sehr verlegen. Vorübergehende Herren, die dieser Auseinandersetzung zwischen Tante und Richte mit größter Spannung gefolgt, brachen jetzt in ein schallendes Gelächter aus. Ein junger Mann rief eine Droschke heran. „Hoffentlich gefällt Ihnen diese auch, mein gnädiges Fräulein," sagte er, indem sein Blick belustigt auf Dora ruhte. es nicht mehr!" , . , , Salden blickte den Freund betroffen an. Sein sorglos heiteres Gemüth hatte für ein tieferes, leidenschaftliches Enrpfin- den kein rechtes Verständniß und er war momentan um Worte eine Reise nach dem Schwarzwald gemacht und Beide erinnerten sich lebhaft jener schönen, heiteren Zeit. „Von unseren Zukunftsträumen damals hat sich leider wenig erfüllt!" rief jetzt Salden lachend. „Nicht einmal ein Weib haben wir errungen in den drei Jahren. Allerdings bin ich einigemal sehr nahe daran gewesen, mir einen häuslichen Herd zu gründen, aber schließlich dünkte mir die goldene Frei- jeit des Junggesellen immer noch verlockender, als ein holdes Ehegemahl, und ein Mädchen, das ganz meinen Ansprüchen genügt hätte, fand ich auch nicht!" „Man vergißt derartige Ansprüche manchmal gänzlich bei gewissen Frauenerscheinungen," sagte Born finnend. „Es gibt so eigene individuelle Reize, die uns oft unwiderstehlich anziehen, wenn man auch kaum zu sagen weiß, worin sie bestehen, — Göthe nannte derartige seltene Menschen: eine Natur!" „Lieber Freund, Du bist verliebt Und willst es nicht bekennen!" rief Salden lachend. „Ich will nicht forschen und indiscret sein, aber einen Roman hast Du sicher hinter Dir, Freund Born, und die kleine Stadt, von der Du durchaus nie sprichst, birgt jedenfalls jene» eigenartige Geschöpf, jene Natur! Ist sie schön? Ist sie blond oder dunkel?" Born lachte und sagte: „Das nennst Du nicht indiscret sein? Soviel kann ich Dir übrigen« sagen: Der Traum ist aus! Später erzähle ich Dir vielleicht einmal Alles." „Wenn wir wieder einmal zusammen Gottes schöne Welt durchwandern, nicht wahr?" entgegnete Salden. „Dann erschließen sich die Herzen, wie damals im Schwarzwald, wo ich Dir auch den einzigen kleinen Roman meines Lebens beichtete, Du erinnerst Dich wohl noch, von der jungen, schwarzäugigen, koketten Wittwe, deren Knaben ich aus dem Wasser gezogen hatte und die dann in ihrer Dankbarkeit so rührend liebenswürdig war, daß ich mich sterblich in sie verliebte. Zu meinem Glücke ist nichts aus meinem damaligen Heirathsplane geworden, die Dame — ich habe sie neulich wiedergesehen — hat sich sehr zu ihrem Nachtheil verändert. Sie ist, glaube ich, fast zwei Centner schwer geworden und ihr einst so hübsches Antlitz ist jetzt ganz zinnoderroth Ich preise jetzt wirklich mein Geschick, daß ich damals meine Neigung zu der einst so liebenswürdigen Wittwe überwunden habe. Die Zeit heilt eben in ihrer Weise alle Wunden, Du wirst das auch an Dir erfahren, lieber Born!" „Du verstehst so seltsam zu trösten, alter Junge," sagte Bor»t belustigt, „und ich glaube wirklich, wenn ich in Deiner heiteren Gesellschaft noch einmal reiste, würde mein Herz vollständig gesunden." , „Nun, das ließe sich leicht ausführen. Ich habe ost schon nach jenem stillen, schönen Ervenwinkel im Schwarzwald unbeschreibliche Sehnsucht gehabt. Das Tannendunkel, das Wiesengrün, der kleine, himmelblaue See, das Häuschen am Waldesrand, in welchem wir uns damals eingemiethet hatten, wie ein wunderschöner Traum liegt das Alles vor meinen Augen." „Auch mich erfaßt es oft wie Heimweh danach," sagte Born, „sie waren unbeschreiblich schön, jene Tage, die wir dort zusammen verlebt haben. Unendlich reich erschien mir damals das Leben und die Zukunft! Und nun ist mir, als hätte mich die Jugend und das schöne Vorrecht derselben, zu hoffen und zu träumen, seitdem für immer verlassen. Frauenliebe wird mir auf meinen Pfaden wohl nie mehr lächeln!" „Und warum nicht?" rief Salden- „Ich bin ein Krüppel," erwiderte Born voll tiefer Bitterkeit, „und ich habe in dieser Beziehung schon eine sehr herbe Täuschung erlebt. — Von einer Dame hatte ich, und ich war in einer Art auch wohl berechtigt dazu, trotz alledem erwartet, daß sie mir dennoch Liebe entgegenbringen würde. Ha, ha, ha!" lachte er höhnisch auf. „Glaube auch noch Einer an tiefe Frauenliebe, die eine große Prüfung erträgt! Ich kann „Sie find doch «ohl vom Sande?" fragte er dann ganz harmlos. Dora wurde dunkelroth vor Zorn, sie half der athemlosen Tante in die Droschke hinein, dann wandte sie sich sehr verletzt an den hohnlächelnden Jüngling. „Wir sind allerdings aus einer kleinen Stadt, mein Herr, sagte sie, „aber so von Neugierde geplagt wie hier sind die Menschen dort glücklicherweise nicht! Uebrigens handelte es sich um etwas Anderes, als um eine Droschke, das hätten Sie sich auch wohl denken können!" Der Wagen rollte von dannen und die Menschen gingen lächelnd auseinander. Frau Schmidt lehnte stumm und fassungslos in dem ver« blichenen rothen Polster der Droschke. „Wir wollen nach Hause," stöhnte sie endlich, „nicht einen Tag bleibe ich mehr in Berlin, wo ich durch Dich noch zum Gespött der Menschen geworden bin." „Verzeih' mir, Tante, ich war — ich wollte - er — „Nach einer Droschke hinterher zu laufen, blos weil sie Dir gefällt, ist doch wahrhaft kindisch." „Ja, allerdings sehr kindisch, Tante," erwiderte Dora demüthig, im Grunde aber war sie von Herzen froh, daß die Tante diesen EntschuldtgungSgrund gelten ließ. „Wir können ja auch morgen reisen," sagte Dora dann, „den Kauf des Flügels kann ich ja heute noch zu Ende bringen, und in die Oper mag ich auch nun gar nicht mehr." „Nun, wenn wir heute noch bleiben wollen, so können wir uns die Vorstellung im Opernhause auch noch ansehen," erwiderte die Tante, schon vollständig wieder besänftigt. Und so saßen sie denn am Abend dieses ereignißretchen Tages im Opernhause und die Melodien des Tannhäuser sangen und klangen an Doras Ohren, aber sie hatte nicht den geringsten Genuß davon, schien doch jeder Ton ihr nur wie ein höhnisches Umsonst zuzurufen! Umsonst war all' ihr Hoffen und Sehnen, umsonst ihre bittere Reue! Und Born, dem alle diese Gedanken galten, saß tief im Hintergrund einer Loge, das Glas auf Dora gerichtet. Ein Zug schmerzlichen Entsagens lag auf seinem Antlitz. Wie gern, ach, wie gern wäre er zu den beiden Damen hingegangen, um sie zu begrüßen; aber er hielt es mit seinem Stolz nicht Der* einbar. Nicht noch einmal vermochte er es, den großen, erschrockenen Augen Doras zu begegnen, in denen er damals an jenem Novemberabend deutlich genug gelesen zu haben glaubte, daß sein Anblick ihr eine Qual, ein ewiger Vorwurf sein mußte; und um ihr denselben zu ersparen, hatte er dann die Stadt so schnell und ohne Abschied von Dora verlassen. Als die Opernvorstellung zu Ende war und die Theaterbesucher dem Ausgang zudrängten, sah Born die beiden Damen dicht an sich vorübergehen. Das helle Licht der Gasflammen fiel aus Doras Antlitz, sie hatte wie an jenem Abend, wo er sie zuletzt gesehen, einen schwarzen Schleier um den Kopf ge» schlungen, blaß und müde, mit einem Ausdruck tiefster Hoffnungslosigkeit blickte Dora aus der schwarzen Umhüllung- „Nun, morgen Abend um diese Zeit haben endlich diese Strapazen ein Ende und wir sitzen roieoer in aller Behaglichkeit zu Hause!" hörte Born Frau Schmidt nahe fast frohlockend rufen, dann sah er beide Damen in eine Droschke steigen. — Trübe starrte Born dem davonrollenden Wagen nach. „Das nenne ich Schicksalstücke," murmelte er, „mir das geliebte Mädchen, einem Traumbild gleich, vor Augen zu führen und somit meine mühsam errungene Ruhe und Fassung auf lange Zeit wieder zu stören." Langsam wandte er sich dann, um ein in der Nähe liegendes Hotel aufzusuchen, wo er mit seinem Freund Bruno Salden, einem jungen Baumeister, ein Zusammentreffen verabredet hatte. Hier in Gesellschaft noch einiger Bekannten, in der an« regenden Unterhaltung derselben, wurde Born allmälig seiner erregten Stimmung Herr. Man sprach von Reisen; die ersten Frühlingsstürme waren ja durch's Land gezogen und hatten die Wanderlust wach ge* -............... ---------- :...... . rufen. Mit Bruno Salden hatte Born vor einigen Jahren verlegen, bis Born selbst dem Gespräch eine andere Wendung gab. Schließlich kam man wieder auf die Reisepläne zurück und faßte den Beschluß, im Sommer zusammen eine Rheinreise zu machen und dann jenen kleinen Badeort im Schwarzwald aufzusuchen, wo, wie Salden dem Freund versicherte, ihm jedenfalls wieder neue Lebenslust und Freude aufgehen solle. Es war im Hochsommer, als Born und Salden an einem drückend heißen Tage die Residenz verließen, um die geplante Reise auszuführen. Born hatte seit jenem oben geschilderten Abend keine Anspielung wieder auf die Vergangenheit gemacht und Salden glaubte ihn so ziemlich geheilt von seinen Schrullen. Eine andere Bezeichnung für derartige, in seinen Augen unendlich thörichte Gemüthsstimmungen kannte Salden nämlich nicht. Die beiden Freunde fuhren in der heitersten Stimmung den Rhein entlang, machten in verschiedenen schönen Orten kurzes Quartier und begaben sich schließlich auf die Fußwande- rung, da sie das Menschengewühl auf den Dampfschiffen und Bahnzügen satt hatten. Rach einigen Tagen gemächlichen Wan- deins hatten sie ihr Ziel im Schwarzwald erreicht, wo sie einige Wochen zu bleiben gedachten. In derselben Zeit waren wunderbarer Weise auch bei Dora Schmidt plötzlich Reisegelüste erwacht. Die sonst so sehr geliebte Heimath hatte schon bei der Gemüthsstimmung, in der sich Dora jetzt befand, längst allen Reiz für sie verloren. Sie fand die Haide, deren Schönheit sie einst so gepriesen, öde und trostlos, den kleinen, anmuthigen Fluß nannte sie ein trübseliges Gemässer und das Stückchen Wald erschien ihr als eine reine Ironie gegenüber den herrlichen Gebirgswäldern, deren unvergleichliche Schönheit Dora so oft hatte rühmen hören. Doras Tante hatte zwar seit jener Fahrt nach Berlin einen wahren Schreck vor einer neuen Reise mit Dora, gab aber schließlich doch ihren Bitten nach, nur behielt sich die Tante vor, das Reiseziel selbst zu bestimmen. Dora erhob keinen Widerspruch dagegen, ihr war es gleich, wohin die Reise ging. Sie schmachtete nur danach, andere Menschen und Ge- genden zu sehen, einen Athemzug in einer anderen Welt zu thun, als in der Kleinstadt, in welcher sie leben und athmen mußte. Frau Schmidt war wenig gereist in ihrem Leben, ihre schönste und fast einzige Reise-Erinnerung war ihre Hochzeitsreise, auf welcher damals ihr junger Gemahl sie nach dem Rhein geführt hatte. Den Rheinstrom wünschte die alte Dame nun noch einmal zu sehen und so bestimmte sie zunächst Heidel- berg als Reiseziel. Dora war auf der Reise diesmal eine sehr liebenswürdige Gesellschafterin und voller Aufmerksamkeiten für die Tante. In Heidelberg jedoch änderte sich plötzlich Doras Stimmung auffallend; sie erschien wieder ebenso unruhig und aufgeregt, wie damals in Berlin. Der Name des Assessors Born, den sie im Fremdenbuch der Hotels, in welchem sie logtrten, gefunden, hatte diese Wandlung hervorgerufen. Der Oberkellner, den sie ausforschte, konnte ihr ziemlich genau die Reise- route Borns und Salbens angeben, da die Herren gerade bei ihm sich nach mehreren schönen Gegenden, die sie auszusuchen gedachten, erkundigt und als das Ziel ihrer Reise erfuhr Dora jenen kleinen Badeort im Schwarzwald, welchen die junge Dame , sofort auch zu ihrem Reiseziel machte. Der Tante schilderte sie denselben, trotzdem sie ihn nicht kannte und nie vorher etwas von ihm gehört hatte, als ein wahres kleines Paradies, wo man jedenfalls längeren Aufenthalt nehmen müsse. Und so begann dann Dora, begleitet von der treuherzigen Tante, ihre unbesonnene Verfolgung Borns wieder. Aber im größeren Styl wie damals in Berlin geschah es diesmal, nicht zu Fuß, sondern mit allen nur cxistirenden Fahrgelegenheiten, bald per Dampfschiff und bald per Bahn, bis sie dann endlich mit einem Lohnfuhrwerk an einem schönen Sommerabend dem ersehnten Ziel entgegenfuhren. Je näher sie demselben kamen, je nachdenklicher und stiller wurde Dora; träumerisch blickte sie vor sich hin und hatte kein 28 j Auge für die liebliche Gesnerie, die sich vor ihnen in der Abendbeleuchtung aufthat. „Es ist ganz nett hier," begann endlich die Tante die Unterhaltung wieder, nachdem eine Weile beide Damen stumm nebeneinander gesessen. „Nach Deiner Beschreibung aber muß ich gestehen, hätte ich es mir doch viel großartiger hier gedacht." Dora blickte auf. Eine ächte Schwarzwaldlandschaft mit Tannendunkel und Hellem, saftigem Wiesengrün lag vor ihnen durch ein liebliches Thal schlängelte sich ein kleiner Bach, freunb» uche Häuser standen inmitten wohlgepflegter Blumengärten und die Abendsonne spiegelte sich in den Hellen Fenstern. „Es ist schön hier," sagte Dora, „ein Hauch des Friedens liegt über Allem, wie malerisch dort die graziösen Birken sich in dem klaren Gewässer spiegeln, das Wiesengrün leuchtet hier förmlich und dazu die dunkel bewaldeten Berge, die das Ganze einschließen, als wollten sie diese Stätte des Friedens schützen, damit kein Ton der Welt hier herein bringt." „Wer weiß, ob es eine solche Friedensstätte ist," erwiderte die Tante, „Menschen sind auch hier und schwerlich lauter friedliebende." Der Wagen hielt jetzt vor dem Hotel und Menscheustimmen, Lachen und Jauchzen von Kindern, die auf den Rasenplätzen im Garten spielten, schallten zu ihnen heraus. Der schöne Abend hatte alle Bewohner des Hotels in's Freie gelockt und mit neugierigen Blicken musterte man jetzt die neu Ankommenden. Auch Doras Augen flogen erwartungsvoll umher. Es war ja möglich, daß — Born hier war und in einer der kleinen lauschigen Lauben verborgen saß. Aber Dora entdeckte überall nur Damen und Kinder und einige ältere Herren, die unter einer Veranda saßen und sich eifrig dem Kartenspiel hingegeben hatten. Der diensteifrige Oberkellner, der jetzt herbeigeeilt war, wies den Damen auf Frau Schmidts Frage nach einigen Zimmern sogleich ein sehr elegantes Logis an mit einem zierlichen Balkon, der eine entzückende Aussicht in die Berge bot. Als die Tante schon längst zur Ruhe gegangen, stand Dora noch lange auf dem Balkon und blickte träumerisch hinunter auf die mondbeschienene Landschaft. Unter ihr in einem hell erleuchteten Zimmer wurde ntufi« zirt. Eine helle Frauenstimme sang die „Frühlingsnacht" von Schumann und jubelnd klang es zu ihr herauf: „Und der Mond, die Sterne sagen's, Und im Traume rauscht's der Hain, Und die Nachtigallen schlagen's: Sie ist Deine — sie ist Dein!" — Dora war es, als sie dieser jubelnden Stimme lauschte, als ginge durch das Weltall ein harmonischer Klang von Liebe und unendlichen Glücks. Sie hörte ihn durch das Murmeln des Baches und durch das Rauschen der Wälder. Auch die Blumen überall schienen leise davon zu flüstern und der linde Abendwind trug es zu ihr herauf. * ♦ * Der Assessor Born wohnte nicht in dem Hotel, das hatte Dora sehr bald ausgekundschaftet. Jedenfalls hatte, er es vorgezogen, eine Privatwohnung zu nehmen. Eine Begegnung mit ihm war ja aber trotzdem täglich möglich, tröstete sich Dora, wenn Born überhaupt hier verweilte und seine Reiseroute nicht geändert hatte. Eine tiefe Trostlosigkeit bemächtigte sich des jungen Mädchens bei dem Gedanken, daß Born vielleicht doch nicht hier verweile und all' ihr Hoffen ein vergebliches gewesen sei. Als mehrere Tage vergangen waren und Dora trotz allem Umhersteisens keine Spur von ihm entdeckt hatte, gewann dieser Gedanke sehr an Wahrscheinlichkeit, und die gehobene Stimmung, in welcher sie die ersten Tage hier in dem reizenden Badeorte verlebt, mußte bald einer sehr trübseligen, restgnirten weichen. Frau Schmidt hingegen fühlte sich von Tag zu Tag be- haglicher, sie hatte sich einigen älteren Damen angeschloffen, mit denen sie ihre Stunden auf die gemüihlichste Weise ver- plauderte, sogar den Strickstrumpf, den sie auf der ganzen Reise I noch nicht gewagt hatte, hervorzuholen, konnte sie hier in diesem Kreise nach Herzenslust handhaben, was ungemein zu ihrem l Wohlbefinden beitrug. Als Dora schüchtern vom Weiterreisen sprach, wurde die Tante fast zornig und erklärte, die ersten vierzehn Tage brächte sie keine Wacht der Welt hier fort, Dora sei jetzt wirklich wie der ewige Jude und habe nirgends Ruhe und Rast. Mit einem schweren Seufzer fügte sich die junge Dame in das Unvermeidliche. Der guten Tante den Grund ihrer Unruhe einzugestehen, vermochte Dora nicht, da jene jedenfalls ein derartiges Suchen nach einem jungen Manne für höchst unpaffend erklärt haben würde. (Schluß folgt.) Gein-innLWg-s. Um Fenster in bewohnten Räumen, wo dieselben auch während des Winters geöffnet werden müffen, luftdicht verschließen zu können, macht man von gutem Oelkitt lange Rollen von der Stärke eines Bleistiftes bis einen kleinen Fingers, je nach Beschaffenheit der Fensterrahmen, legt diese in den Spund aller vier Seiten des ausgehenden Flügels und schließt dann denselben mit sanftem Drucke. Es wird damit der Oelkitt dergestalt zwischen beide Rahmen gepreßt, daß dem Lustzuge jeder Durchgang gesperrt ist. Damit aber das Fenster auch geöffnet werden kann, ohne den gewonnenen dichten Schluß zu verlieren, bestreicht man vor der Manipulation denjenigen Spund, in welchem derselbe haften bleiben soll, mit Leinölfirniß und bestäubt die Seite der Rolle, welche sich beim Schließen des Flügels zwar an den anderen Rahmen fest anlegen, aber nicht ankleben soll, mit trockener Schlemmkreide. Zum lieber» flusse kann man mit dieser auch noch die Theile des anderen Rahmens bestäuben, welche beim Schließen des Fensters von dem Kitte berührt werden. Läßt man das Fenster einige Tage geschloffen, so wird die Kittaussüllung an dem mit Firniß bestrichenen Rahmen festsitzen, von dem anderen dagegen beim Oeffnen sich leicht ablösen und für die Folge den Zweck vollständig und dauerhaft erfüllen. ♦ ♦ * Grauwollenes Kleid zu waschen. Nachdem da» Kleid vollkommen zertrennt ist, bereitet man eine Lauge au» etwa 8 Liter Regenwaffer und Vie Kilogramm Elainseife. Dieses Verhältniß wird geändert, je nachdem die Zeuge mehr oder minder schmutzig sind. Die über Feuer aufgelöste und gut durchgerührte Lauge vertheilt man gleichmäßig in zwei Gefäße und nimmt zu der einen auf je ein Liter Lauge einen Theelöffel Salmiakgeist- Wenn man die Stoffe in die Lauge thut, muß dieselbe noch so heiß sein, daß man mit der Hand nicht hineingreifen kann. Der Stoff wird mit ein paar Holzlöffeln niedergedrückt und bearbeitet, dann möglichst ausgedrückt und in der zweiten Lauge ohne Salimakgeist bearbeitet; diese Lauge muß aber schon so weit abgekühlt sein, daß man das Zeug fest ausdrücken kann, wobei aber keine drehende Bewegung beim Ausdrücken stattfinden darf- Run werden die Stücke zum besseren Trocknen durch drei bis vier weiche, trockene Handtücher gedrückt, bis sie fast keine Feuchtigkeit mehr fahren lassen. In keinem Falle darf man wollene Stoffe in der Sonne trocknen, weil sie sonst dicht und hart werden, sondern das Trocknen muß im Schatten bei mäßigem Luftzug geschehen. ♦ * » Motten im Klavier. Seine Woll- und Filztheile bieten den günstigsten Brutplatz für Motten. Die Reinigung de» Klaviers ist mindestens einmal im Jahre vorzunehmen. Künstlicher Beilchenvuft. Prof. Tiemann und Dr. P- Krüger haben einen künstlichen Veilchenduft aus dem Citral, einem Bestandthelle der Eitronenöls, hergestellt. Die Herstellung» Methode wird von den Erfindern, die den entdeckten Stoff „Zonon" benannt haben, noch geheim gehalten; „Zonon" soll einen ungemein starken Veilchengeruch entwickeln. Falscher Caviar. 2 bis 3 schöne Häringe werden gewässert, von Haut und Gräten befreit, gewiegt mit ganz fein gehackter Zwiebel und Citronensaft untermischt und mit frischer Butter auf Weißbrod gestrichen. ♦ Riffe an Steingut und Thonröhren dichtet man mit einer Mischung von 2 Theilen schwarzem Schmiedeharz und 1 Theil Asphalt, welches über mäßigem Feuer flüssig ge> macht auf die betreffende Stelle aufgetragen und mit naßge» machter Hand beigedrückt wird. Die Stelle muß vorher gut angewärmt werden und vollkommen trocken sein. * Flöhe bei Hunden vertreibt man, wenn man mit einer harten Bürste, auf die man etwas Terpentinöl tropft, den Hund abbürstet, und das Lager, bei welchem öftere Er« Neuerung des Strohes und Sauberkeit unbedingt nothwendig ist, mit einigen Tropfen besprengt. Der Geruch wird die lästige Plage des Ungeziefers vertreiben und fernhalten. Vermischtes. In einem Gebirgsdorfe. Wirthin: „Grüß Gott, wünscht der Herr etwas zu speisen: einen schönen Schöpfenbraten, oder eine Ente, oder ein junges Henderl, einen Kalbsbraten, oder Forellen oder —" — Tourist: „Ich danke liebe Frau, aber ich bin zu erschöpft, um heute noch etwas genießen zu können. Ich möcht am liebsten zu Bette " — Wirthin: „G'seg 's Ihnen Gott, gnä' Herr, daß Sie nix zu essen begehren — wir haben eh nix im ganzen Haus." * * Ein besorgter Gatte. „Liebes Käthchen, komm', gehen wir auf die andere Seite der Straße. Hier nebenan ist ein Modemagazin und der Arzt hat Dir, wie Du weißt, jede Aufregung verboten!" * Zerstreut. Der Herr Professor kehrt Nachts von einer Gelehrten-Gesellschast heim und isi noch ganz mit den dort geführten Gesprächen beschäftigt. So geschieht es, daß er sehr zärtlich das Kerzenlicht au?küßt und dann seiner Frau gewissen- hast das Löschhörnchen über die Nase stülpt — worauf er zufrieden zu Bette geht. ♦ Wort gehalten. Student: „Sie bekommen schon Ihr Geld — aber diesen Monat kann ich Sie nicht bezahlen!" — Schneidermeister: „Das haben Sie ja auch vorigen Monat gesagt!" — Student: „Na,.hab'ich also nicht Wort gehalten?" Merkwürdiges Pech. Junggeselle: „Ich war von jeher ein Pechvogel! Alle die Mädchen, die ich aus Liebe bei» rathen wollte, haben viel zu wenig Geld gehabt!" ♦ • Falsch verstanden. Professor (vor einem Kranken zu seinen Hörern): „Dieser Fall, meine Herren, ist nicht hereditär — die Eltern dieses Manne» sollen leben und gesund sein." — Der Kranke (sich bedankend): „Sie auch, Herr Professor, Sie auch!" ♦ ♦ • Gutes Gewissen. Richter: „Angeklagter, Sie sind jetzt entlassen ... der wirkliche Dieb ist ermittelt!" — Lehmann: „Nu, seh'n Se, Herr Richter, ick hab' nter doch gleich jedacht, bet ick unschuldig bin." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.