Antevhaltnngsblatt z«n, Gietzenrr Anzeige» (Geneval-Änzeiger) - MbHLM SSLMK Samstag, den 15. September. In den Fesseln der Schuld. Criminal-Novelle von C. Sturm. (Fortsetzung.) „Wie heißen Ihre Vorschläge?" frug Hilleffen lauernd. „Ich will Ihnen von heute ab die unbeschränkte Disposition über alle finanziellen Operationen überlassen und vor allen Dingen will ich mich damit einverstanden erklären, daß Sie durch Speculationen in großem Stile die Verluste der Bank wieder wett zu machen suchen, ich erfülle also Ihren Wunsch, Herr Hilleffen, wie Sie ihn schon bei dem Antritt Ihrer Stellung äußerten." „Ich lege auf dieses Zugeständniß allerdings auch noch heute den größten Werth, denn es enthält die einzige Mög- lichkeit, die Bank vom bereits vorhandenen Ruin zu retten," entgegnete Hilleffen in nachgiebigerem Tone, denn er sah nun fein sehnliches Verlangen in Erfüllung gehen, der Alleinherrscher in der Bank zu werden und mit einer ihm innewohnenden leidenschaftlichen Neigung Speculationen im kühnsten und größten Stile vorzunehmen. Dann setzte er seinen versöhnlichen Worten aber noch die Bemerkung hinzu: „Lieber Herr Pohlmann, aber meine Unschuld an den bisherigen großen Verlusten der Central-Commerzbank muß unbedingt jetzt fest- gestellt werden und zwar wünsche ich, daß Sie mir darüber eine schriftliche Erklärung geben." „Das werde ich thun," erwiderte Pohlmänn, der allen Willen Hilleffen gegenüber jetzt verloren zu haben schien, und schrieb alsbald eine entsprechende Erklärung, welche sein gewandter Mitarbeiter sorgfältig durchlas und dann in seine Brieftasche steckte. „Einen meiner Lieblingswünsche haben Sie mir nun allerdings erfüllt, Herr Pohlmann," sagte dann Hilleffen freundlich, „aber dem heißesten Wunsch meines Herzens, Ihre Tochter als Gemahlin zu besitzen, dürfen Sie nun auch nicht mehr so schroff ablehnend gegenüberstehen, ich stelle dies Zugeständniß noch als eine Bedingung für unser ferneres Zusammenwirken in der Bankdirection auf." „Bester Hilleffen, quälen Sie mich nicht zu Tode mit dieser Angelegenheit und verlangen Sie von mir nichts Un- mögliches I" erklärte Pohlmann, in höchster Erregung in die Höhe fahrend. „Aber lieber Herr Pohlmann, ich verlange von Ihnen x 9ar "^2 Unmögliches," antwortete Hilleffen. „Sie brauchen nur aus irgend einem Grunde die heimliche Verlobung Zhrer Tochter mit dem Professor Galen wieder aufzuheben und mir zu gsstatien, daß ich mich um Carolas Hand bewerbe, dann bin ich sehr zufrieden." „Aber wenn meine Tochter dadurch unglücklich und elend wird, wenn sie aus Gram über ihre zertretene Liebe vor unseren Augen dahinsiecht?" „Sie befürchten gleich das Schlimmste ohne jeden Grund," entgegnete Hilleffen schlagfertig. „Wie manche stille Verlobung ist schon wieder aufgelöst worden, ohne daß die Betreffenden todtunglücklich geworden sind." „Dann bestand zwischen dem verlobten Paare eben keine wahre, echte Liebe, wie es bei meiner Tochter und Professor Galen der Fall ist." „O, zweifeln Sie vielleicht daran, daß ich Ihre Tochter nicht auch glücklich machen könnte, wenn sie meine Frau würde?" „Unter den jetzigen Umständen allerdings, denn Carola würde Sie nicht aus Liebe heirathen können. Bitte, Herr Hilleffen, geben Sie diesen unglückseligen Gedanken, meine Tochter zur Frau zu begehren, auf, es ist nicht daran zu denken, daß er verwirklicht werden kann." „Ich bin aber nicht im Stande, diese große, übermächtige Liebe aus meinem Herzen zu reißen, und wenn Sie mich muthig und zufrieden bei meiner schweren Aufgabe hier, bei der Rettung der Bank vor dem Zusammenbruch, sehen wollen, wenn Sie überhaupt auf meine unermüdliche Arbeit in dieser Richtung rechnen wollen, so erhören Sie meine Bitte und machen Sie mich zu Ihrem Schwiegersöhne. Unsere Schicksale find ohnedies jetzt durch den Zustand der Bank derartig zusammengekettet, daß Sir auch einmal an die große Lichtseite denken sollten, die der Umstand gewähren würde, daß ich Ihr Schwiegersohn wäre- Ich besitze ein großes Pcivatvermögen, mein werther Herr Director, und würde es zur Rettung der Bank mit auf das Spiel setzen, wenn Sie mir Ihre Tochter zur Frau geben. Verweigern Sie mir aber diese Bitte, so liegt e» in meinem Interesse, daß ich sobald als möglich meinen Posten als Director der Central-Commerzbank niederlege, denn für die Ehre dieses Amtes ist mir die Mühe und Sorge und auch das Risico jetzt, nachdem ich den wirklichen, von mir nicht verschuldeten Zustand der Central-Commerzbank kenne, doch zu groß." „Sie dürfen, Sie können Ihren Posten nicht mehr nieder- legen," erklärte darauf Pohlmann ganz erregt. „Wer will mich daran hindern, wenn ich es für nöthig erachte?" frug Hilleffen scharf. „Den Schein habe ich jetzt, wo ich weiß, wie der Herr Dtrector Pohlmann mit dem Vermögen der Central-Commerzbank gewirchschaftet hat, nicht mehr zu fürchten. Oder glauben Sie, daß ich Sie schonen würde, 430 peinlich doch Rache genommen, chältnisse der Central-Commerz- ,nnt gemacht. Außerdem war es und sehr gefährlich, an Messens Director jetzt in dieser kritischen Nach längerem Nachsinnen erklärte . Messen die Hand reichend: „Ver- wagen, mich zu comprov Ihrem Mitarbeiter gewäl in meinem Leben bereit Pohlmann fühlte, schlauen und gefährlic' seine Hände gerathe, stand sagte ihm a' brechen oder ihm Der Bruch n bedeutend mit < Hill-ssen hätte d und die bedenk ' bank in versteh ja auch außerr Stelle einen Lage der Ban, „ denn Sie haben mich ja zu '<<> diesen dunkeln Punkt oegene Spiel mit diesem ,oren hatte und ganz in 4 kühl berechnender Beran mit Hillessen entweder und ihn gewinnen mußte, e aber für Pohlmann gleich« Katastrophe gewesen, denn Im traulichen Geflüster saßen am Abend dieses Tages Professor Leonhard Galen und dessen Braut Carola im Pavillon des Pohlmann'schen Gartens. Die Liebenden freuten sich ihres Glückes und plauderten von der Hochzeit und der Hochzeitsreise, die ungefähr Mitte September stattfinden sollte. Wir reisen zuerst nach dem schönen Wien und dann nach Venedig, Florenz und Rom, Geliebte," sagte Galen mit seiner sonoren Stimme, „und es wird mir eine große Freude sein, dann Dir, meiner jungen Frau, all' die Schönheiten und Kunstschätze dieser berühmten Städte, wo ich vor Jahren einen großen The« meiner Studien machte, zu zeigen." „Das ist ein herrlicher Gedanke von Dir, Leonhard," jubelte das junge Mädchen und strich dem Geliebten liebkosend mit der zarten, seinen Hand über das lockige, braune Haupthaar. „Wie werde ich an der Seite eines so kundigen Füh- rers, wie Du es bist, diese schönen Städte und deren Kunstschätze erst kennen und bewundern lernen! Bei unserem vorjährigen Aufenthalte in Italien habe ich wirklich von den Kunstschätzen nicht viel gesehen, denn Papa hatte große Eile, um nach Neapel zu kommen und den feuerspeienden Vesuv zu sehen" „Und als wir kaum zwei Tage in Neapel waren," fiel jetzt die in einer Ecke des Pavillons sitzende Frau Director Pohlmann ein, „da erhielt mein Mann von seinem damaligen Mitarbeiter, dem Director Rustan, eine wichtige geschästliche Depesche, die ihn rasch nach Hause rief, und wir fuhren nun nach Deutschland zurück, ohne Rom und Florenz noch einmal gesehen zu bigfgt italienischen Reise, von welcher mir bereits Ernst seltsame Dinge erzählte, eine Art Unstern gewaltet," bemerkte jetzt Professor Galen lächelnd, „und es ist naher entschieden das Beste, daß wir unsere Hochzeitsreise nach Italien machen." „Ich rathe auch dazu," erklärte Frau Director Pohl- mann, „denn im Herbst ist es in Italien noch am schönsten pt ganz Europa, und das sonnige Land der Citronen, der ordnen." , , r ...... „Schon gut, schon gut," entgegnete dieser befriedigt schmunzelnd und freundlich lächelnd, und zuvorkommend beglei- ' tete Hilleffen den Director Pohlmann noch ein gutes Stück auf dessen Wege nach Hause. Die beiden Männer schieden von einander wie die besten Freunde und Niemand außer ihnen selbst hatte eine Ahnung, daß sie nur durch Schuld und Leidenschaft und durch den materiellen Vortheil, aber nicht . durch wahre Freundschaft aneinander gefesselt waren. deshalb Pohlmann pMh. , Messen die Hand reichend: „vereinigen wir uns also zum gemeinsamen Glücke, zur Rettung der Bank und zur Vermeidung einer großen Katastrophe. Carola muß Ihre Frau werden, mag es ihr auch Thränen kosten, dem Professor zu entsagen. Aber an eine plötzliche Aufhebung ihrer Verlobung ist nicht zu denken, Sie müssen mir vielmehr Zeit lassen, lieber Hillessen, die Sache zu Kunst und Poesie ist ja so recht ein Reiseziel für junge Ehe- eute." „Mama, Du sprichst mir aus dem Herzen," entgegnete Carola, „denn mögen die Schweiz, Norwegen und Schweden landschaftlich auch noch so schön sein, so üben sie doch nicht ren Zauber auf Herz und Gemüth aus wie Italien und ich könnte mich so leicht nicht dazu entschließen, meine Hochzeitsreise nach dem Norden zu machen." „Nun, so sind wir ja über den Plan der Hochzeitsreise vollständig einig," erklärte der Professor Galen, „und wenn Carola und ich recht schön bitten, so setzen vielleicht Vater und Mutter Pohlmann auch bald den Tag der Hochzeit fest." „Sehr gern wird es geschehen und auch bald, lieber Professor," gab die Dame verbindlich zurück, „ich will noch heute oder morgen mit meinem Manne Rücksprache nehmen, an welchem Tage die Hochzeit stattfinden soll " „Wir bitten aber auch nunmehr um die officielle Anzeige unserer Verlobung," meinte jetzt Carola leise schmollend, „denn Director Rustan ist nun schon beinahe drei Monate tobt und Papa treibt die Rücksicht in diesem Punkte wohl etwas zu weit, daß er die officielle Bekanntmachung unserer Verlobung wegen des Todes des Freundes so weit hinausgeschoben haben will. Es kommt mir diese Verzögerung fast wie eine Schrulle Papas vor, denn eine Verlobung ist doch schließlich nur eine stille Feier für die betreffende Familie und ein Act der gesellschaftlichen Convenienz gegenüber der Außenwelt." „Herrn Rustans plötzlicher Tod ist dem Papa sehr, sehr zu Herzen gegangen," erwiderte Frau Pohlmann, blickte aber erstaunt auf die Tochter, die heute in einer gewissen, an ihr sonst nicht zu beobachtenden Erregung die Frage der osficiellen Bekanntmachung ihrer Verlobung erörtert hatte, und dann warf die kluge Frau auch einen prüfenden Blick auf das Antlitz des Professors Galen, um vielleicht aus dessen Miene zu lesen, ob er im Herzen unwillig über die Verschiebung der osficiellen Verlobungsanzeige sei. Aber Proseffor Galen zeigte wie immer sein ruhiges, heiteres Antlitz, nur fiel es Frau Pohlmann auf, daß er kein Wort zu der von Carola angeregten Frage sagte. Wollte dieser feinfühlende Mann dadurch seinen Wunsch nicht aufdrängen oder beabsichtigte er damit, die Empfindungen des Directors Pohlmann in Bezug auf das schmerzliche An- denken des so plötzlich aus diesem Leben gerissenen Freundes, des Directors Rustan, zu schonen? Carolas Mutter wußte sich aber in die Gedanken des mit ihrer Tochter heimlich ver- lobten Mannes zu versetzen und sagte alsbald: „Ich denke, daß die officielle Verlobung in den nächsten Tagen angezeigt wird, es ist ja nur noch eine Formsache, gegen welche der Papa nichts mehr einzuwenden haben kann, nachdem er mit freudigem Herzen bereits seine Zustimmung zu Eurer heimlichen Verlobung gegeben hat. Ich werde, wie ich schon be- merkte, lieber Herr Professor, noch heute Abend oder spätestens morgen mit meinem Manne über die Angelegenheit sprechen und sicher wird er Alles zu Ihrer und Carolas Zufriedenheit anordnen. eflor Sanfte freundlich für diese Zusage und Carola umarmte zärtlich die Mutter, denn besser vermochte das junge Mädchen ihre Freude und ihren Dank gar nicht auszudrücken. , , . . Auf dem Kieswege des Gartens laut werdende Schritte zeigten jetzt an, daß Jemand nahte, und als Galen und Carola sich umblickten, bemerkten sie Ernst, welcher, ein Buch in der Hand, langsam näher kam. c Der junge Referendar sah ziemlich bleich und geistig angestrengt aus. . ... „Du wirst jetzt des Arbeitens und Studirens ja gar nicht mehr müde, Ernst," begann die Schwester liebevoll. „Hat es denn eine so große Eile, daß Du Dein zweites Examen machst« Komm', setze Dich zu uns und lege das Buch weg." „Kind, in Deinem Glücke kennst Du den Ernst des Lebens nicht," erwiderte der Bruder fast feierlich, „und weißt nich, daß man als Mann voll und ganz arbeiten muß, um em schönes, ein achtungswerthes Ziel zu erreichen und in seinem männlichen Bewußtsein befriedigt zu werden. Und so lange wenn Sie wagen würden, den Inhalt dieses Scheine» der Welt bekannt zu machen? Sie können es aber auch gar nicht - 431 man, wie ich, immer noch ein Examen zu machen hat, dann ist es immer am besten, daß es sobald als möglich geschieht, denn sonst fühlt man sich nur als halber Mann." „Ernst hat sehr Recht," bemerkte jetzt Profeffor Galen, „denn ich habe auch dasselbe Empfinden gehabt, als ich noch Examina zu machen hatte" „Deshalb kann er sich aber doch jetzt zu uns setzen und ein halbes Stündchen mit uns plaudern," sagte Carola. „Wir sprechen eben von unserer Hochzeit, Ernst." „Das ist allerdings ein interesiantes und wichtiges Thema," entgegnete dieser scherzend und sich neben der Schwester niedersetzend, fuhr er fort: „Seid Ihr denn schon über den Tag der Hochzeit einig? Ihr wählt doch einen Sonntag dazu oder einen Montag?" „Ein Sonntag wäre mir am liebsten, weil er am feier» ltchsten auf das ganze Grmüth wirkt uns nicht erst zu einem Festtage gemacht zu werden braucht, wie es mit einem gewöhnlichen Wochentage der Fall fein müßte, wenn man an einem solchen Hochzeit hält," erklärte Carola. „Da hast Du wirklich recht," bemerkte Profeffor Galen lächelnd, „aber die Hauptsache für uns bleibt es eben noch, daß Vater und Mutter Pohlmann selbst nun bestimmen, wann unsere Hochzeit stattfinden soll. Mir ist der September der passendste Monat dazu, weil die Akademie den ganzen Sep» tember hindurch und auch noch die Hälfte des Monats October Ferien hat." „Es wird sicher bald Alles nach Ihrem Wunsche geregelt werden, lieber Herr Professor," betheuerte nochmals Frau Director Pohlmann und lud das junge Paar wie auch den Sohn ein, ihr in'» Haus zu folgen, um dort das Abendessen einzunehmen. Als man eine halbe Stunde später sich im kleinen Speisesaal versammelte, trat auch Director Pohlmann ein, freudig empfangen von seiner Frau, seinen Kindern und dem zukünftigen Schwiegersöhne. Aber der sonst in Gesellschaft so heitere und zuvorkommende Bankdirector zeigte heute eine seltsame, düstere Miene, nur kurz erwiderte er die an ihn gerichteten Fragen und es schien, als ob eine große Sorge auf seinem Gemüthe lastete, oder als ob ihm heute Abend etwas sehr Verdrießliches passirt sei. Frau Pohlmann bemerkte diese Verstimmung des Gatten natürlich am ersten und fragte auch bald nach der Ursache derselben, und da wurde ihr die Antwort, daß der Hausherr geschäftlichen Verdruß gehabt habe und sich auch nicht ganz wohl fühle. Sehr unruhig, sehr aufgeregt war im Laufe der letzten Monate allerdings oft der Director Pohlmann gewesen und diese Aufregung konnte einen nachtheiligen Einfluß auf seine Nerven geltend gemacht haben. „Gehe zu Deiner Erholung einige Wochen in die Schweiz oder an die Nordsee," sagte dann Frau Pohlmann zu dem Gatten, „ich glaube, Deine Nerven sind überreizt." „Da hast Du allerdings recht," erwiderte der Bankdirector, „aber ich kann leider jetzt nicht fort, denn so tüchtig auch mein neuer Mitarbeiter Dtrector Hillessen ist, so fehlt ihm doch noch für eine Anzahl schwieriger Fälle die Erfahrung." Auch das Zureden der übrigen Anwesenden, daß sich der Hausherr eine Erholung durch einen ländlichen Aufenthalt in der Nähe der Stadt doch wenigstens gönnen sollte, nutzte nichts, der Director Pohlmann lehnte alle Vorschläge ab, blieb aber sonst ganz wider seine sonstige Gewohnheit sehr einsilbig und düster, so daß die kleine Abendgesellschaft infolge dessen einen sehr unerquicklichen Verlauf nahm. Alle wurden von dieser Schwermuth des Hausherrn peinlich berührt, am peinlichsten aber wohl Profeffor Galen, denn als dieser in einem unbewachten Augenblicke theilnehmend und forschend auf Pohlmann« Antlitz sah und sich dessen Augen mit denjenigen Galens trafen, schrack der Bankdirector so plötzlich und so heftig zusammen, daß es Allen, aber am meisten natürlich dem Profeffor Galen auffiel. „Du bist sicher nicht recht wohl und gehst am besten zur Ruhe," sagte nach der seltsamen Wahrnehmung Frau Pohlmann zu ihrem Gatten und dieser folgte auch sofort der Aufforderung, verabschiedete sich kurz von Profeffor Galen und seinen Kindern und verließ am Arme keiner Frau den Speisesaal. „Liebster Leonhard, - sagte darnach Carola zu i. „Aber Kind, ich sehe erwiderte Galen, „und da . zu ändern, ich will nur wü Krankheit verfällt." „Das glaube ich nicht," ruhig, „es ist nur eine der eige. die Papa bekommt, wenn er in druß hatte, ich hoffe bestimmt, t wieder vorbei ist." efen fatalen Abend," i. Vater krank ist," chs Störung nicht in keine schlimme Pohlmann sehr üthsstörungen, 'er oder Ver« aung morgen „Das hoffe ich auch," sagte l. . uann noch, indem er sich zum Gehen anschickte und von Carola und Ernst bis an die Thüre begleitet wurde. (Fortsetzung folgt.) Koftoitetten? Hand aufs Herz, verehrte Leserin! Sobald die Tageszeitungen einen Bericht über eine Festlichkeit bei Hofe bringen, sei es nun über ein Familienfest, wie eine Hochzeit oder eine Taufe, sei es über einen großen Ball, so interessirt die Frauenwelt vor Allem das, was über die Toiletten der be- theiligten Damen gesagt ist. Welche Farbe die Robe der Kaiserin hatte, nach welchem Modell das Kleid der Prinzessin Leopold angefertigt war, wie die Schleppe der Prinzessin Friedrich Karl aussah, da» feflelt alle Damen ganz selbstverständlich und es wird sie nicht minder interessiren, zu erfahren, wie diese Hoftoiletten entstehen und in welcher Weise sie wieder abgelegt und dann anderweitig verwendet werden. Betrachtet man zunächst die Zahl der Roben, welche von einer Königin oder Prinzessin im Laufe des Jahres gebraucht werden, so läßt sich dasür natürlich keine Norm aus- stellen, weil es auch hier ganz darauf ankommt, ob die betreffende Dame sehr sparsam ist, oder ohne Rücksicht auf die Kosten mit Vorliebe neue Toilette» trägt. Die Bedürfnis frage der großen Hoftoiletten, der Kleider, die für die Repräsentation nölhig sind, richtet sich nach der Zahl der Hoffestlichkeiten. Ist zum Beispiel strenge Trauer am Hof, so werden gar keine neuen großen Galatoiletten beschafft, weil ja keine Verwendung für sie vorhanden ist. Häufen sich dagegen die Festlichkeiten am eigenen Hof, haben die Kaiserinnen oder die Prinzessinnen noch Festlichkeiten an anderen Höfen mitzumachen, so steigert sich natürlich die Zahl der Toiletten, die angeschafft werden müssen. Für eine Hochzeit, die drei Tage dauert, bedarf eine solche hohe Dame mindestens neun bi» zehn neuer Kleider, von denen keines unter tausend Mark kostet. Unter Durchschnittsv erhältnissen wird eine Prinzessin am deutschen Kaiserhofe uno ebenso die Kaiserin Friedrich und die regierende Kaiserin jährlich für Festlichkeiten ungefähr sechzig bis achtzig großer Toiletten bedürfen. In welcher Weise werden aber die Toiletten' angekauft und beschafft? Das Vergnügen, selbst die Stoffe auszusuchen, haben die Kaiserinnen und Prinzessinnen nicht. Das „shoping“, das heißt das Herumsuchen nach Neuigkeiten in Geschäften, *) Wir entnehmen die interessanten Angaben des obigen Artikels den bekannten illustrirten Familienzeitschriften „Zur Guten Stunde" und „Für Alle Welt", Preis pro Heft 40 Pf. (Berlin W., Deutsches Verlagshaus Bong & Co.). Wir verfehlen bei dieser Gelegenheit nicht, unsere Leser wiederholt auf die anerkannt vorzüglichen und mit trefflichen schwarzen und farbigen Illustrationen reichhaltig ausgestatteten Blätter des Bong'schen Verlages aufmerksam zu machen. Verlag und Redaction derselben verstehen es, gerade dasjenige herauszugreifen, was von bleibendem Werth und hervorragendem Interesse für den Leser ist, und bieten so in den genannten beiden Zeitschriften eine wahrhaft unübertreffliche Quelle der Belehrung und Unterhaltung. - 432 - welches bekanntlich die Amerikanerinnen und Engländerinnen so eifrig pflegen und das auch von unseren Damen aus allen Gesellschaftskreisen cultivirt wird, ist nach der Hofetikette nicht statthaft. Die Hoflieferanten mit und ohne Titel, welche die ständige Kundschaft der hohen Damen haben, machen Mittheilung, wenn neue Muster und Modells eingetroffen sind, und dann erscheint in dem Geschäft die Oberhofmeisterin oder eine der Hofdamen, welche natürlich über den Geschmack der betreffenden Prinzessin ganz besonders gut unterrichtet sein muß und trifft unter den neu angekommenen Stoffen eine Auswahl. Diese Auswahl wird nach dem Schloß oder Palais geschickt, und dort sucht die Regentin oder Prinzessin mit den Hofdamen zusammen die Stoffe aus, die sie behalten will. Selten ist bei dieser Auswahl der Lieferant oder einer seiner Angestellten anwesend. Wie mit den Kleiderstoffen, geschieht es auch mit den Mänteln, mit den Joquetis, Copes u. s. w- Nur hat hier der Lieferant noch die Verpflichtung, bei jedem einzelnen Stück anzugeben, ob es bereits an eine andere Fürstlichkeit verkauft worden ist, oder ob ein ähnliches Modell bereits an irgend eine Dame vom Hofe abgegeben wurde. Es würde dem be- treffenden Lieferanten die Kundschaft kosten, wenn er durch Versehen seiner hohen Kundin irgend etwas verkaufte, was nicht durch und durch Original wäre. Wenn auf derselben größeren Festlichkeit zwei Damen mit demselben Mangel oder demselben Kleid erschienen, so würde das von den Kundinnen sehr unangenehm bemerkt werden. Was die Preise anbelangt, welche für die Kleiderstoffe oder für einzelne Toilettenstücke bezahlt werden so richten sich diese einmal nach der Qualität der Stoffe un,d dann nach dem persönlichen Geschmack und den Eigenthümli chkeiten der Käuferin- Die verstorbene Kaiserin Augusta hatte eine Vorliebe für besonders schwere und gute Stoffe, und öfter hat sie Seiden« oder Atlasstoffe angekauft, von denen der einfach liegende Meter mit 150 Mark bezahlt wurde. Sind die Stoffe für die Kleider befchafft, fo beginnen die Conferenzen der Oberhofmeisterin und Garderobiere mit der Hofschneiderin. Die Modelle und die Farbenzusammenstellungen, für die man sich entschieden hat, werden dann zur Genehmigung der betreffenden Fürstlichkeit vorgelegt, und dann erfolgt die definitive Bestellung. Bei Galatoiletten liquidirt die Hofschneiderin 150 bis 200 Mark nur sür Fasan. Sie scheut aber, wenn es sein muß, auch eine Reise nach Paris nicht, um dort das Neueste von Zuthaten zu einer Toilette einzukaufen. Diese „Staatsangelegenheiten" werden mit einem dichten Geheimniß umgeben. Selbst die in den Ateliers einer Hofschneiderin beschäftigten älteren und jüngeren Damen sind auf das Amtsgeheimniß „eingeschworen". Eine Hosschneiderin hat gewöhnlich außer der betreffenden Prinzessin noch einige andere Damen bei Hofe als Kundinnen, kann aber höchstens im Jahre drei bis vier Kundinnen bedienen, denn der Verbrauch an Toiletten ist, wie schon angegeben, naturgemäß ein sehr großer. Aus Sparsamkeitsgründen, dann aber auch, weil die Anfertigung und Instandhaltung der Sachen für die kaiserlichen Kinder sehr viel Arbeit erfordert, hat sich die regierende Kaiserin ein eigenes Schneiderinnenatelier eingerichtet, in dem sie ständig arbeiten läßt. Die größeren Hofschnetderinnen werden nur dann zur Aushülfe in Anspruch genommen, wenn das Atelier der Kaiserin nicht im Stande ist, innerhalb einer gewiffen Frist genügend Toiletten zu beschaffen. Dieses Atelier der Kaiserin, in dem zwölf, zeitweise aber auch vierzig Arbeiterinnen beschäftigt sind, steht unter der Aufsicht einer Hofdame und unter der speciellen Leitung einer Kammerfrau, welche gleichzeitig Garderobiere ist. Auch nach Abazzia hat die Kaiserin eine Anzahl der Arbeiterinnen aus dem Atelier mitgenommen, um dort die Instandhaltung der Sachen zu besorgen. Silber- und Goldstickereien, Stickereien in Seide werden in besonderen Ateliers auf Bestellung angefertigt, und die Kaiserin Friedrich mit ihren Töchtern züg bei solchen Gelegenheiten in höchst dankenswerther Weise die Schulen fürKunst-- gewerbe und Kunststickerei mit heran. Der Preis einer gesteckten Schleppe sür große Hoffestlichkeiten stellt sich auf zwanzig- bis vierzigtaufend Mark. Beim Anprobiren von Mänteln oder Kleidern ist niemals die Hosschneiderin oder Lieferantin oder eine ihrer Angestellten anwesend. Die Schneiderinnen oder Lieferanten für Mäntel oder Jaquetts geben sich die erdenklichste Mühe, um so genau zu arbeiten, daß Aenderungen überhaupt nicht mehr noth- wendig sind. Das Maßnehmen und kleine Aenderungen an den Toiletten erfolgen durch die Kammerfrau und Garderobiere und nach dem Muster der Kaiserin Augusta haben die Prinzessinnen in den Geschäften, in denen sie ständig arbeiten lassen, Büsten anfertigen lassen, auf denen die Taillen und Jaquetts genau abgesteckt und anprobirt werden. Die abgelieferten Arbeiten werden auch von den Kaiserinnen und Prinzessinnen sehr genau geprüft und die Prinzeß Friedrich Karl steht in dem Rufe, dabei äußerst penibel zu verfahren und jeden verunglückten Stich zu rügen, den sie bet der genauen Revision der abgelieferten Sachen unfehlbar herausfindet. Was mit den Toiletten, die in so umständlicher Weise componirt und hergestellt worden sind, nach der Benutzung geschieht, ist nur wenigen Eingeweihten bekannt. Die Kaiserinnen und Prinzesstnnen tragen gewöhnlich die kostbaren Toiletten nur einmal, höchstens zweimal, und auch das zweite Mal nicht ohne Aenderung. Nachdem die Toilette benützt ist, wird sie auseinander genommen- Es werden Brillanten, Perlen, kostbare Spitzen und andere Decorationsstücke abgetrennt und zur anderweitigen Verwendung aufbewahrt. Ebenso verwahrt man die Stickereien auf Sammt, die Stickereien in Gold, Silber, Seide; und wie lange solche kostbaren Toilettenstücke sich erhalten, geht wohl allein daraus hervor, daß jüngst auf einer Hoffestlichkeit in England die Gräfin Pembroke ein weißes Kleid mit Silber« stickeret und pfirsichblüthenfarbener Schleppe trug, deren Stickerei aus der Garderobe der Königin Elisabeth von England (die Königin starb 1603) stammte. Es bleiben dann von dem Kleide nur die Stoffe übrig und auch die kostbaren Stücke von Sammt-, Gold- und Silber« brokat, Atlas u. s. w. werden vielfach noch zu neuen Toiletten verwendet und umgearbeitet. In manchen Fällen macht die Kaiserin oder eine Prinzessin mit diesen kostbaren Einzelstücken einer Toilette Ge« ä schenke an ihre Hosdamen, welche Gelegenheit haben, diese f Stücke, die immer einen Werth von mehreren hundert, oft ; auch tausend Mark besitzen, wieder für ihre Toiletten zu k verwenden. Die drei- bis viermal benutzten Promenaden- und fo« t genannten Gesellschaftskleider kommen nach dem Gebrauch an | die Garderobe fr au, deren Eigenthum sie werden. Es ist ’ ja auch bei Damen, die nicht der Hofgesellschaft angehören, f üblich, die benützten Kleider der Kammerzofe zu schenken. In > manchen Häusern wird dieses Recht auf die abgelegten Toiletten den Kammermädchen sogar contractlich garanttrt. Die Garderobe- und Kammerfrauen entnehmen aus den t abgelegten Toiletten der Kaiserin und Prinzesstnnen zunächst l den eigenen Bedarf. Was sie nicht selbst behalten wollen, j verkaufen sie. Es gibt in Berlin einige Specialgeschäfte, - von denen sich das größte in der Oranienstraße befindet, \ welche sich nur damit beschäftigen, derartige abgelegte Toiletten der Kaiserin, Prinzessinnen, Fürstinnen u. s. w. anzukausen und sie vollständig neu umzuarbeiten, um sie dann zu ver- hältnißmäßig billigen Preisen an eine feste Kundschaft zu verkaufen, welche in diesen Toiletten noch Aufsehen macht. Zuweilen kommt es auch vor, daß eine der hohen Damen einzelne Stücke ihrer Garderobe an verarmte Waisen aus den - besseren Kreisen, die der Dame bekannt sind, oder ihr empfohlen ' werden, verschenkt. Doch bildet dieser Fall die Ausnahme und nicht die Regel. Redaktion: A. Scheyd». — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen.