Unterhaltnnsrblatt $ttm Gi«tzen«v Anzeig«» (G«n«val.Anzeige»-> 1894. ■ •: .*? ’U W q-ygc .-aea ir-a?fe^-.sSä l1'. ’-• Samstag, drn 14. Juli. WS Das Geheimniß der Droschke. Von F. H u m e. ””raB- " • (Fortsetzung.) VI. In der Villa Weber war eine kleine Gesellschaft ver» sammelt; sie bestand aus den intimen Freunden des Hauses, welche gewohnt waren, einen Abend der Woche in jenen gastlichen Räumen zu verbringen, zu welchen den zahlreichen Bekannten des Millionärs, die seinen stets bewundernden und ergebenen Hofstaat bildeten, der Zutritt verwehrt war. Man blieb unter sich, foupirte in aller Gemächlichkeit, plauderte, musicirte, ließ sich von den unermüdlichen Talenten Felix Roller's unterhalten oder lachte über ein scharfes Witzwort des geistreichen Doctor Philipp Mark, eines jungen Advocaten von intereffantem Aussehen. Herr Destder Jvanyi, der Bräutigam der schönen Margarethe, trug freilich seit seiner Ver- lobung wenig zur Unterhaltung bei — er war zumeist ernst und still; seiner Braut wollte es sogar scheinen, als drücke ihn ein geheimes Leid, als hätte er einen Schmerz erfahren, von dem er nicht sprechen wolle. Daß er sie liebe, von ganzem Herzen liebe, das wußte sie, das las sie aus seinen aufleuchtenden Blicken, die sie liebkosten und mit andächtiger Bewunderung ansahen. Und das Gefühl, von diesem Manne, der für sie die Vollkommenheit selbst bedeutete, geliebt zu werden, machte sie glücklich und heiter. Sie betheiligte sich auch tapfer an dem lebhaften Wortgefechte, das sich zwischen Roller und Doctor Mark entsponnen hatte, und freute sich über die Witzfunken, die herüber und hinüber flogen, ohne ledoch einen der Streitenden zu verletzen. . Die zwei Herren lebten in ständiger Fehde mit einander; dabei blieben sie aber ganz gute Freunde und vergaßen niemals, daß ihr Streit nicht ausarten dürfe. Felix Roller bot der Berufes Advocaten hinlänglich Stoff zu allerlei Neckereien und Anecvoten, die Doctor Mark lachend über sich ergehen ließ, um seinerseits die Marotte seines Freundes, sich für einen großen Journalisten zu halten, für seine Sarkasmen zu ver- werthen. Herr Felix Roller war nämlich nicht das, was man gewöhnlich einen Journalisten nennt. Von Hause aus reich oder wenigstens wohlhabend, hatte er es niemals nöthig gehabt, «ne Stelle bei einer Zeitung anzunehmen oder überhaupt für Geld zu schreiben. Wenn er trotzdem sein unleugbares Talent und seine geschickte Feder dazu verwendete, um den Journalen Artikel zu liefern, die, mit feinem Namen gezeichnet, gern abgedruckt wurden, so geschah dies erstens aus einer verzeihlichen Eitelkeit, und zweitens, weil Roller sich mit der Absicht trug, einmal eine politische Rolle zu spielen, und daher seinen Namen bekannt machen wollte. Er war eigennütziger, als er sich gab, und er wußte sehr wohl, wem er seine Beliebtheit in der Gesellschaft zu verdanken habe: dem regen Verkehr mit Allen, die mit der Presse in Verbindung standen und die ihm die Nachrichten zutrugen, die er mit der strahlenden Miene eines Mannes, der das Dunkelste durchschaut, zu colportiren wußte. Er besaß seine Verbindungen, die ihn nicht im Stiche ließen, erfuhr Alles früher als die Anderen und in anderer Weise, da er auch in jene Details eines Ereignisses eingeweiht war, welche die Zeitungen aus den mannigfachsten Ursachen zu verschweigen gezwungen sind. In den verschiedenen Redactionen besaß er gute Freunde, die er sich verpflichtet hatte — Freunde, die sehr gut wußten, daß sie auf seine Erkenntlichkeit rechnen durften, wenn sie ihm z. B. eine Nachricht, die von Interesse war, auf telegraphischem oder telephonischem Wege zukommen ließen. Die Gesellschaft hatte sich nach dem Souper getheilt. Die Damen begaben sich in den Salon, während die Herren, mit Ausnahme Jvanyis, der seine .Braut begleitete, noch eine Cigarette rauchten. Als sie aber Musik hörten, folgten sie alsbald und kamen gerade recht, um Fräulein Dora Federn am Clavier anzutreffen, welches von ihr ziemlich unsanft behandelt wurde. Die junge Dame war eine leidenschaftliche Musikliebhaberin, schwärmte aber zumeist für lärmende Com- positionen, welche das Pedal andauernd beschäftigten. Es machte ihr offenbar Vergnügen, aus dem zart gebauten Flügel Töne hervorzubringen, welche an die Gewalt der berühmten „Posaunen von Jericho" erinnerten. Felix Roller, der für Dora jenes Interesse empfand, das ein Mann seiner Art für die hübsche zukünftige Erbin einer großen Vermögens empfinden kann, beeilte sich, an ihre Seite zu kommen und sie nach Beendigung des Spiels mit tausend Artigkeiten zu überschütten. Er dachte zwar dabei, daß es ihm mehr Beifall eintragen würde, wenn er Doctor Mark in's Ohr flüstern könnte, daß er sich darüber wundere, wie sich das Instrument eine solche Behandlung gefallen lassen könnte, — aber er unterdrückte den Witz, so schwer es ihm auch fiel, indem er sich vornahm, ihn gelegentlich zu verwerthen, und fuhr fort, entzückt zu thun. „Es ist nur eine Sache der Uebung," meinte Dora schüchtern erröthend, „ich spiele täglich vier Stunden." „Oh — oh —" Roller wollte ein tiefer Seufzer entschlüpfen, aber er biß die Lippen aufeinander und sagte schmachtend: „Glückliches Piano!" - 322 Dora Federn blickte verlegen zu Boden und antwortete nicht. Als sie später wieder aufsah, traf Roller ein dankbarer und begeisterter Blick. Gerade, als sich eine zweite Dame an's Clavier begab, um ein Lied vorzutragen, meldete ein Diener Webers, ‘bafc Jemand Herrn Roller am Telephon zu sprechen wünsche. Er nannte den Namen einer Zeitung. Felix Roller nahm eine wichtige Miene an und folgte dem Diener. Nach einer Weile kehrte er in den Salon zurück. Er war aufgeregt und blieb schon an der Schwelle stehen- „Wissen Sie, wer der Todte im Fiaker ist?" fragte er athemlos. „Es klingt fast unglaublich, aber meine Quelle ist zuverlässig. Sie kennen ihn Alle. Niemand Anderer als Wolski - unser Wolski, Ottokar Wolski!" „Nicht möglichI — Undenkbar!" rief es durcheinander. Die Dame, welche soeben das Lied gesungen, ließ das Notenblatt fallen und starrte den Sprecher entsetzt an. Die anderen Frauen schrieen auf. „Ein Detectiv hat es herausgebracht," fuhr Roller fort, indem er näher trat. „Es kann kein Zweifel sein — es ist Wolski." Der Rest des Abends wurde ausschließlich mit Gesprächen über Wolski und das an ihm begangene Verbrechen ausgesüllt. Die Damen, welche zu Besuch gewesen, waren nach Hause gefahren, Margarethe aber saß an der Seite ihres Bräutigams, der an der Unterhaltung nicht theilnahm, sondern in düsteres Nachdenken versunken vor sich hinstarrte. Sie dachte an ihren Verlobungsabend. Auch damals hatte man von solchen Dingen gesprochen. Es wurde ihr traurig zu Muthe und sie seufzte. „Ich verstehe nur nicht," sagte Roller, „daß man so lange Zeit zu dieser Entdeckung gebraucht hat." „Das finde ich erklärlich," meinte Weber, „da Wolski ein Fremder und in Wien wenig gekannt war." „Bedenken Sie, Roller," bemerkte Doctor Mark, „es ist schwer, einen Menschen zu agnosciren, den man tobt im Wagen finbet. Er trug keine Papiere bei sich und seine Wäsche war nicht gezeichnet. Im Gegentheil, ich finde es sehr lobenswerth, daß die Polizei so schnell darauf gekommen ist. Uebrigens bleibt ihr noch die schwerere Aufgabe zu bewältigen, denn der Thäter ist sehr vorsichtig gewesen." „Glauben Sie, daß er entkommen wird?" fragte Jvanyi, der sich bis dahin schweigsam verhalten hatte. „Ich behaupte das nicht," antwortete der Advocat, „aber so viel ich weiß, hat er keine Spur zurückgelassen und es fehlt daher jeder Anhaltspunkt für die Recherchen. Er hat den Schauplatz für die That mit besonderem Scharfsinn ausgeklügelt." „Das finde ich nicht," erwiderte Roller. „Ein Fiaker auf offener, lebhafter Straße . . ." „Eben diefes," fuhr Mark fort, „ist sehr raffinirt ersonnen. — Die Geschichte ähnlicher Verbrechen bietet zahlreiche Belege dafür, daß die Gefahr der Entdeckung um so kleiner ist, je lebhafter der Schauplatz der That. Der Fiaker hatte gar keinen Grund, den Herrn im lichten Rock zu verdächtigen; er ließ ihn ruhig mit Wolski einsteigen — ruhig aussteigen — hörte kein Geräusch und hatte keine Ahnung davon, was in seinem Wagen während der Fahrt vorging, bis er in der Liechtensteinstraße 121 die Entdeckung machte. — Indessen war der Thäter geborgen, dieser wohnte keinesfalls in dieser Straße, überhaupt nicht in demselben Bezirke . . ." „Warum behaupten Sie dies?" fragte Weber. „Weil er nicht so dumm gewesen wäre, direct auf die Spur seiner Wohnung zu leiten. Wie der Fuchs wollte er seine Verfolger irreführen. Er ist wieder in die Stadt zurückgegangen und von dort aus, da um diese Zeit die Straßen schon ziemlich verlassen sind, ganz gemüthlich in seine Wohnung. Ich kann mich irren, aber ich habe in meinem Beruf eine, gewisse Menschenkenntniß erlangt und ich glaube, daß meine Idee die richtige ist." „Ich fühle mich nicht ganz wohl," flüsterte Jvanyi seiner Braut zu, indem er sich hastig erhob, — „ich gehe auf die Terrasse." Margarethe stand ebenfalls auf und folgte Desider. Draußen, noch im Lichtkreise der electrischen Lampen, sah sie ihn voll an und sagte, sich zärtlich an ihn schmiegend: „Was hast Du denn? Du siehst in der That nicht gut aus." „Ah, nichts — wahrhaftig," entgegnete er rasch. „Ich habe mich heute unnützer Weise aufgeregt und jetzt diese Nachricht. --Ah, da weht die Lust so erfrischend," schloß er, sich in einen Lehnsessel werfend. Margarethe stellte sich hinter ihn, legte ihren Arm auf seine Schulter und blickte auf die Straße. Dort war es ruhig, nur hin und wieder hörte man den Schritt eines einsamen Spaziergängers, der vielleicht den herrlichen Maiabend benützte, um in der Villenstraße auf- und niederzugehen und den Duft des blühenden Flieders einzuathmen. Nach einer Weile bemerkte Margarethe, daß der Spaziergänger vor ihrem Hause stehen blieb und zur Terrasse emporsah. Als sie Desider hierauf aufmerksam machte, wurde er unruhig. Es war wirklich so: der Herr unten beobachtete ihn und das ganze Haus; er hatte auf einer Bank Platz genommen und blickte aufmerksam zu den erleuchteten Fenstern empor. „Nichts, nichts," beruhigte Jvanyi seine Braut und erhob sich, um sie in den Salon zurückzuführen, indem er zwischen den Zähnen murmelte: „Es kann mich Niemand gesehen haben. — Aber ich wollte, ich hätte diesen Polen nie gekannt." VII. Der Villa Weber gegenüber, auf dem mit Bäumen bepflanzten Gehwege, promenirte seit einigen Stunden Herr Wendelin Adamek- Der süße, fast betäubende Duft der jungen Akazien, welche in voller Blüthe standen, vermischte sich mit dem Wohlgeruch des Flieders, der aus den Villengärten auf die Straße drang. Der HimM war tiefblau, die Luft still; nur durch die Baumkronen ging ein leiser Wind, so daß dar Mondlicht mit seinem geheimnißvollen Schimmer über die Blätter zu gleiten schien. Es war eine schöne Frühlingsnacht, so recht geschaffen für die Träume eines Verliebten. Aber Herr Adamek fühlte durchaus keine Lust, zu träumen — ein anderes Geschäft hatte ihn hierhergeführt, und wenn sein Herz etwas wie eine Regung der Sehnsucht verspürte, so war es die, daß Desider Jvanyi recht bald die Villa verlassen möchte. Jndeß, das zog sich sehr in die Länge und der Detectiv hätte vollauf Zeit gehabt, die Annehmlichkeiten der Abends zu genießen, wenn er nicht gar zu ungeduldig gewesen wäre. Nicht einmal die Cigarre wollte ihm schmecken. Die Unthätigkeit, zu welcher er gezwungen war, regte ihn auf. Wozu stand er da? Jedenfalls nicht, um die Musikklänge anzuhören, die aus der Villa Weber kamen und welche ihm nur verriethen, daß er seinen Beobachtungsposten nicht so bald werde verlassen können. Man war dort offenbar guter Dinge und — Niemand mißtraute vermuthlich dem Gaste, der im Hause weilte und jetzt vielleicht mit den Anderen lachte, sich das feine Essen gut schmecken ließ, an einem Champagnerkelche nippte. Die Phantasie Adameks war außerordentlich lebhaft in Bezug auf Dinge, welche wir die Annehmlichkeiten dieses Lebens nennen. Etwas wie Neid regte sich in ihm, und um das Gleichgewicht seiner Seele wiederherzustellen, zwang er sich dazu, sich auszumalen, wie in den goldstrotzenden Gemächern des Millionärs mit einem Schlage alle Lust und Freude verschwinden würde, wenn er schon jetzt mitten unter die Gesellschaft treten dürfte mit seiner niederschmetternden Ablage. Dabei stand er an einen Baum gelehnt und starrte zu den hellerleuchteten Fenstern empor- Mit einem Male hörte die Musik auf/ etwas schien oben vorgegangen zu sein. Wenige Augenblicke darauf sah der Detectiv mehrere Damen davonfahren und dann Jvanyi mit seiner Braut auf die Terrasse kommen. Jetzt war er sich wieder vollkommen bewußt, was ihn hierher geführt: er wollte die Wohnung Jvanyis in Erfahrung bringen. Er hätte wohl im Amte nachfragen können, aber - 32.3 - er hütete sich sehr, dort der Angelegenheit Erwähnung zu thun, da er jetzt, nachdem man ihm die Ausforschung übertragen, von seinen College« beobachtet wurde. Und die sollten nicht ahnen, daß er bereits nahe daran sei, das Geheimniß zu ent« hüllen. Mit der vollendeten Thatsache wollte er seine Neider überraschen. Uebrigens hatte er die Absicht, den Mann, den er der That verdächtigte, ein wenig zu beunruhigen, um zu sehen, wie er sich benehmen werde. Denn es war noch nicht ausgeschlosien, daß er keinen Antheil an dem Verbrechen gehabt. Wolski war vielleicht doch freiwillig aus dem Leben geschieden, wie einige ältere Polizeibeamte behauptet hatten. In der That war das bisherige Gebühren Jvanyis ein durchaus unauffälliges; er schien sorglos umherzugehen — und er mochte ein Lächeln haben für alle Welt, befonders für die Polizei, welche sich über die Unthat in der Liechtensteinstraße den hochweisen Kopf abmarterte. Endlich hörte der Detectiv Stimmen im Vorgarten der Weber'schen Villa. Zuerst verabschiedeten sich mehrere Herren, darunter Doctor Mark und Roller; dann kam Jvanyi, seine Braut am Arme. Herr Weber schüttelte ihm die Hand und bat ihn, seinen Wagen zur Fahrt in die Stadt zu benützen, was der junge Mann jedoch ablehnte, während Margarethe ihn herzlich umarmte und küßte und ihm, als schon die Garten- thür geschloffen war, heiter nachrief: „Vergiß nicht, Lieber — morgen I" Ihre Stimme klang hell und heiter wie das Zwitschern einer Lerche. Desider Jvanyi stand eine Weile still, nahm den Hut ab und athmete tief auf. „Ein schöner Mann," murmelte Adamek, „schade um ihn!" Der Beobachtete ging langsam weiter, indem er von Zelt zu Zeit stehen blieb, scheinbar versunken in die Herrlichkeit der Mainacht. Endlich zündete er eine Cigarette an und begann so rasch vorwärts zu gehen, daß der etwas beleibte Adamek Mühe hatte, ihm zu folgen. Der Detectiv blickte unausgesetzt auf die schlanke Gestalt Jvanyis und immer fester wurde seine Ueberzeugung von der Schuld des Mannes, dem er folgte. Trug er doch den hellen Ueberrock und den weichen Hut, den die beiden Fiaker als Kennzeichen angegeben hatten. Wieder hatte Desider Jvanyi seinen Schritt gehemmt und der Detectiv war ihm so nahe gekommen, daß er ganz deutlich vernehmen konnte, was der Verfolgte vor sich hinsprach. „Armes Ding — armes Ding!" kam es über die Lippen Jvanyis im Tone herzlichsten Mitleids. In diesem Augenblicke hörte er Adameks Schritt hinter sich, wandte sich rasch um und sagte gereizt: „Zum Kuckuck, weshalb laufen Sie mir denn die ganze Zeit über nach?" „Aha, er hat chemerkt, daß ich ihn beobachte," dachte Adamek erfreut. — „Ich laufe Ihnen nicht nach," sprach er laut. „Ich glaube, die Straße ist frei und Jeder darf gehen, wo es ihm beliebt." Jvanyi gab keine Antwort, sondern ging schnell weiter. „Er bekommt Angst," dachte der Detectiv. «Ein gutes Zeichen!" Indessen befand sich Jvanyi in einer nichts weniger als behaglichen Stimmung. „Der geht mir gewiß nach," dachte er, — „aber es soll ihm nicht gelingen, zu sehen, wo ich wohne.--Im Fiaker gctödtet. — Ein ganzer Roman. — Nun, eines ist sicher; bei Weber wird Wolski mir nicht mehr unangenehm werden. — Wenn meine Braut Alles wüßte, wäre zwar wenig Hoffnung für mich — aber sie wird's nicht erfahren — ebensowenig wie andere Leute. Aber ich möchte nur wissen, warum der Mensch dort mir noch nachläuft? Man weiß doch nicht, daß ich Wolski in jener Nacht gesehen habe. — Ach — ich bin ein Kind — ein Nichts erschreckt mich — ' es ist vielleicht nur ein harmloser Spaziergänger." Er sah sich um und da Adamek in diesem Augenblick im Schatten eines Hauses stand, glaubte er, den lästigen Beobachter losgeworden zu sein, und ging beruhigt bis an's Ende der Währingerstraße; dort blieb er stehen. „Ah," murmelte Adamek überrascht. „Das ist stark. — Er will sich den Platz, wo damals der Fiaker hielt, noch einmal ansehen. Ein sonderbarer Mensch, denkt er denn ganz und gar nicht an eine Entdeckung?" Nach kurzem Aufenthalt setzte Jvanyi seinen Weg fort, bis er zu einem Fiakerstandplatz kam. Hier nahm er einen Wagen. „Das kann ich auch," murmelte der Detectiv, „ich bin so klug wie Du." Kurz entschlossen stieg er in den nächsten und befahl dem Kutscher, dem ersten so lange nachzufahren, bis er halten werde. Indessen war Jvanyis Wagen nach der kurzen Tour über den Schottenring in die Wipplingerstraße eingebogen, um dann durch endlose Straßen und Gäßchen zu fahren. Endlich hielt der Fiaker an der Ecke der Schwarzenbergstraße. Jvanyi stieg aus, begann aber eine rastlose Wanderung durch eine Menge kleiner Gassen, bis er vor einem Hause in der Allee- gaffe stehen blieb. Adamek war dem jungen Manne gefolgt; als dieser im Hausthore verschwand, nicht ohne sich noch einmal nach seinem Verfolger umgesehen zu haben — allerdings zur großen Freude Adameks vergeblich, — athmete der De- tectiv erleichtert auf, besah das Haus aufmerksam und notirte die Nummer desselben. Das Nächste, was ihm nun zu thun oblag, war, die Bewohner des Hauses auszuforschen, wann Jvanyi in der Nacht vom 27. zum 28. Mai nach Hause gekommen sei. „Wenn ich herausbringe," brummte er auf dem Heimweg in sich hinein, „um welche Stunde er damals nach Hause ge- • kommen ist, und wenn diese Zeit mit jener überetnstimmt, welche der Fiaker angegeben — dieser hatte bestimmt erklärt, daß es von der Karlskirche zwei Uhr geschlagen hätte, als sie über die Elisabethbrücke fuhren, — dann verhafte ich ihn ohne Bedenken." Dabei rieb er sich die Hände vor Vergnügen und dachte an seine Beförderung. VIII. Desider Jvanyi hatte sehr schlecht geschlafen. Der Gedanke an den Mann, welcher ihn den Abend vorher so unermüdlich verfolgt, wollte ihn nicht verlassen, und er mußte auch jetzt an diesen Menschen denken, während er in seinem Zimmer ruhelos auf- und abging. Er fühlte sich müde, abgespannt und wie zerschlagen. „Wollte Gott, ich hätte diesen Wolski nie gesehen," seufzte er auf und wiederholte, immer an seine liebreizende Braut denkend, deren Bild auf seinem Schreibtische stand, im Tone des herzlichsten Mitleids: „Armes Ding — armes Ding." Das Frühstück, welches die Haushälterin, Frau Kroll, vor einer Stunde gebracht, stand noch da. Mehrere Male schon hatte er versucht, ein Stück mürben Gebäcks zu sich zu nehmen; aber der Bissen blieb ihm in der Kehle stecken. Es duldete i*n nicht auf demselben Platze. Nach einigen Secun- den begann er die Wanderung durch die Räumlichkeiten, welche er bewohnte, von Neuem, unermüdlich Cigarretten rauchend, die er gleich nach dem Anzünden unwillig von sich warf. „Armes Ding — armes Ding," murmelte er, vor dem Porträt Margarethens stehen bleibend, deren große Augen ihn treuherzig anzublicken schienen. Als die Haushälterin wieder eintrat, um den Frühstückstisch abzudecken, nahm er rasch Platz und vertiefte sich scheinbar in die Seetüre seines Morgenblattes. Aber Frau Kroll, welche gewohnt war, ihren Herrn allmorgendlich nach seinem Befinden zu fragen und nach seinen Wünschen für den Tag, rief bei seinem Anblick bestürzt: „Mein Gott, Herr von Jvanyi, was fehlt Ihnen denn? Sie sehen ja sehr schlecht aus!" „Ich habe nicht gut geschlafen, Frau Kroll," erwiderte er kurz. „Das kommt vom Blut," versetzte sie wichtig. „Wer zu wenig Blut hat, kann nicht schlafen." Frau Kroll hatte sehr eigenthümliche Ansichten über solche Dinge, Ansi tten, die sie im Laufe der Jahre innerhalb ihrer eigenen Familie gesammelt, deren einzelne Mitglieder sie jedesmal zu Zeugen ihrer merkwürdigen Behauptungen anzurufen pflegte und zwar in einer Weise, die den gutmüthigen und geduldigen Jvanyi mehr als einmal erheitert hatte. So sagte sie auch jetzt: „Meines Vaters Bruder — also mein leib- hastiger Onkel — schlief so fest, daß matt ihn nicht eher erwecken konnte, als bis mau ihm Blutegel angesetzt hatte..." Desider war heute nicht geneigt, dergleichen anzuhören; er zeigte also wenig Interesse sür den Blutreichthum ihres Onkels und erreichte dadurch, daß sie einigermaßen beleidigt das Zimmer verließ, um draußen den Burschen in gereiztem Tone anzufahren, gleichsam, als wollte sie denselben für die schlechte Laune seines Herrn zur Verantwortung ziehen. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Ausrangirte Filzhüte können mit wenig Mühe zu sehr niedlichen Deckchen als Unterlagen für heißes Geschirr, zu Lampentellern rc. verwandt werden. Man lege die Hüte mehrere Stunden ins Wasser, knete sie durch, bis sie weich sind, recke sie nach allen Seiten zu einer geraden Fläche und hefte den Filz mit Drahtnägeln in kleinen Zwischenräumen unter fortgesetztem Ziehen auf ein Brettchen fest. Hier verbleibt er, bis er vollständig trocken ist. Herunter genommen, schneidet man ihn genau rund. Zierstiche, eine Spitze, Franse re. rings herum geben diesen Deckchen ein hübsches Aussehen. * * ♦ Seide während der Wäsche zu behandeln. Seide darf nie gerungen werden, auch nicht mit der Maschine, weil die eingepreßten Falten nicht mehr zu beseitigen wären; womöglich müsien auch während des Waschens alle Stücke ohne Falten im Wasier liegen; dem letzten Spülwasier gebe man dann eine schwache Gummitragantlösung mit ganz wenig Alaunzusatz und Weingeist, hänge sodann zum Abtropfen auf, schlage hierauf zum völligen Abtrocknen in reine Tücher ein und mangle noch feucht in diesen, womöglich ohne Bruch, und stecke dann auf den Rahmen. * » Um Druckstellen im Plüsch zu entfernen, zieht man den Plüsch auf der linken Seite über ein heißes Plält- eisen und bürstet die rechte Seite mit Salmiakgeist oder Spiritus. ♦ ♦ Rhabarberstengel können den ganzen Sommer hindurch geschnitten werden, wenn man die Blüthenstengel gleich im Entstehen unterdrückt. ♦ * ♦ Wenn Oleander, Evonyrnus re. unten kahl werden, muß man sie zurückschneiden. Dieses kann bei solchen Gewächsen, zu denen auch Azaleen rc. zu zählen sind, bis aufs alte Holz geschehen; sie brauchen kein Blatt zu behalten und werden dann mehr schlafende Augen austreiben, als wir vorher glaubten. • ♦ ♦ Stoffe wasserdicht zu machen. In anderthalb Eimer heißen Wassers wird ein halb Kilo Alaun und 125 Gramm Bleizuckergift aufgelöst. Dieses läßt man abkühlen und schüttet die klare Flüssigkeit sehr vorsichtig von dem Bodensatz ab. In diese klare Flüssigkeit taucht man die betreffenden Stoffe, welche man wasserdicht zu machen wünscht. Darauf läßt man dieselben glatt aufgehangen, abtropfen und trocknen, ohne sie zu glätten. ♦ Um hölzerne Pfosten re. im Boden dauerhaft zu machen, nimmt man gekochtes Leinöl nnd rührt in dasselbe pulverisirte Kohle, bis diese Mischung die Konsistenz einer Anstrichfarbe erhalten hat. Damit streicht man den Theil der Pfosten an, welcher in den Boden getrieben werden soll. So zubereitetcs Holz hält im Boden länger als Eisen. 324 ss Vermischtes. Australische Dienstmädchen. Wenn auch die Arbeitslöhne in Australien im letzten Jahrzehnt und besonders seit dem vergangenen Jahre mit seinen zahlreichen Bankkrachs durchweg gefallen sind, so sind sie trotzdem gegenwärtig ver- hältnißmäßig noch ziemlich hoch und für weibliche Dienstboten auch nach australischen Begriffen über alle Maßen hoch. Man kann daher Australien thatsächlich als das Paradies für Dienstmädchen bezeichnen. Gewöhnliche Hausmädchen erhalten den Monat 180 Mark Lohn und darüber bei vorzüglicher Kost. Dienstmädchen, welche kochen können und Dienstmädchen in Hotels erhalten monatlich 200 bis 250 Mark Lohn, vereinzelt noch mehr. Allerdings sind die Preise für Kleidungsstücke, Schuhwerk u. s. w. durchschnittlich um 50 bis 75 Procent höher als in Deutschland oder Oesterreich. Aber trotz alledem sind die Löhne für Dienstmädchen geradezu glänzende. Den Besuch von Verwandten oder Bekannten empfängt das Dienstmädchen nicht in der Küche, sondern die Herrin des Hauser muß dem Dienstmädchen zu diesem Zwecke ein Zimmer einräumen. Die australischen Dienstmädchen haben natürlich nicht nur den Sonntag Nachmittag und Abend frei, sondern meist noch einen Nachmittag in der Woche. Auch ist Australien das einzige Land der Welt, in welchem die Dienstmädchen Ferien haben, und zwar nehmen sie gewöhnlich um die Weihnachtszeit 2 bis 3 Wochen Urlaub, ohne daß ihnen an ihrem Lohn etwas abgezogen werden dürfte. In der Weihnachtszeit vergnügen sich die Mädchen auf Kahnparthien, Picknicks, im .Walde u. f. w., während die Hausfrau allein arbeiten muß. Man darf nicht vergeffen, daß das Weihnachtsfest in den australischen Sommer fällt. Der große Mangel an Dienstmädchen in Australien rührt daher, daß dort die jungen Mädchen der arbeitenden Stände, gerade wie in Nordamerika nur äußerst ungern in den Dienst gehen. Schneiderinnen, Stickerinnen, Verkäuferinnen u. s. w. werden aber auch in Australien verhältnißmäßig schlecht bezahlt. Im Vertrauen. „Eine schöne Empfehlung von meinem Chef und er läßt um sofortige Begleichung der Rechnung bitten I" — „Wie? Glaubt denn Ihr Herr etwa, daß ich ihm durchgehe?" — „Das nicht... aber — im Vertrauen gesagt — mein Herr will durchgehen!" * * Drastisch. A. (auf dem Balle, höhnisch): „Nun, lieber Freund, wie tanzt denn die dicke Frau Commerzienräthin?" — B.: „Schauderhaft — wie eine feuerfeste Kasse Nr. 11" -» * Ein Schlaumaier. „Du, Han», warum gibst Du denn heut' Deiner Sau gar nix z' freff'n?" — „Ja, weißt', Steffel, dös hat sein' eig'na Grund: Mei' Sau kriagt immer an ein'm Tag gar nix z' fressen, und am andern was nur g'rad ins Vieh 'neingeht... weißt I damit V a fchön's durch- wachsen's Fleisch kriagt: immer a biss'l fett und nachher wieder a biss'l mager!" ♦ ♦ ♦ Opferwillig. Braut: „Du willst mich schon so früh verlassen, lieber Oskar?" — Bräutigam: „Zehn Jahre meines Lebens würde ich darum geben, könnte ich noch länger bei Dir bleiben! Aber Du weißt, wir haben heute Sitzung im Ruderclub und da muß ich 50 Pfennige bezahlen, wenn ich zehn Minuten zu spät komme!" ♦ ♦ * Einfache Kur. „Wie hast Du denn eigentlich Deine Frau von ihren „Ohnmächten" kurirt?" — „Ganz einfach, als sie wieder einmal in eine fiel, sagte mein Vetter, der dabei war, auf Verübredung: „Fritz, eine Frau in Ohnmacht sieht doch um gut zehn Jahre älter aus!" Seitdem fällt sie nicht mehr in Ohnmacht." Redaction: A. Sch eh da. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen.