--w—'->5 ----t=j-T, -T- AnLevhaltnngsblatt zrrnr Giehenev Anzeigen (Geneval-Anzergsv) q jiij Donnerstag, den 14. Juni. Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) Auf dem nahen Kirchthurme schlug die Glocke die elfte Stunde. Justine kniete nieder, faltete die Hände und betete: „Herr mein Gott, stärke mich, daß ich das gute Werk vollende. Schlage die Feinde mit Blindheit, gib Deinen Segen zu meinem Thun, führe die Unschuldigen aus dem Elend." Sie stand auf, hüllte stch in den Mantel, entzündete die bereitgestellte Blendlaterne, wickelte ein langes Seil um den linken Arm, zog ein Paar Strümpfe über die ledernen Schuhe, faßte das Schlüsselbund mit einem wollenen Tuche zusammen, damit das Klirren vermieden wurde und schritt nach der Haus- thüre. Die Taschen des Mantels waren gefüllt, unter dem Kletdungsstücke ragte die Spitze einer Waffe hervor. Das Gesicht wurde durch ein wollenes Tuch verhüllt, nur die Nasenspitze und die glänzenden Augen blieben frei. Die kleine Gestalt war so breit als hoch in ihrer Vermummung und glich eher einem Kobold, als einem menschlichen Wesen. Geräuschlos glitt das Mädchen durch den dunklen Schloß- Hof; ihre Schritte wurden von den über die Lederschuhe gezogenen Strümpfen so gedämpft, daß nicht der leiseste Laut hörbar wurde. Schritt um Schritt ging sie vor; nach einiger Zeit hatten sich ihre scharfen Augen an die Dunkelheit ge- wöhnt. Nun ging es schneller. In der Nähe des Schloß, thores, an welches das Wachthaus angebaut war, blieb sie stehen und lauschte. Deutlich vernahm sie das Schnarchen von vielen Schlafenden. „Sie haben richtig das Faß in einem Zuge ausgetrunken," flüsterte sie. „Jeder glaubte, er bekäme nichts mehr, wenn er fortginge — und darin hätte er sich nicht getäuscht." Vorsichtig schlich sie nach dem großen südlichen Thurme. Der Wächter saß auf der Erde, hatte den Rücken an die Mauer gelehnt und schlief; gegenüber lag Mars, der Blut- Hund, und schlief gleichfalls. Caspari hatte kürzlich die beiden Spürhunde anschaffen lassen, um die Spur von Flüchtlingen besser verfolgen zu können. Daß die eingekerkerten Juden ausbrachen und davon kamen, war ihm sehr empfindlich. Die Leute behaupteten: Bei der Verfolgung wäre eine Handvoll Reichsthaler die Ursache gewesen, daß die Nachsetzenden nach Osten liefen und suchten, während die Ausreißer nach West und Süd gerathen seien. Daher kam es, daß der Schultheiß mit Recht in sein Journal schreiben konnte: „hatte Im zwar vf alle Strassen nachgeschickt, aber nit antreffen können." Justinens Muth wuchs, als sie merkte, wie trefflich die Wirkung des gewürzten Weines war. Den Schlüssel zum Thurme kannte sie genau; ihre Hand zitterte heftig, als sie das ganze Bund emporhob, um aufzuschließen. Kreischend, wie eine rostige Wetterfahne, ging der Riegel zurück, das kleine Thurmthürchen, schwer mit Eisenbändern und dicken Nägeln beschlagen, öffnete sich nach innen. Das Herz klopfte dem muthigen Mädchen zum Zerspringen; „wenn das Kreischen des Riegels gehört wurde, bin ich verloren I" dachte sie. Eine Minute verweilte sie, es regte sich nichts. „Sie schlafen Alle fest wie die Murmelthiere im Winter; man könnte die Leute und Hunde wegtragen, ohne daß sie es merkten, ich darf kühner vorangehen." Justine schlüpfte in die Thüre, schloß von innen durch Vorschteben eines Riegels und stieg die steile Treppe in das Verließ hinab. Sechsundfünfzig Stufen waren es, das hatte ihr der Vater einmal gesagt. Nun war sie unten. Wo mag der Gefangene sein? Hier in der Nische. Der Thurm ist nach der Außenseite rund, nach innen gerade; da wo die Sehne mit dem Bogen zusammentrifft, ist ein Winkel. Hier lag der Ge- fangens auf moderigem Stroh und schlief. Justine öffnete die Blendlaterne ein wenig und ließ das Licht auf das Gesicht des Schläfers fallen. „Welche Seligkeit, wenn ich mit Dir sterben dürfte!" flüsterte sie. Ein heftiges Neidgefühl zog plötzlich in ihr aufgeregtes Gemüth. „Soll ich ihr und ihm davon helfen, daß sie unaussprechlich glücklich und ich unaussprechlich elend werde! Wäre es nicht besser, hier zu feinen Füßen zu sterben, dann hätte Eins so viel wie das Andere. Nein, das märe teuflisch. Die Liebe glaubt Alles, sie hofft Alles, sie duldet Alles. Vorwärts zur That!" Justine faßte den Schläfer bei der Hand und schüttelte sie leise. Bardenstein sprang auf, schauerlich raffelten die schweren Ketten, womit der Gefangene an die Wand gefesselt war. „Ist es ein Teufel, Kobold oder Unhold, der mich weckt!" rief Bardenstein, den das Licht blendete. „Sprecht leise, Herr, ich bin es, Justine, die gekommen ist, Euch zu retten." „Du bist ein herrliches Wesen, in Deinem Innern wohnt eine große Seele. Doch bedenke, Kind, ich darf nicht fliehen. Ohne Sibille hat das Leben keinen Werth für mich; dazu kommt, daß man mich der Schurkerei bezichtiget, wenn ich mich dem Richter nicht stelle. Ich muß bleiben." „So bleibt und geht elend zu Grunde. Sibille ist als Hexe angeklagt und wird auf das Blutgerüste geschleppt, daran zweifelt hier Niemand. Ihr richtet gegen den allmächtigen Caspari, den Ihr mit dem Tode bedrohtet, nichts aus. Wenn = 270 S Ihr fliehet, könnet Ihr dereinst vielleicht doch Eure Unschuld beweisen: es gibt eine waltende Gerechtigkeit auf Erden." „Du hast recht, wir müssen fort; vollende Dein Werk, Justine." . Bardenstein kniete nieder, umfaßte die kleine Gestalt und preßte sie heftig an sich. Justine faltete die Hände auf seinem Haupte, dann drückte sie die zuckenden Lippen in sein Haar. „Wir müssen fort. Höret genau, was ich Euch rathe," sprach das Mädchen, indem es sich aus seinen Armen löste und den Schlüssel zum Oeffnen der Kettenschlösser hervorsuchte. „Die Wächter sind schwer betäubt. Vor der Thurmthüre liegt einer mit dem Bluthunde Mars; Alle sind unschädlich. Wir befreien Sibillen, dann lasse ich Euch Beide mit dem Seile den Thurm hinab in den Festungsgraben. Er ist zugefroren. Eins nach dem Anderen gleitet über das Els, steigt den Wall hinauf, jenseits hinab und erreichet in einer halben Stunde die nassauische Grenze." — Klirrend fielen die Ketten von den Gliedern des Gefangenen. Justine verschloß die Handschellen wieder, damit es den Anschein gewinnen mußte, es habe eine übernatürliche Macht den Gefangenen befreit. „Hier ist ein Stück Brod, nehmt einige Bissen, Ihr braucht Kräfte; Euer Marsch wird bis zum Anbruche des jungen Tages dauern, wenn Ihr ganz sicher sein wollt. In diesem Fläschchen findet Ihr etwas Zwetschengeist, nehmt zu« weilen einige Tropfen und gebt Sibillen auch davon, die Nacht ist bitterkalt." „Du bist ein großes, ebeldenkendes Wesen, dessen Geist umfassend zu denken, dessen Gemüth tief zu fühlen vermag. Womit habe ich Deinen Heroismus verdient?" „Leben um Leben, Liebe um Liebe, Herr! Wißt Ihr nicht mehr, was Ihr für mich gethan oder wollt Ihr es absichtlich vergessen? Wir nehmen in wenigen Minuten vielleicht für dieses Leben Abschied. Ich darf Euch also sagen, was die Triebfeder meiner Handlungsweise ist. Ich liebe Euch mit jeder Faser meines Herzens; niemals hoffte ich auf Gegenliebe, das wäre Wahnsinn. In gleicher Weise liebe ich Sibille als Freundin; Ihr Beide seid diejenigen Menschen, welche mir Glück und Freude bereitet haben. Ich zahle meine Schulden an Euch ab. Nun genug der Worte, die Zeit drängt." Ueberwältigt von diesem Geständnisse faßte Bardenstein die kleine Gestalt noch einmal in die Arme, drückte sie in sprachloser Rührung an die Brust und küßte ihr Stirne und Augen. „Auch eine Waffe habe ich Euch mitgebracht," fing Justine nach kurzer Unterbrechung weiter zu reden an; „es ist ein guter Hirschfänger, der in Eurer Faust seine Dienste thun kann. Jetzt vorwärts!" Vorsichtig stiegen Beide die Stufen hinan. Die Thurm« thüre war bald erreicht; der Rentmeister erschrak, als er die Schildwache und den Spürhund dicht vor sich erblickte. Ge« schickt stieg er über die regungslos Daliegenden weg. Justine verschloß den Thurm und folgte. Vom Kirchthurme ertönte die Mitternachtsstunde. Justine klappte die Blenden der Laterne zu; tiefe Dunkelheit trat ein. In den mächtigen Kastanien rauschte scharfer Novemberwind. Dicht aneinander gedrängt, mit verhaltenem Athem stand das Paar einige Minuten und lauschte. Alle» blieb ruhig. Sie wandten sich zu dem kleineren westlichen Thurme. Justine ließ einen Lichtstrahl aus der Blendlaterne auf den kleinen Platz vor dem Thurme fallen. Die Schildwache lag quer vor der Thüre; Pluto, der Spürhund, daneben. Der Schlüssel zum Thurme war von Justine durch einen Faden vorher bezeichnet worden, daher leicht gefunden. Bardenstein beugte sich über den schlafenden Krieger, schob den Schlüssel in das Schloß, drehte auf, nahm Justine auf den Arm und schlüpfte durch die enge Thüre- An den rauhen Steinen rissen sie sich die Hände auf, was nicht beachtet wurde. „Wir haben nur zehn Stufen hinunter zu steigen," flüsterte Justine, „laßt mich vorgehen." Eine zweite Thüre, von außen verriegelt, wurde geöffnet; die Retterin ließ das Licht der Laterne auf die Holzpritsche fallen, wo Sibille im tiefen Schlafe lag. Bardenstein wollte im Jubel seines Herzens die Geliebte in die Arme schließen. Justine hielt ihn zurück. Ein glückliches Lächeln lag über den lieblichen, bleichen Zügen. „Sie träumt von Euch," flüsterte Justine; „tretet in den Lichtschein, daß sie Euch beim Erwachen sogleich erblickt." Leise tupfte die Retterin auf den Arm der Schlafenden; sie fuhr empor, schaute wie betäubt um sich und öffnete den Mund zum Reden- „Beherrsche Dich!" sprach Justine. „Sprich kein Wort. Die Rettung naht." Die Schwergeprüften fielen sich in die Arme und hielten sich wortlos umschlungen. „Der schwerste Theil unserer Aufgabe liegt noch vor uns," begann Justine, nachdem die erste gewaltige Erregung bei dem Paare etwas gewichen. „Hast Du Muth, Dich an dem Seile den Thurm hinabzulassen?" fragte Justine die Freundin. Sibille nickte. „Dann höret weiter. Von der nassauischen Grenze nehmt die Richtung über Stammheim und den Rodenbacher Berg in's Nidderthal. Umgehet vorsichtig alle Ortschaften; vermeidet die großen Straßen. Im Nidderthale lasset Ihr Lindheim links liegen, steigt über die Himbacher Höhe nach Eckartshausen und von da in einer kleinen Stunde nach der Ronneburg. Am Fuße der Burg wohnt Jakob Koch, ein Biedermann, dem könnet Ihr Euch anvertrauen; er ist uns von mütterlicher Seite her befreundet. Auf der Ronneburg findet Ihr einen sicheren Zufluchtsort und einen Priester, der Euren Bund segnet. So Gott will, seid Ihr morgen um diese Zeit Mann und Weib. Hier sind fünf Goldthaler, die Großmutter Beilstein sendet sie Euch. (Justine gebrauchte eine Nothlüge, er waren ihre Ersparnisse seit mehreren Jahren.) — Suchet so schnell wie möglich das Jsenburgische zu gewinnen. Der Graf ist ein Hort der Unterdrückten; mit Hessen ist er zerfallen, weil Hessen-Darmstadt vor zwanzig Jahren die Reichsacht gegen Isenburg-Büdingen vollstreckte und der Landgraf Ludwig den Titel eine» Grafen von Isenburg-Büdingen annahm. Sollte Euch Unglück widerfahren, was der liebe Gott gnädig verhüten wolle, dann braucht den Stahl für Euch selbst, ehe Ihr Euch auf das Blutgerüste schleppen lasset." Sibille kniete vor Justine nieder, wie vorhin Bardenstein und umfaßte die Freundin mit leisem Weinen. „Womit verdiene ich diese Freundschaft?" flüsterte die Schwergeprüfte. „Hast sie seit Jahren verdient, ich zahle heute Schulden ab, schon vorhin sagte ich das. Es ist die höchste Zeit, daß wir gehen. Nach zwei Uhr kommt der Mond, bis dorthin könnt Ihr die Jsenburgische Grenze überschritten haben. Seid Ihr glücklich angekommen, dann sendet nach einigen Wochen Botschaft. Gerhardt und Margarethe mögt Ihr Euch nennen, unter diesem Namen weiß ich, wer gemeint ist. Nun mit Gottes Hülfe vorwärts." Sibille und Bardenstein umarmten und küßten ihre Retterin und stiegen leise die Treppe empor. In einer geschützten Mauerlücke hingen mehrere erstarrte Fledermäuse. „Euch kann ich brauchen!" sprach Justine, indem sie die Thiere in die Tasche des Mantels versenkte. Der Schildwächter und der Spürhund lagen noch in ihrer Erstarrung wie vorher. Die Flüchtlinge stiegen über Beide weg und schlichen an die Brüstungsmauer, wo das Rettungsseil befestigt wurde- Bardenstein ließ sich daran hinab, es war das Werk von einigen Sekunden. Ohne Zagen folgte Sibille; auch sie langte wohlbehalten unten an- Schleifend glitten sie über die Eisdecke des Festungsgrabens, erkletterten den Wall und verschwanden jenseits desselben. „So weit wäre Alles gelungen, Dank Dir, gütiger Gott!" seufzte das heroische Mädchen. „Nun gilt es noch, die Verfolger, wenn sie früh erwachen sollten, auf eine andere Meinung zu bringen." Sie knüpfte das Seil ab und wickelte es um den Arm wie vorher. Verwegen schlich die kleine Gestalt alsdann bis an das Wachtlocal und lauschte. Wie vor anderthalb Stunden war noch Alles ruhig, nur das Schnarchen der Wächter ließ sich vernehmen. Justine trieb die Kühnheit so weit, daß sie die - 2?i den den den len hmt ibet !ann schneller fast, als ihm lieb war. Er hätte nun heimfahren ver« mit tl" es die lle; sie ann die vor ung an die Öen, egen den ollte üten es t so dem cher inen daß thin (Fortsetzung.) Hinrik wandte sich achselzuckend von dem redseligen Wirthe ab, nahm aus dem Bocksitz eine Ledermappe und schritt auf die Brücke zu. Diese stand voll Menschen, jung und alt. Als er hinter sich das Rollen eines Wagens hörte, der vor der Brücke hielt, wandte er sich um, und es rieselte ihm warm durch die Adern: Es war das Gefährt feines Onkels, von deffen altem Kutscher geführt. Fritz Gerdtng stand schon am Schlage und half Marien und der Mama aussteigen. Es flimmerte Hinrik vor den Augen. Entzückend sah das junge Mädchen aus in dem weißen Mouffelinkleide, ein Sträußchen rother Rosen am Gürtel. Ihre Augen richteten sich auf die Menge, sie mußten ihn gesehen haben, denn er bemerkte, wie sie beim Aussteigen zögerte und auf ihn hinblickte. Da griff Fritz Gerding nach ihrer Hand. Brüsk wandte Hinrik sich ab und dem Fluffe zu. Er hörte den Schlag der Kutsche zuschlagen und vernahm das langsame Fortrollen des Wagens- Zögernd wandte er sich um. Jetzt waren sie wohl schon hinter der Biegung des zur Anlegestätte hinabführenden Weges verschwunden. Rein doch — er sah Mariechen noch. Sie sprach mit einem Bauernkinde — dem Töchterchen der alten Boten-Marlene; er kannte es auf den ersten Blick. Was können. Nichts hielt ihn mehr in der Stadt. Und doch blieb er- Warum? Darüber gab er sich selbst nicht Rechenschaft. War es die einfache Blüthe, die er so sorgsam in der Hand trug, als wäre sie das kostbarste, was Gartenkunst je hervor« gebracht, die ihn hielt? Er scheute sich, die Gedanken, dis sich an die Blume knüpften, auszudenken. Er fühlte nur, daß es ihm noch nicht möglich fei, die Stadt zu verlassen, daß er bleiben müsse, bis — ja, das Endziel traute er sich nicht auszudenkeu. Und doch war alles, was da lebte und webte um ihn, nur ein Gedanke: Marie! Er verbiß sich in die Vorstellung, es könne ihr bei der Rückfahrt auf dem Flusse ein Unglück passiren und dann sei er nöthig. Er schalt sich einen Thoren und hob den Fuß, um in den Dube'schen Ausspann zu eilen und sich zurückzu« flüchten in seine Haide. Aber der Fuß ging die ganz entgegengesetzte Richtung und führte ihn nahe den Königlichen Schulen in ein Garten-Bierlocal. Er trat ein, bestellte seinen Trunk Bier und suchte in den paar ausliegenden Zeitungen Material zum Geisttödten- Langsam, wie schläfrig, schlichen die Stunden hin; aber auch dem Ungeduldigen vergehen sie endlich; es ward Spätnachmittag, die erste Dämmerung senkte sich herab. Der Abend kam. Und er, der diesen Augenblick, der seiner Hoffnung doch nichts bringen konnte, herbeigesehnt hatte, wäre fast zu spät gekommen und doch nicht zu spät für ein junges anderes Menschenleben. Die Nachmittagspartie hatte allen Theilnehmern reichen Genuß gebracht. Selbst Mariechen, die anfangs recht schweigsam war, hatte sich von der allgemeinen Fröhlichkeit anstecken lassen, und ihre angeborene Munterkeit war zur Freude Fritz Gerdings, der ob seiner Arrangements von schönen Lippen viel Lob ernten durfte, schließlich wieder zum Durchbruch gekommen. In vortrefflicher Stimmung wurde der Rückweg zu Wasser angetreten. Die Kähne mit der Musik blieben in einiger Entfernung oberhalb der Brücke liegen, das Fahrzeug Der Bienen-Vetter. Eine Heide - Novelle von C. Crome-Schwiening. war denn das? Sie löste eine Rose vom Gürtel und gab sie dem erfreuten Kinde. Dann flatterte das weiße Gewand hinter die den Weg einsäumenden Büsche. Und Hinrik? Der stand und stand, eingekeilt in die neugierige Menschenmasse. Seiner stämmigen Figur wäre es ein leichtes gewesen, seinen Weg durch dieselbe fortzusetzen. Allein sein Fuß stockte, wie auf die Bohlen des Brückenfußweges gebannt. Sein Auge suchte die weiße Gestalt. Da tauchte sie unten auf. Der schmucke Referendar hob sie ins Boot- Mit nur um ein weniges mehr als sonst zusammengepreßten Lippen sah es Hinrik; er sah die ganze Flotille unter den schmetternden Musikklängen und unter dem Hurrah der Neugierigen stromauf rudern, und er starrte noch auf das breite von der Sonne glänzend beschienene Wasser, als sich rechts und links neben ihm die Menge schon verlaufen hatte. Endlich sah er zusammenschreckend wie einer, der aus tiefem Sinnen gestört wird, auf und um sich. Die Brücke war leer. Nur jenes kleine Mädchen saß auf einem Prellsteine und spielte mit Mariens Rose. Wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, schritt er auf sie zu. „Gieb mir die Rose, Kleine!" Das Mädchen, von dem rauhen Tone erschreckt, barg ängstlich die rothe Blüthe in den kleinen Händen. „Gieb mir die Rose, Kleine — sieh', ich gebe Dir etwas Schönes dafür!" Und er holte aus feiner Börse ein glänzend neues Markstück hervor. Die Kleine sah verwundert den Mann an, aber sie rührte sich nicht. Ungeduldig bog sich Hinrik nieder und nahm die Blume fast mit Gewalt aus den Fingern der Kleinen, der ängstlich zu ihm anfstarrenden das blinkende Geldstück in den Schoß werfend. Dann ging er hastig, als habe er an dem Kinde einen Raub begangen, die Rose zwischen den Fingern drehend, in die Stadt hinein. Sein Geschäft bei dem Bankier war schnell erledigt, Thüre der Wachtstube öffnete und die drei erstarrten Fledermäuse hineinwarf. „Ich müßte mich sehr irren, wenn die Thiere durch die Wärme nicht zum Leben erwachten und herumflatterten. Dann mögen die Tapferen glauben, es feien drei Teufel, welche den Flüchtlingen davon halfen," sprach die Kluge und begab sich in ihre Behausung. In tiefem Schlafe lag der Kerkermeister. Sie schob ihm das große Schlüsselbund unter's Kopskissen und verließ das Zimmer, um nach ihrem Kämmerchen zu gehen. Auf dem Kirchthurme schlug es Eins. „Zwei Stunden sind vergangen, seit ich das Haus verließ," sprach Justine, „und zwei Menschenleben sind gerettet. Zweimal ruhte ich an seinem Herzen, das waren die seligsten Augenblicke meines Lebens. Es ist schön, eine gute That verrichtet zu haben, die Erinnerung bleibt uns für das ganze Leben. Was wäre ich, wenn ich den Einflüsterungen des Neides gefolgt hätte! Nun gilt es, die Spuren der Befreiung vollends zu beseitigen." Justine trug das Seil auf den Speicher, von wo sie es genommen, dann kauerte sie neben dem kleinen Ofen, dessen Gluth sie wieder anfachte. Die Wärme that ihr gut- Lautlos starrte sie vor sich hin- Eine Stunde verging; die Mondscheibe, nur zur Hälfte erleuchtet, stieg im Osten empor; der Himmel war sternhell. „Nun sind sie sicher im Jseuburgischen angekommen," sprach Justine, indem sie das Fenster öffnete und hinaussah. Ueberall herrschte tiefe Ruhe, eine Verfolgung hatte nicht stattgefunden. Um dieselbe Stunde standen zwei glückliche Menschen auf der Rodenbacher Höhe, schauten nach dem Horloffthale, von wo sie kamen, und nach dem Nidderthale, wohin sie gingen. „Nimm einen Bissen Brod und einen Tropfen Zwetschen- geist," sprach Bardenstein zu der Geliebten und hielt ihr Beides hin. Sie aß und trank. „Köstlicher hat mir noch nichts geschmeckt, als diese Gabe aus der Hand des Geliebten und der Freundin. Nun erquicke Dich auch, mein Schutz und Schirm," antwortete Sibille. Bardenstein gehorchte. Den Rest der Speise barg er sorglich in seinem Gewände. „Du wirst etwas ruhen, ich wache für Dich," flüsterte der Starke, indem er die Geliebte an sich zog und küßte. „Laß uns weiter ziehen, ich bin frisch und wohlgemuth und folge Dir bis an'S Ende der Welt," antwortete Sibille. Sie stiegen den Berg^hinab und ,strebten unaufhaltsam weiter. (Fortsetzung folgt.) mit dem Feuerwerk hatte sich hart am Ufer postirt, die Gesellschaft aber wollte von der Brücke aus wieder das feurige Schauspiel genießen- Zischend fuhr die erste Rakete in die Luft. Alles drängte sich an das einfache Brückengeländer — ein „Ahl" erscholl rings, aber diesem Rufe folgte ein gellender Schrei aus Kindermund, und ein kleiner Körper stürzte durch eine Geländeröffnung hinab in den Fluß, von dem Strome schnell weitergetragen, verschwand er unter den Brückenbogen. Ein vielstimmiger Schrei des Entsetzens ertönte: „Ein Kind ist in den Fluß gestürzt!" Alles stürmte nach der gegenüberliegenden Seite der Brücke. Rufe und Gegenrufe folgten. „Wer ist es?" „Boten Marlene's Jüngstes I" „Es ist verloren!" „Wer rettet!" „Das kleine Lenchen!" brach es von Mariens Lippen. „Um Gotteswillen, rettet das Kind!" „Fritz, Fritz — die arme Kleine!" Der junge Referendar ermannte sich zuerst. „Stangen her!" schrie er — und „Platz frei!" Aber in dem nämlichen Augenblicke drängte sich eine hohe Gestalt wüchsig durch die Menge. „Wo ist das Kind?" rief eine laute schroffe Stimme. „Da, dort!" wiederholten fünf, zehn Stimmen und ebensoviele Hände wiesen auf den dunklen Strom, über den ein schmaler Mondlichtstreifen sich ergoß, in deffen Helle soeben Kopf und Arme des unglücklichen Kindes noch einmal austauchten. „Weg da!" scholl die befehlende Stimme noch einmal, ein Hut wirbelte zwischen die Leute, und über das Geländer hinweg schwang sich die hohe Mannesgestalt, um in mächtigem Satze sich in die aufbrausende Fluth zu stürzen. Dem erstaunten Aufschrei der Menge folgte eine wilde Bewegung. „Da — da — der versteht's!" hallt es. „Wie der ausgreiftI Wenn er's nur noch bekommt! Er hat's Er hat's!" rief es plötzlich rings, und in der That sah man, wie der kühne unerschrockene Schwimmer den Oberkörper der Kleinen auf seine Schulter schob und mit der Last gegen den Strom, der ihn dem Ueberfall, über den der Fluß hier hinabbrauste, zutrieb, ankämpfte. Aber da kam auch schon mit schnellen Ruderfchlägen ein Boot heran, und nach wenigen bangen Secunden grüßte ein allgemeiner Jubel die glückliche Rettung. (Fortsetzung folgt.) Gßineinniitziges« Das Einmachen der Kirschen. Die sparsame amerikanische Hausfrau, welche, ohne die unserigen zurücksetzen zu wollen, schon von jeher practisch wirthschastete, bedient sich seit neuester Zeit zum Einmachen der Früchte der Gläser mit eng zulaufendem Hals- Sie schmort die Früchte mit dem nöthi- gen Zucker ganz so, als wolle sie dieselben aus den Tisch im Sommer bringen — vielleicht ein wenig kürzer eingekocht — süllt sie heiß in die geschwefelten Gläser, deren Zerspringen sie dadurch verhütet, daß sie ein in lauwarmes Wafler getauchtes Tuch darum hüllt, süllt sie bis zum Rand des beginnenden Halses, legt ein in Rum getränktes Blättchen weißes Papier darauf und gießt nun weißes, auf dem Feuer geschmolzenes Pech darüber. Diese Maffe erkaltet schnell, bildet einen luftdichten Verschluß, unter dem sich alle Früchte trotz der geringeren Zuckermasse ganz vorzüglich halten. — Sehr leicht ist es, im Winter diese Harzpfropfen zu erwärmen, indem man ein in heißes Wasser eingetauchtes Tuch um den Hals wickelt oder diesen einige Augenblicke in heißes Wafler hält. Die so eingelegten Früchte schmecken ausgezeichnet, weil sie sich vollkontmen den ihnen eigenartigen Fruchtgeschmack und das Aroma bewahrt haben. * , Kirschsaft. Recht reife, gut verlesene saure Kirschen bringt man in einem Gefäß auf's Feuer und läßt sie etwa eine Viertelstunde unter beständigem Umrühren kochen. Dann werden sie auf ein Sieb gegeben. Auf ein Liter des gewon- 272 - nenen Saftes nimmt man ein Pfund Zucker, kocht denselben mit dem Saft durch und füllt ihn in Flaschen, welche vorher geschwefelt und nachher gut verkorkt und mit Schweinsblase verbunden werden. Das Fleisch, welches an den Steinen bleibt, wird durch einen Durchschlag getrieben. Auf ein Pfund desselben wird ein Pfund Zucker gerechnet und dieses eine halbe Stunde gekocht, abgekühlt in Gläser geschüttet und ebenfalls mit Schweinsblase verbunden. — Kirschsaft ohne Zucker. (Sehr empfehlenswerth) Der gewonnene Saft (besonders von dunklen Sauerkirschen) wird in einem dickwandigen irdenen oder gut emaillirteu Gefäße anfangs rasch, dann auf gemäßigtem Feuer dicklich, bis reichlich zur Hälfte eingekocht und bann in äußerst reine, kleinere Flaschen gefüllt und zwar bis circa einen halben Finger lang vom Rande, damit der Stopfen nicht vom Saste berührt und sauer werde. Die Flaschen werden mit neuen Korken verschlossen, welche erst mit kochendem Wafler überbrüht, nach dem Verkühlen abgetrocknet und fest eingeklopft werden; schließlich werden diese noch mit dichtem Papier, etwa doppeltem dünnem Pergamentpapier, Überbunden. ♦ Kirfchenmrrs. Frische, weich gedünstete Kirschen werden durch eilt Sieb getrieben (oder nur die Steine entfernt, dann nicht durchgetrieben), mit beliebigem Zuckerzusatz oder sehr gut auch ganz ohne Zucker gründlich verrührt und auf gelindem Feuer eingekocht. Kirchenmus jeder Art (besonders von allen süßen Kirschen) ganz ohne Zucker muß unter fortwährendem Umrühren so steif eingekocht werden, daß es sich vom Kochgeschirr ablösen und zusammenballen läßt, dann etwa wie Brod geformt im abgekühlten Ofen mit leichter Kruste nachgetrocknet werden, worauf man bei Bedarf in Scheiben von demselben abschneiden kann. Hat man großen Vorrath an Kirschen und will also das Mus jahrelang aufbemahren, so ist es (ungezuckert) besonders vortheilhaft, das Mus weniger fest einzukochen, in Steintöpfe fest einzudrücken und dann obenauf ebenso abtrocknen zu taffen. * ♦ ♦ Essigkirschen. Die Kirschen werden nicht ausgesteint, gewöhnlich nur die Stiele bis auf ca. Fingerbreite abgeschnitten und dann in Gläser oder Steintöpfe gelegt. Zu fünf Tassen Kirschen kocht man anderthalb Taffen Essig nebst drei Nelken, etwas Zimmetrinde und eine Taffe Zucker und gießt dies lauwarm über die Kirscheü. Rach einigen Tagen (man schüttelt sie bisweilen) wird die Brühe abgegoffen, seimig eingekocht, heiß darüber gegossen und nach dem.Erkalten einfach verschlossen. Kirschen in Branntwein. Fünf Tassen Kirschen, mit zwei Tassen Branntwein überdeckt, werden in einem circa 14 Tage gut verschlossenen Gefäße in die Sonne oder Wärme gestellt- Nach Verlauf dieser Zeit wird der Brühe eine halbe bis eine ganze Taffe Zucker beigemischt. Die Brühe gibt (eo. noch nebst Zucker, Kirschsaft und Spirituosen) einen guten Kirschenliqueur. Vermischtes. Nicht der Mühe werth. Pepi (sein Weihnachtsgeschenk, einen kleinen Hanswurst, betrachtend): „Und deßwegen hab' ich schon drei Wochen vorher brav sein müssen!" ♦ ♦ Glück im Unglück. Sohn (seine Trommel zeigend): „Sieh nur, Papa, jetzt ist mir das Trommelfell geplatzt." — Vater: „Wenn's noch lange gedauert hätte, wär' mir meines geplatzt." * * * Zerstreutheit. Herr N., der sehr zerstreut war, schrieb Folgendes an seine Thüre: „Ich komme heute erst gegen Mitternacht nach Hause. Sollte es zu dunkel sein, um dies zu lesen, so bitte man den Nachbar um Licht." Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schcn Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen. Unt Ali Sibille । aufgezog das Guc „A »D Untersch! Bardenst Sii Lager, i sich das Die Km daß sie i schritten »C ist ein R einige A Di. für eine Alte. viel," fd Justinen Geliebte „T das, wo In hob sie möglich. „2 auch mi auf uns einige wenigen fiel in 1 Zl wie sie gewaltig