Unterchaltirngsblatt 311m Giefzenev Anzeigen (Geneval-Anzrig-p) 1884. -5x3—M« *>Uer y£K5>d AM WMSW Ml LWW «KW» Dienstag, den 13. März. Wind rauschte unheimlich in den Wipfeln derselben und hatte chon längst die wenigen trüben, zerbrochenen Laternen ausge- öscht. Auch die Sternenltchter verdeckte dunkle» Gewölk. Tief ausgefahrene Geleise, Steingeröll und allerlei Unrath machten den Weg gefährlich. Jadwiga stolperte mehrere Male, aber Romans Arm streckte sich nicht wieder au», um ste vor dem Hinfallen zu schützen. An einer Biegung der Straße blieb ste tehen und sagte gepreßt: „Ich möchte Sie nicht weiter bemühen, Pan Roman. Haben Sie Dank für Ihre Begleitung, meinen besten Dank l Und nun gute Nacht I" Sie reichte ihm zaghaft ihre Hand hin. Aber er machte eine abwehrenhe Bewegung und blickte düster vor sich hin- „Wir sind noch nicht am Ziele," erwiderte er schroff. „Ich führe Dich vor Deines Vaters Haus, und solltest Du nicht mehr hinein können, so haben wir, wie Du weißt, denselben Weg nach dem Herrenhause von Lygolta — oder willst Du die Nacht auf der Straße bleiben?" Das Mädchen biß die Zähne zusammen und schritt hastig weiter. „Gut," sagte sie, „wenn Sie nicht anders wollen, so muß ich mich fügen, obgleich ich die paar Schritte schon allein gehen kann. Und den Hausschlüssel habe ich in der Tasche, ich komme auf jeden Fall in's Haus hinaus. Darf ich aber jetzt um meinen Korb bitten. Was meinen Sie, Pan Roman, wenn Jemand Sie damit sehen würde?" „Du hast Recht, da» gäbe einen prächtigen Klatsch I Wie konnte ich das vergessen!" Er lächelte spöttisch. Dann reichte er ihr den Korb, wobei er ängstlich vermied, ihre Finger zu berühren. Und wieder schritten Beide still und schweigsam neben einander her, bis Jadwiga vor einem kleinen, ärmlichen Gebäude Halt machte. Sie sprang rasch die paar Steinstufen hinauf, die zur Hausthür führten, und legte die Hand auf den Drücker, um zu öffnen. Doch Roman, deffen Augen bis da» hin stnster den Boden gesucht, war mit einem Satz«-neben ihr und seine Finger klammerten stch in ihr Kleid. Der Athem ging ihm schwer und keuchend und seine Stimme hatte einen fast Heisern Klang, als er sagte: „Gehe nicht so von mir, sage mir erst ein freundliches Wort. Ich halte es mcht au», Dich so böse zu sehen; sei gut, sei wieder gut, Jadwiga! — Bitte, ^Bestrickend, mit größter Innigkeit drangen seine Worte an ihr Ohr. Es kämpfte in ihrem Innern, sie bedurfte ihrer ganzen Kraft, um nicht schwach zu werden, - sie wollte es nicht sein. Wie ein Marmorbild stand ste vor ihm, ihre Lippen blieben fest geschlossem „Jadwiga, Du bist furchtbar hart," schrie er aus. „Habe ich mich denn so schwer versündigt, daß Du mir nicht verzeihen (Fortsetzung.) Roman» Brauen zogen sich finster zusammen, er rang nach Faffung. „Ich habe einmal gesagt, daß ich Dich heim- bringen werde und mein Wort halte ich," rief er zornig. „Ich sehe ein, e» war Wahnsinn, mit Dir von meinen Gefühlen zu sprechen und ich bereue es tief. Vergiß meine Worte, welche die Verzweiflung, die Gluth einer hoffnungslosen Liebe, für welche Du kein Verständniß hast, mir aus dem Herzen riß l Lieber will ich in die Verbannung gehen, ehe ich Dir wieder zu nahe trete. Darum vergiß Alles, denke, Du habest einen schweren Traum geträumt. Ich bin Dir dankbar, daß Du mich wieder zur Vernunft gebracht hast. Jetzt ist'» mir gerade, als wäre mein heißes Blut plötzlich in Eis getaucht, es ist ebenso kühl, so ruhig, wie das Deine!" Er brach kurz ab, aber mit einem Beben, das er mühsam zu beherrschen versuchte, und schleuderte mit einer fast wilden Heftigkeit den zarten Arm des Mädchens von sich fort. Langsam, mit gesenktem Kopfe ging Jadwiga jetzt neben ihm her und starrte mit brennenden Augen auf den,Weg. Sie blieben Beide stumm, was sollten sie auch noch weiter reden! Nach einer Weile tauchten die ersten Häuser von Czenstochau an» dem Dunkel der Nacht hervor. Da und dort blitzte ein Laternenlicht auf und man hörte Hundegebell und verworrenes Geräusch wie von fernen Menschenstimmen. „Wirst Du morgen wieder auf den Edelhof zurückkehren?" fragte plötzlich der junge Edelmann. Sie zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte ste rasch: „Warum nicht? Es gibt dort alle Hände voll zu thun und ich darf die Pani nicht im Stich laffen. Gleich nach dem Bittgang werde ich kommen!" „Und morgen hast Du auch allen Groll vergessen, nicht wahr, Jadwiga? Willst Du mir meine Wildheit vergeben, wieder wie früher an mich denken, wieder gut zu mir sein?" Er sprach mit weicher, zäitlicher Stimme. Das Mädchen zitterte wie Espenlaub, abermals wich jeder Blutstropfen aus ihrem reizenden Gesicht, aber der kleine Mund blieb fest geschlossen. Roman athmete schwer, er knöpfte hastig den Rock auf, um die Brust frü zu machen, denn es stürmte schon wieder in ihm. Jetzt endigte die Chaussee in eine mit hohen Pappeln eingefaßte Straße, die an der alten Backsteinmauer der Stadt hinltef. Hier unter den Bäumen war es ganz finster; der Die Wallfahrt nach Czenstochau. Roman von Johanna Berger. — 118 - mit Eiseskälte. . .. Er warf noch einen langen, traurigen Scheideblrck auf das kleine, graue Haus, in dem sein Liebstes verschwunden war, dann senkte er den Kopf auf die Brust herab und trat mit schwerem, mühevollen Schritt den Heimweg nach Lygotta an. Jadwiga war in athemloser Hast, ohne srch umzusthen, in die kleine Wohnstube ihres Vaters gestürzt. Sie ließ den Korb achtlos nieder fallen und sank wie vernichtet auf den ersten besten Stuhl. Dort saß sie lange regungslos und barg das Gesicht in beiden Händen, zwischen denen die Thränen hervor- quollen. Und immer heftiger wurde ihr Weinen und Schluchzen. Die schrecklichsten Vorstellungen ängstigten und marterten sie. — War sollte sie thun, was beginnen, um sich Romans Leiden- fchaft, die alle Schranken durchbrach, zu entziehen — besten Weib, wie er ihr selbst gesagt, sie niemals werden konnte. Ein heißes Weh durchzuckte sie bei diesem Gedanken, wilder Schmerz hämmerte in ihrem Hirn und es war ihr, als lege sich plötzlich ein grauer Schleier über ihre Augen, der ihr eine Anwandlung von Ohnmacht verursachte. Denn was sie bis dahin sich selbst noch abzuleugnen versucht hatte, das wuchs jetzt riesengroß in ihr empor: sie liebte Roman, sie liebte ihn innig und heiß und all' der spröde Trotz und die Zurückhaltung ihm gegenüber war nichts weiter gewesen, als der Kampf eines reinen, stolzen Mädchenherzens, da» seine Liebe nicht verrathen will. Doch nun mußte sie mit Gewalt sein Bild aus ihrer Seele reißen, sie durfte ihn nicht mehr wiedersehen, sie mußte fort von hier, weit fort. Denn wie sie auch grübelte und sann, einen anderen Ausweg fand sie nicht. ,, r , „Ach, ich wollte, ich wäre todt!" So rang es sich wie ein schluchzender Schrei von ihren zuckenden Lippen und dann starrte sie wie gebrochen in's Leere. Wie lange sie so in dumpfem Hrnbrüten verharrte, sie wußte es nicht. Endlich sprang sie auf und öffnete ein Fenster, um die Abendkühle einzulaffen, denn im Zimmer herrschte schwüle Lust. Sie stützte beide Arme auf das Sims und bsickte in die Nacht hinaus. Allmälig beruhigte sie sich, sie hatte sich müde und matt geweint- Nun zündete sie ein Licht an, tauchte ein Tuch in kaltes Master und kühlte ihre heiße Stirn. In dem Stübchen sah es unwohnlich und ärmlrch aus. Die abgenutzten Möbel, das alte Sopha mit dem zerrissenen Kattunüberzuge waren mit allerhand Sachen und Kleidern bedeckt, die unordentlich durcheinander geworfen umherlagen. Auf einem niedrigen Schranke stand ein großer Käfig, in dem ein zahmer Kolkrabe faß, welcher vom Scheine des Ächte« i plötzlich aus dem Schlafe geweckt, unruhig hin und her flatterte und widerlich krächzte. Ein einziges werthvolles Stück befand sich in dem elenden Raume. Das war ein kunstvoll aearbei- teter Heiligenschrein von Ebenholz mit einem Crueifix von matter Bronce. Sämmtliche Möbel waren mit fingerdickem I Staub bedeckt, Spinnengewsbe hingen von der kahlen Decke I fwßfj. Jadwiga breitete ein Tuch über den Käfig, räumte die I Sachen fort, säuberte und stäubte ab, bis es einigermaßen freundlicher in dem Zimmer aussah. Nachher setzte sie sich an I den Tisch und zog ein Gebetbuch aus der Schublade desselben, I um darin zu lesen. Er war sehr spät. Die Thurmuhr der I Pfarrkirche von Czenstochau hatte bereits die zweite Morgen- | stunde verkündet, doch war der Vater noch nicht daheim. Er saß wie gewöhnlich in der Schänke, spielte Karten und zechte. Dem Mädchen fielen endlich vor Müdigkeit die Augen zu. Das Licht brannte tief herab. Plötzlich wurde sie durch ein heftiges Klopfen gegen die Hausthür aus ihrem Halbschlummer erweckt. I Sie griff hastig nach dem Leuchter und eilte in den Flur, um Du!" Und nun fühlte sich Jadwiga plötzlich von seinen Armen I umschlossen und an seine Brust geriffen. Die^gewaltsami zurück- gedrängte Liebe brach mit stürmischer Zärtlichkeit ber ihm her- vor, er küßte glühend ihren Mund, ihre Augen und das weiche, goldige Haar, von dem die Hülle sich gelöst hatte — er küßte I wie im wahnsinnigen Schmerz die perlenden Thränen von hren Wangen. Das wilde, ungestüme, polnische Blut, die Erbschaft I seiner Väter, jagte fieberheiß in seinen Adern und die ent- I festelte Leidenschaft ließ ihn Alles vergessen. Jadwiga lag wie betäubt, fast wie leblos in seinem Arme, sie fand nicht die Kraft, sich seiner Zärtlichkeit, seinen Küssen I m entziehen, sich aus seiner Umschlingung zu lösen, es schren ihr unmöglich zu fein. Doch plötzlich kam ihr die Besinnung I wieder und nun drang mitten durch Alles ihr Schrei — so I bang, so verzweiflungsvoll, wie ihn nur die Todesangst ausstoßen kann, und dann folgte ein heftiger Ruck, der Roman fast zur Seite schleuderte. Das Mädchen hatte sich gewaltsam I von ihm losgerissen, und beide Hände vor das glühende Gesicht schlagend, stürzte sie mehr, al» sie ging, in die Hausthür hmein, die gleich wieder hinter ihr in's Schloß fiel. Der junge Edelmann war im jähen Erschrecken aus seinem Liebesrausch erwacht. Er blieb wie angewurzelt stehen; Scham, Reue und Kummer packten sein Herz mit furchtbarer Gewalt, ein dumpfer, qualvoller Schmerz, der aus seinem Schuldbewußt' | sein entsprang, folterte ihn. Was hatte er gethan? - Wie ein Feigling war er der Versuchung unterlegen, er hatte Jad- wiga an seinem Herzen gehalten und geliebkost, als wäre sie sein unbestreitbares Eigenthum — seine Braut. Einen Schatten hatte er auf ein reines, unbeflecktes Menschengemüth geworfenI — Er stöhnte laut auf und blickte starr und bleich vor sich hin. «Nein, nein," murmelte er in bitterer Reue, „nie wieder kreuze ich Dir Deinen Weg, Geliebte, niel Du fällst frer von mir bleiben, frei von meiner Leidenschaft — bester, ich sterbe daran, als daß auch Dein Glück darüber in Trümmer gehtl Die Nacht hatte sich jetzt vollständig schwärz auf die Erde herabgesenkt. Droben am sternenlosen Himmel wogte ein Nebelmeer. Grau, naßkalt, geisterhaft zogen große, dunstige Ballen vom Fluffe zu Roman heran und durchschauerten ihn kannst — oder ist Dein Herz von Stein? — Ja, ich sehe es, — Du bist kalt wie Eis, in Deiner Seele regt sich kein Gefühl I Im Staube siehst Du mich vor Dir liegen, Du hörst | meine Bitte, doch Du bleibst hart und unversöhnlich! — Nun, ich werde es verschmerzen, ich brauche Deine Vergebung nrcht mehr! Ja, grolle nur weiter — oder vergiß mich ganz, das ist das Beste! Ich hind're Dich nicht daran, denn ich — ich siebe Dich nicht mehr!" .. Mit der ganzen wilden Gereiztheit der Verzweiflung wandte er sich von ihr ab und sprang hastig die Stufen hinab. Jad- wigas Herz krnmpfte sich vor Schmerz zusammen. Jedes Ge- sühl der Kränkung, der gerechten Entrüstung schwand plötzlich dahin. Sie blickte ihm nach, mit heißen Thränen im Auge. „Ich grolle Ihnen nicht mehr, Pan Roman," stammelte sie. „Mein Herz ist auch nicht von Stein, aber rch kann es nicht verwinden, daß Sie so — so verächtlich auf mich herabsehen, als wäre ich eine lose Dirne!" „Ich Dich verachten? Dich - Dich, die Du in meinen Augen eine Heilige bist?" rief er mit von Neuem entflammter Leidenschaft. — „D, Du mein Lieb, mein Leben, was gibt es wohl Höheres, Reineres auf der weiten Welt für mrch, als zu hagrer Mann in einer verfchoffenen Offiziers- uniform taumelte herein. Sein Gesicht, das vom Branntweingenuß duftete und glühte, sah blaß und aufgedunsen aus und die Augen stierten mit leerem Ausdruck vor sich hin. Die Czapka (Mütze) faß ihm hinten im Genick und den Schaschka (Säbel) mit der Koppel trug er in der Hand. „Heilige Harbara!" schrie er Jadwiga an. „Ist das Manier, mich eine Stunde vor dem Hause stehen zu lasten t Warum hast Du die Thür verschloffen? Hast Du mein Klopsen denn nicht gehört?' _ , . , , „Ich war ein wenig eingenickt, Vater. Mein Kopf that mir weh und e« ist schon so spät." Der Alte fuhr sie aber noch rauher an: „Was, raison- I niren will das Heidenmädel auch noch? Mund halten, sage ich Dir, oder -" Und nun stolperte er fluchend in's Zusurer hinein und schleuderte seine Sachen heftig auf einen Stuyk. „Warum bist Du heute Abend so lange fortgebtieben? schrie er wieder. „Warte, ich werde Dir das Herumtreiben an- I streichen 1" 119 wieder einmal zu viel getrunken I" * I „So, meinst Du? Willst mich wohl noch auszanken des- I HM! Kann sein, daß die paar Gläser Schnaps mir in den I Kopf gestiegen find bei dem Aerger, den ich alle Tage herunter« I schlucken muß! Da hat der Lieutenant Baranow wieder eine I Zulage erhalten, während ich noch immer mit den elenden zwanzig Rubel Tractament den Monat haushalten muß. Em reiner Lumpengeld für einen kaiserlichen Offizier! Das reicht nicht zum Leben, nicht zum Sterben aus. Hungern muß man, Noth leiden und Gott danken, wenn noch ein paar Kopeken übrig find, um einmal Wodki zu trinken. Aber die Ruffen und die Herren vom Adel bekommen Zulagen," — so fügte er immer grimmiger hinzu, — „und die da drüben im Herren- Hause von Lygotta, die trinken Sect und essen Lampreten und Austern nnd allerlei Delicates; sie borgen sich das Geld zu- sammen und leben flott!" „ , „Aber Vater, was redest Du für thörichtes Zeug durcheinander! Was hat der Edelhof mit Deinem Sold zu thun? Was kümmert Dich die gnädige Herrschaft in Lygotta?" „Was sie mich kümmert? Sonderbar, daß Du noch fragst. Steckst Du nicht Tag und Nacht da drüben bei ihnen und läsfest meine Wirthschast darüber zum Teufel gehen!" „So lange ich denken kann, bin ich im Herrenhause ge- wesen und früher war es Dir immer Recht. Ich vernachlässige Dich nicht dabei, Vater, und jeden Tag sehe ich nach dem Rechten bei Dir. Heute war es mir nicht möglich, fei nicht böse deshalb — wir haben Gäste in Lygotta!" „Ja, Gäste, Schmaus und Zecherei, da haben wirs wieder! Aber für mich ist Brod und Käse gut genug! O, Du zärtliche Tochter! — Na warte, morgen sage ich der vorneh- men Sippschaft die Wache an! Ich mache der Lauferei ein Ende, ein Ende mit Schrecken. Ich will's ihnen schon geben — geben, so wahr ich Wytek heiße! Ich will — —" „Das wirst Du Alles bleiben lassen, Väter," fiel ihm das Mädchen in's Wort, „denn ich werde es nicht leiden! Und wenn Du vergessen hast, wie viel Gutes die Herrin von Lygotta Dir schon erwiesen, so denke ich doch daran! Ohne sie wurdest Du heute nicht einmal etwas zum Essen gehabt haben, denn alles Geld, was Du einnimmst, gibst Du für Branntwein aus!" „Die Bielinskis stnd ein Lumpenpack," schrie zornig der Alte. „Der ganze Edelhof ist verschuldet, und von Rechtswegen ist Jtzig Schmul der Besitzer davon! Denkst wohl, der junge Herr, der Windbeutel, wird da wieder Ordnung in die Lodderwirthschaft hineinbringen! Ja, der ist gerade der Rechte dazu. Und dabei thut er noch so stolz, blickt hochnäsig zur Seite, wen« man ihn ansprechen will und trägt den Kops hoch, als wäre er Väterchen Zar! Der, der Hansnarr — der!" Ich treibe mich nicht herum," erwiderte Jadwiga kurz. > "konnte nicht früher vom Herrenhause abkommen, die Pani batte meine Hülfe nöthig." Sie stellte den Leuchter auf den Nick und holte Schlafrock und Pantoffeln für ihn herbei. w .Kann es mir schon denken," höhnte er. „Die Pani — die gnädige Pani und immerzu die Pani 1 Freilich, das Nichts- ckun das Schlaraffenleben und das Edelfräuleinfpielen ist ja ! aam etwas Anderes, als dem alten Vater die lumpige Wirth- ickaft führen. Dafür sind die zarten Fingerchen zu schade!' Er ließ sich plump und breit aus das harte Sopha fallen und streckte beide Füße weit von sich weg. „Nun, gibt's nichts zu essen oder will das feine Püppchen mich etwa gar verhungern Das Mädchen ging ruhig in die Küche und kam bald darauf mit einem kleinen Tablett zurück, auf dem sich ein paar Teller mit Brod, Butter und Käse befanden. Sie breitete eine Serviette über den Tisch und fetzte die Speisen, ohne ein Wort zu sprechen, vor den Vater hin. , „Undankbares Geschöpf!" wüthete dieser, indem er mit der Kaust dröhnend auf den Tisch schlug. „Ist das ein Abend- brod für mich? Wie einen Bettelmann willst Du mich ab- sveisen? Aber, ich will Dich schon Mores lehren, ich will Dir schon zeigen, was Respect heißt! Ja, zum Donnerwetter, Du sollst mich heute noch kennen lernen!" Leichenblaß stand Jadwiga vor ihm, ihre Zähne klapperten hörbar. Aus den engelschönen Zügen war jede Spur von Üßer Anmuth und Liebreiz verschwunden; ihr Gesicht sah finster, trotzig und hart aus. S'e neigte sich aber ganz furchtlos zu dem Tobenden hinüber, blickte ihm ruhig in das rohe, gemeine Gesicht und sagte scharf: „Mach' keinen solchen Lärm, Vater! Was sollen die Nachbarn davon denken? — Du hast „Barmherziger Gott — Vater!" schrie Jadwiga auf. — Sie fuhr mit beiden Händen nach den Schläfen, denn es drehte sich Alles um sie herum. Noch ein paar Schritte taumelte sie vorwärts, dann stürzte sie ohnmächtig zu Boden. Der Alte starrte mit gläsernen Augen auf sie hin, sein Gesicht glühte in Scharlach und es dröhnte in seinem Hirn. Er stand polternd vom Sopha auf und stolperte mit hin- und herschwankenden Schritten in die nebenanliegende Schlafkammer. Dort warf er sich sofort auf sein Bett, während er noch ha b sinnlos vor sich hinlallte: „Ich sag' Dir'-, Mädel, es muß ein Ende nehmen mit der Lauferei, ich leide es E länger, ich will meine Pflege und Ordnung haben, wie es sich für einen kaiserlich russischen Lieutenant gehört, - o.er mich soll der ^eufel^h war es still geworden — nichts regte sich I mebr.^ Auf dem Tische brannte noch immer die Kerze und flackerte unruhig hin und her. Im Osten dämmerte em rosiges Licht herauf und warf einen Purpurschein über das stille Gemach. Und durch das offene Fenster strömte ein frischer Wind. Er wehte vom Nachbargarten eine Hand voll duftender Jasminblüthen herein und sie senkten sich leise auf die I lichte Mädchengestalt. Sie flatterten aus das blonde Haar und „Pan Roman ist kein Hansnarr, er ist ein Edelmann! Laß das Schimpfen, Vater! Es ist gut, wenn man stolz ist und feinen Stand beobachtet. Und was die Schulden betrifft, nun," — ihre Stimme bebte, — „er wird sie in Kurzem be- zahlen, denn er heirathet die reiche Gräfin Kwilecka!" „Dummheiten, die wird ihn gerade nehmen! Das hat Dir wohl geträumt! Aber Du redest der hochmüthigen Bagage immer das Wort, weil ich sie nicht leiden kann. Und mir zum Aerger thust Du auch schön mit ihnen. Hier zu Hause brennt Dir der Fußboden unter den Füßen, aber noch Lygotta läufst Du hin, wenn Feuer und Wasser vom Himmel fällt! Aber das soll anders werden, fage ich Dir I Von jetzt an bleibst Du bei mir! Hier im Haufe ist Dein Platz und nirgends anders! Wehe Dir, wenn Du nicht gehorchst! Du betrittst den Edelhof nicht wieder, sonst . . ." „Vater!" schrie Jadwiga. „Vater, hör' auf, ich ertrage es nicht länger!" Und nun stand sie hoch aufgerichtet vor ihm, die dunkelblauen Augen funkelten wie Kohlen in dem todtdleichen Gesicht. „Ich werde Dir gehorsam sein, aber quäle mich nicht ohne Grund. Und wenn es Dich beruhigen kann, so will ich'» I Dir verrathen, daß ich vor einer halben Stunde schon für immer Abschied nahm von Lygolta." — Ihre Lippen zuckten, sie griff mit der Hand nach dem Herzen, der Schmerz wollte sie übermannen. „Ja, Vater, ich kehre nicht wieder in's I Herrenhaus zurück, ich bleibe bei Dir, aber Du mußt auch gut fei«, keinen Schnaps mehr trinken und die Menschen, die ich liebe, nicht schmähen! Ohne sie häite ich mein freudloses I Leben wohl kaum ertragen und ich werde ihnen dankbar blei- I bett bis zu meinem letzten Stündlein! — Auch Dir haben sie I roch nie etwas Böses gethan. - Du darfst sie niemals wieder I schlecht machen, nicht schimpfen, nicht beleidigen, ich,dulde es | nicht, und wenn Du es dennoch thust, Vater —" Sie sprach I laut und zornig und ihre Hände ballten sich.. „Ich habe einen I steinharten Kopf, wenn ich ihn haben muß, ich kann meinen I Willen schon durchsetzen; reize mich also nicht!" „Was, Du willst mir Vorschriften machen!" schrie der I Alte ganz erbost- „Das wird ja immer schöner! Aber Ge- 1 duld, ich werde Dir den steinharten Kopf zurechtsetzen, den I trotzigen, eigensinnigen Kopf!" - Und nun tastete er unsicher I mit den Fingern auf dem Tische umher, ergriff denTeller mit I dem Brod und schleuderte ihn dem erschrockenen Mädchen an 120 auf das weiße, todtblafse Gesicht, von dessen Stirn langsam ein paar rothe Tropfen rieselten. Nur die leisen Athemzüge, welche sanft den Busen bewegten, verriethen, daß noch Leben in Jadwiga war. (Fortsetzung folgt.) GeMsrnnütziges. Goldene Regeln des Baumschnittes. Die folgenden zehn Regeln des Baumschnittes, die wir der „Pr- Obstztg." entnehmen, sollte sich jeder Landwirth fest ein- prägen, er wird den Nutzen davon alsbald sehen: 1. Die kräftige Gesundheit eines Baumes hängt größtentheils von der gleichen Bertheilung des Saftes an alle feine Aeste ab. 2. Die Lebensdauer und die kräftige Gesundheit eines Baumes hängen größtentheils von dem beständigen Gleichgewicht zwischen seinen Aesten und Wurzeln ab. 3. Der Saft strebt immer so senkrecht wie möglich, von den Wurzeln in die Aeste aufzusteigen, ist daher in den aufrechten Aesten im Ueberfluß vorhanden, zum Nachtheile der anderen. 4. Der Saft entwickelt auf einem kurzgeschnittenen Aste viel kräftiger wachsende Triebe, als auf einem langgeschnittenen. 5. Der Saft strebt immer, dem Ende der Aeste zuzufließen und entwickelt daher das am Ende stehende Auge kräftiger, als die seitlichen. 6. Wenn man einen Ast ganz unterdrückt, so kommt der Saft den benachbarten Aesten und Zweigen zu Gute. 7. Die Aeste, in welche viel Saft zufließt, erzeugen viel Holz und wenig Früchte, diejenigen im Gegentheil, in die er sich in großem Ueberfluß ergibt, erzeugen viele Früchte und wenig Holz. 8 Je mehr der Saft in seiner Ctrculation Hindernisse findet, desto mehr bringt er Fruchtzweige und Fruchtknospen hervor. 9. Jeder seiner Triebe beraubte oder abgeknifftzne Ast bringt durch den Ueberfluß von Saft, welcher keinen Ausgang in der Entwickelung des Holzes findet, eine große Menge von Fruchtzweigen und Fruchtknospen hervor. 10. Je mehr man einen Baum nöthigt, Frucht zu tragen, desto mehr erschöpft man ihn; je mehr man ihn im Holz erhält, desto mehr nehmen seine Kräfte zu. * » * Gesundheitssuppe. Einige Hände voll junger Sauerampfer, halb so viel wie Kerbelkraut, einige Häupter Kopfsalat und ein wenig Petersilie wird rein durchlesen, öfters gewaschen, dann mit dem Wiegemesser etwas geschnitten, doch nicht zu fein, und mit 140 Gramm frischer Butler eine halbe Stunde langsam gedämpft. Hierauf gießt man einige Liter gut kochende Kräuterbrühe darüber und läßt sie noch eine Weile langsam sieden; die aufsteigende Butter wird abgenommen, die Suppe gehörig gesalzen und über kleine, in Butter geröstete Brodkrusten angegossen. * * * Hefenkuchen. Will man Kuchen backen, so menge man stets das Hefenstück Abends zuvor ein, und zwar auf das berechnete Quantum Milch, die verbacken werden soll, da» Drittel, die kalt mit der guten trockenen Hefe zu einem leichten Teig vermengt wird, — selbstverständlich löst man die Hefe zunächst in etwa» kalter Milch auf (2 Loth Hefe auf 1 Liter Milch), — bestreut den Teig fingerdick mit Mehl und läßt ihn verdeckt in nicht zu kaltem Raum bis zum andern Morgen stehen. Die Befürchtung, daß das Hefenstück sich übergährt, oder allzusehr zusammenfällt, oder, wie man gern ins Feld führt, sauer wird, hat gar keine Begründung. Man hat häufig erst spät am Vormittag dar Abends 8 Uhr gemengte Hefenstück zu weiterer Behandlung vorgenommen und den wohlschmeckendsten Kuchen gebacken. — Zweiflerinnen mögen die Probe versuchen, der Erfolg wird uns Recht geben. Kein kurz vorher gemengter Teig wird sich nach Reingabe der Zu- thaten fo schnell wieder heben, wie dieser; und das Empfehlenswertheste dabei ist, das Gebäck mit dieser Grundlage bleibt dar leichtverdaulichste, wie schon so ost erprobt, sür Diejenigen, deren Magen bei Halbwegs schwerer Zufuhr Opposition macht. ♦ * » Rindsklötze. Vs Kilogramm Butter wird schaumig gerührt. Man setzt 2 geriebene Semmeln, 5 Eier, Petersilie und Zwiebeln, Muskatblüthe und Vs Kilogramm gekochtes, wieder erkaltetes Rindfleisch hinzu, hackt die Masse fein, formt Klöße daraus, bestreicht dieselben mit Butter, bestreut sie mit Semmelkrume, thut sie in ein Tuch, bindet dasselbe zu und kocht 2 Stunden. Man richtet diese Klöße mit grünen Erbsen oder Peterstlienbrühe an. * * * Kartoffelsuppe auf Schweizer Art. Man dämpft feingeschnittene Zwiebel, Sellerie und Lauch in Butter, setzt derselben würfelig geschnittene Kartoffeln mit etwas Wasser zu, würzt das Ganze mit Salz, Pfeffer und Muskatnuß und deckt solcher zu, bis die Kartoffeln weich sind; dann rührt man etwas Mehl mit Wasser an, gießt solches im Verhältniß des Bedarfs hinzu und läßt die Suppe aufkochen. Statt der Zwiebel kann man auch eine Selleriewurzel beimengen. Vermischtes. In dem Briefkasten eines Postamts in Westfalen fanden sich, wie die „Deutsche Postztg." mittheilt, kurz vor Weihnachten folgende, von Kinderhand herrührende offene Briefe vor, die wir wiedergeben: An das liebe Christkind im Himmel. Säbel Helm Thurnüster Hotpferd Brumkösel Hampelkerl Puffpuff eisenbahn Schaukelpferd einen Griffel eine Schifertafel 1 Ptnal 1 Trommel 1 Bilderbuch ein Hunde- ställken ein Husarenanzug ein Flozeped Adolf...... Libes Kristkindchen. Brink mich eine Puppe einen Puppenwagen und noch mehr Spielsachen meinen Prutter Adolv auch ädwas Großpapp r mamma und Pappa auch was und eine Schwester von dem Klapperstorch dises wünsch ich mich Marie...... ♦ * ♦ Consequent bis zum Tod. Herr X. und Y, beide Professoren der Philosophie an der Universität Z., leben seit vielen Jahren in einem Streit, der sich erst über wissenschaftliche Principien entspannen und dann durch die resp. Frauen redlich seine Nahrung erhalten hat. Beide Herren sind über die Maßen zerstreut, Herr X so, daß er eines Tages zu leben vergißt und stirbt. Professor Y von einem Collegen vor- wurfsvoll zur Rede gestellt, daß er nicht einmal zu dem Be- gräbniß des Verstorbenen gekommen, erwidert ärgerlich: „Ich gehe nur zu dem Begräbniß von Leuten, die zu dem meinigen kommen." • ♦ ♦ Guter Rath. „Wie viel Bier brauchen ©’ denn in der Woch', Herr Wirth?" —„„So ungefähr 20Hectoliter."" — »Ich müßt' Ihnen ein Mittel, daß Sie wenigstens 25 Hectoliter ausschenken." — „„Auf dös Mittel wär' ich wirklich neugierig."" — „Ganz einfach — da brauchen S' nur in an jeden Krug statt 3 Quartl an Liter einz'schenken." * • * Zurückgegeben. „Mein Herr, es wäre doch Wahn- sinn, Sie zu heirathen. Was können Sie mir bieten? ' — „Bitte, ich bin Irrenarzt und würde Sie gratis kurieren." * * * Aus den Bergen. „Schmecken die Klöß aber miserabel heut', Oberwirth, ich glaub', die sind aus verfaulten Kartoffeln I" „Des stimmt, Grasbauer, aber des bitt' i mir aus, wenn's Stück nur 1 Kreuzer! kost', wird net Feinschmecker gespielt bei mir!" ihVbartimi: A. Scheqda. — Druck und SBcrlag bcr Vrü hl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pielsch) in Gießen.