Anrerchaltungsblatt jum Gietzenev Anzeigen (Genev^l-Anzergev) B ü)^6>c 1894. Dienstag, dm 12, Juni. Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) Caspari sprang auf; eine solche Sprache war ihm noch nicht vorgekommen. Er hatte gehofft, ein zaghaftes, ängstliches Mädchen vorzufinden und fand ein heroisches, junges Weib. „Kein Wort weiter, oder ich laste sie in's finsterste Burgverlies werfen, wo sie bald mürbe sein und ihr freches Maulwerk halten lernen wird!" schrie Caspari wüthend. „Eure Drohungen schrecken mich nicht," antwortete Sibille mit Feuer. „Hören müßt Ihr, was Ihr werth seid; ich verlange, daß es der Schreiber niederschreibt, nach Jahrhunderten sollen die Menschen lesen, was für ein Scheusal das friedliche Thal, unsere Heimath, durch seine blutigen Handlungen verwüstet hat- Viel unwichtigere Dinge schreibt Ihr nieder als Das, was ich verlange. Ich fordere, daß meine Aussagen wörtlich zu Protocoll genommen werden." Ein teuflisches Auflachen des Richters war die Antwort. Nach einigen Secunden des inneren Kampfes hob er langsam die Augen empor und sah das Mädchen an. Es regte sich etwas wie Interests und Hochachtung in ihm, ähnlich wie vor acht Jahren, als ihm die Kleine das Sträußchen am Schloßportale darbot. Aber wie damals, verhärtete sich auch jetzt sein Herz gegen das auftauchende menschliche Gefühl. Vor dem Henker und seinen Knechten wie vor dem Schreiber würde er sich eine Blöße gegeben haben, glaubte er, wenn er nach diesen Worten des Mädchens zurückgewichen wäre. „Ihrem Verlangen nach Protocollirung der schändlichen Aussprüche kann unter Umständen willfahrt werden," antwortete Caspari. „Die Jungfer kann schreiben, wie ich höre; sie wird dann auch unterschreiben müssen, daß sie von dem Galan aufgehetzt wurde, greulichen Haß und Feindschaft gegen mich zu hegen." „Haß und Feindschaft sind es nicht, welche in mir wohnen, das sollt Ihr noch vernehmen. Aber Abscheu, Widerwille, Ekel und Verachtung" empfinde ich, empfinden die meisten Menschen unseres unglücklichen Landes. Das schreibt in Euer Protocoll; ich selbst verspüre daneben noch Mitleid und unaussprechlichen Kummer im Hinblick auf Euch selbst und Eure Familie. Wer so viel unschuldig Blut vergossen hat, wie Ihr und von Neuem nach Blut dürstet, an dem wird der Rächer dort oben bis in's dritte und vierte Glied strafen, was der Ahn gesündigt." „Jetzt, Dirne, halte sie den Mund!" donnerte Caspari von Neuem. „Im alten Testamente steht geschrieben, daß es egyptische Zauberer gab, daß König Saul zur Hexe von Endor ging. Doctor Luther sagt in der Auslegung zum zweiten Gebote, daß wir nicht fluchen, schwören, zaubern, lügen oder trügen sollen. Die größten Gelehrten unseres Jahrhunderts bekennen, daß es Hexen oder Zauberer gibt. Wagt sie es noch, solche Autoritäten Lügen zu strasen und mir frei in's Gesicht zu sehen?" „Ich wage es!" war Sibillens Antwort, indem sie die großen Kinderaugen auf Caspari richtete, der den Blick nicht auszuhalten vermochte. „So wahr meine Seele rein von Haß gegen Euch, mein Glaube an Gottes ewige Liebe und Barmherzigkeit unerschüttert, meine Ueberzeugung, daß Gottes Gerechtigkeit Euch an Eurem eigenen Fleisch und Blute für Eure Missethaten züchtigen wird: so wahr ist es, daß ich keine Hexe bin, daß es niemals Hexsn gab, daß alle die fünfzig Hingemordeten unschuldig ihr Leben lassen mußten." Ein heftiges Zucken und Schütteln erfaßte Caspari, er wollte sich erheben, sank aber auf den Sitz zurück. Durch eine wahrhaft übermenschliche Anstrengung gelang es ihm endlich, seiner Herr zu werden. „Da--die — Angeklagte--trotz ernstlichen — Zuredens--kein — gütliches — Geständniß — abzulegen — gewillt — ist," brachte er mühsam hervor, „wird — zur peinlichen — Frage — geschritten. — Henker — zeige — er — ihr--die — Instrumenta — vor." Mit Verwunderung und Staunen hatten der Schreiber und das Henkerpersonal dem Verhöre zugehört. Daß der Richter förmlich zum Angeklagten wurde, war ihnen noch nicht vorgekommen. Aengstlich kam der Henker heran; scheu und verzagt brachte er Daumenstöcke, Beinschienen, Peitsche und Haselruthen herbei. Bei anderen Gefangenen war es ihm ein Leichtes, die schauerlichen Instrumente vorzuzeigen und ihre entsetzliche Wirkung zu erklären. Hier war ihm die Kehle wie zugeschnürt. Meister Zacharias brachte nur einige heisere Worte hervor. Die feine Röthe wich aus Sibillens Zügen, fahle Tobten« blässe bedeckte ihr jugendschönes Antlitz, als der Henker mit den Marterinstrumenten in ihre Nähe kam. Stumm ließ sie den entsetzlichen Menschen gewähren. „Die Angeklagte gibt keine Antwort und kein Zeichen, daß sie ein gütliches Geständniß ablegen will," brachte der Henker mühsam hervor. „Lege ihr das Folterhemd an und siehe zu, ob sie ein stigma diabolicum (teuflisches Zeichen, Brandmal) an sich hat," befahl der Richter. Der Henker zerrte Sibillen das Jäckchen von dem Körper. — Lös SB Auf dem linken Oberarm zeigte sich ein rosiges Pläcklein wie ein kleines Blümchen. Der Henker drückte seinen eiskalten, lederharten Finger auf den Arm des Mädchens und sprach: „Hier ist das Zeichen, Herr, so schön, wie ich noch nie eins gesehen." Die krallenartigen, eisigen Finger des Henkers, die vorhergegangenen fürchterliche Aufregung, der grauenhafte Dunst in der Marterkammer, die Geschäftigkeit, womit die beiden Henkersknechte jetzt herzueilten, um mit der Folter zu beginnen, raubten der Unglücklichen die Besinnung. Mit einem Aufschrei stürzte sie nieder und lag bewußtlos am Boden. „Was befehlt Ihr, Herr?" fragte der Henker- „Ohnmächtige und Kranke soll man nicht foltern." „Legt sie auf den Schrägen, bis sie wieder zur Besinnung kommt," antwortete der Hexenrichter. Das trübe gelbe Licht der Talgkerzen fiel auf das schöne, blaffe Gesicht der Ohnmächtigen; ihr prachtvolles Haar hatte sich durch den Sturz aufgelöst und lag wie ein dunkler Schleier über dem weißen, wohlgeformten Arm. Das rosige Pläcklein, welches der Henker als teuflisches Zeichen gefunden haben wollte, leuchtete wie ein winziges Röslein unter dem Haare hervor. Caspari wandte den Blick ab, um gleich wieder auf das marmorbleiche Antlitz und das rosige Pläcklein zu schauen. Eine unsichtbare Macht drehte ihm mit magischer Gewalt den Kopf und die Augen immer wieder nach der Ohnmächtigen, die wie eine gestorbene Heilige dalag. Todtenstille herrschte in der Marterkammer. Die Athemzüge der Männer konnten deutlich vernommen werden- Der Richter erhob sich- „Bringt die Ohnmächtige in's Leben zurück," sprach er mit gepreßter Stimme- „Das Verhör ist für heute beendet und wird übermorgen fortgesetzt. Morgen, als am Geburtstage Seiner Durchlaucht, ist Feiertag." Roch einmal blickte Caspari auf die Ohnmächtige; sie öffnete langsam die Augen und blickte ihn starr an. Schnell wandte er sich um, schritt zur Thüre, die der Henker dienstfertig öffnete und verschwand im dunklen Gange. Der Schreiber, welcher diesmal keine Feder anzurühren hatte, folgte fchleunigst dem Vorgesetzten. Zu Hause angekommen, schilderte er, was er diesmal durchleben mußte. „Entweder ist es die größte Hexe, die unter Gottes Sonne wandelt," sprach sein Weib, „oder es ist ein schuldloses Geschöpf, sonsi hätte es keinen so gewaltigen Eindruck auf den steinernen Richter hervorbringen können. Was es auch fei, ein schrecklicher Tod ist dem Mädchen gewiß." Die Wächter brachten Sibille in den Thurm zurück und verschloffen die Thüren sorgfältig. Elftes Kapitel. „Wie viele Mann sind auf der Thorwacht, wenn die Herrschaft abwesend ist?" fragte Caspari den Feldweibel, der auf der Zugbrücke stand. „Vier genügen vollständig," antwortete der Soldat. „Ihr werdet von jetzt ab bis auf Weiteres zwölf Mann nehmen und die genaueste Controls walten lassen." „Euer Gnaden können unbesorgt sein, aus den hiesigen Thürmen ist noch niemals ein Gefangener entkommen." „Die beiden Spürhunde Mars und Pluto werden um zehn Uhr vor die Thürme gelegt und eine Wache dazu gestellt." „Rach Befehl, Herr Commissarius." „Dem Kerkermeister werde ich ein Faß mit zwanzig Maß Wein senden, das trinkt von zehn Uhr ab in kleinen Portionen. So oft ein Mann zur Wache zieht, erhält er ein Viertelmaß. Der Wein soll wärmen, nichts anderes- Für Euch, Feldweibel, sind zwei Maß extra gerechnet, darum sind es statt achtzehn deren zwanzig. Der Kerkermeister wird das Faß um zehn Uhr zur Wache bringen." „Dank Euch, Herr Richteri" sprach der Feldweibel. „Das Aufziehen der Zugbrücke und das Riederlaffen des Fallgatters werde ich selbst besorgen." Caspari, vom Verhöre aus der Marterkammer kommend, hatte sich unterwegs diese Sicherheitsmaßregeln ausgedacht. Zufrieden durchschritt er den Thorbogen nach dem Hinteren Schloßhofe, wo sich seine Dienstwohnung befand. Ein Soldat und ein Gefreiter, welche die Unterredung mit angehört, traten aus der Wachtstube. „Es ist ein filziger, knauseriger Menschenschinder," sprach der Feldweibel, als der Richter verschwunden war. „Zwanzig Maß Wein sollen für einen Feldweibel und zwölf Mann den Geburtstagstiunk ausmachen und wir sollen schluckweise wie Saugkälber von zehn Uhr an genießen, damit wir uns die Gurgel nicht verrenken. Ob er sich auch so viel vergönnt?" Die übrigen Worte verschwanden mit dem Sprecher, der in die Wachtstube eintrat. Leise schlich sich eine kleine Gestalt hinter dem Thorflügel fort, als die Krieger weggegangen, es war Justine. Ihrem scharfen Ohre hatte sich jede Silbe fest eingeprägt. „Das geht über Bitten und Verstehen," flüsterte sie leise für sich. „Um die Hälfte wird mir das Werk erleichtert." — Eifrig fing sie an, in der Küche zu hantiren. Nach einer halben Stunde erschien ein Kellerbursche mit dem Weinfäßchen und dem Auftrage des Richters bei dem Kerkermeister. Mürrisch hörte dieser den Auftrag, ohne Gruß ging der Kellerbursche von dannen. Zornig schlug der Alte mit der Faust auf den alten Eichentisch, daß die Stube dröhnte. Justine eilte herein und fragte: „Was ist Euch, Vater?" „Nichts ist, einfältig Ding," schrie der Alte. „Grade weil nichts ist, bin ich zornig. Schickt man mir das Weinfaß in's Haus, daß ich er bewachen soll, damit die Saufeulen nicht vor zehn Uhr darüber gerathen und mir hält man den Schnabel sauber." „Das ist abscheulich!" versetzte Justine mit gut gespielter Entrüstung. „Aber beruhigt Euch; ich werde dafür sorgen, daß Ihr Euer redlich Theil davon bekommt." „Was willst Du machen, kleine Dunzel?" fragte der Alte neugierig. „St! Ganz leise, Ihr sollt e» hören. Ich schlage den Spund auf, ziehe zwei Maß für Euch heraus, fülle Wasser hinzu, daß das Faß wieder voll wird, dann bum! bum! den Spund wieder d'rauf, kein Mensch merkt, daß etwas davon gekommen und — Ihr habt einen stattlichen Abendtrunk." „Der Deihenker ja, die Dunzel hat recht. Also dran, ich möchte einen Schluck haben." „Das geht nicht, Vater. Vor zehn Uhr dürft Ihr nicht trinken. Wenn Jemand herein käme und es röche nach Wein! Hui, wüßte es morgen der Gestrenge und dann —I" „Also was machen wir?" „Erstlich geht Ihr hinaus und haltet Wacht, daß ich nicht überrascht werde. Zu diesem Behufs verriegele ich vorsorglich die Stubenthüre. So, nun seid Ihr draußen. Zweitens nehme ich den Hammer; drittens suche ich mir den richtigen Krug; viertens schlage ich das Faß auf. Wenn ich fertig bin, rufe ich Euch herein." Es dauerte ziemlich lange, bis Justine fertig wurde. „Zum Deihenker!" rief der Alte und klopfte derb an die Thüre. „Wie lange foll's noch währen?" „Wenn Ihr Euch nicht geduldet, kriegt Ihr gar nichts," antwortete Justine, welche gerade die Betäubungstropfsn in das Faß träufelte. Der Wein war sehr kräftig; darum zog sie für den Alten noch ein Glas voll heraus, damit er wenigstens einen Vorgeschmack haben sollte. Endlich war das große Werk gelungen- Das Faß wurde mit Wasser nachgefüllt und verspundet- Den Maßkrug verschloß sie in den eichenen Schrank, das Weinglas, in welchem sich kein Schlafmittel befand, überreichte sie dem Alten, nachdem sie die Stubenthüre aufgeschlossen. „Hier kostet und sprecht, ob die Dunzel ihre Sache richtig machte," sprach Justine triumphirend. In starken Zügen goß der Alte den kräftigen Wein hinab. „Zum Deihenker, das Zeug schmeckt mordmäßig gut. Wann bekomme ich die zwei Maß?" fragte er. „Um zehn Uhr, wie die Anderen," war die Antwort. „Nun geht in's Brauhaus zu Eurem Bier- Um halb zehn — 26t — Uhr hole ich Euch mit der Laterne, es ist sehr dunkel. Hier i ist gleich der Abendimbiß, laßt ihn Euch schmecken." Der Alte kaute eifrig darauf los und trollte nach been- I digtem Mahle von dannen. Jetzt konnte Justine ungestört I Alles vorbereiten, was zum Rettungswerke nothwendig war. I Vorsorglich schloß sie die Hausthüre ab, damit sie nicht über- I rascht werden konnte. Um eine Probe zu machen, ob die I Schlaftropfen auch auf Thiere wirkten, machte sie ein Stück- | chen Fleisch zurecht und gab es der Hauskatze. Rach einer I Viertelstunde zeigte sich große Ermüdung und Abspannung bei | dem Thiere und nach weiteren fünfzehn Minuten schlief es so j fest, daß jede Bemühung fehlschlug, es wach zu bringen. „Auf I dem Rückwege vom Brauhause müssen die Bluthunde nnschäd- I sich gemacht werden," sprach Justine, „nicht früher, nicht später, I sonst mißlingt das Rettungswerk." Träge schlichen die Minuten dahin. Justine hätte den I Zeiger der alten eisernen Pendeluhr gerne mit Gewalt weiter- | gebracht, wenn es nur einen Zweck gehabt haben würde. End- I lich, endlich war es Zeit. Sie zündete die Laterne an, wickelte I sich in einen Wintermantel, worin die kleine Gestalt fast verschwand, packte die Fleifchstücke in die Taschen und eilte davon. Ohne Zögern ließ die Wache das Mädchen durch die kleine Schloßpforte passiren; unverzüglich erhob sich der Kerkermeister, als er seine kleine Dunzel sah, denn sein Verlangen nach dem trefflichen Weine war groß. Vor zehn Uhr waren Vater und Tochter im Schloßhofe zurück; die Zugbrücke wurde heraufgezogen und alle Schlösser und Riegel forgfältig geprüft. Im Vorübergehen warf Justine jedem Bluthunde ein Stück Fletsch zu, gierig schnappten sie darnach; schon oft hatte sie den Thieren einen Knochen oder etwas dergleichen zukommen lassen, daher fiel dem Alten nichts darüber ein. Einige Minuten später kamen zwei Soldaten von der l Wachtmannschaft, um das Faß Wein abzuholen. „Werdet Euch auch den Magen an den Paar Tropfen nicht verstauchen," murrte der Alte. „Besonders wenn man ihn löffelweise einnehmen soll, wie Pulver und Latwerge," erwiderte der eine Krieger. Er hob das Faß auf die Schulter und schob davon. Justine leuchtete bis in den Hof hinab. Der andere Soldat ging hinüber und kettete die Hunde los, doch so, daß er von jedem die Kette in der Hand behielt. „Auf, ihr trägen Bestien!" rief er. „Es scheint, die Kälte ist Euch in die Glieder gefahren, so steif stolpert ihr einher." „Es wirkt! Gott sei Dank!" flüsterte Justine. Sie blieb stehen, bis der Soldat mit seiner Laterne und den Hunden an den Thürmen anlangte. Das Raffeln der Ketten belehrte sie, daß die Hunde an dem Orte ihrer Bestimmung eingetroffen und festgelegt wurden- Vom Wachthause vernahm sie Hammerschläge. Das Weinfaß wurde angestochen. „Schlagt zu, Ihr Männer, und verschüttet keinen Tropfen, es wäre schade darum," sprach sie mit strahlendem Gesichte. Gleich darauf vernahm sie einige Hochrufe. „Das gilt dem Durchleuchtigen Herrn Landgrafen. Gott segne ihn." Rasch eilte sie in's Haus. Ungeduldig wartete der Alte. „Flugs den Humpen her, Dunzelchen!" rief er. „Hörst Du nicht, daß die da drüben des gnädigen Herrn Gesundheit trinken? Das will ich auch thun." „Doch schreit mir nicht dabei, hier ist der Krug. Wenn die hören, daß Ihr Wein trinkt, dann —I" In mächtigen Zügen trank der Alte. „Thut langsam, Vater, es ist ein starker, schwerer Wein!" warnte Justine. „Hast recht, Dunzel! Gerade deshalb muß man große Schlücke nehmen, damit man etwas am Gaumen spürt. Werde sogleich zu Bette gehen, wenn der Humpen leer ist. Bei den heutigen Vorsichtsmaßregeln kann man auf eine geruhsame Nacht rechnen! Schlaf' wohl!" Justine zog sich zurück. Der Alte trank den Humpen leer, entkleidete sich, legte den großen Schlüsselbund unter das Kopfkissen und ließ sich schwer auf das Lager sinken. „Der Dei—Henker — was — ist — das — ein — schwerer — Wein I" sprach er und verfiel sofort in einen bleiernen Schlaf. Vorsichtig schlich Justine nach einer Viertelstunde herein, zog das große Schlüsselbund unter dem Kiffen hervor und stieß den Alten an. „Wie heißt das Felbgeschrei?" fragte sie. „Wil—Helm — Ehrt—stoph!" lallte der Alte wie todt- müde. „Und die Losung?" „So—hpie — Eleo—nore!" „Habt Dank, V >tec! Run schlaft bis zum frühen Morgen." Mit diesen Worten glitt sie geräuschlos zur Thüre hinaus. (Fortsetzung folgt.) Der Bienen-Vetter. Eine Heide-Novelle von C. Crome-Schwiening. (Fortsetzung.) Damals wär es, als aus dem jungen Mann der Menschen- feind sich entwickelte, als er, in seinem ersten glühenden erzfesten Vertrauen getäuscht, sein ganzes Vertrauen zu der Menschheit gebrochen niedersinken sah. Sein Studium machte ihm keine Freude mehr, die Welt reizte ihn nicht. So kam er in das verwaiste Haus seiner entschlafenen Eltern zurück, so ward er das, was die Welt heute an ihm tadelte. Vergessen! Das war ihm geworben, ja, mehr als das, es hatte sich zum Selbstvergessen gestaltet. Ueber seine Pflichten, die ihm die Verwaltung seines Gute« auflegte, über seine Liebhaberei der Bienenzucht vergaß er sich selbst, daß er ein Mann noch sei, jung und mit dem Rechte begabt, glücklich zu werden. Dort draußen, in der Haide, wo seine Imkerei stand, sühlte er sich wohl, die stille Größe dieser von so wenigen wirklich gekannten und von so vielen gedankenlos geschmähten Haidefläche, hatte die Stürme seines Herzens gesänftigt und dort Ruhe eintreten lassen — eine Ruhe freilich, die nicht glücklich machte, nicht zufrieden--- Vor langen Monden war's, an einem Abende gleich dem heutigen, da war ihm aus alten Papieren jener kindliche Brief der einzigen Cousine, die er hatte, entgegengefallen. Und gleich dem Stabe Christofori, der, längst verdorrt, an dem Erlösungsmorgen frische Blüthen trieb, hatte er beim Lesen jener kindlichen Zeilen zum ersten Male wieder gefühlt, daß sein verdorrtes Herz noch einen Keim beherberge, der auch noch grünen und blühen könne. Marie! Aber der Winter seines Schmerzes hatte den Fruchtboden seines Herzen« allzu stark mit Eis umlagert. Lenzeshoffnungen blieben aus, bis sie durchbrachen, mit einem Male, jäh und warm, wie ein warmer Apriltag nach eisigem März. Marie! All' jene kindlichen Erinnerungen waren herzwärmend in ihm ausgeblüht. Die Lerche, die dicht über die Ackerfurche strich, jubilirte zum ersten Male auch ihm wieder, und in dem Gesumm seiner lieben Bienen schienen ihm Hymnen zu liegen, wortlos und doch voll feierlichen Inhalts. Und doch scheute er sich, häufiger als in den gewohnten Pausen Gast im Hause seines Onkels, des Oberamtmanns, zu sein. Und wenn er da war — dann war es ihm, als spräche sein Herz so laut, so allen verständlich, daß er vermeinte, er müsse es verhüllen durch seine schroff-abweisende Art. „Bienen-Vetter!" Das Wort, das ihm heute fein Onkel im Unmuth zugerufen, gellte in seinen Ohren. So stachlich, i so fremd und hart klang das Wort, und sie war es gewesen, die ihn mit demselben bezeichnete! Und aufs neue legte sich um sein gepeinigtes Herz jene Eisesrinde, von der ein Ktndes- brief nach langen Jahren es kaum befreit, und wieder um* düsterte ein stiller, nagender Gram sein Leben. Seit Fritz Gerding in C- lebte, hatte er das Haus des Oberamtmanns gemieden- Mit jener Selbstqual, die verwundeten Herzen eigen ist, malte er sich aus, wie es mühelos seinem jungen Verwandten gelingen werde, das Ziel zu erreichen, für dessen Gewinn er fein Leben opfern würde. Er ! hatte den junge« Referendar nur einmal in der Stadt ge- sehen, von fern, ohne sich ihm zu erkennen zu geben. Freilich, jener flotte Jurist und er — welch' ein Unterschied. Seine herabgesunkenen Hände spielten mit dem Tage- buche. Hinter dem „Vergessen!" jener ersten Liebesepoche befanden sich eine ganze Reihe weißer Blätter, gleichsam als hätte der Tagebuchführer hinter jener und der zweiten auch eine räumliche Trennung in seinen Aufzeichnungen für nöthig gehalten. Die letzteren, hinter den leeren Seiten, waren erst wenige Monde alt — nicht so wortreich wie die im ersten Theile des Tagebuches, bestanden sie vielmehr in kurzen Sätzen, ja in einzelnen Worten. Und heute hatte seine Feder nur zweimal den Namen derer geschrieben, die ihm auch verloren gehen sollte. Wie ein letzter Aufschrei aus zerrissenem Herzen stand es dort: „Marie! Marie!" III. Der Sonnabend Nachmittag war herangekommen. Oberhalb der Brücke schaukelten sich an dem Anlegeplatze die mit Tannenguirlanden verzierten Kähne, Nachen und Gondeln. In zwei der größten hatte die Regimentsmusik des in C. gar« nisonirenden Infanterieregiments Platz genommen, die jetzt schon muntere Weisen erschallen ließ. Auf dem Bootshause standen in lebhafter Unterhaltung schon dichte Gruppen der Theilnehmer an der Partie. Man wartete die letzten Nachzügler ab, unter denen sich auch Fritz Gerding trotz seiner Eigenschaft als maitre de plaisir und die Gattin und Tochter des Oberamtmanns befanden, um dann die vielversprechende Partie zu beginnen. Unweit der Brücke lag die kleine Gast- wirthschaft, in welcher Hinrik auszuspannen pflegte, wenn ihn Geschäfte in die Stadt hineinführten. Ohne von der Gondelpartie eine Ahnung zu haben, lenkte Hinrik in dem nämlichen Augenblicke, in dem die Musiker in den Kähnen den ersten lustigen Marsch erschallen ließen, sein leichtes Gefährt in raschem Trabe der Stadt zu. Eine geschäftliche Angelegenheit mit seinem Bankier, bei welcher sein persönliches Erscheinen nothwendig war, hatte ihn zu dieser ungewohnten Stunde herbeigeführt. Herr Dube, der trotz seiner feisten Gestalt recht bewegliche Besitzer der Ausspann-Wirthschast, riß die kleinen, verschwommenen Augen weit auf, als er den Herrn „Gutsbesitzer Schneider", wie er ihn officiell ober den „Horstfeldensr Mucker", wie er Hinrik insgeheim und höchst unzutreffend bezeichnete, vorfahren und vom Bock springen sah. „Ei, Herr Schneider, auch herinnen heute? Wollen auch wohl die Gondelpartie mitmachen?" rief Herr Dube, die Zügel auffangend. „Unsinn, Mann!" gab Hinrik kurz zur Antwort, dann aber vom Flusse her die lustige Musik hörend, fragte er doch: „Welche Gondelpartie?" „Nach Thaers Garten, mit Musik und heute Abend Feuerwerk. Sehen Sie, die ganze Brücke steht sschon voll!" (Fortsetzung folgt.) Die Pariser Hundewelt. Von Hunden ist in Paris seit einiger Zeit ungewöhnlich viel die Rede, theils wegen der jährlichen Hunde-Ausstellung, die auf der Terrasse des Tuileriengartens stattfand, und theils wegen des Hundewetters, zu dem die ausgestellten Vierfüßler eine ähnliche Jammermiene machten, wie die leidende Menschheit, die in Winterkleidern vor ihren Käfigen stand. Die Hundeliebhaberei ist hierzulande bei weitem nicht so allgemein wie in Deutschland und namentlich in England, und gegen die Londoner Hunde-Ausstellung kann auch eine gute Pariser nicht aufkommen. Man könnte sagen, daß der Nationalhund in Frankreich der Pudel ist. Ich werde mich hüten, daran wei- k tere Reflectionen zu knüpfen, als daß der Pudel unter den I Hunden am meisten von dem heiteren, lustigen Temperament | besitzt, das ehedem unter den Franzosen so häufig war und 8 auch in Literatur und Kunst sieghaft und liebenswürdig zur Geltung kam, in neuerer Zeit aber leider immer seltener wird Die schönsten Pudel sieht man indessen nach wie vor in Franks reich und besonders in Paris. Neben diesen und einigen anderen Specialitäten, wie langhaarige Bracken und stichelhaarige Vorstehhunde, bot die diesjährige Hunde-Ausstellung an Hatz- und Jagdhunden, Gefellschafts- und Schooßhunden zwar viele einzelne schöne Exemplare, lieferte aber im Ganzen nur einen matten Abklatsch einer großen englischen ober deutschen Ausstellung. Hier in Paris sind übrigens Hunde sehr zahlreich. Neben dem Pudel ist mit der internationalen Asfimi- lirung, die auch in anderen Hauptstädten und in dm letzten 25 Jahren sogar in London reißende Fortschritte macht, seit Jahren die dänische und die Ulmer Dogge, der Bernhardiner, der schottische Schäferhund und von kleineren Arten der glatthaarige englische Foxterrier, unter Männern des Sports' auch der Bullterrier sehr in Aufnahme gekommen. Es wird in Paris für einige 80,000 Hunde die Hundesteuer entrichtet, die zwischen 5 bis 10 Francs schwankt, doch versichern Leute, die über diese Verhältnisse ein Urtheil haben, daß wenigstens noch 120,000 Köter aller Arten, Abarten und Mischarten, den Steuerbehörden zum Trotz, unangemeldet umherlaufen. Bei den heutigen schlechten Zeiten, die in der Schwierigkeit, das Finanzportefeuille anzubringen, einen sehr deutlichen Ausdruck finden, soll gegen diese Umgehung des Steuergesetzes demnächst scharf eingeschritten werden. Man beabsichtigt, eine strenge Aufsicht eintreten zu lassen, jeden Hund, der auf der Straße ohne Stempelmarke am Halsband betroffen wird, festzunehmen, den Eigenthümer mit der doppelten Steuer zu bestrafen und im Falle der Eigenthümer nicht festzustellen ist, den Hund ohne Gnade zu tobten. Was die Kosten der Hundeliebhaberei an« belangt, so hat mir jüngst der Besitzer eines sehr schönen schwarzen Pudels im Einzelnen ausgerechnet, daß ein wohl- gehaltener Hund (wohl verstanden in der Familie) feinem Eigenthümer auf jährlich 450 Francs zu stehen kommt. Man berechnet, daß die 80,000 angemeldeten und versteuerten Hunde der Stadt Paris an Unterhalt jährlich 960,000 Francs kosten. Sie fetzen außerdem 25 Fabrikanten von Halsbändern und Maulkörben in Nahrung, die ihrerseits wieder 550 Arbeiter1 und 300 Arbeiterinnen beschäftigen. Außerdem arbeiten vier Bäckereien und fünf Biscuitfabrikanten für die Hundegemeinschaft. Drei besondere Apotheken, ein Dutzend kleinere und zwei größere Krankenhäuser sind dabei zur Heilung ihrer körperlichen Leiden und Gebrechen in steter Thätigkeit. Von der Verbreitung der Pudel, die man in Parts mit dem Kosenamen die Toutous nennt, mag die Thatsache einen Begriff geben, daß über hundert Leute mit ihren Familien jahraus jahrein vom Pudelscheeren leben. Was den Schauluxus anbelangt, so sei schließlich noch bemerkt, daß zwei schöne schwarze Pudel für eleganter gelten als einer und zwei mausegraue ober nicht dunkelbraune für feiner als schwarze. Weiße sind weniger beliebt, zum Theil vielleicht, weil man sie seltener in untadel« Hafter Schönheit findet, und theils, weil sie nach bedeutend mehr Pflege erfordern, als ihre schwarzen und grauen Mit- hunde. (Köln. Ztg.) Vermischtes. Ausdauernd. Gerichtsdiener (zu einer älteren Frau): "Ich bemerke nun bereits seit Jahr und Tag, daß Sie jeder Gerichtsverhandlung beiwohnen und die Angeklagten so genau betrachten — interessiren Sie sich denn für diese Leute?" — Frau: „Ja, sehen Sie, vor vielen Jahren hat mir Einer fünf Mark gestohlen, endlich muß dieser Kerl doch auch einmal vorkommen." • * * Verzeihlicher Jrrthum- Dame (die eine sehr rauhe Stimme hat): „Hier haben Sie eine KleinigkeitI" — Blinder Bettler: „Dank' schön, Herr Rittmeister!" Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.