1894. 6SÄ UntevhKltnngsblatt )um Gietzensv 2lnzeigsv (GsMeval«rlnzeigep) Samstag, den 12. Mai. Mngstmorgen. O Maienwelt, o Maienwald, Du meines Herzens Freude, Von Engelrhänden ausgeschmückt Mit grünem Brautgeschmeide! Durch deine Tiefen rauscht der Wind Mit stillen Orgeltönen. O Maienwelt, o Maienwald, Wann stillst du Leid und Sehnen? Es bangt das arme Menschenherz Und will im Kampf ermüden. Da flammt herab der Geist des Herrn Mit Kraft und Trost und Frieden. Es sterben Leid und Todesnoth, Die Augen werden trocken. Zum Himmelsfrieden rufen laut Der Pfingsten Morgenglocken. O Maienwelt, o Maienwald, Du Blüthengrab der Klage, Von Gottes Gnaden brechen an Trostvolle Frühlingstage. Des Geistes Bäche rauschen schon, Der Himmel steht uns offen. O Maienwelt, o Maienwald, Nach dir geht all' mein Hoffen! Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) Auf dem Friedhöfe zu Bingenheim fanden wir das ganz von Moos und Flechten bedeckte Grabdenkmal Schössers. Die Inschrift besagt: Herr Joh. Görg Schösser ist geboren den 3. Juni anno 1598, gewesenen Schultheißen zu Ranstadt (13 Jahre Keller und Amptmann zu Octenberg) Sohn; 31 Jahre Schultheiß; Obermärkermeister, Zoll- und Land- bereiter 35 Jahre. Erzielt 21 Kinder, in erster Ehe mit Frau Marie Elisabeth End.lin*) siebe« Kinder; 1650 mit Frau Anna Katharina Wachrothin,**) erzielte er acht Söhne und sechs Töchter- Gestorben 1679 den 12. November seines Alters 81 Jahre, 6 Monate, 9 Tag. Inmitten des Grabsteins befindet sich das Schöffer'sche Wappen: ein von links nach rechts schreitendes Schaf, über dessen Rücken ein dreiblätteriges Kleeblatt emporwächst. Den Wappenschild krönt ein geschlossener Helm, auf dem als Zier ein von rechts nach links schreitendes Schaf angebracht ist. Unter dem Wappen steht folgender Reimlein: „Das Herr Schultheiß möchte blühen Euer Nanie für und für Will ich diesen Vers anziehen Hier an dieses Grabes Thür: Herr Schössers Fleisch und Bein Lieget unter diesem Stein." Es folgt darauf ein Todtenkopf mit zwei gekreuzten Todtenbeinen, darüber das Stundenglas und die lateinische Sentenz: Mors lugrum, vita Christus! (Tod ist Trauer, Leben ist Christus.) Schösser schrieb eine schöne Handschrift und wußte sich statistisch gut auszudrücken. Seine beiden Frauen brachten ihm ein hübsches Vermögen mit- Merkwürdig ist, daß seine Familie, obgleich ste sehr zahlreich war, bald erlosch oder von Bingen« heim wegzog, denn das Kirchenbuch zeigt den Namen Schösser wenige Jahre nach des Schultheißen Tod nicht mehr. lieber die Hingerichteten Hexen und Zauberer, Diebe und Landstreicher, welche vor das peinliche Halsgericht zu Bingen« heim gestellt wurden, führte Schultheiß Schösser ein genaues Verzeichniß, welches heute noch vorhanden ist. Darin ist auch aufgeführt, was aus den Mobilien und Immobilien der justi« ficirten Personen erlöst wurde; was der Henker und fnne Leute für die Hinrichtungen empfingen; was ein ehrbar Gericht, die Geistlichen und andere Personen bei den Hinrichtungen VCtACÖTlCtt» Wir werden dieses Verzeichniß weiter unten folgen lassen. „Eure Gesundheit, Herr Schultheiß!" sprach der Burg« graf Keip, indem er mit Schösser und Langsdorf anstieß, wo« rauf alle Drei tiefe Züge aus ihren Humpen thaten und die Krüge fast mit einem Schlage niedersetzten. „Was memt Ihr zu den eingethürmten Hexen und Zauberern?" „Es wird ein tüchtiges Stück Arbeit geben," antwortete *) Tochter des Schultheißen Endel zu Bingenheim. **) Tochter des Schultheißen Wachroth zu Echzell- — 218 — Schöffer. „Vier Zauberer auf einmal zu befragen, torquiren und Hinzuthun, ist keine Kleinigkeit." „Ihr sprecht ja, als wenn die vier Leute bereits mit ihren Zauberei« und Hexenstücken überwiesen und condemniret wären," bemerkte Kammerdiener Langsdorf. „Seine landgräfliche Durchlaucht wollen aber durchaus langsam und womöglich in Güte aus den Hexenleuten herausgebracht haben, wie es mit dem Hexereilaster beschaffen ist." „Das hat noch Niemand zuwege gebracht," versetzte Burg« graf Keip; „der böse Feind verschließt den Hexen die Mäuler, daß sie nichts reden dürfen. Nur durch Anwendung der schärfsten Torturmaßregeln bringt man die Leute zum Bekennt« niffe." „Grade dies halten Seine Durchlaucht für schrecklich; durch Tortur erzwungene Geständnisse seien werthlos, es müsse andere Mittel geben, zum Ziele zu gelangen." „Man verbrennt seit sechzig Jahren Zauberer und Hexen," begann der Schultheiß, „stets aber muß die peinliche Frage vorher gehen. Gütliche Bekenntnisse folgen ja doch immer hintendrein." „Aber blos aus Furcht," erwiderte der Kammerdiener, „es möchte die Tortur noch schärfer angewandt werden; die Leute wollen lieber als Hexen angesehen sein und den Tod erleiden, als die fürchterlichen Qualen zum dritten und vierten Male aushalten." „Wie gedenken nun Seine Durchlaucht das Hexeretlaster aus der Welt zu schaffen, wenn nicht mehr torquirt und gebrannt werden darf?" fragte der Schultheiß. „Er will Schulen errichten und das Volk aufklären," versetzte der Kammerdiener. „In Echzell, als dem größten Orte der Landgrafschaft, hat er bereits 1640 eine Lateinschule zu Stande gebracht ähnlich derjenigen in Gießen und Darmstadt. Die Herren Theologen und andre Magistri, welche berufen werden, sollen Sprachen und Wissenschaften lehren, dadurch verginge der Aberglaube." „Aber die Herren glauben ja alle selbst an Hexen und Zauberer!" rief Keip, „wie sollen sie nun den Aberglauben vertreiben?" „Richt Alle glauben däran," antwortete Langsdorf, „es gibt auch welche, die dagegen kämpfen. Darum müsse das Volk aufgeklärt und weiser gemacht werden, dann verginge der Aberglaube von selber." „Das gäbe eine schöne Wirthschaft I" rief der Schultheiß. „Wer könnte denn da das Volk noch regieren, wenn jeder Bauer das Lesen, Schreiben und Rechnen verstünde! Je weniger das Volk weiß und je dummer es ist, desto gehorsamer folgt es den Befehlen der Obrigkeit. Die jungen Herren Regenten meinen gar zu leicht: Gescheute Leuts seien besser zu regieren, als dumme. Wenn die Herren aber dreißig Jahre älter geworden, klingt es anders. Dann wollen sie nichts mehr von Neuerungen hören. Die Erfahrung macht den Meister, darum ist das Alter der Jugend überlegen. Tüchtige Untersuchungsrichter müssen wir haben, welche die Hexereilaster an den Tag bringen und wenn geschehen, hinaus mit den Zauberern und Hexen, daß sie die Menschen nicht länger quälen." „Ja, das ist auch meine Meinung," sprach Burggraf Keip; „aber wo kommen solche Männer her, sie sind selten." „Wenn die Herren gütigst erlauben," sprach da plötzlich eine Stimme, indem sich die Thüre zum Herrenzimmer öffnete, in welcher Fred Quaffel, der Postschreiber, erschien und ein Heft in der Hand hielt, das er aus der Brusttasche seines Rockes gezogen. „Was will Er denn, Postschreiber?" fragte der Schult- heiß. „Ich hörte, daß die Herren von Männern und Kräften redeten, welche geeignet wären, die Hexen aufzuspüren und an's Licht zu ziehen und da wollte ich--" „Ei, ei, Postschreiber, da hat Er uns ja belauert. Kennt Er nicht das Sprichwort: Wer lauert an der Wand, hört seine eigene Schänd." „Verzeiht, gestrenger Herr Schultheiß," antwortete der Tropf, „ein Lauern war es nicht. Die Thür stand offen und da hörte ich die Rede der Herren." „Das ändert nicht viel an der Sache. Er thut besser, sich mit seiner Gesellschaft zu unterhalten und dorthin seine Aufmerksamkeit zu lenken, als uns'rem Gespräche nach zu horchen. Hat Er das verstanden?" „Ja, gestrenger Herr Schultheiß." „Gut, nun sag' Er, was Er will und zu was Ende Er das Buch hier in der Hand hält." „Es ist ein berühmtes Buch, „Die Teufelsgeißel", verfaßt von einem gar gewaltigen Gelehrten. Das Buch gibt an, wie alle Hexen, Unholde und Dämonen beschworen und ver« trieben werden können. So dachte ich nun, wenn in jedem Hause ein solches Buch läge, als könnten dann die Menschen der Hexen und Unholden Herr werden." „Ganz recht, Postschreiber, Er hat da einen guten Gedanken, hat aber vergessen, daß die Leute nicht lesen können, also nützt sein Buch nichts. Wir wollen uns die Sach' in« dessen überlegen und wenn wir sein Buch gebrauchen können, wollen wir darnach senden. Nun gehab' Er sich wohl, gehe hinaus zu seiner Gesellschaft und horche Er nicht mehr an der Wand, das verbitten wir uns von Ihm." Mit einem Bückling zog sich Quaffel zurück, trat zur Thüre heraus in das große Gastzimmer, verfehlte aber die Treppenstufe und kugelte, die Beine nach oben, auf den Fußboden. Alles lachte, die Gäste in beiden Zimmern. Der Schultheiß fchloß die Thüre zum Herrenstübchen, aber das Gelächter der drei Jnfaßen tönte noch einige Minuten nach. „Na, Meister Quaffel, Ihr seid mit Extrapostgeschwindigkeit wieder bei uns angekommen!" sagte Schulpräceptor Fischer. „Daß man einen Fehltritt Ihm und die Treppe hinab fällt, ist schon Jedem passirt," antwortete Quaffel, indem er sich den Staub abklopfte und die gestauchten Rippen ein wenig rieb. „Ganz recht," versetzte Hosbüchsenmacher Breitenbach, „so nieder zu kommen ist keine Kunst. Aber das Treppenhinauffallen ist eine, daher wird die hessische Elle mit drei Batzen bezahlt. Versucht es einmal, vielleicht steht in Eurer Teufelr- geißel, wie das Ding zu Stande gebracht wird." Der Wächter blies jetzt die elfte Stunde vor dem Brau- hause; die Gäste tranken aus und gingen nach Haufe. Trüb und nebelig zog der folgende Novembertag am Himmel empor. Der Justizcommiffarius Caspari, in einen Pelzmantel gehüllt, von einem Schreiber begleitet, ging nach dem Rath- hause und verschwand in dem Gange, welcher nach der Folterkammer führte. Hier harrete bereits der Henker mit dem durch Ketten und Banden gefesselten Sohne des Hingerichteten Schweinehirten von Bisses. Sogleich begann das Verhör. Dem Gefangenen wurden die Aussagen der Schöffen, die Berichte der Schultheißen über sein Leben und Wandel vorgehalten und er gefragt: ob er ein Hexenmeister sei und zaubern könne. 'Als dies Alles mit Widerwille abgewiesen wurde, zeigte man dem Gefangenen die Marterinstrumente vor, warnte vor der nun folgenden Tortur und ermahnte zum gütlichen Geständniffe. Auch dies war vergeblich. „Ziehet dem Gefangenen die Kleider aus und leget ihm das Folterhemd an," befahl Caspari. „Das kann ich selber, Herr Richter!" sprach der Gefangene, indem er an der Jacke herumnestelte und diese ausbrachte. Der Scharfrichter sah dem Schweinehirten spöttisch zu. Plötzlich bekam er einen gewaltigen Fußtritt vor den Magen, daß er ohnmächtig in die Ecke der Folterkammer flog. Der Justizcommiffarius sprang auf, um den Gefangenen zu bändigen; in demselben Augenblicke sauste ein kleiner Holzschemet auf das Haupt des Gestrengen nieder, daß er stöhnend zusammenbrach. Wie Wölfe stürzten die beiden Henkersknechte über den wüthenden Schweinehirten, allein sie konnten ihn nicht meistern. Er unterlief den größeren und stärkeren und warf ihn mit einem gewaltigen Ruck zu Boden. Der kleinere hatte sich an ihn gehängt, um ihn nieder zu reißen; doch der junge Schweinehirt war gewandt und stark, er packte bett Burschen an der Kehle und stieß ihm den Kopf sechs- bis achtmal so heftig gegen die feuchte Mauer, daß der Knecht ohnmächtig wurde, worauf ihn der Gefangene in die Ecke zu dem ohnmächtigen Henker schleuderte. Inzwischen hatte sich der erste, stärkere Henkersknecht empor gerafft und mit Muth stürzte er sich auf den Hirten. Doch dieser vermochte den kleinen Holzschemel, womit er den Justizcommiflarius niedergeschlagen, noch einmal zu erreichen. Krachend fuhr der Schemel auf den Schädel des Schinderknechtes hernieder, der nun auch zu Boden stürzte. Es blieb nur noch der Schreiber, welcher sich unter seine Bank verkrochen und dorten keinen Laut von sich gab. Der Schlüffel zur Marterkammer stack inwendig im Schlöffe. Der Schweinehirt zog ihn mit Blitzesschnelligkeit heraus, nachdem er die Thüre geöffnet, schlug diese hinter sich zu, schloß die Folterkammer ab, nahm den Schlüflck mit und stürzte den dunklen Gang hinaus auf die Straße. Das Unglück wollte, daß er hier mit dem Postschreiber Quaflel zusammenprallte, welcher augenblicklich begriff, daß der Hirte ausgebrochen und sich auf der Flucht befanb. „Feuer I Mordio! Nachbarhülfe!" schrie ber Schreiber unb winkte nach dem Schloßwalle, wo eine Wache auf und niederschritt und die blindgeladene Lärmkarthaune stand. Sofort hielt der Soldat die brennende Lunte an das Geschütz und der Schuß donnerte in den Ort hinein. Auf dem Rathhausthürm- chen fing die Feuerglocke an zu stürmen, in den Straßen rief man: Feuer I Mordio! und von allen Enden strömten Leute herbei. Als der Schreiber in der Folterkammer merkte, daß ber schreckliche Schweinehirt draußen war und Hülfe erwartet werden konnte, rückte er seinen Tisch an die Lucke, welche wegen Abzugs der erstickenden Dünste an der Mauer gelassen wurde, und rief aus Leibeskräften um Hülfe. Mehrere Männer drangen durch den Gang bis vor die Thüren der Marterkammer ; ohne Schlüssel war aber nichts auszurichten, denn die eiserne Pforte widerstand jedem Angriffe. Inzwischen ertönten Trompetensignale und Trommelwirbel vom Schlosse her. „Alle Mann zu Haus!" schrie es überall. „Vorwärts zur Hexenjagd, der Schweinehirt von Bisses ist ausgebrochen." Wie von Furien gepeitscht, raste dieser bett Hügel, nach Norden zu gelegen, hinan und suchte den Wald in der Richtung von Geiß-Nidda zu gewinnen. „Seht Ihr bett ausgerissenen Schelm!" riefen die Leute hinten drein. „Gleich ist er am Lörbusche; seine Füße berühren den Boden nicht, der böse Feind führt ihn durch die Lüste und hilft ihm davon! Nur noch wenige Schritte und er ist gerettet!" Mit einem gewaltigen Sprunge setzt der Flüchtling über den Graben, welcher das Feld von dem Walde schied. Da kracht ein Schuß — stöhnend bricht der Flüchtling zusammen; die Kugel war ihm in's rechte Kniegelenk gedrungen. Mit dem noch rauchenden Rohre in der Hand trat Stoffel Langerhans aus dem Walde hervor. Er sah schon eine Zeit lang, vom Buschwerk am Waldessaums gedeckt, den Flüchtling den Hügel heraufeilen, hörte die Lärmkarthaune, die Sturmglocke und legte die Büchse an die Wange, als gelte es, ein Stück Wild- pret auf der Treibjagd zu erlegen. „Gelt, Hexenmeister!" rief Langerhans, „die Teufels- und Zauberkünste haben Dir nicht davon geholfen." Der niedergeschossene Schweinehirt hob sich mühsam empor; er preßte das zersetzte Beinkleid zusammen, um das hervorquellende Blut zu stillen. „Was Du feiger Wilddieb an mir verübtest, ist keine Heldenthat," antwortete der Verwundete, „sondern ein Busch- klepperstreich, dessen Du Dich Zeit Deines Lebens nicht zu rühmen brauchst. Auf Deinem Todtenbette werde ich Dir dereinst erscheinen und Dir in Deinem letzten Stündlein vorhalten, war Du gethan." Unterdessen kamen die Verfolger heran. Sie wickelten dem Verwundeten nothdürftig ein Tuch um die Schußwunde und schafften ihn den Hügel hinab in's Dorf. Stoffel Langer- Hans eilte in den Wald zurück. Die Worte des Schweine218 - Hirten klangen ihm in den Ohren. Einige Jahre später wurde er, als die Knechte Holz fällten, von einer niederbrechenden Buchs nahe der Stelle, wo er den Flüchtenden niederschoß, erschlagen. „Der Schweinehirt hat recht prophezeiht I" sollen seine letzten Worte gewesen sein. — (Fortsetzung folgt.) Werthers Schatten. Novelle von Carl Caksau. (Fortsetzung.) Das Schreiben lautete: Jena, den 3. Deeember 1784. Lieber Herr Woland I Bei meiner Abreise versprach ich Ihnen, dann und wann ein Lebenszeichen von mir geben zu wollen. Ich hätte mit diesem ersten nicht so lange zögern sollen, aber ich wollte nicht eher etwas von mir hören lassen, bis es sich der Mühe lohnte. So erfahren Sie denn, wie ich auch heute meinen lieben Eltern mittheilte, daß ich feit dem 1. December Juris utriusque Doctor bin, nachdem ich in aller Form promovirt habe. Ich darf nun mit den frohesten Hoffnungen der Zukunft entgegen sehen, da mir auch bereits eine gute Amtmannsstelle auf den Gütern des Grafen von Falkenbsrg angeboten ist. Vorläufig habe ich mir Bedenkzeit ausbedungen. Trotz eifriger Studien habe ich doch so viel Zeit erübrigt, eine Reiss nach Weimar unternehmen zu können. Sie hatte eigentlich den Zweck, den geheimen Rath von Goethe persönlich kennen zu lernen. Dieses wird besonders Ihre Fräulein Töchter interessiren. In der That gelang es mir, den größten Dichter Deutschlands zu sehen und mit ihm einige Worte zu sprechen. Ich habe selbst seither einige Poeme verfaßt und mir den poetischen Amtmann von Altengleichen zum Vorbild genommen. — Mit Herrn von Goethe sprach ich von seinem „Weither". Ich bemerkte, daß ich eine Lücke darin vermißte, nämlich eine Vertheidigung der Todesursache de« jungen Helden. Aber Goethe lachte und sagte: „Lieber collega in Justitia, der Werther wird uns alle Beide überdauern! Weshalb ich aber die Vertheidigung des Selbstmordes nicht übernommen? Das ist sehr einfach: Es gibt keine! Sagte ich es offen heraus, so schlüge ich unsrer noch hochromantisch gefärbten Zeit in das Gesicht. Sehen Sie, wir Dichter geben zu allem, was wir schreiben, ein paar Tropfen Herzblut als Gewürz quasi. So ist auch der Werther etwas von dem, was ich selbst erlebt habe. Aber das ist nun vorüber! Daß ich der Idee eines Selbstmordes nicht huldige, sehen Sie an meinem Leben. Leben Sie wohl!" — Ich war entlassen und konnte gehen. Im Gasthause erfuhr ich, daß Goethe der beste Freund des jungen Fürsten ist und daß das Leben bei Hof manchem Bürger ein Kopfschütteln abnöthigt. Offenbar will der Dichter vergessen, was er erlebt; ich könnte das nicht! — Mein Freund Reißner hat Jena verlassen und ist nach Leipzig übergesiedelt; er wollte hier an Ort und Stelle nicht mit allem studentischen Plunder brechen; übrigens ist er fleißig gewesen und wird zu Ostern ebenfalls promo- viren! - Ich hoffe, daß es Ihnen und Ihren Fräulein Töchtern wohl gehe und hoffe Sie alle in den Weihnachts- tagen herzlich begrüßen zu dürfen, womit ich in refpect- voller Vermeidung meiner Ergebenheit verbleibe' Ihr Werther Helbig, Juris utriusque Doctor. Herr Woland nickte wohlgefällig mit dem Kopfe und sagte: „Ein geistreicher Mensch, der besten Stelle würdig! Hier Mädchen, ist der Brief! Lest! Ihr schwört ja auch zu Goethe!" *» 220 — Am Tage nach Empfang des Briefer von Weither Lelbia schritt Herr Woland unruhig im Wohnzimmer auf und ab. Sophie übte auf dem Clavizimbel eine Sonatine, und Laura strickte hausmütterlich an warmen Wollsocken. Da schritt Paul Busch, der Amtmann von Hennigstedt auf das Woland'sche Hau« zu; Lauras Herz klopfte lauter, als ihr Vater die Begrüßung Pauls mit einem freundlichen „Guten Tag Herr Amtmann!" erwiderte. Der junge Amtmann bat um eine geheime Unterredung und die Mädchen blieben eine halbe Stunde in qualvoller, aufregender Erwartung allein. Bald darauf ertönte der feste Schritt beider Männer wieder auf dem Corridor und Woland trat mit Paul ein. „Laura," fagte er dann mit bewegter Stimme, „der Herr Amtmann hat mich soeben um Deine Hand gebeten. Ich habe nichts gegen die Bitte und deshalb habe ich ihn an Dich selbst verwiesen! Was sagst Du?" Laura war glühend roth und lag int nächsten Augenblick in Pauls Armen. Woland freute sich erst des Glückes seines Kindes, insgeheim aber schüttelte er den Kopf und murmelte: „So ein Mädchenherz begreife der Kuckuck! Dachte ich doch, der junge Helbig sollte da einziehen, jetzt ist's doch der junge Amtmann aus Hennigstedt! Nun schließlich kann's mir auch so recht sein!" Paul war nun fast täglicher Gast der Familie Woland, obwohl die Verlobung erst am Weihnachtsfeste mit dem gleich- »eitia stattfindenden Aufgebot vollzogen werden sollte; bis dahin wollten die Verlobten ihr Glück geheim halten. Laura dachte dabei an Werther, dem man das Ereigniß so schonend als möglich beibringen wollte. V. Es war ein kalter Winterabend, als zwei Tage vor Weihnachten Werther Helbig im Pelz gehüllt mit der Fahrpost Schwalbheim zueilte, wohin schon sein Herz voraus geflogen wäre, wenn es Flügel gehabt hätte. Er saß mutterseelen allein in dem kalten Kutschkasten, seitdem ihm im letzten Städtchen sein Reisebegleiter, ein Kausherr aus Apolda, untreu geworden. In der nächsten Station bekam er wieder Gesellschaft; wohl vermummt stieg beim Schein der Lichter der Zollerheber Zipfler ein. Werther hielt sich vornehm kühl zurück, bis der Zollerheber plötzlich in ihm den jungen Doctor beider Rechte erkannte und sein Compliment anbrachte. „Hat nichts zu bedeuten, Herr Einnehmer!" meinte Werther. Herr Zipfler erzählte mancherlei, insbesondere klagte er über einen Vetter Schaufuß, der viele Leute betrogen und auch ihn um eine Masse Geld gebracht hätte; in der Nachbarstadt sei er gewesen, die Summe zu begleichen. Endlich tauchten die Lichter von Schwalbheim auf. Der Wagen hielt, Werther lag in den Armen der Eltern, während Gröhlmann die Reisekoffer ins Haus schleppte. Dieser Abend gehörte den theuren Eltern. Am andern Morgen kleidete sich aber Werther Helbig mit großer Sorgfalt an; prüfend stand die stattliche Erscheinung mehrere Male vor dem Spiegel. Ehe er ging, nickte er der Mutter lächelnd zu und verschwand im Nachbarhause. Herr Woland war ausgegangen, Sophie und Laura befanden sich mit der Magd allein zu Hause. Bedrückt grüßten sie den Gast- An den verstörten Gesichtern der beiden jungen Damen merkte Werther sogleich, daß irgend etwas nicht in gehöriger Ordnung sei. Er benutzte daher den ersten Augenblick, als Sophie auf Secunden entschwand, dazu, vor der bestürzten Laura auf den Knien ein glühendes Liebesbekenntniß abzulegen. (Fortsetzung folgt.) GeineinnRtziges. Rosenfreunde machen wir darauf aufmerksam, daß heuer besonders stark eine kleine Jnsectenlarve von etwa 7 Millimeter Länge, welche in einer braunen Hülle steckt, auftritt und den Blattaugen und jungen Trieben der Rosen zusetzt. Es ist dies die Larve der Rosengallmücke — auch Rosenstecher genannt —, eines winzigen, fliegenähnlichen In- sectes. — Die Larven sind wegen ihrer geringen Größe und braunen Hülle, wodurch sie einer Winterraupe täuschend ähnlich sehen, nicht auffällig. Es empfiehlt sich, jetzt die Larven von den Rosenstöcken abzulesen, da sie Blatt- und Blumenknospen aufsreffen, welche dann eingehen. Vertilgung der Wanzen. Von allen gegen die Wanzen angepriesenen Mitteln ist keines so wirksam wie der Alaun. Die Wanzen verschwinden sofort, wenn man Wände, Bettstellen rc., worin sie nisten, mit einer kochenden Alaunlösung bestreicht, und kehren nie zurück. Wenn man die Zimmerdecken mit Kalk weißt und dem Kalk vor dem Gebrauch etwas Alaun zusetzt, so halten sich die Fliegen ebenfalls nicht in den Zimmern auf. Dabei kann die Anwendung des Alauns in diesen Fällen der Gesundheit der Menschen nicht den mindesten Schaden zufügen. — Ein anderes erprobtes Mittel ist die Herstellung von Zugluft durch Offenlassen von Thüren und Fenstern. Diese können die Wanzen nicht vertragen. Futter für Kanarienvögel. Der jungen Brut gebe man sogenanntes gemischtes Kanarienfutter und etwas mit heißem Waffer abgebrühten und wieder gut trocken aurgedrück- ten, süßen Rübsamen, Eierbrod, Vogelbisqutt und Semmel. Alles muß gut ausgsdrückt sein, da zu weich aufgefütterte Vögel unbedingt eingehen. An warmen Tagen kann etwas Grünfutter gereicht werden. ♦ Tintenwischer. Man verwendet dazu fünf kreisrunde farbige Tuchrestchen- Auf das oberste derselben wird eine beliebige Figur gezeichnet, welche mit Seide durch sämmt- liche Fleckchen in Sttlstich ausgenäht wird. Sodann werden die Tuchfleckchen am Rande mit einer Scheere gleichmäßig ausgezackt. . Wollene Zeuge, an denen keine Farben zu verderben sind, wäscht man mit lauwarmem Sodawaffer, worin etwas grüne Seife zu Schaum geschlagen wurde. Damit die Wollsachen sich nicht zusammenziehen und filzig werden, kann man zu dem Waffer zwei Löffel Salmiak und zwei Löffel Terpentin gießen- _____________ Vevinischtes. Gleiches Recht für Alle. Ein Herr trifft auf der Tramway am Sonntag einen Mann, der ihn vor zwei Tagen als Blinder angebettelt und auch ein Geschenk empfangen hat. „Was Teufel!" sagte der Wohlthäter. „Sie sehen ja! Warum sind Sie denn heute nicht blind?" — „Was wollen Sie? entgegnete der unverfrorene Bettler. „Der Mensch muß doch auch seine Sonntagsruhe haben!" Warum aus Lehm? Lehrer: „Woraus hat der liebe Gott den Menschen geschaffen?" — Der kleine Erich: „Aus Lehm." — Lehrer: „Warum wohl gerade aus Lehm?" — Der kleine Erich: „Na, Sand backt doch nicht!" ♦ » Gutes Zeichen. „Nun, hat sich die Schwerhörigkeit Ihres Herrn Papa noch immer nicht gehoben?" — „D Ifl< gestern hat er sich schon die Ohren zugehalten, als ich gesungen habe!" Lieb' Kind. „Ach, Onkel, ich hab' Dich zu lieb." •- „Ja, und warum denn, mein Engel?" — „Wenn Du kommst, gibt's immer Compot." Siebaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.