Aneerchcrltungsblatt sum Gietzenev Anzeigen (Gsneval-2lnzeigev> 1894 ;fcl Dienstsg, r eu 11. December. Rechte Liebe. Novelle von H. Limpurg. (Fortsetzung.) Sendräch erwachte wie aus einem Traume. „Ach ja — l es ist zu spät! Wir müssen umk.hren," sagte er so seltsam tonlos, daß nun auch Ada emporblickte. Doch der stattliche Mann sah wie träumend in die Ferne und schweigend schritten sie nebeneinander dem Schlosse zu. Hier hatte man indeß auf der Veranda einen einladenden Theetisch hergerichtet und bald saßen die Herrschaften mit den Offizieren behaglich um denselben vereint, während Ada das Amt des Thecbereitens graciös und sicher übernahm. „Nun, Ada/' rief der Papa ihr vergnügt zu, „was meinst Du, wollen wir Beide morgen einmal zusammen in's Manöver reiten?" „Gewiß, Papa, sehr gern," entgegnete das junge Mädchen unbefangen, „vielleicht kann auch Maria mitkommen." „Hm, sind Sie ganz sicher im Sattel, Fräulein von Pohl? " frug der alte Herr etwas skeptisch. „O, gewiß, Herr Baron," versicherte das Fräulein, glühend roch vor Entzücken über diese Aussicht, „ich habe mein Reitkleid auch mit." „Je nun, das thut's nicht allein, die Pferde zu lenken ist die Hauptsache. Aber wir können es ja versuchen, auf Ihre eigene Verantwortung." „O, wir sind ja Alle in der Nähe der Damen und zum Retten bereit," rief Egon enthusiastisch, „aber das Pferd wird doch nicht so ungalant sein, die schönste Reiterin abzuwerfen." „Sie müssen die Güte haben, Herr Major, uns den Tag zu nennen, an dem für Zuschauer es am günstigsten ist, sich zum Manöver einzufinden." Mit diesen Worten schnitt Baron Bärfeld die drohende lange Reve seines eitlen Neffen ab, der sich nun damit abfand, über die Lehne von Adas Stuhl hinüber beiden jungen Damen seine Huldigungen zu spenden. Fräulein Maria jedoch schaute ziemlich auffallend und schwärmerisch zu dem ernsten Stabsosfifier auf, welcher jetzt in ein lebhaftes Fachgespräch mit dem Schloßherrn verwickelt war; noch trug sie die Rose am Gürtel, aber sie hatte bereits über dieselbe bestimmt! Freilich mußte sie vorsichtig zu | Werke gehen, um nicht Adas übermüthigen Spott zu erregen. | Doch diese saß gedankenvoll da und lächelte nur höflich zu den z faden Worten des eleganten Vetters. - Endlich erhoben sich die Damen, um sich zurückzuziehen — und jetzt glückte es der schönen und koketten Maria, ihre Rose dicht vor Sendrachs Füßen zu Boden gleiten zu lassen; ob er sie wohl ausheben würde? — Aber er that es nicht. Als die Damen das Zimmer verlassen hatten und die Herren wieder Platz nahmen, schob der Major im Gespräch achtlos die verwelkte Blüthe bei Seite; er hatte gar nicht gesehen, daß Fräulein von Pohl sie getragen und es fiel ihm nicht im Entferntesten ein, sie auszuheben, wie die sentimentale Schwärmerin es geglaubt. Ihm fchwebten zwei andere Augensterne vor, die ihm heute aufgegangen — und die noch immer durch sein einsames Dasein leuchten würden, denn er war ja ein älterer Mann I Lange, lange noch stand er mit verschränkten Armen am geöffneten Fenster seines Schlafzimmers und blickte zum Himmel auf, während die bärtigen Lippen sich fest übereinander schloffen, um ein tiefes Aufseufzen zu ersticken. War's denn möglich, hatten jene blauen Mädchenaugen Adas ihn, den ernsten Mann, zum Thoren gemacht? Bild auf Bild seines bisherigen Lebens zog an ihm vorüber, wie er um seine erste Frau, von heißer Leidenschaft verblendet, geworben und sie sein eigen geworden war; wie die Ehe dann unglücklich verlaufen und,'nachdem die Leidenschaft entflohen, die bittere Reue in sein Herz eingezogen war. Schon als Mädchen war Sendrachs Gattin gern wie ein Schmetterling von einem zum andern Herrn getändelt; jeder war für sie ein Spielzeug, das sie acht os bei Seite schob, wenn es keinen Retz mehr für sie hatte. Die junge Frau Major suchte deshalb auch in der Ehe nichts als flüchtige Vergnügungen und Zerstreuungen. Um ihren Gatten, der umsonst versuchte, ihr für da» eigene Heim ein Interesse abzugewinnen, kümmerte sie sich sehr bald nicht mehr oder sie machte ihm heftige Scenen, so daß auch er sie bald ihrer Wege gehen ließ. Nach der Geburt des kleinen Töchterchens meinte Sendrach, es müsse besser werden, doch seine Hoffnung war umsonst! Schon am Tage nach der Taufe des Kindes beschloß die übermüthtge und kokette junge Frau, einen Ausflug zu Pferde mit mehreren Damen und Herren zu machen. Als sie, umgeben von einer stolzen Cavalcade, hoch zu Roß davonritt und dem Gatten einen flüchtigen Gruß zugewinkt, sah er sie zum letzten Male lebend. Todt und kalt brachte man ihm einige Stunden später seine Gemahlin heim. Sie war gestürzt und halle das Gerick gebrochen! Diese traurigen Erinnerungen zogen an Sendrachs Geiste vorüber. Draußen schlug die Dorfuhr dröhnend elf und der ernste Mann schloß seufzend das Fenster. „Vorbei," murmelte er. 578 „Ada," flüsterte Fräulein von Pohl schwärmerisch, als fie im Bett lag und die Lichter erloschen waren, „er ist doch wirklich ein wunderschöner, herrlicher Mann — und — ich habe in den wenigen Stunden mein Herz schon völlig an ihn verloren!" „So," erwiderte die Freundin zerstreut, |„nun, das geht wenigstens rasch von statten." „O, mein Herz, sprich nicht so kalt- Hast Du in seine Augen gesehen, wie sie schön sind? Und seine Sprache, seine Erscheinung! Ach — und ich bilde mir ein, daß er besonders viel mit mir gesprochen hat." „Das freut mich!" „Er ist auch gar nicht so alt, wie wir dachten, sondern in den besten Männerjahren." „Wen meinst Du denn, Marie?" frug jetzt Fräulein von Bärfeld, wie aus einem Traume erwachend; „doch nicht den Vetter Egon?" „O nein, er ist zwar auch reizend, aber — an den interessanten Major reicht er doch nicht heran! Wenn er nur nicht einen Trauring trüge!" „Er ist Wittwer." „So! Woher weißt Du denn das, Ada!" forschte Marie, sich mit glühenden Wangen in den Kissen aufrichtend. „Hat er es Dir gesagt? Das ist ja noch viel interessanter." „Meinst Du? Aber nun schlaf' wohl, ich bin so müde; morgen können wir weiter plaudern. Gute Nacht, Marie!" „Ach gehe, Du bist ein Eiszapfen und kannst mich nicht verstehen. Ich werde die ganze Nacht von dem fchönen Major und seinen schwermüthigen Augen träumen. Wer mit diesem edlen und bedeutenden Manne glücklich werden könnte!" „Versuche es nur!" murmelte Ada, aber dabei rann eine Thräne über ihre Wange, sie wußte selbst nicht, weshalb. Es wurde still in dem traulichen Gemach, aber während Maries gleichmäßige Athemzüge bald sich hören ließen, lag Ada noch lange, lange schlaflos da. Sonderbar! Noch heute srüh war sie so übermüthig gewesen und nun lag es ihr wie eine Centnerlast auf der Brust, daß sie nicht wußte, ob sie jubeln oder schluchzen sollte! „Seit ich ihn gesehen—" flüsterte sie vor sich hin, dann jedoch verstummten die rosigen Lippen, als habe irgend ein unberufenes Ohr vernommen, was der keusche Mädchenmund kaum wagte, der stillen Nacht zu gestehen. „Ich muß aus Klugheit entsagen. Eine ineus Enttäuschung ertrüge ich nie und nimmer." Er hatte das erste Mal in der Lotterie des Lebens eine Niete gezogen — es war zu spät. Er durste nicht einzblühen- des Mädchenleben an sein Geschick fesseln. J Am nächsten Morgen wurde es früh lebendig; unter fchmetternden Fanfaren zog die Husaren-Schwadron aus und auch die Einquartierung von.;Schloß Bärfeld schloß sich derselben an. Lieutenant von Bärfeld sprengte, schön wie ein Kriegsgott, in elegantem Bogen heran, um vor den Bewohnern des Schlosses wenn möglich zu paradiren- Und in der That gelang es ihm. Droben öffnete sich klirrend das Thurmfenfler und ein Mädchenkopf.im Morgenhäubchen bog sich heraus, graciös lächelnd den Gruß des jungen Offiziers erwidernd. „Ah, das ist Fräulein von Pohl," schnarrte Egon, sich an seinen Vorgesetzten wendend, „die Damen sind doch immer ausmerksam, wenn es sich um unsereins handelt." Major Sendrach hatte mit keinem Auge hinaufgeblickt. „Ich muß Sie doch bitten, Herr Lieutenant," bemerkte er scharf, „sich für jetzt mehr um Ihre Husaren, als um ein kokettes Dämchen zu kümmern. Lassen Sie den Zug rechts umschwenken!" „Was blasen die Trompeten Husaren heraus," erklang die helle Fanfare und unter deren Klängen ritt die schmucke Husarenschwadron davon in's nahe Manöverterrain! Seit sie gestern eingezogen, hatte sich doch schon gar Manche« im Schlosse verändert. • Heute war Brigadevorflellung vor dem Herrn General und am Abend der übliche Manöoerball im nahen Städtchen. Der alte Baron von Bärfeld wollte mit seinen beiden jungen Damen auf's Paradefeld kommen und war der Vorschlag von all' den nach und nach bekannt gewordenen Offizieren mit großem Vergnügen begrüßt worden, besonders als die liebenswürdige Baronin lächelnd hinzugesügt hatte: „Ich sende den Kutscher mit, um ein gutes Frühstück nachzubringen." Ada saß graciös und natürlich im Sattel, ohne recht zu ahnen, welch' liebliche Erscheinung sie abgab; sie ritt mit Vorliebe, denn sie war Naturfreundin und liebte es, die Gegend einsam zu durchstreifen, um, wie fie meinte, „Entdeckungsreisen" zu unternehmen. Fräulein von Pohl jedoch schien in ihren Reitkünsten nur so wett über die Anfangsstudien hinaus zu sein, um gerade knapp im Sattel zu bleiben; krampfhaft hielt die kleine Hand die Zügel und bei jeder hastigen Bewegung des Pferdes wechselte die junge Dame stark die Farbe. „Nun, Fräulein Marie, Ihr Schimmel ist wenigstens das frömmste Thier aus dem ganzen Stall," lächelte der Baron, der heimlich voller Stolz auf Ada, beide Retterinnen verglich. „Sie sitzen hier im Sattel so sicher, als im Groß- vaterstuhl." „Wird er denn auch Musik und Schießen vertragen?" frug etwas kläglich die schöne Amazone, und Ada fiel lachend ein: „O, da muß ich mich bei meinem Zaphyr vorsehen, der steigt bald einmal hoch in die Lust und muß erst gut zugeredet bekommen, ehe er vernünftig wird." „Na, kommen Sie nur mit, gnädiges Fräulein," beruhigte der joviale Schloßherr, „es kann Ihnen als Schlimmstes ja nur passiren, daß Sie aus dem Sattel geworfen werden — und da gibt es viele galante Lieutenants, welche Ihnen wieder aufhelfen." Schon von Weitem sah man die Helme der Infanterie blitzen unv die Fähnchen der Lanzen der Cavallerie im Winde flattern. Ada sah solche militärische Schauspiele gern, ihr Auge flammte — und ganz tief drin im Herzen regte sich auch ein anderes Gefühl. Tag um Tag war sie mit Sendrach zu- sammengekommen und der stattliche Mann hatte nach und nach einen unauslöschlichen Eindruck zurückgelaffen; Abends, wenn fie im Bette mit gefalteten Händen lag, murmelten die keuschen Mädchenlippen halb jubelnd, halb schmerzzuckend: „Ich — habe ihn lieb — so lieb! Und was soll ich thun, wenn er sortgeht. Ich könnte es nicht aushalten — o nein — nur das nicht." Mitunter hatte sie dann wohl auch gemeint, sein Auge anders auf sich ruhen zu sehen, als auf den Uebrigen, aber vielleicht war's doch nur Täuschung, denn wenn sich ihre Blicke getroffen, wandte sich der Major jäh ab und begann irgend ein eifriges Gespräch mit dem Schloßherrn oder dessen Gemahlin. Heute Abend nun war großer Manöverball und Aba hatte ganz heimlich mit furchtbebendem Herzchen eine kleine, unschuldige Jntrigue gespielt; alle anderen Tänze waren bereits längst versagt, auch so viele Extratouren bewilligt, nur die Quadrille hütete sie ängstlich uno beschied jeden danach Fragenden abschlägig. Würde nicht doch vielleicht Major Sendrach darum bitten? Marie von Pohl schwärmte vollständig offen für den schönen Schmadronschef, besonders seit sie erfahren, daß er Wittwer sei; ja, sie hatte ihm gestern Abend in ihrer kokettschwärmerischen Art sogar den ersten Walzer verheißen, worauf er, sich tief verneigend, ausweichend geantwortet: „Mein gnädiges Fräulein, ich bin ganz entzückt von so viel Güte, kann aber als humaner Vorgesetzter unmöglich meine Lieutenants so unglücklich machen, indem ich denselben eine der 579 Lösten Tänzerinnen wegnehme, auch muß ein Mann in meinen Jahren nicht mehr Runstänze wagen." Adas Herz hatte bei den Worten ungestüm gepocht- Rundkänze hatte er abgelehnt; rote, würde er auch ihre Quadrille mit gleich ausweichenden Redensarten von sich weisen? „Da kommen die Herren," flüsterte Fräulein von Pchl, als Egon jetzt heransprengte, eine Crvalcade anderer Kameraden hinterdrein; „Ada, ist mein Hat und Schleier noch in Ordnung?" „Ja," nickte die Gefragte etwas ironisch, „aber Du siehst ja, daß Er noch nicht unter Deinen Getreuen ist." „Ah, Du meinst den schönen Major," lachte Marie, „nur Geduld, er kommt schon und meine Blicke sollen sein stählern Herz wohl treffen. Außerdem hole ich ihn heute Abend in jeder Cotillontour." Ada erbleichte und preßte die Lippen zusammen Nun erst recht sollte Niemand auch nur ahnen, wie es hier drin in ihrem Herzen stand. War Sendrach empfänglich für Maries kokettes Entgegenkommen, so hatte sie sich in ihm getäuscht und dann würde das wehe Herz bald wieder gesunden, denn eine Enttäuschung am ersten Ideal des Lebens wäre ja zu traurig gewesen. Er, an den sie dachte, hielt dort drüben neben seinem Regimentskommandeur in eifrigem Gespräch, aber dennoch war ein hellleuchtender Blick auf die schlanke Mädchengestalt im schmucklos schwarzen Kleid und Hütchen gefallen, die dort so ruhig und sicher neben dem Vater hielt und träumend in's Weite blickte. „Nun, Ihr eleganter Adjutant hat heute aber schweren Dienst, Herr Major," lachte der Oberst, auf Baron Egon deutend, der sehr eifrig mit den jungen Damen plauderte, eigentlich aber nur von Marie Antwort erhielt und von Ada einige Male sehr kühl behandelt wurde. „Manöverlust, Herr Oberst," entgegnete Sendrach spöttisch, „Herr von Bärfelds Gefühle gleichen dem schwarz-weißen Fähnchen seiner Lanze und wechseln mit den verschiedenen Quartieren. Ich kenne das genau!" „Hm, vielleicht macht diese reizende Cousine doch tieferen Eindruck auf ihn. Aber nun, meine Herren, es wird Zeit, hören Sie die Trompete? Der Herr General wird gleich hier sein." Als die hellen Fanfaren erfchollen und beim Erscheinen des Brigadiers ein Trommelwirbel sämmtlicher Musikcorps denselben empfing, ward Fräulein von Pohls lammfrommes Pferd mit einem Male von den lebhaftesten Erinnerungen an die schöne Jugendzeit ergriffen, die es einst bei der Truppe verlebt. Laut aufwiehernd stieg es in die Höhe, seine Reiterin, sich solcher Laune durchaus nicht versehend, verlor die Zügel, wankte im Sattel und fiel, als das muthige Roß voranstürmte; glücklicherweise, denn sie saß nicht allzu sicher, glitt der Fuß aus dem Steigbügel, so daß die junge Dame, zwar ohne Bewußtsein, doch gänzlich unverletzt auf dem weichen Rasen lag. Das scheue Pferd ward nun allerdings sogleich eingefangen, Marie zu einer bekannten Dame in den Wagen gehoben und zum Bewußtsein gebracht, ehe Ada, die etwas weiter seitwärts gehalten, etwas davon gemerkt, so daß der Unfall noch ganz folgenlos verlief. Auch war Fräulein von Pohl nicht zu bewegen, mit dem kleinen Ponnywagen, der das Frühstück brachte, heimzufahren; die Aussicht, nad^ber Kritik noch etwas mit den intereffanten Offizieren kokettiren zu können, hielt sie aufrecht und stärkte die erregten Nerven. —-um'.-—- -, , m>»inw—ii nn n .«rrairriT jnga~T~ra~T >i.l.HF..wr«wni,