Aneerchaltniigsblatt znnr Gietzenev Anzeigen sGeneval-rlnzeigevj 1894. :.n.] eS& IM-EgSasäSSgis- _______ _________ MM>')KMA^KWMMKK ■ (• jry ..-Zx^ •'"'•'$* • f MI Samstag, den 11. August. Gottes Finger. Erzählung von C. von Falkenberg. ------- (Nachdruck verboten.) Von der Höhe der Waldberge zog sich die besonders gut gehaltene Landstraße allmählig in die Tiefe hinab, bis der Wanderer eine Steinbrücke überschritt, deren Geländer weitscheinend in den Landesfarben prangte. Dieses Bauwerk überbrückte die Lauter, ein klares Bächlein, welches ebenfalls von der Höhe kommend, sich durch eine Thalrinne im Bogen abwärts zog und nun durch das mit Wiesen und Ackerland gesegnete Lauterthal ruhig dahinfloß. Ihm zur Seite war das schmucke Ackerstädtchen gleichen Namens aufgebaut, dessen Reinlichkeit und reizende Lage sogleich in's Auge fiel. Schon bei der Brücke begann die Hauptstraße, an deren Ende sich sodann die Chaussee mit Pappeln links und rechts fortsetzte. Die Häuserreihen waren in der Mitte dieser Straßen durchbrochen. Hier stand an der einen Seite die schmucke Pfarrkirche auf einem freien Platze, umgeben von dem mit weißschimmernden Kreuzen und dunklen Trauerweiden geschmückten Kirchhofe, während an der entgegengesetzten Seite das Rathhaus seinen Platz gefunden. Gleich hinter der Kirche lagen zwei große, schöne, fast neue Häuser nebeneinander, an deren einem ein Schild die Inschrift enthielt: „Lederfabrik von Jan van der Bult", während an dem andern zu lesen war: „Gerhard Redde, Tuchfabrikant". Gegenüber lag das größte Gasthaus der Stadt, der „Hof zur Sonne". Wer er wissen wollte, konnte es von dem beleibten Gastwirth erfahren, daß die Vorfahren der beiden Nachbarn drüben Niederländer gewesen, die einst nach Deutschland eingewandert feien, wo sie durch den bekannten holländischen Fleiß etwas vor sich gebracht, so daß ihre Enkel hätten vor zehn Jahren die beiden schönen Häuser bauen können. An beide Besitzungen lehnten sich nach hinten hinaus große Nebengebäude und an diese Gärten- Hinter dem Bult'schen Grundstücke befand sich noch ein sogenannter Lohhof, der bis an den Höhenzug reichte, welcher hier jäh zum Lauterthal abfiel; hinter dem Nedde'schen Garten aber breitete sich eine kleine Wiese aus, die bis an den Fuß der Höhe reichte, auf welcher oben eine uralte Eiche, die Wodanseiche genannt, über das Thal hinwegschauend stand. Stufen, die eine geschickte Hand einst in den Sandstein gemeißelt, führten hinauf; ein großer Granitblock lag als Ruhesitz darunter gewälzt neben dem Stamme; die Sage ging, es sei ein Opferstein, auf dem man einst Wodan geopfert habe. Neben den Stufen, nahe dem Bult'schen Lohhofe, war der Sandstein tief ausgehöhlt und hier entsprang als wunderbares Spiel der Natur eine reine Quelle, der Lauterbrunnen, welcher in ein Bassin gefaßt, sein Wasser in den Graben abgab, der durch den Lohhof führte, von welchem er hinter dem Kirchhof herumgeleitet, sich in den Lauterbach ergoß. Dieser Brunnen wurde seit undenklichen Zeiten von den beiden befreundeten Familien Bult und Nedde gemeinschaftlich benutzt, und nie hatte die eine oder die andere besondere Rechte auf diese nothwendigste Spende der Natur, auf das Trinkwasser, geltend gemacht. Der Lederfabrikant Jan van der Bult war ein starker, rüstiger, sehr belesener Mann, der wegen seiner Wohlhabenheit und sprüchwörtlichen Redlichkeit allgemein geachtet ward. Seine Gattin, Frau Afra, war ihm ebenbürtig, und Beider größtes und einziges Glück war Jutta, ihre dreizehnjährige Tochter. Gerhard Nedde dagegen war ein schwacher, oft kranker Mann, der immer hüstelte. Er war der beste Freund des Nachbars und in mancher Beziehung weitsehender, wenn auch weniger beredt. Frau Gertrud, sein Weib, war die klügste Frau der Stadt; sein einziger Sohn Erdmann berechtigte in der Schule zu den schönsten Hoffnungen. Erdmann und Jutta wuchsen mitsammen auf und waren unzertrennlich; der dritte im Bunde war gewöhnlich Ebert Wollin, der Sohn des Rectors, ein braver Junge, der ost scherzend meinte: „Na, Du, Jutta, und Du, Erdmann, Ihr werdet gewiß später mal ein Paar!" Da erröthete Jutta und Erdmann sagte: „Willst Du wohl schweigen? Wer kann an so etwas denken? Wir sind ja noch Kinder!" Aber auch die Eltern der Beiden dachten so, denn wie hätte es auch anders kommen sollen? Die beiden Familien waren ja so innig befreundet, daß ihre Vereinigung durch eine Verheirathung der Kinder sehr nahe lag. Da drohte ein unangenehmes Ereigniß dieses schöne Ver- hältniß zu zerstören. Herr Jan war nicht ohne Ehrgeiz. Es sollte ein neuer Rathmann gewählt werden und für den Posten waren zwei Candidaten aufgestellt: van der Bult und der Kaufmann Diepenbrock. Nedde glaubte nun, dem letzteren seine Stimme geben zu müssen, da derselbe als weitgereister Mann tiefere Einsichten über das Wohl der Stadt haben müsse, als der einfachere Nachbar. t In dem Gasthofe „zur Sonne" fand wegen dieser Wahl eine Bürgerversammlung statt und hier war es auch, wo der Streit zum Ausbruch kam. Dann, nachdem Nedde feine Ansicht über die Sache vorgetragen, offen und ehrlich, und der Rector Wollin als gewandter Redner in glänzender Aussüh- rung dargethan, daß sein Vorredner vollkommen Recht habe und deshalb vor einer Zersplitterung der Stimmen warnte, 370 einigten sich die meisten anwesenden Bürger dahin, beim Wahlgange nur Diepenbrock in's Auge zu fasten. Damit verlief sich die Versammlung. Nun trat Nedde zu dem Nachbar hin und sagte lächelnd: „Nun, wie ifi's, Freund Jan, wir trinken doch eins in guter Freundschaft zusammen?" Aber da kam er schön an, denn der hitzige Jan van der Bult schrie: „Freundschaft? Nette Freundschaft, wenn man einen solchen Häringsbändiger einem bewährten Manne von Character vorzieht! Gestohlen kannst Du mir werden mit Deiner Freundschaft!" „Aber Jan," bat nun Nedde, „komme doch zu Dir, ich that nur meine Pflicht und Niemand wünscht Dir zu nahe zu treten." Doch der erboste Jan unterbrach ihn: „Laßt mich in Ruhe! Ich kenne jetzt die, Schleicher, die Leisegänger und Jn- triguanten in der Bürgerschaft! Ich sage mich los von Dir und das weiß Gott, nie sprech' ich mehr ein Wort mit Dir!" Da trat der Rector Wollin dazwischen und sagte: „Aber lieber Mann, seien Sie doch nicht so böse; Sie sind wirklich im Unrecht. „Ach was," brauste er da aber auf, „gehen Sie in die Schule und kümmern Sie sich um Ihre Schüler, aber mich lasten Sie ungeschoren!" Der alte Herr zuckte die Achseln und ging, Jan van der Bult aber eilte hinüber in sein Haus, wo die beiden Nachbarinnen zusammensaßen, und scheuchte sie auseinander, wie der Habicht die Tauben. „Daß Du kein Wort mehr redest mit dem Pack!" schrie er. „Hört Jhr's, Afra und Jutta?" Frau Nedde ging sogleich sehr entrüstet und sagte: „Pack nennt Ihr uns? Na, wartet!" So war denn die Feindschaft da, die sich immer mehr zuspitzte, als Bult die Pforte, welche bis dahin aus seinem Garten in denjenigen des Freundes geführt, vernageln ließ. Nedde antwortete damit, daß er auf seinem Grund und Boden eine hohe Mauer ziehen ließ, „damit ihm Niemand mehr in sein Eigenthum gaffen könne". Nun ließ Bult ein Brunnenhaus über dem Lauterbrunnen bauen und schloß die Thüre desselben zu, damit der Nachbar kein Master mehr holen könne. Dieser ließ darauf als Repressalie seine Wiese mit einem hohen Zaun umgeben, den er sorgfältig verschlossen hielt, so daß Bult nicht mehr zu seinem Brunnen kommen konnte, es sei denn gewesen, daß er die Stufen bei der Wodanseiche hinabgestiegen wäre. Unstreitig hatte er aber ein Recht auf die Passage über des Nachbars Wiese, deshalb eilte er aus's Gericht und nachdem einmal die Advoeaten die Sache in den Händen hatten, war an eine Versöhnung nicht mehr zu denken. Die Feindschaft zwischen den bisherigen Freunden nahm stets gehässigere Formen an, so daß man von den Bults und Neddels bald nicht mehr anders sprach, als von den „feindlichen Nachbarn". Dazu entschied nun am Ende das Obergericht der Hauptstadt, bis zu welchem der Proceß verschleppt ward, daß der Nedde im Unrecht sei, da auf Grund einer alten Urkunde aus dem vorigen Jahrhundert der Brunnen von dem Großvater Jans gebaut fei und die Familie Bult deshalb in Ansehung eines durch den Brauch gewonnenen Rechtes freien Weg über die Wiese haben müsse. Er ward demnach verurtheilt, einen solchen Herstellen zu lassen und gleichzeitig sämmtliche, sehr beträchtlichen Gerichtskosten zu zahlen. Dieser ganz unerwartete Urtheilsspruch verbitterte nun das krankhaft aufgeregte Gemüth Neddes vollends, so daß er einen entsetzlichen Schwur that, weder im Leben noch im Sterben wieder einem Mitglieds der Familie van der Bult Gutes erweisen, noch freundlich zu ihm sich stellen zu wollen. So war denn das Unglück da, unter welchem alle Betheiligten litten, besonders aber die beiden Kinder Erdmann und Jutta. Unter der Wodanseiche trafen sie sich einst. Erdmann reichte sogleich Jutta die Hand: „Bist Du mir auch böse?" fragte er. «Ich? Dir?" gab sie fast traurig zurück. »Ich dachte, weil unsere Eltern —" „Ach, das ist ein großes Unglücks!" jammerte da» Mäd- (Bett altklug. „Gelt, so bist Du mir gut?" Sie blickte auf und sagte: „Gewiß, Erdmann, immer und ewig!" „Bei Wollins können wir uns zuweilen sehen!" meinte er schlau. „O ja, wenn Du willst!" Aber da rief schon Jan van der Bult: „Jutta, Jutta, wo steckst Du? Wirst Du sogleich kommen?" „Leb' wohl!" rief sie und sprang die Stufen hinunter; Nachbar Nedde aber empfing seinen Erdmann gar mit einer gehörigen Züchtigung, die ihm um so empfindlicher ward, als Jutta Zeugin derselben war. Es ist eine alte Wahrheit, daß Liebe und Haß auf einem Boden wachsen und daß letzterer um so heftiger wird, je größer vorher die Liebe war. Bei den „feindlichen Nachbarn" bewahrheitete sich dieses Wort aus's Klärlichste. Doch unser Herrgott weiß immer, wenn es am besten Zeit ist, uns zu züchtigen, daß wir uns nicht überheben und die Bäume nicht in den Himmel wachsen. So fuhr auch seine Hand diesmal zwischen die Streitenden, denn Frau Afra van der Bult erlag dem „Aerger" und starb nicht lange darnach am Fieber. Das war für Jan ein harter Schlag, aber er verspürte Gottes Mahnruf nicht in seinem Herzen, sondern blieb störrig wie bisher. Herr Nedde machte es nicht anders, denn er erwies der bisherigen Freun- bin nicht einmal die letzte Ehre. Das war denn doch zuletzt auch dem alten, würdigen Oberpfarrer Gefenius zu viel. Er ging nach der Beerdigung der Frau Afra zu Nedde und hielt ihm fein Unrecht vor. Als er im besten Zuge war und von Gottes Gnade und Barmherzigkeit redete, der feine Sonne über Böse und Gute scheinen läßt und auf den Schalksknecht hinwies, fuhr ihn der sonst so stille Mann wie wüthend an: „Wer hat denn den Streit vom Zaune gebrochen? Ich oder er? Und mir wollen Sie Moral predigen? Weil mich dieser Mensch halb zu Tode geärgert hat, soll ich ihm auch die Hand noch küssen? Nein und tausendmal nein, jnie will ich wieder mit ihm freundlich werden! Adieu!" Darauf ging er in das Nebenzimmer und ließ den Herrn Pfarrer stehen. Dieser schüttelte den Kopf, wandte sich nun aber an Frau Nedde. Doch diese meinte kühl bis an's Herz hinan, was sie denn bei dem Streite thun könne, wenn sie den Hausfrieden aufrecht erhalten wolle? Darauf verschwand sie ebenfalls und der Herr Pfarrer mußte sich zum Rückzüge entschließen, den er auch mit schwerem Herzen antrat. Der arme Erdmann, welcher Alles mit angehört, hätte weinen mögen; als er sich aber besonnen, flüsterte er: „Und ich versöhne sie doch wieder!" Nachbar Bult nahm sich jetzt eine Verwandte in's Haus, Jutta aber ließ er zu Ostern confirmiren und schickte sie dann bei Nacht und Nebel auf ein Gut, wo sie die Wirthschaft erlernen sollte und „damit sie dem Rangen, dem Erdmann, aus den Augen komme". Das wäre nun wohl gar nicht nöthig gewesen, denn Nedde, dessen Erdmann schon ein Jahr früher die Schule verlassen hatte und diese Zeit über nur noch Privatunterricht zur Vervollkommung seines Wissens genommen, wobei er ein bedeutendes Zeichentalent verrathen hatte, wurde zu einem geschickten Bildhauer, Luigi Luchesini, nach der Hauptstadt in die Lehre gegeben. Erdmann nahm von Ebert Wollin herzlichen Abschied. Als die Beiden allein waren, flüsterte der erstere: „Ebert, willst Du mir einen Gefallen thun?" „Gern!" lält!"^o f°r^e einmal nach, wo sich die arme Jutta auf- „Hoho, Erdmann! Also doch?" „Ei," entgegnete der Jüngling nun, „sei doch stille!" - S7L - Der Andere lachte 'unb sagte: „Gut, ich thu's! Lebe wohl! Uttb wieber griff über’« Jahr Gottes warnende Hand zwischen die Streitenden. Gerhard Nedde wurde plötzlich schwer krank. Er ging auf sein Letzter. Zwei Wünsche hatte er nur noch: er wollte Erdmann sehen und sich mit Jan, dem alten Freunde, versöhnen. Erdmann war bald zur Stelle, aber Pfarrer Geseniur fand bei Jan van der Bult auch verschlossene Thüren. Er er* klärte jetzt gerade heraus, er wolle nicht, wolle dem Manne nicht vergeben, der ihm die Gattin zu Tode geärgert; unser Herrgott mache jetzt nur jene böse That an dem Schänd* lichen voll. „Schämen Sie sich solcher gottlosen Rede," erwiderte da aber der alte Pfarrer. „Unser Herrgott ist kein Gott der Rache, sondern ein Gott der Liebe, und an Ihrem Liebsten wird er Sie einst strafen, weil Sie den Freund haben sterben lassen unversöhnt in seiner letzten Roth!" Diese Worte erschütterten wohl den starken Mann, aber trotzig im innersten Herzen drehte er sich herum und sagte: „Rein, Herr Pastor, ich kann’s nicht!" Es war übrigens auch schon zu spät und das Weinen im Nachbarhause verkündigte, daß der Schnitter Tod die längst welke Blume gemäht hatte. Erdmann erhielt in dem Rector Wollin einen guten Vormund, der ihn sogleich wieder nach der Hauptstadt schickte, um seine Lehrzeit zu vollenden, denn die Frau Gertrud stellte sich wie eine Unsinnige an, und die Feindschaft zwischen den Nachbarhäusern steigerte sich nun noch mehr. Erdmann hatte während der Trauerfeierltchkeiten kaum an Jutta gedacht, erst bei der Abreise gestand ihm Ebert, daß er ihren Aufenthalt nicht habe auskundschaften können, da der Alte das Geheimniß, wie einst die Drachen verborgene Schätze, hüte. Darüber vergingen fast drei Jahre und Erdmann beendigte seine Lehrzeit zur vollsten Zufriedenheit seines Meisters, der ihm zuredete, nach Italien, dem Vaterlande der Kunst, zu gehen, um sich dort vollends zum Künstler aurzubilden; er wolle ihm eine Empfehlung an Meister Guiseppe Bortruchi, dem ersten Bildhauer von Florenz, mitgeben. Das nahm der junge Mann gern an. Er kam unerwartet zu Lauterthal an, fand die Mutter sehr verändert und fast tiefsinnig, den Rector aber sehr besorgt um sie. „Sonderbar," meinte der, „Deine Mutter ist die beste Frau in der Stadt bis — auf diesen unnatürlichen Haß gegen die Bults, den ich nicht zu fassen vermag!" „Ich auch nicht!" entgegnete der Sohn erregt. „Erdmann, das freut mich!" antwortete da der Rector. „Du bist nicht von der unversöhnlichen Art 1 Und welche schönen Zeugnisse Du aufzuweisen hast!" „Machen Sie mich nur nicht hoffärtig, lieber Herr Vor* mund," lächelte Erdmann, „sagen Sie mir lieber, wo sich Ebert aufhält." „Ebert ist auf dem Seminar in der Hauptstadt, Erdmann, und zwar seit gestern! Hätten wir gewußt, daß Du kämst, so hätte er noch einen Tag mit der Abreise warten können; er wollte Dich bei Herrn Luchesini überraschen!" „Da haben sich unsere Züge gekreuzt!" sagte Erdmann. Er reiste schon nach drei Tagen wieder ab. Das Grundstück Bults umschlich er wohl zwanzig Mal, aber von Jutta fand er keine Spur. Traurig kehrte er nach der Residenz zurück, übrigens von der Mutter mit reichlichen Mitteln für Italien versehen. Einer derjenigen sonderbaren Zufälle, die im Leben eine so große Rolle spielen, brachte es nun auch mit sich, daß Erdmann seinen Freund Ebert in der weitläufigen Residenz beharrlich verfehlte. Er mußte schließlich seine Reise nach dem Lande der Citronen antreten, ohne den Gesuchten gesprochen zu haben, tröstete sich aber zuletzt mit dem Gedanken, daß er ja an ihn schreiben könne. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Zur Vertilgung der Schneiten streut man in Frankreich in den Gartenbeeten oder Feldern zahlreiche Häufchen von Weizenkleie. Die Thiere sind sonderbarer Weise so begierig auf dieses Material, daß sie alle Grünkost vor der Kleie verschmähen und sich an den gestreuten Häufchen in großer Zahl einfinden, wo sie mit leichter Mühe gesammelt werden können. Versuche damit wären jedenfalls nicht uninteressant- * * * Coneerttücher, wollene Kinderkleider und der* artige Sachen reinigt man am besten, ohne diefelben zu zertrennen, folgendermaßen: In einen kleinen Napf wird Benzin gegossen, das betreffende Stück darin leise gedrückt und hin» und hergezogen. So oft die Flüssigkeit verduftet, gießt man frische darauf, bis der Gegenstand sauber ist, oann kann derselbe gleich geplättet werden. Selten ist für ein Concerttuch oder Kinderkleidchen mehr als für 15 Pfg. Benzin nöthig und die Arbeit ist daher viel preiswürdiger und müheloser, als das Zertrennen und Waschen. ♦ * Fehlbrut. Die Henne wird oft erst gesetzt, nachdem sie schon acht bis vierzehn Tage gluckst und sitzt. Solche Thiere stehen in der Regel in der letzten Zeit auf, weil die Zeit zu lange gewährt hat, und die Brutlust schwindet. Nimmt man sie vom Neste oder geht sie weg zum Fressen, so lockt sie in der Regel schon den Jnngen. Dies ist das sicherste Zeichen, daß das Thier zu spät gesetzt wurde. — Man setze die Henne also gleich in den ersten Tagen, wenn sie sich brütig zeigt, und zwar erst einen bis zwei Tage auf zwei bis drei Eiern oder Porzellaneiern. ♦ ♦ ♦ Durchfall bei Hühnern Ein vorzügliches Mittel gegen Durchfall ist eisenhaltiges Wasser, welches auf folgende Art hergestellt wird: 1 Kilogramm Eisenvitriol wird in 10 Liter Wasser gelöst, i/2 Liter dieser Lösung wird durch 10 Liter Wasser verdünnt und dieses den Hühnern von Zeit zu Zeit zu saufen gegeben. Die verdünnte Lösung färbt sich gelb, hat einen zusammenziehenden Geschmack und wird von den Thieren im Stalle genommen, während freilaufende Thiere frische« Wasser aufsuchen. Die Excremente färben sich schon nach einigen Stunden dunkel bis schwarz und zeigen sich bald ganz fest. ♦ * ♦ Um das Grauwerden angeschnittener Würste beim längeren Liegen zu verhindern, bestreicht man die Schnittflächen recht sorgfältig, möglichst dick und fest mit bestem Schweineschmalz. Da« Schmalz, das am anderen Tage wieder sorgfältig entfernt wird, kann man wieder verwerthen. * ♦ * Reeept zu Wachholderliqueur. Man löst 2Vz Kilogramm Zucker in Wasser syrupähnlich auf, bringt diese Zuckerlösung zum Sieden, wobei der Schaum immer abzuschöpfen ist, und gießt die abgesottene Flüssigkeit in ein großes Steingutgefäß, in welches man vorher 5 Liter besten Kornbranntwein und 1^2 Liter grob gestoßene Wachholderbeeren gethan hat- Hierauf wird das Gefäß gut verschlossen (verkorkt). Man schüttelt nun jeden Tag da« G-fäß ein paar Mal tüchtig hin und her; nach sechs bis acht Tagen filtrirt man den Liqueur auf kleinere Flaschen ab, die man gut verschließt. Durch das Alter wird dieser Liqueur immer feiner- ♦ » ♦ Ein die Arbeit des Sensen- und Sichelnschärfens auf wenige Minuten abkürzendes Verfahren findet seit längeren Jahren in Frankreich statt. Man legt dort die Schneidwerkzeuge eine halbe Stunde vor Gebrauch in ein Wasser, dem man 1/2 Grad Schwefelsäure beigemischt hat; ein Ueberstreichen mit einem weichen Sandsteine genügt, um die 372 Schärfe des Schneidzeuges auf der ganzen Schnittfläche gleichmäßig herzustellen. Gin längeres Liegen in dem säurehaltenden Wasser schadet nicht, wenn man das Instrument dann nur sauber und trocken abwischt. 4 Schutz der Bäume gegen die Spatzen. Ein Gartenfreund kam auf den Gedanken, eine Spule weißen Näh- saden (25 Pfg.) fortwährend über den Baum zu werfen; letzterer wurde nun so mit Faden überzogen; die Spatzen bleiben mit den Flügeln hängen und meiden dann sorgfältig die Bäume. 4 * ♦ Der bittere Geschmack der Gurken entsteht meistens infolge der Wirkung der Sonnenstrahlen auf die Frucht. So lange die Gurken im Schatten der Blätter liegen, behalten sie ihren guten Geschmack. Wie aber die große Hitze die Blätter derart erschlafft, daß sie der Frucht keinen Schatten mehr bieten könven, werden die Früchte bitter. Um das Hebet zu vermeiden, muß man für hinreichende Beschattung der Früchte durch die Blätter Sorge tragen und das Welken derselben durch gute Cultur und ausreichende Bewässerung verhindern. 4 Sehr fleißig und ausdauernd legen die Hühner, wenn man ihnen folgendes Futter gibt: Drei Theile gekochte und zerstampfte Kartoffeln werden mit zwei Theilen Kleie (am besten Gersten- oder Weizenkleie) ebenso wie Brod- teig eingesäuert (mit Sauerteig), gleich dem Brod geformt und beim Backen mit in den Ofen gebracht, doch so, daß jene Stücke nicht allzu hart werden. Hiervon reicht man den Hühnern neben ihrem gewöhnlichen Futter täglich etwas. * 4 ♦ Um das Fortfliegen der Tauben zu verhüten, wird neben reichlicher Fütterung in einem reinlichen, freundlichen Stall das Besprengen der Wände mit Nelken- und Anisöl empfohlen. Das Auslegen von Kugeln in den Stall, welche aus gestoßenem Samen von Anis, Fenchel und Feld- thymian im Gemenge mit Lehm hergestellt sind, bezweckte ebenfalls das Bleiben der Tauben. * Vorzüglicher Dünger für Georginen. Man stellt von Kalkasche, Dammerde und getrocknetem. Ochsenblut einen Compost her, durch deffen Anwendung die Georginen in einer großartigen Heppigkeit und Farbenpracht gedeihen. 4 Zierpflauzen, die an faulenden Wurzeln kranken und zu verderben drohen, lassen sich in vielen Fällen retten, wenn man die Erde mit zerriebener Kohle — am besten von hartem Holze — vermischt. Die Kohle, als Streupulver benutzt, ist auch im Stande, größere Wunden an Saftgewächsen zur Heilung zu bringen. * Der Hitzfchlag, der nie ohne Warnung in Gestalt von Durst eintritt, ist die Folge einer übergroßen Abgabe von Blutwaffer an die sehr heiße, insbesondere trockene, daher aufnahmefähige Luft. Wird nun der Durst stets und recht- zeitig durch reines Wasser gelöscht (kühles Wasser schadet bei der Hitze entgegen vielfachen irrigen Ansichten absolut nichts), so kann weder bei Menschen noch bei Thieren Hitzfchlag ein- tretrn. So manches Thier könnte erhalten werden, würde der kluge Mensch demselben öfters Wasser anbieten. • 4 ♦ Hunde befreit man von den Flöhen dadurch, daß man die Haare derselben mit einer in Leinöl getauchten Bürste tüchtig durchbürstet. Nach einer halben Stunde wird das Oel mit Seifenwaffer ausgewaschen. Hunde, deren Fell mit Oel, welcher Art es auch sei, eingerieben wird, bleiben von den Flöhen verschont. Vermischtes. Anerkennung. Backfisch (im Dorfe ein Mastschwein erblickend): „Schau, Tante, auf dem Lande strotzen sogar die Schweine vor Gesundheit!" » e 4 Angenehmer Zufall. Studio (zu seinem ihn unerwartet besuchenden Onkel): „Welch' ein merkwürdiger Zufall! Gestern wollt' ich noch einen Collegen anpumpen, und heute — kommst Du an!" 4 * 4 Aus Gertruds Tagebuch. . .„Im Försterhause wurden wir sehr gut bewirthet. Geradezu herrlich schmeckte die frisch gemolkene Buttermilch!" * * * Ein enragirter Kavallerist. Köchin (einen Brief lesend): „Merkwürdig, seitdem mein Ferdinand bei den Dragonern dient, unterschreibt er sich immer: Pferdinand!" * * * Ein Heller Kopf. „Sie, ich kenne einen Mann, der sich seit zehn Jahren nicht das Haar schneiden ließ!" — „Ein Musiker oder Maler?" - „Nein. Ein Kahlkopf!" * * ♦ Kleines Mißverständniß. Madame: „Sie wollen also meinen Dienst verlassen, welches Motiv veranlaßt Sie denn dazu?" — Dienstmädchen: „Nee, ein Motiv ist es nicht, es ist ein Tischler!" 4 4 4 Tröstlich. Fremder (im Landaufenthalt): „Sagen Sie 'mal, Herr Wirth, hier regnet es wohl alle Tage?" — Wirth: „O, nein! Vor einigen Jahren hatten wir hier sogar ein paar prachtvolle Sommertage!" 4 4 4 Durchschaut. Hausfrau: „Glaubst Du auch wirklich, daß Dich der Musketier gern hat?" — Köchin: „Ach, zum Fressen gern I" — Hausfrau: „Ja, das bezieht sich aber doch mehr auf die — Herrschaft!" 4 * Erklärung. „Warum heißt Du denn Deine Villa, die Du auf der steilen Anhöhe erbaut hast, „Henrietten- Ruhe"? Deine Gemahlin wird sich da gewiß nicht oft hinaufbemühen!" — „Eben deshalb! Dort hab' ich vor meiner Henriette Ruhe!" 4 4 4 Edelmuth. Räuber (zum Reisenden, den er gänzlich ausgeplündert hat): „Vielleicht eine Prise gefällig?" — 4 4 * Entweder — oder. Forstmeister (der eine Lichtung halb umgewühlt sieht): „Das waren entweder Wtldsäu oder Botaniker!" * • * Backfisch-Ideal. Lieutenant (vom letzten Manöver erzählend): „Unsere Brigade mußte sich zurückziehen und wurde unausgesetzt von einer ganzen Kavallerie - Division umschwärmt!" Backfisch : „Ach, das muß himmlisch sein, so von einer ganzen Kavallerie-Division umschwärmt zu werden!" 4 4 4 Darum. Mutter: „Aber Hans, Du bringst ja eine furchtbar geschwollene Backe aus der Schule nach Haus!" — Hans: „Eine Ohrfeig' hab' ich kriegt." — Mutter: „Aber gleich eine solche!" — Hans: „Ja, sie ist auch vom Herrn Oberlehrer" 4*4 Reue Bezeichnung. Briefträger: „Der Kaufmann Müller hat sich schon wieder beschwert, daß ich ihm einen Brief zu spät zugestellt hätte; der Mensch ist ja der reinste Briefbeschwerer!" — Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.