Donnerstag, den 11. Januar. 1894. KZ NntevhaltLingsblatt zriin GZetzensv Anzeiger (Genernl-Anzeiger) "• - <• - ' w __________________________ •• 4 s . WM Bekehrt. Novelle von F. S t ö ck e r t. (Fortsetzung.) Dora erhob sich und lieb sich von der Garderobiere in ihren Mantel hüllen, dann bat sie dieselbe, der Frau Apotheker zu sagen, daß sie gegangen, da ihr nicht ganz wohl sei. Die Tanzmusik schallte noch verlockend in Doras Ohren, als sie schon auf der nachtstillen Straße stand und je weiter sie ging, je melancholischer schienen ihr die heiteren Weisen zu klingen. Dann war Alles still um sie, denn kein Ton vom Ballsaal erreichte ihr Ohr; trübe flackerten die Gaslaternen und die alten Giebelhäuser schienen riesenhaft in's Unendliche emporzuragen. Dora war von Natur durchaus nicht furchtsam, aber heute auf diesem nächtlichen Weg erfaßte es sie einigemal mit kaltem Grausen, wie die Ahnung von irgend etwas Schrecklichem, was die nächsten Stunden bringen mußten. Auch, als sie ihr Ziel erreicht und die eichenen Thüren des alten Kaufmannshauses sich hinter ihr schloffen, verließ sie das beklemmende Gefühl nicht. Langsam stieg sie, mit dem Licht in der Hand, die hölzerne Wendeltreppe herauf; das kunstvolle Schnitzwerk an derselben warf gespensterhafte Schatten auf die weißen Wände des Flurs. Etwas erleichtert athmete sie auf, als sie in ihr Zimmer trat, das beim matten Schein der Lampe einen so traulichen Eindruck machte. Einige Spätrosen, die zierlich geordnet in einer alterthümlichen Vase auf dem Tisch standen, verbreiteten süßen Duft und erinnerten fast an schwüle Sommernächte mit Nachtigallgesang und Mondesglanz. Dora hatte sich auf einen niedrigen Lehnsessel gesetzt und ließ die bunten, bewegten Bilder des Abends noch einmal an ihrem Geist vorüberziehen, sie wiederholte sich die beleidigenden Worte, die Born zu ihr gesprochen? und gestand sich kummervoll, daß sie nichts Besseres verdient. Nach und nach gestaltete sich Alles in ihrem Kopfe zu wirren Traumbildern, die müden Augen fielen ihr zu, der lange Spaziergang am Nachmittag, dann der Ball, das Tanzen und die Aufregung hatten die Kräfte Doras erschöpft und ein wohlthuender Schlaf bannte dieselbe bald in süße Ruhe. Dora hörte deshalb nicht das leise, eigenthümliche Knistern, das von unten herauf kam, bemerkte nicht, wie durch die Dielen j und von dem Saal draußen Rauchwolken sich langsam im Zimmer verbreiteten. Auch die Sturmglocke, die jetzt plötzlich ertönte, und der Lärm und das Feuergeschrei drang nicht an das Ohr der Schlafenden. Da züngelte plötzlich eine Helle Flamme von der Außenwand des Saales in das Zimmer Doras und erfaßte die Portieren an der Stubenthür, augenblicklich standen dieselben in Hellen Flammen, der Feuerschein fiel grell in Doras Antlitz, sie erwachte und die schlaftrunkenen Augen blickten verwundert empor. Einen Moment war Dora wie gelähmt vor Schrecken und Entsetzen, dann stürzte sie an das Fenster und öffnete dasselbe, da Rauch und Qualm schon das ganze Zimmer erfüllten. Kopf an Kopf gedrängt stand dort unter ihr eine Menschenmenge, Möbel und Betten waren schon aus den unteren Räumen des Hauses heraus auf die Straße gebracht und einige Spritzen sandten ihre Wasserstrahlen in das brennende Haus, in welchem Niemand mehr zu sein schien. Voll Todesangst eilte Dora jetzt nach dem Saal, um vielleicht die Treppe noch zu erreichen, dieselbe stand jedoch in Flammen, so daß Dora entsetzt wieder in das Zimmer flüchtete. In das anstoßende Schlafgemach war der Rauch bis jetzt noch weniger eingedrungen, mit einem schwachen Hoffnungsstrahl begab sich das junge Mädchen dorthin. Sie hoffte inzwischen, daß die Spritzen das Feuer bewältigen, denn der Gedanke, daß ihr Leben wirklich gefährdet, schien ihr trotz der sichtlichen großen Gefahr unfaßbar, Rettung mußte ihr doch jeden Augenblick werden, standen dort unten auf der Straße doch Hunderte von Menschen. Aber warum geschah nur immer noch nichts für das junge Mädchen, warum regte sich noch keine Hand zu ihrer Rettung? Entsetzliche Se« cunden durchlebte Dora jetzt. Niemand schien wegen des Qualms sie oben an dem offenen Fenster zu bemerken, auch ihr Hilferuf verhallte ungehört in dem Geschrei der Menge und dem Lärm krachender Balken und Steine, die von dem brennenden Hause herunterstürzten. Verzweiflungsvoll sank Dora auf ihre Kniee. „Gott, großer Gott im Himmel!" rief sie mit bebender Stimue; ‘ „laß mich hier in diesem Flammenmeere nicht elend umkommen! Barmherziger Gott, rette mich vom Tode!" Als Antwort auf ihr Flehen schlug eine Flamme jetzt hell in das Zimmer; und mit einem gellenden Schrei der Todesangst sprang sie wieder an das Fenster. Man schien sie jetzt endlich von unten zu bemerken. Rufe des Schreckens und Entsetzens drangen herauf zu ihr. Ihr Onkel, der mit Energie und Umsicht bis jetzt das Löschen der Feuersbrunst geleitet und seine Nichte noch auf dem Balle wähnte, stand plötzlich wie erstarrt, mit weit aufgerissenen Augen zu ihr emporblickend. „Dora! Du! Du! Nein, es kann ja nicht sein, sie war ja noch nicht vom Ball zurück!" „Ich bin es, Onkel, ich bin es!" jammerte aber Dora zurück und beseitigte so jeden Zweifel- „Um Gottes willen, Onkel, schaffe Hilfe! Hilfe!" Rathlos lief der alte Mann hin und her, die Leitern, die 14 aber wer, wie den Hause an. ,»» Lautlos wich die Menge zurück, als man die Bahre um dem verunglückten Mann, der soeben ein junger Menschenleven aus gräßlicher Todesgefahr gerettet hatte, vorübertrug. -Nut „Nun, ich habe Niemanden auf der weiten Welt, der um mein Leben bangen würde!" erwiderte Born und klomm die Leitersprossen mit großer Schnelligkeit empor. Dann begann er ein waghalsiges Klettern, hier war ein Mauervorsprung, der ihm Halt gab, dort eine tiefe Fensternische; höher und höher ging es die schwankende Mauer entlang. Unter ihm herrschte eine lautlose Stille, mit angehaltenem Athem starrte Alles auf den kühnen, den Tod verachtenden Mann, jede seiner geschmeidigen Bewegungen beobachtend. Jetzt hatte er das Fenster erreicht, in welchem Dora immer noch in dem bewußtlosen Zustand, der dem Erstickungstode vorausgeht, lag. Wie ein Kind hob er sie empor und stieg mit ihr auf die Brüstung heraus. Die Menschenmenge unter ihnen brach in ein donnerndes Jubelgeschrei aus, verstummte aber sogleich wieder, als er nun, die bebende Mädchengestalt in den Armen, seinen gefahrvollen Rückweg antrat. Derselbe ging nur sehr langsam von statten und die Gefahren wurden immer drohender, aus den gesprungenen Fensterscheiben schlugen überall die Flammen heraus, hie und da stürzten schon einzelne Mauerstücke, die dem Feuer nicht mehr widerstanden, herunter. Als sie die Leiter beinahe erreicht, schienen die Kräfte Borns vollständig erlahmt. Lassen Sie mich jetzt los und klettern Sie voran, rch kann Ihnen ohne Hilfe folgen," bat Dora, die wunderbarer Weise ihre Besinnung und Geistesgegenwart vollständig wieder erlangt hatte. _ „ r n , „Nein, erst muß ich Sie glücklich auf der Setter Haben, ich kann mich zur Noth nachher durch einen Sprung retten! I entgegnete Born besorgt und leichenblaß vor Erregung. Mit einer letzten Kraftanstrengung hob er Dora nach dem I nächsten Mauervorsprung, von wo aus sie allein die Leiter er- reichen konnte. , „ „Schnell, schnell," rief er, „sonst ist Alles umsonst." Behende klomm Dora nach der Leiter und eilte dann mit Windeseile die Sprossen herunter. Born folgte ihr, er sah noch, wie sie dort unten in die Arme ihres Onkels sank und dann von ihrer Tante und der alten Wärterin schnell aus diesem Bereich des Schreckens ge- bracht wurde. , . r, m , . „Gerettet!" murmelte Born, indem ferne Augen auf der lichten Gestalt in dem gelben Seidenkleids mit heißer Zärtlich- kett ruhten. Ein stolzes, siegesfrohes Leuchten flog jetzt über fein Antlitz und bewundernd schauten die Menschen auf zu dem kühnen, heldenmüthigen Manne, wie er dort einen Moment auf der Leiter rastete, im Vollbewußtsein seiner Kraft und der Siegesfreude über eine gute That- Plötzlich aber wurden einzelne Schreckensrufe laut, Alles stob auseinander und die Leiter, welche Born jetzt eilends hinunter zu klettern begann, kam bedenklich in's Schwanken. , „Die Mauer über Ihnen, sie stürzt, springen Sie schnell herab!" wurde ihm zugerufen. I Er wagte den Sprung, wurde aber zu gleicher Zeit von einem stürzenden, halb verkohlten Balken zur Erde geworfen; Mauerstücke stürzten nach und in wenigen Secunden war er gänzlich unter Schutt und Trümmern begraben. Ein Schrei des Schreckens und Entsetzens von über hum beit Stimmen klang gellend durch all' das Krachen und Knattern der stürzenden Mauer. Zögernd nur eilten jetzt einige beherzte Männer nach der Unglückrstätte und versuchten unter eigener Lebensgesahr, angetrieben von dem alten Herrn Schmidt und den Aerzten der Stadt, Born aus seiner entsetzlichen Lage zu befreien. . ,, Nach langen, angstvollen Minuten, m welchen Alles in athemloser Stille verharrte, hob man den blutüberströmten, I verstümmelten Körper Borns empor. Behutsam wurde er aus eine Bahre gelegt; noch schien nicht alles Leben au» ihm entflohen und einer der Aerzte ordnete schnell und energisch me l Ueberführung des Verunglückten nach seinem in der Nähe liegen Schlaf. Unterdeß hatte sich Born durch die Menge Bahn gebrochen. „Sie muß gerettet werden!" rief er mit donnernder Stimme. „Es ist eine Schmach und Schande, daß noch keine Hand stch gerührt! Leitern her und wo dieselben nicht aus- reichen, da bietet die Mauer noch Stützpunkte genug." Wieder wurde eine Leiter an die Mauer gelehnt. „Wenn Sie Ihr Leben riskiren wollen, dann tn Gottes Namen, Herr Assessor," rief ein alter Mann, „aber «er, w.c wir Alle, Frau und Kinder zu ernähren hat, kann und darf sein Leben nicht auf das Spiel setzen, es entständen dann aus einem Unglück leicht zwei!" jetzt herbeigeholt wurden, reichten nicht herauf bis zum zweiten | Stockwerk, dabei drohten die Wände jeden Moment einzustürzen. 1 Auch die Ballgesellschaft hatte sich jetzt unter die Menge 1 gemischt, da der Feuerlärm dem Tanzvergnügen ein jähes Ende - bereitet hatte. Das Läuten der Sturmglocken war plötzlich ' schaurig zu den Tanzweisen geklungen und während Alles sich in Bestürzung aufgelöst, war eine alte Frau in den Saal gestürzt und hatte nach Dora gefragt. Viele der Anwesenden hatten bereit Weggang gar nicht bemerkt, man suchte und forschte nach ihr. Einige Herren, die Dora engagirt gehabt, versicher- I ten, daß sie längst zu Hause sein müsse, da man sie seit einer Stunde hier nicht mehr gesehen habe. Mit lautem Jammern war die Alte dann wieder davon geeilt. Assessor Born, der bett ganzen Vorgang erschrocken mit angesehen, war der alten Frau auf dem Fuß nachgefolgt und erreichte mit ihr zu gleicher Zeit die Feuerstätte. , .. „Großer Gott, da steht sie, am Fenster ihrer Schlafstube, rief die alte Frau jetzt händeringend, „mein Kind, mein Herz- blättchen, ich habe sie groß gezogen, meinen Händen vertraute ihre sterbende Mutter sie an, und nun soll ich sie elendiglich umkommen sehen!" , , , I Geisterbleich blickte Born zu dem Fenster hinauf, er sah bas gelbe Atlaskleid, in welchem Dora noch vor wenigen Stunden im Tanz dahin geschwebt, im hellen Feuerschein glitzern und schimmern, man konnte sogar die Garnitur der rothen I Rosen deutlich erkennen, und die Brillanten, die ganze Strahlen des rothen Lichts aufsingen und wundersam funkelten. All' dieser strahlende, schimmernde Putz bildete einen grausigen Eon- traft zu der schreckensvollen Situation. Jetzt streifte Dora den Brillantschmuck von Hals und Armen und warf ihn hinunter in die zu ihr aufschauende Menschenmenge. I „Rettet mich! Rettet mich!" rief sie in den herzzerreißendsten Tönen, — aber nur schreckensbleiche Gesichter starrten zu ihr herauf, Niemand bückte stch, um die Brillanten aufzuheben und für diesen Lohn sein Leben zu wagen. I „Es ist nicht möglich," sagte einer der Arbeitsleute, die bei dem Feuer thätig waren, zu dem alten Herrn Schmidt und dabei standen ihm die hellen Thränen in den Augen. „Wenn wir die Leitern zusammenbänden," stöhnte dieser. Der Arbeitsmann schüttelte den Kopf. „Die Wände schwanken schon, sie haben allen Halt verloren, da das mittlere Stockwerk schon vollständig ausgebrannt ist. Nur ein Wunder | kann das arme Kind dort oben retten." Ein markerschütternder Schrei schallte noch einmal jetzt herunter, dann glitt Dora auf das Fensterbrett herab. Das Zimmer war tageshell von den überall emporschlagenden Flammen erleuchtet. Mit irren Blicken starrte sie auf die immer näher heranzüngelnden Flammen, wie lange noch, dann ergriffen sie ihre Gewänder — und dann und dann — „O Gott im Himmel, habe ich denn so Entsetzliches verdient," wimmerte sie, „war es da nicht noch besser, einen Sprung zu wagen." Sie wollte sich erheben und rufen, daß man Betten unterbreite, aber die Kräfte versagten ihr, sie blieb in dem offenen Fenster liegen." Ein traumähnlicher Zustand halber Bewußtlosigkeit erfaßte sie. Sie hörte wie aus weiter Ferne schmeichelnde, süße Melodien und dann wieder klangen weiche, beruhigende Worte an ihr Ohr, als wäre die Kindheit ihr zurückgekehrt und die geliebte Mama stände an ihrem Lager und sänge sie leise in den eint der blei Leb grel Ba! Blr sind Go übe wei die, blei Ge, Du ließ ersc des Nal her die suä En! den Sfl frei unt Fe> des die gen Ge brii ger unt befi sie ton bat keil sich ger Br an, bri wo feh Fa bis bei bei for «01 src ric Gl 15 eine zitternde Mädchengestalt brach sich, trotzdem man sie zurück» zuhalten suchte, Bahn durch die Menge. Mit einem dumpfen Schmerzensschrei warf sie sich an der Bahre nieder, faßte eine der herabhängenden leblosen Hände Borns und über sein tobt* bleiches, entstelltes Antlitz flog es wie ein schwacher Strahl des Lebens. Die jetzt wieder hell emporlodernden Flammen warfen grelle, unheimliche Lichter auf die Gruppe, auf das spitzenbesetzte Ballkleid Doras, an welchem das aufgelöste, dunkle Haar in langen Strähnen herunterfiel, und auf die wie leblos vom Blut überströmte Männergestalt. „Weiter!" befahl jetzt der Doctor. „Geschehene Dinge sind nun einmal nicht zu ändern, Fräulein Dora, und will's Gott, erhalten wir auch Diesem hier das Leben, wenn auch," — er verstummte plötzlich und ein schmerzliches Zucken flog über sein Antlitz, als sein trauriger Blick über die noch vor wenigen Minuten so kräftige, jugendfrische Gestalt Borns irrte, die, wenn überhaupt Rettung möglich, doch zeitlebens verkrüppelt bleiben würde. Auf der Brandstätte wurde es jetzt allgemach ruhiger. Gegen Morgen war man endlich des Feuers Herr geworden. Die helle Sonne, die Alles mit glänzendem Lichte umwob, ließ die schaurigen Bilder der Nacht fast wie wüste Träume erscheinen. Einzelne Mauerreste standen noch, auch ein Stück des hohen Giebels mit dem Fenster, an welchem Dora in der Nacht in ihrer Todesangst gestanden und ihren Schmuck heruntergeworfen hatte, nach welchem wohl jetzt die Menschen, die da mit gierigen Blicken in Schutt und Asche wühlten, suchten. ' Ein altes, zerlumpt aussehende» Weib stand in einiger Entfernung und sah diesem Suchen hohnlächelnd zu; sie hatte den Schmuck schon in der Nacht, als Aller Blicke auf die Schreckensscenen gerichtet waren, in Sicherheit gebracht und freute sich jetzt ihrer Schlauheit. Einzelne Gruppen müßiger Menschen standen zusammen und ergingen sich in Vermuthungen über die Entstehung des Feuers. Es sollte durch die Nachlässigkeit eines Arbeitsmannes des Herrn Schmidt in den unteren Räumen des Hauses, wo die Waarenlager waren, entstanden sein. Man beklagte übri- gen» die davon Betroffenen nicht sonderlich. Den eisernen Geldschrank hatte man ja glücklich aus dem Hause herausbringen sehen und überdies war ja Alles sehr hoch versichert gewesen. Auch dem kleinen Fräulein Dora sollte ja der Schreck lmd die Todesangst ganz gut bekommen sein. Am masten zu beklagen sei aber jedenfalls der arme, junge Herr Assessor, der sie gerettet und der wohl schwerlich mit dem Leben davonkommen werde, man habe ihn ja ganz und gar zerschmettert davongetragen. Schließlich berichtete jeder Einzelne mit vieler Weitschweifigkeit, wie das Feuer ihn aus süßen Träumen geweckt, wie man sich beinahe zu Tode erschrocken, da es ja in der nächsten Nähe gewesen und so weiter- Jetzt erschien auch der alte Herr Schmidt wieder auf der Brandstätte und ordnete den Transport der geretteten Möbel an, die er nach einem ihm gehörenden Landhaus vor der Stadt bringen ließ, in welchem man sich vorläufig wohnlich einrichten wollte. Am Nachmittag war Alles soweit dort fertig, daß er seine Frau und Dora, die sich unterdeß bei einer befreundeten Familie aufgehalten, in das neue Heim führen konnte. „Ich denke, wir werden es eine Weile hier aushalten, bis sich eine paffende Wohnung für uns in der Stadt gefunden," sagte Herr Schmidt, als er mit den beiden Damen durch den Vorgarten des Landhauses ging. Dabei streifte sein Blick forschend das blaffe Antlitz Doras, die auf dem ganzen Weg noch kein Wort gesprochen hatte. Jetzt sah sie zu ihm auf. „Wie geht es ihm, meinem hochherzigen Retter, Onkel?" fragte sie mit bebender Stimme. „Was hast Du für Nachrichten eingezogen?" „O, es ist furchtbar, furchtbar!" Heiße Thränen stürzten aus Doras Augen, die sie in Gegenwart fremder Menschen gewaltsam zurückgehalten. „Sr wird am Leben erhalten bleiben, versicherte mir der Doctor Braun," erwiderte Herr Schmidt tröstend, aber doch mit sehr trauriger Miene. „Aber welch' einem elenden Leben," wehklagte Dora und rang die Hände, „ein Krüppel wird er bleiben, die schöne, kräftige Gestalt elend verstümmelt und das Alles um mich. Warum ließ er mich nicht sterben, nun wäre Alles vorüber und ich wäre mit meiner guten Mama vereint!" „Versündige Dich nicht, Dora! " sagte jetzt die Tante vorwurfsvoll. „Es ist Gottes Wille gewesen, daß Du wie durch ein Wunder gerettest wurdest!" Dora nickte und sagte demüthig: „Ja, ich lag auf den Knieen und bat und flehte um Errettung, es dünkte mir furchtbar, so jung zu sterben, hinweggenowmen zu werden aus dem vollen, reichen Leben und nun dünkt mir dieses geschenkte Leben unerträglich, da ein Anderer um mich leidet und gerade er! Er! Wäre es ein armer Mann gewesen, da könnte man ja mit Geld Vieles gut machen. Aber dem Herrn Assessor Born, diesem edlen, hochgebildeten Mann, vermag ich armseliges Ding nichts für seine Heldenthat zu bieten." „Nun, nur nicht so verzweifelt geurtheilt, vielleicht kannst Du doch einmal Deine Schuld ihm gegenüber abtragen," sagte der Onkel zögernd und strich liebkose- d über den dunklen Scheitel des jungen Mädchens. Dora erwiderte nichts, sie verstand wohl, worauf der Onkel hinzielte. Ach, er wußte ja nicht, daß sie sich dieses Rechts auf ewig verlustig gemacht. Born würde nie die bittende Frage, die sie einst in solcher beleidigenden Weise zurückgewiesen, wiederholen. Jetzt gewiß nicht, wo es wie ein Recht aussah, was er beanspruchen konnte. Und sie? Und Dora würde schwerlich je den Muth haben, das erlösende Wort für sie Beide zu sprechen. Ach, vielleicht verlangte er auch nicht, es zu hören, vielleicht hatte er sie» nur gerettet, um sie in ihren haltlosen Anschauungen über Mannesmuth und Manneswürde aus's Tiefste zu demüthigen. — Trostlose Tage kamen jetzt für Dora. Wie eine Ver- fehmte, wie eine Geächtete erschien sie sich, wenn die spähenden Blicke der Menschen auf ihr ruhten und man ohne alles Zartgefühl in ihrer Gegenwart von dem Assessor Born sprach, feine kühne Rettungsthat pries und dann sein Schicksal auf's Tiefste beklagte. Sein Leben, hieß es, wäre immer noch gefährdet, Aerzte und ein berühmter Operateur waren aus der Residenz berufen, wo man, da seine heroische That in allen Zeitungen gestanden, sogar in den höchsten Kreisen Interesse uno Thnl- nahme für ihn gezeigt. — Das Alles wurde Dora natürlich mit der größten Weitschweifigkeit mitgetheilt. „Er erntet Ruhm und Bewunderung," sagte sie sich trübe, „und ich Schmach und Hohn." Centnerschwer lastete das Unglück ihres Retters auf ihrer Seele, wie ein nie zu sühnendes Schuldbewußtsein. In den ersten Tagen nach dem Brande war Dora in ihrer Unruhe und Aufregung nach dem Hause des Doctors geeilt und hatte dort ihre schwachen Kräfte zur Pflege bt§ Kranken angeboten, war aber von dem Doctor, wenn auch gütig, aber doch sehr bestimmt zurückgewiesen worden. „Sie taugen nicht dazu, Fräulein Dora," hatte er gesagt, „ich habe eine erprobte Krankenpflegerin engagirt, deren Hände fest und sicher sind, die nicht zittert und aufschreit, wenn ein Schnitt in's Fleisch gemacht wird, wie solche Dämchen wie S ie es zu thun pflegen. Sie wurden ja ohnmächtig, als ich Ihren Herrn Onkel vor einiger Zeit Ader ließ. Freilich könnte ich es Ihnen nicht wehren, wenn der Herr Assessor Ihnen näherstände, wenn Sie mit dem Recht einer Braut —" „Nein, nein!" hatte ihn da Dora mit glühend-rothem Antlitz unterbrochen und war dann eilends hinweggeeilt au« dem Haufe, in welchem Born sich in den heftigsten Schmerzen auf feinem Lager hin und her warf und in seinen Fleberphantasien die harte, schwere Hand seiner Pflegerin von sich stieß und nach einer anderen, weicheren Hand verlangte, die rosige Haideblumen zwischen den Fingern hielt und dann fortwährend nach der schlanken, leichten Mädchengestalt fragte, die er doch in den Armen gehalten. Warum kam sie nicht? War sie dennoch verbrannt? 16 Hatten die Flammen das gelbe Atlaskleid erfaßt? Waren die geschmeidigen jungen Glieder, Alles, Alles ein Raub derselben geworden und hatte er nur geträumt, daß er sie gerettet? — War Alle« nur ein Traumbild gewesen? Auch das himmelblau draperirte Schlafzimmer, in welchem sie auf dem FuKboden gelegen, starr und regungslos, — als er aber ihren Namen gerufen, da habe sie die braunen Kinderaugen aufgeschlagen und als er darin mit ihr auf der Fensterbrüstung gestanden, habe sie geflüstert: „Sie sind es! Sie retten mich!" Ach, sie habe doch daraus ersehen müssen, daß nur heißes Lieben ihn dazu getrieben! Aber sie liebe ihn wohl nicht wieder, sonst wäre sie doch wohl ein einziges Mal an sein Schmerzenslager gekommen und hätte die kleine, weiche Hand auf seine Stirn gelegt- Die Wärterin hörte alle diese Reden des im Fieber phan- tasirenden Assessors gleichgiltig mit an, während sie mit geschickter, aber wenig liebloser Hand Compressen auf den erhitzten Kopf des Kranken legte, bis die fieberheißen Lippen verstummten und er müde in die Kissen sank. (Fortsetzung folgt.) Rmjahrsgaben deutscher Lyriker. ------- (Nachdruck verboten.) Dr. M. Im Buchhandel trägt der Weihnachtsmarkt ein ganz besonderes Gepräge. Eine große Reihe populärer Schriftsteller hatte und hat die Gepflogenheit, just um die Jahreswende mit einer neuen Gabe zu erscheinen. Georg Ebers, Ernst Eckstein, Rudolf Barmbach, Jul- Wolff, Felix Dahn, die Heimburg rc. rc. fehlen selten, wenn es gilt, den Weihnachts- tisch zu rüsten und zum „Guten" den „Glanz und Schimmer" zu fügen. Die Bücher, welche um diese Zeit htnauskommen, zerfallen in zwei große Klassen, von welchen die eine in unmittelbarer Beziehung zum Fest steht und die Geschenkliteratur im engeren Sinne ergibt, während die andere sich an das Datum nur äußerlich, aus praktischen Gründen, anlehnt und eben so gut in eine andere Saison hineinpassen würde- Aus dieser hebt sich nun aber eine kleine Kategorie heraus, die Neujahrspoeste im höheren Sinne heißen sollte, denn sie enthält wirklich etwas Neues, die Ansätze und Keime zu neuen Gebilden. Es ist jedenfalls höchst beachtenswerth, daß die Zeit des Dampfes und der Schienen, welche man so oft der Vernachlässigung der idealen Güter des Leben« beschulvigt, gerade auf dem Gebiet der reinen StimmungSpoeste, der Lyrik, reicher an solchen Neubildungen ist, als irgend ein Jahrzehnt nach Goethes Tooe- Wir sind in Deutschland glücklicherweise noch nicht so weit zurückgeschritten wie jener amerikanische Redac» teur, der sich in seinem Büreau einen Füllofen hielt, der nach außen hin die Form eines „Briefkasten" zeigte mit der Aufschrift: „Alle Sendungen, enthaltend lyrische Gedichte, sind hier hineinzuwerfen I" Um die Publikation moderner Lyrik machen sich renom- mitte Münchener und Berliner Verlagsfirmen ganz besonders verdient. Da ist z. B. der Kunst« und Literaturverlag von Dr. E. Albert & Co-, der durch die Herausgabe des „Modernen Musen-Almanachs" den Blick auf da« vielgestaltige Leben im deutschen Sängerhain mit Nachdruck hinlenkt. In diesem Jahrbuch deutscher Kanst, das eine Palaestra Musarum der aufsteigenden künstlerischen Generation sein will, geben sich Leute der verschiedensten Richtungen ein Stelldichein. Neben den Realisten Holz, Schlaf, Scharf findet sich die phantasievolle Hermine v. Preuschen-Telmann (Rom) und die hochgeniale Marie Janitschek (Leipzig), zwei weibliche Schriftsteller, die auch bereits als Novellisten von sich reden machen. Den Originalbeiträgen der hervorragendsten Vertreter des modernen deutschen Schriftthums sind theilweise Autoren- portraits beigegeben. Absichtlich hat sich die Verlagsanstalt jeder eigenen Kritik enthalten und überläßt die Kunst des Scheidens und Schätzens dem Recensenten. Als Neuheiten, nicht der Jahreszahl, sondern dem Inhalte nach müssen zwei im gleichen Verlage erschienene Bändchen Lyrik begrüßt werden: „Drachenhort" von Engelbert Albrecht und „Im Sommer sturm" von Arthur von Wallpach. Die Albrechtffchen Gedichte bleiben ihrem Titel treu; der Gedanken- und Gefühlsschatz, den sie zu Tage fördern, besteht in Quarz, Kohlen, Erz und Glimmer In der Abtheilung „Glimmer" strömt von den Liedern „Waldweihnacht", „St. Nikolaus", „Schneewittchen" der richtige Märchen« zauber aus. Arthur von Wallpach veranschaulicht uns in seinem Liederbuch den Gährungs- und gleichzeitig auch den Klärungs« proceß seiner inneren Menschen. „Wer uns das Längstbekannte nicht Mit seinem Herzblut neu belebt Und so vom Niegeahnten spricht, Daß jedes Hörers Herz erbebt; Wer an sich selbst gezweifelt nie, Wer nie ein Halbgott sich gefühlt: Der kennt dich nicht, o Poesie, Noch rote dein Lorbeer brennt und kühlt." Es ist etwas Klares, Großes und Zielbewußter in den Wallpachtffchen Gedichten; diese Lyrik umspannt weite Horizonte; ihr Programm lautet: „Der Lebenslust klingt meine Weise, Dem Bacchanal der Leidenschaft. Kampf wider alles Schlechte, Greise, Und freie Bahn der jungen Kraft! Heut' gilt es, jeden Mann zu stellen Zum Dienst der großen, künft'gen Zeit, D'rum fecht' im Heer ich der Rebellen Im Sommersturm der Männlichkeit!" Ludwig Scharfs „Lieder eines Menschen", die viel Faustisches und Prometheisches im Licht moderner Weltanschauung enthalten, die „Erlösungen" von Richard Dehmel, eine Seelenwandlung in Gedichten und Sprüchen, die „Erlebten Gedichte" von Otto Julius Bierbaum, die seelische Gesundheit in vollem Maße ausstrahlenden „Lieder der Waldfrau" von Heriberta von Poschinger muß man lesen, um zu erfahren, welche Voll- und Halbtöne dar neue Jahr im Reich der Lyrik an kündigen. Vermischtes. Die Hausschuhe des Emporkömmlings. Herr von Cohnheim hat sich ein Schloß gekauft. Am ersten Abend ruft er seinem Dienstmädchen zu: „Auguste, bringen Se mer meine Palastschuhe!" ♦ * Kundmachung. Im Markte Katzenbuckel ist das Gasthaus zur „blauen Blunzen" auf weitere sechs Jahre zu verpachten. Der Pächter hat das Recht, Gäste zu beherbergen, zu schlachten und zu speisen. ch * ♦ Aus dem Concept gebracht. Kurzsichtiger Festredner: „Meine Herren! Unser hochberühmter, mir gegenüber sitzender Freund ..." — Stimme: „Ist ja gar nicht mehr anwesend!" — „Donnerwetter! Wo ist denn der Schafskopf wieder hin!" * * ♦ Eine boshafte Freundin. Erstes Fräulein: „Gestern Abend, als es stark regnete, waren es doch nicht weniger als drei Herren, die mich begleiten wollten!" — Zweites Fräulein: „Da hattest Du gewiß wieder Euren großen Familienschirm bei Dir!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.