AnterhaltUngsblatt jwm Girsirnrv Anzeigen (Gsnsval-Anzrig«») W ir>?*«» xT -<•■ :• le-, v-'. /'>■ zv^z"-- ■ W^>crMW Samstag, den 10. November. Lola. Roman frei nach dem Amerikanischen von Erich Friese«. (Fortsetzung.) Baron Hastings blickt mit Thränen in den Augen auf E,,nieder, auf das schöne, jetzt angstvoll emporgewandte Antlitz, äuf die Orangenblüthen in dem lockigen braunen Haar, auf das matte Weiß des Hochzeitsgewandes, das in schweren Falten an der herrlichen Gestalt niederfließt. Ein ächzender Laut entringt sich seinen Lippen. „Lola, sind Sie stark?" Sanft legt er seinen Arm um ihre Schulter und führt sie zu einem Sessel. „Ich will es versuchen," entgegnet sie leise mit bebenden Lippen. Er sieht, welche Anstrengungen sie macht, um standhaft zu sein. Wie es ihr möglichst schonend beibringen? „Man hat Sie wie ein schönes kleines Vögelchen in ein Netz gelockt," beginnt er sanft. Verwundert schlägt sie ihre großen, feuchtschimmernden Augen zu ihm auf. „In ein Netz gelockt?" wiederholt sie ungläubig. „Ich verstehe nicht —" ,.O, Lola, könnte meine Liebe dieses Unheil von Ihnen abwenden I Ich gäbe mein Leben darum. Aber —“ „Aber?" „Ihr Gatte -" „Mein Gatte, der Fürst?" Gerald stöhnt tief auf. „Ihr Gatte — ist — ist —" „Nun?" ist — nicht Fürst Orlowsky!" Lola steht wie erstarrt. „Nicht — Fürst Orlowsky? — Was ist er denn?" „Ein Abenteurer!" „Was?" ruft sie außer sich. „Was? Sagen Sie das noch einmal!" j „Ach, theure Lola, es ist leider so," murmelt er tief bewegt. „Er heißt nicht Fürst Orlowsky. Er ist — o, wie lou ich es nur ausdrücken, — er ist der — natürliche Sohn eines Abkömmlings der Orlowskyr und einer tscherkessischen Sclavin. Mit Unrecht führt er den Namen seines Vaters." „Es kann nicht sein! Es kann nicht sein!" schreit sie auf- „O, Gerald, was soll ich thun?" . Heiße Thränen rinnen über ihre Wangen. Krampfhaft schluchzend umklammert sie den tief erschütterten Gerald. „Ruhig, ruhig, liebste Lola," sagt er beschwichtigend, „man wird Ihr Schluchzen hören. Wenn Sie das Geheim- niß bewahren wollen, müssen Sie sich beherrschen. — Weinen Sie nicht so bitterlich, mein li bes, liebes Kind! Wir wollen zusammen überlegen, was geschehen soll." Seine Hand streichelt sanft das goldig schimmernde Haar, während seine Lippen leise, beruhigende Worte flüstern. Das Schluchzen läßt nach. Ihre Geralds Arm umklammernden Hände lösen sich. „Aber es kann ja nicht sein," sagt sie langsam, während der Schimmer eines Lächelns über ihr noch thränenfeuchtes Antlitz huscht. „Sie müssen getäuscht worden sein. Jedermann hier weiß, daß er der Fürst Orlowsky ist." Ernst schüttelt Gerald den Kopf. „Nein, Lola; es ist, wie ich Ihnen sagte- Sie müssen sich an den Gedanken gewöhnen/' „O, mein Gott! Mein Gott!" Wild aufschreiend wirft sie sich auf den Boden. Das schwere Atlaskleid zerdrückt, die Orangenblüthen brechen ab — sie merkt es nicht. Zorn und Verzweiflung übermannen sie völlig. Gerald steht einen Moment lang rathlos. Dann kniet er neben ihr nieder und faßt ihre beiden Hände. „Lola — liebe, gute Lola, hören Sie mich!" flüstert er innig. „Ich bin ja gekommen, um es Ihnen tragen zu helfen. Nur noch kurze Zeit beherrschen Sie sich! Das Weitere überlassen Sie mir! Wie einen tollen Hund will ich ihn niederschießen, den Schurken. . . . Und nun fassen Sie sich — um Ihretwillen! Vielleicht haben Sie Feinde dort in der glänzenden Menge — Frauen, die Sie beneiden — lassen Sie die- selben nicht triumphiren! . . . Nehmen Sie Ihre ganze Kraft zusammen! Ihr Stolz wird Ihnen dabei behilflich sein. — Hören Sie mich, Lola?" Das konvulsivische Zucken der am Boden liegenden Gestalt ist einer todtenähnltchen Starrheit gewichen. Sie rührt sich nicht. Behutsam hebt Gerald den zur Seite geneigten Kopf mit der von dem heftigen Fall herabgeglittenen Haar- fülle etwas empor. „Hören Sie mich, Lola?" wiederholt er dringender. Langsam schlägt sie die Lider empor. Sin paar todestraurige Augen blicken ihn an. Wortlos nickt sie mit dem Kopf. Dann hebt er die schwankende Gestalt auf und geleitet sie, von seinem starken Arm umschlungen, zu einem Sessel. „So, nun setzen Sie sich nieder und hören Sie ruhig zu, was ich Ihnen noch zu sagen hebe!" bittet er, ihre Hand sanft in der seinen haltend. Als er fühlt, wie diese kleine, zarte Hand zittert, murmelt er düster: „O, wäre ich hier ge- 526 blieben, anstatt mich und mein Leid daheim zu verstecken! Vielleicht wäre dieser schändliche Streich nicht zur Ausführung gekommen. Ich hätte über Sie gewacht." Er blickt einige Secunden lang düster vor sich hin, ehe er ernst fortfährt: „Lola, Sie haben sich eine bittere Feindschaft zugezogen und —" In Hellem Erstaunen hebt sie den Kopf. „Ich — eine Feindschaft?" „Ja, Lola — als Sie Lord Rawdon zurückwiesen. Wir wollen über die Sache nicht weiter reden. Sie wiffen selbst, Sie thaten ihm damals Unrecht. Er schwor Ihnen Rache. Ich glaubte, es sei nur ein Ausfluß seines gekränkten Stolzes und würde vorübergehen." Alles Blut ist aus Lolas Wangen gewichen. Mit weit offenen Augen starrt sie Gerald an. „Hat — hat Lord Rawdon dabei feine Hand im Spiel?" fragt sie hastig. Er nickt ernst. „Ich verstehe nicht —" murmelt sie leise. „Sie wiesen ihn hochmüthig und spöttisch zurück, anstatt ihn liebevoll zu trösten. Ich weiß, wie er Sie liebte, er hätte sein Leben für Sie gelassen. Sie brachten ihn dem Wahnsinn nahe. Er sagte — o, vergeben Sie, daß ich die harten Worte wiederhole — er sagte, Sie fänden Vergnügen daran, mit Männerherzen zu spielen und müßten unschädlich gemacht werden.....Dieser Gedanke bildete sich schließlich bei ihm zur fixen Idee heraus. Er dachte bald nichts Anderes mehr." Während der letzten Worte richtet Lola sich auf und hört mit größter Spannung zu. „Ihr Hochmuth und Ihre Gefallsucht, wie er es nannte, sollte gedemüthigt werden — durch eine niedrige Heirath, von der Jedermann spricht und über die Jedermann lacht," fährt er traurig fort. „Das sollte Ihre Strafe sein." Heftig erregt springt Lola auf und durchmißt ein paar Mal tief aufathmend das Zimmer. Dann bleibt sie vor Gerald stehen und fragt hastig mit einem kleinen Anflug von Spott: „Run — und? Worin besteht meine Strafe?" „Er schmiedete einen teuflischen Plan. Bedenken Sie wohl, Lola — Lord Rawdon war der ehrenwertheste, der vortrefflichste Mensch, bevor er Sie kennen lernte! .... Aber besitzen Sie auch Ruhe genug, um mir zuzuhören?" Schweigend nickt Lola mit dem Kopf und läßt sich müde auf einen Seffel nieder. Gerald rückt einen Stuhl heran und nimmt neben ihr Platz- „Also," beginnt er ernst, „Lord Rawdon kennt diesen Orlowsky von Monaco her. Der Mann hatte stets ein abenteuerliches Leben geführt. Eine Zeit lang fungirte er als Courier einer vornehmen französischen Familie, dann als Reisebegleiter eines reichen russischen Bankiers. Später wurde er Impresario einer wandernden Schauspieler-Gesellschaft. Sein großes Sprachtalent kam ihm bei all' diesem sehr zu statten. Auch suchte er, seine Bildung zu vervollständigen, wo es irgend ging. Von Zeit zu Zeit schickte ihm die Familie seines Vaters Geld. Doch er verlor es stets bald wieder im Spiel. . . . „Rach einem solchen, diesmal besonders hohen Verlust, der ihn momentan zum Bettler machte, wollte er seinem unnützen Leben durch einen Pistolenschuß ein Ende machen. — Durch Zufall kam Lord Rawdon ihm in den Weg und hinderte ihn am Selbstmord. Und nicht nur das — er händigte ihm auch eine kleine Summe ein, die ihn in den Stand setzte, die nächste Zeit anständig zu leben. Orlowskys Dankbarkeit kannte keine Grenzen. „Als Lord Rawdon jener teuflische Plan für Ihre Bestrafung einfiel, dachte er sofort an jenen Orlowsky. Ich ver- muthe, eine Frau hat ihn darin bestärkt." „Die Herzogin von Edenfield," murmelt Lola leise. wenigstens sagte mir Arno, daß ihm der Gedanke erst während einer Theatervorstellung gekommen sei, die er mit der Herzogin besuchte. Ich kann Ihnen nicht all' seine Worte wiederholen, aber —" „Lola," läßt sich die sanfte Stimme der Pastors wittwe ' hinter der Thür vernehmen, „die Zeit vergeht. In einer Stunde geht der Zug ab." „Sie dürfen nicht mit ihm gehen!" fährt Gerald auf. „Lieber stelle ich ihn vor der ganzen Gesellschaft bloß." „Lasten Sie mich nur machen!" flüstert sie, den Finger an die bleichen Lippen legend. „Ich komme sogleich, Mama!" fährt sie lauter fort, indem sie sich bemüht, ihrer Stimme Festigkeit zu verleihen- Dann wendet sie sich wieder zu Gerald. „Ich verstehe," sagt sie hastig. „Er wollte mich strafen und wußte nur noch nicht, auf welche Weise. Da fiel ihm während jener Vorstellung — ich erinnere mich ihrer ganz genau — ein, mein Geschick solle ein gleiches sein, wie das der Heldin auf der Bühne. Ich sollte einen Abenteurer hei- rathen und dann von ihm verlosten werden — ein Gegenstand des Spottes für die ganze Welt. War das der Plan?" „Gerade so, Lola. Als Mittel zum Zweck sollte dieser Orlowsky dienen — ein Mann, schön wie ein Gott und von der Natur mit reichen Gaben ausgestattet, aber ohne jede Grundsätze und ohne jedes moralische Gefühl. Kurz vorher hatte dieser Mensch, der Lord Rawdon mit seiner Dankbarkeit geradezu verfolgte, ihm geschrieben, daß er sich in Homburg befände, wo er eine geheime Spielhölle eröffnet habe. Lord Rawdon begab sich nach Deutschland, legte dem Orlowsky seinen Plan vor und fand ihn gewillt, die ihm angebotene Rolle zu spielen- Er hoffte sich dabei zu amüsiren. Dazu kam noch die Freude, seinem Lebensretter einen Dienst erweisen zu können — kurz, nach wenig Tagen schon war Alles geordnet und Lord Rawdon fuhr in Begleitung Orlowskys — des „Fürsten" Orlowsky, als welchen er ihn ausgab - nach England zurück. „Lord Rawdon war es, der die Notizen von des Fürsten baldiger Ankunft in die Zeitungen lancirte; er war es, der die Details über seinen Reichthum, seine Weltreisen verbreitete. Er war es auch, der das große Haus für ihn mtethete und es fürstlich einrichten ließ. Die ganzen Mittel, deren der Mann zum Spielen seiner Rolle bedurfte, kamen von ihm- Er hat nicht Tausende, sondern Hunderttausende daran gewandt, um Sie zu strafen und seiner fixen Idee dadurch Genüge zu thun." Ein tiefer Seufzer Lolas läßt ihn einen Augenblick pau- siren- Dann fährt er traurig fort: „Wie gut er reussirte, wiffen Sie selbst, mein armes Kind. Er ist Ihr Gatte geworden." Mit einer wilden Geberde wirft sie den Kopf zurück und faßt mit beiden Händen in das wirre Haargelock. „Bin ich denn wahnsinnig, Gerald? Ich — ich — die Gattin eines Betrügers?" Als er nicht antwortet und sie nur traurig anblickt, fragt sie hastig: „Woher wiffen Sie das Alles? Und wenn Sie es wußten, warum warnten Sie mich nicht?" „Ich erfuhr den ganzen Plan erst heute. Ich schäme mich nicht, Ihnen zu gestehen, daß ich nach London reiste, um Ihrer Trauung beizuwohnen. Ich wollte Sie noch einmal sehen, bevor Sie abreisten. Ich wollte auch den Mann sehen, der Ihre Liebe gewinnen konnte. Ich kam zu früh in London an und da ich lange nichts von Lord Rawdon gehört hatte und wir früher, bevor wir Sie kennen und lieben lernten, Freunde waren, suchte ich ihn auf. Ich glaubte, Ihre Ver- heirathung würde ihn ebenso schmerzen, wie mich. Ich traf ihn zu Hause. Er lachte und murmelte beständig von seinem Sieg, seinem Triumph; dann wieder bat er schluchzend Gott um Verzeihung für seine böse That. Ich hielt ihn zuerst für betrunken. Bald jedoch merkte ich, daß etwas Besonderes geschehen sein mußte, was ihn so sehr erregte, daß er dem Wahnsinn nahe schien. „Auf mein inständiges Bitten bekannte er Endlich, welche Rache er an Ihnen genommen. Um seinen Sieg ganz zu genießen, wollte er den Bräutigam zum Altar begleiten- Im letzten Augenblick jedoch verließ ihn der Muth. Er sandte eine Absage an den Orlowsky. „Ich war außer mir und verdammte seine Handlungsweise in den härtesten Ausdrücken." 627 . «ichts mehr zu ändern," entgegnete er achsel- zuckend, „die Trauung findet bereits statt-" _ . "34 sah nach der Uhr und fand, daß noch eine Viertelstunde fehlte. In größter Aufregung verließ ich Lord Raw- don und eilte nach der Kirche, um, wenn möglich, Sie zu retten — auf welche Weise, darüber war ich mir noch nicht klar. Aber heirathen durften Sie diesen Menschen unter keiner Bedingung. _ '^ie unzähligen Wagen und Equipagen, die mehrere Straßen Wende Volksmenge, die nach der Kirche drängte und jedes Passtren unmöglich machte, hemmte mein Vorwärts- kommen. Als ich endlich, halb wahnstnnig vor Angst und Aufregung, vor der Kirche stand, sagte man mir, die Trauung sei soeben beendet. Und da kamen Sie auch schon, Sie, meine geliebte Lola, am Arm des Betrügers — Ihres Gatten. O. was ich da empfand —" „Lieber Gerald, mein einziger wahrer Freund," schluchzt Lola, „o, daß ich Ihnen einst so wehe thatl" Er hebt abwehrend die Hand. „Nichts von mir, Lola! Laffen Sie uns berathen, was zu thun ist, um Sie vor Spott und Schande zu retten." Sie ächzt leise, sucht sich jedoch zu beherrschen. Da fällt ihr Blick auf den diamantbesetzten Bouquethalter, welchen Orlowsky ihr am Morgen gesandt. Eine zornige Röthe steigt in ihre Wangen. „Wer bezahlte dies hier — und dies — und dies?" ruft sie heftig. „Wer bezahlte die Juwelen, die er mir schenkte?" „Lord Rawdon, Lola. Er bezahlte sogar Ihren Trauring! Orlowsky selbst besitzt keinen Schilling. Doch wird er für die treffliche Durchführung seiner Rolle gut bezahlt werden- 7" Es ist r öthig, daß Sie dies Alles wissen," fährt er sanft fort, als er sieht, wie Lola in ohnmächtigem Zorn die kleinen Hände ballt und sie an die Schläfen preßt. ,,O, Gerald, Gerald! Ich kann es nicht ertragen!" schluchzt sie auf. „Die Schmach, die Schande überlebe ich nicht. Ich — das Weib eines Abenteurers, eines Spielers, eines Vagabonben! ... Ach, Gerald, wär' ich tobt!" Ihre fieberheißen Hände umklammern wie hilfesuchend die seinen. Große Tropfen lösen sich von ihren Wimpern und perlen langsam die Wangen herab. „Nicht so, Lola!" flüstert er innig. Er gibt sich die größte Mühe, ruhig zu erscheinen, während sein Herz zum Zerspringen voll ist. „Wenn ich tobt wäre," fährt sie wie im Selbstgespräch fort, mit brennenden Augen in's Leere starrend, „dann würde Niemand mehr über mich lachen und mich verspotten. Selbst die Herzogin nicht. Nein — dann nicht . . j In ihren Augen flammt es auf; der Mund verzieht sich zu einem schwachen Lächeln. Gerald beobachtet sie ängstlich. Dann sagt er mit bebender Stimme: „Lola, Eines versprechen Sie mir! Thun Sie keinen unüberlegten Schritt, was es auch sein mag! Ich bin hierher gekommen, um Ihnen zu helfen, um Sie zu schützen ^nnd Sie später zu rächen. Ich habe ein Anrecht darauf, daß Sie mir vertrauen." Seine Augen blicken so flehend in die ihren, seine Züge drücken solche Angst und Besorgniß aus, daß sie ihm unwillkürlich die Hand entgegenstreckt." „Ich verspreche es, Gerald." Er hält ihre Hand mit leisem Druck. „Ich danke Ihnen, Lola. Und nun hören Sie mich an! Ich besitze Kraft, Muth und Energie. Alles werde ich daran setzen, um Sie aus dieser fürchterlichen Lage zu befreien — wenn es nöthig sein sollte, mein Leben. Von heute an betrachte ich mich als Ihren Bruder, dem die Ehre der Schwester heilig ist.....Ich werde Sie jetzt verlassen. Können Sie sich so weit beherrschen, um zu der Gesellschaft zurückzukehren, Ihren Freundinnen, Ihrer Mutter Lebewohl zu.sagen?" , „Ich fürchte, nein," entgegnet sie leise. "„Sehen Sie, wie ich zittere!" „Ich verlange sogar noch mehr, Lola. Kleiden Sie sich rasch um und fahren Eie mit Ihrem —" Er stockt und fährt dann hastig fort: „Mit dem Orlowsky bis zur nächsten Station Folkestone, wo ich Sie erwarten werde." „Nein, nein, ich kann nicht mit ihm fahren!" ruft sie händermgend. 11 »Versuchen Sie es, liebe Lola! Sie sind nicht so schwach, wie Sie glauben. Sehen Sie, das bischen Selbstbeherrschung ist leichter, als wenn Sie das Höhnen und Spotten Ihrer Feinde mit anhören müßten. Sobald Sie mit lächelndem Antlitz an der Seite jenes Menschen abreisen, glaubt Niemand ein Wort von der ganzen Sache, selbst wenn sie morgen be« kannt werden sollte. Heute darf Niemand darum wissen, auch Ihre Mutter nicht- Sie würde sich nicht beherrschen können. Wollen Sie, hebe Lola?" Sie schweigt eine Zeit lang, bevor sie leise entgegnet: „Ich werde es versuchen." Dann erhebt sie sich langsam und geht einige Mal im Zimmer auf und ab, bis ihr Schritt fester, ihre Bewegungen ruhiger werden. - "'Nes thun," sagt sie hastig. „Wenn man mein Unglück erfährt, so soll man wenigstens sehen, daß ich es würdig getragen habe." „So ist es recht, Lola! Jetzt sind Sie wieder Sie selbst" Ein flüchtiges Lächeln huscht über ihre Lippen. „Ja, ich bin wieder ich selbst — getäuscht und betrogen - aber nicht gedemüthigt. . . . Werden Sie mich auch nicht verlassen, Gerald?" „Lola!" Dies eine Wort und der Ton, in dem es gesprochen, sagte genug. , „Ich vertraue Ihnen," sagt sie einfach. «Und nun noch eine Bitte. Ich mag diese Sachen hier nicht mehr tragen; sie brennen mir an den Fingern. Geben Sie sie Lord Rawdon zurück — als Andenken an mich." Damit zieht sie den Traureifen und einen großen Diamantring, den Orlowsky ihr nach der Verlobung gegeben, vom Finger und legt Beides auf den Tisch. „Wenn man aber das Fehlen der Ringe bemerkt?" fragt Gerald. „Ich behalte den Handschuh an. .. . Und nun will ich mich in meinem Ankleidezimmer für die Reise fertig machen lassen — für die Hochzeitsreise!" Sie lacht bitter auf. Dann fährt sie hastig fort: „Ich höre die Schritte meiner Mutter. Sie darf mich jetzt nicht sehen." Noch ein kräftiger Händedruck — und Gerald ist allein. Er hat kaum Zeit, die Ringe aufzubewahren — da tritt auch schon Frau March ein. „Wo ist meine Tochter?" fragt sie, sich verwundert umschauend. „Sie hat sich in ihr Zimmer zurückgezogen, um sich für die Abreise zu rüsten." XXIII. „Die Fürstin I" Voll freudiger Aufregung und tiefer Ehrfurcht flüstern es sich die Kammermädchen zu, als Lola ihr Ankleidezimmer betritt. Lisette eilt auf ihre Herrin zu. „Schick die Andern fort und kleide mich rasch um, Lisette!" Die gewandte Zofe sieht sofort, daß etwas nicht ist, wie es sein sollte. Vielleicht der Abschied von der Heimath, von der Mutter — vielleicht Uebermüdung! Die blauen Augen der geliebten Herrin tragen einen solch' seltsamen Ausdruck! Doppelt aufmerksam bedient sie dieselbe. Sachte steckt sie das herabgefallene Haar auf, legt den zerknitterten und an einer Ecke sogar zerrissenen Schleier vorsichtig zusammen und sammelt die geknickten und bei der leisesten Berührung abbrechenden Orangenblüthen. Dann entkleidet sie Lola des schweren Brautanzugs und hüllt sie in ein perlgraues, reichgesticktes Tuchkleid. Sie bemerkt sehr wohl, daß sowohl der Traureifen wie der Verlobungsring fehlen. Doch schweigt sie zartfühlend darüber. Lola ist fertig — bereit zur Reise- Die Brautjungfern treten ein, um von der „lieben Fürstin" - 828 Abschied zu nehmen. Krau March athmet erleichtert auf, als sie die Tochter vollständig gerüstet für die Reise erblickt. Während der letzten halben Stunde hatten die trübsten Gedanken ihr Hirn durchkreuzt. Lola's Verlangen, gleich nach der Hochzeit den Baron Gerald sprechen zu wollen, war zu seltsam gewesen. Voll tiefer Besorgniß blickt sie in die theuren Züge. Sie sind bleich, aber ruhig. (Fortsetzung folgt.) Das Ilaschen. Ein Wort an die Mütter. Zu den verschiedenen Willenstrieben, die der Mensch mit zur Welt bringt, gehört auch der Nahrungstrieb, desien Befriedigung der Mutter oder Wärterin des Kindes obliegt. Diese kann nun aber in richtiger oder, wie es leider sehr oft geschieht, in verkehrter Weise erfolgen. Da schreit vielleicht ein Kirchlein aus dem Grunde, um von seinen Geschwistern in den Garten mitgenommen zu werden. Und was thut die Mutter? Sie gibt ihrem Liebling Süßigkeiten, um den Schreihals zu beruhigen. Und siehe da, es hilft I Solche Extra- Mahlzeiten, die so häufig den kleinen Magen gründlich verderben, leiten aber den natürlichen Nahrungstrieb des Kindes auf falsche Wege. Die Süßigkeiten haben so gemundet, daß recht bald wieder Appetit darauf vorhanden ist; natürlich befriedigt ihn die Mutter in ihrer Herzensgüte. Das Kindchen ist aber mit der Zeit durch fein Wachsthum schon so weit gekommen, daß es selbst gehen, selbst seine Wünsche befriedigen kann, während es früher schreien mußte. Und so hat das Kind nach und nach, ohne daß es auffällig geworden wäre, etwas gelernt, nämlich — das Naschen. „Ach, dies liebliche Wesen, wie zierlich es seine Händchen schon selbst in die Zuckerdüte steckt! Es ist kaum nennenswerth, was sich der Kleine nimmt, kann also nichts schaden! Mit den Jahren legt sich das ja und schwindet ganz I" So oder ähnlich tröstet sich wohl manche Mutter ganz sorglos. Aber ich sage Dir, Mutter, wenn Du so denkst, dann denkst Du ganz verkehrt und falsch! Mit ganz besonderem Nachdruck muß dafür gesorgt werden, daß den Kindern nur die nothwendige Nahrung für Geist und Leib zu Theil wird. Alles, was darüber ist, ist auch hier vom Uebel- Wie man schon vom Geiz sagt, daß er die Wurzel alles Uebels ist, so könnte man auch vom Naschen sagen, daß es eine Wurzel ist, aus der sich »ach und nach verschiedene andere schlechte Gewohnheiten entwickeln. Man hüte sich daher doch, dem Wunsche der Kleinen nach diesem oder jenem Leckerbiffen zu genügen. Willst Du Deinen Liebling durchaus beschwichtigen, nun gut, so kannst Du es auch sehr wohl ohne Anwendung von Näschereien fertig bringen. Das Schreien schadet übrigens dem Kinde durchaus nicht, es stärkt vielmehr die Lunge. Also nicht so ängstlich, liebe Mutter. Wie gänzlich falsch manche Kindlein behandelt werden, sollte man kaum glauben, wenn man nicht oft Gelegenheit hätte, es zu sehen. Hier trifft man eine „liebe" Mama, die ihre Börse im Kaufladen um ein ganz Bedeutendes erleichtert, um die naschhafte Begehrlichkeit des „holden" Engels an ihrer Seite zu befriedigen. Dort will das Kleine durchaus nicht einschlafen, aus dem einfachan Grunde, weil es nicht müde ist. Als Betäubungsmittel reicht man die Saugflasche und schaukelt dann unmäßig darauf los. Und endlich dort sieht man den Vater, der einen kleinen, immer verlangenden Krauskopf auf den Schoß hebt, ihn tröstend: „Komm her, mein Kind, sollst auch etwas abhaben!" Und was reicht der unverständige Vater dem Kindlein? — Bier! ja, in manchen Familien sogar Branntwein! Solche Väter, solche Mütter frage ich: Habt Ihr denn kein anderes Beruhigungsmittel für Eure Kleinen? Wenn Ihr noch keine kennt, so sucht danach! Mittel giebt's genug! Suchet nur, Ihr Mütter, die Ihr kraft Eurer Liebe zu Euren Kindern doch sonst so erfinderisch für sie seid, und Ihr werdet das Richtige finden! Kinder müssen schon in ihrer frühesten Jugend daran gewöhnt werden, daß nicht alles nach ihrem Willen geht, daß sie geduldig warten müssen und auch nicht unwillig werden dürfen, wenn es heißt: Entbehren! Welch einen Schatten wirft es auf die häusliche Erziehung, wenn das Kind beim Essen zuerst an den Tisch eilt, zuerst befriedigt fein will, nicht genug bekommen kann u. bergt, m. Solche Untugenden müssen von früh auf unterdrückt werden. So bitte ich nun zum Schluß: Ihr lieben Mütter, welches Standes Ihr auch sein mögt — in der Liebe zu Euer» Kindern seid Ihr ja alle gleich, ob Königin oder Bettlersfrau — bewahrtEure Kinder vor de*r Untugend des Naschens, denn sie ist dieWurzel vieles Uebels. Vermischtes. Immer im Dienst. Erster Lieutenant: „Kamerad, warum lachen Sie so heftig?" — Zweiter Lieutnant: „Dienst! Major gelacht, Oberst wahrscheinlich Witz gemacht!" Kühnes Bild. Gymnasialprofessor (den Aufsatz „Am Meeresstrande" besprechend): „Sie schreiben da: „Wie Duft von jungen Rosen weht es über das Meer zu uns . . ." Sie müssen ein ganz besonderes Geruchsvermögen haben, Meyer, oder — Sie haben die Rosen einfach an den Haaren herbeigezogen!" * » * Vertheidigsr: „. . . Meine Herr'n Geschworenen! Lassen Sie Ihren .Gefühlen und dem Angeklagten freien Lauf!" ♦ * e Ein Nimrod. Kurgast: „Giebt es in dem Wald auch Wild?" — Wirth: „Früher hauste eine Hirfchfamile darinnen, doch kam ein Kurgast, der ein leidenschaftlicher Jäger war; der hat so lang auf die Thiere geschossen, bis sie alle— ausgewandert sind!" * t ♦ Aus dem Gerichtssaal. Richter: „Sie haben einen schweren Einbruch verübt I Wissen Sie denn nicht, welche Strafe darauf steht?" — Angeklagter: „Nee! Bitte, sehen Se mal nach!" * * » Bündige Zurückweisung. Theaterdirector: „Be- dau're, meine Herr'», kann Ihre Sachen nicht aufführen" — Autor A: „Und warum nicht?" — Director: „Ja, sehen Sie, Ihr Stück ist verzweifelnd einfach!" — Autor B: „Und das meine?" - Director: „Ist einfach - zum verzweifeln!" Vermut hung. Einer, der in einem Wirthshaus von einem Anderen einen solchen Tritt bekommt, daß er auf die Straße fliegt: „Alle Welt, die Kraft - das ist gewiß ein Velocipedist!" * * » Zarter Wink- Herr: „Ich war ein guter Freund Ihres verstorbenen Mannes, haben Sie nicht etwas, was Sie mir als Andenken an ihn überlassen könnten?" — Untröstliche Witwe: „Was meinen Sie denn zu mir?' Nicht fo schlimm. Frau A-: „Aber liebe Freundin, was ist denn geschehen, Sie sind erst einen Monat verhei- rathet und ich finde Sie bereits in Thränen?" — Frau B.: „Ja, denken Sie sich, mein Mann ist doch als Reichstagsabgeordneter aufgestellt, ugd jetzt erfahre ich erst aus den Zeitungen der Gegenpartei, was für einen gräßlichen Menschen ich geheirathet habe." Redaction: A. Scheyd«. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in ©ießcti.