1894. Uß Dienstag, den 10. April. SS Die Wallfahrt nach Czenstochau. Roman von Johanna Borger. (Fortsetzung.) Spirtdia war bereits sechs Monate in Mentone, aber ihre Gesundheit hatte keine Fortschritte gemacht. Frau von Bielinska, welche zu ihrer Pflege mitgereist war und dort mit der Kranken ein eintöniges und stilles Leben führen mußte, langweilte sich ungemein. Sie gehörte nicht zu den Leuten, die stch lange mit dem Wohle und Wehe Anderer befassen. Sie sehnte stch nach Zerstreuung und Vergnügen- Das fortwährende Zusammensein mit der nervösen , reizbaren und schwer leidenden Schwiegertochter wurde ihr zur wahren Last. Nun wollte sie nach der langen Entbehrung und Entsagung ihr Leben wieder genießen. Sie Hütte im Kurgarten alte Freunde aus Polen getroffen, die ihr den Vorschlag machten, ein paar Wochen mit ihnen nach Rom zu reisen, um den Car» neval und seine zauberischen Freuden kennen zu lernen. Das kam der Pani Casimira sehr gelegen, der Gedanke, die Götterstadt und ihre Wunder zu sehen, berauschte ste. Sie besann sich nicht lange, sondern willigte sofort ein. Noch in derselben Stunde schrieb sie an Roman und theilte ihm ihr Vorhaben freudig mit- Der Bries der Frau Casimira war ein wahres Meisterstück weiblicher Rasfinirtheit. Sie appelltrte darin an ihres Sohnes Pflichtgefühl und E'oelmuth- Sie wußte ihn zu überzeugen, daß sie nach der längen, aufreibenden Krankenpflege, welche ihre Kräfte vollständig erschöpft hätte, ganz dringend der Erholung bedürfe. Sie beschwor Roman, schleunigst nach Mentone zu kommen, ba Spirtdia, der es recht schlecht gehe, ein Wiedersehen mit ihr« wünsche. Dieselbe wäre sehr bekümmert über die lange Trennung und flehe ihn an, recht bald zu kommen. Sie ber eue bitterlich die vielen Mtßhelligketten und Zerwürfniffe mit ihm und hoffe bestimmt, daß er ihr die letzte schlimme Zeit micht nachtragen würde. Roman möge die arme Kranke nicht rrmsonst hoffen und warten, und wenn er nicht käme, vor Kukumer und Sehnsucht sterben lassen.. Die letzten beiden Zeilen waren doppelt unterstrichen. Der junge Ede lmann hatte nun ein halbes Jahr ein ruhiges, doch thätiges Leben geführt und seinen Frieden und die alte Lebenskraft wiedergewonnen. Er war kein glücklicher Mensch, aber die tiefe Schwermuth war von seinem Wesen gewichen. Er erw artete nicht mehr viel, aber er hatte doch resignirt stch in sei-n Schicksal gesunden, sein Gemüth war still. Da erhielt er den Brief seiner Mutter. Ihre Worte gingen wie ein Sturm durch seine Seele und er besann sich keinen Augenblick, ihren Wünschen Folge zu leisten. Er hatte sich die Pflicht zur Richtschnur seines Handelns gemacht und wußte, was ihm dieselbe auch jetzt zu thun gebot. Seine Mutter war müde und erschöpft, sie konnte die Kranke nicht mehr pflegen, es mar nichts einfacher und natürlicher, als daß er ihr zur Hülfe kam- Spiridia war feine Gattin, sein Platz war an ihrer Seite. Und sie, die leidende, schwache Frau, sie ersehnte sein Kommen. Vielleicht war es ihr letzter Wunsch, grausam wäre es, wenn er nicht sosort an ihr Krankenbett eilte. An die tausendfachen Kränkungen dachte Roman in diesem Augenblick nicht mchr, sein Sinn war zu edel dazu. So schnell als möglich machte er seine Vorbereitungen zur Reise. Dem wackeren Jnspector und der alten getreuen Michalina übergab er die Schlüssel und empfahl ihrer Obhut Hau» und Hof. Beide sahen ihren gütigen jungen Herrn nur ungern scheiden. Noch in derselben Nacht reiste Roman nach dem Süden ab, doch dauerte es einige Wochen, ehe er sein Ziel erreichte, denn in damaliger Zeit waren die Verkehrsmittel noch sehr mangelhaft. Demungeachtet suchten bereits viels Kranke in der weichen, milden Luft der Riviera Heilung ihrer mannigfaltigen Leiden. Allerdings fand man noch keine eleganten Hotels, zierliche Villen, faubere Promenaden oder den vornehmen Luxus eines modernen Badelebens an diesen unvergleichlichen Gestaden vor, dafür tummelte sich noch das echte lärmende, genügsame und faulenzende italienische Volksleben in völliger Ursprünglichkeit in den uralten malerischen Bergnestern und wunderlichen Städtlein umher, während die Landschaft mit denselben entzückenden und ewig wechselnden Reizen geschmückt war wie jetzt. Die Sonne ergoß damals wie heute ihre goldenen Lichtstrahlen über waldige Höhen und schneeweiße Bergkuppen, über blühende Rosengärten, liebliche Orangen- und Palmenhaine, über hell leuchtende Kirchen und Ortschaften und auch über das blaue Meer, das in unzähligen malerischen Buchten und Golfen diese paradiesischen Gefilde umspült- Roman hatte endlich Mentone erreicht. Es war gegen Abend: der glühende Feuerball der Sonne versank bereits in das Meer, aber die himmelblauen, ockergelben und braunrothen Häuser leuchteten noch hell und glänzend aus den dunklen Zypressen und Pinien hervor. Die kleine Stadt war gleich« sam eingebettet in ein schimmerndes, duftendes Blumen- und Blätter aewirr, aus welchem Citronen, Orangen und Mandarinen winkten- Da neigten sich königliche Palmen über die alte, mit E vbeu umzogene Befestigungsmauer, dort kletterte das graziöse Gezweig de» Pfefferbaumes weit über die Dächer, da rankten - E sä W blühende Rosen um Fenster, Mldstöcke und Lauben, da waren große Beete mit Maiglöckchen, Veilchen und Nareiffen bedeckt, während immergrünes Gesträuch überall wild empor wucherte. Wie ein Königskind mit allen Reizen geschmückt, lag das liebliche Mentone zwischen dem blauen Meere und der hohen Bergwand des Cap Martin, das, wie ein Riese in die Lüfte ragend, es vor jedem rauhen Luftzug beschützte. In den Straßen und Gaffen des Städtchens herrschte noch e n rühriges Treiben. Wie überall im Süden, wurde au$ «L m ^ien gekocht, gearbeitet, geschwatzt, gelärmt und nach Kräften herumgelungert. Das ganze Famlltenleben spielte sich ungenirt öffentlich ab. Da stand eine junge Mutter mit ihren hübschen, aber keineswegs sauberen Sprößlingen und briet ihre Fische in Oel. Dort trockneten ein paar gluthäugige Dirnen die unvermeidliche Wäsche über dem Zaun. Malerisch jumpte Kerle lagen faulenzend im Grase oder auf dem Pflaster, während an der Straßenecke ein bildschöner Bursche dw Mandolinata aufspielte, nach deren Weisen sich die Jugend Mentones lustig im Reigen drehte und zugleich mit Jauchzen und Schreien das allgemeine Schlaraffenleben vermehrte. Roman klomm durch ein Labyrinth winkliger, enger Gäß- » nur durch schmale Treppen den Zugang er- möglichten, bergaufwärts. Ein niedriger, gewölbter Thorbogen schloß das verzwickte und ineinander genestelte Häusergewirr und eröffnete den Weg zu einer weit in das Meer vorspringen» den felsigen Landzunge, auf welcher sich die Landhäuser der Fremden, der „Jnglesi", befanden. Diese waren wahre Schmuckkästchen an Zierlichkeit und Sauberkeit. Hier und da mit einer Loggia oder einem mit Schlingpflanzen umrankten Balkon versehen, hoben sie sich wesentlich von den planlos gebauten und mit dem Wahrzeichen echt italienischen Schmutzes überzogenen Häusern der Mento» neser ab. Fast wie an den Berg geklebt, mit freier Aussicht auf das weite, blaue Meer, lag inmitten eines hübschen Gartens das villenartige Gebäude, welches Frau von Bielinska nebst Spiridia und einiger Dienerschaft bewohnte. Hier oben war es einsam und still, nur zuweilen strich der Wind mit leisem Klingen und Singen durch die immergrünen Bäume und von unten herauf rauschte und brauste das Meer und sang seine melancholischen Weisen, welche zu allen Zeiten das Menschenherz mit wunderbarem Zauber ergreifen. Als Roman vor dem Landhause anlangte, traf er seine Mutter im Garten. Sie war hoch erfreut, sie hieß ihn freundlich willkommen, sie küßte und herzte ihn. „Wie geht es Spiridia?" fragte er. „Nicht besonders, ich habe viele Last und Plage mit ihrer Pflege gehabt und bin matt und elend davon. Aber seltsam ihr Wesen ist ganz verändert. Du wirst erstaunt sein; sie klagt nicht mehr und zankt .auch nicht mehr, sie ist weder eigen- finnig noch verdroffen. Mit einem Worte, sie ist sanft und geduldig wie ein Lamm." „, «Ich werde jetzt bei meiner Frau bleiben und Dich ablosen, Maruschka," sagte Roman schnell. „Du mußt Dich erholen, Du mußt morgen schon nach Rom abreisen, Gräfin Antonia kommt auch in nächster Zeit, ich habe ihr geschrieben, daß Spindtas Zustand Besorgnisse erregt." «n V' ist, gut, denn sie sehnt sich zuweilen nach ihrer Mutter, sie wird sich freuen. Ach, Roman, Spiridia ist wirk- lich recht krank, sie fiebert fortwährend und weint sich die Augen roth. Ich glaube, wenn es nicht bald besser wird, macht sie er nicht lange mehr!" Ehe Frau Casimira zu Ende geredet hatte, wandte Roman sich dem Hause zu. Er schritt rasch durch die Vorhalle und öffnete leise die Thür zum Salon. Spiridia saß, in Kissen und Polster gepackt, am Fenster, eine warme Decke über ihre Kniee gebreitet, und die kleinen, marmorweißen Händchen spielten mit einem halbwelken Blumenstrauß. v cn?te Mte Frau erschien beim ersten Anblick noch ueblich und anmuthig, nur bei näherer Betrachtung mußte man bemerken, wie verheerend die schleichende Krankheit gewirkt hatte. Auf ihren Wangen brannte eine hektische Wthe und die schwarzen Sammetaugen glänzten fieberhaft; sie war mager und hinfällig geworden. a Als Roman in das Zimmer trat, blickte sie müde zu ihm auf, aber sie schien dennoch erfreut durch sein Kommen. „Das ist sehr freundlich von Dir, lieber Roman," sagte sie sanft. „Willst Du nun bei mir bleiben und Geduld mit mir haben — bis Alles zu Ende ist?" Er streckte erschüttert die Arme nach ihr aus, er faßte die kleinen kalten Hände und küßte sie. »Ich verlasse Dich nicht wieder," erwiderte er im ernsten Tone. „Aber denke nicht an den Tod — Du wirst leben, Spiridia, leben und gesund werden!" L, Ihre Hand lag zitternd in der seinen. „Rein, Roman, diesmal wird es Ernst, ich fühle es. - Und es ist gut so. - Du kannst keine Frau brauchen, die — die--Aber ich wollte Dich gern noch einmal sehen und Dich um Verzeihung bitten." „Ich habe Dir nichts zu verzeihen. Alle» ist längst ver- ziehen und vergessen!" «Ich danke Dir« Roman, mein guter, lieber Mann," hauchte sie mit stockendem Athem. „Und jetzt wirst Du mich noch ein wenig gern haben, nur ein klein wenig — und sehr lange soll es nicht dauern. Aber bis dahin sei gut zu mir, iL bitte Dich darum." Eine feine Röthe stieg in ihr blasses Gesicht. Diese Worte und noch mehr der Ton, in dem sie gesprochen wurden, überwältigten Roman, er legte seinen Arm um ihre Schultern und streichelte mit der anderen Hand ihr abgezehrtes Gesicht. „Arme Spiridia," sagte er weich, „arme, kleine Frau. Ich bleibe bei Dir und pflege Dich, bis Du vollständig ge- nesen bist." Sie schüttelte leise den Kopf. „Ich werde nicht wieder gesund, aber ich möchte meine letzten Stunden und Tage in Frieden mit Dir verleben, mein guter Roman. — Und — ich denke, ein paar Augenblicke des Glücks sind nicht zu theuer mit dem Tode bezahlt. Ich will auch einmal vollkommen glücklich sein, nur einmal int Leben — und dazu bedarf ich Deiner Verzeihung, Deiner — Deiner — Liebel" Ganz sprachlos vor Bestürzung und Staunen hörte er Spirtdias Worte, feine Herz füllte sich mit Mitleid und Rührung. Plötzlich durchzuckte ihn die Erkenntniß einer schrecklichen Wahrheit. Wie er bisher nur die Schattenseiten an dieser ihm unsympathischen Frau, die jetzt so hülflos, niedergeschlagen und resignirt in ihren Kissen kauerte, wahrgenommen hatte, so sah er jetzt auf einmal in ihr wett geöffnetes Herz hinein. Sie hatte ihn lieben gelernt und sich nach seiner Zuneigung gesehnt. Aber er ahnte und wußte nichts davon, und wie eine zarte Blüthe ohne Pflege verkümmert, so hatte er auch diese Menschenblüthe ohne Verständniß, ohne Liebe und Fürsorge langsam verschmachten lassen und sie zu all' den Qualen, den Bitterkeiten verdammt, welche aus gekränktem Stolz, verschmähter Liebe und Krankhöit entspringen. Wie hatte sie sich ihm einst voll kindlicher Zuversicht anvertraut und ihm freudig ihre ganze Zukunft zu eigen gegeben, und was hatte er aus ihrem Leben gemacht? Roman war wie zerschmettert, es nrttrbe dunkel in ihm. Voller Reue und Gewissensangst richtete er traurig seine Blicke auf ihr vergrämtes Gesicht. Sie faß ruhig und gelassen da, nur ihre schwarzen Augen hingen ängstlich und in banger Frage, wie die' eines furchtsamen Kindes, an den seinen. Und als wäre bereit.» Alles abgethan, so gleichmüthig sprach sie noch einmal von ihrem Sterben. Es war klar, ihr Herz war gebrochen, es hakte keine Wünsche und Hoffnungen mehr. — Rur ein paar Augenblicke des Glückes, der Liebe erflehte sie noch. Wodurch hatte sie ein so elendes Schicksal verdient? Romans Herz blutete. Er, der noch vor Kurzem diese launische, nervöse Frau als den Fluch seines Daseins betrachtete, fühlte plötzlich ein anderes, freundlicheres Empfinden seine Brust durchströmen. Unendliches Erbarmen, imaiges Mitgefühl und warme Freundschaft erfaßte ihn für Gpiridia. Alles, was fein Herz geben und verschenken konnte, wollte er gern Zer armen Sterbenden zuwenden. Er streichelte ihr dunkles Köpfchen, er umschloß ihre Hände noch fester. „Sprich nicht vom Tode, theure Spiridia," sagte er innig. „Ich gebe noch lange nicht alle Hoffnung auf, daß mein arme» Frauchen wieder genesen kann. Und ich will Alles thun, damit es bald bester wird — ich will für Dich sorgen, Dich hegen und pflegen wie mein höchstes Gut. Du sollst nicht mehr unverstanden, verlassen und einsam Deine Tage vertrauern, mein Hoffen und Wünschen schließt stch fortan an das Deine an. Was Noch an schweren Prüfungen kommen soll, will ich gemeinsam und in treuester Freundschaft zusammen mit Dir tragen!" „Das wolltest Du thun, Roman?" stammelte sie. Ein verklärender Ausdruck von Freude und Glück flog über ihr bleiches Gesicht. „Du willst mich pflegen, mich lieb haben, mich glücklich machen? Ach, gütige Jungfrau Maria, ach, Christus, wie soll ich Euch danken! Weißt Du, Roman, wenn Du mich ganz verstoßen hättest, so wäre ich sicher in geistige Nacht versunken. Doch Du bist mein guter Engel, Du rettest mich. Und meine vielen Fehler vergibst Du, nicht wahr? Ich habe sie längst bitter bereut. Und später, wenn Alles vorüber ist, dann denkst Du nicht mehr in Groll an mich? Nicht wahr, mein guter, geliebter Mann?" Roman blieb stumm. Tief erschüttert schloß er das zitternde, schluchzende Weib in seine Arme und küßte ihren blassen Mund. In diesem ersten zärtlichen und aus warmem Herzen kommenden Kusse verhauchte ihm jedes Wort. Spiridia ließ ermattet ihr Haupt auf die Brust sinken, ihre Wangen rötheten sich höher und in den müden Augen leuchtete ein Heller Strahl von Glückseligkeit. Aber auch sie sprach kein Wort. Dann trat auch Frau Casimira herein, halb bange, halb neugierig. Ihr erster Blick fiel auf das versöhnte Paar. Spiridia ruhte sanft in Romans Arm, Beider Hände waren innig verschlungen. Das Gesicht der alten Dame verklärte sich. Endlich war Alles gut und recht, endlich hatten sich ihre Herzen gefunden. Gott sei gepriesen, nun brach ein neues Leben an, nun konnte sie auch ganz ohne Gewissensbisse nach Rom reisen, nun durfte sie sich mit Lust am »Carneval ergötzen, denn Roman war da und wachte mit Zärtlichkeit über seine arme, kranke Frau. Am nächsten Tage war das junge Ehepaar allein, Frau von Bielinska war abgereist. Roman pflegte Spiridia mit unermüdlicher Sorgsamkeit, er hatte unzählige kleine Aufmerksamkeiten für sie, welche sie mit Rührung und Dankbarkeit entgegennahm. Alle ihre Wünsche waren ihm Befehle, er trug sie buchstäblich auf Händen und verließ sie keine Stunde, weder bei Tage noch bei Nacht. Sein krankes Weib schien ihm das Kostbarste, was die Welt besaß, sein Heiligthum. Doch Spiridia wurde mit jedem Tage schwächer und elender, aber sie grämte sich nicht mehr. Sie sah dem Ende mit Ergebung entgegen; Gott hatte ihr den letzten Wunsch erfüllt: sie hatte sich mit ihrem Gatten versöhnt, sie hatte seine Freundschaft gewonnen und durfte noch eine Zeit lang unaussprechlich glücklich sein. Nun wollte sie ruhig sterben. So vergingen mehrere Wochen. Das Wetter war herrlich, die Natur prangte in unbeschreiblicher Lieblichkeit. Der kleine Kurort schwamm in einer wahren Fluth von Licht und Glanz und durch die warme Luft zog ein süßer Duft von Blumen und Früchten. Und ein Tag schien immer köstlicher als der andere, der blaue Himmel wölbte sich wolkenlos über der paradiesischen Landschaft, das blaue Meer leuchtete in der Sonne, wie mit Millionen funkelnder Brillanten überstreut, und weiße Segel glitten langsam über die glänzende Fläche und noch weißere Möven schwebten darüber hin und badeten sich im goldenen Sonnenschein. Roman hatte Spiridia in den Garten getragen an den freundlichsten Platz. Dort stand eine große Cypreffe und darunter eine Rasenbank. Er bereitete ihr aus Kiffen und Decken ein bequemes Ruhelager und bettete sie sorglich darauf, da sie schon zu schwach war, um aufrecht zu sitzen. Die Krankheit hatte sich sehr rasch weiter entwickelt, es gab keine Hoffnung auf Genesung mehr — die arme Frau war rettungslos dem Tode verfallen. Roman setzte sich zu ihr und sie schmiegte sich sanft an ihn. Ihre großen, schon halb umflorten Augen schweiften langsam über die schöne Landschaft hin, die vor ihnen ausgebreitet lag. Der erste rosige Abendschein färbte dieselbe mit Purpur und Gold, und purpurne Wölkchen schwammen am Himmel. Alles rings umher war herrlich und groß, erhaben und schön. Von der Kirche der Madonna della Sedia tönte das Ave-Maria-Läuten herüber und oben im Wipfel des Baumes fang ein Vogel fein Abendlied. Der Tag war zur Rüste gegangen. Spiridias halb verschleierter Blick schweifte hin und her, er folgte den Wolken und dann wieder den auf- und nieder- gleitenden Fischerbarken auf der blauen Meeresfluth, er ruhte eine Weile aus den hohen Bergen, auf den Palmen- und Olivenwäldern, und haftete dann auf der freundlichen Stadt mit den bunten Häusern und rothen Dächern. Und in ihrer Seele fing es leise zu klingen an, eine Sehnsucht nach dem Leben, nach Jugendfreude, Liebe und Lust erfaßte sie plötzlich — zum letzten Male. Sie richtete stch empor, ihre Augen leuchteten auf. „Roman, sieh' die herrliche Welt," sagte sie. „Dort das Meer und die schneeigen Kuppen der Alpen. Ach sieh', wie schön! Und rings um uns her die Palmen und Rosen. Wie das duftet und grüßt und winkt I Und in dieser herrlichen Welt, so nahe mir, bist Du, mein Freund, mein Licht, mein Stern! — Wie wunderschön ist doch das Ende für mich!" Sie stützte ihre Hand auf seine Schulter und neigte stch zu ihm. „Roman," flüsterte sie. „Roman, ich fühle, daß ich sterbe — sterben muß. Versprich mir, daß ich hier ruhen darf unter den Rosen und Palmen Mentones, wo ich den Frieden fand." Ihn übermannte der Schmerz, er warf sich auf seinen Sitz zurück und seufzte laut. Endlich sagte er: „Spiridia, mein armes, armes Weib, ich verspreche es Dir!" Sie nickte befriedigt, dann sah sie ihn lange und unverwandt an, als wolle sie sein Bild mitnehmen in eine andere, schönere Welt. Plötzlich erbleichte sie, ihr Athem stockte, die müden Augen schloffen sich. Roman sprang erschrocken auf, kniete nieder und umfaßte mit beiden Armen die fast leblose Gestalt, er weinte und schluchzte vor Angst und vor Schmerz. „Weine nicht, weine nicht," hauchte sie ängstlich. „Wenn es doch sein muß, ist es besser, Du trauerst nicht so sehr. — Ach, Roman, in Deinen Armen stirbt es stch so schön!" Ein Lächeln seliger Befriedigung verklärte ihr wachsbleiches Gesicht. Sie öffnete noch einmal die Augen, ihr letzter halbgebrochener Blick gehörte dem geliebten Manne an. „Roman, mein Freund," flüsterte sie fast unhörbar, „es wird dunkel, ich sehe Dich nicht mehr, Roman!" — Ihre Stimme erlosch mit seinem Namen. Dann stand ihr Athem still. Sie war sanft und friedlich entschlummert, ohne Kampf und ohne Ringen. Das Sterben war ihr zur Erlösung geworden. Er drückte ihr sanft die Augen zu, heiß und unaufhaltsam flössen seine Thränen in das stille, blasse Gesicht der tobten Frau. lieber den Garten breitete sich das Dunkel der Nacht. Der Vogel hatte sein Lied beendet, er hob seine Schwingen und flog über das Meer. Und in den Wipfeln der Palmen flüsterte und raunte es wie leiser Kirchengesang. * » * Spiridia war seit einer Woche begraben, unter den Pinien und Palmen Mentones, wie sie es gewünscht hatte. Eine Rosenhecke umschloß ihre Gruft und Rosen in reizender Fülle waren darüber gestreut, auch das schwarze Eisenkreuz, das ihren Namen trug, war mit Rosen umkränzt und die goldenen 164 Sonnenlichter huschten darüber hin und her und küßten den duftenden Rosenhügel. Gräfin Antonia, durch Unpäßlichkeit verhindert, früher zu reisen, war gerade zur rechten Zeit nach Mentone gekommen, um der Beerdigung ihrer Tochter beizuwohnen. Sie hatte ihr einziges Kind verloren, sie hatte es ansehen müssen, daß man ihr das Liebste auf den Kirchhof trug, ach, sie war untröstlich. Aber sie litt schweigend und ohne Klagen, sie schloß ihren Schmerz in ihr tiefstes Herz, wie es stets ihre Gewohnheit ge- wesen war. Sie wußte nichts davon, daß Roman eine so überaus un» glückliche Ehe mit Spiridia geführt hatte, sie konnte es nicht wissen, da Beide sich niemals bei ihr darüber beklagt hatten. Auch Frau Casimira hatte ihre triftigen Gründe gehabt, zu schweigen. Denn ogleich ihr mitunter das Zusammenleben mit den so wenig harmonirenden Kindern unerträglich war, so wußte sie sich doch immer mit den mannigfachen Vorzügen und Genüssen, welche der Reichthum ihr jetzt bieten konnte, zu entschädigen und zu trösten. Nun war Spiridia tobt, nun war Alles vorüber, sie starb versöhnt- Wer hätte es gewagt, jetzt noch den Schleier von der Vergangenheit zu ziehen und das bekümmerte Mutterherz mit noch größerem Schmerz zu kränken! (Schluß folgt.) Schaufenster-Ausstattung. Von der Ausstattung der Schaufenster hängt nicht zum kleinsten Theil der Erfolg eines Ladengeschäfts ab, denn ein anziehendes Fenster bringt bei manchen Artikeln mehr Käufer als Säulen voll Anschläge. Die folgenden Rathschläge, welche der „American Stationer" ertheilt, werden für manchen Leser einen oder den andern nützlichen Wink enthalten. Das Schaufenster soll so groß wie möglich gemacht werden. Je näher man mit dem Glas bis auf den Fußboden herabgehen kann, und aus je weniger Scheiben es zusammen» gesetzt ist, desto vortheilhafter ist die Wirkung. Den Boden, die Seiten und die Rückwand des Schaufensters, letztere 3 bis 4 Fuß hoch, bekleide man mit einfarbigem Tuch. Dunkelblau oder Roth sind gute Farben. Die Maaren heben sich gegen einen dunklen Hintergrund besser ab, die Umrisse werden deutlicher. Hat man zwei Schaufenster, so sollten beide gleich behandelt werden, damit man sieht, daß sie zum gleichen Laden gehören. Um dunklen Sachen bessern Hintergrund zu geben und mehr Abwechslung zu erzielen, unterbreche man an einigen Stellen den dunkeln Belag durch hellfarbige Auflagen. In vielen Fällen bilden Spiegel einen günstigen Hintergrund. Sie werfen mehr Licht in das Fenster, verschärfen die Umrisse der ausgestellten Maaren und lassen das Schaufenster größer erscheinen. Die meisten Leute werfen gern einen Blick in einen Spiegel, wenn es unauffällig geschehen kann, und unwillkürlich sehen sie dabei auch die ausgestellten Sachen an. Für eine Schau-Ausstellung ist Licht eben so wichtig wie für ein Gemälde. Das Licht muß von vorn oder von oben einfallen, durch Beleuchtung von hinten werden die Umrisse undeutlich und die Farben verschwommen. Ein künstlicher Hintergrund, welcher das Licht von hinten abhält, ist daher zu empfehlen. Wenn die Beleuchtung nicht richtig ist, kann man sich tagelang mit Gruppirung der Maaren abmühen, ohne ein geschmackvolles Schaufenster zu Stande zu bringen. Die Gas- oder anderen Flammen sollten so bedeckt werden, daß sie von der Straße aus nicht zu sehen sind. Das Licht lasse man durch polirte Reflectoren derart abwärts und rückwärts fallen, daß sämmtliche ausgestellte Maaren mit hellem, warmem Licht übergossen werden. Oft ist er wirksam, die Läden bis etwa 4 Fuß vom Boden des Fensters herunterzulassen; der obere Theil erscheint dann sehr dunkel und der offene Theil doppelt hell. Aeußerst wirksam sind electrische oder Gas-Glühlichter, welche abwechselnd in verschiedenen Farben leuchten. Richtig zu gruppiren ist eine schwierige Kunst. Die meisten Verkäufer gehen von der grundfalschen Ansicht au», daß sie Muster von all ihren Maaren ausstellen müssen. Ein überfülltes Fenster macht aber keinen Eindruck, und der Vorübergehende sieht nur ein verworrenes Bild. Wähle gut zufammenpaflende Farben. Werden wenig Gegenstände ausgestellt, so sind sie weit vom Glas gegen einen kräftigen Hintergrund zu gruppiren. Einfachheit in der Ausstellung, sodaß man sie auf den ersten Blick übersehen und verstehen kann, ist am wirksamsten. , Man darf nie vergessen, daß durch die Schaufenster hauptsächlich Vorübergehende angezogen werden sollen, die keine Absicht hatten, zu kaufen. Ihre Aufmerksamkeit muß daher durch etwas besonders Anziehendes erweckt werden. Ein Artikel darf einen andern von gleicher Farbe nicht theilweise verdecken. Man lege nicht zu viele kleine Gegenstände auf den Fensterboden. Wenn immer möglich, sollte etwas sich Bewegende» im Schaufenster angebracht werden, um Aufmerksamkeit zu er» wecken. Ein sich langsam drehendes Gestell, auf welchem die hübschesten Sachen ausgelegt sind, ist bei geschickter Anord» nung sehr wirkungsvoll. Zum Reinigen des Glases wählt man einen bedeckten Tag. Vorerst wird alles Holzwerk gewaschen, dann mit einem Malerpinsel das Glas innen und außen abgestäubt. Dies ist nöthig, um zu verhüten, daß das Glas durch Hin- und Her» wischen des wie Schmirgel wirkenden Straßenstaubcs auf der Fläche vorzeitig blind werde. Zum Abwaschen des Glases verwende man warmes Wasser mit Ammoniak, nicht Seife. Dann wird mit einem Baumwolltuch abgerieben und mit Seidenpapier oder alten Zeitungen nachgewischt und polirt. Um im Winter Eisansatz am Schaufenster zu verhüten, bringt man unten und oben im äußern Rahmen eine Reihe von Löchern an und schließt das Schaufenster nach innen mög- lichst ab. Auf diese Weise entsteht ein Luftzug im Schaufenster, die innere und äußere Temperatur bleibt dieselbe, und das Fenster kann sich nicht mit Eis bedecken. Diese Einrichtung ist jedoch nur zulässig bei Maaren, die Frost vertragen können. Wo dies nicht der Fall ist, legt man ein Blechrohr von etwa 3 Centimeter Durchmesser unten die Scheibe ent» lang. Die Röhre hat oben eine Menge feiner Oessnungen und ist an einem Ende glockenförmig ausgebauscht und abwärts gebogen. Unter die Glocke setzt man eine Flamme, welche bewirkt, daß aus all den kleinen Oeffnungen der Röhre warme Luft am Glase aufsteigt und das Gefrieren verhindert. Um das im Rohr sich bildende Wasser abzuleiten, lege man die Leitung ein wenig aufsteigend an. Vermischtes. Dem Gehege der Zähne eines ebenso gelehrten wie zorn- müthigen Oberlehrers ist jüngst in der Sekunda eines Berliner Gymnasiums folgendes Wort entflohen, das den bösen Buben viel Freude bereitet hat: „Sie — Sie bilden sich wohl ein, daß Sie hinter meinem Rücken mir auf der Rase herumtanzen dürfen!" ■ * t * Modern. Fräulein: „Ach sagen Sie, Herr Schmidt, haben Sre in letzter Zeit einmal den Herrn Schwalbe ge- sehen?" - Schmidt: „Hm — vor etwa 2 Wochen." - Fräulein: „Wenn Sie ihn wieder einmal treffen, dann bitte, ermnern Sie ihn doch daran, daß wir verlobt sind!" Redactwu: A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) iu Gießen. ß' rr noch nehn Gest Verß heißl wiest ein ( auf war oft 1 nun, einsa groß in si tnälii in se an d verla ihn, anbei blont Sam wiga wirst Erde ich 3 immk sam nahe was nun streit! vertr mein lebtei Meer üben