—'<9 ---b±=r-—w —q>^' Antevhaltnngsblatt jum Gi«hen«e Anzeiger sGeneral-Anzeigers Samstag, den 8. Deeember. Rechte Liebe. Novelle von H. Limpurg. ------- (Nachdruck verboten.) Es war Manöverzeit, lieber die Stoppelfelder galop- pirte eine glänzende Reiterschaar dem nächsten Dorfe zu, dessen Kirchthurmspitzen zwischen ven Baumkronen bereits hervorschimmerten. Die Reiter waren eine Abtheilung brauner Husaren, deren Anführer, Major von Sendrach, gar stattlich im Sattel saß. Er mochte im Beginn der vierziger Jahre stehen, seiner ritterlichen Gestalt stand die knappe Uniform gut, dem ernsten, schönen Gesicht verlieh der dunkle Schnurrbart noch einen ganz besonders interessanten Ausdruck, ebenso auch die etwas schwermüthig blickenden Augen. Reben dem Major ritt sein Adjutant, Lieutenant Baron von Bärfeld, ein Salonlöwe vom reinsten Wasser, der durch sein duftendes Haupthaar und den stets musterhaft gepflegten langen Schnurrbart im Regiment eine Rolle spielte, freilich auch nur allein deshalb. Er war mit Leib und Seele beim Manöver, spielte aber auch überall, wohin ihn das Schicksal in'» Quartier brachte, den Liebenswürdigen und fing sogleich Feuer heute für blaue, morgen für schwarze Augen, bald für blonde Flechten, bald für krauses, braunes Lockenhaar. Schlug dann aber die Abschiedsstunde, dann entfloh der treulose Amor auch aus seinem Herzen und machte es bereit, neue Eindrücke in sich aufzunehmen. Heute besonders war der Herr Lieutenant sehr vergnügt und spähte, das Monocle im Auge, eifrig an der gelbgrünen Buchenhecke, welche den Garten eines Guts- und Schloßhofes umgab, entlang, ohne jedoch ein lebendes Wesen zu entdecken. „Suchen Sie Jemanden, Baron Bärfeld?" frug Major von Sendrach, halb belustigt dem auffallenden Gebahren zusehend. „Hm, wie man es nimmt, Herr Major. Wir kommen heute zu meinem Onkel gleichen Namens, Bruder meines Vaters, in Quartier und — und —" „Ah, da sind wohl einige hübsche Cousinen in Sicht?" „Jawohl, Herr Major. Ein ganz famoses Mädchen, meine kleine Base Ada, die ich nur als Kind gesehen habe." „Aber ich denke, Sie finden die junge Dame so famos, bester Baron?" „Ah, dem Bilde nach ist sie eine Schönheit, ich freue mich sehr, die schöne Cousine zu sehen- Ah, da war Jemand I" Er richtete sich im Sattel höher auf, gerade als eine alte Gartenfrau, das Kopftuch tief in die Stirn gezogen, sich *6er die Hecke bog und neugierig die Ankommenden musterte. ? Major von Sendrachs ernste» Antlitz erheiterte sich un- , willkürlich. „Ist das die schöne Cousine, Herr Lieutenant?" frug et launig. „Darf ich bitten, mich vorzustellen?" Bärfeld machte gute Miene zum bösen Spiel und lachte, doch spähten seine Blicke immer weiter — bis der neckische Zufall denselben das gewünschte Ziel gab- „Dort, Herr Major," stieß er aufgeregt hervor und zog die Zügel seines Pferdes so stark an, daß es hoch aufbäumte, „dorr am Weinspalier steht eine junge Dame, das muß die Cousine Ada fein." Eine hohe, schlanke Mädchengestalt bog sich anmuthig bald hierhin, bald dorthin, um mit zarten Händen die dunkelblauen Trauben zu pflücken; unter dem breiten Hute ließ sich nichts von dem Gesichte sehen, das Einzige, was bi» zu den Ankommenden leuchtete, war ein dicker, glänzender Knoten blonden Haares. Das Pferdegetrappel und Geräusch der anrückenden Husaren war bis zu den Ohren der jungen Dame gedrungen, sie wandte sich aber nur halb um und rief dann, ruhig ihre Arbeit fortsetzend, in das eine offene Fenster hinein: „Mama, die Einquartierung kommt!" Die helle, melodische Mädchenstimme drang bis zu den Ohren der Offiziere, und Sendrach wandte sich mit leichter Ironie zu seinem eleganten Adjutanten: „Sie sehen, Herr von Bärfeld, wir gehören ohne Ausnahme zu dem einen Sammelnamen: die Einquartierung. Sind Sie darüber nicht ganz empört?" „Hm, Cousine Ada wird schon bald günstiger über mich urtheilen lernen," sagte er mit all' der selbstgefälligen Eitelkeit seiner Lieutenantsjahre; „es fängt sich doch unter Verwandten der Verkehr viel leichter an." „Run, vielleicht wird dies Manöver Ihrer Schmetterlingsnatur endlich einmal gefährlich," antwortete der Major, fein Pferd links in den Schloßhof lenkend, „und bringt uns eine junge schöne Frau mehr in's Regiment." Der Schloßherr, Baron von Bärfeld, ein jovialer, liebenswürdiger Mann in den besten Jahren, begrüßte die Herren sehr freundlich und schüttelte dem neuauftauchendeu Reffen kräftig die Hand. „Steh' da, Egon," rief er heiter, „also als schneidigen Husar sehe ich Dich endlich einmal wieder! Bei unserem letzten Zusammentreffen warst Du noch ein hoffnungsvoller Cadett, dessen Censuren sich in bunter Abwechselung bewegten." „Wir kommen als ungebetene Gäste, Baron Bärfeld," bemerkte Major Sendrach, welcher indessen aus dem Sattel gesprungen war und fein Pferd dem herbeigeeilten Burschen übergab, ,,sür acht Tage müssen wir mit noch fünfzehn Mann Husaren bei Ihnen um Gastfreundschaft bitten." „Die Ihnen auch mit größter Freude gewährt wird, Herr Major," antwortete verbindlich der Schloßherr- „Nun bitte ich aber, meine Herren, mir zu folgen, damit ich Ihnen Ihre Zimmer anweisen kann; Sie werden müde und bestaubt sein." Drüben am anderen Ende des Gutrhofes trat im selben Moment jene schlanke Mädchengestalt von vorhin aus der Gartenpforte und blieb noch einen Moment zögernd stehen, bis die Herren im Innern des Schlosses verschwunden waren, dann schritt auch sie leichtfüßig voran- Es war ein ganz allerliebstes, rosiges und regelmäßiges Gesichtchen, welches unter dem großen Schutzhute sich verbarg; tiefblaue Augen blickten so heiter in's Leben, als gäbe es nichts von Sorge und Angst darin, um den frischen, rothen Mund lag ein munteres Lächeln und Fräulein Ada murmelte vor sich hin: «Da sind sie nun! Was blasen die Trompeten Husaren heraus ! Es wirb eine ganz lustige Zeit werden und ich muß Marie aus ihrem Romanlesen aufstöbern, um ihr die Neuigkeit mitzutheilen, daß der Schwadronschef mit seinem Adjutanten und fünfzehn Mann Husaren unser einsames Schloß überfallen und sich darin festgesetzt haben." Sie lachte silberhell und schlüpfte in's Schloß, um droben im luftigen Thurmzimmerchen anzupochen. „Jst's erlaubt, Marie?" frug sie, neckisch zur Thür hereinblickend, „oder bist Du noch ganz in Deine Romane vertieft?" Das junge Mädchen, welches drin auf dem Divan faß, hob langsam den Kopf und blickte die Sprecherin aus feuchten, dunklen Augen an. „Er hat sich soeben eine Kugel vor den Kopf geschossen, Ada," sagte sie so tragisch, daß ihre schöne Freundin in Helles Gelächter ausbrach. „Aber weshalb stimmt Dich das so lustig — ich finde es sehr traurig." „O, liebste Marie, tröste Dich, Du bekommst lebenden Ersatz für Deinen tobten Helden; soeben ist die Einquartierung einpajsirt!" Wie von einer Feder emporgeschnellt, fuhr Marie in die Höhe- „Was Du sagst, Ada! Sind's auch Offiziere?" „Ja," nickte diese ironisch, „der Schwadronschef, ein Major, und sein Adjutant; Papa sagt, es sei Vetter Egon Bärfeld, der sich schriftlich schon anmeldete." „Aber das ist ja reizend und das sagst Du mir jetzt erst," jubelte Maria von Pohl, Adas Psnstonsfreundin, welche für einige Wochen zu Besuch da war. „Da müssen wir zu Tisch besonders Toilette machen. Ich will mich gleich frisiren und mein blaues Kleid zurecht legen lassen." „Aber Herz, wegen den beiden Husaren? Vetter Egon ist der Mühe nicht werth, denn ich habe ihn in Erinnerung als einen höchst faden, eitlen Cadetten und das wird er wohl als Lieutenant auch geblieben fein. Und dem Major zu Ehren ziehe ich mich auch nicht anders an — das wird jedenfalls ein ältlicher Mann sein." „O, Dein Papa wird schon die anderen Osfiziere aus den Dorfquartieren noch mit einladen und wir müssen doch die Gäste etwas auszeichnen. Denke nur, Ada, wenn hier im Schlosse ein Ständchen gebracht würde!" „Das müßte dann für Dich fein, Maria. Hm, ich werde Dir etwas sagen, nimm Dich des Husarenmajors liebevoll an — und steh' gleich zuerst nach, ob er einen Trauring trägt. Ist das nicht der Fall, fo würde ich an Deiner Stelle auf der Grundlage weiter bauen." Maria ward dunkelroth und wollte schmollen, doch die übermüthige Freundin faßte sie um die Taille und zog sie im Wirbel so lange durch's Zimmer, bis sie wider Willen lächelte. „Und nun Achtung," commandirte Ada endlich athemlos, „in's Feuer! Machen wir Toilette für die Einquartierung, Du für den unbekannten Major und ich — für den Vetter Egon!" Sie lachte übermüthig und wollte hinauseilen, als Maria sie nochmals anhielt. „Ada," frug sie etwas unficher, „meinst Du, daß — daß ich — eine Rose in's Haar stecken könnte?" „O gewiß," neckte Jene, „und die verliert man dann bei ,er Promenade im Park, aber so, daß einer der in Aussicht tehenden Verehrer sie findet und auf feiner Brust bewahrt, bis „Ach, Du bist heute unausstehlich," zürnte Maria und wandte sich ab, während die Freundin lachend die Thür schloß; aber sie ging doch hinab und wählte zwei wunderschöne Theerofen, die sie forgfältig abschnitt und Fräulein von Pohl brachte. „Hier ist ein Friedensband, Herzchen," sagte sie munter, „und nun mußt Du Dich frisiren lassen; ich will Dich fa schön machen, daß alle Husarenoffiziere Dir zu Füßen liegen sollen." „Aber Ada, wie übermüthig Du bist. Du solltest Deine Scherze doch nicht übertreiben 1 Wer weiß, wie sich das Schicksal an Dir und Deinem Uebermuthe noch rächen wird. Wie wäre es, wenn Du an den „ältlichen Major" Dein Herz verlörest ?" „Ah bah, das glaube ich nicht. Der ist für mich zu alt und ich bin auch durchaus nicht sentimental veranlagt, um mein Herz schon jetzt zu verschenken. Und unter keinen Umständen werde ich mich in einen älteren Junggesellen verlieben, auch wenn er ein stattlicher Husarenmajor ist." Maria gab jetzt der Freundin keine Antwort auf diese Bemerkung, sondern verschwand, um Toilette zu machen. Auch die Herren Offiziere machten sich zum Diner zurecht, welches um vier Uhr angesetzt worden. Baron Bärfeld ver« schwendete eine Unmenge feinsten Parfüms, bürstete Haar und Bart bis zur Unendlichkeit und zwängte sich in die engsten Lackstiefel, daß ihm vor Anstrengung die hellen Schweißtropfen von der Stirn tropften. „Donnerwetter!" klagte er halblaut- „Die Stiefel sind verwünscht enge und bei der Hitze recht unbequem. Aber dem schönen Cousinchen zu Liebe, was thut man da als galanter Vetter nicht. Hm, Rivalen gibt es im Augenblick nicht, den Major Sendrach zähle ich als Wittwer nicht mit in die Reihe. Er ist viel zu ernst, um nach irgend einer Dame zu sehen, obwohl man sich erzählt, daß er sehr unglücklich mit seiner verstorbenen Frau gelebt habe. — Verwünscht, diese Stiefeln werden mir noch den ganzen Tag verderben." Endlich war die Stunde des Diners da. Die Klänge einer Glocke erschollen und beide Offiziere trafen im Corridor zusammen; Major Sendrach sah stattlich und vornehm aus, trug jedoch nur den Jnterimsrock und die Mütze, während Baron Bärfeld Gala-Uniform angelegt hatte und den Tschako in den Händen hielt. „Nun, bester Bärfeld, haben Sie den Damen de» Hauses schon Ihre Aufwartung gemacht?" frug der Major etwas scharf. „Oder weshalb sind Sie noch in Gala?" „Meine — Aufwartung?" stammelte Egon ganz entsetzt. „Nein — ich — ich dachte — bei Tische fände die Vorstellung statt." „Nun, es wäre doch wohl sehr schicklich gewesen, den Damen des Hauses schon vor Tisch seine Aufwartung zu machen," bemerkte der Major und seine Stimme klang ziemlich ernst. „Merken Sie sich das, Herr Lieutenant, in ähnlichen Fällen. Ich bin allerdings nur von Ihrer Frau Tante empfangen worden, die jungen Damen waren nicht anwesend." „Junge Damen?" dachte Bärfeld ganz verwundert, aber die Zurechtweisung, die er erhalten, machte ihn doch etwa» verstimmt und schweigend trat er hinter den Vorgesetzten in das Boudoir, wo drei Damen ihnen entgegen kamen. Er verneigte sich und küßte die Hand der Baronin so angelegentlich, daß er die Vorstellung bei den jungen Damen überhörte und um diese« wieder gut zu machen, mit schnellem Entschluß auf die eine derselben im blauen Kleid, eine Theerose im Haar und am Gürtel, zutrat und sie anredete: „Cousine Ada! Ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft von damals erneuern zu dürfen. Sie sind doch genau dieselbe geblieben wie damals, I als Sie so graciös durch da» Seil sprangen-" 578 Die junge Dame sah etwas verlegen drein und BLrfeld stutzte, als jetzt eine silberhelle Stimme hinter ihm sagte: „Vetter Egon, Dein Gedächtniß scheint etwas kurz und ungenau zu sein, denn Diejenige, welche Du meinst, bin ich, über ich habe nie durch das Seil springen können." Das war abermals eine Niederlage für den eleganten Offizier I Doch er nahm sie kalt auf, murmelte einige Worte der Entschuldigung, drehte sich nach Cousine Ada um, machte eine tiefe Verbeugung, küßte ihre Fingerspitzen und — befand sich nach zwei Minuten wieder völlig auf der Höhe der Situation. Man begab sich zu Tisch. Major von Sendrach führte die Baronin, Bärfeld die Cousine Ada und Maria wurde von dem Schloßherrn zu Tische geleitet. Es entwickelte sich bald in der That ganz besonders durch Egons Gewandtheit eine animirte Unterhaltung, an der Alle theilnahmen. Major von Sendrach saß Ada gegenüber und jedesmal, wenn sie in die Höhe blickte, trafen feine ernsten Augen sie fo eigenthümlich forschend, daß es sich wie ein Bann auf ihr Gemüth legte. Die Herren erzählten allerlei Manöver» erlebniffe, Maria von Pohl und die Baronin hörten belustigt zu und nur die sonst so muntere, liebliche blonde Tochter des Hauses wurde immer stiller; eine Fluth von Gedanken strömten auf sie ein. Endlich erhob man sich, um den Kaffee vor dem Schlosse unter der großen Kastanie einzunehmen. Zum ersten Male schritt der Major Sendrach neben Ada. Sie fand jetzt, daß der Major ganz anders aussah, als wie sie sich gedacht hatte- Er war wohl ernst und würdig, aber keineswegs ein älterer Herr, sondern noch ein sehr stattlicher Mann in den besten Jahren. „Weich' ein schönes Heim Sie haben, gnädiges Fräulein," begann er beiter, „Sie müssen wohl nie den Wunsch fühlen, es zu verlassen." „Nein," entgegnete das junge Mädchen schlicht, „ich bin so glücklich hier mit den Eltern." „Und andere Menschen stehen einsam in der Welt." „Sie doch wohl nicht, Herr Major- Sie haben sicherlich auch eine Heimath, in der man Sie jetzt vermißt." „Wie meinen Sie das, meine Gnädigste?" frug Sendrach, einen Moment stehen bleibend. „Jene Bemerkung vorhin machte ich allerdings auf mich selbst." „Ich meine — ich glaubte," stammelte Ada etwas befangen, „Sie feien verheirathet —" Der stattliche Mann hob die Hand empor, deutete ernst auf den Ring an derselben und sagte: „Der Ring gehört — einer Tobten, Fräulein von Bärfeld. Ich bin Wittwer und lebe mit meinem zweijährigen Töchterchen einsam in unserer großen Garnison." Ein voller warmer Blick der Theilnahme traf ihn aus diesen schönen, blauen Mädchenaugen, daß es ihn bis in's Herz erschütterte. Erst nach einer ziemlichen Pause sagte Ada voll freimüthiger Offenheit: „Ich war sehr tactlos mit meiner Frage, Herr Major; können Sie mir vergeben?" „Mein gnädiges Fräulein, ich wüßte nicht, wodurch Sie mich gekränkt haben sollten. Theilnahme ist etwas ganz andere» als Neugierde und Sie müssen mir zugeben, daß ein erfahrener Mann wie ich Beides zu unterscheiden im Stande ist. Aber — danken will ich Ihnen für die Theilnahme an dem Einsamen; ich bin nicht verwöhnt damit — aber e» thut so wohl." „Liebe Cousine," sagte plötzlich, dicht neben Ada tretend, Lieutenant von Bärfeld, „wie wär's mit einer Partie Croquet, Du bist sicherlich Meisterin darin." „Keineswegs," entgegnete sie ziemlich kühl, „ich schlage dann doch lieber russische Kegelbahn vor, da spielen die übrigen Herrschaften mit; besonders Mama liebt das sehr." „O, Herr Major, und Sie gewiß auch?" frug Fräulein von Pohl mit schmachtendem Augenaufschlag. „Es ist solch' ein angenehmes, räthselhastes Spiel, wenn man die Kugel in die Lüfte schleudert und nicht weiß, wohin sie ihr Ziel zu nehmen gedenkt." „Das heißt, ob man vorbei schießt," bemerkte der Schloß» Herr trocken. „Sie drücken sich so reizend poetisch aus, mein gnädiges Fräulein." Maria wurde feuerroth und warf einen Seitenblick nach dem Major, doch der hatte sich foeben zur Baronin gesetzt, die ihm Kaffee einschenkte. — Das russische Kegelspiel wurde aber doch zur Unterhaltung gewählt und die Herrschaften spielten unter allgemeiner Munterkeit bis zum Dunkelwerden. Dann kam der Jnspector, um sich vom Schloßherrn die Befehle für den nächsten Tag zu holen, und da auch die Baronin in's Haus ging, blieben die jungen Mädchen mit den beiden Offizieren zurück. Vetter Egon, der sich neben Fräulein Maria viel wohler als neben der Cousine zu fühlen schien, ließ schon alle Schleusen der Beredsamkeit und des Hofmachens springen, sodaß seine schöne Nachbarin aus dem Lachen und Erröthen kaum herauskam. Major Sendrach wandte sich mit leichter Ironie zu Ada, auf das voranschreitende Paar deutend und dabei halblaut sagend: „Er kam, sah und siegte, Ihr Herr Vetter, gnädiges Fräulein I Er ist eine echte Schmetterlingsnatur, dem das Leben bisher nur Sonnenschein gespendet." „Und viel Eitelkeit," bemerkte die junge Dame lächelnd. „Ich fürchte, daß ich für derlei Natur wenig Verständniß und Geduld besitze. Uebrigens ist vielleicht meiner Freundin geholfen, sie amüsirt sich mit ihm und wird vielleicht seine Braut." „Der Herr Vetter ist sehr wankelmüthig in seinen Neigungen," bemerkte der Major- „Sol" klang es sehr seltsam von Ada» Lippen und sie wurde sehr ernst. „Und uns anders gearteten Naturen," fuhr der Major fort, „die vom Schicksal bislang wenig begünstigt wurden, dünkt es oft unmöglich, über Sachen zu lachen, die es so gar nicht werth waren." „Wie heißt Ihr Töchterchen, Herr Major?" frug Ada plötzlich, ohne auf seine Worte zu erwidern. „Wie traurig, daß es ohne Mutterliebe aufwachsen muß." „Mutterliebe I" entgegnete er mit merkwürdiger Betonung und es klang wie ein bitterer Seufzer aus dem Munde der ernsten Mannes, „meine kleine Lisa hätte sie wohl kaum jemals erfahren von dem oberflächlichen Geschöpf, welches ihre Mutter war unv welche starb, als sie ihr kaum das Leben gegeben. Meine Frau stürzte mit dem Pferde, als sie, trotz meines Verbotes und des Abrathens der Aerzte, bald nach Lisas Taufe wieder zu reiten begann und blieb auf der Stelle tobt I" Eine Pause trat ein und in Adas Augen standen Thrä- nen, als sie endlich emporblickte. Die Erscheinung dieses ernsten Mannes und das jähe Unglück von dessen übermüthiger jungen Frau hatte einen untilgbaren Eindruck auf Ada» Herz gemacht und dasselbe in seinen ganzen Empfindungen wie umgewandelt. „Was haben Sie durchmachen müssen," sagte sie halblaut, unwillkürlich herzlicher, als sie gewollt, „ja, man weiß gar nicht, wie viel solch' ein Menschenherz ertrag n kann. — Herr Major, Sie werden nun nach den harten Schicksalsschlägen gewiß wieder glückliche Zeiten erfahren." Es war wie ein seltsames Schimmern in seinen Augen, als er seitwärts zu dem süßen Mädchenantlitz hinschaute, aber dann richtete er sich hoch auf und sagte gelassen, doch nicht ohne einen tiefen Seufzer: „Die Zeiten des Glücks sind für mich vorbei, mein gnädiges Fräulein. Ich bin kein Jüngling mehr und darf nicht mehr hoffen — auf uneigennützige Frauenliebe." Es war still geworden um sie her, das voranschreitende Paar war in einen Seitengang gebogen und Adas Finger zerpflückten nervös ein Blümchen, welches sie abgerissen. — Weshalb nur pochte ihr Herz so laut und so ungestüm? „Wir müssen umkehren," sagte sie endlich zögernd, „er wird sonst zu spät." (Fortsetzung folgt.) - 576 G-ineiirirützises. Ampel für den Christbaum. Man nimmt zu diesen reizenden Ampeln möglichst große Eier, die man aus« bläst und von denen man die Spitze glatt abschneidet. Dann bemalt man sie mit Emaillesarben recht leuchtend oder bronzirt fie in den verschiedensten Metallfarben, sticht mit spitzer Scheere Sterne, Mond oder Sonne aus und hinterklebt diese Stellen mit Gelatinepapier. Auf dem Boden des Eies befestigt man ein keines Wachslicht und gießt den Raum bis zur Höhe des Lichtes mit Wachs aus. Aus Silbsrfiligran fertigt man ein zierliches Gehänge, welches man mit bunten Seidenfäden an dem Ei befestigt, oben zufammenfaßt und fo die Ampel am Baum aufhängt. * , Haselnüsse kann man zu Silberkugeln umwandeln, wenn man sie in viereckige Stückchen Staniol schlägt, die Enden oben zu einem Köpfchen zusammendreht und die Nüsie an feinem Faden an dem Baum befestigt. Das Keimen der Kartoffeln im Keller zu Ende des Winters ist ein bisher durch kein Mittel zu verhindernder Uebelstand, der den Stärkegehalt der Knollen bedeutend ver« mindert, da die Keime die Stärke zu ihrem Wachsthum brauchen. Nun hat der französische Botaniker und Professor der Landwirthschaft Schribaux ein ebenso einfaches wie billiges und wirksames Mittel gefunden, um den Kartoffeln die Keimkraft zu nehmen und dieselben auf lange Zeit gut und mehlig zu erhalten. Dasselbe besteht einfach darin, daß man die Kartoffeln im Herbst gut wäscht und nachher in höl« zernen Trögen mit Wasser übergießt, dem 1 bis 2 pCt. Schwefelsäure beigemischt ist. In dieser Flüssigkeit läßt man die Kartoffeln 10 bis 12 Stunden und ist die Wirkung derart, daß die Säure die korkartige Schale nicht angreift, dagegen die Keimaugen, welche die Knospen darstellen, zerfrißt und keim« unfähig macht. Die Säure fchadet den Kartoffeln fonst in keiner Weise und läßt sich durch nachheriges Waschen mit reinem Wasser entfernen. Das billige Mittel empfiehlt all- gemeine Beachtung, nur dürfen die zu Samenkartoffeln ausersehenen Knollen natürlich dieser Behandlung nicht unterworfen werden. # Um unverfälschte Leinwand zu erkennen, beleuchte man die Probe mit Leinöl. Hierdurch bekommt die Leinenfaser beim Durchscheinen das Ansehen wie geöltes Papier, die Baumwollenfaser bleibt weiß und wird nicht durchscheinend. • Gegen das Verrosten von Stahlinstrumenten bietet das Kalciumchlorid durch seine Anziehungskraft für Feuchtigkeit einen sicheren Schutz. Man bringt einige Stücks desselben in einen Glastrichter, welcher in einer Flasche steckt. Das Ganze setzt man in den Kasten oder Raum, in dem sich die betreffenden Gegenstände aus Stahl befinden. So lange Kalciumchlorid stch im Trichter befindet, wird es die Feuchtigkeit aus der umgebenden Luft an sich ziehen und dadurch das Rosten des Stahls verhindern. Mit einer Füllung des Trichters reicht man monatelang aus. Wildschweinsrücken aus wallonische Art. Man marinirt den Rücken eines jungen Wildschweins 1 bis 2 Tage, bestreut ihn mit etwas Salz und brät ihn in einem Theile der Marinade, die man mit IV2 Liter aufgelösten Liebigs Fleifchextraet vermifcht hat, unter fleißigem Begießen eine Stunde im Backofen. Dann legt man auf den Braten fingerdickes, mit Rothwein angefeuchtetes Schwarzbrod, drückt es fest an und läßt es krustig braten, wobei man es oft mit dem Bratenfette beträufelt. Den fertigen Braten servirt man mit einer Kirschensauce. Saure Milch. Di« frische Mich wirb gekocht, und nachdem sie etwas abgekühlt ist, wird ein Löffel voll saure Milch 'oder Rahm dazu gegeben, wodurch die zum Sauerwerden nöthigen Clemente wieder ,in der Milch vorhanden sind. Durch dieses Verfahren wird bezweckt, daß^alle Krankheitsstoffe getödtet sind, die Sauermilch aber ist .auch so viel bester, als von ungekochter Milch, so daß, wer sie einmal ge« geffenZhat, keine andere mehr mag. Vermischtes. Ein bekehrter Sünder. Ein Pfarrer im Westen der Union hatte einen biederen Farmer zum Nachbar, besten Gewohnheit es war, Sonntags auf die Jagd zu gehen. Auf des Ersteren Zureden schloß sich nun Letzterer der Kirchenge- meinde an und versprach, den Sabbath zu heiligen. Ein Freund beider Männer fragte nach einigen Wochen den Pfarrer: „Bemerken Sie eine wesentliche Aenderung an Freund P., seitdem er Kirchenmitglied ist?" — „Gewiß," antwortete Hochwürden, „früher ging er mst der Büchse auf der Schulter auf die Jagd — jetzt trägt er sie unter dem Rock." ♦ * ♦ Ab gefertigt. Eine nicht mehr junge, unverheirathete Dame, Blaustrumpf und Kokette, gerieth in einer Gesellschaft mit einem Herrn in Streit und bediente sich dabei so verletzender Ausdrücke gegen denselben, daß er endlich die Geduld verlor und ihr eine etwas scharfe Antwort gab. „Wissen Sie nicht, was Göthe sagt?" rief die Dame zornig aus. „Willst Du genau erfahren, was sich ziemt, so frage nur bei edlen Frauen an!" — „Aber nicht bei Jungfrauen," versetzt ihr Gegner lakonisch. ♦ * ♦ In der Verlegenheit. Tänzerin (welche bemerkt, daß ihr Tänzer die Handschuhe ausgezogen hat, und fürchtet, daß er ihr Kleid beflecken wird): „Möchten Sie nicht die Handschuhe anziehen, Sie werden sich erkälten!" ♦ ♦ Vor der Gardinenpredigt. Frau: „Jetzt habe ich vier Stunden gewartet, daß Du aus dem Wtrthshaus heimkehrst!" — Mann: „Und ich dort vier Stunden, daß Du einschlafen solltest!" » ♦ Der gescheite Hund.* A.: „Sehen Sie mal, das ist der Schnauzel vom Nachbar. Ich sag' Ihnen, der ist klüger als sein Herr." — B. (nachdenklich): „Solch einen Hund hab' ich auch einmal gehabt!" • • • Liebenswürdig. Taschenspieler (auf einen großen offenen Schrank deutend): „Jetzt, meine Herrschaften, erlaube ich mir die SchlußpiZce vorzuführen. Ich bitte eine beliebige Dame aus dem Publikum, auf die Bühne zu treten und sich in den Schrank zu stellen. Darauf werde ich denselben schließen. Wenn ich ihn dann wieder öffne, wird die Dame spurlos verschwunden sein!" — Herr (leise zu seiner Frau): „Du, Alte, thu' mir mal den Gefallen, geh' hinauf!" Amerikanischer Nattonalstolz. Lehrer: „Wie heißt der erste Mensch?" — Schüler: „Georg Washington." — Lehrer: „Nein, Adam war der erste Mensch." — Schüler (verächtlich): „Ach ja, wenn Sie die Ausländer auch mitrechnen!" * ♦ ♦ P r ahlerei. In einer Gesellschaft erwähnte ein Re« nommist eines Streites mit seinem Nachbar und erzählte: „Ich warf den unverschämten Kerl die Treppe hinunter, daß er den Hals brach; nun geht der Schuft hin und verklagt mich!" Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckern (Fr. 8hr. Pietsch) in Gießen.