Unterchaltrrngsblatt zrrin GL-tzenev Anzeigev sGeneval-Anzeigev) 1894. 8 nrn. Wi lVMNLM Donnerstag, den 8. Miz. Die Wallfahrt nach Czenstochau. Roman von Johanna Berger. (Fortsetzung.) Jadwiga schüttelte verneinend den blonden Kopf. „Ich habe Ihnen doch gesagt, daß die Comtesie den Strauß haben soll!" Roman ließ ungeduldig seine Peitsche durch die Lust sausen. „Du wirst thun, was ich verlange," sagte er scharf. „Denkst Du etwa, es soll immer Alles nach Deinem Kopfe gehen. — Nun, werde ich den Strauß bekommen oder nicht?" „Sie sind der Herr und ich muß gehorchen," antwortete gelassen da» Mädchen, indem sie ihm die Blumenvase hin« reichte. „DI" rief er ärgerlich aus. „So war's nicht gemeint! — Aber Du willst mich absichtlich nicht verstehen, und wenn Du mir die Blumen nicht freiwillig geben willst, dann behalte ste lieber! Wird es Dir denn so schwer, mir diesen Wunsch zu erfüllen?" Jadwiga sah zu Boden, es kämpfte in ihren Zügen- — „Ich muß fort," sagte ste schüchtern. „Lasten Sie mich gehen, Pan Roman, ich habe noch in der Küche zu thun." «Ja, geh'! Ich will Dich nicht aufhalten, aber —" Er faßte ihre Hände und hielt sie fest. „Aber vorher mußt Du mir erst Antwort auf meine Frage geben — ein kurzes Ja oder Nein!" Seine Wangen rötheten sich, als er mit seltsam weicher und bewegter Stimme die Worte hinzufügte: „Jadwiga, gib mir eine Blume, nur ein einziges Jasminzweiglein oder lieber eine rothe feurige Rose. Willst Du? — Sag' ja!" „Wüßte nicht, was dem gnädigen Herrn daran gelegen sein könnte!" sagte sie leise, während sich ihre Wimpern noch tiefer über die Augen herabsenkten. „Also ein Nein!" rief er heftig, indem sein Fuß ungestüm den Boden stampfte. „Es thut mir leid, daß ich so viele Worte um das armselige Grünkraut verschwendet habe, an dem mir wirklich nicht das Geringste liegt! Wollte Dich nur ein» mal auf Deinen Gehorsam prüfen!" Er maß sie mit einem langen durchbohrenden Blick, drehte sich dann kurz um und ging mit dröhnenden Schritten zur Thür hinaus. Sein Gesicht war von Zornesgluth übergossen. Jadwiga erbleichte und Thränen stiegen ihr in die Augen. Sie preßte die Hand auf die Stirn, als dächte sie tief und ernstlich über etwas nach. Doch nach einer Weile hob sie muthig das Köpfchen wieder in die Höhe. Sie ging langsam zur Tafel und stellte die Vase mit dem Strauß in die Mtte derselben. Da wurde plötzlich die große Flügelthür, welche in das Vestibül des Hauses führte, heftig aufgeriffen und eine ältere, kleine, corpulente Dame flog in den Saal- Sie zog die lange Schleppe ihres hellblauen Seidenkleides mit einem Ruck über die Schwelle, riß ungeduldig die Handschuhe von den Händen, band hastig ihre Hutbänder auf, schleuderte Alles auf einen Stuhl und schüttelte sich. „Jesus, Maria und Joseph!" rief sie aus. „Was bin ich echausfirt — ja, rein caput. Drei Stunden bin ich in der Stadt umhergefahren, um Spitzen zu meinem neuen Atlaskleide zu kaufen — in wenigstens zehn Magazinen suchte rch darnach, aber in unserem Neste war nichts Ordentliches zu finden. Ich bin außer mir, denn ich muß die Spitzen morgen haben! — Nachher brachte mich auch noch der Conditor in Zorn, er will uns keine Torte backen, da ihm die Sahne ausgegangen ist! Nun stelle Dir die Blamage vor, keine Torte zu unserem Souper! — Was werden unsere Gäste davon denken? Es ist ein wahres Elend, daß es in Czenstochau nur einen einzigen Conditor gibt! — Und zu dem vielen Aerger kam noch dazu, daß der Frannschek wieder einmal so betrunken war, daß er beinahe wom Kutschbock fiel. Die Pferde gingen wie Schnecken und wären schließlich mitten auf der Landstraße stehen geblieben, wenn ich dem Schlingel nicht mit dem Sonnenschirme einen tüchtigen Puff versetzt hätte. Das rüttelte ihn aus! — Aufgeregt und verdrießlich komme ich endlich nach Hause und suche schon eine ganze Weile in allen Ecken nach Dir. Wo hast Du denn gesteckt? Immer, wenn man Dich braucht, bist Du nicht zu finden!" „Ich habe den Saal hier in Ordnung gebracht, vorher war ich in der Küche, um mit Michalina die Mohnstriegel zu backen," war Jadwigas bescheidene Antwort. „Ach, erbarme Dich, die Mohnstriegel I" rief die kleine Dame, indem ste beide Hände über dem Kopfe zusammenschlug. „Ach, Kind, Kind, was hast Du damit angerichtetI Ich habe sie bereits gesehen oder vielmehr gerochen I Fi donc, sie duften nach Citronen, welch' ordinäres Parfüm! Und ich sagte Dir doch, Du möchtest Eau de fleurs d’oranges oder Creme de rose dazu nehmen! Mein Gott, mein Gott, das ist zum Rasendwerden, wir blamiren uns wirklich vor unseren Gästen! Keine Torte und — Mohnstriegel mit Odeur von Citronen! Was habe ich doch für Qual und Plage auf der Welt und ich weiß wirklich nicht mehr, wo mir der Kopf steht- — Und Du sagst gar nichts dazu, Du stehst da wie eine Bildsäule! So thue doch den Mund auf und rede ein Wort! Oder noch besser, hole mir ein Glas frisches Brunnenwasser und meinen Kar- - 110 - *vv i/WVS-l, VVU 7 f*. nichts fehle. Die können darauf gehen — sagte sie zu mr- melttergeist. Siehst Lu nicht, daß ich beinahe vor Erschöpfung | Stimmung zu versetzen. Go blickte sie auch jetzt mit schimmern, umfalle!" I den Augen zur Decke empor. Nach einer Weile begann sie Das junge Mädchen war längst an da» gutmüthige Poltern I wieder: „Ich freue mich doch ungemein, daß die Kwileckis end« und Schelten der gnädigm Frau von Bielinski gewöhnt. Sie lich einmal nach Lygotta kommen, das wird eine angenehme eilte rasch hinaus, um bald wieder mit dem Verlangten zurück» Abwechselung in unserem einförmigen Leben sein- Es ist oft zukehren. Die Dame hatte sich unterdessen in einen Lehnsessel schrecklich langwellig bei uns, kein Mensch mrtreA un» die geworfen, die Füße bequem von sich gestreckt und ein gesticktes I Zett. Ein kMcher Einfall von der Gräfin, die Wallfahrt Kiffen unter den Kopf geschoben. Sie sah sehr erhitzt aus, nach unserer Madonna zu machen, nicht wahr, Kind? - Ich ihre Wangen glühten und ste wehte sich hastig mit dem Taschen« I glaube, auch Roman wird e» tteb sein, er kennt die Familie tuche Kühlung zu I schon lange und war früher fehr befreundet mit ihr. Wenn Diese seit Jahren verwlttwete Edelfrau lebte wie eine er nur nicht solch' ein Eisblock wäre! Denke Dir, er will Patriarchin auf ihrem Gute, denn den vornehmen Polinnen I durchaus keine Visiten auf den Nachbargütern^ machen, so viel ist es in ihrem Vaterlande gestattet, zu thun, was ihnen be« I ich auch rurede, ich habe oft ^u^^arenAergermit ihm. Wie liebt. Der einzige Sohn, sowie sämmtliche Dienerschaft war ein Einsiedler lebt er, in der Woche reitet r au s Feld und stets bereit, sich in ihre tausendfachen, oft sehr kindischen Wünsche Sonntags läuft er im Walde spazieren. Und K.kann doch zu fügen, auf jeden Wink zu horchen und ihr unbegrenzten I nicht mit ihm durch Dick und Dünn solche Natur besitze Respect und Gehorsam entgegenzubringen. , | ich nicht und —" , Frau von Bielinski war freundlich und gutherzig, aber I Die Edelfrau vollendete nich^ sie starrte ^Aichm-ite!Inem zugleich selbstsüchtig, launenhaft und eigensinnig. Sie gehörte Blick des Schreckensdie lange Schlepps^?";^des '»n, zu jenen weiblichen Wesen, deren Typus man eigentlich nur I beschmutzt und zerknittert über den Boden geglitten war. Dann unter den Polinnen und Russinnen findet. Sie war heute I fuhr sie wie electrifirt ln die Höhe, rannte durch dm Salon liebenswürdig ohne Grenzen, herablaffend, kindlich — morgen I zur Thür, griff hastig nach dem dort befindlichen Klingelzuge, strenge, hochmüthig und hart bis zur Grausamkeit- Bald war I um mit einem wahren Sturmgeläute die Kammerzofe herbei, sie zu nachsichtig, bald konnte das geringste Versehen sie zum zurufen. Mitten in dem Lärm hörte man aber den Hellen, maßlosen Zorn reizen; ihre Launen wechselten wie Aprilwetter. I schrillen Kling-Klang eines Sßaßens unb bas Sie war jedem neuen Eindruck unterworfen und liebte die Ver« I gespann desselben näherte sich, laut mit den Huftn stampfend, änderuna I im schnellsten Trabe dem Herrenhause von Lygotta. Infolge ihrer Unbeständigkeit mußten oft ihre besten „Heilige Mutter, sie kommen schon und rch kanni mich ft Freunde einer neuen Bekanntschaft weichen, die nach kurzer Zeit I nicht sehen laffen! rief händeringend Frau von Bielinsft wieder beseitigt wurde. Da ihr der richtige Tact und die I ^Der Frannschek, der Faulpelz, ist schuld daran, er ha.den wahre Würde der Herrschens fehlte, so schwatzte sie häufig mit Wagen nicht gesäubert und nun habe ich mein chönes K der Dienerschaft und ließ sich von dieser die Neuigkeiten aus verdorben! Aber Gott sei ihm gnädig, seiner Strafe.entgeht dem Städtchen erzählen, für die sie großes Interesse hatte, er nicht! Schnell, Jadwiga,eile in das Empfangszimme, Ihre wichtigste Lebensaufgabe schien aber darin zu bestehen, mache unfern Gästen die Honneurs, bi« ich mich umgekleidet Stunden lang auf einem Divan zu liegen, französische Romane I habe und entschuldige mich. Wo nur Roman bleibt? Er ist zu lesen und Bonbons und Confitüren zu naschen. Trotzdem I unbegreiflich, daß er mich so im St.che läßt! sie den Putz liebte, machte ste aus Bequemlichkeit nur dann Jadwiga vernahm kaum noch die letzten Worte, sie lies Toilette, wenn ste ausfuhr oder Besuch empfing. Roman, ihr I rasch in das neben dem Speisesaal gelegene Gesellschastsztmmer einziges Kind, war ihr Abgott, sie liebte ihn leidenschaftlich, und zündete die Spiritusflamme unter dem großen silb-rmn mit eifersüchtiger Unruhe; aber auch ihn konnte sie oft mit I Samowar an. Auch dieses Gemach zeigte eine etwas ver Kleinigkeiten quälen und zur Verzweiflung bringen, denn ihr | blichene Pracht. Die Wände waren mitstark beschädigten Egoismus war stärker, als ihre Mutterliebe. Seidentapeten bekleidet, die Frescomalereien der Decke ab- „So, nun liege ich ziemlich bequem und kann ein wenig I gebröckelt und die Brocatüberzttge der SophasundLesselver' ausruhen," rief sie dem jungen Mädchen zu, welches ihr das schossen und fadenscheinig. Das ausgetretene schadhafte Pai ck Wasser reichte. Sie trank mit vollen Zügen. „Ach, wie das deckte aber em noch ziemlich neuer, erfrischt! Nun reibe mir die Stirn mit dem Karmelitergeist! Orient. Zwischen den von blaßrothen seidenen Vorhang n - So, das ist gut, das thut wohl!" Sie schloß behaglich die umwallten Bogenfenstern hingen große, halbblinde Siegel m Augen und gähnte. „Aber laufe doch nicht gleich wieder fort, reich verzierten Metallrahmen. Blumenvasen, kleine Statuen, komme her und erzähle mir, was wir heute Gutes zum Souper Nippes und ähnliche Sp elereien standen und lagen an allen essen werden. Hoffentlich hat die Köchin die gemästeten Hühner Orten umher. Doch hatte man Alles bunt durcheinander ge- mit Trüffeln gefüllt und die Karpfen in brauner Brüh gekocht, bracht, nichts brand sich auf dem rechten Meck. Die meisten So lange die Kwilekis hier bleiben, darf nur echter Karawanen« Polen haben kein wahres Verständniß für Symmetrie und thee genommen werden, es müssen noch zwei Pfund davon vor- I Ordnung, wie der Deutsche sie liebt, und obgleich ein gew st Händen sein. Hörst Du, nur echten Thee. Stelle auch Selters« ComfortLebensbedingungfürste ist, so findet man selten ne wasser auf das Büffet, denn es ist eine Hitze zum Ersticken. I harmonische und gemüthliche Einrichtung in 1^611350^16« Pavel muß auch Eis aus dem Keller holen, damit der Cham« Da» Wort „gemüthlich", welches bei uns das größte häusttche vagner abgekühlt wird. Jesus, an was ich Alles denken muß, I Wohlbehagen ausdrückt, ist ein unverstandener Begriff für sie, und Niemand unterstützt mich darin!" , , desto mehr lieben sie Luxus und Üppigkeit. „Die gnädige Frau braucht sich keine Sorgen zu machen," Jadwiga hatte auf einem Tablet die Gläser zum Ly sagte freundlich Jadwiga. „Ich habe bereits Alles zur Auf« zurecht gestellt und glättete noch rn aller Ei e ett, paar krau nähme unserer Gäste in Ordnung gebracht, auch Michalina Haarringel, welche sich vorwitzig über die weiße Stirn gedrängt wird es an nichts fehlen lassen. Die gnädige Frau kann wirk« hatten. In demselben Moment öffnete Michalina, die au lich noch ein Bischen ausschlafen, bis sie kommen." Köchin des Hauses, die Thür und steckte den grauen Kopf „Ja, Du bist ein gutes Mädchen, ein wahrer Schatz sür I durch die Spalte. „ , , mich! Was sollte ich arme, geplagte Frau wohl ohne Dich in I „Ei, ei, Fräulein Jadwiga," sagte sie. »Huben Sie im der groben Wirtschaft anfangen? Freilich, ich habe es auch Eßfaal die Tafel fein gemacht I Das blinkt und glitz«t gerad verdient um Dich, denn als ich Dich zu mir nahm, warst Du I wie ein Kirchenaltar ! Na, heute gilt es auch, das alte Herren noch ein unnützes Aeffchen und konntest kaum stehen. Ich habe haus nach Kräften herauszuputzen, denn die Kwileckis sind an unendlich viel für Dich gethan, Jadwiga, vergiß das niemals !" das Beste gewöhnt. Deshalb hat sich auch unsere Gnädig Die Edelfrau liebte es sehr, dem jungen Mädchen bei | baare 200 Rubel von Isaac Schmul geborgt, damit es an paffenden Gelegenheiten die Wohlthaten, die sie ihm erwiesen, I nichts fehle. Die können darauf gehen - Jagte fte W «g in'«Gedächtnis zu rufen und sich selbst dabei in eine gerührte I Denken Sie nur, solch' ein Heidengeld! Na, un» kann» - Ui Lenden Verbeugungen in das Empfangszimmer hinein. Es waren drei Personen. Der Graf Kwilecki, eine hoheitsvolle, edle Erscheinung mit ernstem, aber mildem Antlitz und einem langen, an den Mundwinkeln herabgedrehten Schnurrbart. Er trug dar Nationalcostüm der Polen, den langen, reich mit Schnüren besetzten Tuchrock und die viereckige, pelzbesetzte Cravka. Das feine Batisthemd war mit kleinen Brillantknöpfen geschlossen und die linke Brust zierte das Wladimirkreuz. - Gräfin Antonia, seine Gemahlin, war eine jener geistreichen, eleganten Frauen, welche in den Salons der polnischen Artsto- kratie eine wichtige Rolle spielen. Die Gräfin, in ihrer Jugend eine viel bewunderte Schönheit, war auch jetzt noch eine im- ponirende Erscheinung. Sie besaß einen Hellen, scharfen Ver. stand und eine fast männliche Energie. Ihren Gemahl beherrschte sie vollständig und sie wußte sich auch bei anderen Menschen Autorität zu verschaffen. Die Beamten, Bauern und Tagelöhner der verschiedenen Güter standen unter rhrer ! speciellen Controle und ste führte ein scharfes Regiment. Der Graf überließ ihr gern die Oberherrschaft, bewunderte ihr kluges, entschiedenes Verhalten und fügte sich mit der grüßten Liebenswürdigkeit in alle ihre Anordnungen und Wunsche. Comteffe Sptrida, das einzige Kind des gräflichen Paares, war noch ein sehr junges Mädchen mit zarten kindlichen For- I men. Sie war kaum sechzehn Jahre alt und von liebücher Schönheit; aber das feine schmale Gesichtchen zeigte eine durchsichtige Blässe und die großen, schwarzen Sammetaugen blickten müde und melancholisch daraus hervor. Auch um den kleinen Mund schwebte ein Zug von Schwermuth und Trauer. Sie hielt den Kopf etwas gesenkt, als würde chr die Last der tief- schwarzen Haare, welche in zwei dicken Zöpfen über den Rucken I fielen, zu schwer. Sie folgte langsam ihrW Eltern in das Zimmer musterte dasselbe ein paar Secunden mit gleichgültigen Blicken und sank dann sofort in bte weichen Polster eines ein! Vielleicht bekommen sie es auch mit Zinsen wieder zurück, I > nenn - " Michalina trat jetzt ganz in's Zimmer hinein und trocknete sich mit der blauen Schürze das vom Kochfeuer glühende Gesicht. Därrn hielt sie die Hand vor den Mund und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: „Denn die Gräfin geht mit dem Gedanken um, ihre Tochter mit unserem Pan Roman zu ver- I beirathen. Ich weiß es von der Kascha, meiner Bruders- I tochter, welche Zofe bei der Comteffe Spiriva ist. Das wäre schreckliches Glück für unseren jungen Herrn Baron, nicht wahr? Die Comteffe hat so viel Geld, daß man unfern Kefen Teich damit ausstopfen kann, und wenn der alte Graf einmal stirbt, bekommt sie noch mehr. Dann kann unsere Herrschaft I mit Leichtigkeit alle Schulden bezahlen. Und die Comteffe fall ein wahrer Engel an Schönheit und Herzensgüte sein. Sie wirst mit den blanken Sllberrubeln um sich her wie mit Bon- I bons und hilft allen armen Leuten. Und singen soll sie können, - singen I Fräulein Jadwiga, ich sage Ihnen, dre dicksten Tbränen muß man weinen, wenn man nur von Me tern ihre Stimme hört. — Das ist wahr, wenn Pan Roman eine solche Braut eroberte, wäre er wie ein König!" I Jadwiga hörte mit bleichem Gesicht den Bericht der red- I seligen Köchin an, die noch in aller Geschwindigkeit eine Menge vorzüglicher Eigenschaften der Comteffe Spirida aufzählte. Sie hatte den Kopf abgewandt und starrte mit feuchten Augen vor ^Plötzlich tönte ein gewaltiger Lärm von draußen in das Gemach hinein und bereitete den HerzenserMen der alten Köchin ein jähes Ende. Die Kutsche mit den Gästen war vor dem Herrenhause angelangt. Eine große Schaar zerlumpter Kinder hatte derselben mit Geschrei das Geleit gegeben und überbot sich nun in Freudensprüngen und Purzelbäumen, denn aus dem Gefährt wurde ein ganzer Sack voll kleiner Münzen über ste ausgefchüttet. Ein Dutzend Hunde von verschiedener Art fuhr heulend, bellend und kläffend zwifchen die Kinder und schnaubenden Pferde, und eine Heerde Gänfe, welche eben von der Weide kam, watschelte kreischend und mit weit ausgespann- ten Flügeln zur Seite. Dazwischen fluchte der Kutscher in allen Tonarten und knallte mit der Peitsche. Es war ein wahrer Höllenspectakel. , „ , ,, Doch nun trat Pavel, der Diener des Hauses, mit über der Brust gekreuzten Armen aus dem Vestibül, um die fremde Herrschaft nach der Sitte jenes Landes zu begrüßen. Er warf sich vor dsx Kutsche auf die Kniee, berührte mit der Stirn den Erdboden und sprach den polnischen Willkommens- ^^Michalina lugte durch das Fenster. »Sie sind da, sie wollen gleich aussteigen, ich muß schnell in die Küche. rief sie I aus. „Fräulein Jadwiga werden doch ^ute bei Tafel ser- viren? Die Gnädige meinte, Pavel wäre nicht geschickt genug — und sie würde Ihnen auch ein neues Klerd dafür Jadwiga ließ sie nicht ausreden. „Die Gäste bei Tische bedienen? — Aufwarten? — Nein, das thue ich nicht, das ist mir unmöglich! Ich will jede andere Arbeit verrichten und helfen, wo es nöthig ist. Aber das darf die Pan Castmira nicht von mir verlangen!" „Aber warum denn nicht? Das rst doch keine Schande, eine so vornehme Herrschaft zu bedienen. Bedenken Sie nur, was es für ein gutes Trinkgeld geben wird. „Sage kein einziges Wort mehr, ich verbiete es Dir! rief Jadwiga mit sprühenden Augen. „Ein Trinkgeld mir, mir. So etwas ist gut für Dich, doch mcht für mich. Ich gehöre nicht zur Dienerschaft, merke Dir das. „Ach, Du liebe» Herrgottchen, welch ein Stolz, welch ein Hochmuth!" schalt die Alte und rannte aus dem Zimmer. Die hchig zuschlagende Thür fiel krachend hinter ihr in s Das junge Mädchen achtete nicht darauf. Es stand regungs- los’H mit gefalteten Händen und stiirmisch wogender Brust. Ihm war so bang zu Muthe, ohne daß e» doch recht wußte, roatU$a wurde die große Flügelthür «eit geöffnet und Pavel sührte die fremden Herrschaften mit vielen bi» zur Erde rei- Jadwiga ging den Gästen einige Schritte entgegen, ver- beugte sich anmuthig vor dem Grasen und der Comteffe und küßte ehrerbietig der Gräfin weiße Land; die Gräfin war von der edlen Erscheinung des jungen Mädchens frappirt. Wenn auch unter den Polinnen Schönheiten zu finden sind, wie ste schwerlich eine andere Nation aufweisen mag, so war die Gräfin doch bis jetzt noch keinem weiblichen Wesen begegnet, welches mit einem so süßen, bestrickenden Liebreiz in Antlitz und Gestalt eine so vollendete Vornehmheit und Grazie in Haltung und Bewegung verband. Auch der Graf war sichtbar davon überrascht. Er starrte Jadwiga mit offenbarer Be- wunderung an und schloß dann einen Moment wie geblendet die Augen. Endlich fand er sich soweit wieder, um ihr in der gütigen Weise, die ihm eigen war, ein paar artige Worte M sagen. Doch schien sein Interesse für das Mädchen im I höchsten Grade erregt zu sein, es war, als könne er seine Augen nickt losreißen von ihr. Und dann kam es plötzlich wie ein Skrrm über ihn. Erinnerungen, die er längst begraben wähnte, süße Melodien, die vor langer Zeit verklungen waren, tauchten wieder vor seiner Seele auf. Und das Alle» hat der holdselige Anblick Jadwiga- aus seinem tiefsten Innern hervor- gezaubert. Doch blieb ihm keine Zeit, sich lange dam t zu be I schäftigen, denn die Herrin von Lygotta kam eben in tade losester Toilette in's Zimmer und flog mit au-gebreiteten I Armen an die Brust der Gräfin Antonia. „Meine goldene Antoninka," rief sie aus, „lch bin ganz närrisch vor Freude, Sie bei uns begrüßen zu können und heiße Sie auf das herzlichste willkommen! I 9 Dann stürzte sie auf Spirtdia los und küßte ste. „Ach, I «jNnnnnne" sagte sie in weinerlichem Ton, „Sie sehen krank | „gvEAivü ! t und dk Augen trübe! Was hat S,Ä*e"r,,%S wSe st- ta M mist«- °°» I -m-r aitonto b-w-gt- ihr-« ^E-rmS-duidighm unb i n-r Reaen Sie sich nicht auf, gute Casimira, sagte fte. I ^Sviridia ist ganz wohl, nur ein wenig bleichsüchttg. Ich hoffe SÄ LuftLänLng das Beste - in Lygotta werden | die frischen Farben wiederkehren." „Untere Madonna wird ihr HÜlfreich dabei sein," er* widerte Frau von Bielinski, indem sie der Comteffe zärtlich die Wangen streichelte- Darauf sagte ste auch dem Grafen eine Menge verbindlicher Worte und bat unzählige Male: die lieben, lieben Gäste möchten es sich in ihrem einfachen Hause nur recht behaglich machen- (Fortsetzung folgt.) Geineinnütziges* Seidenzeuge zu reinigen. Man schäle drei Kar* toffeln, schneide sie in dünne Scheiben und wasche steZgut ab. Dann gießt man 3/< Liter siedendes Wasser darauf und läßt es stehen, bis es kalt ist. Von diesem Waffer, welches geseiht werden muß. nimmt man so viel, als man bedarf, und gießt eine gleiche Quantität Weingeist dazu. Damit reibt man durch Anwendung eines Schwammes das Seidenzeug auf der rechten Seite ab und bügelt es, wenn es halb trocken, auf der Rückseite. Auf diese Weise läßt sich Seidenzeug mit den zartesten Farben reinigen. Ebenso Sammet-Taffet und andere Zeuge. • Das sogenannte Königsräucherpulver, welches nur auf den warmen Stubenofen geschüttet werden darf, um das Zimmer mit einem angenehmen Gerüche zu erfüllen, besteht aus fünf Theilen Gewürznelken, zwei Theilen feinem Zimmt, acht Theilen Veilchenwurzeln, acht Theilen Storax, zehn Theilen Lavendelblüthen, neunzehn Theilen Damascener- Rosen und zwölf Theilen Zimmetblüihen. Alles wird fein gepulvert, einige Tropfen Lavendelöl, Cedroöl und Nelkenöl zu- gefetzt und in gut verschloffenen Gläsern aufbewahrt. ♦ * * Gute geschabte Seife in Alkohol aufgelöst, gibt einen vorzüglichen S e i f e n f p i r i t u s. Die Flecken an Tuchkleidern und Kragen bürste man damit, spüle mit kaltem Waffer nach und bügle die angeseuchtete Stelle auf der linken Seite. Auch bestreiche man die Flecken wiederholt mit Ammoniak, bis sich das daran bestehende Fett abschaben läßt. Kupfer zu poliren und zu färben. Um Kupfer- theile zu poliren, reibe man dieselben mit englischer Erde und mit Oel, dann mit einem Flanell« und zuletzt mit einem Lederlappen ab. Eine Lösung von Oxalsäure, auf matt gewordenes Messing gerieben, entfernt bald die Oxydhaut und legt das Metall frei. Die Säure muß dann mit Waffer abgewaschen und das Messing mit weichem Leder abgerieben werden. Eine Mischung von Salzsäure mit in Waffer gelöstem Alaun gibt den nur wenige Sekunden in diese Lösung getauchten Gegenständen eine goldene Farbe. Eine orangenartige, in Gold spielende Farbe erhält polirtes Kupfer, wenn man es einige Secunden in eine Lösung von krystallisirtem essigsaurem Kupferoxyd taucht. Eine fchöne violette Farbe wird erzielt, wenn man das Metall für Augenblicke in eine Lösung von Antimonchlorid taucht und es sodann mit einem mit Baumwolle umwickelten Holze abreibt. Während dieser Operation muß das Kupfer bis zu einem der Hand noch erträglichen Grade erhitzt werden. Ein krystallinisches Ansehen wird dadurch hervorgerufen, daß man den Gegenstand in schwefelsaurem Kupfer kocht. ♦ Sauerampfer als Gemüse. Man läßt die ab. gestielten, gut gewaschenen Blätter mit einem Stückchen Butter und dem eigenen Safte des Sauerampfer» weich dünsten (er ist sehr bald weich) und läßt den Saft durch einen Durch- schlag abtropfen. Dann kocht man ihn mit der nöthigen Mehlschwitze und Fleischbrühe zu einer compakten Masse wie den Spinat, hackt ihn auch vorher so wie diesen, gibt von dem abgetropsten Saft nur so viel daran, daß der Sauerampfer nicht zu sauer oder strenge schmeckt. Zuletzt quirlt man ihn mit 1 bis 2 Eidotter und Vs Quart guter saurer Sahne ab, wonach er aber nicht mehr zum Feuer darf, damit er nicht zusammenläuft. ♦ Suppe von Bruunenkresse. Man sucht die Kresse sorgfältig aus, wascht und hackt sie und kocht sie in Waffer mit Butter und etwas Salz in einer halben Stunde gar, rührt diese Suppe mit einigen Eidottern ab, fügt 2 bis 3. Gramm Liebigs Fleischextract hinzu und läßt sie nochmals aufkochen. Sehr gut schmecken in derselben auch kleine, ausgebratene und zuletzt mitgekochte Würfel von Speck. ♦ * « Fürther Gries - Spatzen. Gries kocht man in Waffer oder Milch zu einem Brei, gibt einige Eier dazu und etwas Salz und macht mit einem Löffel große Spatzen, kocht dieselben in Fleischbrühe oder Salzwasser ab, macht dann wie Spinat ein Gemüse von Petersilie, etwas dünn und legt die Spatzen hinein und gibt es zu Tisch. Humor in der Schulstube. Lehrer (bei Rückgabe der Aussätze in der Secunda): „Krüger, Sie können sich begraben lassen und die Leichenrede soll Müller verfassen, der schreibt den traurigsten Stil!" ♦ ♦ De r Sonntagsreiter. Student (zu einem Freund der auf dem Miethgaule an ihm vorbeigaloppirt): „Nimm Dich in Acht, Emil, das Beest kommt Dir vor!" ♦ * ♦ Kritik. Fräulein: „Nun, wie haben Ihnen meine Gedichte gefallen, Herr Professor?" — Professor: „Aufrichtig Fräulein, in der Schule pflegten Sie richtiger abzuschreiben." Ausgiebige Prima.^Referenzen. Gnädige (zur neuen Köchin): „Sie gefallen mir soweit ganz gut — die Hauptsache aber bleibt für mich, daß Sie ganz ausgezeichnet kochen können!" — Köchin (mit Pathos): „Oh, Gnädige - darnach können Sie sich bei unferm ganzen Dragoner-Regimmt erkundigen!" Widerspruch. Mutter: „Unsere Stadt hat jetzt 175,000 Seelen!" — Tochter: „Und wie viel Menschen?" Mutter: „Dumme Frage! So viel Seelen, so viel Menschen!" — Tochter: „Du hast aber doch gesagt, es gebe so entsetzlich viel seelenlose Menschen!" ♦ * Großmutter: „Ach, Du armes Kind, mußt solche Schmerzen dulden! Ich wollte ja gerne, ich hätte Dein Zahnweh!" — Enkel: „Das glaub' ich gerne; denn dann müßtest Du auch Zähne haben!" * * Passende Erklärung. Gerichtsbeamter: „Ichmache Sie darauf aufmerksam, daß Sie bei der Hauptverhandlung schwören müssen. Wissen Sie denn was ein Eid ist?" — Bauer: „Ein Eid?" — Gerichtsbeamter: „Ja! was ist ein Eid?" — Bauer: „Ein Eid is — — is--na, — wann ich'n halt falsch schwör, werd' ich eing'sperrt." ♦ * Aus der Schule. Rechnenlehrer: „Ich sage Dir nochmals Schulze, daß nur eines richtig sein kann. Ist das, was Du herausbekommen, richtig, so ist mein Resultat falsch was aber falsch ist, denn es ist richtig!" Richtig. „Ich geb' nix drum — d'r Schauminger hat's beschte Bier; dadervun kann mer sich todtsaufe, mer kriegt fee Kopfweh I" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.