Aneerchalimngsblatt jum Gietzenev Anzeiger» (Genevnl-Anzeigev) ffi. ÄSrjnk xii1 WWWDWW ’ DtoJ MW^^W Donnerstag, de» 7. Juni. Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) Der Hexenrichter Caspari hatte die Unterredung der drei Jungfrauen in einem Nebenzimmer mit angehört. Keine Silbe war seinem scharfen Ohre entgangen. „Wenn Weiber hassen, gehen Männer zu Grunde/' murmelte er, indem es unheimlich in seinen dunklen Augen blitzte. Der Rentmeister war ihm von vornherein unsympathisch; die Talente und tüchtigen Eigenschaften des jungen Mannes steigerten die Abneigung des Hochmögenden noch mehr- — Von der alten Beilstein, ihrer guten Vermögenslage, ihrer schönen, geschickten Enkelin hatte der Gestrenge immer wieder Einiges vernommen. Das Mäd- chkn hatte ihm vor acht Jahren schon eine heftige Aufregung verursacht: heute hörte er, was er lange veimuthet, mehr noch gewünscht hatte: Bei der alten Beilstein soll sich seit Jahren der Herd der Hexereien und Zaubereien befinden, die Alte hat es nur schlau zu verbergen gewußt. Also Schlauheit gegen Schlauheit: erst die Junge, dann die Alte und mit beiden dieser Alleswisier und Alleskenner. Weg mit dem Menschen, er gehört nicht hierher. — Acht Tage lang sprach man in der Landgrafschaft nur von dem Rentmeister und Sibille König. Viele schüttelten die Köpfe, besonders Frauen und heirathbare Töchter aus den sogenannten befferen Familien. Die meisten Männer lobten dis Wahl Bardensteins. „Solch' ein Mädchen findet sich nicht mehr zwischen hier und Hamburg oder Basel," meinten die Meisten. „Aber hexen muß sie können, daß sich gerade Alles so fügte," sprach Schultheiß Schäffer zu Hofprediger Meles, mit welchem er den Fall besprach. „Hexerei ist das nicht, Schultheiß," antwortete der treue Seelsorger; „droben sitzt Einer im Regiment, der lenket die Herzen wie Wafferbäche. Es gibt eine waltende Gerechtigkeit auf Erden. Wir können nicht wissen, was die Vorsehung mit solchen Fällen will. Fast immer wird dadurch einstmals begangenes Unrecht gesühnt und Böses wieder gut gemacht. Meine Wege sind nicht Euere Wege."-- Auf Michaeli (29. September) findet das Kirchweihfest in Bingenheim statt. Es bildet, wie in allen Dörfern durch ganz Deutschland, das Hauptfreuden- und Vergnügungsfest des Jahres. Für die zwei Ktrchweihtage wird das Jahr über gespart; die Jugend jubelt und tobt sich aus, alte Händel werden ausgetragen oder geschlichtet, neue angefangen, Liebesverhältnisse knüpfen sich an oder lösen sich auch zuweilen auf. Bis zur Stunde ist die Kirchweihe noch überall auf dem Lande das wichtigste Vergnügungsfest. Sie ist indessen in ihrer Wichtigkeit dadurch zurückgekommen, daß die Feste zu sehr überhand nehmen. Vor dritthalbhundert Jahren war das anders. Damals concentrirten sich viele Wünsche und Gedanken auf die Kirchweihe. Sie erhielt am Dienstage, nachdem Geige und Pfeife verstummt und die Köpfe noch schwer waren, ein bitteres Nachspiel: die vier Bürger Marx Wenzel, Christen Hruß, Johann Kurz und Joachim Lang wurden von den Häschern in's Gefängniß geworfen, weil sie des Zauberet- und Hexerei- lasters dringend verdächtig waren- Ein ungeheurer Schrecken erfaßte die Bewohner des Dörfleins; sie dachten, es würde wieder ruhig werden, nachdem die beiden Juden Hirtz und Eli glücklich entlausen waren. Außerdem suchte man seit sechs Jahren die Hexen mehr auswärts. Von den 46 in den Jahren 1652 bis 1658 Hingerichteten Personen waren 35 aus Echzell, sechs aus Bingenheim, je zwei aus Gettenau und Bisses und eine aus Geiß-Nidda. Es geht heute noch die Sage im dortigen Thale, daß der Gerichtsmann Henrich Rühl oder Reuhl, welcher von 1610 bis 1683 in Gettenau lebte und interessante Aufzeichnungen hinterlassen hat, besondere Angrenzungen machte, daß die Hexen vorzugsweise in Echzell gesucht wurden. Nun wurden urplötzlich vier Personen auf einmal aus Bingenheim in's Gefängniß geworfen. „Was soll das heißen?" fragten sich die Leute mit Zittern und Zagen. „Das soll heißen," sprach Schulpräceptor Fischer, „daß die Hexen in der Umgegend ausgetilgt sind, während bei uns noch welche vsrmuthet werden. Geht das Brennen wirklich wieder los, dann wird der Ausspruch der alten Salmonsen, so Anno 1654 hingerichtet und als die 29. Person im Verzeichnisse steht, zu Elsbeth Ludwigs Frauen, ebenfalls von hier und Anno 1654 hingethan und unter Nr. 33 aufgeführet, in dem Protokolle von 22. Juni Anno 1654, that: „Es würde noch manches Weizenkörnlein mit dem Unkraut ausgerupft werden", vollständig zur Wahrheit werden." Das Verhör mit den Eingekerkerten begann alsbald. Die Folter brachte sie schnell zum Geständnisse, mit Ausnahme von Johann Kurz, der längere Zeit widerstand. Er sollte bekennen, daß in der Beundegaffe Hexenzusammenkünfte, teuflische Taufen und ähnliche Missethaten stattgefunden und wer dabei bethei- ligt gewesen. Kurz verstand den Richter nicht, der auf die alte Bellstein und ihre Enkelin zielte. Zuletzt fragte Caspari direct: ob die alte Bellstein und ihre Enkelin nicht bei den Zusammenkünften erschienen seien, was der Gefangene bestimmt verneinte. Dies wurde als absonderliche Verstocktheit angesehen und zur Strafe dafür fiel sein Urtheil härter aus. Während er mit Marx Wenzel, Christen Hauß und Joachim Lang vor dem Bingenheimer Rathhause unter der Linde enthauptet, die Körper auf einem Wagen nach dem Löhbusche gefahren und dort unten bei dem Galgen beerdigt wurden, widerfuhr dem Körper des Johann Kurz die Unehre, baß er zu Splittern verbrannt wurde, weil er (Johann Kurz) ein Hexenmeister gewesen. Die Verkündigung der Todesurtheile und das Brechen der Stäbe über die Uebelthäter geschah diesmal auf dem Rathhause und zwar am 3. October 1658. Schultheiß Hans Jörg Schösser schreibt darüber, was wir bereits früher mit- getheilt haben. Der Hexenrichter Caspari wollte durch die besondere Feierlichkeit der Urtheilsverkündigung in Gegenwart von Hohen und Niederen, Geistlichen und Weltlichen, Männern und Frauen ein abschreckendes Beispiel geben. Fünf Wochen später, auf Martini-Abend, saß Caspari finster vor sich hinbrütend in der Kanzlei. Alle Beamten waren längst weggegangen. Draußen heulte der November- sturm und peitschte Eisnydeln und Schneeflocken gegen die Fensterscheiben. Es war frühzeitig Winter geworden; Bäche, Flüsse und Teiche waren bereits mit einer starken Eisdecke überlagert. „Ich muß ein Ende machen!" sprach der Gefürchtete. „Die Herrschaft ist nach Homburg gereist, um dorten den Geburtstag des Fürsten (13. November) zu feiern. Heute sind es achtzehn Jahre, daß ich in Homburg eintraf, mein Haus niedergebrannt, Weib und Kind elend ermordet, meine Zukunft vernichtet fand. Teufel, Unholde und Dämonen haben es ge- than, wir haben solche in der ganzen Welt, auch hier. Sie müffen vertilgt werden, zuerst die Beilstein'sche Teufelsbrut, dann der Rentmeister. Wenn die Dirne beseitigt ist, kann der Mann selbst nicht hier bleiben, daher das Wichtigste zuerst." — Noch einigemal schritt Caspari in starker Erregung im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er stehen, riß einen Bogen Papier herbei, schrieb schnell etliche Zeilen, drückte das große Siegel darunter und zog heftig die Glocke. Der Kanzleidiener kam mit großen Schritten gelaufen. „Was befehlen Euer Gestrengen?" fragte der Unterwürfige. „Gehe hin zur Wache, ich lasse um einen Feldweibel und drei Gemeine bitten, es ist eine wichtige Arretirung vorzunehmen." Mit schlotternden Knieen eilte der Kanzleidiener davon. „Gott sei dessen armer Seele gnädig," murmelte der Mann, „dem es heute gilt." Nach einer Viertelstunde erschien der Feldweibel mit den drei Soldaten. „Lest diesen Befehl und führt ihn aus," befahl der Richter. „Der Arrestant wird nicht in das Rathhausgefängniß, weil unsicher, sondern in's Schloß in den westlichen Thurm verbracht. Ihr hastet mit Eurem Kopfe für die richtige Ausführung des Befehls." Der Feldweibel las und wurde bleich. „Herr Richter vergönnet —" sprach der alte Soldat, der in zwanzig Schlachten den Tod gesehen und nicht gewichen war, dem der Inhalt des Befehls aber das Innere aufwühlte. „Was ist!" donnerte Caspari. „Wagt Er mit Insubordination zu kommen? Ich bin der oberste Beamte und Vertreter Seiner Durchlaucht. Marsch! Vorwärts zur Ausführung des Befehls." Verwirrt zog sich der Feldweibel zurück, er mußte gehorchen. Im Häuschen an der Beundegaffe faßen drei glückliche Menschen am Tische, jede mit etwas Anderem beschäftigt, dabei in traulicher Unterhaltung. Sibille hatte eine feine Näharbeit in der Hand; neben ihr saß Bardenstein, der eifrig in den vor ihm liegenden Heften blätterte, zuweilen Einiges laut vorlas. Dem jungen Paare gegenüber faß die alte Beilstein. Ihre Augen waren mit einer großen Hornbrille bewaffnet, in den Händen hielt sie einen Strickstrumpf, dessen Nadeln fortwährend klapperten. „Nun mache ich wieder eine neue Entdeckung in Bezug auf Dein Wissen," rief Bardenstein, indem er Sibillen die Locken aus der Stirne strich. „Hier sind mehrere Hefte von französischen Arbeiten, die Deine geschickte Hand gemacht. Wer hat Dich darin unterrichtet, mein Kind?" „Unser verstorbener Pfarrherr Georg Schlerff; er hat mich confirmirt, gab mir nach der Confirmation noch Unterricht, besonders im Französischen, und war stets sehr gut gegen mich, wie der jetzige Herr Hofprediger Meles." „Hast Du Uebung im Französtschsprechen, Billi?" fragte Bardenstein weiter. „Wenig, Herr--lieber Gerhardt!" antwortete die Holde, wobei zartes Roth ihre schönen Züge überflog. Eine gewisse Scheu und die Ausdrücke der Ehrerbietung und Hoch, achtung gegen den Verlobten waren ihr, obgleich nun sieben Wochen verflossen, seit sich die jungen Herzen gefunden, zu eigen geblieben. „Aber ein gutes französisches Buch vermag ich in der Ursprache zu lesen." Mit diesen Worten erhob sie sich, drückte dem Geliebten einen Kuß auf die Stirn, — es war das erstemal, daß sie dies aus eigenem Antrieb wagte, — und eilte in die Küche, um das einfache Abendbrod zu bereiten. „Wenn man sie lobt, kommt sie in Verlegenheit," sprach die Alte. „Das ist ein Zeichen von Bescheidenheit," antwortete Bardenstein. „Was steht denn in diesen Büchern? Hier sind Rechnungsaufgaben bis zur Regula de tri, das versteht mancher Schultheiß oder Jurist nicht. Da ist ein Heft mit Liedern und Gesängen, auch Sentenzen aus Schriftstellern. Und hier sind Zeichnungen von Blumen und Mustern, Alle» fein zierlich ausgeführt." „Ihr werdet einmal ein geschickt, gottesfürchtig Weib Euer eigen nennen," sprach die Alte mit Stolz. „Ein solch' lernsam-pfltchttreues Kind hat der Pfarrherr Schlerff selten angetroffen, sagte er mir nach der Confirmation. Dasselbige sagen Herr Hofprediger Meles und seine liebwerthe Gattin. Auch die Bescheidenheit und Güte rühmen sie. Groß Geld und Gut wird sie Euch nicht bringen, obschon immerhin ein kleines Heirathsgut mitkommen wird, das sage ich mit einigem Stolze. Hingegen findet Ihr ein goldtreu Gemüthe, ein geschicktes, immer heiteres Weiblein, der Sonnenschein meines Alters. Kaum kann ich mir denken, daß ich es einmal entbehren müßte." Sibille deckte den Tisch, brachte die Speisen und legte vor. Das ging Alles so ruhig und gemüthlich. Vor dem Essen sprach sie das Tischgebet; man hörte, daß es aus reinem, gutem Herzen kam. — Draußen heulte der Novembersturm. Die kleinen, runden Fensterscheiben hingen voller Schnee. Man konnte nicht auf die Straße sehen. Der frischgefallene Schnee dämpfte die Schritte der Männer, die herangestapft kamen, einen Augenblick vor dem Beilstein'schen Häuschen stehen blieben und dann stolpernd und pustend über die Schwelle stiegen. Sibille hörte das Stampfen und Trappeln der Leute, öffnete die Thüre und leuchtete hinaus. Der Feldweibel und die drei Soldaten traten zögernd in das trauliche Gemach. „Was wollt Ihr Leute hier um diese Zeit?" fragte Bardenstein, indem er auf den Feldweibel zutrat. „Verzeiht, Herr!" antwortete der Soldat, dem man ansah, wie schwer ihm der Auftrag wurde. „Hier ist ein schriftlicher Befehl, sehet hinein. Wir sollen Sibille König, die Enkelin der Anna Beilstein, Wittwe des alten Johann Beilstein, verhaften und in's Gefängniß abliefern." „Seid Ihr toll, Mensch!" rief Bardenstein, indem er mit funkelnden Augen vor den Kriegsmann trat. „Es ist meine Braut und wer sie berührt, ist verloren. Wagt es!" „Wir rühren sie nicht an, Herr!" antwortete der alte Krieger mit gepreßter Stimme. „Wir verehren Euch und das Mädchen; niemals ist mir, der ich zwanzig Jahre des schrecklichen Krieges mitmachte, ein so bitterer Auftrag geworden. Hier lest den Befehl. Das große Staatssiegel ist darunter gedruckt. Mit unseren Köpfen haften wir für die Ausführung." sibille war leise an Bardensteins Seite getreten und schmiegte sich zitternd an den starken Mann. „Laßt es gut fein!" sprach sie leise. „Gewalt hilft hier nicht. Diese vier Männer werden mir kein Haar krümmen, sie thun ihre Pflicht. Nun ist unseres Glückes Ende gekommen. Kurz war es, doch himmlisch, unaussprechlich schön. Ich danke meinem Gott dafür." — Mit einem Schrei sank die Unglück- liche zu Boden. Bardenstein fing sie auf und hielt sie in den Armen. „Gibt es denn gar keine Gerechtigkeit auf dieser Gotteswelt!" rief die alte Großmutter, indem sie die Hände rang. „Wie lange sollen die Greuel noch weiter gehen, bis wieder Friede und Ruhe auf Erden einkehrt. Sind es Christen oder blutdürstige Raubtbiere, welche die Schicksale der Menschen in den Händen haben!" Der Feldweibel wischte sich die Augen; die Soldaten gingen zur Thüre hinaus und blieben auf dem kleinen, dunklen Vorplatze stehen. „Lieber in offener Feldschlacht dem Tod in die Augen sehen, als solchen Jammer erleben!" sprachen sie untereinander. Sibille kam wieder zu sich, blickte scheu umher und sah den Soldaten stehen. Ein neuer Schrei entrang sich ihrer Brust; sie umklammerte den Nacken des Geliebten und rief: „Schütze mich, rette mich vor der Hand des Henkers, heißgeliebter Mann! Dulde nicht, daß mich die Schergen mißhandeln und mit ihren bluttriefenden Händen besudeln. Gib mir den Tod, ich habe genug gelebt. Stoße mir ein Meffer in's Herz!" „Verzweifle nicht, mein Herz!" sprach Bardenflein. „Ich biete Bürgschaft für Dich an, dasselbe thut der Herr Hofprediger. Wir Beide schützen Dich, Du weichst nicht von der Stelle und ich nicht von Deiner Seite. Erst muß man mich tobten, ehe man Hand an Dich legt." „Dann kommt es zum Kampfe, Herr, in welchem Ihr unterliegt," sprach der Feldweibel bitter. „Ihr seid wehrlos, seid selbst ein Mann des Gesetzes und dürft keinen Aufruhr predigen. Ihr habt Freunde und Gönner, eilt zu ihnen, setzet Alles in Bewegung, es muß Euch gelingen, die Maid zu befreien. Ich gebe Euch eine Stunde Zeit, so lange bleibe ich hier, die Frauen zu bewachen. Sehet zu und verlieret keine Minute. Ich überschreite meine Befugniß, indem ich das thue, was ich versprach; aber ich wage es, weil ich hoffe, ein gutes Werk vollbringen zu helfen." „Der Mann hat Recht!" rief Bardenstein. „Verzweifle nicht, mein heißgeliebtes Kind. Hoffnung läßt nicht zu schänden werden. Und wenn ich mit Löwen und Tigern kämpfen und in die Pforten der Hölle eindringen müßte, ich kämpfe und hoffe auf Sieg." Sibille hielt ihn fest. „Ich hoffe nichts mehr, Du Theurer," sprach sie; „die Tage, die ich seither verlebte, bargen eine so unendliche Menge des Glückes, daß es nicht von Dauer hätte fein können. Wer jenem Manne in die Hände fällt, ist unrettbar verloren. Fünfzig Menschen hat er eingekerkert und alle bluteten auf dem Schaffote. Mich kann Niemand retten. Der Tod von Deiner Hand wäre hohes Glück." „Verzage nicht, mein Kind I" tief Bardenstein. „So lange ein Athemzug in mir ist und so lange ein Blutstropfen in mir rollt, hast Du noch Hoffnung auf Rettung. Ich eile hinweg, in einer Stunde längstens bin ich mit Deiner Befreiung zurück, so lange wartet Ihr." Der Feldweibel nickte, Bardenstein stürmte in die Nacht hinaus. Sibille trat an das Büchergestell, nahm die Bibel herab und schlug den 91. Psalm auf: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet!" betete sie laut. Die Stunde verrann, Bardenstein kehrte nicht zurück. Der Feldweibel sandte einen der Soldaten aus, um zu forschen, wo der Rentmeister bliebe. Nach einer halben Stunde erschien der Soldat; er wollte nicht heraus mit der Nachricht. „Sprecht ungescheut!" sprach Sibille mit großer Ruhe. „Ich weiß fast mit Sicherheit, was geschehen ist. Man hat ihn auch eingekerkert, sprecht die Wahrheit." „Es ist so, wie Ihr saget!" antwortete der Krieger. „Das Schloß ist abgesperrt, die Thore geschloffen, die Zugbrücke ausgezogen. Niemand darf herein noch heraus ohne höhere Erlaubniß. Sie ließen den Rentmeister herein, fingen ihn und warfen ihn in den großen südlichen Thurm. Ihr, Jungfrau König, sollet in den kleineren westlichen Thurm ge- than werden. Nun folget uns!" (Fortsetzung folgt.) Der Bimm-Vetter. Eine Heide-Novelle von C. Crome-Schwiening. (Fortsetzung.) II. Beim Kaffee hatte der junge Referendar ein Project entwickelt, das in seinem Collegenkreise ausgebrütet worden war und schon die Sanctiou der maßgebenden Honoratiorenfamilien des Ortes gefunden hatte. Der nächste Sonnabend Nachmittag sollte den Plan zur Ausführung gebracht sehen. Es handelte sich um eine Gondelpartie auf dem oberen breiten Laufe der Aller nach dem eine halbe Stunde stromaufwärts entfernt gelegenen Thaer's Garten, dem einstigen Gute des landwirthfchaftlichen Reformators Albrecht Thaer, von dem das heutige kleine Vergnügungs-Etabliffement feinen Namen empfangen hatte. Dort sollten die in genügender Anzahl vorhandenen Kähne anlegen, ein „Kaffeetisch" sollte Alt und Jung vereinigen, Spiele würden folgen, dem einfachen gemeinsamen Vesperbrot sollte ein Tänzchen angereiht werden und dann auf den mit Lampions gezierten Boten der Rückweg zur großen Brücke angetreten werden, von welcher die Theiluehmer der Partie dann noch ein kleines auf dem Flusse selbst abgebranntes Feuerwerk genießen sollten. Zu schicklicher Abendstunde würde alsdann alles wieder daheim fein. „Wie schön!" sagte Mariechen — „wir betheiligen uns doch, Mamachen, nicht wahr?" „Als Hauptpersonen!" fügte Fritz Gerding artig hinzu. „Mir sind die ganzen Arrangements in die Hände gelegt. Ich werde als Leiter in dem ersten Bote fahren, darf ich hoffen, daß Du diese Ehre mit mir theilen wirst, Cousinchen?" Marie blickte zur Mutter auf, und als diese lächelnd nickte, sagte sie unbefangen: „Recht gern, Fritz!" „Aber mich laßt Ihr mit Eurer wässerigen Partie aus dem Spiele!" lachte der Oberamtmann. „Meine Frau wird als Garde-Dame wohl genügen, und ich komme dann wenigstens nicht um meine Whistpartie." Nach dem Kaffee empfahl sich der Referendar. Seine College» erwarteten ihn aus der Bahnhofsrestauration zu einer Besprechung über die Gondelpartie. Er küßte seiner Tante ritterlich die Hand, nahm mit einem Händeschütteln Abschied vom Oberamtmann und wandte sich dann zu Marie. Er behielt ihre Hand, die sie ihm unbefangen gab, eine Secunde länger in der seinen, und als sie befremdet aufschaute, tras sie aus seinen Augen ein so leidenschaftlicher Blick, daß sie verwirrt den ihren senkte. „Auf Wiedersehen!" sagte er laut und herzlich, und leise, so daß es ihr Ohr eben nur vernehmen konnte, fügte er hinzu: „Denk' an mich!" Der Rest des Nachmittags und der Abend verrann in ruhiger Weise. Er brachte keinen Besuch, zu Mariens Erleichterung. Zum ersten Male fühlte sie sich in ihren Gedanken unfrei, wie von einem plötzlich über sie gekommenen Banne belastet. Sie sehnte die Stunde herbei, in der sie ihr im oberen Stock nach der Gartenseite belegenes Stübchen aufsuchen konnte, und ging, als diese gekommen, hastiger als sonst die weißgescheuerte mit leise knirschendem Sand fein bestreute Treppe hinauf. Es war ihr, als müsse sie jetzt allein fein. „Denk an mich", diese Worte Fritz Gerdings hallten in ihrer Brust nach. Noch war ihr Herz unberührt geblieben von mancher ihr weniger oder mehr verhüllt entgegengetragenen Neigung. Gewiß hatte es ihr nicht an Bewerbern gefehlt, aber nie hatte einer der jungen Leute, die das gastliche Haus ihrer Eltern in ihre Nähe geführt, einen tieferen Eindruck auf sie gemacht. Da war Fritz Gerding gekommen- Der Grad der Verwandtschaft brachte dar trauliche „Du" mit sich und rückte ihn von vornherein näher als alle Anderen an ihre Sette. Und ihr gefiel sein ganzes Gehaben — seine offen zur Schau getragene Lebenslust, sein frisches Wesen. Kindlich, wie sie trotz ihrer achtzehn Jahre in ihrem ganzen Denken und Empfinden noch war, war ihr diese heitere, das Leben leicht nehmende Art sympathisch. Unbewußt war sie ihm gegenüber wärmer, herzlicher gewesen. Dies eine Wort: „Denk' an mich" und der sie begleitende, wie Feuer in ihre Seele dringende Blick hatte sie aus ihrem kindlichen Gleich- muth aufgerüttelt und einen Sturm von sonst ihr fremden Gedanken wachgerufen. Sonst hatte sie Abends, in ihrem Zimmer angekommen, mit der gesunden Müdigkeit der Jugend ihr weiches Lager ausgesucht. Heute schien ihr der Schlaf weltenfern. Sie öffnete ein Fenster. Laut quoll die von dem Blüthenathem gewürzte Luft in ihr kleines Gemach. Am klaren Nachthimmel stand Stern an Stern. Ihre Augen hafteten darauf, ihre Gedanken zogen erdenwärts. „Denk' an mich," flüsterten ihre Lippen unwillkürlich, und ihr Herz stellte in diesem Augenblick die Frage, die sie mit seltsamer Bangigkeit erfüllte, die Frage: „Liebe ich ihn?" Unten vernahm sie die rauh-gutwüthige Stimme ihre» Vaters. Er war auf die kleine Veranda getreten, die mit dem Wohnzimmer in Verbindung stand. Er schien ein Gespräch mit seiner Gattin endgültig abbrechen zu wollen. „Meinetwegen dennl" klang es zu ihr herauf. „Mach', was Du willst. Da» sind und bleiben ja doch Frauenzimmer- geschichten. Ich sage nur, mir wäre der Hinrik trotz seiner Schrullen lieber gewesen!" Es gibt Worte, die uns jäh aus einer Gedankenwelt in die andere werfen. „Hinrik!" dies eine Wort in einer Satzverbindung, über deren Bedeutung Mariechen keinen Augenblick nachsann, war für sie ein solcher. Eine ganze Fluth kindlicher Erinnerungen, das so plötzlich in ihrer Brust entstandene Flackerfeuer schnell und leicht löschend, strömte auf sie ein. Vetter Heinrich! Wie oft hatte in eEren diesem elterlichen Garten, dessen dunkle Baumgruppen vor ihrem hinabschauenden Auge sich dehnten, der junge Student sie, das kleine Mädchen, gehascht, ihr, der Aufhorchenden, wundersame Geschichten erzählt vom Mond, der in den Weiher gefallen sei und nicht wieder hinaus könne, von dem verzauberten Sperling, der oben am Dachfirst so schön sänge wie eine Nachtigall — in seltsamer Deutlichkeit traten ihr in diesem Augenblicke ach, so weit zurückliegende Momente vor die Erinnerung, die sie farbig und plastisch, als seien sie gestern es gewesen, ihr auf's Neue vor die Seele stellte. (Fortsetzung folgt.) Der Spargel. Der Spargel ist unstreitig eine der für die menschliche Nahrung am meisten in Betracht kommenden, werthvollsten und für die Zukunft unter den günstigsten Auspizien stehenden Gemüsepflanzen. lieber seine Heimath läßt sich nichts bestimmtes behaupten: seine Abhärtung gegen niedere Temperaturen und andere klimatische Verhältnisse, seine Verbreitung im nördlichen Europa u. a. m. gestatten den Schluß, daß er an den Küsten der Nord- und Ostsee, überhaupt in Mitteleuropa, ursprünglich heimisch gewesen ist. Schon Plinius und Juvenal erwähnen diese Pflanze und erzählen, daß sie in Rom hochgeschätzt worden sei- namentlich der aus der Umgegend von Ravenna bezogene Spargel, denn von diesem sollen drei Pfeifen ein Pfnnd ge- gewogen haben. Cato ertheilte Rathschläge über Spargelkultur. Er ließ den Samen in Beete von Winterröhricht säen und die Pflanzen im Frühjahre des dritten Jahres verbrennen, da die Asche derselben zu Düngungszwecken für die folgenden Kulturen dienen sollte; auch will er die Pflanzen alle 8 bis 9 Jahre erneuert wissen. Kaiser Augustus pflegte häufig zu sagen: „Gitins quam asparagi coquentur“. —- „Thue es schneller 260 — I als du Spargel kochen kannst!" Die alten Deutschen kannten nur die unkultivirte, wildwachsende Pflanze, von welcher die feinschmeckenden Römer nicht viel wissen wollten. Es dauerte in Deutschland bis zum 16. Jahrhundert, ehe einzelne Schriftsteller den Spargel unter den Gartenpflanzen mit aufzählten. Erst nach Ablauf desselben wurde der Spargel sowohl als Gemüsepflanze wie auch als Heilgewächs allgemein bekannt. Im Pflanzenverzeichniß des Stuttgarter Hofgartens von 1565 wird er mit aufgezählt, und der zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts erschienene „Hortus Eystelleusis“ enthält eine sehr- naturgetreue Abbildung vom Spargel, der unter dem Namen Asparagus domesticus anfgefühct ist. Die Vorliebe für diese Pflanze wuchs aber mehr und mehr. Daniel Rhagor 1639 und Heinrich Hesse brachten schon sehr instruktive Beschreibungen über die Kultur, ja sogar einige Anweisungen über das Antrciben des Spargels. In England herrschten ähnliche Verhältnisse bezüglich des Spargelanbaues; auch dort scheint schon in der ältesten Zeit der wilde Spargel existirt zu haben, welchen die Kultur alsdann sehr vervollkommnete. John Gerard erzählt, daß zur Zeit der Königin Elisabeth der Spargel, in Fleischbrühe gesotten oder in Wasser gekocht, und mit Essig, Oel, Pfeffer und Salz gewürzt, als Salat auf die Tafel gekommen sei. In Frankreich war wie die gejammte Gärtnerei, so auch dieser Zweig zu derselben Zeit sehr in Blüthe. In Darmstadt wurden nach Jehsler 1780 0,5 Pfund schwere Spargel gezüchtet. In Berlin kannte man 1775 schon große Spargeltreiberei und Kultur, ebenso wie jetzt in Oesterreich-Ungarn und Amerika, auf Ceylon und Australien Spargel getrieben wird. In Deutschland gestaltet sich gegenwärtig die Statistik über Spargelknltur folgendermaßen: Die Stadt Braunschweig und ihre Umgegend bebaut gegen 500 Hektar mit Spargel, und 1880 wurden 3814,4 Dop- pel-Centner dieses Gemüses vom Braunschweiger Bahnhofe aus versandt. Der Reinertrag dieser Spargelfelder beläuft sich in mittelguten Jahren vom Hektar auf ea. 2000 — 2500 Mk. Das Gesammtareal der Brauuschweiger Kulturen beträgt ea. 550 Hektar,- eine Spargelpflanzung allein besaß 1881 schon 75 Hektar. Die Aktiengesellschaft der Spargelzüchter in Braunschweig macht jedenfalls das größte Geschäft; während der Saison versendet sie wöchentlich ea. 600 Doppel-Centner Spargel. Der Gesammtertrag beläuft sich durchschnittlich in einem Jahre auf ea. 2 Millionen Mark. In Erfurt kultivirt man im ganzen jährlich gegen 2500 Doppel-Centner Spargel, Nürnberg verkauft Spargel für 10,400 Mk. Bei Schwetzingen beläuft sich der Ertrag pro badischen Morgen auf 675 Kilogr. zu je 1 Mk. (pro Hektar auf 18,75 Doppel-Centner). Bei Ulm kostet der Morgen Spargellandes 6000 Mk. pro Hektar. Noch bekannt wegen ihres Spargelbaues sind Berlin, Darmstadt, Dresden, Frankfurt a. M. und Gotha, in Oesterreich Eibenschitz, das Marchfeld, Görz re. In der Konservenfabrik Gänsefurth bei Staßfurt wurden im Jahre 1885 von 43 er tragsfähigen Morgen (10,75 Hektar) Spargellandes, der Hälfte des dieser Pflanze zugewiesenen Areals, bis zum 26. Juni ea. 350 Doppel-Centner Spargel geerntet, wobei täglich 60 bis 70 Mädchen zum Ausstechen und 50 bis 60 zum Schälen gebraucht wurden. Spargelmonstrositäten, sog. „Riesenspargel", kommen nach den Berichten landwirthschaftlicher und anderer Zeitungen öfter in dieser oder jener Gegend vor. Kolossal entwickelter Spargel soll sich in den Ahlal-Tekkes-Steppen in Turkestan wild in Menge vorfinden, man hält denselben, seiner so außergewöhnlichen Größenverhältnisse wegen für neue Spezies. Dieser Spargel soll von der Stärke eines menschlichen Armes sein und eine Höhe von 1,5—1,8 Mtr. aufweisen. Au einem dieser Spargel sollen zehn russische Soldaten sich völlig sättigen können. Wenn auch durch neuere Entdeckungen bekannt geworden ist, daß die früher so wenig durchforschten russischen Steppen Unmassen wilden Spargels und darunter große Schosse produziren, die als Viehfutter verwendet werden, so scheint doch obige Schilderung ein wenig übertrieben zu sein. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.