1894 -----H—Sxs 4 <5^ --2z® l3-T » SS®— M"-----Av_» Untevhaltnngsblatt 311m Gietzenev 2lnzergsv (Geneval-Anzergep) Samstag, den 7. April. Nr. 40 Die Wallfahrt nach Czenstochau. Roman von Johanna Berger. (Fortsetzung.) Draußen fiel Wytek in den Schnee, er raffte fich wieder auf, fiel nochmals hin und erhob sich mühselig. Dann taumelte er ohne Kopfbedeckung weiter. Er schleppte sich, an allen Gliedern schlotternd, fast ohne Bewußtsein und oftmals zu Boden fallend, durch das Gewirr der Gassen und Gäßchen von Czenstochau. Die Straßenjungen rannten lachend, schreiend und johlend hinter ihm drein. Sie warfen ihn mit Schnee und allerhand Unrath. Ein böser Bube band ihm eine leere Schnapsflasche hinten an den Mantelkragen, daß sie wie ein Troddel daran herunter hing, und ein ohrenzerreißendes Gezeter und Gekreisch begleitete diesen Unfug. Je toller und lauter der Spectakel hinter ihm herraste, desto mehr bemühte sich der alte Wytek, feinen Peinigern zu entkommen und das Stadtthor zu erreichen. An der alten Backsteinmauer kehrte die wilde Rotte um, denn die Nacht brach an. Das Wüthen des Sturmes, das unheimliche Schneetreiben hatte nachgelassen und der Mond schien hell. Bäume und Sträucher warfen lange Schatten über den Weg. Wie im Traume stolperte der Alte aus der einsamen Landstraße vorwärts und erreichte endlich fast athemlos und in Schweiß gebadet die Rochuscapelle. Doch nun war es mit seiner Kraft zu Ende, er mußte sich mit beiden Armen an eine der verkrüppelten Kiefern klammern, um nicht vor Erschöpfung umzustnken. Von den grauen Bärten des Baumes stürzte eine Schneelast auf sein unbedecktes Haupt und eisige Kälte durchschauerte ihn. Mit halb erloschenen Augen suchte er unsicher umher, bis er den kleinen, weißen Hügel erblickte, welcher die Ueber- reste von Jadwigas Mutter bedeckte. Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, schwankte er zum Kirchhof hinüber. Er brach aber vor dem Grabe wieder zusammen und lehnte den Kopf an den Stamm des kahlen Weißdornbusches, der zu Häupten desselben stand. Ach, der Kops, der arme Kopf, er war ihm heute so wüst und schwer und in den Schläfen pochte und klopfte es wie mit eisernen Hämmern. Dabei die furchtbare Müdigkeit, die ihm wie Blei in den Gliedern lag. Und weshalb war er denn eigentlich in der eisigen Winternacht auf den spukhaften Kirchhof gewandert? Was wollte er nur hier? Ja, was wollte er? Diese Gedanken wirbelten wie ein Kreisel in seinem Kopfe umher, er konnte sich nicht besinnen; mit halb blödem Ausdruck hingen seine Blicke wie gebannt an dem Grabe, bis endlich langsam, allmälig etwas in ihm aufdämmerte. Und nun tasteten und suchten seine steifgefrorenen Finger in allen Taschen umher, bis sie die geweihten Kerzen erfaßten. Er betrachtete sie ein paar Augenblicke mit nickendem Haupte und drehte sie hin und her. Dann flog ein schmerzliches Lächeln um den bläulichen Mund, er wußte plötzlich, was ihn hierher geführt. Nun senkte er die Lichter behutsam in den lockeren Schnee und zündete sie an. Mit starren Augen verfolgte er das Niederbrennen derselben. Der Wind spielte mit den Flammen, sie flackerten hin und her und tanzten gleich irrenden Seelen über das weiße Grab. Oben im Thurm wurde von Zeit zu Zeit der Klang des Glöckchens hörbar, gleich einer leisen Todtenklage. Der Alte kauerte regungslos im Schnee mit brennendem Hirn. Die strenge Kälte erstarrte ihm das Blut und lähmte ihm den Athem. Ueber ihm am nächtlichen Himmel begann das graue Wolkenheer mit dem strahlenden Mondlicht zu kämpfen. Immer neue Ballen fegte der Wind heran und es dauerte nicht lange, so rieselten die weißen Flocken wieder in dichten Massen auf die Erde herab. Aber er vermochte sich nicht mehr zu erheben, um heim zu gehen, er war so müde, so sterbensmüde — er wollte erst ein paar Minuten schlafen, um Kräfte zu sammeln. Und nun schloß er die Augen, er schlief ein — er träumte. Ein seliges Träumen, — denn die verhärmten Züge verklärten sich und wurden mild und weich — er sah seine Jadwiga im Traum. Es war sein letzter Traum, fein letztes Lächeln — aber er schlief so sanft, so süß und so fest — über seine Seele war ewige Ruhe gekommen. Und der Nachtwind rüttelte und schüttelte den morschen Capellenthurm, das Glöckchen wimmerte, die feuchten Nebel huschten über die Grüfte und der heilige Rochus nahm fein jährliches Opfer in Empfang. Seit dieser Begebenheit waren vier Jahre vergangen. — Bier Jahre sind eine lange Zeit, sie hatten aus Jadwiga Wytek eine vornehme Dame gemacht. Dem einst so schwer geprüften Mädchen erschien die Vergangenheit nur noch wie ein entschwundener schwerer und wüster Traum. Sie war wie durch Zauber aus tiefem Elend in Glanz und Reichthum versetzt worden, sie brauchte sich ihrer Herkunft nicht mehr zu schämen, sie hatte Eltern, die sie liebten und überreich mit tausend Dingen überschütteten, die ihr vorher kaum dem Namen nach bekannt waren. - 188 Ja, Jadwiga war zufrieden, weit, weit über ihr Hoffen unb Wünschen hinaus, sie nahm ihr Glück mit Demuth und Dankbarkeit auf. Was hätte ste wohl auch noch auf Erden zu wünschen gewagt? Durfte sie unbescheiden sein und vollkommene Seligkeit verlangen, wo ihr das Schicksal schon so viel Gutes und Schöne» bot? Der Gedanke an den Freund ihrer Jugend und an ein ewig entschwundenes Paradies hatte in der ersten Zeit wohl noch ihre Tage getrübt, die Gewißheit, das Verlorene niemals wieder gewinnen zu können, bereitete ihr oftmals Schmerz. Aber es lag nicht in ihrem Character, den Kummer zum alltäglichen Gegenstand ihres Lebens zu machen. Romans Name kam nicht wieder über ihre Lippen, sie gewann es sogar über sich, nicht mehr an ihn zu denken, er war der Gatte einer Anderen und ihr Herz war rein und stolz. Sie hatte mit der Vergangenheit abgebrochen, die Geschichte ihrer Liebe, ihrer Leiden schien vergeffen, und nun kehrte auch die Elastizität und der unvergleichliche Liebreiz ihres Wesens wieder zurück, welche Eigenschaften Kummer und Gram eine Zeit lang unterdrückt hatten. Sie erwachte zu neuem Leben. Es war eine Lust und Freude für sie, in rührender Sorge für ihre Eltern die Hände zu rühren und ihnen Gutes und Liebes zu erweisen. Auch den Armen und Kranken, deren es auf den Gütern des Grafen so viele gab, bezeigte sie in verständiger Weise ihre Theilnahme und ihre Herzensgüte. Gräfin Antonia war dem jungen Mädchen mit mütterlicher Liebe entgegengekommen, sie hatte sich auch bemüht, den Geist desselben zu bilden und mit positiven Kenntniffen zu bereichern. Sie wurde in diesem Bestreben durch Jadwiga» glühenden Wiffensdrang kräftig unterstützt. Auch der äußeren harmonischen Lebensformen hatte dieselbe sich bald bemeistert, wobei ihr die natürliche Anmuth und Grazie ihres Wesens zur Hülfe kam. Das schöne Adoptivkind des Grafen.'Kwilecki war eine Zierde der hohen polnischen Aristokratie geworden und galt als eine begehrenswerthe, gesuchte Partie. Aber Jadwiga dachte gar nicht an eine Vermählung; ste wußte, daß sie auch in Zukunft niemals daran denken würde. Sie hatte auf der Welt nur Einen geliebt und bewahrte ihm im Herzen die Treue. Es war ein kurzes, romantisches, abenteuerliches Liebesglück gewesen, es war gekommen und gegangen wie ein Traum, aber jene Stunde hallte noch immer mit klagender Stimme in ihrer Seele wieder. Wenn sie auch in der Unruhe des alltäglichen Lebens verklungen waren, so konnte Jadwiga doch niemals die stürmische Melodie vergeffen, welche ihr ganzes Wesen durchbebte, als ihr Herz zur Liebe erweckt wurde. Der Gedanke an eine einsame Zukunft beunruhigte sie nicht, sie konnte ihr keine neuen Stürme, neuen Schmerzen mehr bringen. Wenn sie nur ihre Eltern und deren Liebe behielt, dann hatte ihr Sehnen und Wünschen ein Endziel erreicht. Noch mehr zu verlangen, schien ihr vermeflen- Und so kam es, daß Jadwiga, das liebenswürdige, reiche Mädchen, mit vierundzwanztg Jahren noch unvermählt geblieben war. Die jungen Damen ihrer Bekanntschaft wählten sie zu ihrer Freundin und vertrauten ihr alle Herzensgeheimniffe an, — selbst junge Herren, welche sie eher zur Braut als zur Vertrauten wähle« konnten, erzählten ihr von ihrem Liebesleid, und die selbstlose, bescheidene Jadwiga empfand darüber keine Unzufriedenheit; es war ja in ihre Hand gelegt, ihr Leben zu ändern, und nur ihr eigener Wille verhinderte sie. Dem Grafen Stanislaw und seiner Gemahlin fiel es auch gar nicht ein, sie zu einer Heirath zu drängen. Im Gegentheil! Sie empfanden gewiffermaßen eine egoistische Freude daran, ihren Liebling fortwährend bei sich zu haben, welcher durch seine Dankbarkeit und herzgewinnende Sanstmuth ihre unbegrenzte Zuneigung erworben hatte und an dem ste täglich neue Vorzüge entdeckten. Besonders der Graf wies jeden Gedanken einer Trennung hartnäckig von sich ab. Jadwigas Anblick rief ihm ja täglich die Zeit seiner Jugend, seiner ersten Liebe zurück, denn wie sehr glich ste doch der Mutter! — Und nun durfte er wieder die Augen sehen, die er einst so innig geliebt — Margarethenr Augen, — diese schönen, blauen Sterne voll süßer Träumerei An Jadwigas äußerer Erscheinung vermochten die Jahre kaum eine Veränderung hervorzubringen. Nur war ihre Schönheit eine idealere geworden. Ihr feines, zarte» Gesicht mit dem ernst sinnenden Ausdruck erschien jetzt durchgeistigter. Ueber der ganzen holden Mädchengestalt lag der Hauch jungfräulicher Reinheit und Würde. Die Kwileckis lebten mit Ausnahme einiger Wochen, die sie alljährlich in Ly,;otta bei ihren Kindern verbrachten, fast immer auf Schloß Jutrofchin. Es war ein stilles, ereigniß- leere» Leben, aber ein Leben, das vollkommenen Frieden bot und welches keine Sorgen, noch Stürme störte; ein Leben reich an Freüde, Güte, Liebe und Harmonie, in das sich weder Gleichgültigkeit noch Kälte oder Leidenschaft mischte. Der Sonnenschein kam und entfloh, aber die Tage verflossen so sanft, daß sie keine Spuren hinterließen. Und wie sie vergingen, so schwanden auch die Jahre in rastlosem Lauf und fielen der Vergangenheit anheim. Jadwiga war am liebsten auf dem Lande, ihr behagte da» ruhige, beschauliche Leben in Jutrofchin besser, als dar unruhige Treiben großer Städte und Badeorte. Dort mußte sie Visiten machen, in heiße Concerte und Theater gehen, wo sie von jungen Männern angestarrt wurde wie ein Wunder. Schon hatte Gräfin Antonia den Vorschlag gemacht, eine Saison in Pari» oder Warschau zu verleben, um Gesellschaften zu besuchen und sich der großen Welt wieder einmal in Erinnerung zu bringen, aber Jadwiga bat immer, doch lieber in Jutrofchin zu bleiben, wo ste Alle viel besser aufgehoben waren, al« in diesen geräuschvollen und mit Menschen vollgepropsten Orten. Und die Kwileckis, welche mit den Jahren etwa» bequem geworden waren und das Bedürfniß nach Ruhe empfanden, drängten glücklicherweise nicht sehr zu solchen Reisen. E» war ihnen eigentlich ganz angenehm, daß ihre Tochter so wenig auf rauschende Vergnügungen gab und diesen ein stille» Leben auf dem Lande vorzog Schloß Jutrofchin und seine Umgebung war aber auch ein Juwel von landschaftlicher Schönheit- Da» alterthümliche, imposante Gebäude, der Ahnensitz der Grafen Kwilecki, stammte noch aus den Zeiten des Königs Sobieskt. Es erhob sich aur den Fluthen eines klaren Sees und die nach demselben herabfallende Terrasse wurde von hohen Bäumen und malerischen Gebüschgruppen beschattet. Rmgs um das Schloß breitete sich ein großer Park aus, der an ein liebliches Idyll erinnerte. Er wurde mit der größten Sorgfalt gepflegt und war angefüllt mit allen Wundern der Pflanzenwelt, welche nur in diesem nordischen Klima gedeihen wollten. Uralte Eichen, Linden, Ulmen und Föhren wechselten hier mit den zarteren Kastanien, Platanen, Edeltannen und prachtvollen Coniferen, zwischen denen sich Marmorstatuen und steinerne Bildwerke befanden. Herrliche Rasenplätze, köstlich duftende Blumenbeete, meisten« mit Rosen bepflanzt, boten neben kleinen Baskets von seltenen Sträuchern und Blattpflanzen einen entzückenden Anblick, welcher noch durch die breite Silberfläche des Sees und die herrlichen Baumgruppen erhöht wurde- Hier war noch Alles im romantischen Stil uralter Zeiten erhalten worden, mit Ausnahme des Orangeriehauses, welche» einen mit modernem Luxus ausgestatteten Wintergarten enthielt. Von diesem große« Parke zogen sich breite, schattige Alleen in die nähere Umgebung des Schlosses hin, in der sich, zwar im Flachlande liegend, doch Alles zu einem wunderbar schönen und anmuthigen Landschaftsbilde vereinigte. Die innere Einrichtung des Schlosses war gleichfalls alter* thümlich, aber kostbar. Es befanden sich eine Menge von Gemälden, Waffensammlungen, Kunstschätzen und werthvollen Familienreliquien darin, unter Anderem die seidene Schärpe, welche die schöne Polenkönigin Jadwiga vor alter Zeit dem ritterlichen Jagello gestickt hatte. Wenn auch diese kostbaren Alterthümer im Laufe der Jahre an Glanz und Frische eingebüßt hatten, so sorgten die Kwileckis doch auf’» Gewissenhafteste für die Erhaltung derselben, denn tion, Steii und glanz noch bei Ii Mad gabei Thei wird Versi was Sim Harn und Eltei Gest sürch Aus mere klag« ihrei man kein aus, plag daß seine ihn. ihr ihr Jan bere Und halt Em; hielt auf tes fein« oder wär grof sein« in t die jung Abe alte aud küm für mar eige Lan Cho nase es t 15s Sie dämmerte ihr Leben in Trägheit dahin. Was hätte fU auch Besseres vollbringen können? Das junge Ehepaar war nur bei den Mahlzeiten zusam- men. Roman blieb fast den ganzen Tag draußen auf den Aeckern und Feldern und Abends in seinen Zimmern, wo er sich mit Lectüre beschäftigte. Er rauchte leidenschaftlich gern, seine Frau haßte den Cigarrendust, da ließ er ste allein. Er hatte keine Ahnung davon, wie er diese zarte Treib« haurblüthe behandeln mußte; er war kein ungefälliger Gatte, durchaus nicht, aber es fiel ihm nicht ein, Opfer zu bringen. Ihr ewig weinerliches und scheues Wesen langweilte ihn. Er konnte sich nicht zwingen, ste zu lieben, sie paßte so ganz und gar nicht für ihn und er hatte der Hoffnung, ein glückliche« Leben mit ihr zu führen, längst entsagt. Er hatte geglaubt, die Erfüllung der schweren Pflichten, die er sich zur Leben«' aufgabe gemacht, würde ihm leichter werden, aber e« war ein Jrrthum gewesen. Mit der Zeit, al« Spiridia« Kränklichkeit zunahm, veränderte sich ihr Character noch mehr. Sie wurde empfindlich, reizbar und unfreundlich. Sie war fast immer aufgeregt und schlechter Laune. Das gemeinschaftliche Leben der beiden Gatten wurde täglich trauriger und elender, es war eine fortwährende Oual. Spiridia kränkte Roman am meisten dadurch, daß sie ihm häufig vorwarf, sie belogen und betrogen, ste nur des Geldes wegen geheirathet zu haben. Solche Auftritte waren ihm entsetzlich und doch trug er ihre Beschuldigungen mit Ruhe. Er durfte sich nicht beklagen, denn sie hatte gewissermaßen Recht. Sie ahnte freilich nicht, welche Last er sich mit dem Reichthum ausgebürdet hatte, eine Last, die ihn allmälig erdrücken wollte. Die äußere Roth war allerdings von ihm gewichen, aber neben ihm ging eine ungeliebte Frau, die ihm täglich unsympathischer wurde. Ach, er konnte nicht ohne Bitterkeit daran denken, daß er sein ganzes Leben an sie gekettet war. Die Zukunft erschien ihm leer und öde wie eine Wüste. Eine tiefe Melancholie bemächtigte sich seiner, die ganze Welt wurde ihm gleichgültig, er sehnte sich oft nach dem Tode. Rur der Gedanke, seine Pflicht bis zum Ende zu erfüllen, hielt ihn noch ausrecht. „ Nur einmal gab er sich der völligsten Verzweiflung hrn. Es war nach einem neuen heftigen Auftritte mit Spiridia, der ihn bis zum Wahnsinn reizte. Da war er zähneknirschend in sein Zimmer gestürzt und hatte nach seinen Pistolen gegriffen. Ein leichter Druck, ein Knall und Alles wäre vorüber gewesen, die ganze Qual und Roth seines unglückseligen Daseins. Warum zögerte er denn noch? — Wie eine Vision war plötzlich eine lichte, edle Mädchengestalt vor seiner Seele erschienen: Jadwiga. Was würde sie, die Muthige, dazu sagen, wenn er so feige — — er dachte den Gedanken nicht aus. Er warf schaudernd die Pistole von sich fort, als hätte er glühende« Eisen berührt, und stürzte hinweg. Ach, er war ein bejammernswerther Mensch, aber um ihres hehren Vorbild« willen wollte er sein elendes Schicksal tragen, so gut es eben 8 Und dann wurde es besser für ihn. Der Arzt schickte die lungenkranke Frau nach dem Süden, dort sollte sie genesen. Die Trennung von ihr wurde Roman leicht, er fühlte sich von großen Qualen erlöst - er athmete auf. Nun war er allein und hatte Ruhe. Er brauchte die ewigen Klagelieder nicht mehr anzuhören, die jammernde Stimme tönte nicht mehr an sein Ohr, er fah nicht mehr die schrecklichen Weinkrämpfe, die ihn nervös machten und wie wahnwitzig aus dem Hause trieben. Wie köstlich war dies Alleinsein, wie wohlthuend die Ruhe, es herrschte ein himmlischer Frieden im Hause. Roman» Trübsinn schwand, er raffte sich zu neuer Thättgkeit, neuer Daseins- reube auf, und die Arbeit gewährte ihm Befriedigung. An Spiridia dachte er kaum mehr, noch weniger daran, daß auch er viel Schuld hatte an dieser unglücklichen Ehe. Hätte er sich am Anfang, als das Herz seine« blutjungen Weibe« noch weich und lenksam und von keinerlei Mißtrauen und Zweifel gequält war, ein wenig Mühe gegeben, dasselbe zu gewinnen oder hätte er sich wenigstens damit befaßt, ihren denn dieser alten feudalen Magnatenfamilie war jede Tradition, jede« verblichene Ahnenporträt ein Heiligthum, ja, jeder Stein de« alten Gemäuer« hatte eine Bedeutung für sie. Park und Schloß waren mit dem Mmbus einer glorreichen und glanzvollen Vergangenheit umgeben, in denen das Polenthum noch in vollster Blüthe stand. Das gräfliche Paar brachte regelmäßig den Monat Juni bei Roman und Spiridia zu, um am Wallfahrtstage die schwarze Madonna von Czenstochan mit reichen und kostbaren Opfer* gaben zu beschenken. An dieser Reise nahm Jadwiga niemals Thetl. Es war ihr peinlich, den Schauplatz ihrer Leiden wiederzusehen. Die Eltern begriffen das und machten keinen Versuch, sie mitzunehmen. Gräfin Antonia ahnte übrigens, was in dem Herzen des jungen Mädchens kämpfte; ihr kluger Sinn ließ sie Manches errathen. aber sie that vollkommen harmlos und vermied jedes vertrauliche Gespräch über Roman und die Vergangenheit- Spiridia war seit ihrer Vermählung mehrere Male im Elternhause gewesen, aber stets nur auf kurze Zeit. Ihre Gesundheit war immer noch sehr zart, ste kränkelte oft und fürchtete die feuchten Rebel, welche des Abends aus dem See stiegen, sie sand die Lage des Schlosses ungesund und ängstigte sich, daß ihr der Aufenthalt in den kühlen, etwas dumpfen Räumen desselben schaden könnte. Spiridia hatte sich sehr zu ihrem Nachtheil verändert. Aus dem einst so kindlich naiven, schüchternen und zur Schwärmerei geneigten Mädchen war eine unzufriedene, launige, ewige klagende, nervöse Frau geworden, welche dem eigenen Ich und ihren theilweise eingebildeten Leiden ihre völlige Beachtung zuwandte und der die Angelegenheiten Anderer wenig oder gar kein Interesse erweckten. t Sie sah trotz ihrer Jugend bleich, verfallen und elend aus, sie fühlte sich schwach und war immer verstimmt. Dabei plagte sie ihre Umgebung mit kindlichen Grillen und Eigensinn. Nachdem sie mit der Zeit über den Punkt klar geworden, daß Roman nur eine GeldHeirath mit ihr vollzogen hatte, um seine derangirten Verhältnisse zu verbessern, quälte sie auch ihn. Er war ihr einst als das Ideal eines Vertrauten für ihr junge», damals so bekümmertes Herz erschienen, er war ihr sympathisch gewesen und ohne Bedenken hatte sie ihm ihr Jawort gegeben. Nun hatte er sich in ihren Augen als kühl berechnender und seinen Vortheil erwägender Egoist entpuppt- Und da» machte sie bitter und ungerecht- Für seine Motive hatte sie kein Verständniß, sie urtheilte nach dem Schein. Das Empfinden ihrer Seele war auf das Tödtlichste verletzt, sie hielt sich für das unglücklichste und beklagenswertheste Geschöpf auf Erden, grämte und härmte sich ab und suchte ihr getränt» tes Herz fast täglich mit Thränen und Klagen zu erleichtern. Roman war stets gefällig, höflich und zuvorkommend gegen feine Frau, aber es lag nicht in feiner Natur, ihr Zuneigung ober Liebe zu heucheln, von ber fein Herz nichts wußte. Das wäre über feine Kräfte gegangen. Nach Beendigung der Hochzeitsreise hatte er sich mit großer Energie und Schaffensfreude der Bewirthschaftung seines Gutes angenommen. Er fand Zerstreuung und Behagen in dieser Thättgkeit, die, jetzt von reichen Mitteln Unterstützt, die besten Erfolge lieferte- Spiridia war es überlassen, sich ihren Wirkungskreis als junge Edelfrau von Lygotta trn Herrenhause zu verschaffen. Aber da« Hauswesen war unter der bewährten Leitung der alten Michalina vollständig geregelt, und Frau Casirnira litt auch nicht, daß die junge Frau sich um Küche und Keller bekümmerte. So etwa» wäre durchaus unpassend und undelicat für eine Dame vom Stande, so war ihr Ausspruch, das müsse man den Leuten überlassen, denn solche Arbeit mache gemein. Spiridia hatte mit der Schüchternheit, die ihr damals eigen war, den Kops dazu gesenkt und war dann beinahe vor Langeweile gestorben- Sie verträumte ihre Tage auf der Chaiselongue ihres Boudoirs, las sranzösische Romane und naschte Bonbons, bis sie sich dm Magen verdarb. Sie machte es wie ihre Schwiegermama und andere reiche polnische Damen. trägen, unentwickelten, noch schlummernden Geist zu wecken und zu beleben, dann wäre Vieles anders geworden. Aber er ging stet» gleichgültig, kühl und reservirt neben dem schwachen, haltlosen Geschöpf einher, bis schließlich alle Beide jenen Zusammenhang miteinander verloren. (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges. Wie schützt man Kartoffeln im Keller gegen das Faulen? Alle faulen und angefaulten Knollen, die Triebe der ausgewachsenen Blätter, Erde und Schmutz sind zu entfernen und die gesunden in niedrigen Haufen auf Lattenroste zu legen. Diese letztern müssen in einer Höhe von wenigstens 30 Centimeter über dem Boden auf Ziegelunterlagen angebracht sein, so daß unter denselben die Luft durchziehen kann; auch müssen sie in der Mitte des Kellers frei* stehen, damit nicht der Kartoffelhaufen mit nassen Wänden in Berührung kommt. Während der frostfreien Zeit sind die Fenster und Thüren offen zu halten, damit der Keller austrocknet und auslüftet. Aus dem Haufen sind natürlich wieder von Zeit zu Zeit die neuerdings doch angefaulten Kartoffeln zu entfernen. Um Flecke« von Anstrichfarben aus Kleidern zu entfernen, verwendet man gleiche Theile von Ammoniak und Terpentin. Selbst trockene und harte Flecken können noch beseitigt werden, wenn sie damit gehörig getränkt und dann in Seifenbrühe ausgewaschen werden. * ♦ ♦ Eine Fliegenfalle, einfach und billig und nicht so unangenehm im Anblicke wie die sonst gebräuchlichen Leim- ruthen, erhält man, indem man ein Stück dünne Pappe wie ein flaches Kästchen zusammenfaltet. Oben bekommt dasselbe einen oder mehrere Ausschnitte. Ehe man das Papier zusammenfalzt, wird die ganze Innenseite mit Fliegenleim bestrichen, an dem die hineinkrtechenden Fliegen dann hängen bleiben. • • ♦ Fischen den schlechten Geschmack zu benehmen. Um den Fischen den modrigen Geschmack zu benehmen, welchen sie in manchen Gewässern erhalten, werfe man beim Kochen derselben eine Brodrinde in den Kessel und lasse dieselbe mitkochen, wodurch sich der Geschmack verbessert. Den Fischen aus stehenden Gewässern kann man den Übeln Geschmack auch dadurch benehmen, daß man sie einige Stunden in gepulverte Holzkohle oder reines Brunnenwasser, worin man Salz und Kleie gethan hat, legt- Man wäscht sie hernach ab und wiederholt dies so oft, bis das Wasser nicht mehr schleimig aussieht. Glühende Kohlen in das Fischwasssr geworfen, benehmen den Fischen gleichfalls den widrigen Geschmack. * * * Als Wirksames Mittel gegen den Hausschwamm wird Petroleum empfohlen. Das Holz wird von dieser Flüssigkeit leicht durchdrungen, der Pilz vollständig zerstört und die weitere zerstörende Einwirkung desselben verhindert. Bestreicht man Holz und Mauer tüchtig mit Petroleum, so wird der Pilz schwarz, die an dem Mauerwerke haftenden Theile des Pilzes lösen sich los, und der Schwamm stirbt gänzlich ab. ♦ * Riffe und Spalten im Holz werden am Besten mit einer Masse, die aus einem Theil zerfallenem Kalk, zwei Theilen Roggenmehl und soviel Letnöl-Ftrniß, daß dadurch eine knetbare Mischung entsteht, verkittet. ♦ e ♦ Raucherpapier. Schreibpapier taucht man in eine Salpeterauflösung und läßt es trocknen, bestreicht das Papier mit einer Mischung aus Benzoe, etwas Storax und Äeiti- geist. Diese Art Räucherpapier glimmt von selbst fort und gibt einen angenehmen Geruch. Vermischtes. Recht anzüglich. Bekannter (zur Tochter des Hauses): „Für wen sticken Sie denn die Pantoffeln, gnädiges Fräulein?" — Bräutigam: „Die sind für mich bestimmt!" — Bekannter: „So, so, die Herrschaften wollen heirathen!" * * Eine liebenswürdige Gattin- Mann: „Na, Frauchen! Wirst Du heut' wieder darauf bestehen, daß wir beim Mittagsschlaf mit unseren Stühlen tauschen?" — Frau: „Nein, Albert; heut' ist es nicht mehr nöthig." — Mann: "Aber warum denn gestern?" - Frau: „Ja, sich mal, Männchen! Da war mir eine Nähnadel auf da« Polster gefallen. Heut' hab' ich sie glücklich gefunden." — Mann: „So—o! Ich also konnte mich dreist daran verletzen." — Frau: „O, da war mir nicht bange! Du hättest eventuell ja doch nichts gespürt." ♦ * * Ein Stratege! „Einjähriger, war werden Sie thun, wenn Sie im Kriegsfälle den Auftrag bekommen, mit einer größeren Abtheilung den Bahnkörper für den Feind unfahrbar zu machen?" — Ich werde sofort alle Lokomotiven durch die Leute wegtragen lassen!" • • ♦ Der gelehrige Balzer. Balzer, der neu angestellte Bursche des Herrn Lieutenant, kommt in aller Frühe, während sein Herr noch im süßesten Schlummer liegt, plump wie ein Elephant ins Schlafzimmer und brüllt: „Gut'n Morgen, Herr Leitnam!" — Lieutenant: „Dummer Kerl! Wenn ich zu Bett liege, mußt Du ganz leise austreten, damit ich Dich ja nicht höre. Merk' Dir das!" — Balzer: „Zu Befehl, Herr Leitnam!" Am folgenden Morgen schleicht Balzer sachte ins Zimmer seines Gebieters. Dieser schläft ruhig fort. Freudenerfüllt stellt sich nun Balzer dicht vor das Bett und betrachtet den Herrn Lieutenant eine Minute lang mit dem Ausdrucke einer wachsenden Befriedigung. Endlich tupfte er ihm mit dem Zeigefinger bescheidentlich auf die Stirn und fragt: „Herr Leitnam, haben's mich heut' gehört?" ♦ . Aus der Jnstructionsstunde. „Sagen Sie mal, Einjähriger Mayer, wie können wir Deutsche uns mit Stolz nennen?" — „Das civilisirteste Volk der Welt, Herr Feld« webel!" — „Ach, Quatsch — 's Civil spielt gar keine Rolle!" Auf Commando. „Aber Johann, was machst Du heute für ein dummes Gesicht?" — „Entschuldigen S, gnä Herr, ich hab' Jhna noch net g'sehn — werd' gleich ein anderes machen!" Kleines Mißverständniß. Richter (sich abmühend >em Zeugen die Bedeutung des Eides klar zu machen): „... Na, was passtrt Euch denn, wenn Ihr falsch schwört?" — Zeuge: „Wenn ich falsch werd', dann hau ich zu!" Verständig. Gutsherrin: „Wieviel Küchlein hat die Henne ausgebrütet?" — Magd: „Sechzehn, gnädige Frau."— Gutsherrin: „Dann lasse schleunig Milch warm machen." — „ ÖL: denn, gnädige Frau?" — Gutsherrin: „Nun, cille Küchlein kann die Henne doch unmöglich säugen-" Begründung. „Dieser grobe Mensch chickt mir einen unfrankirten Brief, der hat gar keine Manieren, denn er müßte doch wissen: Bildung macht frei!" Sicdrction: A. Schcyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen. M n«< S| ihre Gi Bielins! der Krc langwei die sich Sie seh währen! schwer: Ni ung ihi Freundl ein pao neval u kam de stadt ui sich nid Stunde freudig D stück w Sohnei zeugen, welche der Er Mentoi ein Wi mert i zu kom und Z< letzte s arme! nicht k letzten S ruhige die alt Mensä gewicht resigni Da er