Aneerchaltungsblatt jum Giehenev Anzeigen (GenevQl-2lnzeigev) Donnerstag, den 6! December. —---------- ----- Verworrene Wege. Roman von A. Nicola. (Schluß.) In einem kleinen Dorfe fanden wir Edith im Sterben liegen. Alle Frische war aus diesem jugendlichen Gesicht gewichen, tiefe Falten des Kummers lagen auf der sonst so glatten Stirn und die großen, tief in ihre Höhlen zurückgesunkenen Augen schienen immer von Thränen umflort zu sein. War das Edith, das einst so schöne, lebensfrohe Geschöpf? Jugend und Schönheit, Reichthum und Glanz waren dahin und nur eine Unglückliche, eine Sterbende war im tiefsten Jammer zurückgeblieben. Ich schluchzte laut, als ich auf die traurige Gestalt vor mir blickte. Der Ton mußte sie geweckt haben, denn in dem Moment öffnete sie die Lider und schaute wild um sich. Da trat der Rector zu ihr und sprach in leisem, innigem Ton: „Edith, Du ließest mich rufen; steh', hier bin ich und hier ist auch Madeleine, Deine liebe Schwester." Da überkam sie ein heftiger Hustenanfall, der mir bis in's Herz drang. Sie richtete sich auf und drückte die Hand auf die schmerzende Brust. Nachdem der Anfall vorüber war, legten wir die gänzlich Erschöpfte wieder auf die Riffen, die nicht weißer waren als ihr Gesicht. „Habe tausend Dank, Lena," hauchte sie; „ach, wenn er nur käme!" „Wer, meine Liebe?" fragte ich weich. Da sah sie mit innigem Blick zu mir auf, heiße Thränen rollten über ihre bleichen Wangen und still weinend schmiegte sie sich an mich. „Wen möchtest Du sehen, mein armer Kind?" wiederholte Walter. „Guido — bevor es zur Versöhnung zu spät ist," bat sie. „Er ist in Paris," entgegnete Jener, „ich eile, ihn zu holen. Suche Deine Kräfte aufrecht zu halten, bis ich mit ihm zurückkehre." Während der Nacht, als ich an ihrem Lager wachte, erzählte sie mir, oft von heftigen Hustanfällen unterbrochen, die Verirrungen ihres Lebens. Schon bevor sie fechrzehn Jahre zählte, hatte sie den Lord in Paris kennen gelernt. Geschmeichelt von der unverkennbaren Bevorzugung des von der ganzen vornehmen jungen Damenwelt vergötterten jungen , Mannes, gewann sie ihn bald innig lieb und gewährte ihm [ alltäglich heimliche Zusammenkünfte. j Als der Lord nach einiger Zeit in die Heimath zurück- ! kehrte, gelobten sie einander ewige Treue. Bald darauf las l Edith, als ihre Augen über da« Zeitungsblatt glitten: „Am 28 dieses Monats starb nach kurzer Krankheit auf seiner Besitzung Hasewood Lord Arthur Hasewood." Das war ein harter, unerwarteter Schlag. Für Edith gab es in. der ganzen Welt nur einen dieses Namens. In Wahrheit aber bezog sich jene Todesanzeige auf einen Onkel ihres Geliebten; doch das erfuhr sie erst, als es zu spät war. Was weiter geschah, wußte ich. Nach der Flucht folgte die Reue der That auf dem Fuße, aber lieber hätte sie den Tod erlitten, als daß sie entehrt zu ihrem Gatten zurückgekehrt wäre. — Einen Monat lang blieb sie bei Lord Arthur; sie verzehrte sich in Gram und wies allen Trost von Jenem zurück. Nach vier Wochen entfloh sie auch ihm; und der Lord, der ihrer bereits müde war, da sie den ganzen Tag in Thränen und Selbstvorwürfen verbrachte, war nur noch darauf bedacht, sich Guidos Rache zu entziehen. Am zweiten Tage ward Edith sichtlich schwächer und ich war ernstlich besorgt, daß sie die Nacht nicht überleben werde. Endlich, als es zu dämmern anfing, hörte ich die so sehnlich Erwarteten kommen. Ich beugte mich zu der Kranken nieder, küßte sie und verließ das Zimmer. „Guido," rief ich bei dem Anblick seines tiefbekümmerten Gesichts, „sei standhaft und fasse Muth. Sie verlangt sehnlich st nach Dir. Sei freundlich zu ihr; sie ist für ihre Thor- heit genugsam bestraft worden." Er reichte mir seine Linke — die andere Hand trug er in der Binde — und ließ sich dann schwer in einen Stuhl sinken. „Es gibt Sünden, die man nie vergeben kann, und Wunden, die nicht zu heilen sind — zu diesen gehört die meinige," erwiderte er. „Guido," ergriff da der Rector das Wort, „haben Sie sich nie einer ähnlichen Sünde schuldig gemacht, daß Sie jetzt so hart gegen Ihre Gattin sein können?" Diese wenigen Worte entschieden. Mit wankenden Schritten und bebenden Lippen trat Guido an das Lager der Frau, die ihm so tiefes Weh zugesügt hatte. Schweigend blickte er in Ediths Augen nieder — in diesem langen, festen Blick lag die ganze Qual, die er gelitten hatte. Es war zu viel — sie konnte es nicht ertragen! Mit einem halb unterdrückten, angsterfüllten Schrei, als ob ihr dos Herz bräche, bedeckte sie ihr Gesicht mit den abgezehrten Händen und stöhnte: „Ach, wenn ich Kraft hätte, ich sänke 570 Dir zu Füßen und stände nicht eher wieder auf, als bis Du mir vergeben hättest!" Einen Augenblick rang sie nach Athem, die Hände sanken kraftlos herab und keine Muskel ihres Gesichts regte sich — sie hatte das Bewußtsein verloren. Eine Minute lang sah Guido mir zu, wie ich ihre Schläfen befeuchtete, im nächsten Moment nahm er mir die Bewußtlose aus den Armen und legte das bleiche Gesicht an seine Bust. Die Ohnmacht hielt so lange an, daß wir fast dachten, sie werde nicht wieder aus derselben erwachen. Endlich aber that sie einen tiefen Seufzer und schlug die Augen wieder auf. Ihre Augen glitten ringsum und blieben dann auf dem Gesicht haften, das sich über sie neigte. Guido sah den Blick stammen Flehens, inniger Reue; er drückte sie fest an sein ttefbekümmertes Herz und preßte seine zitternden Lippen in einem langen Kuß der Verzeihung auf die ihrigen. Als er den Kops hob, waren seine Augen feucht von Thränen. Die ganze lange Nacht wachten wir an ihrem Sterbelager und als dw ersten Strahlen des frühen Morgens im Osten sich zeigten, da versank sie in einen stillen, ruhigen Schlaf. Friedlich und schmerzlos schlummerte sie in's Jenseits hinüber. Nachdem wir die unglückliche Edith begraben hatten, reisten wir mit tiefer Wehmuth im Herzen nach Hause und betrauerten ein ganzes Jahr lang die Unglückliche. Als ein Trost erschienen mir manchmal ote Worte des Rectors Walter, wenn er sagte: „Dieses Ende Ediihs und des Lords war eine Sühne und Erlösung zugleich und eine wahre Gnade Gottes gegenüber einem Leben voll Sünde und Schande:" Langsam kehrten dann Ruhe und Heiterkeit wieder in unsere Herzen ein und der Rector hatte sogar manchmcl gute Laune. So sagte er eines Tages scherzend zu mir: „Wissen Sie, Fräulein Madeleine, daß ich Ihnen nächstens eine Schneiderrechnung schicken werde? Da bin ich an Ihrer Haus- tbüre mit dem Rockärmel an die frische Oelfarbe gestrichen. Warum warnen Sie denn Ihre Gäste nicht?" „Das thut mir leid," entgegnete ich lachend. „Aber nichts für ungut; der Schaden ist noch zu heilen. Aberbitte, treten Sie näher, Herr Rector und leisten Sie mir Gesellschaft, ich lasse es mir eben bei einer Taffe Thee wohl sein; wer hätte gedacht, daß sich der Herbst so früh einstellen würde!" Er zog sich einen Stuhl an das flackernde Kaminfeuer und nahm eine Taffe Thee aus meiner Hand. „Wie nett, sich so bedienen zu laffen! So verwöhnt mich doch Niemand wie Sie. Nun sagen Sie mir aber, Madeleine, wozu Sie Ihr Haus so schön vorrichten?" „Erstens, weil es nothwendig ist," verfitzte ich lächelnd. „In meiner Abwesenheit, während ich Lady Ponsonby in ihrer Krankheit pflegte, wollte ich nichts machen laffen. Zweitens habe ich mir eine kleine Summe gespart, von der ich mir schon eine kleine Extrafreude machen darf." „Gestern war es ein Jahr, Madeleine, seit die arme Edith starb." „Ich weiß es wohl, meine Gedanken weilten mehr denn je bei ihr. — Ist es denn wahr," fuhr ich nach kurzer Pause fort, „daß Guido mit dem Eigenthümer vom Bergschloß in Unterhandlung steht, um die Besitzung zu kaufen? Das Gerücht, daß er von seinem kürzlich verstorbenen Onkel ein bedeutendes Vermögen geerbt habe, scheint sich demnach zu bestätigen?" „Ich glaube es wohl." Später, als mein Freund mich wieder verlaffen hatte, zog ich mir einen Stuhl an den Kamin und nahm die Zeitung zur Hand. Da wurde hastig an der Hausklingel gezogen. Wer konnte das sein? Ich lauschte. Hanna öffnete die Stubenthür und ließ einen Fremden ein — so schien es wenigstens im ersten Augenblick. Der Eingetretene kam mit festem Schritt näher und drückte mir herzlich die Hand. Guido war es, der vor mir stand. Ich hieß ihn herzlich willkommen. „Ja, Modeleine," sagte er, „ich bin nun wieder heimgekehrt, wie Du siehst; und in diesem Augenblicke fühle ich mich heimischer, als seit ich den Fuß wieder auf heimath- lichen Boden setzte. Es ist ein Jahr her, seit wir in Frankreich von einander schieden." Diese Worte sprach er in leisem, bekümmertem Tone. „Ja, schon ein Jahr," sprach ich. „Und Du siehst wieder kräftiger und gesünder aus, als damals, das freut mich von Herzen." «Ich Hoffs, in der Zeit auch klüger und besser geworden zu sein," sagte er fceimükhig. — „Hast Du von meinem Glück gehört, Madeleine? Daß mein Onkel, den ich seit meiner Knabenzeit nicht wiedergesehen, mich zu seinem Erben eingesetzt hat?" „Ja," antwortete ich, „und daß Du das Bergschloß zu kaufen beabsichtigst. Willst Du es selbst bewohnen?" ,.Jch boffe," sprach er nachdrücklich. „Ich hoffe den großen Fehltritt meiner Lebens durch mein jetzige» Vorhaben ein wenig wieder gut machen zu können; ich hoffe, daß die Erinnerung an die traurige Vergangenheit durch die schöne Verwirklichung einer glücklichen Zukunft sich verwischen und vergeffen machen läßt. Madeleine, willst Du mir die Zukunft zu einer glücklichen machm?" „Ich?" frug ich erstaunt. „Ja, Du," erwiderte er. „O, Madeleine, geliebtes Mädchen, wußtest Du nicht, daß Dein Bild nicht wieder aus meinem Herzen geschwunden ist seit der Stunde, in der ich Dir zuerst meine Liebe gestand ? Als ich Dir an jenem Abend, ehe ich nach Indien abretste, gelobte, Dich ewig zu lieben, that ich keinen falschen Eid. ... Ich werß, was Du sagen willst, Madeleine. Jetzt will ich Dir Rechenschaft ablegen über mein tiefer Schweigen während jener langen Jahre, die ich in Indien verbrachte. Ich war ein Spieler! Kaum weiß ich zu sagen, wie ich den ersten Schritt zu diesem Laster that, genug, daß ich bald auf dem Wege zu meinem Ruin war. Aber Dir bin ich nie, selbst in Gedanken nicht, untreu geworden. — Voll Scham, mich selbst verabscheuend, kehrte ich nach Europa zurück mit dem festen Vorsatze, die Karten nicht wieder anzurühren. Ich fühlte mich zu tief beschämt und gedemüthigt, um Dir zu schreiben. „Nachdem ich mich — fast ohne jegliche Mittel — einige Zeit in Frankreich ausgehalten hatte, lernte ich Lady Ponsonby kennen. Sie lud mich in ihr Haus ein und ich folgte gern ihrer wiederholten Einladung, froh, mich aus meiner trüben Stimmung herausreißen zu können. Da lernte ich Edith kennen. Ich fand sie reizend, ohne wärmer für sie zu empfinden, bis ich bemerkte, daß Lady Ponsonby mich ganz offenbar vor den anderen jungen Herren bevorzugte, mich zu jeder Art von Vergnügen als Begleiter ihrer Enkelin herbeizog und mir auf diese Weise deuilich zu verstehen gab, daß ich als Bewerber um Ediths Hand keine Abweisung zu fürchten brauche. z In jener Zeit wu«ve ich von meinen Gläubigern hart bedrängt, denn ich hatte nicht nur mein Vermögen verspielt und vergeudet, sondern hatte auch noch große Schulden. Ich war in Verzweiflung und so kam ich zu dem Entschluß, mich durch eine Verbindung mit Edith, welche als Lady Ponsonby» reiche Erbin galt, aus meiner Verlegenheit zu ziehen. — Jetzt kennst Du die ganze Feigheit meines damals so schwachen Characters- Du könntest mich deshalb nicht mehr verachten und verabscheuen, als ich selbst es thue. Ich war froh, daß Du während unserer Verlobung nur selten auf das Bergschloß kamst; ich wußte nicht, wie ich es ertragen sollte, Dich öfter zu sehen, ohne von meiner unveränderten Liebe zu Dir zu sprechen. O, Madeleine, wie ich Dich liebte! Wie ich Dich noch liebe! Sieh', hier ist Dein Bild, das mich nie verlaffen hat, seitdem Du es mir gabst! — Madeleine, ich frage Dich zum zweiten Male, willst Du die Meine werden? Madeleine, 571 Madeleine! Antworte mir!« fuhr er leidenschaftlich fort. — „Sprich nur ein Wort! Gib mir nur einen Funken von Hoffnung!" „Guido," entgegnete ich nach kurzem Schweigen, „wie Manches gibt es, wonach es uns verlangt, und ehe unsere Lippen das Süße berühren, wenden sie sich zu etwas Anderem, das trotz seines verlockenden Aussehens bitter ist. Wenn wir dann zu unserem ersten lieben Traum zurückkehren, dann — ist es zu spät!" „Madeleine, Madeleine! Heißt das mit anderen Worten, daß Du mich abweisest?" rief Guido- „Ja, Guido," versetzte ich ruhig. „Ich blieb Dir lange traurige Jahre hindurch treu, wo ein Wort von Dir mir viele Tage und Nächte des Kummers und Grams erspart hätte. Trotz Deines langen Schweigens und Deiner Vernachlässigung blieb ich Deinem Andenken treu. Damals wäre ich trotz Allem, was Lu Dir zu schulden kommen ließest, die Deine geworden — doch jetzt liebe ich einen Anderen!" „Mehr als Du mich einst liebtest?" fragte er mit bebenden Lippen. »I tzt, Guido, ja!" rief ich erregt und meine Augen füllten sich nut Thränen. „Es gibt aber eine Oase in meinem Herzen, ein goldenes Blatt in dem Buche meines Lebens, sine Blume unter den Dornen, mit denen mein Pfad bestreut war, einen glänzenden Stern in der tiefen Fmsterniß meiner Vergangenheit — und das war in eine erste Liebe." „Und ist der welterfahrene Mann so anders, als der Jüngling, den Du liebtest?" fragte er. „Vor Jahren," entgegnete ich, „in jener Zeit traurigen Harrens fragte mich ein edler Mann, ob ich die Seine werden wolle. Jedes andere Mädchen wäre stolz gewesen, von ihm auserkoren zu sein. Ich wies ihn zurück — des Geliebten meiner Jugend halber!" „O, Mareleine, schone meiner!" rief Guido. „Damals liebte ich ihn nicht," fuhr ich fort, „und hätte wohl nie Liebe für ihn empfunden, wenn Jener mir treu geblieben wäre; aber jetzt liebe ich ihn." „Mehr, als Du mich jetzt liebst?" „Ja," lautete meine Antwort. Tiefes Schweigen folgte. Er bedeckte seine Augen mit der Hand, seine Lippen blieben stumm; aber durch die schlanken weißen Finger drängte sich eine Thräne. Nach mehreren Minuten lautloser StillezZand er auf. „Lebe wohl, Madeleine," sagte er leise und stockend, „zum letzten Male lebe wohl! Wir werden uns auf dieser Welt nie Wiedersehen- Ich kann das Bergschloß nicht kaufen, diese Gegend und die liebe Heimaih ist mir ohne Deinen Besitz für immer vergällt." „Sprich nicht so, Guido," erwiderte ich weich, „ich hoffe, daß Du in unsere Gegend ziehst und die warme Freundschaft, die ich für Dich hege, lebenslänglich zwischen uns fortbesteht." „Das ist unmöglich," sprach et traurig. „Ich kann nicht hier bleiben und Dich als tue Frau eines Anderen sehen. Dieses Bild werde ich, so lange ich lebe, zum Andenken an Dich tragen; der Himmel vergebe mir, wenn es Unrecht ist, — doch es soll mich auch im Tode nicht verlaffen. Morgen reise ich nach Indien ab lyiö werde nie wieder nach Deutschland zurückkehren. Und wenn Dich in späteren Jahren in Deinem Heim einst muntere Kinderstimmen umgeben, so erzähle ihnen in trauter Dämmerstunde bisweilen von einem -Herzen, das am Strande Indiens ruht und deffen letzter Schlag ihrer Mutter galt." Er ergriff meine Hände, preßte seine Lippen darauf und dann umschleierten Thränen meinen Blick — ich sah ihn niemals wieder.--; * ♦ ♦ Kaum vier Wochen später stand ich eines Nachmittags am Fenster meines kleinen Wohnzimmers, mit einem Buche in der Hand; aber ich las nicht- Ich beobachtete das Kind, das, einen Reifen nach sich ziehend, die Straße hinabtrippelte ’ und dachte dabei halb neiderfüllt an das kleine, glückliche Herz. Geräuschlos war hinter mir Jemand in'» Zimmer getreten, kam näher und legte die Hand auf meine Schulter. Ich wandte mich nach dem Eindringling um. Es war Rector Walter. „So sinnend, Madeleine?' frug er lächelnd. „Ich will Ihr Prophet sein und Ihnen sagen, was Sie dachten: Sie wünschten, Sie wären dieses Kind mit aller seiner Sorglosigkeit." „Und seinem Glück," setzte ich, ohne zu überlegen, hinzu. Da wurde er schnell wieder ernst. „Sind Sie nicht glücklich, Madeleine? — Theure Freundin, wir kennen einander so lange — wollen Sie mir nicht vertrauen? Wollen Sie mir nicht sagen, was Sie so bekümmert?" „Nichts," erwiderte ich und schaute dem Rector munter in das freundliche Gesicht. „Ich bin ein schwaches, thörichtes Geschöpf und ließ mich nur einen Moment von meinen Phan» tasieen fortreißen, das ist Alles. Ich fühle mich eben ein wenig einsam." , Und doch wollen Sie sich zur Einsamkeit verurtheilen, Madeleine?" Er hotte meine Hand ergriffen und blickte zu mir nieder. Da stieg mir die Röthe in’s Gesicht und er ließ nun meine Hand los. „Es ist grausam von mir, Ihnen wehe zu thun," sprach er seufzend; „ja, ich bin thöricht, auf eine Stunde zu hoffen, die wohl niemals kommen wird — und doch habe ich all' die Zeit hindurch gehofft." „Worauf, Theodor?" fragte ich. „Madeleine! Lena!" rief er und ein Ausdruck unaussprechlicher Freude erhellte seine edlen Züge. „Sprich, Geliebte, ist es wahr, willst Du endlich die Meine sein?" Und seine Arme, seine schützenden Arme umfaßten mich liebevoll; an seiner Brust ruhte ich, um Kummer, Trübsal und Sorge nie mehr allein zu tragen, — um mich nie mehr einsam und verlaffen zu fühlen. Wie berauschende Musik klangen seine Worte an mein Ohr: „Endäch, endlich drücke ich meinen Liebling an meine Brust! In vier Wochen soll unsere Hochzeit fein!" — Uorn Ginheizen. (Schluß.) Doch wir haben das offene Herdseuer nicht mehr und vielleicht deshalb auch keine Staatsmänner wie Gladstone, die sich das Holz für den läglichen Bedarf selbst schneiden. Vielleicht wäre es für manche Dinge in Deutschland beffer, wenn unsere Staatsmänner nicht ausschließlich am grünen Tische arbeiteten, sondern hin und wieder im freien Wald, auf der grünen Wiese, in Dorf und Stadt mitten unter dem werkthätigen Volk umhertummeltsn. Indessen, das gehört nicht hierher. Fast vollständig verschwunden ist seither der Holzhacker. Er hat sich in einen Kohlenträger metamorphosirt- Der Holzhacker hatte immer eine etwas hohe rechte Schulter, einen kleinen Ansatz zum „Buckelhans". Die Jahr aus Jahr ein sich wiederholende gleichmäßige Vor- und Rückwärtsbewegung des rechten Armes, mit welchem er die Säge führte, brachte diese Vorbildung zu Wege. Als Kohler.träger hat er zwei runde Schultern. Die Last des Kastens drückt gleichmäßig nach beiden Seiten. So wirkt der veränderliche Beruf auch hier sichtbar auf die körperliche Entwicklung ein. Und wo ist der Torf geblieben? Mag fein, daß er in der einen ober der anderen Familie aus Pietät noch beibehalten worden ist; aber im Allgemeinen ist er verschwunden. Er war anspruchsvoll, er machte sich breit und forderte viel Raum. Man ist über ihn schnell zur Tagesordnung über gegangen, als die Preßkohlen erschienen, die sich die Gunst des 572 Publikums im Fluge eroberten. Aber „gestochen" wird deshalb j doch kaum weniger. Wenn man mit der Eisenbahn an den I Moorculiuren vorüberfährt, dann steht man die schwarzen s Zieael noch wie vor ausgespeichert. Sie wüsten sich wohl ein anderes Gebiet erobert haben. Und dann: die Torferbe findet eine ausgedehnte Verwendung auf hygienischem Gebiete- Die Menschheit ist kränker geworden, als sie früher war, oder sie bildet es sich ein. Schlammbäder gehören zu den häufigen Verordnungen, heute gibt es in jeder Stadt ein kleines Franzensbod. Und dann ist in jüngster Zeit eine allerlrebste Notitz von fachmännischer, oder doch wohl unterrichteter Seite, durch alle Zeitungen gegangen. Die unermüdlich, ihre Nase in olles steckende Cbemie Hot entdeckt, daß sich der Torf ganz vorzüglich zur Herstellung von Kleiderstoffen eigne. Und hat die Chemie erst einmal eine Sache angepackt, dann läßt sre sie nicht wieder los. Trotzdem glaube ich nicht, daß man aus dem Boll Toritoilelte begegnen wird. Einstweilen dürften sich die Maskenbälle der Idee bemächtigen. Daß der Ofen selbst befriedigende Fortfchritle gemacht hätte, wie das Heizungsmaterial, läßt sich nicht behaupten. Hier ist eine Angelegenheit, die dem Töpfer aus der Hand genommen und bezüglich der Hauptfrage dem Architekten über* geben werden müßte- In Bezug auf die äußere Form ist das ja, wie vorhin fchon bemerkt, geschehen. Aber für dre wenigsten Leute wird, soweit sie verständig sind, die Form des Ofens das allein entscheidende Moment sein. Dazu ist der Winter zu lang, als daß wir uns damit begnügen sollen, uns nur durch sein schönes Aussehen erwärmen zu lassen. Ist er ein Meisterwerk des Kunflgewerbes und bildet er einen Schmuck des „Salons", ohne den es nun einmal nicht abgeht, gut. Aber mit seiner Heilkraft ist es meistens schlecht bestellt, es fei denn, daß man ohne Rücksicht auf den Etat in seinen feurigen, unerfättlicken Rachen immer neue Nahrung nach* werfen kann und will. Es ist die alte Geschichte, die sich in jedem Jahre tausendfach wiederholt: man nimmt die neue Wohnung wegen der „schönen Oefen" und verläßt sie nach dem Probejahr wegen der „schlechten Oefen", weil es nicht möglich ist, das Zemmer warm zu bekommen. Der Töpfer könnte die Attentate gegen den gesunden Menschenverstand gar nicht machen, wenn die Hausfrauen mit ihrem sie sonst so gut kleidenden Schönheitssinn nicht gar zu leicht durch den wundervollen Ofen bestochen würden. Bei dem Bau der Oefen wird nicht darauf Rücksicht genommen, wie groß der zu erheizende Raum ist, ob die Etage so hoch liegt, daß sie voraussichtlich für immer zwei freie Wände behält, ob das Zrmmer nach Norden liegt, oder über einem Thorweg; nach der Schablone werden die Züge angebracht und die Hauptaufgabe ist erfüllt, wenn es hecht: hier ist der Platz für den Ofen, da kommt er hin. Der Grund für diese Erscheinung ist ein naheliegender. Man baut selten noch ein Haus für sich und feinen eigenen Bedarf, sondern man baut auf schleunigen Verkauf. Woher soll da das Interesse für Details kommen und seien Sie noch so wichtig Aus dieser Jagd nach dem Schein, dem der imitirte Marmor, der überladene Stuck selbsi in Arbeiterwohnungen entstammt, die ohne diesen Firlefanz viel billiger und besser hergestellt werden könnten, entspringt auch die Leblosigkeit, mit welcher der Ofen behandelt wird, dieses wichtigste Stück Möbel des ganzen Hausbaltes. Heute gilt eine „Röhre" als plebejisch. Die Großmütter jammern darnach. Im Sommer war sie ein geheimer Schrank, in welches der Muff gegen die Motten gesteckr wurde, und im Wrnter — nun, man brauchte nur das Zimmer zu betreten, um den wohligen Geruch von Bratäpfeln wahrzunehmen. Es ist wahr, der moderne Küchenherd hat ja auch eine Wärmeröhre für Teller- Aber um w e viel bequemer mar es doch, wenn man für einen etwas verspäteten Theil- nehmer am Mittagsmahl gleich die Röhre des Kachelofens nutzbar machen konnte. Und zudem: sie strömte immer von Neuem Wärme aus und machte das Zimmer behaglicher. Aber wenn die Ofenröhre Vorzüge besitzt, das Ofenloch, das Heizloch hat sich oft als Feind der Vertrauensseligen erwiesen. Nicht allein, weil unkundige Anfängerinnen im Heizen beim Nachsehen sich durch heraursallende Kohlen in Gefahr bringen. Das ist überall der Fall, wo man mit Fever unvorsichtig umgebt. Aber dieses Ofenloch ist im Sommer gewöhnlich einer ihm völlig fernliegenden Bestimmung überwiesen und rächt sich dafür ost empfindlich. Man hält diesen Raum häufig für einen geeigneten Versteck für Werthfachen und hat keine Vorstellung davon, daß ein einiger Maßen tüchtiger Dieb gerade dort zuerst nach Beute sucht. Man bringt die sauer erworbenen Ersparnisse im Mai dort unter und erlebt es, daß ein übereifriges und uneingeweihtes Mitglied der Familie im Oktober Feuer anmacht und die ganze Herrlichkeit in Asche verwandelt. In der Localchronik großer Städte spielen die Streiche des Ofenlochs eine große und betrübende Rolle. Es läge nahe, von dem Einheizen im übertragenen Sinne zu sprechen, von der Herstellung des Gleichgewichts zwischen der äußeren und der inneren Wärme mit Hilfe von Grog und Punsch, und Vielen wird das sicherlich ein weit interessanteres Thema sein. Dasür ist die Zeit aber noch nicht ganz gekommen. Das findet erst seinen Widerhall, wenn der Nordwind seine landschaftlichen Bilder auf die Fensterscheiben malt, die Eiszapfen von den Dächern hängen und die Gefahr des Erfrierens der Ohren nahe rückt. Vermischtes. Starke Zumuthuug. Aeltere Dame im Droguen- geschäft zum verkaufenden Commis: „Dieser Cremortartari sieht recht eigenthümlich aus, mein Herr! Vorhin verkauften Sie Rattenpulver — Sie werden mir doch nicht auch etwa solches gegeben haben, anstatt des verlangten Cremortartari?" — Commis (zuvorkommend): „Keine Idee, meine Gnädigste — nehmen Sie nur gefälligst diese Messerspitze voll ein, um sich sofort zu überzeugen, daß Ihre Besorgniß durchaus unge- rechtfertitg ist." * * ♦ Jeder von seinem Standpunkt. Gast: „Was kostet eine Portion Rehbraten?" — Kellner: „1 Mark 50Pfg." — Gast: „Bringen Sie mir eine Portion!" — (Der Kellner geht in die Küche, wo ihm gesagt wird, daß kein Rehbraten mehr da ist ) Kellner: „Rehbraten gibt'S nicht mehr. Wissen Sie was, essen Sie drei Portionen Kalbsbraten — die kosten gerade so viel!" • Consequent. „Wer ist jene häßliche Frau dort?" — „Es ist die Gattin des Kreisrichters N-, eines gerechten und unparteiischen Mannes." — „In der That, er scheint auch beim Heirathen ohne Ansehen der Person vorgegangen zu sein-" » Höflichkeit beim Examen. Professor: „Welcher Ansicht sind Sie, Herr Candidat, über diesen Fall?" — Candidat: „Ganz der Ihrigen, HerrProfeflor!" • * „Morituri te salutant.“ Unteroffizier: „Wenn Euch ein Unteroffizier begegnet, dann habt Ihr so stramm zu grüßen, wie zu Cäsars Zeiten der selige Moriturnus fahr* tirtel" * * ♦ Kleine Verwechslung. Lieutenant (mit der Tochter des Herrn Majors verlobt, zu seinem Burschen): „Gehen Sie zum Herrn Major und fragen Sie, ob dem Herrn eine Partie Whist angenehm wäre." — Bursche (beim Herrn Major): „Der Herr Lieutenant lassen fragen, ob der Herr Major eine angenehme Parthie für ihn wü.ßtl!" Wcb.Ktion: a. Sch eg da. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (gr. Lhr. Pietsch) in Gießen.