Ank«vh«,lt„ns»blatt jum Gi«tzen«r Anzrigev (G«n«val-Anz«ig«^ 1894. W MW M- OM uW AI DimSka, den 6, November. Lola. Roman frei nach dem Amerikanischen von Srich Friese«. kFortsetzung.) , Geldangelegenheiten können schnell arrangirt wer- den, fährt der Fürst eifrig fort, ohne auf ihre Bestürzung ?u, "Sie besitzen ein bedeutendes Vermögen, nicht wahr? Wenigstens bedeutend für eine Dame «Ja, Ziemlich bedeutend - dreihunderttausend Mark jährlich, entgegnet sie stolz, obgleich sie weiß, daß die Summe in seinen Augen nichts ist. „Wußten Sie das nicht?" »Ich habe etwas dergleichen gehört. Das Arrangement nicht lange Zeit in Anspruch nehmen, da ich wünsche, daß Ihre ganze Rente Ihnen als Nadelgeld bleibt." Er spricht schnell und gleichgiltig, wie wenn er die Angelegenheit bald los sein möchte.. Lola blickt erstaunt auf. „Das würde Ihnen gegenüber nicht richtig gehandelt lein — Er unterbricht sie mit einer stolz abwehrenden Handbewegung. „Die Orlowskys rühren niemals das Vermögen einer Kau an. Und nun leben Sie wohl! Ich darf wohl morgen wiederkommen, um mir Ihre Entscheidung in Bezug auf unfern Hochzeitstag zu holen?" Damit küßt er höflich ihre Hand und verläßt, bevor Lola Zeit zu einer Antwort findet, das Zimmer. Erreicht! . . . Den stolzen Mann bezwungen, nach dessen Md so viele Frauen vergebens trachteten! Doch eigenthüm- nT Ehr ist durchaus nicht festlich zu Muths. Fast fühlt Mw ein wenig verletzt. Warum ist auch der Fürst so ruht? Freilich — einen Aufwand von Liebkosungen, Liebes- und dergleichen Unsinn, wie er bei Alltagsverlobungen DMe ist, darf man bei ihm nicht erwarten. Und doch — er ste nicht wenigstens küssen können? Das läuft unmöglich der Etiquette zuwider! Frau March vernimmt die Nachricht von ihrer Tochter Ir obung mit geheimem Bangen. Auch gefällt ihr die Gene- Etät des Fürsten nicht. „Kein Mann ist gegen Geld un- kMnglich, auch wenn er noch so reich ist," bemerkt sie kopf- ichüttelnd. „„ «Du solltest Dich über mein Glück freuen, Mama," ent- b^net Lola, die schnell ihren leichten Sinn wiedergefunden i M lachend. „Anstatt dessen läßt Du den Kopf hängen. = ^"ach Tausende von Müttern strebten — Du hast es er- I reicht. Und denke nur, ich kann Dir jetzt jedes Jahr hunderttausend Mark geben und —" „Ich denke dabei nicht an mich, sondern nur an Dich- Lola," entgegnet diese ernst. „Nun gut, dann freue Dich mit mir!" Und die gute Pastors-Wittwe schweigt, um ihre Tochter nicht unnöthig durch ihre Befürchtungen zu ängstigen. Was geschehen ist, ist geschehen! r Als der Fürst am folgenden Tag seinen Besuch macht, ist sein Antlitz bleich und müde, wie nach einer schlaflosen Nacht. Sein Benehmen ist höflich und aufmerksam, doch nicht das eines glücklichen Bräutigams. Auf Lolas Bitten, mit der Hochzeit noch zu warten, fragt er hastig: „Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen?" „Gewiß. Ich bin überzeugt, Sie werden mir nur Vernünftiges vorschlagen." Dankend verbeugt er sich. Dann sagt er langsam: „Ohne Zweifel wird unsere Hochzeit das Ereigniß der Saison sein. Lassen wir also damit die Saison beschließen. Ich werde Sorge tragen, daß Alles so glänzend wie möglich wird. Ich wünschte, Jedermann könnte Sie an diesem Tage sehen und bewundern. Ich gehöre nicht zu jenen eifersüchtigen Männern, welche die Schönheit ihrer Gattin mit sieben Riegeln versperren." Lola lächelt angenehm überrascht. Eine ihrer Befürchtungen ist also schon hinfällig. „Und nun willigen Sie ein, daß wir heute über vier Wochen getraut werden?" „Wir kennen uns ja kaum und —" haben einen ganzen Monat Zeit, uns kennen zrf lernen," fällt er eifrig ein. „Ganz London soll an dem Tage in Aufregung gerathen, so daß er nie wieder vergessen wird." Er spricht hastig, sich fast überstürzend. Lola blickt ihn befremdet an. „Fast scheint es mir, Sie denken mehr an die Hochzeit, als an die Braut," bemerkt sie vorwurfsvoll. Einige Augenblicke ist er verlegen. Dann ruft er lebhaft: „Verzeihen Sie — die Braut ist das Gemälde, die Hochzeit nur der Rahmen. Je schölM das Gemälde, desto kostbarer muß der Rahmen sein." Befriedigt lächelt sie. „Nun wohl, es sei. — Und nun — noch eine Frage: Lieben Sie mich wirklich?" „Wie können Sie daran zweifeln!" „Gewiß nicht. Aber — aber —" „Nun?" „Sie sind so anders wie sonst ein Bräutigam —" — 518 I« ihrer Verlegenheit doppelt reizend, blickt sie schüchtern zu ihm empor. In seinen Augen flammt es auf. Er nähert sich ihr und hebt die Arme, rote um die entzückende Gestalt an seine Brust zu ziehen; doch läßt er sie mit einem leisen Seufzer wieder sinken. Ein ängstlicher, säst hilfloser Ausdruck liegt in ^netg0[a gsieht ihn erstaunt an. Er liebt sie, er will sie hei- rathen, er mag ihr Vermögen nicht anrühren — und trotzdem diese unnatürliche Zurückhaltung! „Vielleicht küffen Fürsten überhaupt nicht," sagt sie sich- „Doch merkwürdig bleibt e» immerhin." ... XIX. Die ganze Londoner Gesellschaft befindet sich in fieberhaft erregtem Zustand. Die Verlobung des Fürsten mit der schönen Baronin Medsort bildet das Tagesgespräch. Man überschüttet letztere mit Lob, Schmeicheleien, Huldigungen jeder Art — ein Wunder, daß sie nicht völlig den Kopf verliert. Die „Schönheit" und der „königliche Rusie" sind in Jeder» manns Munde. Was sie treiben, wo sie residiren werden — Alle» dies wird in hundert Variationen besprochen. Die Mütter bedauern, daß ihren Töchtern kein solches Glück zu Theil wird; die jungen Mädchen und Frauen blicken voll Neid auf Lola. Und ist es nicht auch der Gipfel alles Glückes, einen reichen, schönen, intereflanten Fürsten zu hei- riIt%M Orlowsky hatte Recht: die Verlobung bildet das Ereigniß der Saison- Lola selbst steht auf dem Zenith ihres Ruhmes. Jedes illustrirte Journal bringt ihr Porträt — im eleganten Morgen» anzug, in großer Toilette, im Reitcostüm — wie sie sitzt, wie ste fährt — die Baronin Medford in allen Variationen. Kurze Biographieen der zukünftigen „Fürstin Orlowsky" sind zu haben, und der gute, selige Pfarrer von Clifdale hat es sich gewiß nie träumen lasien, daß fein Name einst gedruckt in alle Häuser Londons wandern würde. Die Einladungen zur Hochzeit erstrecken sich auf alle Personen von bedeutendem Namen und Rang. Acht der schönsten und vornehmsten jungen Damen sind al» Brautjungfern aus» erwählt. Ihre Costüme und die kostbaren Geschenke, welche der Bräutigam ihnen übersandte, werden in allen Zeitungen beschrieben- In der einen oder anderen Weise interessirt sich Jeder sür die Verbindung; es gibt kaum Jemand in ganz London, der nicht davon Notiz nimmt. Lola selbst kommt nicht zur Besinnung. Sie fliegt von einer Festlichkeit zur nächsten, von einer Aufregung in die andere. Jeder veranstaltet dem gefeierten Brautpaar zu Ehren noch irgend eine Festlichkeit. Ihr Trousieau veranlaßt eine förmliche Völkerwanderung. Solche Spitzen, solche Stickereien, solche Seiden» und Sammetgewebe, solche Eostüme, solche wunderbar harmonische Zusammenstellungen von Farbe und Stoff hat man noch nie vorher gesehen — selbst nicht bei der Verheirathung der königlichen Prinzessin. Wenn Freunde einander begegnen, ist ihre erste Frage: „Weißt Du etwas Neues über die Orlowsky-Hochzeit?" Trotz des Taumels der Vergnügungen fällt es Lola auf, daß ihr Bräutigam niemals ihrer gemeinsamen Zukunft erwähnt. Er spricht über die Hochzeit, über die Gäste, über die Pracht der Ceremonie, über den Erzbischof, welcher sie trauen soll — aber niemals über ihren späteren Aufenthalt. Als Beide eines Vormittag» in Lolas hübschem, kleinem Wintergarten neben einander stehen, nimmt sie sich vor, ihn darüber za befragen. , „ , „Fürst Orlowsky," sagt sie plötzlich, ihm ernst in die Augen blickend, „Sie scheinen mehr in der Gegenwart, als in der Zukunft zu leben." „Es ist stets das Sicherste," entgegnet er lakonisch. „Vielleicht. Aber denken Sie niemals an unsere Zukunft?" Er ist sichtlich bestürzt. „Gewiß," sagt er, ein wenig zögernd; „doch die Zukunft ist für uns Menschen stets etwa» Ungewisse». Wir schmieden Pläne sür fünfzig Jahre voraus und sterben morgen. „Lebe in der Gegenwart!" ist der beste Wahlspruch." Doch Lola läßt sich so schnell nicht einschüchtern. „Sie sprechen niemals zu mir über unseren zukünftigen Aufenthaltsort," fährt sie ernst fort, „oder darüber, was wir päter gemeinsam beginnen werden. Die Zukunft liegt vor mir wie hinter einem Schleier." „Aber ein glänzender Schleier," lächelt der Fürst. „Mag sein! Doch bleibt er immerhin ein Schleier." Er wendet ihr voll sein dunkles Antlitz zu. „Ich finde die Gegenwart so schön, daß ich nicht über die Zukunst grübeln mag. Die Gegenwart gehört uns, die Zukunft nicht." Lola lächelt ein wenig. , „ L „ „Ich wußte noch nicht, baß Sie ein Philosoph find. „Das ist keine Philosophie, sondern nackte Wahrheit." Jetzt lacht Lola hell auf. „Ich sehe keinen Unterschied zwischen Beidem." „Ein solch' reizendes Haupt ist auch nicht geschaffen, um die Krone der Philosophie zu tragen. Das Diadem der Schönheit kleidet es besser." Augenscheinlich will er sie von ihrem Thema abbringen. Es gelingt ihm nicht gleich. „Ich möchte wissen, wo wir zuerst nach unserer Hochzeit wohnen werden," sagt sie etwas ungeduldig. „Meine Bekannten fragen mich darnach und ich kann ihnen nicht einmal antworten." „Wir wollen keinen festen Plan aufstellen, fondsrn den Augenblick entscheiden lassen. Es ist stet» das Beste-" Lola schweigt. Sie mag nicht weiter in ihn dringen, obgleich sie nicht ganz einverstanden ist. Mittlerweile gleicht das ganze Haus einem Bazar- Von früh bis spät in die Nacht laufen Hochzeitsgeschenke ein - kostbare Juwelen, Silbergeschirr von endlosem Werth, seltene Kunstwerks jeder Gattung. Eines darunter rührt Lola fast bis zu Thränen — ein herrlicher Perlenschmuck, der soeben angekommen. Die Nachricht von ihrer baldigen Vermählung war auch bis zu Baron Gerald Hastings altem Schloß gedrungen. Er hatte in den Zeitungen über den Fürsten Orlowsky gelesen, über seinen Reichthum, seinen echt vornehmen Character und welch' großes Glück die zukünftige Fürstin erwarte. Obwohl die alte Wunde von Neuem schmerzte, freute der edle junge Mann sich über die glänzende Zukunft der geliebten Frau, für die er nichts zu gut, nichts zu hoch hielt. „Sie wird sich in ihren glänzenden Palästen, mit Tausenden von Unterthanen, wohler fühlen als hier, wo sie nur meine Liebe gehabt hätte," denkt er seufzend. „Ich fühle keinen Groll gegen sie, die mich so grausam getäuscht. Gott segne sie!" r , Dann nimmt er einige Zeitungen und legt sie seiner Mutter vor. „Sieh', Mutter," sagt er leise, „dies ist die Frau, die ich liebe und immer lieben werde- Sie h irathet einen Fürsten und ganz London wird bet der Hochzeit zugegen sein." Die alte Dame liest die ganzen Notizen durch und fragt dann sanft: „So ist es die schöne Baronin Medsort, die Du liebst, Gerald? Du hast mir nie den Namen der Frau genannt, die Dich so unglücklich gemacht." Schweigend neigt er das Haupt- n „Sie soll die schönste Frau in England sein. Ist das wahr?" „Es ist wahr, Mutter." „Aber auch ebenso kokett? Ist das auch wahr?" „Ich glaube nicht, Mutter." Nicht um Alles in der Welt hätte Gerald ein Wort gegen die geliebte Frau gesprochen — selbst nicht zu seiner Mutter. „Sie ist so schön," fährt er sinnend fort, „daß alle Männer sie lieben und alle Frauen sie beneiden. Sie kann nicht» E dafür." 519 „Gewiß nicht," bestätigt Jene sanft. „Glaubst Du, Gerald, daß sie den Fürsten liebt?" Er schweigt einen Augenblick nachdenklich. „Ich glaube es, Mutter," sagt er dann ernst. „Den Fürsten umgibt der Nimbus des Fremdartigen. Er konnte leichter ihre Liebe erringen, als wir Anderen, die wir einander Alle ähneln — eine endlose Reihe langweiliger Alltagsmenschen." Abwehrend hebt die Baronin Hastings die Hand. „Wie kannst Du Dich zu der Reihe langweiliger Alltagsmenschen zählen!" ruft sie vorwurfsvoll. „Du darfst Dich nicht so herabsetzen, Gerald — selbst nicht um der Baronin Medfort willen!" Er antwortet nicht. Seine Mutter verletzt zu haben, betrübt ihn tief. Nach einer kleinen Pause sagt er leise: „Liebe Mutter, iS möchte ihr ein Hochzeitsgeschenk senden. Hilf mir, etwas Passendes aurzusuchen. Und dann möchte ich bei der Trauung zugegen sein. Ich will sie nicht sprechen, sondern nur zusehen. Sie liebte mich nicht, Mutter, aber sie hatte mich sehr gern," schließt er mit einem tiefen Seufzer. „Das Geschenk will ich besorgen; aber von dem Andern rathe ich Dir ernstlich ab, Gerald!" „Warum? Es wird für mich wie der Gang zu einem Begräbniß sein. Vielleicht sogar bin ich ruhiger, wenn ich sie glücklich verheirathet weiß. Ich habe so viel über diesen Fürsten Orlowsky < elesen und kenne ihn nicht einmal. Ich möchte den Mann wenigstens sehen, mit dem sie ihr Leben zubringen will. Halt' mich nicht ab, Mutter." „Nun gut, so thu' es," erwidert diese noch halb wider- strebend. „Du darfst mir nicht zürnen, Gerald, aber ich bin froh, daß sie Dich nicht geheiratet hat. Sie mag eine ganz gute Fürstin werden; doch ist sie nicht die Frau, die ich als Deine Gattin, die Mutter Deiner Kinder sehen möchte. — Glaube mir, mein Sohn," fährt sie milde fort, als sie den traurigen Blick seiner lieben Augen gewahrt, „das beste Geschenk des Himmels ist oft die Verweigerung eines thörichten Wunsches! Und nun will ich ein Geschenk für die zukünftige Fürstin Orlowsky auswählen und es ihr in meinem und Dei- nem Namen gleichzeitig senden." Tags darauf empfängt Lola einen prachtvollen Perlenschmuck mit den besten Glückwünschen der Baronin Hastings und des Barons Gerald. — XX. „Ein trüber Hochzeitsmorgen I" Lisette ruft es im Tone lebhaften Bedauern», als sie die schweren Sammetvorhänge im Boudoir ihrer Herrin von den Fenstern zieht. Gewöhnlich strömt eine Fluth goldenen Sonnenlichtes in den kosigen Raum. Heute ist der Himmel düster, schwarze Wolken ballen sich am Horizont. Fast ängstlich begibt das Mädchen sich in Lolas Schlafgemach. „Gnädige Frau Baronin, es ist Zeit, aufzustehen." Noch ganz verschlafen öffnet Lola ihre großen blauen Augen. Dann hebt sie ein wenig das Haupt und blickt, tief aufathmend, mit einem sonnigen Lächeln im Zimmer umher. „Wie ist da» Wetter, Lisette?" „Trübe, gnädige Frau Baronin." „Schade! Wie hübsch wäre es, wenn die Sonne all' die Pracht beleuchtete!" Eine Viertelstunde später ruht sie im leichten Morgen- kleid auf der Ottomane und rührt gedankenvoll mit einem Bisquit in ihrer Chocolade. Ja, die leichtlebige, heitere Baronin Medfort ist heute entschieden ernst gestimmt — gerade wie ein einfaches Bürgermädchen an ihrem Hochzeitsmorgen. Ein ganz neues Leben liegt vor ihr- Bisher hatte sie stets wie ein Schmetterling gelebt, ohne Nachdenken, ohne die geringste Sorge um die Zukunft. In wenig Stunden schon ist sie Fürstin Orlowsky, eine der reichsten und vornehmsten Frauen der Welt. Ein leises Bangen vor der ungewiffen Zukunft, vor der nackten Wirklichkeit des Lebens überschleicht sie. Das ganze Haus ist in einen Blumengarten verwandelt. Der würzige Duft benimmt fast den Athem. Die Dienerschaft steckt in neuer Garderobe und hat zur Erinnerung an den Tag prächtige Geschenke erhalten. Alles ist in freudiger Er- regung — nur die Sonne will nicht hinter den Wolken her- vorgucken, soviel schöne Augen auch nach ihr ausspähen mögen. Ein paar Vögelchen versuchen, auf den großen Platanen vor dem Hause ein Lied anzustimmen. Vergebens. Eins nach dem andern läßt das Köpfchen sinken und fliegt, wie beschämt über den Mißerfolg, hinweg. In dem kleinen Empfangssalon, einem reizenden Raum, ganz in Werß und Gold gehalten, warten die acht jugendlich anmuthigen Brautjungfern. Die schöne Braut selbst sitzt, umgeben von ihrer Mutter und einem halben Dutzend Kammermädchen, in ihrem Boudoir und läßt sich ankleiden. Dort liegt das kostbare Brautkleid aus elfenbeinweißem Atlas mit Stickereien in künstlerischer Vollendung und langen, darüber hinfallenden Orangeblüthenzweigen. Dort liegt auch der duftige Brautschleier mit seiner Krone von zart angehauchten Orangenblüthen. Alles ist bereit, die schöne Braut zu schmücken. ®le gute Pastorswittwe, welche die Hantirungen der Mädchen unter beständigem Schluchzen leitet, hat den ganzen Morgen über schon so viel Thränen vergossen und weint auch über jede Kleinigkeit so herzbrechend, daß Lola schließlich lachend erklärt, die heutige Ceremonie müßte eigentlich eine „Thränentaufe" genannt werden. Frau March ist unendlich wehmüthig gestimmt. Ihre Gedanken fliegen zurück zu der Zeit, als dis kleine Lola gleich einem Sonnenstrahl durch das Pfarrhaus huschte, als sie sich so liebreizend entwickelte, daß beide Eltern voll Verwunderung auf ihr einziges Kind blickten, als der selige gute Pastor es als höchstes Glück ansah, wenn die Kleine einstens einen braven Pfarrer yeirathete. ... Und jetzt soll sie eine Fürstin werden! Der schlichten, einfachen Dame schmerzt der Kopf von all dem Denken und Grübeln. Jetzt tritt eines der Mädchen mit einem Bouquet ein, welches der Fürst soeben gesandt — weiße Hyacinthen und Orangenblüthen in einem kunstvoll gearbeiteten goldenen Halter, den unzählige Diamanten zieren. Lola lächelt nur. Selbst Diamanten sind für sie nichts Besonderes mehr. Da fällt ihr Blick auf die Elfenbeinschale mit Baron Geralds Perlen und das Lächeln erstirbt auf ihren Lippen.-- In dem Palast, welchen der Fürst Orlowsky bewohnt, sieht es an diesem Tage bei Weitem anders aus. Kein Helles Lachen schöner Mädchen, kein ftöhliches Geplauder flinker Dienerinnen, kein leichtes, eiliges Huschen treppauf, treppab, kein Blumenduft, kein halb unterdrücktes Murmeln der Bewunderung. Früh schon erhebt der Fürst sich von seinem Lager. Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Unaufhaltsam hörte die Dienerschaft seinen raschen, ungeduldigen Schritt, seine tiefen Seufzer. In kurzen Zwischenräumen mußte der Kammerdiener immer wieder Cognac mit Sodawasser bringen. Erst al» der Tag schon graute, legte der Fürst sich nieder. Doch auch dann floh ihn der Schlummer. Als der Kammerdiener da» Schlafgemach betritt, erschrickt er heftig. Des Fürsten Antlitz ist gelblich bleich und eingefallen, seine Augen blicken trüb, seine blutlosen Lippen sind wie im Schmerz zusammengepreßt. Adolf beobachtet ihn schweigend. Ist dieser Mann, in dessen Augen wilde Verzweiflung ausgeprägt ist, der glänzende Fürst von ehedem, der glückliche Bräutigam der gefeiertsten Schönheit Londons? Mit unsicheren, müden Schritten, von Zeit zu Zeit wie von Fieberschauern geschüttelt, schleicht er in seinem Zimmer auf und ab. Plötzlich bleibt er- vor seinem Kammerdiener stehen. „Wie war doch die Geschichte, die Du mir einmal über Lord Bidsford erzähltest?" Verwundert blickt Adolf auf seinen Herrn. — 520 - «Lord Bidssord, Sire? . . . Meinen Sie die Geschichte I von seinem Hochzeitstage?" „Natürlich, Du Esel I Was soll ich sonst meinen? Wieder- I hole sie mir!" । „Wenn Sie wünschen, Sire — aber sie ist keineswegs angenehm," entgegnet der Diener zögernd. „Na, wird's bald?" ruft der Fürst ungeduldig. „Lord Bidssord trank an seinem Hochzeitsmorgen — so viel Cognac mit Soda, daß er — eine Stunde vor — vor — der Hochzeit die — die Sprache und den Gebrauch seiner Glieder — verloren hatte." (Fortsetzung folgt.) Wie sollen Topfgewächse überwintert werden? Das geheizte Wohnzimmer ist für die meisten Topfgewächse der am wenigsten geeignete Ueberwinterungsraum; nur Warmhauspflanzen, die sonst gegen trockene Lust, Staub rc. ziemlich unempfindlich, vertragen ohne Nachtheil so hohe Temperaturgrade. Für die meisten Pflanzen ist ein sogenanntes tem- perirtes Zimmer, d. h. ein solches, desien Temperatur sich zwischen 4 bis 8 Grad R. hält, am zweckdienlichsten. Die Aufstellung der Pflanzen geschieht am besten recht nahe am Fenster. Lichtbedürftige Pflanzen sollen den hellsten Standort bekommen. Harte, wie Oleander, Lorbeer, Aucuba, allerlei Coniferen, Thuja, kann man ziemlich weit zurückstellen. Solche Pflanzen, die ihr Laub abwerfen, wie Fuchsien, Hortensien re., können ihren Platz in einer dunklen Ecke unter oder hinter dem Blumentritt finden. Wer ein solches Zimmer nicht beschaffen kann, der kann auch einen Theil seiner Topfgewächse in einem trockenen Keller durchwintern; insbesondere immergrüne, hartlaubige Bäume und Sträucher, ferner alle laubabwerfenden Pflanzen und Stauden- sowie Knollengewächse- Im Keller dürfen Pflanzen nur selten und dann nicht zu stark begossen werden. So oft das Wetter es erlaubt, giebt man ihnen frische Luft. ♦ Eine interessante Frage für Landwirthe und Milchhändter. Die Frage „Was ist Sahne?" soll gerichtlich zur Entscheidung gebracht werden. Im deutschen Reiche bestehen weder gesetzliche noch polizeiliche Verordnungen, die für Sahne einen bestimmten Fettgehalt und ein begrenztes specifisches Gewicht verlangen. Eine Berliner Schöffenab- theilung hat aber einen Milchhändler, der für 30 Pfg. das Liter „Kaffeesahne" verkauft hat, verurtheilt, weil diese 4V2 pCt. Fettgehalt gehabt (Vollmilch muß nach der Berliner Polizei- Verordnung 2,7 pCt. zu haben) und dieser Fettgehalt dem Gerichtschemiker zu gering erschienen ist. Man will nun höhere Instanzen anrufen, einmal, weil man den geforderten Preis für einen angemessenen hielt, vor Allem aber, um endlich festzustellen, was man unter dem Namen „Sahne" und „Kaffeesahne" in den Handel bringen darf. * * * Zur Frage einer ertragsreichen, feinen und haltbaren Kartoffelforte. Die übelen Erfahrungen, welche man in diesem Herbste wiederum in vielen Gegenden mit dem Kartoffelbau gemacht hat, regen immer wieder die Frage nach einer ertragsreichen, feinen und haltbaren Kartoffel an. Nach einer Mittheilung aus Plauen im Voigtlande hat nun ein dortiger Feldgrundstückspächter, Herr Friedhofs« vermalter Mothes, vier Jahre hintereinander Versuche mit dem Anbau der Malta-Kartoffel gemacht und von Jahr zu Jahr günstigere Resulate erzielt? In diesem Jahre hat Herr Mothes von einem Sack Samen 15 Säcke große mehlreiche Kartoffeln gebaut; faule gab es gar nicht. Ein gleich günstiges Ergebniß erzielte Herr Mothes mit Richter's Imperator, auch hier erntete er von einem Sack Samen 15 Säcke Kartoffeln. Nasses Schuhwerk kann man am besten trocknen und dicht machen, wenn man den nassen Stiefel oder Schuh sofort nachdem er vom Fuße kommt, mit trockenem Getreide (Weizen oder Roggen) anfüllt, selbiges gut hineinpreßt, gleichzeitig die Riemen an Schnürschuhen zusammenzieht, wie er am Fuße gewöhnlich angeschnürt ist und sie dann, Stiefel oder Schuhe, von außen mit der flachen Hand mit einem Gemenge von 3/4 Unschlitt, Vs Paraffin, Vie Thran und Vie Erdwachs- Ozokerit, welche Salbe bei gelindem Feuer und stetem Umrühren erzeugt wird, einreibt; das Wasser im Leder zieht infolgedem nach innen, wird dort von den Getreidekörnern aufgesogen und geben diese, durch die aufgesogene Feuchtigkeit selbst aufgequollen, dem Schuh und Stiefel seine Fason, als wenn er vom Leisten käme. * * * Der Kelch, eine knorpelige, höckerige, oft runde und zuweilen rübenartige Anschwellung an den Wurzeln der Kohlpflanzen, soll von einem Pilze, der in seiner Art oft ganze Kohlfelder verheert, herrühren. Um diesen Schädling zu vertilgen, müssen alle Kohlstrünke im Herbste ausgegraben und verbrannt werden. Ebenso untersucht man die jungen Kohlpflanzen sofort beim Setzen, und alle verdächtig erscheinenden verbrenne man. Auch pflanze man dort, wo im Vorjahre Kohl stand, solchen im nächsten Jahre nicht wieder, da sonst an eine Vertilgung nicht zu denken ist. Mit einer Beimischung der Erde mit Kalk, sowie mit sein pulveristrter Holzkohlen- asche sollen vernichtende Erfolge erzielt worden sein. * * * Die Schreckfröste im November heben unsere Erdbeeren und es bilden sich an den Wurzeln Hohlräume, in welche der stärkere Frost nachher eindringt und die Wurzeln schädigt. Wir gehen also nach solchen Schreckfrösten die Beete durch und drücken die Pflanzen, die gehoben sind, nieder, indem wir mit dem Fuße leicht herumtreten. Hagebutten. Aus den fleischigen Theilen der Rosenfrüchte läßt sich ein ganz ausgezeichnetes, fein schmeckendes Compot bereiten und kann es nur Wunder nehmen, daß die Früchte der Rosen im Allgemeinen noch so wenig zu diesem Zwecke Verwendung finden. Die Hagebutten (Früchte der Hundsrose) verfaulen oft in großen Massen, denn die Wild- rose ist äußerst fruchtbar und ein erwachsener Strauch liefert oft 6 bis 10 Liter Beeren. Vermischtes. Kindermund. Großmama: „Aber Hans, willst Du denn gar nicht anders werden? Den ganzen Tag muß ich schelten!" — Hans: „Genir' Dich nicht, Großmama, ich bin nicht so empfindlich." * » ♦ Gehobene Sorge. Student (der in einer Gewer be- ausstellung einen Kaffenschrank gewonnen): „Gott sei Dank! Nun brauch ich doch die zwei Zehn-Pfennigmarken, die ich zu Hause hab, nicht mehr so unverschlossen herumliegen zu lassen!" ♦ « ♦ Kindlicher Trost. Aennchen und Fritz sind allein im dichten Walde spazieren gegangen und haben sich dort an eine Quelle gesetzt, als plötzlich ein prächtiger Hirsch aus dem Holze tritt. Der Kleine fängt sofort vor Schreck an zu weinen. — „Sei doch ruhig, Fritz!" flüstert ihm Aennchen zu, „den kann man ja essen!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Güßen,