Nirterchaltrrngsblatt znnr GLstzenev Anzergev lGeneval-Anzeigep) 1894. OWAWMWW MMrUWW ' W^'-^KÄN^F ^W-ZMMÄ^sK'«*; Dienstag, den 6. März. Sangeskufl. O Sangeslust erheb' die Herzen, Durchström' die Brust, o deutsches Lied; Dein heller Klang vertreib' die Schmerzen, Daß jedes Äug' in Freude glüht. Dem deutschen Lied sei unser Leben Zu allen Zeiten gern geweiht, Sein Genius mög' uns umschweben, Er bleib' uns treu in jedem Leid. Ja, Sangeslust und Liederklang Sei uns ein Stern im Lebensgang I Gesang erschallt im Schöpfungsraume, Wenn Frühling in die Thäler schwebt, Die Blümchen weckt aus stillem Traume Und Wald und Fluren neu belebt; Die Lerche stngt in blauen Höhen Und preist die göttliche Natur, — Ihr Morgensang, — das Frühlingswehen, Beglückt den Hirten auf der Flur- Ja, Sangeslust und Ltederklang Sei uns ein Stern im Lebensgangi Gesänge gießen in den Becher Der Freude ihre reinste Lust, Wenn in dem Kreise froher Zecher Das Lied ertönt aus voller Brust. Sein Zauber waltet in der Runde, Schließt fest und fester Herz an Herz; Nur Eintracht wohnt im schönen Bunde, Der Kummer schweigt, — es flieht der Schmerz. — Ja, deutsches Lied, dein heller Klang Sei uns ein Stern im Lebensgangi Gesang führt oft zum schönsten Ziele, — Den Sterblichen ein Himmelsgut, Ein Born der heiligsten Gefühle, Worinnen Schmerz und Freude ruht. In seinem heil'gen Tempel wohnen Stets Poesie und Thalia, Und in der Sänger Herzen thronen Gott Amor und Concordia I Ja, Sangeslust und Liederklang Sei uns ein Stern im Lebensgangi Und wenn wir auf der Liebe Schwingen In später Stunde gern bereit, Zum Schlafewohl ein Liedchen singen Der treuen, lieben, holden Maid: Dann rascher uns're Pulse jagen, Wir fühlen der Gesänge Macht; Dann höher uns're Herzen schlagen, Wir singen leise: „Gute Nacht." Ja, deutsches Lied, dein Sphärenklang Begleite uns im Lebensgangi Sei uns noch in dem spät'sten Leben Dein Genius ein freundlich Licht, Ein Sonnenstrahl in jedem Beben, Bis einst das müde Auge bricht; Bis uns're Lebenstage sinken, Jn's dunkle Reich der Schatten zieh'n, Zur Heimath uns die Sterne winken Und uns're Sonnen still verglüh'n: — Dann führe uns in ernstem Klang Zum Abschied noch den letzten Gang. Th. Loos. Die Wallfahrt nach Czenstochau. Roman von Johanna Berger. —— (Nachdruck verboten.) Er war in der zweiten Hälfte des Juni, gleich nach Petrus und Paulus. Ein prachtvoller Sommertag neigte sich seinem Ende zu. Die weite, sich in leichten Hügelwellen dahin» ziehende Landschaft war noch vom Sonnengolde überfluthet, während die silberne Mondsichel bereits verstohlen hinter rosen- roth angehauchten Wolken hervorlugte. Soweit das Auge reichte, gewahrte man blauen Himmel, klare Luft und warmen Sonnenschein, nur die in blauer Ferne liegende Bergkette der Karpathen hob sich dunkel und drohend, fast schwarz von der lackenden, hellleuchtenden Ebene empor, welche mit ihren duftigen Linien und herrlichen Farbentönen schon manchen Maler begeistert hat- Das polnische Flachland breitet sich mit seinen großen Wäldern, fruchtbaren Aeckern und sandigen Haidestrecken über viele Quadratmeileu aus. Bald taucht die Windung eines Flusses, bald ein blauer See, eine Stadt oder ein Dorf aus grünen Fluren auf, und hier und dort erzäK ein halb- verwittertes, stolzes Schloß, ein altes, ehrwürdige» Kloster von —- 106 — men Mönchen anvertraute. t _ Dieses Marienbild erlangte durch eine wunderbare Begebenheit seine Berühmtheit. Vor Jahrhunderten war es, als eines Tages die Hussiten das Kloster auf dem Jasnagora überfielen, um das Bild und andere Kostbarieiten zu rauben und nach Schlesten zu entführen. Aber kaum tausend Schritte vom Kloster entfernt, blieb plötzlich der Karren mit der reichen vergangenen Jahrhunderten und der längst verblichenen und versunkenen Macht und Größe des ehemaligen Königreiches Polen. Die Stadt Czenstochau liegt am Abhange eines steilen Berges, „Jasnagora" genannt. Auf seinem Gipfel steht das altersgraue Kloster des heiligen Paul, des Eremiten. Es ist der berühmteste und besuchteste Wallfahrtsort Polens, denn in seiner prachtvollen, mit verschwenderischem Luxus ausgestatteten Capelle befindet sich das wunderthätige Marienbild, welches bei den frommen, gläubigen Katholiken unter dem Namen der schwarzen Madonna die höchste Verehrung erworben hat. Das Bildniß soll byzantinischen Ursprungs sein und von Lucas selbst gemalt, sich lange im Besitze der heiligen Helena befunden haben. Später wurde es von dem ruthenischen Fürsten Laon nach Galizien gebracht und endlich im Jahre 1332 rettete es Wladislaw, der Herzog von Oppeln, der Erbauer des Klosters, vor den wilden Horden der Tartaren, indem er es den from- dasselbe einen zwar etwas verwilderten, aber desto lauschigeren Garten geschaffen, woselbst uralte prächtige Lindenbäume stau- den, in deren schattigen Besten hunderte von kleinen Sängern ihre lieblichen Lieder in die duftgetränkte Luft schmetterten. Wenn man aber dem Landhause näher kam, mußte man bemerken, daß das gute Aussehen derselben sich bedeutend verlor. Stellenweise war der Putz von den Mauern abgebröckelt und das dichte Blätternetz des Epheus, welcher das ganze Gebäude umrankte, vermochte die mancherlei Schäden nicht ganz zu verbergen. Leider waren die Nachkommen der stolzen Mag- naten, welche schon seit einem Jahrhundert von Geschlecht zu Geschlecht den Edelsitz beseflen hatten, nicht mehr in der Lage, den ehemaligen Glanz und das Ansehen desselben aufrecht zu erhalten. In Flur und Feld hatten die Landleute Feierabend gemacht; Frieden und Ruhe herrschte überall. Vom heiligen Berge schwebte melodisch feierlicher Glockenklang herab und läutete das Ave Maria ein. lieber die Stadt wirbelten blaue Rauchsäulen auf, die sich allmälig mit den feuchten Nebeln, die von der Wartha kamen, zu duftigen Schleiern verwoben und langsam durch die Landschaft dahinzogen. Nur das stattliche Kloster ragte, vergoldet vom letzten Sonnenstrahl, noch klar und deutlich in die Dämmerung der Abends empor. Bum UU6U .................... Die hohen Spitzbogenfenster des im Parterre gelegenen Beute wie angewurzelt stehen und war in keiner Weife mehr I Speifefaales im ^errenhaufe standen weit offen, um bet frischen vomMeck 3«Cn. Auch dasBtldntß der Himmelskönigin Abendlust und dem Lindenblüchendust Einlaß zu^gewähren, war nicht zu entfernen, es schien mit dem Karren wie fest- Die Wände waren mit altmodischer Malerei bedeckt und fast gewachsen. Die Hussiten ließen nach vergeblicher Mühe und bis zur Hälfte mit Eichenholz ge äfelt. Auf dem ungeheuren Anstrengung Alles im Stich und ergriffen voller Angst und I Kaminofen von grünen Kacheln befanden sich eine Anzahl alter» Grausen die Flucht. Als später die verscheuchten Mönche in's thümlicher Kiüge, Humpen und Schalen aus gebranntem bunten Kloster zurückkehrten, zeigte die heilige Barbara dem Abte die Thon. Daneben thronten auf geschnitzten Holzsimsen zwei Stelle, wo sich der Karren mit den geraubten Schätzen befand. I coloffale Broncebüsten von Mickiewicz und Kraszewski. Eine Nun wurde das Marienbild in feierlicher Procefston in die Menge Hirschgeweihe, Bärenklauen, Eberzähne und das mäch- Capelle zurückgebracht. An dem Platze aber, wo der Karren I tige Hörnerpaar eines wilden Stieres hingen an den Wänden gestanden, sprudelte gleich darauf ein wunderbares, silberhelles herum, welche heute noch außerdem nut niedrigen Tannen und Brünnlein hervor, welchem das gläubige Volk bis auf den heu- Fichtenbäumchen decorirt waren. Ein schon polirter Waffen- tiaen Tag gar mächtige Kräfte zuschreibt. — Dies ist die jetzt I schrank mit zum Therl werthvollem Inhalt — em großes noch im Munde und Herzen der Polen erhaltene Sage von I eichenes Büffet, ein Credenztifch, hochlehnrge Lederstuhle und der schwarzen Madonna. Sie ist von einer eigenartigen Poesie I ein Paar mächtige Lehnsessel bildeten das Meublement des durchweht, welche nicht verfehlt, auf Herz und Gemüth der I hohen, sehr geräumigen Saales, welcher heute em gar festlicher Katholiken einen wunderbaren Einfluß auszuüben. Aussehen hatte. Denn über der breiten Eingangsthür prangte Ein Prior und eine Schaar ehrwürdiger Mönche bewohnt eine große Blumengmrlande und sogar der alte, aus Ney- das Kloster auf der einsamen Berghöhe und verwaltet die I krönen kunstvoll zusammengefügte Kronleuchter trug ein ansehn- reichen Opferspenden, welche die von Fern und Nah Herkommen- I liches Kiänzlein von Kornblumen und Rosen und war Zur den Wallfahrer vor dem Altar der Gnadenbilde» niederlegen. Feier des Tages mit zwölf rosenrothen Wachskerzen besteckt. Nirgends als im Königreiche Polen wird dem Mariencultus Mitten im Saal stand eine lange Tafel, welche mit einem mehr gehuldigt. Obgleich in diesem Lande sogar dem frömm- I feinen weißen Damastgewebe bedeckt war. Da» darauf befind- sten Geistlichen noch Eines höher steht als Rom — das ist | liche Geschirr war von Meißener Porzellan, doch befremdete sein Vaterland, seine Nationalität —, so streben doch die es, daß sich da und dort ein ordinärer Teller breit machte, meisten Priester unermüdlich nach der Auszeichnung, als aus- Auch neben den klaren, feingeschliffenen Weingläsern und erlesene Hüter der schwarzen Madonna aus dem Jasnagora Römern befanden sich mehrere von der schlechten Qualität, die von Czenstochau einen gesegneten Wirkungskreis finden und be- I auf den Jahrmärkten des Städtchens feilgeboten wurden. So- haupten zu können. gar das schwere altertümliche Silbergeräth hatte man durch Das Städtchen bietet, wenn auch ringsum von malerischer I einige Löffel von Alfenide vervollständigt. Landschaft umgeben, keinen anmuthigen Anblick. Der große Ein junges Mädchen war eifrig mit der Ausschmückung Marktplatz, sowie die schlecht gepflasterten Straßen haben ein der Tafel beschäftigt. Sie faltete die Servietten in zierliche unsauberes Aussehen, nur die alte, architectonisch sehr schöne I Fächer, füllte mehrere Krystallschalen mit .Blumen, Kirschen Pfarrkirche ist bemerkenswerth. Eine Menge Israeliten be- I und Erdbeeren und steckte in jede« Weinglas ein Tannenzweig- wohnen den Ort, der sich größtentheils durch den Verkauf von I lein und eine Rosenknospe. Dann begann sie aus einem mit Rosenkränzen, Amuletten und Heiligenbildern nährt. Dicht I Blumen gefüllten Korbe die schönsten auszuwählen und einen hinter der Stadt fließt die Wartha dahin, ein breiter, aber j Strauß zu binden. träge strömender Fluß, besten steile Ufer von freundlichen Die Abendröthe wob einen Purpurschein um die Marne Landhäusern umsäumt sind, in welchen die bester situirten Mädchengestalt und um das reiche blonde Haar, das in Flechten Bürger von Czenstochau wohnen, welche fast alle polnischer I aufgebunden, ein selten schönes Antlitz umrahmte, besten höchster Nationalität sind. I Reiz der unverkennbare Ausdruck von Unschuld und Kindlich- Eine halbe Stunde davon entfernt, unweit der alten Back« I leit war und au» dem zwei dunkelblaue träumerische Augen steinmauer, welche die Stadt in einem weiten Bogen umspannt, etwas verschleiert unter langen seidenen Wimpern in die Wett befand sich feit langen Jahren ein hübscher kleiner Edelhof. I blickten. Ein Tuch von blauer Wolle schmiegte sich knapp um Das Herrenhaus war ein alter, aber zierlicher Bau von gothi- I die volle Büste und ein schwarzer, kurzer Rock fiel in reichen scher Art, dessen schlanker Thurm weit in's polnische Land Falten auf winzig kleine Füßchen herab, welche in rolyen hinaus grüßte. Es machte mit feiner grünumlaubten Veranda Strümpfen und zierlichen Lederpantöffelchen steckten. einen gar traulichen Eindruck. Kunst und Natur hatten um ’ Das junge Mädchen hatte ihren Strauß fertig und hie» ihn p> Fenster sie ras Tafel gern 5 stehen festlich muthic boten, an G« scheu । wurde von fi Mütze üppig« bart! [Weil loses verrie i Seine die hl grün dem ‘ einer hohen stützt! zuma Köpf> nicht Aber ich b den ( Haus Von möch muß wie koche weiß Dir muß Han hübs Tro wirl gen mal kam Dir hast sie Wo sagl mir zu nich übe 107 helfen — sie wirb - Roman brach in ein lautes Lachen au«. Was ist denn darüber zu lachen? ' rief ärgerlich Jad« „Wohin sollen denn die frommen Christen pilgern, die „Ich will lieber schweigen, es ist nicht gut, wenn man ausplaudert, was man auf dem Herzen hat!" Der junge Edelmann runzelte die Stirn. Er rief un< willig zu ihr hinüber: „Ach so, Du spielst auf gestern an und doch versichertest Du mir vor einer Minute, daß Du nicht mehr böse deshalb wärest — Und was habe ich denn eigentlich Schlimmes gethan? Einen Kuß habe ich mir geraubt, ein einziges kleines Küßchen. Du sperrtest Dich aber gerade so, als wärest Du wirklich eine vornehme Dame! War es da ein Wunder, wenn ich mir Gehorsam erzwang, wenn ich SDir. zeigte, daß ich Herr im Hause bin!" Das Mädchen hob langsam.die dunklen Wimpern und trat an das Fenster, an dem ersehnte. Sie standen nun dicht einander gegenüber und blickten sich ein paar Sscunden fest in die Augen, ohne ein Wort zu sprechen. Beider Antlitz trug das Gepräge von Unmuth und Aerger. Endlich sagte Jad» wiga: „Wissen Sie, Pan Roman, daß es ein ganz unnützes Gerede ist, was wir da führen? Besser ist's, Sie rathen mir, wer den Strauß bekommen soll. Eigentlich habe ich ihn für die Comteffe bestimmt — sollten Sie indessen —" „Gib die Blumen, wem Du willst, war geht s mich an! brauste er auf. „Ich habe mir die Gäste nicht etngeladen! • rt A WA ßd fitlh IW ibn prüfend vor sich hin. Dann trat sie an da« offene Fenster, um in's Freie zu blicken. Doch jäh erröthend wich sie rasch wieder zurück und machte sich von Neuem an der Tafel zu schaffen. Denn aus dem Garten hatte sich mit hastigem Tritt ein junger Mann dem Fenster genähert, war davor stehen geblieben und sah mit offenbarer Verwunderung in den sestlich geschmückten Raum hinein. Es war ein höchst an» jnuthiges Bild, welches diese beiden jugendfrischen Menschen boten- So schön, so wohlgestaltet und von so edler Harmonie an Gestalt und Schönheit mochte man nicht leicht zwei Menschen finden. Der hohe, schlanke Wuchs des jungen Mannes wurde durch den eng anliegenden, mit Schnüren besetz', en Rock von feinem Moskauer Tuch noch mehr gehoben. Eine polnische Mütze saß keck auf dem klassisch geformten Kopfe mit dem üvpigen braunen Kraushaar, und der dunkle, volle Schnurrbart gab dem tiefgebräunten Antlitz den Ausdruck von Männlichkeit und Kraft. Etwas ungemein Ritterlicher und Zwangloses in Haltung und Bewegung, sowie die feine Nationaltracht verriethen den polnischen Edelmann- Einige Minuten verharrte er regungslos an feinem Platze. Seine lebhaften braunen Augen musterten mit Wohlgefallen die bübfch arrangirte Tafel und die mit Blumen und Tannen- i craui« « -------------- Mün geschmückten Wände. Doch schweiften sie geflissentlich an I Meinetwegen können sie bleiben, wo sie sind ffi ®”'e” ** SSSL’WB S?efÄm U« ’* -r .hr i würde!"