1894. LE w® Nr. 2 Nnt-phaltringsblatt zrnn Gi-tzenev Anzeige (GeMev^lsAnzeig-v) Samstag, den 6. Januar. M Bekehrt. Novelle von F. S t ö ck e r t. (Fortsetzung.) Herr Leonhard, der am Steuer saß, zeigte bet diesen Worten frohlockend seine schönen weißen Zähne, während Born, dem seine unvorsichtigen Worte längst aus dem Gedächtniß ent» schwanden waren, ziemlich verblüfft drein schaute. Die junge Dame erschien ihm überhaupt sehr verändert seit einiger Zeit. Sie zeigte sich oft tief gereizt und verstimmt ihm gegenüver, und die dunklen Augen konnten dann so bitterböse blicken, als hadere sie mit der ganzen Welt; auch jetzt hatte ihn ein fast vernichtender Blick gestreift. Emige Damen in dem Kahn ergingen sich, wahrscheinlich dem interessanten Assessor zu Gefallen, jetzt in Reisefchwärmereien; es war vom Harz und Thüringen die Rede, eine junge Dame schwärmte von den Alpen, eine andere von der Ostsee, und überall war es himmlisch, reizend, entzückend gewesen. Dora schwieg beharrlich dazu, erst als sich eine der Damen sehr verächtlich über die armselige Gegend ihrer Vaterstadt aussprach, erhob ste zornig ihre Stimme, ihre geliebte Heimath zu vertheidiren. Er lag tiefes Empfinden in ihren Worten und wie Poesie klang es, als sie von der Haide sprach, wie es sich dort so wonnig ruhe an Svätsommerabenden, so einsam, so menschenfern, wenn letzte Sonnenstrahlen den Himmel so gelbtich-roth färbten und in diesem eigenthümlich flammenden Licht die ganze Haide wie ein weites, wellendes, rosiges Meer erscheine. Wenn dann am Fluß die Nebel wallten und die Schatten der Nacht langsam heraufstiegen, o, dann kämen einem Gedanken, vielleicht bessere, größere, als in den so gepriesenen schönen Gegenden, die stets von Menschenmaflen überströmt seien, deren meistens nichtssagende Gesichter ihr jeden tieferen Eindruck stören würden. „Sehr schmeichelhaft für Ihre Mitmenschen," sagte Born, „und doch kann man Ihnen bet diesem Sinn für Natm schön- heilen nur rathen, sich einmal jene gepriesenen Gegenden anzusehen, es gibt dort noch genug einsame Wald- und Bergpartieen mit entzückenden Fernsichten, ich wollte, ich dürfte . . Er konnte seine Rede nicht vollenden, da man jetzt landete und ein Tusch schmetternder Trompeten die Gesell'chast empfing. Der Vergnügungsort, nach welchem man jetzt die Schritte lenkte, hieß der Busch und war ein bescheidenes Fleckchen Wald, der Nest früherer bedeutender Waldungen. Ein ziemlich primitives Gasthaus, hölzerne Bänke und Tische auf dem freien Platz davor, das war die ganze Herrlichkeit. Die heitere Gesellschaft aber, die sich jetzt auf diesen Bänken placirte, war ei« herzerfrischender Anblick. Unter Lachen und Scherzen arran- girten die jungen Damen jetzt die Kaffeetafel, zerschnitten zahllose Kuchenstücke und thürmten sie auf den Tellern auf, und die Wirthin brachte riesige Kaffeekannen angeschleppt. Emzelne Herren, darunter Herr Leonhard, vertilgten gewaltige Kuchenmassen, andere wieder verschmähten diesen süßen Genuß gänzlich und baten um die Erlaubniß, eine Cigarre anzünden zu dürfen, was ihnen huldvoll gestattet wurde. Als dieser Act des Kaffeetrinkens vorüber, erging die Jugend sich in Spielen auf dem W'esenplatz hinter dem Hause, daran schloß sich eine Polonaise, von Herrn Leonhard mit einer hübschen, schwarzäugigen jungen Dame angeführt, welcher pikanten und auch etwas koketten Schönheit er schon beim Kaffeetrinken und Spielen seine eifrigsten Huldigungen dargebracht, in dem festen Glauben, daß Dora das unmöglich gleichgiltig mit ansehen könne. Leonhard gehörte zu den Männern, die sich nur schwer davon überzeugen, daß ein junges Mädchen ihrer bezaubernden Persönlichkeit gegenüber gleichgiltig bleiben könne, wenn sie vollends sich dazu Herabgelaffen, sich um ihre Gunst zu bemühen. Auch der Korb, den ihm Dora gegeben, hatte den Glauben an seine Unwiderstehlichkeit durchaus noch nicht erschüttert, es war eine Sinne von ihr gewesen, eine Caprice, tröstete er sich, und ste würde bald genug bittere Reue darüber empfinden, aber dann wollte er sie schmachten lassen bis zum Wahnsinn! Die Tanzenden zogen jetzt in den elenden, rauchgeschwärzten Saal und Leonhard begann im Walzertaet mit seiner Tänzerin zierlich in demselben herumzuwirbeln, sest überzeugt davon, daß Aller Blicke mit Bewunderung auf ihm ruhten. Er irrte sich aber, höchstens, daß die drei jungen Damen, die keine Tänzer bekommen, mit trüben Blrcken ihm nachschanten. Wenn eine der Tanzenden Bewunderung erregte, so war es Dora, an ihrer Wiege waren bte Grazien nicht ausgeblieben, in reicher Fülle hatten sie ihre Gaben gespendet. Jede Bewegung Doras beim Tanz war reizend und anmulhig. Das kurze, weiße Promenadenkleid ließ die zierlichen Füße sehen, welche kaum den Boden zu berühren schienen, die schlanke, biegsame Gestalt schien ganz im Tanze aufzugeben. „Man sieht, daß Tänzerinnenb ut in Doras Avern fließt," sagte die Frau Drector Brand, die Mutter einer der sitzen gebliebenen jungen Damen, malitiös zu ihrer Nachbarin. Diese, ein bejahrtes Fcäulein, nickte feierlich mit dem steifen Haupte: „Sie soll ja auch das leibhaftige Ebenbild ihrer Großmutter, der Wiener Tänzerin, sein, es bleibt das doch ein Makel für die Familie. Wie es nur überhaupt möglich war, daß ein Sohn aus diesem ehrbaren Hause ein solches Geschöpf . ehelichen konnte. Meine Mutter hat mir noch oft von diesem Scandal erzählt und was für ein tolles Leben jenes Wesen in dem alten ehrbaren Kaufmannshause eingeführt hat. Jahrelang hat sie der ganzen Stadt Unterhaltungsstoff geliefert, bis sie dann zum Heile aller ihrer Angehörigen früh verstorben." „Ja und die Dora soll mit großer Pietät das Andenken an diese Großmutter festhalten," erwiderte die Frau Director. „Meine Johanna erzählte mir, daß das Oelbild derselben im luftigen Tänzercostüm in Doras Zimmer hänge und diese ganz ohne alle Scham, ja mit Bewunderung von ihr erzähle." „Gräßlich," hauchte das alte Fräulein, „ich sürchte, man wird noch haarsträubende Dinge an der jungen Dame erleben- Sehen Sie nur, wie sie jetzt wieder mit dem jungen Walter kokettirt." Der junge Walter war ein Student und Dora hatte eine ganz. besondere Passion sür Studenten, vielleicht weil sie in ihnen nie Freier befürchtete. Ihr helles Lachen schallte heiter durch den Saal und drang bis zu dm Ohren der beiden klatschenden Damen, die sich von Neuem über sie entsetzten. Auch noch ein anderes malitiöses Augenpaar ruhte in diesem Moment auf Dora, dasjenige des Assessor Born, welcher an dem Tanz nicht theilgenommen- Er lehnte draußen an dem offenen Saalfenster, in nächster Nähe der beiden Damen, so daß keines ihrer scharfen Worte ihm entgangen war. Das Factum, daß Tänzerinnenblut in Doras Adern fließt, wußte er natürlich, diese Heirath des jungen reichen Kausmannssohnes mit jener Tänzerin aus Wien schien überhaupt das einzige nicht ganz alltägliche Ereigniß zu sein, was sich je in der kleinen Stadt zugetragen hatte. Er fand aber das Erbtheil Doras von ihrer Großmutter durchaus nicht so verächtlich, wie die beiden ehrbaren Damen da vor ihm. Und gerade heute, In dem einfachen weißen Kleide, der mattgelben Rose in dem lockigen Haar, erschien sie ihm so graziös, so anziehend wie noch nie- Die trübe brennenden Kerzen an den Wänden warfen so ungewisse flackernde Lichter auf fie, die ganze Scenerie vor ihm hatte in dieser röthlichen, matten Beleuchtung ein fast malerisches Kolorit, dazu spielte die Musik eine jener melancholischen Volksweisen, allerdings im Dreiviertel'Tact, und um ihn herum Bäumerauschen, Nachti. gallengesang, der ganze Zauber einer Sommernacht. Sein Herz schlug höher und immer wieder suchten seine Blicke Dora. Es trieb ihn endlich hinein in den Saal. Warum sollte er nicht auch mit Dora tanzen, die leichte, schlanke Mädchengestalt in seinen Armen halten, warum nicht zu ihr sprechen von den Gedanken, die da leidenschaftlich, stürmend durch seine Seele flutheten. Born dachte in diesem Augenblick nicht daran, daß der Nimbus des Goldes Dora umgab, er würde sie, auch wenn sie nicht einen Heller ihr eigen nannte, ebenso begehrenswerth gefunden haben. Und nun stand er vor ihr und bat um einen Tanz, aber ein kalter, abweisender Blick begegnete ihm aus den eben noch so strahlenden Augen Doras. „Ich danke, ich bin zu allen Tänzen engagirt," sagte sie etwas zögernd, wohl weil es eine Unwahrheit war. Born wandte sich heftig von ihr und ging wieder zum Saal hinaus. Dora blickte ihm nach, bis er die Saalthür hinter sich zuwarf, dann machte sie eine heftige Bewegung, als wiese sie irgend einen Gedanken, der ihr plötzlich gekommen, energisch zurück. „Er verdient es nicht anders," murmelte sie und wenige Minuten darauf sah Born sie von seinem Fensterplatz aus an sich vorüberschweben, ebenso heiter ausschauend wie zuvor. Aber die Scenerie in dem matt beleuchteten Saal, die ihn vorhin so gefesselt, schien ihm plötzlich wie verwandelt, es war, als läge eine trübe Wolke über Allen, die Wandltchter flackerten entsetzlich und die Musik däuchte ihm schauderhaft, ohr- zerreißend und die Nachtigall war verstummt. „Das ist ein Flöten und Geigen, Trompeten schmettern drein, Da tanzt den Hochzeitsreigen Hie Herzallerliebste mein!" murmelte Born, indem er in einen der kühlen, dunklen Waldwege einbog. Eine tiefe Verstimmung bemächtigte sich seiner, das Leben in der kleinen Stadt dünkte ihm plötzlich unerträglich. Mit Erschrecken fast erfüllte es ihn, wie tief er selbst schon hineiugerathen in dieses kleinstädtische Getriebe und Interesse an Allem nahm, was ihn früher erbärmlich schien, es war ihm, als wäre er, als er vor einem Jahr aus der Residenz hierher versetzt war, ein ganz anderer Mensch gewesen. Die tägliche Umgebung, die Gewohnheit bleibt eben nie ohne Einfluß auf die Menschen — und das entschuldigte schließlich in seinen Augen auch Dora, die in diesen engen Verhältnissen groß geworden war- Wo hätte fie sich sollen größere Weltanschauungen aneignen, Interesse gewinnen können sür Dinge, die diesen Kreisen meistens fern lagen. Wäre es ihm vergönnt, sie hinwegzuführen aus diesem öden Erdenwinkel in jene geistig regen Kreise der Residenz, in welchen er so heimisch war oder in eine romantische Gebirgsgegend, in jene einsame Landschaft tief im Schwarzwald, in welchem er vor einigen Jahren mit einem genialen Freunde so schöne Tage verlebt und so Mancherlei geschwärmt und geträumt hatte, auch von der Zukunft und künftigem Ehestand, natürlich mit der schönsten, geistreichsten, liebenswürdigsten Frau auf Gottes Erdboden. Von all' diesen Eigenschaften besaß Dora Schmidt kaum eine. Sie war nicht schön, nicht sehr geistreich und auch nicht sehr liebenswürdig, welche Erfahrung er erst in letzter Viertelstunde gemacht und doch war ihm kaum je eine Mädchen-Erscheinung begegnet, die ihn so angezogen, und so den Wunsch in ihm erregt hätte, sie zu seinem Weibe zu machen, wie dieses verwöhnte Kind des Reichthums mit den unregelmäßigen und doch so anziehenden Zügen, dem brünetten Teint und all' der bezaubernden Grazie, dem Erbtheil einer Tänzerin. Unter diesen Gedanken hatte er sich dem Saale wieder genähert, die verlockenden Klänge einer Contre schallten ihm entgegen, er trat in die offene Thür und ein triumphiren- des Lächeln flog über sein Antlitz, als er Dora nicht unter den Tanzenden erblickte. Sie saß allein in dem dunkelsten Wink.l des Saals, die Arme über die Brust gekreuzt, den Kopf an die rauchgeschwärzte Wand zurückgelehnt. Langsam ging er auf sie zu und nahm neben ihr Platz. „Ihr Tänzer scheint ausgedlieben zu sein," sagte er ironisch- „Es scheint so," erwiderte Dora; „übrigens war ich gar nicht engagirt, es war eine Lüge vorhin, ich wollte nicht mit Ihnen tanzen, weil Sie sich doch nur über uns Kleinstädterinnen lustig machen. Wir sind geistlos, geschmacklos, albern, simpel, geistreiche Damen findet man nur in großen Städten!' Nun war es heraus, wie erleichtert athmete die junge Dame auf. „Dachte ich es doch," sagte Born, „daß es wieder eine der erbärmlichen Klatschereien war, die mich um das Glück gebracht haben, mit Ihnen zu tanzen." „Nun, ist e» nicht wahr? Haben Sie es gesagt ober nicht?" „Es ist schon möglich, daß ich dergleichen Unsinn geredet, vielleicht bei Ungar in der Weinstube," erwiderte der so Ge- fragte, dem jetzt die Unterhaltung plötzlich einfiel. „Und Sie machten keine Ausnahme?" „Nein, ich glaube nicht, ich hätte ja dann Herzensgeheimnisse verrathen müssen, und das thut man nicht in solchen Localen!" Ec bog sich herab und blickte forschend in dar schmollende Gesichtchen neben sich. „Wie können Sie nur solchen Klatschereien so viel Werth beilegen, ich dächte, Sie könnten es sich selbst sagen, baß ich an Sie nicht gedacht habe bei diesen unvorsichtigen Worten, die ich natürlich jetzt auf's tiefste bereue." Dora jedoch hatte kein Ohr für seine Entschuldigung, sie war in höchst gereizter Stimmung. Im Stillen hatte sie gehofft, daß Leonhard die Unwahrheit gesagt und Born sich entschieden gegen die Anschuldigungen wehren würde. Nun gestand er es ohne Zögern ein, behandelte es als eine Bagatelle, die nicht der Rede werth fei. 7 - „Sie sprachen heute Nachmittag von der Einsamkeit auf der Haide," begann er jetzt unbefangen auf ein anderes Ge- fprWsthema übergehend. „Vor meinen Augen schwebt feit- dem^das Bild einer einsamen Mädchengestalt auf grauem Stein ruhend, um ste herum das Meer, der in den verglühenden Strahlen der Abendsonne leuchtenden rothen Ericas. Ich habe den heißen Wunsch, mich zu ihr zu setzen und ihr zu sagen, daß ich ste liebe, diese einsame, liebliche Haideblume! Würde sie es mir wohl gestatten, auf meine kühnen Worte lauschen?" Dora hatte den Kopf etwas zur Seite gewandt, wohl lauschte sie auf seine Worte und beinahe hätte der bestrickende Klang dieser leidenschaftlichen Stimme Eingang in ihr Herz gefunden, da streifte plötzlich ihr Blick den schönen Herrn Leonhard, der, seine dunkeläugige Tänzerin zur Seite, unendlich zierliche Schritte machte. Alle seine Worte, die er damals auf der Haide zu ihr gesagt, fielen ihr ein; auch diese: Ich bin freilich nur ein einfacher Landmann, mir stehen solche gewandte Redensarten, womit sich jener Herr in ihr Herz ein- geschmeichelt, nicht zu Gebote. O ja, er war sehr gewandt, der Herr Asieffor, ein Anderer im Städtchen hätte eine derartige Liebeserklärung, die fast poetisch klang, nicht fertig gebracht- Aber sie wollte sich damit nicht bethören lassen, ganz gewiß nicht, sie wollte sich dagegen wappnen mit allen Kräften, die ihr zu Gebote standen, er sollte es inne werden, daß die verachteten Kleinstädterinnen wenigstens Character haben. Allerdings rebelltrte etwas tief im Herzensgründe gegen dieses Vorhaben, der wahre Ton der Liebe, der an ihr Ohr geklungen, hatte dort doch wohl einen, wenn auch nur schwachen Wiederhall gesunden. „Ich würde ihr sagen, meiner einsamen Haideblume," fuhr jetzt Born mit leiser, bewegter Stimme fort, zu reden, da die junge Dame immer noch beharrlich schwieg, „daß ihr Bild sich unauslöschlich in meinem Herzen eingegraben und durch nichts kann daraus verdrängt werden, auch wenn sie sich von mir wenden sollte, es wäre freilich furchtbar hart, kaum zu ertragen." „Sparen Sie doch Ihre vielen unnützen Worte, Herr Assessor," tönte da Doras Stimme, scharf und kalt. „Ich bin eine simple Kaufmannstochter mit einer richtigen Krämerseele, solche schwungvollen Reden sind verlorene Liebesmühe. Warum sägen Sie mir nicht einfach: Ich brauche eine reiche Frau und will Dir die grenzenlose Ehre anthun, Dich zu meinem Weibe zu machen. Ich dächte, damit wäre Alles gesagt!" Der Assessor neben ihr war sehr blaß geworden bei diesen herben Worten. „Dora!" stieß er mit bebender Stimme heraus. „Es bleibt nicht ungestraft, es rächt sich bitter, wenn man wahres, aufrichtige» Lieben auf diese beleidigende Weise zurückweist!" Langsam erhob er sich. Dora hatte erreicht, was sie gewallt, sie hatte ihn tödtlich beleidigt, aber die Genugthuung, die sie darüber empfand, war nicht fo süß, als sie gedacht, mit einem scheuen Blick sah sie zu ihm auf und senkte dann schnell wie erschreckt den Kopf nieder. Noch nie in ihrem Leben hatte ein so erregtes, fast wild ausschauendes Menschenantlitz auf ste herabgeblickt. Der Contre war jetzt zu Ende und die ermüdeten Mütter trieben zum Aufbruch. Im Mondenfcheine glitten die Kähne dahin über die leise murnelnden Wellen des Flusses. Volkslieder wurden angestimmt. Dora sang leise die Altstimme dazu, das Herz war ihr zum Weinen schwer. Drüben am Steuer saß Born, sie konnte sein blasses, wie aus Marmor gemeißeltes Antlitz im fahlen Licht des Mondes erkennen. Die Wellen des Flusses schienen ihr zu einem großen, unendlichen Meer zu werden, das sich zwischen sie und ihn legte, und immer dumpfer, immer bedrückender wurde ihr zu Sinn, als hätte ste ein nie zu sühnendes Unrecht begangen und müßte nun dafür büßen bis zum Endziel ihrer Tage. Hatte sie doch das Schönste, was das Leben einer Frau bieten kann, einer so nichtigen Sache wegen von sich gestoßen. Sie würde ihn vielleicht nie wieder hören, den Ton der echten Liebe, der so wahrheitsüberzeugend, so bestrickend an ihr Ohr ^eklungen, denn nicht noch einmal würde sich der stolze, tiefgekränkte Mann dort am Steuer so weit herablassen und seines Herzens warmes Fühlen ihr gegenüber verrathen! Der Kuhn landete, man trennte sich. „Es ist Alles aus," sagte sich Dora, als Born stumm und ceremoniell seinen Hut zog und sein eisiger Blick sie streifte (Fortsetzung folgt.) Der Kalender. Eine Neujahrsplauderei für den „Gießener Anzeiger". E. M. Wenn noch die Rosen blühen, erscheinen bereit» einige Kalender al» die ersten Boten des Winters. Der „Lahrer Hinkende" z B. ist schon immer im August heraus Dieses frühe Kommen hat nun freilich den Uebelstand im Gefolge, daß die letzten Ereignisse in die „politische Rundschau" nicht mehr ausgenommen werden können und der Inhalt dieses Kapitels einen etwas antiquirten Eindruck macht- Von Rechtswegen gehört der Kalender aus den Weihnachtstisch. Wenn die Weihnachts» oder Sylvesterglocken läuten, sollte man den ersten Blick auf ihn werfen! Die Zeiten sind vorüber, da er mit der Bibel und der Hauspostille für Tausende dis Haupt« lectüre bildete, die einzige Quelle der Belehrung über das, was in der Welt vor sich geht. Unser hoch entwickeltes Zeitungswesen hat ihm diese Aufgabe abgenommen. Ueber« flüssig ist der Kalender deshalb keineswegs geworden. Er hat vielmehr einen ungeahnten Aufschwung genommen, seine Herstellung hat sich zu einem besonderen Industriezweig entwickelt. Früher wußte man ganz genau, was man in einem Kalender zu suchen und zu finden hatte, jetzt ist der Stoff dergestalt in die Breite gewachsen, daß eine Uebersicht Schwierigkeiten bereitet. Nächst dem Grundstock der Haus-, Familien- und Landkalender hat sich die Klasse der Fach- und die der Luxuskalender herausgebildet. Fast gibt es keinen Stand, keinen Beruf mehr, der nicht Anspruch auf einen eigenen Kalender macht oder für den geschäftlicher Unternehmungsgeist nicht einen solchen ersonnen oder geschmackvoll herausstaffirt hat. Wir haben einen Universitätskalender, der den Lauf des Jahres nach Sommer- und Wintersemester regelt, einen kaufmännischen Kalender, der alles Wiffenswerthe über den ausländischen und inländischen Markt bringt, den „Taschenkalender für das Heer" mit militärischen Fachnotizen, den Musikerkalender, der namentlich den Musiklehrern ein unentbehrliche» Nachschlagebuch geworven ist, da» „Jahrbuch für Schülerinnen", den „Deutschen Schülerfreund" für Knaben, das eine mit dem Bildniß der Kaiserin, da» andere mit dem Porträt Geibelr geziert rc. In der Gruppe der „Fachkalender" führen ein noch junges, aber fehr kräftiges Leben: 1) der im Auftrag des Vorstandes des Allg. deutschen Lehrerinnenvereins von F. Rommel herausgegebene Lehrerinnenkalender (Berlin, Verlag Oehmigke), der in kurzer, klarer Fassung eigentlich sozusagen das Entwickelungsbild eines wesentlichen Zweiges deutscher Frauenarbeit bringt. Die Mittheilungen über Lehrerinnen-Vereine, Feierabendhäuser, Pension»- und Krankenkassen, Ferienheime, Kurorte rc. nehmen einen breiten Raum ein, und 2) der von Prof. Josef Kürschner redigirte „Literatur-Kalender" (Eisenach, Kürschner, Selbstverlag), der jetzt bereits aus einem kleinen Taschenbuch zu einem voluminösen Band gediehen ist und auf dem Arbeitstisch keines Schriftstellers und Journalisten fehlen sollte. Der Luxuskalender dehnt sein Reich aus vom Wand- bis zum Portemonnaiekalender. Ersterer hat die denkbar möglichsten Variationen erfahren. Die verschiedensten Liebhabereien sind dabei berücksichtigt worden: der Jagd-, der Sport-, der Ball- kalender! Ein Radfahrerkalender ist uns bis jetzt noch nicht in die Hände gekommen, aber wir sind nichtsdestoweniger von seiner Existenz fest überzeugt. In Erfurt erscheint ein Abreißkalender, der nach Art der Küchenzettel für jeden Tag einen guten Rath bezüglich der Blumenzucht und -Pflege bringt. — Mey & Edlichs Abreißkalender (Leipzig-Plagwitz) ersetzt fast Line „Anthologie". Beim Portemsnnaiekslender spielen Format und Qualität der Decke eine große Rolle. Da« Herz» formst und die mit Metallbeschlägen verzierte Saffianhülle sind besonders beliebt. Luxuskalender erster Ordnung sind die von renommirten Zeitschriften, wie „Gartenlaube", „Daheim", mit Novellen und Illustrationen veröffentlichten Separatausgaben. Der Garten- laubekalender bringt für 1894 eine spannende Novelle der Heimburg: „Aus meinen vier Pfählen". Hübsche novellistische Beiträge führen auch stets die int eleganten Taschenformat erscheinenden Damen-Almanache von Spener und Haacke. Ein besonderes Gepräge hat der im Verlage von Boll (Berlin) herauskommende „Musikkalender", der nächst intereffanten Plaudereien über Opern- und Concert-Eceigniffe, Novitäten aus dem Gebiete der Salonmusik vermittelt. Allerliebst ist ferner der von Schriftsteller Berthold Auerbach begründete „Deutsche Kinderkalender", der für den Preis von 1 Mk. wirklich eine erstaunliche Stofffülle bringt. Aber wie auch die Bilder und Erzählungen sein mögen, durch welche der Kalender unser Auge und Herz erfreuen will — über den Inhalt der zwei Blätter, welche die Monate und Tage in rother und schwarzer Schrift anzeigen, bleibt er uns die Auskunft schuldig. Wir müffen uns bei Beginn des Jahres genügen lasten an dem frommen Wunsch: Prosit Neujahr! Eine Geschichte für Mütter. (Schluß.) Das imponirte sogar der Großmama, und sie schenkte ein kostbares weißes Spitzenkleid und eine riesige seidene Schärpe dazu. Wie schön und stattlich sah es darin aus, so schön, daß Mylady den Wunsch äußerte, es sollte gemalt werden. Auf himmelblauem Teppich sitzend, den mit Blumen gefüllten Korb krampfhaft fest in den Händchen haltend, wurde es abconterfeit. Und dann kam der Winter. Mylady, die selten im Kinderzimmer vorsprach, erschien nun gar nicht mehr. Sie hatte keine Zeit dazu, sie mußte nachholen, was sie vergangenen Winter versäumt hatte, und Bälle und Gesellschaften fleißig besuchen. Und eines Abends, der Wagen stand schon vor dem er* leuchteten Portale, Mylady war fertig mit ihrer Toilette und besah im Spiegel ihre strahlende, sieghafte Schönheit, da stürzte Bessre herein und berichtete klagend, klein Baby liege im Fieber und sei heftig erkrankt. My ord machte ein kurzes, bedauerndes „Oh", Mylady zuckte mißbilligend die runden Schultern und meinte: Warum ihr das melden? Besste sei doch als eine erfahrene, verlässige Kinderfrau gedungen worden, als solche müßte sie in ähnlichen Fällen Bescheid wisten. Auch könnte ja nach dem Arzte geschickt werden. Und dann nahm sie Mylords Arm und rauschte hinaus, so schön, so kalt lächelnd wie immer. — Und andern Tags suhr Mylady nicht zum Balle. Der Zustand des kleinen Kranken hatte sich verschlimmert, und sie saß im Kinderzimmer und gähnte. Ein kleines, krankes Kind, wie langweilig, und dann stand sie auf und wollte sich ein Buch holen. Unter der Thüre traf sie der eintretende Arzt; sie wollte an ihm vorüber; seine Anordnungen anzuhören, war ja Bessie's Sache. Doch er hielt sie zurück und theilte ihr in ernsten Worten mit, daß das Schlimmste bevorstünde. Und da geschah etwas sehr Seltsames. Mylady war einen Augenblick wie erstarrt, dann schrie sie laut auf, stürzte zum kleinen Bettchen, warf sich vor demselben auf die Knie und haschte nach den fieberheißen Händchen, die sie warm und , innig küßte, wie noch nie. Dann streichelte sie das glühende ■ Gesichtchen und glättete mit zitternden Händen die Kiffen. Weinend stürzte sie dem eintretenden Gatten in die Arme. # Mylord staunte, als er fein Weib so verändert, so hin- ; gebend zärtlich, so schmerzgebeugt und gebrochen sah. Und Stunde um Stunde saßen nun Beide vor dem Bett- ' chen, Alles ausbietend, was Menschen Macht und Kunst vermag. ! Doch nichts vermochte den Todesengel zu verscheuchen; ein s schauerlicher Kampf des jungen Lebens mit der Vernichtung ; begann. Die kleine Brust hob sich mühsam, und ein röchelnder i Athem drang hervor; im wilden Schmerze ballten sich die ! kleinen Händchen und in krampfhaften Zuckungen wand sich der ; Körper. i Mylady blickte flehend, Hülfe suchend zum Arzte, und : als dieser mit einem ernsten Blicke nach Oben wies, stürzte sie auf die Knie. Wie lange schon hatte sie nicht mehr gebetet, j und jetzt drang heiß und innig das Gebet der Gebete, das ' Vaterunser, auf ihre bebenden Lippen. Immer qualvoller rang die Kinderseele mit dem Tode, und dann wurde es plötzlich ruhig; leise, unhörbar gingen die Athemzüge, die Krämpfe ließen nach, die fieberhafte Röche wich einer fahlen Bläffe und die angstvoll blickenden Augen schloffen sich müde. Mylady's gramerfülltes Gesicht überflog ein Schimmer der Hoffnung. Sie bemerkte nicht, wie der Arzt mit dem Gatten einen verständnißvollen Blick wechselte. Doch Mylord war jäh zusammengezuckt und erblaßte. Sein Geist wandte sich zurück zur Vergangenheit. Er sah sich wieder als Knabe in seiners Vates Schloß, und im schwarzverhängten Saale ruhte der Katafalk seines Bruders. Und er weinte und jammerte mit den Andern, dann sah er die Mutter zusammenbrechen im Uebermaße des Schmerzes und den Vater sie er* > heben, stützen und liebevoll trösten. Ein warmes Gefühl der Liebe, des Mitleides durchfluthete plötzlich sein Herz. Auch hier lehnte eine Mutter gramversunken und allein ■ dicht neben ihm, und da lag ihr Kind, sein Kind, blaß und i still gleich einer zertretenen Knospe. In überströmender Em- > pfindung zog er sein Weib an sich, küßte sie lange und innig, ! dann ergriff er die kleine kalte Hand und führte sie langsam < zum Todtenlager. Unbeweglich und wachsbleich lag Baby's süßes Köpfchen auf dem Kissen, und auf der jungen Stirne thronte die Majestät des Todes. Mylady brach mit einem Aufschrei zusammen. Und als sie nach Wochen von schwerer Krankheit genaß, da war sie eine andere geworden und klein Baby hatte die Verwandlung zu Stande gebracht. Was es im Leben nicht hatte besitzen können, im Tode wurde es ihm im reichsten Maße zu Theil: die Mutterliebe. Seine Sendung war vollbracht, seine Aufgabe erfüllt: Es hatte die Herzen der Eitern in Liebe vereint durch die läuternde Kraft des gemeinsamen Schmerzes, und freudig konnte es zurückkehren zu den jubi- lirenden Schaaren der Engel. Vermischtes. Wer ist der Furchtsame? Ein Offizier im stehenden Heere lachte über eine furchtsame Dame, weil sie über den Lärm einer Kanone zusammenschrak, die zur Begrüßung abgefeuert wurde. Er heirathete später dasselbe unbeherzte Wesen und zog sechs Monate nach der Hochzeit die Stiefel im Hausflur aus, sobald er des Nachts spät nach Hause kam. ♦ ♦ Mann: „FrauI Die Jöhren schreien wie besessen! Der Teufel soll da ruhig arbeiten!" — Frau: „Schöner Ausdruck! Sonst nanntest Du sie die Pfänder unserer Liebe!" — Mann: „Auch recht! Aber in solchen Augenblicken wünsch' ich mir allemal, gepfändet zu werden." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.