UnterchaltirngsblatL )um GZetzenev Anzergev (Geneval-Anz-ig-v) K 1894. •M—®xr —«■ rjl fesii VM ■ ... ■■’ EM i'w;•..v.WBt, •WB Donnerstag, den 5. April. -■liJ! '„ ...... 'l ^2»^ > > >> » Die Wallfahrt nach Czenstochau. Roman von Johanna Berger. (Fortsetzung.) Nach einem tiefen Seufzer fuhr der Graf wieder fort: „Meine Wunde gestattete mir nicht, sofort nach Deutschland zu reisen, ich mußte noch warten, warten mit einem Herzen voller Sehnsucht und Ungeduld. Das innere Fieber verschlimmerte mein Leiden und feflelte mich von Neuem an mein Bett. Und inzwischen trat die Katastrophe ein, früher, als ich ver» muthete. Margarethe hatte mir eine Tochter geschenkt. Da weinte ich wie ein kleines Kind, weinte viele Tage und Nächte hindurch; ich litt furchtbar, ich war wie wahnsinnig. Denn nun erst, nachdem Unglück und Schmerzen mich geprüft hatten, wo das feurige junge Blut sanfter und milder geworden war, kam mir mein grenzenloser Leichtsinn, meine ungeheure Schlechtigkeit zum Bewußtsein! Denn gerade jetzt in der Noth, in der Gefahr mußte ich fern von Margarethe bleiben, in den schweren Stunden, wo meine Gegenwart durch die Pflicht der Liebe durchaus erforderlich war. Mit lahmen Gliedern war ich an mein Schmerzenslager gebannt, ich konnte nicht zu ihr eilen, ich konnte nur Thränen vergießen und in ohnmächtiger Wuth mit den Zähnen knirschen. Und mein arme» blondes Lieb litt noch mehr wie ich, tausendfach mehr. Er gab viele Klatschbasen in Ems, alte und junge, und sie steckten ihre Köpfe zusammen und zischelten mit den giftigen Zungen. Alle», war man nur Schlechtes von einem Mädchen glauben kann, sagten sie Margarethen nach. Und in kurzer Zett war ihr Ruf zerstört, ihre Ehre vernichtet. Fürsprecher hatte das arme Wesen ja nicht und ich konnte ihr nicht zu Hülfe kommen. Die Freunde zogen sich von ihr zurück, denn die Welt ist ja so liebelos und so hart — und bald stand sie vereinsamt, verlassen und gemieden da. Ja, sie mußte den bitteren Kelch bis zur Neige leeren und das brach ihr das Herz, das konnte sie nicht Überstehen. Voller Verzweiflung schlug sie einen eigenmächtigen Weg ein, denn ohne mich zu benachrichtigen, noch schwach und krank und jedes Schutzes entbehrend, nahm sie ihr Kindchen auf den Arm und trat die Reife zu mir nach Polen an. Von diesem Tage an blieben Margarethe und unser Töchterchen spurlos verschwunden. In damaliger unruhiger Zeit lauerte in Polen noch Gefahr und Tod auf jedem Schritte und dabei ging manches Menschenleben zu Grunde, ohne daß jemals die geringste Kunde zu den Angehörigen drang. So blieben auch meine Nachforschungen nach den so räthselhaft Verschwundenen ohne jeden Erfolg. Aufrufe in Zeitungen und anderen öffentlichen Blättern waren ebenso nutzlos, wie die Einmischung der Behörden, die ich zur Hülse nahm. Auf der weiten Reise durch da» fremde, augenblicklich so verwilderte und unwirth« ltche Land waren alle Beide verloren gegangen und verschollen. Wo und wie, habe ich niemals erfahren können. Dann kamen ein paar lange, erbarmungslos lange Jahre für mich voll Wchmuth und Trauer — endlich verwischte sich Alles, was mir unverwischbar erschien. Ich schloß mit der Vergangenheit ab, sie erschien mir nur noch wie ein entschwundener Traum, und ich begann ein neues, von Gott begnadigtes Leben. Aber jetzt werde ich wieder Tag und Nacht daran denken müssen, einem armen Sünder gleich, der feine Schuld nicht sühnen kann, ich mag leben oder sterben, denn meine Jugendsünde ist es, die Margarethe hinaus trieb in den Tod, in das Verderben. Und das martert mir das Gewissen entzwei — das tödtet mich, Jffus Maria, das überwinde ich nicht." Noch hatte der Graf nicht ausgesprochen, als auch seine Gemahlin schon zu ihm trat und ihm sanft die Hand auf den Mund legte. „Stanislaw, beruhige Dich," sagte sie ernst. „Gott ist barmherzig und Reue entsühnt! Aber das Recht der Lebenden ist größer, wie das der Tovten — und Dir lebt eine Tochter, Margarethes Kind. An ihr kannst Du gut machen, was Dir an Jener versagt war. Kommt die Hülfe auch jetzt erst, so wird es doch nicht zu spät sein. Und ich — ich helfe Dir dabei!" „Mein Kind, ihr Kind: ja, es lebt, es ist da! Ach, Antonia, und Du selbst mahnst mich daran. — Du bist ein Engel voll Güte, Du verzeihst und richtest zugleich den Schuldigen auf!" Der Graf sprang hastig auf, sank vor ihr auf die Kniee und preßte seine Lippen auf ihre Füße. „Nicht so, nicht so, Stanislaw I* Sie beugte sich zu ihm herab und reichte ihm die Hand. „Was ich thue, ist meine Gattenpflicht. Und wenn es Dir recht ist, so reisen wir noch heute nach Posen ab, um Jadwiga aufzusuchen und sie in andere, ihr würdigere Verhältnisse zu bringen. Es ist selbstverständlich, daß Du sie adoptirst und ihr alle Rechte etnräumst, auf welche sie als Deine Tochter Anspruch machen darf!" Er erhob sich von seinen Knieen und zog seine Gemahlin in die Arme, er preßte sein bleiches, von Thränen überströmtes Antlitz fest an ihr Herz, an dies treue, edle Herz, das so seltsam mit der fast männlichen Energie ihre» Wesens con- trastirte. ,,, m , Der Graf hing mit schwärmerischer Verehrung an dieser verständigen, geistvollen und hochherzigen Frau, die ihm, dem etwa« characterschwachen und indolenten Manne, seit beinahe 114 *2 üHtzehn Jahren eine treue und liebende Gefährtin gewesen war. Sie hatte ihm in den schwierigsten Verhältnissen Proben ihrer Willenskraft, Umsicht und Herzensgüte gegeben, er vertraute ihr unbedingt und trug sie gleichsam auf Händen. Trotzdem hatte er niemals den Muth gehabt, über seine Jugendliebe ganz offen und ehrlich mit ihr zu sprechen, und die Gräfin war durch die plötzlichen Enthüllungen ihres Gemahls schwer betroffen. Aber stets gewohnt, sich mit weiser Klugheit in jeder Lebenslage zurechtzufinden, verbarg sie auch jetzt ihr blutendes Herz unter Seelenstärke und unveränderter Gattenliebe. „Deine Großmuth beschämt mich," rief er endlich aus, „das hätte ich nicht von Dir erwartet, Antonia. Wie soll ich Dir danken und wie soll ich Gott danken, daß er unsere Schritte nach Czenstochau lenkte?" „Ja, unsere heilige Maria kann wahre Wunder verrichten," fiel ihm die Pani Casimira in’« Wort. „Denn das ist klar, wären Sie nicht zur Wallfahrt zu uns gekommen, so hätten Sie Ihre Tochter nicht wiedergefunden. Ja, die Madonna, die schwarze Madonna! Und war die Marienmädchen, die hochnäsigen Dinger, nun wohl sagen werden, sobald sie die Wahrheit erfahren? Aergern werden sie sich, ärgern, bis sie schwarz sind, wenn erst die Jadwiga als Grafentochter in der noblen Equipage ihres Vater«, mit den Dienern in Livree auf dem Kutscherbock, zur Kirche fährt oder ihre Visiten in den Daschken der Edelleute macht- Aber Strafe muß sein! Und nun vollends der Roman, ja, der Roman —" Sie schwieg erschrocken und warf einen scheuen, verlegenen Blick auf Gräfin Antonia hinüber. „Wir werden sofort mit Jadwiga nach Schloß Jutroschin reisen," sagte sie bedeutungsvoll; „unsere Tochter muß sich erst in die neuen Lebensgewohnheiten hineinfinden, später gehen wir auf längere Zeit in’s Ausland mit ihr, damit sie auch die große Welt kennen lernt. — Und nun, lieber Stanislaw, gieb Deine Befehle zur Abreise, wir dürfen keine Zeit mehr verlieren." — Eine Stunde darauf stand ein großer Schlitten vor dem Herrenhause von Lygotta, in welchem die Kwilecki« und Frau von Bielinska Platz nahmen. Die Damen waren in kostbare, mit Hermelin verbrämte und gefütterte Sammetmäntel gehüllt. Der Graf trug einen Astrachanpelz und ebensolche Mütze. Alle Drei hielten Sträuße von rothen Rosen in den Händen, die der Gärtner noch in aller Eile dem Treibhause entnommen hatte. Franuschek breitete große Bärenpelze über den Schlitten aus. Dann steckte er noch ein paar geladene Pistolen hinter die Sitzkissen zur Abwehr gegen dis Wölfe, die mit Eintritt des Winters aus den dichten Wäldern kommen, um auf Beute zu lauern. Franuschek sah mit seiner kurzen, breiten Figur, dem dicken Schafpelz und der Lammfellkapuze wie ein Eskimo aus. Ehe er sich auf den Bock schwang, nahm er noch verstohlen einen tüchtigen Schluck au« seiner Branntweinflasche, dann brachte er mit einem energischen Knutenhiebe die schnaubenden Pferde in Gang und der Schlitten sauste mit melodischem Schellen- geläute über die weiße Fläche dahin durch Nebel und wildwogendes Schneegestöber. Die Landschaft war weit und breit in ein weißes, blendendes Leichentuch eingehüllt, jeder Leben war erstorben und feierliche Ruhe lagerte über dem großen Grabe. Nur der Wintersturm tobte und heulte und die Bäume bogen sich unter feinem Anprall fast zur Erde, er wühlte die sonst so träge Wartha in ihren tiefsten Tiefen auf, daß die mit weißem Gischt gekrönten Wellen schäumend über die Ufer brachen. Ueber dem heiligen Berge wälzten sich schwarzgraue Wolken, welche der Sturm in unheimlichen Wirbeltänzen umeinander drehte, dazu stöhnten die Wetterfahnen auf den Klosterthürmen, die Fensterläden klapperten und es rauschte und brauste in der Luft, als solle die Welt untergehen. Immer schneller jagte der Schlitten dahin. Von Czenstochau nach Posen war eine weite Strecke zu durchfahren, beinahe zweihundert Werst. Eisenbahnen gab er in Polen zu jener Zeit noch nicht viel und die Reisenden wollten rasch zum Ziele gelangen. Dabei die sibirische Kälte und so weit da« Auge reichte, nur Schnee, schimmernder, frischgefallener Schnee und brauende, wallende Nebel. Mitunter drang ein greller, gelber Sonnenblitz durch die wirbelnden Dunstgebilde, dann hoben sich die unabsehbaren Tannenwälder wie schwarze Schatten von dem bleifarbenen Himmel ab. Al« der Schlitten bei der Rochuscapelle ankam, hemmte Franuschek den rasenden Lauf de« Gespann«. Um da« kleine Gotteshaus tobte der Sturm in seiner ganzen Wildheit und Stärke. Er polterte, pfiff und raffelte mit voller Gewalt durch die Luken des schmalen Glockenthurme« und schleuderte das kleine Glöcklein hin und her, daß es wimmernd und klagend seine eherne Stimme erhob. Er klang schaurig wie Geistergesang! Und in das Heulen und Brausen des Schneesturmer, in das wimmernde Klagen de« Glöckchens mischte sich das heisere Gekrächz der Raben, welche unruhig den Schlitten umkreisten. Frau von Bielinska erbleichte, sie fühlte kalten Schauer ihre Glieder durchrieseln und wickelte sich fester in ihren Pelz. „Heilige Jungfrau, beschütze uns!" rief sie entsetzt. .Hören Sie, Antonia, das ist der Rochus, der nach seinem Opfer schreit. Er sitzt in seiner Karthause und sinnt auf Verderben! Hören Sie, wie er ruft, das gibt ein Unglück, sagen die Leute!" Die Gräfin zuckte spöttisch die Schultern. „Aberglaube, Casimira, thörichter Aberglaube, wie kann nur ein vernünftiger Mensch an solchen Unsinn denken!" Der Graf erhob sich von seinem Sitze, er blieb hoch- aufgerichtet im Schlitten stehen und blickte zur Seite, wo der Kirchhof lag. Seine dunklen, traurigen Augen schweiften über die Gräber, zwischen denen ein fahlgrauer Dunst wogte und wallte. Dann entblößte er da« Haupt und murmelte ein kurzes Gebet. Gleich darauf schleuderte er mit dem Rufe: „Gott sei ihrer armen Seele gnädig!" den Rosenstrauß über die Grüfte. Die Damen folgten seinem Beispiel und die rothen Rosenblätter flatterten wie Blutstropfen über den weißen Schnee. Das war ein Opfer, das man nach alter polnischer Landessitte zur Winterszeit den Verstorbenen brachte. Und wieder ließ Franuschek« derbe Faust die Geißel spielen und wieder jagte der Schlitten durch Sturm und wild- wirbelnde« Gewölk. Graf Stanislaw« Züge hatten sich erhellt, er lächelte still vor sich hin. Von der Tobten flogen seine Gedanken weit, weit hinaus in die neblige Ferne, sie wandten sich von der Trauer und dem Kummer der Gegenwart ab und lebten sich in freundliche Zukunftsträume hinein. Mit halb geöffneten Lippen athmete er die kalte Winterluft, sie erfrischte und stärkte ihn. Und in den Stimmen der empörten nordischen Natur hörte er nur immer ein Wort, ein einziges Wort. Es tönte wie süßes kindliches Schmeicheln in seine Seele hinein, um mit harmonischem Nachhall darin auszuklingen. Und dieses Zauberwort hieß Jadwiga! — Und Jadwiga, Jadwiga! - so hallte es im Sturm und immer wieder in sein lauschendes Ohr. — Der Lieutenant Wytek war nach dem schnellen Aufbruch der Herrschaften allein int Salon zurückgeblieben. Niemand kümmerte sich um den alten Mann. Er lehnte noch in seinem Sessel und starrte mit trüben Augen gegen den Plafond; auf seinem Antlitz lag tiefer Gram. „Nun ist Alles aus," murmelte er vor sich hin, „meine Freude und mein Glück, denn ich werde die Jadwiga nicht mehr wiedersehen. Ich muß mein Elend und mein zerbrochenes Leben einsam weiterschleppen bis an'« Ende! Freilich, der liebe Herrgott wird schon wissen, warum ich so schwer büßen muß, — aber ich ertrag'- nicht geduldig, da« bringt mich um — das ist mein sicherer Tod I" Seine Worte erloschen, pfeifend ging ihm der Athem aus der Brust. Nach einer Weile schnellte er auf und tastete nach seinem Baschlik. Er zog ihn hastig über den Kopf und wankte hinaus. Im Treppenhause war e« dämmerig, gespensterhast leuch- — Ü5 sg teten die weißen Gesichter der polnischen Ttarosten und Starostinnen aus den alten Bildern, die man hier aufgehängt hatte, in dem grauen Zwielicht hervor. In fiebernder Hast stolperte der Alte über die weichen Matten hinweg, welche den Boden bedeckten, — schon wollte er die schwere Hausthür öffnen, da hörte er die Küchenthür gehen und Michalina» in Holzpantoffeln steckende Füße eiligst herüberklappern. „Wer ist da?" zeterte sie, dann trat sie näher. „Ach, liebe» Herrgottchen, Sie sind noch immer hier?" Sie schlug die Hände ineinander. „Na, wa» wollen Sie denn noch? Ich meine, Sie könnten längst gegangen sein, — denn mit der Jadwiga und Ihnen ist'» doch nun vorbei. Oder denken Sie etwa, solch' ein gnädiges Fräulein — na, das stellt sie doch jetzt vor — wird einen alten Trunkenbold noch Väterchen nennen?" „Nein, nein, das geschieht nie mehr," wimmerte der Alte, „und ich bilde es mir auch gar nicht ein. Aber wenn ich daran denke, dann schüttelt'» mich, dann bricht mir das Herz mitten durch. Habe gar nicht gedacht, daß ich so an dem Mädel hänge. Aber sie war auch so gut und brav, so zu- frieden mit ihrem Geschick und keine Arbeit hat sie jemals verdrossen. Und ich habe ihr nichts dafür geboten, als Scheltworts, Armuth und Noth!" Er verstummte und fuhr sich mit beiden Händen in fein graues Haar. „Ja, das habt Ihr, Gott fei's geklagt. Aber nun kommt die Strafe, denn wie man sich bettet, so schläft manl" Dem alten Wytek stieg eine dunkle Röthe in das fahle Gesicht, einen Moment klammerte er sich an das Treppengeländer an, dann taumelte er weiter- Al« er vor das Haus trat, prallte ihm ein furchtbarer Windstoß entgegen, der mit rasender Wuth um die Mauern tobte. Sein Blick streifte den Himmel, von dem das dichte Schneegestöber in großen, breiten Fetzen herabflatterte. Eine Weile zögerte er noch, dann schritt er in das wilde Wetter hinan»- Und während er langsam auf der Landstraße weiter wanderte, fiel plötzlich ein Hoffnungsstrahl in feinen trostlosen Jammer hinein. Er wollte von jetzt an wirklich ein anderer besserer Mensch werden, immer hatte er es sich bloß vorgenommen, aber niemals halte er Stand gehalten, stet» war er wieder in seine Fehler verfallen- Aber jetzt wollte er wirklich und wahrhaftig. Sein Fuß sollte die Schänke nicht wieder betreten und kein Branntwein ihm die Lippen mehr netzen, nein, niemals mehr. Und dann würde Gott ihm verzeihen und die Jadwiga ihn nicht mehr verachten oder sich seiner schämen. Und als wenn diese Gedanken ihm Kraft verliehen, so schritt er jetzt rüstiger vorwärts, trotzdem ihm das eisige Gestöber das Gesicht peitschte und die Glieder erstarrte. Es war still und einsam um ihn her, nur ein junger Bursche mit dem Schießprügel auf der Schulter trottelte über das Feld, um Krähen zu schießen. Als der Alte die Stadt erreichte, kam ihm aus den Gaffen die Jugend Czenstochau» entgegen, welche sich trotz des Unwetter» im Freien herumtummelte, johlte und lärmte. Die Buben warfen sich mit Schneebällen und bauten an den Straßenecken einen riesigen Schneemann aus, und e» gab jedesmal ein mächtiges Geschrei, ein Jubeln und Jauchzen, wenn solch' ein ungeschlachter Geselle auf die Nase fiel und in alle Winde zerstäubte. Der alte Wytek schlich trübselig an den Kindern vorüber, fein Mantel flatterte und er hielt den Kopf gesenkt. Wie stimmte auch dieser jugendliche Uebermuth zu dem schweren Kummer, der wie Centnerlast sein Herz bedrückte I Vor einem Kramladen, von dessen Schilde ein grell gemaltes Muttergottesbild herniedergrüßte, blieb er stehen, zog ein ledernes, schmutziges Beutelchen hervor und zählte den Inhalt. „Drei Rubel und zwanzig Kopeken!" flüsterte er. „Die Rubelscheine sind von der Jadwiga, das gibt drei große ge- weihte Kerzen für ihre Mutter — für das Grab; die brenne ich ihr heute noch an. Die Handvoll Kupfermünzen reichen noch gerade zu einem heißen Becher Thee und zu dem Bakschisch für die alte Mascha, und nachher hole ich mir mein Tractament!" Und nun trat er in den Laden und kaufte die Kerzen ein. Al» er wieder heraurkam, drängte sich eben ein Trupp Unlformirter durch die schmale Gasse. Mit einem wahren Höllenspeetakel wurde der Kamerad begrüßt. „Wo hast Du in drei Teufels Namen so lange gesteckt, Brüderchen?" schrie man ihn an. „Komm' mit uns, denn ein schlechter Kerl ist Der, welcher nicht heute auf Väterchen Zars Gesundheit trinkt!" Der Alte schüttelte abwehrend den Kopf, aber schon hatte einer der heftig gesticulirenden und schreienden Männer seinen Arm gepackt und ihn gewaltsam mitgezogen — in das Gasthaus zum Engel, der Schänke, die sein Fuß niemals wieder betreten wollte. Es war ein ungastlicher, verräucherter Raum, diese Engelschänke. Die einstmals weißgetünchten Wände trugen jetzt alle Farben des Regenbogens an sich. Von der schwarzen Decke hing eine qualmende Oellampe herab und mit dem Dunst derselben mischten sich Alkoholdüfte und Juchtengeruch. Mitten auf dem großen Tische stand ein ungeheurer kupferner Samowar und ein schmutziger, gluthäugiger Junge, Bocher genannt, zapfte Tag und Nacht das schwärzliche Gebräu, den Thee, in blechernen Bechern für die Gäste ab. An diesem Orte fanden sich täglich eine Anzahl von Leuten ein, die zum Militär gehörten, um Thee und Branntwein zu trinken und Karlen zu spielen. Sie war das Eldorado der Untermieten der Czenstochauer Grenzwachtbrigade. Nach dem Läuten der Abendglocken sollten eigentlich im Engel keine Getränke mehr verabreicht werden, aber die Gäste entfernten sich nur durch die Vorderthür, um sofort durch die Hinterthür wieder herein zu kommen. Nun wurden die Fenster verstopft und das wüste Zechgelage mit Toben und Brüllen fortgesetzt. Der gequälte Wirth mußte große Quantitäten Branntwein herbeischleppen, wofür ihm ost der Lohn mit derben Fäusten auf den stet» demüthig gebeugten Rücken ausbezahlt wurde- Doch er beklagte sich niemals darüber, sondern hielt fein Zünglein fein säuberlich im Zaum und ertrug die Püffe und Plackereien der „gnädigen Herren" geduldig und ohne Murren, denn er fand seine Rechnung dabei. Der Lieutenant Wytek wurde von seinen Kameraden au die große Tafel geschleppt und das Gelage begann. Wie da» durcheinander schrie und lärmte, wie toll mit den schweren Stiefelabsätzen den Boden stampfte, mit den Säbeln raffelte und den Fäusten herumfuchtelte- „Jtzigleben, Wodki her," brüllte der Wachtmeister. — „Schwerenoth, hö-st Du nicht, Hundeseele I Rasch, dreißig Becher vom Besten, wir haben heute Tractament gekriegt und können zahlen! Und hole einen Jeden der Teufel, der nicht» drausgehen läßt!" Der zitternde Wirth schleppte mit dem kleinen, immer grinsenden Bocher schleunigst herbei, wa» die Herren befahlen. Der Wachtmeister erhob sich und brachte ein Hoch aus den Zaren au», in welche» die Anderen voller Enthusiasmus einstimmten. Im Nu waren die Becher geleert, die letzten Tropfen wurden auf die schmutzigen Dielen gegossen und so ging e« fort, immer weiter fort bi» in den Abend hinein. Der alte Wytek konnte feit seiner Krankheit den Branntwein nicht mehr recht vertragen. Er hatte rasch und hastig ein paar Becher hinuntergestürzt und schon erhitzte sich ihm der Kopf. Nun fing er sofort, wie er es immer im Rausche ge« than hatte, zu schimpfen an, zu fluchen und mit der Faust auf bin Tisch zu schlagen, daß die Platte krachte. Dann wurde er still und stiller und starrte mit verglasten Augen vor sich nieder- So saß er lange Zeit theilnahmrlos da- Alsdann stand er plötzlich auf, nahm seinen Mantel um und wankte zur Thür. „Wohin willst Du, Brüderchen?" fragte einer der Kameraden- „Rach der Rochuscapelle," lallte der Alte, „ich will drei rothe geweihte Kerzen auf das Grab stecken — der Herrgott — Iss — hat mich gestraft — ja, verworfen, ausgeftoßenl Ich — ich — bin verflucht!" Und dann stolperte er zur Thür hinaus, dis Anderen lachten noch hinterher. (Fortsetzung folgt.) GeMsrnnAtziges. Zur gründlichen Beseitigung von Unkraut und Gras auf Gartenwegen und Pflaster mische man 50 bis 60 Liter Wasser mit 20 Pfund ungelöschtem Kalk und 2 Pfund Schwefel, lasse aufbrausen und gieße damit die Wege rc. ♦ ♦ • Zur Vertilgung des Unkrautes. Es kann nicht oft genug erwähnt werden, daß viele Unkräuter auf das Cultur- land durch den Stallmist, Abtrittsmist und Kompost gebracht werden. Um diese Verunkrautung wesentlich zu beschränken, gehört vor Allem dazu, daß man die Unkrautpflanzen erst dann zur Düngung verwendet, wenn die Keimkraft sowohl der Samen wie der Wurzeln vollständig vernichtet ist. ♦ ♦ • Kienrutz als Rosendünger. Man hängt einige Tage hindurch einen alten, mit Kienruß gefüllten Sack in einen Bottich Wasser und sobald dasselbe die Färbung des Portweines angenommen hat, begießt man damit die Rosenstöcke. Dieses billige Düngungsverfahren, wodurch die schönsten Erfolge erzielt werden, ist bestens zu empfehlen. ♦ * Der Durchsall des Bogels in der Gefangenschaft. Der Durchfall, eine in der Gefangenschaft der Vögel theilweise auftretende Krankheit, welche gewöhnlich auf unpassendes Futter zurückgesührt werden kann, rafft viele davon betroffene Thiere in kurzer Zeit dahin. Die Merkmale für diese Krankheit stnd folgende: Der Vogel sitzt einestheils stille auf einem Zweige seines Bauers, sträubt das Gefieder des ganzen Körpers und in kurzen Zwischenräumen läßt er eine wasserhelle, zum Theil auch wohl etwas weiße, wässerige Lösung fallen. Andere Vögel sitzen wieder stets am Futternapfe, fressen jedoch wenig und streuen das meiste Futter auf den Boden des Käfig». Falls diese Zeichen austreten, und das ist am öftersten der Fall, so ist es geboten, das davon befallene Thier sogleich aus dem Käfig zu nehmen und den After zu besichtigen. Sind hier die Federn durch den wässerig-klebrigen Abgang der Lösung zusammengeklebt oder zeigen sich Merkmale dazu, so sind dieselben mit einer scharfen Scheere vorsichtig abzuschneiden und der After mit reinem guten Oele etnzureiben. Gut ist dann das Mittel, dem Vogel dar Trinkwasser und den Badenapf unverzüglich zu entziehen und dem Thiere Mohn zu geben- Oft wird der Patient dadurch gerettet. Als bestes und sicherstes Mittel aber wird folgendes empfohlen: Ein Stückchen Muskatnuß wird auf einer Reibe zu Pulver gerieben und mit abgekochtem Wasser eingegeben. Zu diesem Zwecke füllt man einen Trinknapf mit Wasser und schüttet so viel Pulver von der Muskatnuß hinein, bis der obere Theil des Wassers mit demselben bedeckt ist. Run gibt man dem Vogel in Zwischenräumen von fünf zu fünf Minuten einen Federkiel voll dieses oben schwimmenden Pulvers mit etwas Wasser ein. Rach drei- bis viermaliger Anwendung dieses Mittels ist der Vogel wieder gesund. Bemerkt sei noch, daß man ja nicht versäumen darf, den After eines so erkrankten Vogels noch nach längerer Zeit nachzusehen, ob nicht etwa die Federn des Afters zusammengeklebt sind und auf diese Weise dem Thierchen die Lösung unmöglich machen. ♦ » ♦ Lachtauben füttert man mit Hirse, Kanariensamen, dazu ein wenig Hanf, auch Weizen, Roggen, selbst Buchweizen, Linsen, Wicken u. a. Zuweilen auch ein wenig Mohnsamen, dann ferner vom zeitigen Frühjahr bis zum Spätherbst etwas | Grünkraut, besonders Vogelmiere und zur Äufztehung der Jungen Zugabe von Ameisenpuppen. Zum Nisten wird eine I eiserne hölzerne Schale, vielleicht ein Holzteller oder ein Stroh- kork geboten. * • Braifirtes Ochsenfilet. Ein Ochsenfilet von vier bis fünf Pfund spickt man mit feinem Speck und umwickelt e« mit Bindfaden, legt es in eine Bratschüssel, in welcher sich einige Speckstreifen, einige Scheiben von Zwiebeln und Karotten, Thymian, Petersilie, Lorbeer u. f. w. befinden, salzt es, gießt ein halbes Glas guten Branntwein darüber und bedeckt es mit in Butter getränktem Papier. Bet stillem Feuer läßt man nun das Filet drei Stunden im Backofen, wobei man es fleißig mit aufgelöstem Liebig» Fleifchextract begießt, und richtet es mit der auf diese Weise entstehenden vorzüglichen Sauce auf einer Schüssel an, die man ringsum mit verschiedenen Gemüsen garnirt. ♦ ♦ * Oelftecke aus Dielen zu entfernen. Beim Um- zuge sand ich in weißen gescheuerten Dielen einen großen, wohl schon jahrealten Oelfleck vor, der allen angewendeten Mitteln widerstand. Zuletzt versuchte ich folgende» Mittel. Der Fleck wurde mit grüner Seife bestrichen, mit Spiritus übergossen und dieser sodann angezündet. Selbstverständlich muß man sich mit den Kleidern von der Flamme fern halten. Rach dem Verlöschen wurde sofort mit der Bürste, mit weichem Wasser und Seife nachgescheuert; der Fleck war vollständig verschwunden. Petroleumflecke lassen sich ebenso entfernen. Vermischtes. Boshafter Trost. „Ach, liebe Freundin, ich bin schrecklich unruhig und mache mir alle möglichen Vorstellungen!" — „Was ist denn los?" — „Mein Mann hat heute zum ersten Male an einer großen Treibjagd thellgenommen!" — „Run, nun, er wird doch nicht gleich das erste Mal jemanden treffen!" » ♦ Pechvogel. Vorsitzender: „Angeklagter, sind Sie ver- heirathet?" - Angeklagter: ,,J' hätt' schon g'möcht, aber vor lauter Einsperr'n bin i' net dazu 'komma!" • • ♦ Rach dem Examen. Stud. juris: „Wie doch die Zeit vergeht! Schon wieder durchgefallen!" Kasernenhofblüthe.*Wachtmeister: „RekrutMüller, stellen Sie sich nicht so nahe zum Kopf Ihres Pferde», sonst frißt es Ihnen das Stroh aus den Ohren heraus!" Mißverstanden. Junge Dame: „So, und jetzt meine Herrschaften, wollen wir die Pfänder einlösen I" — Student (erschrocken aufspringend): „Unmöglich, das kann ich nicht. Heute ist ja schon der vierundzwanzigste!" Auskunftsmittel. Mutter (zu dem kleinen Max, der Morgens nicht aus dem Bett will): „Max, wer wird denn so faul sein; steh auf und schäme Dich!» - Max: „Ach, Muddt, ich kann mich ja auch im Bett schämen!" * * Ä „Ausgleich. „Herr Wirth, Sie haben uns da ein altes Kalbfleisch vorgesetzt." — „Bitte, meine Herrschaften, um Entschuldigung - essen Sie es, gefälligst als junges Ochsenfleisch!" Vergleich. Bauernjunge (lesend): „Das Schwein frißt Alles, was ihm vorgeworfen wird." — Bäuerin: „Schau, Jockele, an dem nimm Dir e' Beispiel, das isch nit so schleckig wie Du!" Wrtacti«»; Ä, scheqda, — Druck und Verlag der Brüh lachen Druckerei Lhr. Piel sch) in Eießen.