NUM AntephaLLmngsbLaLt $um Gietzenev Anzeigen (Gsneval-Anzeiaevj Dienstag, den t_^(g 'M' ®-^T Verworrene Wege. Roman von A. Nicola. (Fortsetzung.) Als die Gäste sich verabschiedet und ich Edith und Guido Gute Nacht gewünscht hatte, begab ich mich mit schwerem Herzen und schmerzendem Kopf in mein Zimmer. Guidos Klage machte mir Sorge. Wenn doch Walter da wäre und ein ernstes Wort mit Edith redete! Das war meine letzte Hoffnung. So meinen trüben Gedanken nachhängend, löste ich mein Haar auf und vermißte dabei einen kostbaren Kamm, den ich am Abend getragen hatte. Da ich ihn vergebens in meinem Zimmer suchte, schlich ich leise die Treppe hinab in den verödeten Salon. Ueberall herrschte Todtenstille, Alles hatte sich zum Schlafen zurückgezogen. Gleich an der Thür fand ich den vermißten Kamm; ich hob ihn auf und wollte mich eilends zurückziehen, als ich unter der Thüre, die zu einem kleinen Seitenzimmer führte, einen matten Lichtschein bemerkte. Der Meinung, dis Diener hätten eine Kerze aurzulöschen vergeffen, war ich eben im Begriffe, einzutreten, als der Ton von Stimmen an mein Ohr drang. Erschrocken, ohne zu überlegen, was ich that, blieb ich stehen und horchte. Bei den ersten Worten, die ich hörte, war ich starr vor Erstaunen und blickte zweifelnd durch die Tlzürspalte. Mitten im Zimmer stand der Lord, seinen Arm um Ediths schlanke Taille und mit der Rechten ihre zarten Finger umfaffend. Sie sah zu ihm auf; ihr langes Haar hing in krausen Locken auf ihre Schultern. Im Contrast zu ihrem rosafarbenen Kleide war ihr Gesicht geisterhaft bleich. Er redete ihr in leisem, zärtlichem Tone zu. „Du strafst uns Beide zu hart, Geliebte," flüsterte er leidenschaftlich. „Du willst mich nicht wiedersehen? O, Edith, das darf nicht sein, ich muß Dich wiedersehen! Ich liebe Dich zu innig. Wärst Du mir treu geblieben, so wäre Alles anders geworden!" „Um des Himmels willen, Arthur, laß mich gehen!" rief Edith mit leiser, erregter Stimme. „Wie ängstigen mich diese geheimen Zusammenkünfte. Ach, ich wäre des Todes, wenn Guido eine Ahnung davon hätte, daß ich' noch hier bin." „Aber Du liebst mich, Edith? Sage mir noch einmal, daß Du mich liebst!" drängte der Lord, indem er ihre beiden Hände hielt und sein gefährlich schönes Gesicht dem ihrigen so nahe brachte. „Du weißt, daß ich Dich liebe, Arthur," versetzte sie. „O, hätten wir einander nie gesehen! Ich liebte Dich ja schon, ehe ich Guido kennen lernte." Tiefer Schmerz zitterte durch ihre Stimme; dann einem plötzlichen Gefühle nachgebend, sagte sie bitter: „Wie konnte ich mich nur dazu entschließen, meiner ersten Liebe untreu zu werden und im flüchtigen Rausche der Leidenschaft einen Anderen heirathen!" Rach diesen Worten sah ich sie durch die entgegengesetzte Thür eilends das Zimmer verlassen. Halb von Sinnen schlich ich leise wieder die Treppe hinauf. Mir war die entsetzliche Wahrheit geworden, daß Edith und Guido infolge ihres leichtsinnigen, wankelmüthigen Wesens beiderseits unglücklich verheirathet waren und daß eine Katastrophe bevorstand, wenn nicht bald rettend ein- geschritten wurde. Am nächsten Morgen fanden Guido und ich uns allein beim Frühstück ein. , „Edith schläft sich heute aus," sagte er, „sie klagt'über heftiges Kopfweh. Ich fürchte, die späten Abendunterhaltungen bekommen ihr nicht; — aber sah sie gestern nicht wieder reizend aus?" „So reizend, Guido," entgegnete ich, „daß ich sie an Deiner Stelle aus der schädlichen Atmosphäre der Schmeichler in eine gesündere Luft bringen würde, wo sie nicht wie hier Gefahr läuft, eine oberflächliche Weltdame zu werden." Mit sorgloser Miene balancirte Guido den Kaffeelöffel auf dem Taffenrand, ohne etwas zu erwidern. „Veranlasse sie, Walter auf einige Zeit zu besuchen," fuhr ich fort. „Ich bin überzeugt, daß Ihr ihm von Herzen willkommen seid. Ich nehme es auf mich, Euch Beide in seinem Namen hiermit einzuladen." „Ich thäte es gern," entgegnete er; „ob aber auch Edith Lust dazu hat?" „Bleiben Deine Gäste länger hier im Hause?" fragte ich- „Außer Hasewood Keiner," erwiderte Guido. „Er spricht immer vom Abreisen, trifft aber keine Anstalten dazu. Ich bin wirklich begierig, wie lange er noch bleibt." „Wenn er bleibt, dann gehe ich! Beide können wir nicht hier im Hause bleiben," sagte ich in entschiedenem Tone. Da richtete sich Guido aus seiner bequemen Stellung auf und sah mich offenbar betroffen an. „Wie soll ich das verstehen?" sprach er. „Ist der Lord Dir irgendwie lästig geworden?" 566 — „Allerdings," versetzte ich, diese Idee schnell ergreifend. „Ich würde gern noch einige Zeit bei Euch bleiben, aber nur, wenn dieser Mensch geht " „Sprich, wieso hat er Dich beleidigt?" „Lassen wir die Sache ruhen," entgegnete ich „Ich bitte Dich um das Eine, gib ihm durch einen leisen Wink zu ver- stehen, daß er hier überflüssig ist." „Darf ich Deinen Namen dabei nennen?" „O nein! Es wäre mir natürlich sehr unlieb, wenn er erführe, daß ich Klage über ihn geführt habe." Als Guido uns am folgenden Morgen mittheilte, der Lord sei mit dem Frühzugs abgersist, ergoß sich eine dunkle Gluth über Ediths Züge, die ebenso schnell wieder einer plötz- lichen Blässe wich. Eine Stunde später kam sie zu mir in mein Zimmer. „Ist es wahr, Madeleine," Hub sie gähnend an, während sie sich mir gegenüber in einen Armstuhl sinken ließ; „Guido erzählt mir, der Lord habe Dir in lästiger Weise den Hof gemacht?" „Das habe ich nicht gesagt," antwortete ich ruhig, „Dein Mann hat mich mißverstanden." „Wieso?" „Hasewood hat allerdings den Hof hier gemacht, aber nicht mir," sprach ich und sah ihr dabei fest in die Augen. „Ich sage Dir, dieser Mann ist ganz unwürdig, Guidos Schwelle zu übertreten; ich an seiner Stelle hätte diesen Menschen einfach aus dem Hause geworfen." „Du drückst Dich ja sehr zart aus," versetzte Edith sarkastisch. „Vielleicht erklärst Du mir näher, weshalb Lord Hasewood Dir so unsympathisch ist und wodurch er das Unglück hatte, sich Dein allerhöchstes Mißfallen zuzuziehen?" „Erstens, weil er ein Schurke ist." „Was soll das heißen?" rief Edith erregt. „Edith I" sprach ich vorwurfsvoll. Einen Moment starrte sie mich mit ihren großen Mgen an; alle Farbe wich aus ihrem Gesicht; sie sprang auf und faßte mich krampfhaft am Arm. „Schweig' still, um Gottes willen, schweig' stillt" hauchte sie; „Madeleine, welch' wahnsinnigen Verdacht hegst Du?" „Mich kannst Du nicht täuschen, Edith," versetzte ich traurig. „Der Zufall machte mich zum Zeugen Eurer Unterredung nach dem Balle. Edith, Edith! Willst Du Deines Mannes Ehre und Deine eigene so unbarmherzig zerstören?" Flehend hob sie die Hände zu mir empor. „O, Du wirst es ihm nicht sagen!" rief sie mit heiserer Stimme. „Du wirst Guido nicht sagen, daß der Lord von Liebe zu mir sprach? Wenn Du wüßtest, wie ich es bereue!" „Ich fürchte, was Du Guido angethan, läßt sich überhaupt nicht wieder gut machen," sprach ich bitter. „Wie kannst Du so reden, Madeleine!" sagte sie mit vor Entrüstung glühenden Wangen. „Meinst Du, ich sei des Namens unwerth, den ich trage? O nein! Ich habe mich keiner anderen Sünde schuldig gemacht, als daß ich Arthurs Schwüren Gehör schenkte. Ich liebte ihn, bevor ich Guido kannte, aber — ich will diese Liebe aus meinem Herzen reißen." Sie ließ den Kopf sinken und brach in bittere Thrä- nen aus. „Wie konntest Du Guido heirathen, während Du einen Anderen liebtest?" fragte ich mit angsterfüllter Stimme. „Ich hielt ihn für tobt — es wurde mir gesagt — aber es war nicht wahr. Erst an meinem Hochzeitstage sah ich ihn wieder. Wäre er eine Stunde früher gekommen, so hätte ich Guido nie geheirathet." „Du darfst diesen Lord dennoch nie wiedersehen, versprich mir das, Edith," schloß ich. „Ich verspreche es Dir," entgegnete sie. „Ach, ich fühle mich in diesem Augenblick so stark, daß ich glaube, wenn er jetzt vor mir stände, ich könnte ihm befehlen, mir aus den Augen zu gehe». Ja, ich verspreche Dir, ihn niemals Wiedersehen zu wollen." „Gott stehe Dir in dieser schweren Zeit bei!" sagte ich, überzeugt, daß sie es in diesem Augenblicke mit ihrem Versprechen aufrichtig meinte. „Du weißt, Edith, wo Du Kraft findest, wenn Du Dich schwach fühlen solltest, denke an Deinen edlen Onkel Walter." „Und Du versprichst mir, gegen Niemand ein Wort davon zu sagen?" sragte sie zitternd. „Ja, das verspreche ich Dir." Darauf küßte sie mich zärtlich, es schien ihr eine schwere Last vom Herzen genommen.' • * ♦ Wenige Tage darauf reiste ich nach meiner Heimath zurück. Bald darauf kam Edith rosig und glänzend wie ein Sonnenstrahl, von Guido begleitet, vor meinem Häuschen an. Ich nahm ihr Hut und Mantel ab, drückte sie in den bequemen Schaukelstuhl, ihrem früheren Lieblingsplätzchen am Fenster, und machte es ihr in alter Weise behaglich. Während wir schon im lebhaften Gespräch mit einander waren, trat Guido ein. „Steh' nur, Guido, wie gut Madeleine zu mir ist!" sprach Edith. „Ist sie nicht das beste, liebste Geschöpf auf der Welt? Sage ihr nur selbst, wie gut sie ist — meine Madeleine." Da schaute er zu mir hin. Nie zuvor hatte ich den ernsten, verklärten Blick in seinem Auge gesehen, wie er in dem Moment auf mir haftete. Seine ganze Seele lag darin als Erwiderung auf ihre Worte: Bewunderung, Ehrerbietung und unaussprechliches Bedauern- Ich bewunderte meine eigene Ruhe, mit welcher ich diesem Blicke begegnete. Mein Gesicht zeigte keine Verlegenheit, au» meiner Stimme klang kein Schmerz, — denn ich empfand keinen — als ich erwiderte: „Thörichtes Kind, wie kannst Du verlangen, daß er auch nur das kleinste Wort des Lobes für mich habe, während seine Augen von Deiner eigenen kleinen Person geblendet sind?" Die Tage strichen ruhig und gleichmäßig hin. Mir schien, als verfehle das einfache Leben in unserem Städtchen und Walters beständige Gesellschaft nicht ihren guten Einfluß auf Edith» leichtfertiges Wesen. Ich gab mich der stillen Hoffnung hin, die Erinnerung an Hasewood» gefährlich schönes Gesicht schwinde aus ihrem Gedächtniß, ohne einen unauslöschlichen Eindruck in ihrem Herzen zurückzulassen. Endlich war die schöne Zeit unseres Beisammenseins wieder zu Ende. Nachdem uns Edith wieder verlassen, erschien mein Leben mir einsamer denn je, obwohl der Rector Walter Alles that, mir die Trennung so wenig als möglich fühlbar zu machen. Nach kurzer Zeit schrieb Guido mir, daß Lady Ponsonby ihn und Edith überredet habe, mit ihr nach Parts zu gehen. Wie bekümmerte mich diese Nachricht! Wie gern hätte ich geschrieben, das sollten sie nicht thun, aber was hätte ich als Grund dafür angeben können? — Darauf hörte ich lange nichts von ihnen, bis sie mir endlich ihre Rückkehr meldeten. Ungefähr vier Wochen mochten sie in Paris sein, da erhielt ich eines Nachmittags eine Depesche von Guido. Dieselbe enthielt die wenigen Worte: „Komm' sofort — ohne Zögern — sie hat mich verlassen." Ich war wie betäubt von dieser Schreckensbotschaft. — Alles Andere vergessend, raffte ich die nothwendigsten Sachen zusammen, reiste mit dem nächsten Zuge ab und war binnen wenigen Stunden in Paris. Guido kam mir im Hausflur entgegen. Ich erschrak fast bei seinem Anblick, so bleich und verstört sah er aus. Er sprach kein Wort; schweigend folgte ich ihm in das Zimmer. Hier wies er auf einen Stuhl. Al» er in die Fensternische trat, die Arme übereinanderschlug und den stolzen Kopf auf die Brust finken ließ, da brach der ganze Kummer meine» Herzens in einem unbezwinglichen Schrei hervor- „Rede, Guido, was ist zu thun?" „Was geschehen kann, ist schon geschehen," erwiderte er. „Sie hat vor zwei Tagen mit dem Lord Hasewood, mit dem wir hier gar keinen Verkehr hatten, die Stadt verlassen- Sie 567 hatten einen Vorsprung von mehreren Stunden, aber sobald ich ihre Flucht entdeckte, folgte ich in größter Eile. Doch bis zur Stunde habe ich keine Ahnung, welche Richtung sie eingeschlagen haben." AllmLhlig erfuhr ich die Einzelheiten von Ediths Flucht. Guido hatte im Zimmer seiner Frau einen Brief gefunden, den diese in der Eile zurückgelaffen. Er war vom Lord an Edith gerichtet; in offenbar erlogener, aber glaubwürdig klingender, leidenschaftlicher Weise the lte er ihr darin mit, ihre einstigen geheimen Zusammenkünfte, ihre gegenseitige Liebe, kurz Alles sei entdeckt, Guidos Zorn spotte jeder Beschreibung. Sie müsse mit ihrem Geliebten entfliehen; er werde ste an einen Ort bringen, wo ste vor der Wuth ihres Gatten sicher sei. Sie solle zu ihm kommen, schrieb er, dessen Arme off n wären, sie zu empfangen, dessen liebendes Herz so lange in banger Sehnsucht nach ihr geschlagen hätte. Und das bethörte Weib folgte seinem Rufe und verließ au» freien Stücken den Gatten. „Nur sein Tod kann mich rächen!" knirschte Guido zwischen den Zähnen. ■ '- »B&uege wohl, was Lu thust, Guido. Bedenke, daß sie Deine Frau ist, bedenke ihre Jugend, bedenke ihre Schwäche und die Versuchung. — Was gedenkst Du nun zu thun?" setzte ich nach kurzem Schweigen hinzu. „Sie ausfindig zu machen," antwortete er. „Keinen Stein will ich unberührt, keinen verborgenen Platz unentdeckt lassen, bis ich dem Elenden gegenüberstehe. Rastlos und unermüdlich wie die Nemesis will ich sein! — Möglich, daß wir Zwei uns nach dieser Stunde niemals wiedersehen — heute siehst Du mich in meinem wahren Character, wie ich bin, von einem furchtbaren Entschluß beseelt, in dessen Ausführung ich mich durch nichts hindern lassen will." Er wandte sich zum Gehen, ohne mir auch nur die Hand zu reichen; ich eilte ihm mit schnellem Schritte nach. „Guido," sprach ich, „hast Du kein Wortes Abschieds für mich? Gib mir Deine Hand " Aber er ging weiter ohne zurückzublicken. „Versuche nicht, mich weich zu stimmen," sagte er, „es ist umsonst, die Wunde, die man mir geschlagen, ist zu tief." In schmerzliches Sinnen versunken, stand ich rathlos vor dem Wirken einer furchtbaren Nemesis, welche diejenigen ereilt hatte, welche der edlen und treuen Liebe, welche die Menschen vereinigen soll, nicht gehorcht hatten, sondern flüchtiger Leidenschaft gefolgt waren. Es war an einem grauen Herbstnachmittag. Den ganzen Tag war es neblig gewesen, aber allmählig war die Sonne durch den feinen grauen Schleier durchgebrochen und ließ Die letzten Herbstblumen in ihren Strahlen erglänzen. Ich saß in meinem kleinen Wohnzimmer, hatte die Arbeit in den Schooß sinken lassen und hing meinen trüben Gedanken nach, als ich Walter durch den Garten kommen sah. Sobald er in das Zimmer trat, erkannte ich an dem Ausdruck feines Gesichts, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen fein mußte. Auf meine Frage reichte er mir einen Brief. Ich las: „Lieber Onkel, komme sofort zu mir; ich liege im Sterben und habe außer Dir Niemand, an den ich mich wenden könnte. Du bist barmherzig, Du wirst auch mir, der Verlorenen, Deine Hilfe nicht versagen. Ich fühle, meine Stunden sind gezählt. Bitte, komm' schnell. Edith." Als Adresse gab sie ein kleines Dorf im südlichen Frankreich an. Der Brief war zwei Tage zuvor geschrieben. Wir starrten einander in sprachlosem Schrecken an. „Da hat dieser Lord sie also verlassen!" stieß ich endlich hervor, „und Guido hat während dieser achtzehn Monate vergeblich nach ihnen gesucht." — „Jedenfalls; ich hoffe nur, daß Beide sich niemals treffen," sagte der Rector, „denn sonst gibt es einen Zweikampf auf Leben und Tod." Ohne lange zu überlegen, machten wir uns reisefertig und fuhren ohne Ruh und Rast, bis wir Paris erreichten. Hier hörten wir von einem großen Eisenbahnunglück das Nachts zuvor geschehen war. Der Wirth des Hotels, in dem wir abgestiegen, erzählte, daß in dem Zimmer über uns ein Deutscher liege, der bei der Katastrophe leicht verwundet worden fei. Der Rector schickte zu ihm und ließ ihm sagen, daß er, ein Landsmann, gern bereit sei, ihm irgend welchen Dienst zu leisten; ob der Kranke vielleicht Freunden oder Angehörigen Nachricht von sich zu geben wünsche. Die Antwort war, Herr von Berry sei dem Herrn sehr dankbar, doch habe er keine Wünsche, besäße auch keine Freunde, denen er Nachricht von seinem Unglücksfalle zukommen lassen möchte. Bei Guidos Namen sprangen wir Beide auf. Aber Walter hieß mich ruhig bleiben und ließ sich zu dem Kranken führen. Wie lange erschien mir die Zeit und doch war in Wirk- lichkeit kaum eine halbe Stunde verflossen, als Walter wieder bei mir eintrat. Er beruhigte mich über Guidos körperlicher Befinden und wir setzten unsere Reise fort, ohne daß ich selbst ihn sah. Unterwegs erzählte mein Begleiter mir, welchen Erfolg Guido bei seinem Suchen nach den beiden Flüchtigen gehabt hatte. Er war ihnen öfter auf die Spur gekommen, hatte sie aber immer wieder aus den Augen verloren. Eins hatte er in Erfahrung gebracht, nämlich, daß Edith den Lord schon nach vier Wochen wieder verlassen hatte; aber wohin sie sich gewendet, blieb ihm unbekannt. Noch immer setzte er ohne Ruhe und Rast seine Verfolgung fort. Da, am Tage bevor wir Guido fanden, als er im Wartezimmer einer Zwischenstation auf den Abendzug wartete, der ihn nach Pari» bringen sollte, war der so lange vergebens gesuchte Lord in da» Wartezimmer eingetreten. Einen Sprung vorwärts — und Guido hatte ihn mit eiserner Faust am Halse gepackt. „Sie werden mir Genugthuung geben," hatte er gesagt. Jener war erbleicht und hatte stotternd erwidert: „Ich bin bereit." „Auf der letzten Station vor Paris steigen wir aus," sagte Guido, „messen zwölf Fuß zwischen uns ab und drücken die Pistolen los." „Ich verstehe," hatte der Lord entgegnet. Das waren die einzigen Worte, die zwischen den Beiden gewechselt wurden. Sie verharrten in düsterem Schweigen; in Gedanken vielleicht mit ihrem verflossenen Leben, vielleicht mit dem Ausgange der furchtbaren Stunde beschäftigt, der sie sich mit jeder Secunde näherten. Plötzlich hatte der Zug einen gewaltigen Ruck bekommen, der Wagen hatte heftig geschwankt und im nächsten Moment war der Zug einen Abhang hinabgestürzt. Als Guido wieder zum Bewußtsein kam, sah er Leute mit Laternen zwischen den Tobten und Sterbenden herum- gehen. Einer derselben zog ihn unter einem zertrümmerten Wagen hervor. Sein rechter Arm hing kraftlos herab und aus einer Wunde am Kopfe strömte das Blut. Aber mit Hilfe einiger Leute schleppte er sich bis an den Wagen, der die Verwundeten aufnahm. Dabei kam er an einer Bahre vorüber, auf der ein mit Blut überströmter Körper lag. Der Schein der Laterne fiel auf das entstellte, kaum zu erkennende Gesicht, aber so schwach Guido sich auch fühlte, er blieb stehen und schaute es an — es war Lord Arthur Hasewood. Er schob den Mantel zurück, den man über den Verunglückten gebreitet hatte, er legte die Hand auf dessen Herz, um zu fühlen, ob es noch schlüge. Schaudernd zog er die Hand zurück, sie war mit Blut bedeckt und das Leben bereits aus dem Körper entflohen. Lord Hasewood war auf schreckliche Weise um'» Leben gekommen, und Guido hatte wie zerschmettert vor dem Tobten gestanden, den ein schreckliches Strafgericht ereilt hatte. Walter hatte dann Guido gesagt, daß Edith lebensgefährlich erkrankt sei; aber Guido hatte nicht» weiter von 588 - ihr wissen wollen; er hatte sich entschieden geweigert, zu ihr i m reisen oder ihr auch nur ein Wort der Verzeihung zu senden. (Schluß folgt-) | Jom Kinheizen. Nun ist die Sommerreise vorüber- Der Instruction gemäß sind nur Briefe nachgeschickt worden; Aller, was wie eine gedruckte Ankündigung aussah und die „Dreiermarke" au? der Stirn trug, ist zurückgeblieben. Aus dem stattlichen Berge, der nur einer Sichtung unterzogen wird, klingt es heraus wie eine Mahnung an die Vergänglichkeit aller Dinge: Die Holz- und Kohlenhandlungen stellen uns ihre Vorräthe zur Verfügung, sie mahnen an das Dtchterwort: In Sommertagen rüste Deinen Schlitten. Und es ist erfreulich, wie so- lide das Geschäft in Deutschland geworden. Es gibt in all diesen Anpreisungen nur beste Qualitäten- . Endlich liegen die Vorräthe in dem Keller und auf dem Boden. Ein Merkmal, ob die Hausfrau umsichtig ihres Amtes waltet: an der Thüre stehen mit Kreide gehemmiß- volle Runen, immer vier vertikale Striche mit einem Querstrich, neben einander. Die Briquetts sind nachgezählt worden. Die Briquetts! Wie leicht hat man es heute, wo die Frage, ob man sich sür Dame „Ilse" oder „Marie" ent» scheiden soll, fast die einzige ist, die beim Einfahren der Vorräthe auftaucht. Die beiden Damen gehören zu dem Geschlechte der Schwarzen, sind sauber und ansehnlich und machen fast den Eindruck von Chokoladenblocks. In der That erwecken sie in der Seele der Kleinsten dunkle Vorstellungen von etwas Süßem und so oft sie derselben ansichtig werden, strecken Sie verlangend die Hände aus: „ . . . lade". Das Feuerungsmaterial hat im Ganzen eine Wandlung durchgemacht wie dis Beleuchtungsmittel, so schnell und so radikal. Wie die letzteren von der Thranfunzel zum Rüböl, dann zum Petroleum, zum Gas und endlich zur electrischen Glühlampe fortgeschritten sind, so ist man beim Heizen vom Holz zur Kohle, zum Torf, zu den Briquetts gekommen, zu der Warmwasserheizung und der Anwendung der heißen Lust, und heute tönt sie uns halb kategorisch und kurz entgegen, die Weisung: „Heize mit Gas," wie uns ja schon seit längerer Zeit und nicht ohne Erfolg unausgesetzt unterbreitet wird „Koche mit Gas." Vielleicht kommt in großen Städten schneller als man -s meint, der Moment, in welchem man in der That nur den Hahn aufzudrehen braucht, um die von einer Central- stelle aus über die Stadt vettheilte Wärme sich nutzbar zu machen- Das wäre nicht einmal eine Neuerung fm de siede, sondern nur die practische Durchführung eines Prinzips, das düngst feststeht. In einzelnen Häusern, ja in größeren Pri- vatcomplexen hat man die ausgedehnten Centralheizungsan- iagen schon jetzt. Nur materielle Erwägungen würden für Durchführung im großen Maßstabe schließlich entscheidend sein. Wenn man heute das Wafler, das Gas, die Unter» iliung schon von Centralstellen aus bezieht, warum soll man dicht gerade so wie vom Keller in den sünften Stock auch seine Portion Wärme aus dem nächsten Vsrmittelungsamt be- - ehen. Fehlt dann nur noch die Centralernährung. Allerdings müßte das Röhrensystem dann etwas complicirter werden und auf Braten müßte man verzichten. Aber dis Verab- -eichung der Suppe ließe sich ganz gut so bewerkstelligen. Es drängt eben alles auf die Centralifation hin. Der Mensch uilbet sich ein, daß er mit jedem Tage freier und selstständiger wird, und in Wahrheit wird er immer abhängiger von dem Maschinisten, der den Keflel heizt. Wenn von den Briquettes, die einstweilen aber noch dis Herrschaft führen, als der hauptsächlichsten Feuerungsart gebrochen wurde, so ist das mit einer gewißen Einschränkung zu verstehen. Die Feuerungsart richtet sich nach dem Ofen und der Ofen im Allgemeinen nach dem Klima. Man darf sagen, jede Gegend hat den Ofen, den ihr Klima fordert, obwohl auch hier andere Gründe mit entscheidend sind. In Sachsen, Schlesien und Westfalen sprechen das gewichtigste Wort die Kohlenlager mit, die man gewissermaßen vor der Thür hat. Wo die Kohle herrscht, da dominirt der eiserne Ofen. Ich kenne den Burschen aus Amerika und bin gar nicht von ihm entzückt- Denn wenn er ununterbrochen brennt, verbreitet er eine trockene, ungesunde Wärme, deren schädliche Wirkung auch durch das verdunstende Wasier nicht völlig aufgehoben wird. Und wenn man das Feuer aus Versehen aus» zehen läßt, dann macht man die Reiss von der heißen nach )er kalten Zone ohne Uebergang in allerkürzester Frist. Dis wahre Heizung ist nicht die, welche es zu Wege bringt, daß )ie Knie braten und der Rücken vereist, wenn man sich an den Ofen setzt. Auch bei dem Heizen gab es eine gute alte Zeit. Damals war das Holz vermuthlich noch billiger als heute, die Waldungen stellten nicht ein so kostbares Gut der Nation dar. Das offene Feuer regte die Phantasie zweifelos mehr an, als der ursprünglich weiße Kachelofen, den die Keramik heute zu einem farbigen Kunstwerke mit Etagenaufsätzen, Figurenschmuck und bildnerischer Ausstattung gemacht hat. Damals war der Versammlungsort des Hauses am Winterabend von selbst gegeben. Man setzte sich im Kreise um den Kamin- Und es bedurfte kaum der lebhaften Unterhaltung. Wenn das Feuer knisterte und die Funken sprühten, dann raunte es geimniß» volle Weisen dem zu, der sie zu hören verstand. Das war der Mittelpunkt, aus dem heraus die Märchenwelt entstand. Kein Platz so geeignet, wie er, die Welt phantastisch zu bevölkern. In dem Halbdunkel des Zimmers hörten sich die Zaubergeschichten noch einmal so wonnevoll schaurig an. Sie vertragen das Gasglühlicht nicht. In der hellen Beleuchtung kann man ihnen zu sehr ins Gesicht sehen. Schon die Verdrängung des Holzscheits durch die Kohle hat diese Poesie in alle Winde gejagt. Mir wenigstens verging die Poesie, wenn ich mit ansah, wie mancher Amerikaner am offenen Kohlenfeuer sich hauptsächlich in der Kunst übte, von seinem Sitz aus eine bestimmte Kohle mit dem Ueberbleibseln seines Kautabaks zu treffen . . . (Schluß folgt.) Vermischtes. Der Sonntagsjäger im Restaurant: „Bringen Sie mir Hasenbraten!" — „Bedaure, mein Herr, Hase ist schon fort!" — „Donnerwetter — jetzt treff' ih nicht 'mal im Restaurant mehr einen Hasen!" » ♦ e Die junge Hausfrau- Bräutigam: „Die beiden Eier haben mir ganz vorzüglich gemundet, liebe Irma!" — Braut: „Ich habe sie aber auch, damit sie recht gut werden — in Fleischbrühe gekocht!" * ♦ ♦ Sicheres Zeichen. A.: „Woher wissen Sie denn, daß Müller zu Vermögen gekommen ist?" — B.: „Na, früher sagten die Leute immer, er ist verrückt, jetzt meinen sie, er ist originell." • « * Schiedsrichter: „Aber wie können Sie reicher Mann behaupten, dem Doetor Salbreich nichts schuldig zu sein und ihn nicht bezahlen zu wollen, während Sie doch zu- gestehsn, daß er die ganze Zeit Ihren gebrochenen Arm behandelt und curirt hat." — Bauer: „Na, gerade deßwegen! Ich bin doch nur deshalb zu dem Doetor Salbreich gegangen, weil an seiner Thür angeschrieben steht: Arme werden gratis behandelt." Rcdactivn: A. Schsydg. ■— Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.