Airterchaltrrngsblatt 511m Giehenev Anzeigen (Genepsl-AnZeiK-v) 1894. inrw*'.fiCl ZMWI Donnerstag, de« 4 October. Im Strome des Lebens, j Roman von Jenny Piorkowska. (Fortsetzung.) Weder Tante Aurelies Kälte, noch meiner Cousine Josephines Hochmuth und Marthas halb kindisches, halb spöttisches Benehmen ließen mich so wenig innig für die eine oder die andere empfinden, daß ich ost voll unendlicher Sehnsucht und schwerem Herzen an die schöne Zeit in Rodrgg gedachte, und ich mich wieder und wieder fragte, was wird mir in Zukunft beschieden sein? Soll ich ewig mein Leben hier ver- trauern unter diesen kalten, gleichgiltigen Menschen, die nichts von Liebe, nichts von Interesse für mich empfinden? — Tante Aurelie hielt mich noch für zu jung, um die Ge- fellfchaften zu besuchen, und da mich nichts zu denselben hinzog, fügte ich mich gern ihrem Wunsche und verbrachte die meiste Zeit des Tages oben in meinem Zimmer oder bei der kleinen Else. Meine einzige Freude war die Hoffnung, Rodegg recht bald besuchen zu können, ohne zu ahnen, daß Tante Aurelie mit allem Vorbedacht unser Wiedersehen möglichst zu verhindern suchte. Ich war noch zu jung, zu vertrauensvoll auf die Menschheit, um auch nur im Entferntesten daran zu denken, daß es kein ärgerlicher Zufall, sondern kluge Berechnung meiner Tante war, daß ich zweimal, als Rodegg kam, nicht zu Hause war. Die Kreideskizze, die er mir zum Geschenk gemacht hatte, erblickte im Hause meiner Tante nie das Tageslicht; Keiner ahnte etwas von diesem meinem Besitz und ich selbst wagte nur hin und wieder den Kofferdeckel zu heben und im Geheimen einen Blick auf mein Kleinod zu werfen. Bald aber erfüllte mich der Anblick dieses Bildes mit Groll und Bitterkeit, denn mein Freund, wie er sich einst genannt, hatte mich bald vergessen. Er kam öfter in's Haus, oft hörte ich ihn mit Josephine scherzen und lachen, aber an mich, die ich nur durch eine dünne Mauer von ihm getrennt war, dachte er nicht mehr. Das also war die Freundschaft, die er mir vor wenigen Wochen erst gelobt hatte! — Was aber verpflichtete ihn, den gereiften Mann, mir, dem Kinde gegenüber, sein Wort zu halten? '• Sein Gebühren verletzte meinen Stolz aufls Tiefste, in wildem Zorne wallte mein Blut auf. „Nicht will ich ihm meine Freundschaft aufdrängen," rief eine Stimme in meinem Innern, „er hat mir gezeigt, wie er mir gegenüber zu stehen wünscht und soll sehen, daß ich ihn verstanden habe und die mir angewiesene Stellung einzunehmen weiß." — Ich weilte seit ungefähr zwei Monaten unter Tante Aurelies Dach, als Martha eines Tages in mein Zimmer gestürmt kam. „Schnell, schnell! Mach Dich fertig!" rief sie mir ent- gegen. „Rodegg ist mit seinem Wagen da, uns zu einer Spazierfahrt nach der Burgruine abzuholen!" Freudig sprang ich auf. „Endlich, endlich soll ich ihn Wiedersehen!" jubelte es in meinem Innern, und schnell eilte ich, um Tante Aurelie zu fragen, ob die kleine Else sich auch zur Spazierfahrt anziehen lassen dürfe. Aber noch hatte ich nicht die halbe Treppe hinter mir, als ich bei den lebhaften Stimmen, die vom Corridor aus zu mir heraufdrangen, plötzlich stehen blieb. „Es sollte wirklich keine Anspielung sein," hörte ich Josephine sagen, „als ich gestern Abend davon sprach, wie gern ich wieder einmal Schlitten führe. Aber es steht Ihnen ähnlich, in Ihrer liebenswürdigen Weise so meinem Wunsche nachzukommen. Wie werden wir uns bei dem herrlichen Wetter amüsirenl" Mit meiner Freude war es vorbei! Langsam kehrte ich um und sagte Martha, sie möchte Rodegg in meinem Namen danken, aber ich könnte heute nicht mitkommen. „Ich habe Tante versprochen, die Einladungen schnell fertig zu schreiben, damit sie heute noch abgeschickt werden können," gab ich als Entschuldigungsgrund vor. Als aber der Wagen mit den frohen Gesichtern davonfuhr, mußte ich meinen ganzen Stolz zu Hilfe nehmen, um nicht in Thränen auszubrechen, indessen blieb mir nicht lange Zeit, meinem Kummer nachzuhängen. Ich hörte die kleine Else — die ebenfalls hatte zurückbleiben müssen, weil Josephine erklärte, das Kind sei nur eine unnütze Last - in dem Nebenzimmer so jämmerlich weinen daß ich ging, sie mir zu holen. Ich nahm sie auf den Schooß und erzählte ihr vom Schneewittchen und vom kleinen Däumeling, aber 0egen]^onRige ®eroo^n^eit rooate es mir doch nicht gelingen, sie für die hübschen Geschichten zu intereffiren-e enb({$ müde geweint hatte, sank ihr Köpfchen an meine Brust, aber sie schlief nicht ein, im Gegentheil: ihre Augen bekamen einen so seltsamen, ungewohnten Glanz, ihre Stirn und ihre kleinen, mageren Hände waren so fieber- heiß, daß ich angstvoll Tantes Rückkehr erwartete, damit noch zu dem Arzt geschickt werde. 462 einen Tanze folgte ein zweiter, ein dritter, und bald ward ch von dem berauschenden Strudel mit fortgeriffen. Ich bemerkte, wie Rodeggs Blicke ernst und melancholisch auf mir ruhten, aber was war mir daran gelegen? Und doch eltsam — sobald er, zeitiger als die anderen Gäste, stch verabschiedet hatte, war es mit meinem Vergnügen halb vorbei — rotzdem er kaum zehn Worte mit mir gesprochen hatte, trotz aller Aufmerksamkeit des jungen Franzosen, der fast den ganzen Abend über mein Tänzer war. Der Arzt kam, verschrieb etwas und gab Weisung, das Kindzsofort zu Bett zu bringen. VI. Zwei Tage später fand ein kleiner Ball im Hause statt; ich aber befand mich wenig in einer für derartige Festlichkeit paffenden Stimmung. Schon fuhren die ersten Wagen vor, schon sammelten stch die ersten Gäste, als ich noch immer bei der kleinen Else am Bett saß, sie in Schlas zu bringen. Tante Aurelie hatte schon wiederholt nach mir fragen lasten und endlich blieb mir nichts Übrig, äls das Kind mit einem herz- lichen Gute-Nachtkuß zu verkästen. Nach Handschuh und Fächer greifend, eilte ich die Treppe hinab; plötzlich aber höre ich meinen Namen rufen, und wie ich mich umwende, steht Else oben an der Treppe in ihrem langen, weißen Nachtkleid und bittet mich in flehendem Tone, ich solle doch bei ihr bleiben. Rasch eilte ich die Treppe wieder hinauf. „Aber, Else, Du weißt, Mama wird böse, wenn ich nicht komme; Du wirst doch nicht wollen, daß ich gescholten werde. Komm', sei lieb, ich schicke Dir Anna, daß sie Dir recht schöne Geschichten erzähle." Eine Minute lehnte sie ihre fieberheiße Wange gegen die meine, dann ging sie beruhigt wieder in ihr Zimmer. Als ich mich von meiner gebückten Stellung erhob, fiel mein Blick auf das Zimmer, das für diesen Abend zur Herren-Garderobe diente. Zwei Herren standen auf der Schwelle und waren offenbar Zeugen der kleinen Scene gewesen. Des Einen Gesicht war mir völlig fremd, der Andere aber kam mit aus- gestreckter Hand lächelnd auf mich zu. Verlegen legte ich meine Hand in dis seine, und mit der Erklärung, ich müffe die Jungfer rufen, lief ich davon, ohne ihm Zeit zu einem weiteren Worts zu lasten. Als ich die Gesellschaftsräume betrat, wirkten die Musik, der helle Lichterglanz, der Blumenduft, die eleganten Toiletten — dies Alles zusammen so berauschend auf meine Sinne, daß ich mir vorkam, als wäre ich in dem Märchenwald, von dem ich in meiner Jugend so oft geträumt hatte. Allmälig aber schwank der Zauber und die Wirklichkeit machte sich geltend, rings um mich sah ich heitere, frohe Menschen, aber ich selbst hatte keinen Theil daran; Alles lachte, plauderte und scherzte, um mich aber kümmerte stch Niemand. „Amüstre Dich," hatte Tante Aurelie gesagt, „Du bist ja hier zu Hause." . , t . Ja, ich war hier zu Hause, aber wie fremd waren mir Alle und Alles I , L 1X So verging wohl eine Stunde, während welcher ich — außer, daß mal Jemand hin und wieder ein gleichgiltiges Wort an mich richtete - meist Zuschauerin blieb. Dann schlich ich mich wieder fort, um nach der kleinen Else zu sehen. Ruhig lag sie jetzt in ihrem Bettchen, aber noch immer mit fieberheißen Backen. Ich blieb noch eine Weile bei ihr sitzen, bis sie in einen leichten Schlaf verfiel, dann kehrte ich zu der Gesellschaft zurück. Unten am Fuße der Treppe stand Rodegg. „Schläft die kleine Else nun?" fragte er, indem er mir den Arm reichte. , „Ja, aber ich habe Sorge um das Kind, es hat Fieber und ist. . ." Ah, finde ich Sie endlich I" erklang da die Stimme von Hugo Schermat, einem Vetter von Josephine und einem treuen Begleiter derselben, der ihr als galanter Cavalier aber nur aut genug war, wenn es ihr gerade an einem willkommeneren gebrach. „Erlauben Sie, daß ich Ihnen Herrn Blanchard vorstelle." Der Name und der etwas fremde Accent verriethen mir sofort, daß dies der junge Franzose war, von dem Josephine und Martha schon so viel gesprochen hatten: der so schön war, so reizend tanzte, so liebenswürdig zu unterhalten wußte, wie kein Anderer rc. — Und sie hatten Recht; ein einziges Mal mit ihm den Saal hinabwalzen, genügte, um mir den rechten Geschmack für ein derartiges Vergnügen zu geben. Diesem Die Gesellschaft war zu Ende; ich hatte Gute Nacht gesagt und mich in mein Zimmer zurückgezogen. Aber zu Bett zehen und schlafen war zweierlei — wild stürmten die Gedanken an dem heutigen Abend auf mich ein, voll Stolz und Freude gedachte ich an Blanchard, aber wie eine kalte Hand egte es sich um mein Herz, als ich mir Rodegg und Josephine in’« Gedächtniß zurückrief; wie munter konnte er mit ihr scherzen, lachen und plaudern, während er für mich nur immer so viel Zeit hatte, als der Anstand wohl erforderte. — Die nächsten Tage brachten mir zwei Einladungen; nach- ,em ich einmal von dem berauschenden Kelch der Vergnügungen gekostet hatte, dachte ich nicht mehr daran, mich wieder in die enge Klause zurückzuziehen. Das Souper bei Frau von N. nahm einen ähnlichen Verlauf, wie der Gesellschaftsabend bei uns, nur daß ich Herrn Blanchards Liebenswürdigkeiten ein noch willigeres Ohr lieh, als ich sah, daß Josephine Rodegg immer mehr zu fesseln wußte. Auf eine zweite Einladung aber verzichtete ich noch im letzten Augenblicke. Ich fand die kleine Else so krank, so fieberhaft erregt, daß ich es nicht über mich zu bringen ver- mochte, mich unter lustigen Menschen zu amüsiren, während ich sie daheim so traurig wußte. Tante Aurelie kräuselte zwar verächtlich die Lippen über meine übertriebene Besorg- niß, wie sie meinte, indeß schien es ihr nicht unlieb zu sein, mich nicht mit unter ihren Schutz nehmen zu müffen. Noch heute bin ich dem Himmel, ach, wie dankbar, daß ich, während der Wagen mit Tante und Cousinen in glänzenden Toiletten davonrollte, mich zu der Kranken setzte und ihr erzählte, bis ihr dis Augen endlich zufielen und sie in einen leichten Schlaf versank — es war ihr letzter, aus dem sie nicht wieder erwachen sollte. Das Fieber steigerte sich derart, daß ich auf eigene Verantwortung nach dem Arzt schickte — er zuckte die Achseln. Hier war nicht« mehr zu thun, eine Stunde später hauchte die Kleine ihren letzten Athemzug in meinen Armen aus. VII. Monate waren vergangen, der Sommer nahte und wieder und wieder fragte ich mich: „Wird Rodegg seines Versprechens eingedenk sein?" „ , Ich wußte, daß ich mir durch mein kühles, zurückhaltendes Benehmen seine Freundschaft verscherzt hatte; auch er war inzwischen ein Anderer geworden, doch trotz allerhand Befürchtungen, daß mir die Erlaubniß dazu versagt würde, hoffte ich zuversichtlich auf eine Einladung von ihm und ich hatte mich nicht getäuscht. Eines Morgens traf ein längerer Brief von Rodegg an Tante Aurelie ein. Er sei — schrieb er — länger als er Anfangs geglaubt hatte, auf feiner Besitzung zurückgehalten, werde sie auch während der nächsten Wochen noch nicht ver- laffen können und würde stch unsagbar freuen, wenn Tante Aurelie und ihre Angehörigen ihm auf einige Zeit die Ehre ihres Besuches schenken wollten. Wir möchten — schrieb er — doch noch einige Gäste mitbringen, Vetter Hugo natürlich, vielleicht Hauptmann Röslin und wen wir sonst noch gern hätten, damit es einmal heiter und munter in seinem düsteren alten Hause herginge und wir nicht zu bald Sehnsucht hätten, heimzukehren. Die Einladung wurde von Josephine mit halb verlegener Freude, von Martha mit lautem Jubel empfangen. Und rch> „So also," dachte ich, „entledigt er sich seine« mir ge- — iä8 —= ßebenen Versprechens, indem er auf diese Weise seinem eigenen Wunsche willfahrt!" Mit meiner Freude war es halb vorbei. Nun wurde eifrig hin und her berathen, wer zu dem Besuch nach Rodegg eingeladen werben sollte. „Fräulein Mornau würden wir mit der Einladung glücklich machen; aber Hauptmann Röslin? Der ist so laut und wenig angenehm; nehmen wir statt seiner lieber Blanchard mit," entschied Josephine mit halb spöttischem, halb lächelndem Blick zu mir hin; „und Vetter Hugo natürlich auch." Acht Tage später, an einem herrlichen klaren Juni- Abende, langten wir in ***dorf an, wo wir von Rodegg erwartet wurden. Blanchard mit meinem Handgepäck und ich waren die letzten, die aus dem Coupee stiegen, und mir wollte scheinen, daß bei Blanchards Anblick ein leichter Schatten über Rodeggs Stirn glitt; jedenfalls aber überwand er schnell wieder den kleinen Unmuth und hieß auch Blanchard herzlich willkommen. Drei Wagen standen bereit, uns aufzunehmen. In dem ersten hatten Tante Aurelie und Fräulein Mornau schon Platz genommen, in den zweiten stiegen Vetter Hugo und Josephine, während der dritte offene Wagen noch seiner Jnsaflen harrte. „Sie sind wohl so gut und nehmen Ihre Nichte mit in den geschlossenen Wagen? Sie sieht so angegriffen aus, daß ihr die feuchte Abendluft sicherlich nicht gut ist." „O, bitte, nein! Lassen Sie mich hier in dem offenen Wagen fahren!" rief ich hastig. „Diese geschlossenen Wagen verursachen mir immer Kopfschmerzen." „Die Luft ist heute Abend ja auch so mild und still," bemerkte Blanchard; da von Rodeggs Seite kein weiterer Einwurf erfolgte, stieg ich schnell in den letzten Wagen. Martha folgte mir, dann sprang Blanchard auf, nahm dem alten Thomas die Zügel aus der Hand, und fort rollten die Wagen, während Rodegg sich in den Sattel schwang und uns schnell nachkam. Die ohnehin schon lange Fahrt vom Bahnhof bis zum Schloß wurde uns noch durch einen kleinen Unfall verlängert. Wir hatten höchstens die Hälfte des Weges zurückgelegt, als Blanchard plötzlich bemerkte, daß das eine Rav locker war. Glücklicherweise befanden wir uns in der Nähe einer Schmiede, als aber der Schmied erklärte, es werde eine kleine Weile dauern, bis der Schaden wieder hergestellt sei, schlug Rodegg vor, daß Martha und ich in den andern Wagen einsteigen sollten. Ich aber erklärte trotz Rodeggs wiederholter Aufforderung, ich wolle lieber warten- So blieben wir zwei allein. Doch hatten sich eine Anzahl Leute, die vom Felde hereingekommen waren, versammelt und umstanden den Wagen, der eilends reparirt wurde. Wenige Minuten später kam ein fremdes Fuhrwerk heran; ein Herr sah aus dem Innern des Wagens und rief seinem Kutscher zu: „Was ist hier, Friedrich? Ist ein Unglück geschehen?" „Schon wieder dieser mir verhaßte Doclorl" dachte ich beim Tone dieser Stimme, indem ich seinen Gruß sehr kühl und steif erwiderte. Aber ohne sich dadurch abschrecken zu lassen, stieg er aus und kam auf uns zu. Kaum jedoch hatte er meinen Begleiter erblickt, als er in freudiger Ueberraschung ausrief: „Wie, Victor Blanchard? Wie in aller Welt kommen denn Sie hierher?" Es entging mir nicht, wie dieser leicht zusammenzuckte und die Farbe wechselnd, aber schnell sich wieder fassend, entgegnete er: „Nicht minder verwundert, Sie hier zu sehen, möchte ich eine gleiche Frage an Sie richten " Aus dem Tone seiner Stimme klang deutlich hervor, daß ihm das Begegniß im höchsten Grade fatal war, aber ohne sich dadurch beirren zu lassen, fuhr Doclor Feudler fort: »Mein Hiersein ist schnell erklärt. Als wir vor einem Jahrs m der Residenz von einander schieden, ging . . ." »Erzählen Sie mir da» nachher," fiel Blanchard ihm - schnell in's Wort. „Jetzt muß ich gehen und nach unserem Pferde sehen." Damit eilte er schnell nach der Schmiede, aber Doctor Feudler folgte ihm und zog vertraulich Blanchards Arm durch den f einigen; und während das Pferd wieder vorgespannt wurde, waren sie in lebhafter Unterhaltung begriffen oder vielmehr, der Doctor sprach und der Andere hörte ihm mit schlechtverhohlenem Aerger zu; und als er wieder neben mir im Wagen Platz nahm, lag auf seinen Zügen deutlich Zorn und Aerger ausgedrückt. Da er aber nichts weiter über dies Begegniß sagte, so schwieg auch ich und bald war er wieder in seiner gewohnten heiteren Stimmung. Eine halbe Stunde später trafen wir aus dem Schlosse ein. Es freute sich wohl Niemand mehr über mein Kommen, als Lisette. Sie nahm mich gleich in Beschlag und führte mich in mein Zimmer, auf das Niemand anders Anfpruch hatte als ich, wie sie meinte- „Sonderbar," bemerkte sie, während sie mir beim Auspacken behilflich war, — „wie das Gesicht des jungen Franzosen mir bekannt vorkommt und doch sagen Sie, er sei das erste Mal hier in dieser Gegend?" „Eine schwache Aehnlichkeit mit irgend Jemand wird Sie täuschen," versetzte ich leichthin, im Stillenaber doch fast peinlich von ihren Worten berührt, da ich im ersten Augenblick, als Blanchard mir vorgestellt wurde, einen gleichen Eindruck gehabt hatte. Als ich am nächsten Morgen mein Zimmer verließ, war es noch ganz still im Hause. Ich steckte den Kopf in das Frühstückszimmer, da aber noch keiner der Gesellschast wach zu sein schien, beschloß ich, einen Gang durch den Garten zu machen; doch gerade als ich über den Corridor schritt, kam Victor die Treppe herab. Hastig kam er auf mich zu, ergriff meine Hand und war eben im Begriff, einen Kuß darauf zu drücken, als die Thür zu Rodeggs Arbeitszimmer sich aufthat und sein Besitzer heraustrat. Victor unterbrach in offenbarer Verlegenheit seinen galanten französischen Morgengruß, während mein Gesicht — das fühlte ich — sich dunkelroth färbte. Rodegg aber schien davon nichts zu bemerken, in seiner gewohnten ruhigen, höflichen Weise bot er uns einen guten Morgen und drückte feine Verwunderung darüber aus, uns schon so früh unten zu finden. VIII. Gleich die ersten zwei Tage wurden zu Partien benutzt, an denen aber ich wenigstens kein rechtes Vergnügen hatte. Wenn ich Vergleiche anstellte zwischen meinem ersten Hierfein und jetzt, da verließ mich aller Frohsinn. Rodegg hatte nur Interesse für Josephine, während er für mich glaubte, genug gethan zu haben, wenn er mir Blanchards Gesellschaft sicherte. Am dritten Tage aber, als beim Frühstück ein weiter Ausflug für den ganzen Tag projectirt wurde, war ich dieser Art Vergnügungen so überdrüssig, daß ich, Kopfschmerzen vor- schützend, es vorzog, zu Hause zu bleiben. Gern freilich hätte ich meinen Entschluß geändert, als int letzten Augenblick auch Victor zurückblieb, um mir, wie er sagte, Gesellschaft zu leisten, damit ich mich nicht gar so einsam fühle. Darin aber hatte er sich getäuscht. Bis Mittag blieb ich auf meinem Zimmer, dann suchte ich Frau Altener auf und half ihr wie einst bei ihren Berechnungen, die ihr, wie ich von früher her wußte, oft recht sauer wurden. Endlich kündete das Rollen der Wagen die Rückkehr der Anderen an, und fünf Minuten später trat Rodegg bei uns wieder ein. „Sie werden gewünscht, Frau Altener," sprach er zu dieser; „Fräulein Josephine hat sich den Fuß verstaucht; Sie sind wohl so gut und bringen ihr etwas Leinwand und auch Arnika." „Warum kamen Sie heute früh nicht mit?" wandte er sich darauf zu mir, nachdem Jene das Zimmer verlassen hatte. * „Weil ich nicht wollte," war meine trotzig gegebene Antwort. 464 Einfaches Mittel, um Schuhwerk wasserdicht zu machen. Da es im Herbste und Winter für die Ge- sundheit sehr wichtig ist, wasserdichte» Schuhwerk zu besitzen, so sei zur Herstellung desselben solgendes einfache Mittel empfohlen: Man lege die Schuhe oder Stiefeln etwa eine Stunde lang in dickes Seifenwasser. Die im Leder befind- liche Gerbsäure verwandelt das Seifenwafler in Fettsäure, und diese läßt das Eindringen von Feuchtigkeit durch das Leder nicht zu. Das ist kein Grund - Sie hätten mitkomme sollen, . man, salls erforderlich, noch etwas Salz nach Bedarf hinzu, - «. E «ffW i» ®e* • LÄ , Ah, finde ich meine Nichte endlich hier?» erklang da , fleisch legt man in das Gemüse, wenn diese» fertig ist. Tante Aurelies milde Stimme, die mich wie ein feines Gift ‘ durchdrang; „nun, hast Du Deinen kindischen Eigensinn end- lief) bereut „Bitte, Tante, erspare mir derartige Vorwürfe in Gegenwart eines Fremden," fiel ich ihr scharf in's Wort. „Rodegg ist kein Fremder." „Dir vielleicht nicht — aber mir," entgegnete ich. (Fortsetzung folgt.) GsineiirnrWges. Wer im nächsten Jahre frühzeitig Kohl (Kraut) ernten will, sollte nicht versäumen, solchen sofort auszusäen, die Pflanzen im Herbst auf Gartenbeete zu pflänzen, und sie hier im Freien überwintern zu lssien. Man pflanze sie hierbei so tief, daß das halbe „Herz der Pflanze mit in die Erde kommt; die Pflanzen widerstehen der Kälte bester. Man kann die Pflanzen im Herbste auch in einen Mistbeetkasten setzen, etwas Laub darüber decken und sie erst im Frühjahre in den Garten pflanzen. Von solcher Aussaat kann man zuweilen schon um Johanni vollständig ausgebildete Köpfe ernten. * , Soll Wirsing eingemacht werden, so wüsten die äußeren, grünen, harten Blätter, welche die zarten Herzen umgeben, entfernt werden. Die Köpfe fchneidet man in der Mitte durch, bringt sie fünf Minuten in kochendes Master, trocknet sie nach dem Herausnehmen ab, bestreut sie mit Salz und legt sie in Steintöpfe. * Die Kultur der Wiuter-Endivien in Töpfen. Wer hohe Erträge aus seiner Gärtnerei erzielen will, cultivrrt die Endivien in Töpfen in guter, nahrhafter Erde und stellt die Töpfe im Spätherbst und im Winter in einen Keller, Glashaus oder bergt. Raume auf einer Stellage auf. So behandelt, gehen die Endivien nicht in Fäulniß über und halten sich äußerst lange. Ein Endivienkopf wird im Winter ost mit 50 Pfg. bezahlt. - Verdient Nachahmung! Cinerarie«, Primel uud Winterastern, wie alle diejenigen Pflanzen, welche jetzt wachsen, oder ihre Blüthen entwickeln sollen, können noch Morgens mit Dungwaster be- gossen werden, alle andern aber nicht. Die Kakteen, die fast gar nicht mehr zu begießen sind, kommen an einen Hellen, halbwarmen, trocknen Ort. * * * Wallnüffe ein Jahr lang gut zu erhalten. Man laste sie, ohne die grünen Schalen abzunehmen, einzeln ausgebreitet vier bi» sechs Wochen abtrocknen, lege sie dann in Weizenspreu oder in trocknen Sand oder in Salz und bringe sie an einen kühlen Ort. Eicheln, im Herbste gesammelt, int Ofen geröstet, zu Mehl gemahlen und dem übrigen Futter in kleineren Mengen beigemischt, find gutes Hühnerfutter. Bohnengemüse. Möglichst zarte grüne Bohnen werden abgezogen, gewaschen und in etwa 5 Centirneter lange und auch kleinere Stücke gebrochen. Dann thut man sie mit geschälten und in Stücke geschnittenen Kartoffeln und etwas sogenannten Bohnenkraut (auch Pfefferkraut genannt) in einen Topf, gießt Hammelbouillon durch einen Seiher darauf, daß sie darübersteht und kocht das Gemüse weich. Zuletzt fstgt Vermischtes. Der Helle Sachse. Ein gemüthlicher Sachse tritt als Vergnügungsreisender in ein Hotel in Berlin ein: „Härnse 'mal , mei' gutester Herr Obergellner, ich möchte nämlich die Nacht die Ehre haben, in Ihrem Hotel zu schlafen." — Oberkellner: „Mit Vergnügen, mein Herr; Sie wünschen doch jedenfalls erste oder zweite Etage vornheräus zu wohnen, die Aussicht ist ganz großartig!" - „Na, wiffen Sie!, mei’ gu- testes Herrchen, wenn's hintenaus billiger ist, da möchte ich nun schon ganz gehorsamst bitten, mich dort einzuguartieren, denn in Sachsen Ham se eene recht alberne Angewohnheit. — Oberkellner: „So! so! Sie find doch nicht etwa nerven- l leidend?" — Sachse: „Ach nee, mei Verehrtester, dar ist's nu gerade nich; aber wiffen Se, mir Sachsen haben nämlich merschtenteels alle beim Schlafen die Dogen zu und da nützt uns doch die scheene Aussicht nich viel." ♦ Weit ausgeholt. Vertheidiger (fein Plaidoyer beginnend): „Als die Schlacht im Teutoburger Wald geschlagen wurde — Präsident: „Aber ich begreife nicht, Herr Doctor, wozu das . . . ? " — Vertheidiger (fortfahrend): ,Da ahnte wohl Niemand, daß ich meinen Klienten heute wegen Diebstahl» zu vertheidigen haben würde!" ♦ Höhere Weisheit. Reiter: „Komme ich auf diesem Wege in das Dorf......?" — „Nee, mei lutestes Herrchen; da hätten Se muffen den Seitenweg neinreiten." — Reiter: „Da muß ich also rückwärts reiten?" — „Nu, das eegentlich nich; Se bärfett nut’« Pferd rumdrehen, da können Se immer wieder vorwärt» reiten." ♦ ♦ ♦ DerMond unentbehrlicher. Man fragte Jemanden, was ihm für die Menschen unentbehrlicher erscheine, der Mond oder die Sonne. „Natürlich der Mond", antwortete er, „denn bei Tag ist e« doch schon ohnehin hell." • Ersatz. Fräulein: „Ich fürchte mich fast, diesen hohen Berg zu besteigen. Ein Esel wäre hier sehr nothwendig. — Herr (galant): „Stützen Sie sich auf mich, schönes Fräulein, und der Esel ist ersetzt." * ♦ Rafsinirter Bescheid. Großmama: „Sag’Fritzchen, wenn ich einmal tobt bin, wirst Du auch häufig mein ,Grab besuchen?" — Fritzchen: „Gewiß, Großmama, aber ein Apfel-, Pflaumen« ober ein Kirschbaum muß darauf stehen." Thierschutz. Gattin: *Warf, Eduard, ich werde Dir heut’ zum ersten Male ein kürzlich eingeübtes Lied Vorsingen- — Gatte: „Du mir etwas Vorsingen? Na, dann will ich erst den Papagei hinaustragen ; Du weißt jdoch, daß ich Mitglted de» Thierschutzvereine» bin." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Berlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ghr. Pietsch) in Gießen,