AnLerchaltttirgsblatt zrrin GLetzenev Anzeigen (Geneval-Anzergev) Nr. 103. , M ■i if "1 Dienstag, den 4. September. In den Fesseln der Schuld. Criminal-Novelle von C. Sturm. ------- (Nachdruck verboten.) In der freundlich gelegenen Westvorstadt der Residenz lag, umgeben von einem großen, prächtigen Garten, die Villa des Bankdirectors Pohlmann. Derselbe galt als ein reicher Mann, denn als langjähriger Director der Central-Commerzbank hatte er ein hohes Einkommen, zudem entstammte er einer wohlhabenden Familie und seine Frau hatte ihm auch Vermögen zugebracht. In der Villa Pohlmanns beging man heute, an einem schönen Lenztage, den Geburtstag der einzigen, nun achtzehn Jahre alten Tochter Carola. Da das blühende junge Mädchen bereits eine Rolle in den vornehmen Kreisen spielte und auch schon einige Freier besaß, so wurde ihr Geburtstag durch ein Festmahl, dem ein Ball folgen sollte, gefeiert. Zahlreiche Geschenke und herrliche Blumenspenden, welche in dem Prunkzimmer neben dem Speisesaal aufgestellt waren, zeugten von der Liebe und Verehrung, welche Carola Pohl- mann im Kreise ihrer Verwandten und Freunde genoß. Vor Glück strahlend, nahm das junge Mädchen nochmals die Glückwünsche der ankommenden Gäste entgegen und zeigte denselben die reizenden Geschenke. Darauf trat Carola in ein Nebenzimmer, wo sich während einer Festlichkeit im Hause die Familienmitglieder zu treffen pflegten. Hocherfreut über das schöne Geburtstagsfest und das Glück der Tochter, trat jetzt Frau Director Pohlmann, eine noch hübsche Dame, ungefähr Mitte der vierziger Jahre, zu derselben, strich ihr liebkosend über das blonde Haar und meinte scherzend: „Werden wir auch heute Raum genug haben sür unsere Gäste, Carola?" „O gewiß, liebe Mutter," entgegnete das junge Mädchen, „denn die meisten sind ja schon da und die Zimmer sind noch lange nicht überfüllt." „Es gibt noch Platz genug im Hause, beste Mutter," erklärte jetzt auch der zu den Damen tretende Bruder Carolas, der Referendar Ernst Pohlmann, denn die Ehe des Bank- directorr war außer mit der erwähnten Tochter noch mit einem Sohne gesegnet. «Ich freue mich sehr auf das heutige Fest," fuhr dann der junge Referendar fort, „denn es fanden sich recht zahlreiche liebe Gäste zusammen, und es wird gewiß auch Allen bei uns gefallen. Wie hübsch Du auch in diesem einfachen, weißen Mullkleide aussiehst!" schmeichelte der Bruder der Schwester. I „Es ist wirklich sehr feinfühlend von Dir, daß Du heute, wenn auch als Tochter des Hauses und gefeiertes Geburtstagskind, nicht in glänzender Seidenrobe erscheinst, denn es macht stets einen guten Eindruck, wenn man bei einem Feste im eigenen Hause eine einfache Toilette wählt. Was mich anbetrifft, so mag ich die übermäßig prunkenden Kleider überhaupt nicht leiden und viele meiner Freunde, zumal Professor Galen, urtheilen ebenso, und auf dessen Urtheil soll man doch einiges Gewicht legen." „Wird Professor Galen, Dein neuer Freund, heute auch wirklich kommen?" frug die Mutter des jungen Mannes. „Das ist ganz selbstverständlich, daß er, kommt, denn Professor Galen ist gewohnt, sein Wort zu halten." „Wir sind Alle sehr darauf gespannt, den Herrn Professor kennen zu lernen," bemerkte jetzt Carola, „denn Du hast uns so viel Schönes von ihm erzählt, daß er uns als so eine Art Jdealmensch erscheint, mindestens besser und edler als tausend andere Männer." „Ich hoffe, daß die Erwartungen, die ich in Euch in Bezug auf Professor Galen erweckt, nicht enttäuscht werden," entgegnete der Referendar, „aber ich werde ihn jetzt nicht mehr loben, denn er kann jeden Augenblick ankommen und dann könnt Ihr ja selbst urtheilen." „Endlich finde ich Euch und gleich alle drei zusammen," rief jetzt der ebenfalls in das Zimmer tretende Hausherr. — „Auf, meine Kinder, eilt in die Salons und überlaßt es mir nicht allein, die Honneurs zu machen." „Gleich, gleich, Vater!" erwiderte Ernst Pohlmann und eilte davon. „Dich, mein Kind, sehe ich erst jetzt in Gesellschaftstoilette," bemerkte dann der' Bankdirector lächelnd zu seiner Tochter. „Siehst ganz hübsch, ganz niedlich aus, Carola, aber im Grunde genommen bist Du doch zu einfach, zu bescheiden gekleidet. Willst Du denn hier im Hause das Aschenbrödel spielen? Das paßt sich nicht für Dich und nicht für uns, denn die Leute wissen, daß ich ein reicher Mann bin und wir müssen auch repräsentiren." Carolas hübsches Gesicht wurde bei diesem Vorwurfe roth und in ihren bisher so glücklich strahlenden Augen wurde ein düsterer Schatten bemerkbar, während ihre Lippen schmerzlich zuckten. „Richt doch, Papa," begann jetzt abwehrend und besänftigend die Frau Director, welche ihren Gatten den Kindern gegenüber noch Papa nannte. „Carola weiß sehr wohl ihre seidenen Kleider zu schätzen und zu tragen, wo es am Platze ist, aber heute, an ihrem Geburtstags und als Tochter des 410 zur Tafel führte und mit ihr so geistvoll und so herzlich plan- bette, als wäre Fräulein Pohlmann bereits feine beste Freun« dtn und er ihr nicht vor einer halben Stunde erst vorgestellt worden. Aber es konnte ja auch nicht anders fein, als daß Pro- fessor Galen, der Freund des Referendars Ernst Pohlmann, bei feinem ersten Eintreten in das Haus des Bankdirectors der Tochter desselben zunächst seine Huldigungen und seine ganze bezaubernde Liebenswürdigkeit zuwandte. Nach der Beendigung der Tafel und während des dann folgenden Balles würde dieser neue Stern in der Herrenwelt, als welchen man Professor Galen bereits ansah, sich wohl auch dazu veranlaßt sehen, seine Strahlen weiter zu verbreiten und noch andere Bekanntschaften zu machen. Aber diese Berechnung vieler Damen und Herren trog fast gänzlich, denn Professor Galen wich auch nach der Aufhebung der Tafel lange Zeit nicht von der Seite Carolas, er tanzte nicht nur Polonaise, sondern auch Walzer und Contre mit ihr und war auch in den Pausen bemüht, die junge Dame zu unterhalten. Natürlich sahen dies auch die Eltern Carolas sehr gern, denn ein so bedeutender und in so glänzenden Verhältnissen lebender Mann wie Professor Galen mußte auch in anspruch- vollen Familien ein beliebter Freier sein. Des Bankdirectors Augen glänzten vor heller Freude, wie er den Professor so unzertrennlich an der Tochter Seite sah, und Frau Director Pohlmann erkannte mit dem Scharfblick der erfahrenen Mutter, daß bereits bei dieser ersten Begegnung die Liebe in das Herz Carolas, wie auch in dasjenige Galens ihren siegreichen Einzug gehalten hatte und sie betete still zu Gott, daß er das hohe und unerwartete Glück der geliebten Tochter vollenden möge. ’ Am meisten triumphirte, wenn auch im Stillen, Ernst Pohlmann, denn er war es ja, der den Professor Galen feinen Freund nannte und der ihn in das Elternhaus eingeführt hatte. Ihm wurde deshalb auch von Vater und Mutter und ganz besonders von Carola herzlicher Dank zu Thetl, daß er es verstanden, den Professor für das Fest und vielleicht für eine Freundschaft für das ganze Leben zu gewinnen. Und Ernst war naturgemäß auch derjenige, dem sich der Professor zuerst offenbarte, als er mit diesem später in einer stillen Nische des Saales stand und dem Tanze zuschaute. „Lieber Freund," flüsterte Galen dem Referendar leise in's Ohr, „ich muß Ihnen ein Geständniß machen. Ich bin heute Abend im Begriff, mein Herz an Ihre Schwester zu verlieren und ich sehe keinen anderen Ausweg, al» daß ich entweder muthig um Fräulein Carola freie oder, falls dieses Vorhaben nicht den Beifall Ihrer Eltern finden sollte, daß ich resignirt verzichte und sobald als möglich mich entferne." „O, mein verehrter Freund, denken Sie doch nicht an letztere Möglichkeit I" antwortete Ernst Pohlmann freudig bewegt und reichte dem Professor die Hand. „Ihre Werbung ist doch eine große Ehre für uns und zumal auch für meine Schwester, und wenn dieselbe Ihre Liebe erwidert, was mir so gut als sicher erscheint, so kann Ihre Werbung nur von Erfolg begleitet sein. Ich bitte Sie freundlich, morgen meinen Eltern einen Besuch zu machen, ich werde dieselben wie auch meine Schwester darauf vorbereiten." „Meinen herzlichsten Dankl" entgegnete der Professor freudig, und mit Wärme fuhr er fort: „O, welche glückliche Fügung für mich, eines lieben Freundes Schwester freien zu können! Schon seit Jahren sehne ich mich nach einem eigenen Heim und Haus, und nun soll der Wunsch mir so rasch und so schön erfüllt werden. Mein Herz und mein Verstand sagen mir, daß ich die Rechte gefunden und daß ich mich nicht täusche, denn Carola und ich, wir liebten uns schon bei dem ersten Anblick. Und dies ist ja die schönste, die vollkommen^ Liebe, wie Dichter singen und sagenI" Mit erregtem, von aufblühendem Glücke strahlendem Antlitze stand Galen vor dem Freunde, und dieser sagte leise: „Ihr Verlöbniß mit meiner Schwester, Herr Professor, würde auch für mich eine große Herzensfreude sein, denn einen lieberen Hauses, will sie nicht durch die Toilette glänzen, da steht ihr Bescheidenheit und Zurückhaltung besser." „Nun, meinetwegen sollt Ihr heute Recht haben," brummte der Bankdirector, „und ich will Dich nicht kränken, Carola. Komm', gib mir Deinen Arm, jetzt führe ich Dich in den Saal und Du zeigst wieder ein freundliches Gesicht." Wie ein Sonnenstrahl glänzte es jetzt wieder auf dem Antlitze Carolas, als sie am Arme ihres Vaters das Zimmer verlassen wollte. Aber da trat ihnen plötzlich Ernst an der Seite eines hohen, stattlichen Mannes von ungemein imponiren- bem Aussehen entgegen, unb Vater und Tochter wendeten sich zur Mutter zurück, um mit dieser gemeinsam den neuen Gast zu empfangen. „Herr Professor Galen — meine Mutter, meine Schwester Carola und mein Vater!" Mit diesen Worten stellte Ernst Pohlmann den Eintretenden vor, der sich verbindlich verbeugte und dann freudig in die dargebotene Hand des Bankvirectors schlug, während er den Damen ehrerbietig die Hand küßte. „Wir begrüßen Sie in unserem Hause mit ganz besonderer Freude, Herr Professor," begann Director Pohlmann, „sind Sie doch nicht nur ein berühmter Vertreter der Kunst und Wissenschaft, sondern auch ein verehrter Freund meines Sohnes." „O, die Ehre ist ganz auf meiner Seite, wenn ich Ihrer freundlichen Einladung folgte und heute an Ihrem Feste theil- nehme, welches dem Geburtstage der Tochter des Hauses gilt," erwiderte Professor Galen- „Gestatten Sie, verehrtes Fräulein, daß auch ich Ihnen noch meine Glückwünsche darbringe, zwar etwas verspätet, aber vom Herzen kommend- Möge es Ihnen vergönnt sein, in Ihrem neuen Lebensjahre das Glück noch zu vermehren, welches Ihr junges Leben in dieser Stellung schon in sich trägt!" Purpurroth schoß in Carolas Wangen das Blut, als der Professor so edelstunig und Glück wünschend zu ihr sprach und dabei so freundlich und mit sichtlichem Wohlgefallen seine großen, schönen braunen Augen auf ihr ruhen ließ. Die Lippen des jungen, sonst so gewandten Mädchens zitterten dann förmlich, als sie antwortete: „Verbindlichen Dank, Herr Professor, für den schönen Geburtstagswunsch! Ich will mich bemühen, diesen Wunsch wahr zu machen!" Gar seltsam wurde auch das Ehepaar Pohlmann von der Erscheinung des Professors Galen und seinen Worten berührt. Dieser Mann war gar nicht wie die meisten anderen Herren der vornehmen Gesellschaft, die zwar in den höflichsten Formen und besten geselligen Sitten sich zeigten, aber nicht wie Professor Galen auch Geist und Herz in diesen Formen offenbarten. Dieser Professor schien freilich auch ein ganz besonders von Gott begnadeter Mensch zu sein. Glänzend hatte Galen seine Examen bestanden und sich schon so frühzeitig auf dem Gebiete der Kunstgeschichte und Kunstkritik ausgezeichnet, daß er bereits im Alter von achtundzwanzig Jahren eine Professur erhalten hatte und vor wenigen Monaten, kaum dreiunddreißig Jahre alt, als ordentlicher Professor an die königliche Akademie berufen worden war. Aber nicht nur eine hohe Bildung und ein genialer Geist zeichneten Professor Galen aus, sondern auch seine ganze Erscheinung war dazu angethan, ihm die Herzen aller Derjenigen zu gewinnen, mit denen er in gesellschaftlichen oder künstlerischen Verkehr trat- So geschah es auch heute bei dem Feste im Pohlmann- scheu Hause. Professor Galen erweckte nicht nur das allgemeine Interesse der Gäste, sondern er erwarb sich auch die theils offene, theils stille Sympathie vieler der anwesenden Damen und Herren und zwar keineswegs nur durch seine stattliche Erscheinung und seine geist- und seelenvollen Augen, sondern noch vielmehr durch sein liebenswürdiges, die Herzen gewinnendes Wesen, welches so ganz frei von Hochmuth und Dünkel war und neben der großen geistigen Bedeutung doch nur die Tugenden eines guten Menschen zeigte- Freilich regte sich dann in manchem jungen Mädchenherzen auch der Neid, als Professor Galen Carola Pohlmann 411 Schwager könnte es für mich auf der ganzen Welt ja gar gar nicht geben. Gestatten Sie, daß ich Sie jetzt zu meiner Schwester führe, sie wird uns verstehen." Arm in Arm schritten die beiden Freunde durch den Saal und bald standen sie vor Carola, die sie holdselig lächelnd empfing. „Der Herr Professor wollte uns schon entfliehen," begann Ernst Pohlmann scherzend und bedeutsam, „aber ich habe ihm erklärt, daß er uns sehr, sehr angenehm ist und hier bleiben muß. Und damit er es vollständig glaubt, soll es ihm auch unser Vater sagen. Inzwischen kannst Du aber aufpassen, Carola, daß uns der Herr Professor nicht entwischt." Nach diesen schelmischen Worten verließ der Referendar das schöne Paar, in dessen Herzen dir Liebe an diesem Abend so mächtig und edel aufblühte. Ernst Pohlmann suchte dann seinen Vater auf, um diesen von der bevorstehenden Werbung Galens zu unterrichten. Mit Genugthuung nahm der Bankdirector diese erfreuliche Mit- theilung des Sohne» auf. Wußte er von diesem doch auch schon lange, daß Professor Galen nicht nur ein prächtiger, edler Mensch, sondern auch ein reicher Mann war, denn er entstammte einer alten Hamburger Patrtzierfamile, die mehrere Millionen Mark Vermögen besaß und von der er eine Million geerbt hatte. „Diese Partie paßt herrlich," flüsterte Pohlmann dem Sohne zu, „es ist wirklich die beste, die sich unserer Carola bieten konnte, denn Professor Galen wird bei seinen glänzen» den Talenten sicher noch eine große CarriZre machen und wahrscheinlich Geheimrath werden. Und dazu ist er noch Be» sitzer eines wirklich großen Vermögens. Laß Dich umarmen, mein Sohn, denn Du bist es ja gewesen, der uns und Carola dieses Glück in's Haus gebracht hat!" Fast begeistert schloß der Bankdirector den Sohn in die Arme und sagte dann liebevoll: „Ernst, für diese große That mußt Du auch eine Belohnung haben! Ich weiß, Du bist ein Freund von schönen Gemälden und Professor Galen ist es auch. Kaufe Dir mit seinem Rathe ein schönes Oelbild, dreißigtausend Mark stelle ich Dir zur Verfügung." „Sehr gütig von Dir, lieber Vater," erwiderte Ernst, „ich werde nach Carolas Verlobung von Deiner großmüthigen Spende Gebrauch machen. Jetzt will ich aber die Mutter auf» suchen, um auch ihr die glückliche Botschaft zu bringen." „Recht, mein Sohn," meinte der Bankdirector und blickte dem Davoneilenden freundlich nach. Dann warf er sich stolz in die Brust und schritt, fast trunken vor Freude und Hochmuth, in den Saal. Denn wenn auch heute noch nicht die Verlobung Carola Pohlmanns mit dem Professor Galen verkündigt werden konnte, so war dieselbe doch so gut wie gewiß und deshalb betrachtete der Bankdirector diesen Tag als einen der größten seines Lebens. Er war von Natur auch viel zu stolz und eitel, um die Freude und den Erfolg, den die bevorstehende Verlobung seiner Tochter mit dem berühmten und reichen Professor Galen darstellte, nicht zur Schau zu tragen, und man konnte es dem Director Pohlmann förmlich ansehen, wie an diesem Abende sein Stolz und sein Ehrgeiz bis in's Unermeßliche noch gewachsen waren. All' die Sorgen und Mühen, mit welchen andere Sterbliche meistens geplagt werden, schienen für Director Pohlmann nicht mehr vorhanden, seine kühnsten Träume in Bezug auf die Verheirathung seiner Tochter Carola waren erfüllt und sein Sohn Ernst, der hoffnungsvolle Referendar, hatte es jedenfalls in der Hand, fein Mück zu machen. So verlief das Fest in dem Pohlmann'schen Hause glänzend und mit höchster Befriedigung für seine Bewohner. Aber während die Sonne des Glückes eben ihre schönsten Strahlen auf die Familie Pohlmann warf, da nahte auch bereits heimlich ein düsteres Verhängniß. * * ♦ Am folgenden Vormittage, nach dem Feste in der Pohlmann'schen Villa, saß der Bankdirector sehr befriedigt in seinem Arbeitszimmer in dem Gebäude der Central-Commerzbank. Vor Freude über den Erfolg des gestrigen Tages und vor Erregung über den für heute Vormittag halb zwölf Uhr angekündigten Besuch d?s Professors Galen vermochte der Bankdirector kaum die nothwendigsten Arbeiten zu erledigen und die nöthigen Unterschriften unter Briefe, Checks und Wechsel zu geben. Wiederholt sah Director Pohlmann dann kopfschüttelnd nach der Uhr und klingelte dann dem Bureaudiener Berner. Als dieser erschien, fragte er: „Ist der Herr Director Rustan immer noch nicht eingetroffen, Berner?" „Nein, Herr Director!" „Haben Sie genau nachgesehen? Vielleicht ist er erst einmal in die Kellergewölbe oder nach dem Lombard-Comptoir gegangen?" „Nein, Herr Director l Ich war dort und Niemand hat den Herrn Director Rustan gesehen." „Es wird ihm doch kein Unglück zugestoßen sein! Er ist doch sonst stets um diese Zeit längst da," murmelte Pohlmann, welcher im Vereine mit dem Director Rustan die Central- Commerzbank leitete. „Ich wollte heute zeitiger als sonst weggehen," sagte Pohlmann dann wieder zu dem Comptoirdienergewandt, „und kann nun nicht weg, weil Herr Director Rustan nicht da ist. Sollte er krank geworden sein? Aber dann hätten wir doch Nachricht von seiner Frau. Großer Gott, es wird doch kein Unglück passtrt sein. Das wäre ein großer Schlag für die Bank. — Berner, eilen Sie sofort in einer Droschke in die Wohnung des Herrn Directors Rustan. Bringen Sie einen Gruß von mir und fragen Sie in meinem Namen, ob der Herr Director vielleicht krank geworden ist." Der Diener eilte davon, um den Auftrag auszurichten, und als er fort war, verfiel Pohlmann in eine entsetzliche Aufregung. „Sollte Rustan mich und die Bank hintergangen haben?" flüsterte er dabei mit zitternden Lippen. „Sollte er fort sein, fort in die unbekannte Ferne, um fich den Folgen der verfehlten Speculationen zu entziehen? Und gerade heute, heute an diesem großen, wichtigen Tage für mich! Es wäre entsetzlich, wenn es wahr sein sollte, und würde auch meinen Ruin nach sich ziehen. O, diese Kopflosigkeit von Rustan, wenn er entflohen ist. Wir haben Millionen verloren, aber auch schon Millionen gewonnen, und welche Bank hätte noch keine Verluste erlitten!" Pohlmann sprang jetzt auf und eilte in Rustans Arbeitszimmer, um dort nach irgend welchen verdächtigen Anzeichen zu suchen. Aber keine Spur war davon zu entdecken, daß der Director Rustan heimlich entflohen sei oder sonst etwas Außer- aewöbnliches beabsichtigt habe. „Es ist ihm schließlich doch nur ein Unfall zugestoßen," dachte dann wieder Pohlmann, „Rustan war gewohnt, früh einen Spazierritt zu machen, vielleicht ist ihm dabei ein Unglück passirt." Mit diesen Gedanken ging Pohlmann in sein Arbeitszimmer zurück, doch kaum war er dort wieder eingetreten, so erhielt er durch die Post einen von Rustans Hand geschriebenen Brief. Derselbe war, wie Pohlmann sofort am Poststempel sah, erst heute Morgen gegen sieben Uhr zur Post gegeben worden. Mit zitternden Händen öffnete Pohlmann das Schreiben. Dasselbe trug das Datum des heutigen Tages, war also auch erst heute Morgen geschrieben worden, und lautete: „Lieber Pohlmann! Da es mir nach den großen Verlusten, die wir bei unseren Speculationen erlitten haben, ganz unmöglich geworden ist, unter der fortwährenden Angst des Zusammenbruchs unserer alt berühmten Central-Commerzbank weiter zu leben und ich auch ganz äußer Stande bin, mit Hilfe waghalsiger Manöver die Bank über Wasser zu halten, denn dazu bin ich in meiner Energie zu schwach und in meinem Geiste zu zerrüttet, so habe ich beschlossen, aus diesem Leben zu scheiden. Damit außer Ihnen kein Mensch erfährt, daß ich absichtlich den Tod suchte, werde ich auf meinem Spazierritte heute Morgen in der Nähe des Waldbaches Gift nehmen und in demselben Moment mit meinem Pferde in's Wasser jagen. Die Welt mag glauben, daß ich auf dem Spazierritt verunglückt und ertrunken sei, und der barmherzige Gott sei gebeten, mit mir Sünder nicht zu streng in's Gericht zu gehen. Ihnen habe ich aber Platz gemacht, sich einen neuen Mitdirector zu suchen und mit dessen Geschick und Glück vielleicht die Bank vor der drohenden Katastrophe zu retten. Ich empfehle Ihnen zu diesem Zwecke den Finanzmann Carl Messen. Sein Character ist zwar nicht ganz makellos, aber er ist ein verwegener und glücklicher Speculant, dabei ein Mann von großem Ehrgeiz und der Directorposten dürfte ihm so verlockend erscheinen, daß er ihn annehmen und dann auch Alles daran wagen wird, um die Bank zu retten oder doch so lange als möglich über Wasser zu halten. Leben Sie wohl, Pohlman». Retten Sie, wenn irgend möglich, die Bank und verbergen Sie, so gut es geht, meine Schande, selbst vor meiner armen Frau und meinen bedauernswerthen Kindern, für die ich nach Kräften gesorgt habe. Ludwig Rustan. P. 8. Ich bitte Sie dringend, diesen Brief nach dem Durchlesen sofort zu verbrennen." (Fortsetzung folgt.) Gein-innÄtziges. Mn Recept zur Bereitung des Sauerkrautes. Gutes und haltbares Sauerkraut wird wie folgt gewonnen: Das Faß soll möglichst oben um 15 cm weiter sein als der Boden. Man brüht es 2 bis 3 Mal mit kochendem Wasser aus. Vorher thut man Spitzen von Wachholderbeerzweigen oder Va Pfund gut gestoßene Wachholderbeeren und 10 Gramm Kümmel hinein, das kochende Wasser läßt man einen Tag darin und spült mit kaltem Wasser nach. V« Liter Branntwein genügt zum letzten Umspülen, der Branntwein bleibt im Faß. Nachdem das Kraut gereinigt und gespalten ist, entnimmt man den Dorsch und die zu starken Rippen- Man hobelt oder schneidet dasselbe mindestens 5 mm breit, und so lang es nur werden kann. Hat man eine Parthie fertig, so salzt man es mit möglichst grobem Salz ein, mischt er durch und durch gut, doch immer recht schonend, daß die Nudeln ganz bleiben. Man nimmt auf 25 mittelgroße Köpfe 1 Pfund Salz und 10 Gramm Wachholderbeeren. Auf den Boden des Fasses kann man 10 cm hoch schöne gute Blätter legen, worin etwas Salz gethan wird. Nun schüttelt man das bereits gesalzene Kraut in's Faß und drückt es mit den Handknöcheln ein, immer nach Außen zu ja recht fest an's Holz. So verfährt man bis das Faß voll ist. Sauber gewaschene Blätter dienen zum Decken, und darüber gehört ein grobes Stück Leinwand, alsdann der saubere Holzdeckel und zum Schluß 25 bis 30 Kilo schwere Basaltsteine. 5 cm vom Rand setzt man mittels Nagelbohrers ein Loch und eine gelüftete Federspule ein, verkittet, wenn nöthig, letztere recht fest und überläßt das Faß dem Gährungsprocesse. Die Federspule dient zum Ablaufen des Schaumes. Auch die Leinwand nimmt eine Menge dicke Unreinigkeit auf. Alle 14 Tage muß die Leinwand, Deckel und Steine, sowie das leergewordene Faß mit reinem Wasser gut gereinigt werden. Ein solches Kraut hält sich, falls der Keller sich gut eignet, länger als ein Jahr und man kann getrost auf das Alte wieder Neues einmachen. Eine Holzkeule zum Einstampfen verwerfe ich gänzlich. Daß der Deckel aus zwei Theilen bestehen muß, ist wohl selbstverständlich. ♦ Um schwache Spargelpflanzen zu kräftigen, ist da» einzig sichere Mittel Ruhe für diese Pflanzen. Schon im Herbste soll man dieselben kenntlich machen und dann im Frühjahre von diesen Pflanzen nichts stechen, sondern alle 412 — Triebe auswachsen lassen. Wo da» Zeichnen der Schwächlinge im Herbste versäumt wurde, muß beim Hervorbrechen der Köpfe darauf geachtet werden, ob die betreffenden Sprosse von einem Schwächlinge herrühren. So geschonte Spargelpflanzen tragen im nächsten Jahre.gut und reichlich. Um Ameisen aus Küchenschränken oder Plätzen, an denen Honig aufgestellt ist, zu vertreiben, wird ungelöschter zu Staub verfallener Kalk an diesem Orte herumgestreut, die Plätze wieder anfgewaschen, dann wieder Kalk gestreut. Ist jedenfalls das beste Mittel zum Schutze gegen Ameisen. • Ein gutes Fleckwasser. Man nehme vier Eßlöffel voll Salz und schüttle das Ganze in einem Glase Wasser tüchtig durcheinander und wende es mit einem Schwamme oder wollenen Läppchen an. Mit dieser Flüssigkeit kann man alle Fett- oder Oelflecke etc. auswaschen. Flecke von Harz und Theer auf Tuch müssen erst durch ein wenig Butter erweicht werden. — Flecke auf Farbendruckbildern lassen sich entfernen mit einer schwachen Lösung von Salmiakgeist und lauwarmem Wasser. Oelflecke, welche beim Maschinennähen in Weißzeugen entstanden, werden entfernt, indem man die Flecke mit einem Läppchen reibt, welches mit Salmiakgeist benetzt worden ist, nachher mit Seife abgewaschen. * , Weizensuppe für schwächliche Kinder. Eine nahrhafte Suppe für schwächliche und skrophulöse Kinder kann man auf folgende Weise Herstellen: Es werden gute Weizen- körner ausgelesen, im Ofen getrocknet, nicht geröstet, und auf einer Kaffeemühle gemahlen. Dieses Mehl mit der Kleie wird mit kochendem Wasser überbrüht. Zucker kommt nicht daran, nur als geschmackverbeffernder Zusatz einige Tropfen Himbeersaft. Da dieses Getränk leicht säuert, muß es täglich frisch bereitet werden. Erst bei kräftiger Verdauung darf man den dritten Theil Milch zusetzen, also zwei Theile Suppe, ein Theil Milch. Das Verhältnis der Suppe selbst aber ist derart, daß auf Vs Liter gemahlenen Weizens ein Liter Wasser kommt. Vermischtes. Wörtlich. A: „Warum trinkst Du denn den Cognac immer mit dem Strohhalm aus?" B: „Weil ich meiner Frau versprochen habe, nie mehr ein Schnapsglas an die Lippen zu thun." * Unterschied. „Sie fahren zweiter Klasse?" - Wegen meines Ranges! . . Und Sie?" — „Dritter Klasse — wegen meiner RangerU" Aufmerksam. Herr (bei dem ersten, durch einen Heirathsvermittler veranstalteten Zusammentreffen mit einer Dame): „Da ich nicht weiß, mein Käulein, ob Sie blonde oder schwarze Haare vorziehen, bin ich heute mit einer Glatze gekommen. Bitte, bestimmen Sie die Farbe meiner Perrückei Im Kurhause. Gast* „Kellner, bekommt man hier nicht auch 'ne halbe Portion?" - Kellner: „Bedaure! Aber nehmen Sie ruhig eine ganze I Die ist auch nicht größer, al* bei Ihnen zu Hause die halbe!" * Verwendung. Literat: „Haben Sie meine Gedankenspäne benutzt?" — Redacteur: „Ja, sie. haben recht gut gebrannt!" * * Im Seebade. Herr: „Weshalb baden Sie nicht, gnädige Frau?" - Dame: „Ich bade nicht in einem Meere, in welchem sich schon so viele gebadet haben." Redaction: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.