1894 Uirtevhaltrrngsblatt zrrin Gießenev Anzeigev (Geirerml-Anzeigev) Donnerstag, den 4. Januar. MW NW NKMUWMWW MK^WW^ astecfcaäaEteAi^qatene Bekehrt. 'Novelle von F. S t ö ck e r t. (Nachdruck verboten.) ich glaube in Bezug aus die Frauen an keinen Herois- r Männer mehr! Die Liebe wenigstens begeistert nicht inzigen Mann mehr zu großen Thaten, wie zu den der Ritter und Minnesänger!" Die junge Dame, die diesen großen Ausspruch gethan, lehnte sich nachlässig in ihren Stuhl zurück, und blickte zu der Sternenpracht des nächtlichen Himmels hinauf. Drüben am Waldesrand glitzerte der blaue Strom, und an seinen Ufern webten und wogten geisterhaft die Schatten der Nacht, einer wonnigen Maiennacht, welche die kleine Gesellschaft in dem Vergnügungslocal heute länger als gewöhnlich draußen fesselte. „Ein harter Ausspruch, Fräulein Dora," nahm jetzt der Assessor Born das Wort. „Sie sind noch so jung und haben schon den Glauben verloren an Menschengröß'e und edle Männerliebe!" „Ich habe ihn noch nie gehabt, Herr Assessor! Glauben Sie,a nicht, daß dieser Ausspruch eine Folge bitterer Enttäuschungen meinerseits ist. Nein, mit kaltem Blute habe ich Welt und Menschen beobachtet und bin zu dieser Ueberzeugung gekommen. Ich will nicht behaupten, daß ein Mann nicht zu lieben vermöchte; er kann seiner Liebe nur keine Opfer bringen, weil er sein liebes Ich stets in den Vordergrund stellt. Haben Sie Gertrud Bauer gekannt?" „Nur flüchtig." „Sie war meine beste Freundin, und in meinen Augen das reizendste, liebenswertheste Geschöpf." „Und es fand sich Niemand von uns gefühllosen Bar- baren, der sie geliebt hätte?" „O doch, Gertrud wurde leidenschaftlich geliebt, — aber — nun es war eben ein Mann!" fügte die junge Dame mit so verächtlich komischer Miene hinzu, daß Alles lackte. Nur Dora blieb ernst und fuhr erregt fort: „Er vermochte seiner Liebe keine Opfer zu bringen; Gertrud war arm, folglich konnte er sie nach seiner Ansicht nicht heiratben. Er sprach stch offen mit ihr darüber aus, ließ Gertrud sitzen und führte bald darauf ein reiches Mädchen heim. Gertrud ist Lehrerin geworden, in irgend einem öden Winkel Weflpreußens vertrauert sie ihre Jugend, während ihr ehemaliger Verehrer herrlich und in Freuden vom Reichthum seiner Frau lebt." „Und nach diesem Einen beurtheilen Sie alle Männer?" fragte Born ernst. „O, er -steht nicht vereinzelt da, unter Hunderten würde vielleicht erst Einer einmal anders handeln!" „Nun, dann will ich wünschen, daß dieser Eine Ihnen begegnet!" rief lachend eine erst kürzlich verheiratete junge ■ Frau. Ihre strahlenden Augen blickten zu dem Gatten herüber. ! „Hoffentlich zählst Du auch zu diesen Ausnahmemännern," scherzte sie. - „Wir gehören Alle dazu, gnädige Frau!" rief ein alter jovialer Herr, Doras Onkel; „und ich denke, meine kleine launenhafte Nichte wird sich mit der Zeit auch zu einer andern, bessern Ansicht über uns bekehren." „Schwerlich," sagte Dora und warf das Köpfchen zurück. „Die Zeit ist flach und die Menschen auch." „Die Männer wollen Sie sagen," warf Assessor Born ein. „Nein, auch wir leiden unter dieser Flachheit, eine große Frauennatur findet sich wohl eben so selten." „Nun, warum werden wir armen Adamssöhne dann so hart von Dir verurtheilt, wenn Deiner Ansicht nach Alles flach ist?" fragte lächelnd Herr Schmidt, Doras Onkel. „Es läßt sich übrigens noch ganz gemüthlich leben in dieser Flachheit und ohne Menschengröße. Ein Hoch auf unsere gemüthliche „flache Zeit!" Die Gläser klangen zusammen, dann erhob man sich und ging langsam der Stadt zu. Der Mond war jetzt aufgegangen, und in seinem geisterhaften Licht hatten die Straßen mit ihren alten Giebelhäusern ein ganz mittelalterliches, romantisches Ansehn. „Es ist, als müßte eine Laute erklingen, und ein Minnesänger mit malerisch übergeworfenem Mantel dort aus der Mauernische hervortreten, und von dem Balkon hier irgend ein schönes Bürgerkind in altdeutscher Tracht sich zu ihm herabbeugen," meinte Dora, indem ihr Blick geringschätzig den Assessor Born streifte, der in seinem modernen Sommerkostüm freilich in keiner Weise einem Minnesänger ähnelte. „Ja, die Minnesänger sind ausgestorben, Fräulein Dora," rief dieser lachend. „Ich würde mich auch, wenn ich in jenen gepriesenen Zeiten gelebt hätte, nicht dazu geeignet haben, da mir Mutter Natur eine Singstimme gänzlich versagt hat. Als Minnesänger würde ich die Liebe eines schönen Bürgerkindes schwerlich gewinnen können." „Spotten Sie nur!" rief Dora, „ich schwärme doch für jene alten Zeiten, und wenn ich oben in meinem Erker sitze und durch die runden Fensterscheiben blicke, dann träume ich mich oft in diese vergangenen Jahrhunderte, in das romantische, heldenhafte Mittelalter zurück." „Und vergessen die Gegenwart darüber. Wissen Sie nicht, daß es in einer unserer Lieblinzsdichtungen heißt: „Nicht träumen sollt Ihr Euer Leben, Erleben sollt Ihr, was Ihr träumt!" — „Wenn ich aber die Unmöglichkeit einsehe, meine Träume zu erleben?" „Dann lasien Sie das Träumen besser sein, suchen Sie sich lieber auszusöhnen mit unserem, von Ihnen so verachteten Jahrhundert. Leben Sie, und genießen Sie Ihre Jugend, das schöne Leben voll und ganz, es ist beides so kurz!" Dora machte einen ironischen Km'x und sagte spöttisch: „Ich danke für Ihre weisen Rathschläge, Herr Assessor, und werde sie zu beherzigen suchen." Einen Moment ruhte beim Abschiede ihre Hand in der seinen, dann schloß sich die Thür des alten Kausmannshauser, und Born stand allein auf dem mondbeschienenen Marktplatz. Die Thurmuhr verkündete die letzte Stunde de« Tages. Der Nachtwächter der Kleinstadt ließ sein melodisches Horn ertönen, dann war es wieder still um den Assessor herum, nur der alte Brunnen auf dem Marktplatze rauschte leise, träumerisch. Der junge Mann lehnte sich an das Gemäuer desselben und sah hinauf nach Doras Zimmer, in welchem jetzt ein Licht aufflammte. „Wäre sie weniger reich, es wäre besser für sie," murmelte er. „All diese Launen, diese seltsamen Einsälle sind eine Folge ihres großen Reichthums. Wäre sie arm, und der Mann, der sie liebte, dürfte ihr all die Schätze in den Schooß werfen, womit das launige Schicksal sie überschüttet, dann könnte sich vielleicht dieser spröde, herbe Charakter noch zu einem sanften hingebenden gestalten; so jedoch verlangt sie in ihrem Uebermuth absonderliche Dinge, heroische Thaten von uns Männern, fabelt von Menschengröße hier in diesem kleinen Neste, wo der größte Theil der Einwohner im Einerlei des gewöhnlichen Alltagslebens sein Dasein verbringt. Allerdings sie — Dora macht eine Ausnahme, da ist Alles Ursprünglichkeit — Natur — Leben — und darum — darum schätze ich sie mehr als alle Anderen. O, Dora, könnt ich Dich bekehren!" Alle Lichter in den Häusern und auf den Straßen waren jetzt erloschen, und Born schritt langsam seiner Wohnung zu. Dora Schmidt war seit ihrer Kindheit verwaist und Erbin eines großen Vermögens. Sie lebte seit dem Tode ihrer Eltern im Hause ihres Onkels, einem alten reichen Kaufmannshause. Niemand trat hier ihren Launen entgegen, da Alle im Hause der Macht des Goldes, welches Dora, die reiche Erbin, in Hülle und Fülle besaß, huldigten. Das junge Mädchen hatte sich einige Zimmer int obersten Stocke ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet und die alter* thümltchen Möbel, die hochlehnigen Stühle, die zierlichen Tischchen mit geschweiften Beinen, die kunstvoll ausgelegten Schränke paßten sehr gut zu den Gemächern mit den tiefen gewölbten Fensternischen, den geschnitzten eichenen Thüren. Alle die alten Möbel waren echt und nicht jener Mode vergangener Zeiten nachgebildet, wie man es heutzutage liebt. Dora war reich genug, dieser ihrer Neigung für echte Möbel aus alter Zeit freien Spielraum zu lassen und hatte für manches Stück ihrer Einrichtung große Summen ausgegeben. Die Maiensonne warf ihr goldenes Licht in das Zimmer, dessen Bewohnerin soeben ihre Toilette beendet. Weich und duftig schmiegte sich das mattrosafarbene Sommerkleid um die schlanke, zierliche Gestalt Doras, und wenn auch die Züge ihres jugendlichen Antlitzes durchaus nicht schön zu nennen waren, die unbewußte, echt jungfräuliche Anmuth, die über ihrer ganzen Erscheinung lag, machte Dora doch ungemein anziehend und angenehm in allen Kreisen, in welchen sie verkehrte- Dora Schmidt blickte im Uebrigen klar in die Welt hinein Sie wußte sehr genau, daß sie nicht schön war und war fest davon überzeugt, daß all' die Huldigungen, die ihr zu Theil wurden, nur ihrem Reichthum galten- Mit Bangen fast erfüllte sie daher der Gedanke, daß auch ihr Herz dereinst der Liebe verfallen könne. — Was sollte sie dann thun? Würden nicht gerade dann die quälendsten Zweifel sich ihrer bemächtigen? Ach, waren es nicht schon derartige Zweifel, welche heute ihre reine Stirn beschatteten, und ihre braunen Augen so ernst und sinnend blicken, ließen? „Ich muß in die frische Lust, es ist so schwül hier in den Zimmern!" rief sie jetzt und griff nach ihrem Hut, dann eilte sie die vielfach gewundene Wendeltreppe hinunter und hinaus auf die stille Straße, dem Thore der Stadt zu. Die Umgebung der Stadt hatte für ein leidenschaftlich verwöhntes Auge nur geringe Reize, doch für Dora besaß sie den ganzen Zauber der Heimath. An den Ufern des blauen Flusses, wo die alten Weidenbäume standen, war sie als Kind an der Hand ihrer verstorbenen.Mutter so ost gewandert bis hinaus auf die Haide, wo die Haidesöhre, die Günsterbüsche und die rothe Erica wuchsen. Ach, nirgends war es so märchenhaft still wie hier. Auch heute schlug Dora den Weg dahin ein; dort unter einer verkrüppelten Kiefer lag ein altersgrauer Stein, das war ihr Ruheplatz. Rings um sie herum lag das sonnige Haideland, die Grillen zirpten und kleine, blaue Schmetterlinge flatterten lustig um die spärlich wachsenden Blumen und Gräser. Sinnend folgten die Blicke des jungen Mädchens den Schmetterlingen. „Es ist etwas Herrliches um solche goldene Freiheit," sagte sie leise, „und ich gebe sie nicht dahin, mögen der Onkel und die Tante sagen, was sie wollen." Diese Worte Doras bezogen sich auf eine Unterredung, welche sie heute Morgen beim Frühstück mit ihren Verwandten gehabt. Vor einigen Tagen hatte ein junger Rittergutsbesitzer aus einem benachbarten Dorfe um ihre Hand angehalteu. Ein wohlhabender, hübscher und auch gebildeter Mann, an dem nichts auszusetzen war, wie Onkel und Tante erklärt hatten. Trotzdem hatte sich Dora nicht entschließen können, ihr Jaw geben und hatte, da sie keinen Ausweg weiter gewußt, scy... lich um einige Tage Bedenkzeit gebeten. Diese Frist war nun um und am Morgen hatte man dringend eine Erklärung von ihr verlangt, da Herr Leonhard, so hieß der Freier, seinen Besuch für diesen Tag angekündigt. Dora hatte weder Ja noch Nein gesagt und war schließlich in ihr Zimmer entwischt, um Toilette zu machen; und dann war sie hinausgelaufen auf die einsame Haide und sah voll kindlichem Neid auf die Schmetterlinge, deren Freiheit hier Niemand nachstellte. Mancherlei Pläne durchkreuzten dabei ihr Hirn, wie sie sich wohl schließlich aus dieser Calamität ziehen könne- Sollte sie den Tag über hier draußen bleiben? Noch tiefer hineinlaufen in die Haide, sich dort versteckt halten? Das wäre feige und kindisch und ihr Character neigte ja auch mehr zum entschlossenen Handeln, als zum ergebenen Dulden. Wenn sie links von dem Haideweg abbog, kam sie nach der Chaussee, welche der Freiersmann auf seinem Wege nach der Stadt passiren mußte und es war vielleicht da« Klügste, sie ging ihm entgegen und theilte ihm in schonenden Worten mit, daß sie seine Frau nicht werden könnte, weil — ja warum nicht! Er würde natürlich ihre Gründe hören wollen: und es waren auch welche vorhanden, ganz gewiß, aber sie waren tief, tief in dem Herzen verborgen, — wie etwa« Heilige«, Unberührte« ruhten sie dort und scheuten noch den Gedanken, das Wort. Die junge Dame zog jetzt ihre zierliche Uhr hervor und dann schlug sie, ohne sich länger zu besinnen, den Weg nach der Chaussee ein, da die Stunde nahe herangerückt mar, zu welcher Herr Leonhard seinen Besuch angekündigt hatte. Heiß lag die Mittagssonne auf der Landstraße und die Wagen und Pferde, welche die Straße passirten, wirbelten undurchdringliche Staubwolken auf. Jetzt näherte sich ein eleganter Einspänner und Dora erkannte darin den Insassen, Herrn Leonhard, der mit sicherer Hand seinen Rappen lenkte. Die Situation erschien ihr jetzt doch etwas bedenklich. Herr Leonhard hatte sie bereits erkannt. „Fräulein Dora! Welches Glück!" rief er, und zeigte dabei ein paar Reihen blendend weißer Zähne. „Darf ich mir dies Zusammentreffen zu meinen Gunsten auslegen?" „Keineswegs, mein Herr!" rief Dora, sehr erregt über diese Vermuthung, daß sie einem Freier bi« nach der Land- „Werden Sie es in diesem Jahre wieder verschmähen, zu reisen?" fragte der Assessor Born Dora einige Wochen nach dem oben geschilderten Morgen. Man befand sich auf einer Wasserpartie, leichte Kähne schaukelten auf dem blauen Strom, die Insassen derselben waren meistens junge Damen und Herren, die Mütter der jungen Mädchen hatten den Landweg vorge- zogen und wandelten langsam und gemessen am Ufer. „Ich werde diese alberne Mode, die jetzt epidemisch um sich greift, nie mitmachen," erwiderte Dora und warf verächt- lich die Lippen auf, „da ich diese Reisewuth geradezu lächerlich finde." „Lernen Sie nur erst solch' ungebundenes Reiseleben einmal kennen, der Gesichtskreis erweitert sich, Sie gewinnen tausend neue Eindrücke, großartige Nalurpanoramas erschließen sich Ihren Äugen Statt auf diesem eintönigen Flüßchen fahren Sie auf dem klaren, durchsichtigen Wasser der Schweizerseen und sehen ringsherum mächtige Bergriesen sich erheben." „Und dann kehre ich zurück in die flachen Lande und finde diese einfachen Naturschönheiten, das Flüßchen, das Wiesengrün, den schmalen Streifen Wald so öde und langweilig wie nie zuvor," sagte Dora. „Nein, die Liebe zu meiner Heimath möchte ich um Alles nie verlieren, schon darum nicht, weil ich hier an der Hand meiner, so früh verlorenen Mutter als Kmd gegangen bin." „ , , , ,, Borns Blicke ruhten voll inniger Theilnahme auf ihr, als sie aber denselben begegnete, verlor sich der weiche, ernste Ausdruck in ihren Zügen sofort. „Ich bin freilich nur eine simple Kleinstädterin," sagte sie jetzt im völlig veränderten Ton, „und darf mir wohl kaum ein Urtheil anmaßen über Dinge, die über meinen beschränkten Gesichtskreis hinausgehen." (Fortsetzung folgt.) 3. - wie sie in die sonnige, klare Luft dahinging, gleich einer der rosigen Haideblumen, die im Spätsommer die ganze Haide überziehen, eben so zierlich, so biegsam. Es war aber nicht ein derartiger poetischer Vergleich, welchen der abgewiesene Freier zwischen den Zähnen murmelte, es klang vielmehr: „Albernes, hochfahrendes Ding!" — Vielleicht hätte es ihm zur Genugthuung gereicht, hätte er, als er mit seinem Gespann wieder auf die Chaussee rollte, Dora beobachten können, wie sie auf dem Stein unter der alten Kiefer saß und bittere Thränen sich aus ihren Augen drängten. Ein Tropfen Gift war in ihr sorglos glückliches Dasein gefallen. „Eine Kleinstädterin also! Ohne Geist, langweilig, geschmacklos," murmelte sie, „o, ich sehe ihn sitzen in der rauchigen Bierstube, ich höre jedes Wort, ich sehe die dunklen Augen, die so stolz und verächtlich blicken können — und er machte keine Ausnahme — keine. Und ich — ich — ich bin eine große Närrin und hätte wohl besser gethan, die Hand des biederen, schönen Leonhard anzunehmen und sein schönes Rittergut. Wie hat's mir die Tante Alles angepriesen und nun habe ich Alles verscherzt, und habe einen Feind mehr auf der Welt." Aber bald flog es über das Antlitz Doras schon wieder wie ein halbes Lächeln, sie lehnte den Kopf an den rauhen Stamm der Kiefer; die Bienen summten so einschläfernd um sie herum, schließlich fielen ihr die Augen zu, und die Sonne küßte ihre schlummernden Wangen und lockte dunkle Röthe darauf hervor. Als sie erwachte, waren über anderthalb Stunden vergangen und sie beeilte sich, um nach Hause zu gelangen. Man war hier derartige Extravakanzen schon von ihr gewöhnt und nicht weiter beunruhigt gewesen über ihr langes Ausbleiben. Während sie mit gutem Appetit ihr Mittagsmahl verzehrte, berichtete sie der Tante offenherzig von ihrem Zu- sammentreffen mit Herrn Leonhard, daß sie ihm einen Korb gegeben und es überhaupt wohl vorziehen werde, als alte Jung- fer zu sterben; denn die Männer — sie brach plötzlich ab, ver- rätherische Schatten flogen über das junge Gesicht und gaben demselben ein ganz melancholisches Ansehen, so daß die Tante sie voller Staunen anblickte, da sie einen derartigen Ausdruck noch nie bei ihrer Nichte wahrgenommen. straße sollte entgegen lausen- „Ich habe Sie allerdings hier erwartet, aber nur um Ihnen zu sagen, — bitte, wollen Sie nicht nach dem Haideweg einlenken, man spricht dort ungestörter." Leonhard war vom Wagen gestiegen, er hatte die Zügel des Pferdes in der Hand und lenkte jetzt vom Wege ab, der Haide zu. Dora mußte sich jetzt gestehen, daß der junge Gutsbesitzer ein wirklich schöner Mann sei, von eleganter Figur und regelmäßigen Gesichtszügen; allerdings lag vielleicht etwas zu viel Selbstbewußtsein in seiner ganzen Haltung und in seinen blauen Augen leuchtete nicht allzuviel Geist. Seine Eitelkeit wird furchtbar gekränkt werden, dachte das junge Mädchen, als sie einen prüfenden Blick in das schöne Antlitz des jungen Mannes neben sich warf; und er wird gewiß sehr zornig werden über den Korb von einem so unbedeutenden Mädchen, wie ich es bin, die sich nach seiner Ansicht jedenfalls unendlich glücklich schätzen müßte, an der Seite eines so bildschönen Mannes durch das Erdenleben zu wallen. Sie hatten jetzt die Haide erreicht und Doras Blicke ruhten wieder auf den blauen Schmetterlingen, wie sie sich der Freiheit und des goldenen Sonnenlichtes freuten. „Zürnen Sie mir nicht, Herr Leonhard," begann sie jetzt mit unsicherer Stimme, „ich kann aber meine Freiheit nicht aufgeben, es sind doch immerhin Fesseln, die Sie mir auferlegen wollen, und Mele mögen ja auch solche Fesseln der Ehe süß und leicht finden, aber ich kann es nicht; mir erscheinen sie centnerschwer und darum ..." „Bitte, bemühen Sie sich nicht weiter," unterbrach Herr Leonhard zornig ihre Rede, „ich glaube Sie hinreichend verstanden zu haben und bedarf Ihrer Auseinandersetzungen nicht mehr. Allerdings könnte ich Mancherlei einwenden und bin fest davon überzeugt, daß es nicht Abneigung gegen die Fesseln der Ehe sind, die mir diesen Korb von Ihnen verschafft haben. Ein anderer, hochstudirter Herr soll sich ja jetzt und wie es heißt nicht vergeblich um Ihre Gunst bemühen, da muß ich einfacher Landmann dann wohl zurücktreten, mir stehen solche gewandte Redensarten, womit sich Jener in Ihrem Herzen eingeschmeichelt, nicht zu Gebote. Ob er es aber so ehrlich meint, wie ich, ist noch die Frage. Er sprach sich neulich wenigstens über die ganze Damenwelt in Ihrer Vaterstadt sehr verächtlich aus!" Doras Augen flammten auf- „Wen meinen Sie?" rief sie zornig. „O, Sie wissen e» ganz genau, er hat einen schwarzen Bart und kohlschwarze Augen," entgegnete der junge Land- wirth. „Der feine Herr machte keine Ausnahme, Fräulein Dora, es wären Alle eitle Kleinstädterinnen, ohne Geist, ohne Geschmack in ihren Toiletten, langweilig, uninteressant. Geistvolle und interessante Damen fände man überhaupt nur in großen Städten." Dora bückte sich während dieser für sie so wenig schmeichelhaften Rede einigemal und pflückte etwas ungestüm einzelne kleine Blumen, die am Wege standen, um sie dann in kleine Stücke zu zerreißen. Ein paar Mal stampfte sie mit den zierlichen Füßen heftig auf dem weichen Haideboden auf und als Leonhard nun schwieg und sie mit spähenden Blicken beobachtete, wandte sie ihm das Antlitz mit einer Miene grenzen- loser Verachtung zu. „Es interesstrt mich gar nicht, Herr Leonhard, was die Herren in ihren Bierkneipen verhandeln, und ich finde es durchaus nicht fein, dergleichen einer jungen Dame zu wiederholen." Leonhard biß sich auf die Lippen, während eine dunkle Röthe sein schönes Antlitz überflog. Verlegen zog er seine Uhr hervor. „Es ist bereits Mittag," murmelte er dann, „und ich habe noch Geschäfte in der Stadt." „O, dann berauben Sie sich nicht länger Ihrer kostbaren Zeit einer simpeln, uninteressanten Kleinstädterin willen," rief Dora ironisch. „Adieu, mein Herr!" Die junge Dame machte eine graziöse Verbeugung und eilte den Haideweg hinunter. Leonhard blickte ihr sinnend nach, 4 Eine Geschichte für Mütter. Es war eigentlich nur ein süßes, rosiges Baby mit weich gerundeten Aermchen und dicken, strampelnden Beinchen, das fortwährend die kleinen Fäustchen in fein rundes, kirsch- rothes Mündchen steckte und dabei gar lieb und lustig mit den himmelblauen Aeuglein" zwickerte- Die blonden Härchen kräu- selten sich zu dünnen, leichten Löckchen, die im Sonnenschein wie gesponnenes Gold schimmerten und die Grübchenwangen waren fest und roth wie frischgeflückte Aepfel. — Gewiß kein Engelein konnte schöner und lieblicher sein, so wenigstens schien es der alten Boffie, die seine Kinderfrau zu sein die Ehre hatte. Und doch wurde Babys Eintritt in die Welt so wenig freudig begrüßt von Denen, die ihm am nächsten standen. Mylady, seine Mama, konnte es ihm nicht verzeihen, daß sie seinetwegen eine ganze Ball-Saison unbenutzt inußte vorübergehen lassen und daß seine Ankunft mit so viel Strapazen Verbunden war. Als es ihr die Wärterin zum ersten Male zum Kusse reichte, schaute ste verwundert auf das spitzenbesäete, weiße Bündel mit dem krebsrothen, quieksenden Inhalt. Sie hatte in den Büchern so viel von Mutterliebe und Mutterglück gelesen und fühlte doch nichts dergleichen. Der anwesenden „Leute" halber drückte sie ihren Mund auf die kleine Stirne kalt nnd flüchtig und lehnte sich dann gelangweilt und müde in die Krffen zurück. Mylord war auch kein zärtlicher Vater. Als man ihm sein Kind in die Arme legen wollte, hob er wie erschrocken abwehrend die Hände empor und entfernte sich schleunigst. Boffie, die Kinderfrau, sandte ihm zuerst einen giftigen Blick nach, dann wechselte sie einen verständnißoollen mit der Amme, dabei schüttelte sie heftig den grauen Kopf, daß die Haubenbänder flatterten und murmelte in halblautem, zornigem Ton: „Und das will ein Vater sein? Solch Vornehme besitzen doch kein Herz, wie ganz anders geht das doch bei uns armen Leuten ab." Und dann wurde sie durch den Ton eines Glöckchens unterbrochen: Mylady wünschte einen Spiegel und als sie ihn erhalten, blickte sie eilig und voll ängstlicher Spannung in das blinkende Glas, aus dem ihr ein zwar bleiches aber wunderschönens Antlitz entgegenschaute. Aufmerksam betrachtete sie ihr Spiegelbild, dann nickte sie befriedigt. Gewiß kein Fältchen war zu sehen, keine Runzeln, kein schärferer Zug bemerkbar, ihre Schönheit hatte nicht Schaden gelitten. Und dann kam Babys Geburtstag. Blumengewinde zierten Treppe und Flur, Triumphbogen umwölbten die Thüren und drinnen in der Halle standen in langen Reihen die weiß- gedeckten Tische mit den blitzenden Silbergeräthen und den funkelnden Gläsern. Und Wagen um Wagen rollte heran und brachte reich geschmückte, fröhliche Gäste; zahlreiche Diener eilten hin und her, die auserlesensten Speisen herumreichend. Und in Mitte der Tafel stand Mylady, strahlend in Jugend und Schönheit, kredenzte den schäumenden Wein und hob das schlanke Kelchglas graziös lächelnd empor, wenn ihr ein Glückwunsch gebracht wurde. Es war eine wunderschöne Frauengestalt. Eng schmiegte sich das graue, silberschimmernde Atlasgewand den herrlichen Formen an; auf der wogenden Brust ruhte eine einzige, purpurfarbene Blüthenknospe und aus dem nachtschwarzen Haar glänzte ein Stern von Brillanten. Mylord's blasses, blasirtes Gesicht nahm den Ausdruck der Befriedigung an, als er sein schönes Weib betrachtete. Sie hatten sich nicht aus Liebe geheirathet. — Er war arg verschuldet und es war die höchste Zeit für ihn gewesen, sich nach einer reichen Erbin umzusehen. Schön Ellen vertrauerte ihr Leben auf einsamem Schlosse an der Seite eines kränklichen Vaters und doch liebt sie die Welt und ihre Freuden so sehr. Glänzende Feste, rauschende Vergnügungen, Bälle und Theater waren ihr Wunsch, ihr Sehnen und als Mylord als Freiwerber auftrat, neigte ste ohne Zögern bejahend das schöne Haupt. Sie sah sich schon im Geiste als Frau eines der angenehmsten Cavaliere vom Hofe, ihr Stolz war befriedigt, ihre Träume sollten sich erfüllen. — Schön Ellen und ihre Million waren so mühelos sein Eigen geworden; Liebe schien ste weder zu geben, noch zu verlangen. Mylord war der aufmerksamste Gatte, Mylady tadellose Repräsentin seines Hauffs und so führten sie ein glückliches Leben neben einander. Und nun war Baby gekommen! — Wie riß Mylord die Augen weit auf vor Erstaunen, als ihm Vaterfreuden verkündigt wurden. Doch kein Strahl sonniger Freude, nur grenzenlose Ueberaschung malte sich in seinen abgespannten schlaffen Zügen und dann ging er in den Club und bald hatte er über seine beträchtlichen Spieloerluste die gleichgültige Nachricht vergessen! Das waren Baby's Eltern und so war sein Heim beschaffen. Und die Zeit verrann und Baby wuchs und gedieh und war sechs Monate alt geworden. Da bemerkte eines Tages Boffie's tastender Finger etwas festes, scharfes in seinem Mündlein, und richtig, da standen sie drinnen, die ersten Zähnchen weiß und perlmutterblank. Mit einem Freudenschrei verkündet es die treue Wärterin der lauschenden Dienerschaft und stürzte dann eilig, unangemeldet in Mylady's Zimmer, um ihr die Botschaft zu bingen. Doch Mylady fuhr zornig empor und ertheilte ihr einen scharfen Verweis, ihre Ruhe einer solchen Kleinigkeit halber gestört zu haben; als sie aber Bosfies weinerliches, enttäuschtes Gesicht sah, zog sie die Börse und legte ein blankes Goldstück in die sträubende Hand. Darauf war es wohl abgesehen, dachte sie bei sich. Und Boffie schlich sich thränendes Auges in das Kinderzimmer zurück, grollenden Zornes über diese Reichen, die da glaubten, Alles durch Geld gut zu machen, und dann nahm sie den kleinen Liebling in die Arme. Die kurzen Finger- chen tippten schwerfällig und unbeholfen nach den glänzenden Tropfen, die sich dick und schwarz zwischen den Wimpern hervordrängten. Und doch konnte es sich die gute Seele nicht versagen, Mylady wieder herbei zu rufen, als Bahy eines schönen Morgens im Bettchen lag und zum ersten Mal in stammelnden Lauten „Mama" gerufen hatte- Auf Boffie's warmes von Entzücken geschwelltes Herz legte es sich wie ein eisiger Reif, als Mylady wiederum staunend fragte: „was den so Schönes oder Besonderes daran sei. Jedes Kind müsse doch einmal zu sprechen anfangen." Roch einige Wochen und dann feierte man den Jahrestag von Baby's Geburt. Run steckte es die rosigen Beinchen nicht mehr in den Mund, sondern stellte sie fest und stramm auf den Fußoden, kleine Schritte machend. Erst langsam zögernd, tastend, dann fester, muthiger, rascher und endlich war sie gelernt, die große Kunst, klein Baby lief im Hause herum. (Schluß sogt.) Vermischtes. Die lange Rede. Der alte Oberst v. Beiß hatte seinen Abschied erhalten. Obwohl er nie in seinem Leben eine Rede gehalten, die länger gewesen wäre, als: „Unser gnädigster Landesherr lebe hoch!" beschloß er, sich von seinem Regiment mir einer längeren Rede zu verabschieden. Dieselbe war auch nach mancher schlaflosen Nacht zu Stande gekommen und hatte den wohlklingenden Anfang: „Hat je . . ." u. s- w. An dem Tage des Abschieds ist das Regiment versammelt; der Oberst reitet vor die Front und beginnt mit feierlicher Stimme: „Hat je ..." — „Adje, Herr Oberst!' antwortet das Regiment wie aus einem Munde auf den vermeintlichen Abschiedsgruß — und auch diese Rede war so kurz geblieben, wie alle ihre Vorgängerinnen. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.