MerALMires^ 1894. Untevhaltrrngsblatt $um Gietzenev Anzsigev (Genepal-Anzeig-v) ______________ ... ■***• -M W iMWWML —r?-. • XO OM'MW *y<.» -..iLv'a XiT.’Wlki? _ir< 13 0?T- Samstag, den 2. Juni. m’jagBBgBS™B- -UJ” > '1'!!.'."^! ..... . Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) „Die ist verloren!" schrieen die Leute, rangen die Hände und liefen hin und her. „Gott sei ihrer armen Seele gnädig." Niemand wägte sich in die tobenden Fluthen, ein Kahn war nicht vorhanden. Als die Roth am höchsten gestiegen, erschien Bardenstein. Ohne sich zu besinnen, warf er die überflüssigen Kleider ab und sprang in die Wellen. Bald hatte er die schon halberstarrte Unglückliche erreicht; er ergriff ihre Hand und suchte das Ufer zu gewinnen. Das war die schwerste Aufgabe. Das Mädchen wollte sich an den Retter anklammern, wodurch Beide in's Verderben gerathen wären. Mit Aufbietung aller Kräfte gelang das Rettungswerk. Bardenstein konnte an dem rechten Horloffuser landen. Nachdem er sich ein wenig ausgeruht, nahm er das Mädchen, welches die Besinnung wieder erlangt hatte, in seine starken Arme und trug es in das Dörflein Gettenau. Die Dorfbewohner liefen ihm entgegen und rühmten laut seine menschenfreundliche That. Im Hause des Schultheißen fand der Rentmeister Unterkunft mit dem geretteten Mädchen. „Ei, Herr von Bardenstein!" sprach der biedere Schultheiß freundlich, „was haben Euer Gnaden für ein sonderbar- lich Fischlein gefangen und wie ruht es sicher und wohlgemuth in Euren starken Armen. Tretet ein in meine Hütte, seid gesegnet für das Rettungswerk und willkommen am häuslichen Herde." Bardenstein setzte das Mädchen sorglich sin den ledernen Lehnstuhl. Alsbald kam die Schultheißin, führte Justine in eine andere Stube und versah sie mit trockenen Kleidern. Auch der Rentmeister erhielt einige Kleidungsstücke vom Hausherrn, sie wollten aber nicht recht paffen. Als er nun gar den langschößigen Sonntagsrock mit den zahllosen Knöpfen aus großen Silberstücken gefertigt, angezogen und bei dem Schultheißen wieder erschien, meinte Letzterer: „Prächtig steht Euch der Sonntagsrock, Herr Rentmeister, und unsere Bürger, wenn sie Euch sehen, werden sagen: Das wäre ein richtiger Schultheiß für Gettenau, vielleicht können wir ihn bekommen." — Ueber diesen Scherz lachte der biedere Schultheiß selbst gar kräftiglich, er klopfte dem Gaste vertraulich auf den Arm und fragte: „Na, wie meint Ihr zu meinem Vorschläge?" „Der ist vortrefflich, Meister Schultheiß," war die freundliche Antwort, „inzwischen wollen wir uns dennoch eine Zeit lang als Rentmeister weiter behelfen." Darnach öffnete sich die Thüre; halb getragen, halb geschoben erschien die kleine, verwachsene Justine im Sonntagsstaate der Schultheißin. Es war ein unendlich komischer Anblick. Das Mädchen raffte die viel zu langen Röcke zusammen, um Schritte machen zu können. Verlegen trat es vor den Retter, hielt ihm beide Hände entgegen und sprach: „Ich dank' Euch, Herr, für die menschenfreundliche Rettung; Ihr habt Euer Leben gewagt, um mein Dasein zu erhalten, so viel bin ich gar nicht werth." Bei diesen Worten Hub Justine die Augen empor, worin zwei Thräneu perlten. Bardenstein faßte die Hände des Mädchens und antwortete: „Es ist Christenpflicht, dem Nebenmenschen in Noth und Gefahr beizustehen. Keines Menschen Leben ist werthlos, auch das Deinige nicht, mein Kind. Niemand kann wissen, wozu er noch berufen ist." Der Sprecher sah in die Augen der Kleinen und fand, daß sie ungemein schön, wohlgebildet und glänzend waren- Wenn man in das verzogene Gesichtchen des Mädchens sah, blieb der Blick an den seelenvollen Augen, die gerade durch zwei Thränen verschleiert waren, haften. Justine fühlte, daß Bardenstein Interesse für sie gewann und fuhr fort: „Wenn ich sehen mußte, wie seit Jahren die Menschen hingethan werden, ohne daß man auf ein Leben sonderlichen Werth legt, dachte ich stets: wozu laufe ich nur auf der Welt herum. Man verspottet mich wegen meiner Mißgestalt, Niemand spricht ein freundlich Wort zu mir, nicht einmal der Vater. Nur Sibille König ist mir gut, und Ihr — habt nun gar das Leben für mich gewagt." Bei diesen Worten fielen zwei große Thränen auf Bardensteins Hand. „Daran siehst Du," antwortete Bardenstein, indem er über den Scheitel der Kleinen strich, „daß man zuweilen mehr Freunde hat, als man ahnt." „So dachte auch ich, Herr!" sprach Justine. „Ich klammerte mich mit der letzten Kraft, die ich besaß, an das Stück Holz und betete: Herr mein Gott, verleihe mir und dem Retter Kraft, daß wir Beide die Gefahr überstehen und daß ich das Glück habe---" „Fahre fort, Justine!" ermuthigte der Rentmeister. „— das Glück habe, einen gütigen, menschenfreundlichen Herrn verehren zu dürfen." „Du hast ein dankbares Herz, mein Kind 1" sprach Barden- stein; „Du verdienst, daß man Dir gut ist. Nun freut es mich doppelt, Dir ein Helfer geworden zu sein- Hast Du noch Weiteres in Deiner Angst und Noth gedacht? Sage es uns, Du darfst Dich ohne Rückhalt aussprechen." „Als Ihr mich auf Euere Arme nahmt, so federleicht — und vorwärts ginget, da fielen Wassertropfen von Eurem Haare mir in's Gesicht. Jeder Tropfen dünkte mir ein Dia- - 250 = Horloff kommen." Bardenstein kleidete sich um; Justinchen erschien in ihren ; gütigst gestatten, den Garten zu betreten - eigenen Kleidern. Von dem Schultheißen und seiner Frau i Die Sopranstrmme im Zimmer brach heiser ab die A bis zur Nothbrücke geleitet, nahmen Retter und Gerettete mit stimme sang noch einige Silben ^ier,dann schwieg auch!^ herzlichem Dank, Gruß und Handschlag Abschied von den gast» ! Justine ah d.e Partner,» und fragt-. „Was ist? Woli n freundlichen Leuten. wir nicht die Strophe zu Ende bringen? Du wirst map, m Achtes Kapitel. gsAg Ri-pnnen fätifli wieder an!" hieß es im September ! Die klaren, hellen Augen Justinens richteten sich sorscheno 1658''p'.ötzlich unter den^Bewohnern der Landgrafschast Hessen- ; auf Sibillens schöne Züge. Heiß stieg dieser eme Blutw ±uuu 8 tu* Mino föhrnnftAt. zu Echzell, starb am 1. Mai 1657; es soll von Hexen und Gemüther der Menschen und unterbrach jäh die Ruhe, welche zwanzig Monate so wohlthuend im Horloffthals gewaltet. „Warum soll wieder gebrannt werden?" fragten dre Leute. „Was ist geschehen? Wen wird es treffen?" Das Söhnlein des gestrengen Herrn Commiffarius Caspari, Also kamen die Häscher, fingen Hirtz den Juden und sperrten ihn in'« Rathhaus. Dort waren die Fenster und Thüren wenig gestchert; als es dunkel und ruhig geworden des Abends auf der Straße, brach Hirtz aus, schlich sich glücklich durch, kam über die nassauische Grenze gen Reichelsheim und war gerettet. Ueber Hirtz enthält das Verzeichniß des Schultheißen Schöffer die Nachricht: NB: Hirtz Jud ein Gotteslästerer Ist auch Entloffen vom Rathhauß. 1658, nachrichtlich. -- Das Verzeichniß über Einnahmen aus der Hinterlassen, schäft von Hingerichteten und verurtheilten Personen, das wir früher mittheilten, besagt, daß das Haus des Hirtz Stangen an Gasthalter Oberländer verkauft und der Betrag an die herrschaftliche Kasse abgeliefert worden ist.--- Frau Hofprediger Meles, eine viel ehr» und tugendsame Dame, zu welcher alle Pfarrkinder ihres Mannes gerne kamen, hielt große Stücks auf schönes Weißzeug und Trschgeräthe. Alljährlich im September, bevor es kalt wurde, räumte Maria Barbara, so hieß die Gute, alle Schränke aus, prüfte jedes Stück, setzte die schadhaften Sachen zum Ausbeflern nebenan und ließ für die abgängigen neue anfertigen, welche zierlich durch blaue und rothe Fäden mit ihres Mannes und ihrem Namenszuge, geschmackvoll verschlungen, gezeichnet wurden. Das waren Arbeiten für die geschickten Hände Siblllenr; ! auch Justine, des Kerkermeisters Tochter, wurde herbeigerufen, I wenn es länger zu thun gab, denn Justine verstand ebenfalls mit Scheere und Nadel fein zu schaffen. Eine andere Gabe I war den beiden Mädchen noch verliehen, welche der Frau Hof- | prediger und ihrem würdigen Hausherrn absonderlich noch gefiel: die Kunst zu singen. Sibille besaß einen hellen, hohen Sopran; Justine hatte eine Altstimme. Wenn sich die fleißigen Hände der beiden Mädchen, die sich seit Justinens Unfall be dem Wolkenbruche öfter gesehen, regten und die Arbeit flmk von statten ging, stimmte die Frau Hofprediger leise, em Volksliedlein oder ein geistlich Lied an. Alsbald fielen dre Mädchen ein und der schöne Klang stieg empor und drang weit hmaus durch das offene Fenster, daß sich Alle ergötzten, die es ver- Dir etwas geschehen?" ., „Ich kann nicht weiter, Justine," antwortete Sibille mit gepreßter Stimme; „mir ist plötzlich ein Körnlein oder sonst ein Gegenstand in die Lunge gerathen, daß ich nicht weiß—. " ^Gegen Abend hatten die Mädchen das schöne Lied: „Schmücke Dich, o liebe Seele" angestimmt. Die Frau Hof- predigerin stand auf. „Singt weiter, Kinder, ich gehe nebenan in den Garten, allwo ich Euren lieblichen Gefang besser ge* meßen kann," sprach sie, nickte den Sängerinnen zu und schlüpfte leise hinaus. Das that sie öfter. Drei Strophen waren gesungen und die vierte zur Hälfte, da ließ sich im Garten die klangvolle Stimme Bardenstems vernehmen: „Wenn Herr Hochwürden und Frau Gemahlm gütigst gestatten, den Garten zu betreten —" „Ich bleibe Eure Schuldnerin für immer!" fprach Justine beim Abschiede von ihrem Retter. freundlos I" „Doch, mein Kindl Ich weiß es sehr wohl," fielBarden- tzein eifrig ein. „Mir hat das Schicksal keine Rosen in die Wiege gelegt, auch ich mußte mich durchkämpfen. Darum verstehe ich Deine Worte und Gedanken recht gut. Fahre fort und sprich, was Du noch auf dem Herzen hast." „Es fei; ich thue es offen und aufrichtig, von der Ueoei* I zeugung getragen, daß mir in dieser Weise niemals wieder Ge- j legenheit werden kann, das zu sagen, was ich denke. Ihr habt mir stets auf meinen Gruß gedankt, habt mich oft eher gegrüßt, s als ich Euch. Das that meinem Herzen wohl. Hundertmal wünschte ich, Euch sagen zu dürfen, wie dankbar ich für dre Freundlichkeit und Güte bin. Heute wünsche und bete ich, daß mir Gelegenheit geboten werden möchte, meinem Retter dereinst durch die That danken zu können." „Na, Kleine, Du kannst sprechen wie ein Buch," sprach der Schultheiß, welcher aufmerksam zugehört hatte. „Sollst ja auch große Wissenschaft besitzen, wie der Herr Hofprediger kürzlich sagte. Du und die schöne Sibille hättet fast den ganzen Bücherhaufen des hochwürdigen Herrn durchgelesen. Das wäre mir zu viel, meiner Treu!" Die Schultheißin erschien mit einer Schüssel dampfender Suppe. „Nach einem kalten Bade und heftigem Schrecken stellet sich nicht selten Hunger ein, denke ich," sprach die stattliche Frau. „Also esset einen Bissen mit uns, inzwischen werden die Kleider trocken." t Schüssel, Teller und Löffel waren von Zinn, das blinkte wie Silber; der Schultheiß brachte einen großen Zinnkrug mit trefflichem Apfelwein gefüllt. Hausmachender Schinken und selbstgemachte Wurst vervollständigten das Mahl. Als es beendigt, meldete die Schultheißin, daß Justinens Kleider getrocknet und zum Anziehen bereit seien. Auch kam die Nachricht, die Fluthen hätten sich verlaufen und mit Brettern und Balken sei eine Nothbrücke über die Horloff hergestellt worden. Der Diener Bardensteins erschien und brachte Kleider. „In Bingenheim hat es geheißen," berichtete Valentin mit strahlendem Gesichte, „der Herr Rentmeister wäre mit Kerkermeisters buckeligem Justinchen erso--ertrunken. Gleich hat man ihn hernach von Bingenheim aus an's Land steigen sehen und da rief Postschreiber Quaffel: „Ei, da steigt Herr von Bardenstein eben aus den Wellen, wie Prometheus aus der Unterwelt, und hat das Justinchen am Schlaffittchen." Wie ich das hörte, holte ich gleich Kleider, die Leute fuhren Balken und Bretter herbei und wir können trockenen Stiefels über die Btnaenbetm Wie ein Mehlthau auf die Frühlingspflanzen | bis hinauf in das lockige Stirnhaar. »sXtNiusi der y«i GewuW .Nm wich Du »h-ud-°q, ©W, bi» Du Mu« S-uuui, 1° .fiel bie "LL ! "»'Kg WiitWte deu Kops uud b«uM sich tief °us die feine Arbeit in ihren Händen. . . Hospredigers kamen mit ihrem Gaste m s Haus und traten zu den Mädchen in's Zimmer: „Hier sitzen unsere lieben Sängerinnen!" sprach Frau Anto^M^itz," geboren^den "14.' Januar 1657, dessen Pathe | Maria. „Warum habt Ihr die Strophe mcht zu Ende g - der hochwürdige, hochgelehrte Pfarrherr und Magister Soldan | bracht? f { . Sinnen »u Eckrell. starb am 1. Mai 1657; es soll von Hexen und i Beide Mädchen erhoben sich. Das weiße, feme mant, Rubin oder ein ander köstlich Gestein, das ich in dem I Zauberern angegriffen worden sein, hieß es. Juden wären Schreine meines Herzens verwahren müßte. Ihr seht mich l dabei gewesen, welche dieses Teufels«erkverrichteten,das sei groß an und lacht vielleicht über mich. Thut es nicht, Herr. | jetzt erst »errathen worden und zum Vorscheine gekommen- Ihr vermöget nicht zu fühlen, was es heißt: zwanzig Jahre durch's Leben zu gehen, von Spott verfolgt, freud- und - 251 rutschte von Sibillens Schooße, das Ende blieb in ihrer Hand; glühende Röthe stieg ihr in's liebliche Antlitz, wie au« einer weißen Wolke, so ragte der feine, schlanke Körper au« dem Linnen hervor. Bardenstein verschlang das reizende Bild mit den Augen. Justine erwiderte entschuldigend: „Sibille wurde urplötzlich am Singen verhindert, weil ihr die Stimme versagte." „So wird uns nachher von Euch wohl die Freude werden, etwas zu hören?" fragte der Hofprediger den Rentmeister. „Ich liebe den Gesang von Herzen-" „Drum gebt uns ein Lied, junger Freund," bat die Hof- predtgerin, „hier neben ist unsere Laute; wir lasten die Thüre offen, damit unsere lieben Sängerinnen auch zu hören vermögen." Bardenstein ließ sich nicht lange bitten. Ein Wander- uttb Abschiedslied, von ernstem Inhalte, sang der Stimmbegabte und lieblich klang das Saitenspiel dazu. Justine fing leise an, zu schluchzen; Sibille kämpfte die innere Bewegung nieder. Frau Maria trat ein und fah Justinen« tiefe Ergriffenheit. „Ein solches Lied dringt in die Tiefen der Seele, meine lieben Kinder," sprach sie. „Wollet Ihr nun zusammen ein Lied fingen?" Beide schüttelten die Köpfe. „Es geht nicht, verzeiht die Weigerung," antwortete Justine, „ich bringe keine Silbe herfür." Der Rentmeister sang noch einige Lieder, denen die Mädchen entzückt lauschten. Sibille war stumm geworden; auf ihren schönen Zügen spiegelte sich, was in ihrem Innern arbeitete. Justine beobachtete ihre Partnerin; der weibliche Instinkt und ihr eigenes Fühlen öffneten ihr plötzlich das Verständniß. Als es Abend geworden, gingen beide Mädchen nach Hause- „Wer bin ich? Was ist mein Loos auf Erden?" fragte sich Justine, als sie ihr Lager gesucht. „Wäre es nicht bester gewesen, er hätte mich den Wellen nicht entrissen, als nun so grenzenlos elend und unglücklich zu werden! Was in Sibillens Herz vorgeht, sehe ich genau; es wühlt und tobt darin, wie in dem meinen. Sie wird gerade so unglücklich werden, wie ich, ja, noch viel unglücklicher, denn ich verdanke ihm das Leben, ich darf ihn lieben und verehren; aber sie nicht." Aehnliche Gedanken bewegten das Mädchenherz im kleinen Häuschen an der Beundegasse. Sibille las der Großmutter den Abendsegen, es war der 91. Psalm: „Wer unter denz, Schirm des Höchsten sitzet!" Tiefbewegt und innerlich gestärkt ging Sibille zur Ruhe und sprach ihr Abendgebet. Als sie an die Bitte kam: „Führe uns nicht in Versuchung", irrten ihre Gedanken ab. — „Hilf mir, mein Herr und Gott," betete sie; „mein Herz ist auf einen unrechten Weg gerathen, der zu Unglück und Verderben führt. Herr, lasse mich ein Ende machen, gib mir Kraft zum Guten, daß ich nicht unterliege." — Eine Woche später wanderte Sibille nach dem schönen Städtlein Nidda, eine Meile nordöstlich von Bingenheim, lieblich in einem fruchtbaren Thale an dem Flüßchen gleichen Namens gelegen. Dort kaufte die geschickte Arbeiterin allerlei feine bunte Wolle, Seidenfäden, Garn und sonstige Stoffe für ihre zierlichen Gebilde. Der Weg nach dem Städtlein führt über einen Höhenzug, der von herrlichen Laubwäldern bedeckt ist. Eine halbe Meile weit wandert der Reisende auf dem sogenannten „Amtspfade" wie in einem Märchenwalde, fo schön sind die einzelnen Parthieen des Weges. Je eine Viertelmeile vor Bingenheim und Nidda liegen fruchtbare Felder. In einem kleinen Thalkeffel dicht vor Nidda findet man die Heilquellen Salzhausens. Die Septembersonne lag über dem Niddathale; schon fingen die Laubwälder an, ihr grünes Kleid in ein buntes umzuwandeln. Die fleißigen Ackerleute stellten die Wintersaaten aus. Auf der Höhe hinter Salzhausen, dicht am Waldrande, bietet sich eine entzückende Aussicht. Sibille athmete die erquickende Waldluft und fchaute in die schöne Gotteswelt. Tiefer Friede zog ihr in's Herz. „Wo die Pflicht gebietet, muß die Person zurücktreten, lehrte uns der treffliche Hofprediger," sprach das Mädchen zu sich selber. „Ich kenne meine Pflicht, ich weiß, was mein Stolz und meine Ehre fordern, ich weiß, daß mein Herz und mein Gemüth Das ersehnen und verlangen, was niemals erreichbar ist, also muß ich entsagen und darf mir keine Gedanken in den Kopf setzen, die mir nicht geziemen." (Fortsetzung solgt.) Der Bienen-Vetter. Eine Heide-Novelle von C. Crome-Schwiening. —----- (Nachdruck verboten.) I. Es galt in ganz C., der blühenden Stadt am Eingänge der großen Lüneburger Heide, sür ausgemacht, daß Mariechen Schneider, das einzige Töchterchen des Domänenpächters Schneider, das hübscheste und begehrenswertheste Mädchen auf zehn Meilen in der Runde sei. Ebenso fest aber stand es unter den Offizieren des in C. garnisonirenden Infanterie- Regiments wie unter den jungen Referendaren und unbefol- ,eten Assessoren des Oberlandesgerichts, das seinen Sitz eben- alls in dem Städtchen hatte, daß des Domänenpächters Töchterlein eine der begehrenswerthesten Partien darstelle. Papa Schneider, der noch aus althannover'fchen Zeiten stolz ren Titel Oberamtmann führte, galt nicht mit Unrecht als sehr vermögend, sein Herrenhaus draußen auf der Domäne vor der Stadt zeichnete sich durch Gastfreundlichkeit aus, die von den Honoratioren C.'s gern genossen wurde, und Mariechen — ja, das große schlanke Mädchen mit dem braungewellten Scheitel und den großen braunen Augen, aus denen der Blick so tief und still und doch so offen hervordrang, war freilich ein Magnet, der der Freier schier mehr in das Haus des Oberamtmanns lockte, als weiland Penelope in das des herumirrenden Odysseus. So groß naturgemäß die Zahl der guten Bekannten des oberamtmännlichen Hauses war, so klein war die der eigentlichen Verwandten. Ja, bis vor wenigen Monaten, seit der Versetzung des Referendars Fritz Gerding an das C'erOber- landesgericht — eines Vetters der Frau Oberamtmann — hatte sich die ganze Verwandtschaft auf eine Person beschränkt und das war der Landwirth Hinrik Schneider auf dem nahen Landguts Horstfelden — der „Menschenscheue", wie ihn die weiblichen Bewohner von C. mit einigem Rechte nannten, der „Bienen-Vetter", wie ihn Mariechen seiner Leidenschaft für die Junkerei halber bezeichnete. Früher war Hinrik ein häufigerer Gast des Schneider'schen Hauses gewesen als jetzt. Allein auch damals war dies kaum aus eigenem Antriebe geschehen. Wenn ihn seine Geschäfte in die Stadt führten, so spannte er in der alten Gastwirth- schaft vor dem Allerthore aus und hätte still und gleichmüthig wie immer sein Mittagsmahl im Rathskeller eingenommen, hätte ihn nicht dann und wann sein Onkel Oberamtmann entdeckt und mit gutmüthigen Scheltworten ob feines „sich rar machen's" in seiner flinken Kalesche in das Herrenhaus entführt, als ihm selbst stets hochwillkommenen Gast. Diese Entführungen hatte sich Hinrik, der „Bienenvetter'" sonst in seiner gewohnten stillen Weise gefallen lassen; seitdem Fritz Gerding draußen bei Oberamtmanns ein oft gesehener Gast war, hatte er indessen zum ersten Male nach Ausflüchten gesucht und den guten alten Oberamtmann damit fast ernstlich erzürnt. „Laß mich lieber hier, Onkel - ich tauge heute nicht unter Menschen!" „Aber Junge, Du treibst Deine Msnschenscheu zu weit. Uns wenigstens könntest Du von ihr ausnehmen. Zudem sind wir ganz allein. Meine Alte, die Marie und der Jura- Vetter, Du weißt schon." „Ich danke herzlich, lieber Onkel — aber laß' mich!" „Du bist unverbesserlich, Junge — das Mädel hat Recht, wenn sie Dich den „Bienen-Vetter" nennt, Deine Bienen gehen Dir über die ganze Verwandtschaft. Gott befohlen!" Damit war der Alte, der feinen Neffen trotz seiner 252 Gsnr-rnnütziges ttni Vevnrifchtes Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen. Wiederherstellung von rauh und hart gewordenem Sammet. Man befeuchte den rauh und hart' gewordenen Sammet auf der Rückseite und ziehe ihn über ein , heißes Eisen. Bügeln darf man den Sammet nicht, vielmehr „ muß das Eisen gehalten und der Sammet mit seiner Rückseite,) darüber hinweggeführt werden. " Leim, der sich im Wasser nicht auslöst, kann man nach dem „Holzarb." in folgender Weise leicht selbst her« stellen. Man übergießt gewöhnlich guten Leim mit Waffec und läßt ihn eine Zeit lang ziehen, dochZnicht so lange, daß er in einen gallertartigen Zustand übergeht. Dann gießt man Leinöl über denselben, bringt ihn überMwaches Feuer und läßt ihn darüber, bis er vollkommen aufgelöst ist, worauf man ihn in Gebrauch nehmen kann. Dieser Leim wird nach beir Trocknen außerordentlich hart und widersteht jedem Einfluß von Feuchtigkeit. . Kartoffelkrusten. Man kocht zwanzig mehlige Kar-. 'toffeln, läßt ste völlig erkalten und reibt sie dann fein.Ja 100 Gramm Butter werden hierauf zu Schaum gerührt, drei ( Eier, ein Eßlöffel Mehl, Salz, Pfeffer, geriehene Muskatnuß, J sowie die Kartoffelmaffe hinzugefügt und nun kleine Röllchen aus dem Teige geformt. Man wendet sie in Ei und geriebener Semmel und bäckt sie in Schmalz-Butter goldbraun. Diese Krusten werden besonders gerne um Wild- oder Lammbraten garnirt. Touristin: „Ach, dieses wunderbare stundenlang daran weiden!" — ungeniert zua, meine Küah freffen Ri! Stille hl einer Vi Bon hiel eiteren ''i fette Wegstelle gleitet, an einer Reh glitten a schmerz, Knöchelgl sich auf, sobald stl Der Fuß gefunden. „W muthig d Stelle, v hob e« a Krücke be wärts ar Neuem z sie könnt, heftig wr soll aus Wandere: nachten । Hände fa Sib arbeitete tigen Bu den Verß Anstrengr schwollen, werden k. Die an, zu I hilf mir! betete sie Auf dem Lande. Grün! Man möchte sich Bauer: „Weiden S' nur do net Alles ab." Gemüthlich. Vermiether: „Dös is scho' 's zehntemal, daß i weg'n dem Hauszins komma muß!'! — Miether: „Ja, haben Sie denn sonst gar nichts zu thun?" „Ist achtzehn gewesen!" „Ja, doch!" der Oberamtmann kratzte sich den mit kurzen straffen Haaren noch immer voll besetzten Kopf. „Halt' mal eine Lieblingsidee mit dem Mädel und dem Hinrik —" „Alter!" jetzt lachte die Frau Oberamtmännin hell heraus. „Der und unser Kind? Wo hast Du denn,Deine Augen, Alter? Haben wir darum unser Kind erzogen, um es an der Seite eines Hypochonders versauern zu laffen? Und der Hinrik? Der denkt nicht an's Heirathen. Der lebt und stirbt ja nur für seine Feldwirthschaft da draußen und für seine Imkerei da in der Heide. Gott behüte, baß ich meine Tochter dahineinsetzte!" Der Oberamtmann trank hastig sein Glas aus und setzte es derb auf den Tisch: „Der Wein schmeckt heute nach dem Proppen!" brummte er. „Gesegnete Mahlzeit!" — (Fortsetzung folgt.) * ♦ Auch einSchuldner. *„Sieh, Adolf, dort drüben sitzt Dein Schneider!" — „Bitte, schau' nicht hinüber, sonst grüßt er!" — „Steht Ihr nicht gut miteinander?" — „O doch — aber er ist mir noch die Quittung über zwei neue Anzüge schuldig!" „Schrullen", wie er das stille Wesen Hinrik's bezeichnete, sehr schätzte, in seine Kalesche geklettert und ärgerlich davongefahren. So sah er wenigstens nicht, daß es in den Schläfen Hinriks glutroth sich färbte und daß es um feine Lippen so seltsam zuckte, als es wie ein Hauch darüber hinglitt: „Bienen- Vetter!" „Ich traf Hinrik", erzählte der Oberamtmann eine Stunde später beim Mittageffen- „Er wollte nicht mit herauskommen." „Aah", machte seine Frau überrascht, „weshalb denn nicht?" „Weiß ich's?" entgegnete ärgerlich der Oberamtmann. „Er mochte nicht. Es wird alle Tage ärger mit ihm. Und wenn ich denke, wie flott und lebenslustig er früher als Student war — —" „Was? Der Bauer hat studirt?" warf Fritz Gerding überrascht ein. „Und ob, sag' ich Dir. Ich glaube, er hat sogar sein Doctordiplom in der Tasche. Philosophie war's, glaub' ich. Und was den „Bauer" anlangt, mein lieber Junge — so nenn' ihn lieber nicht zum zweiten Male so. Weiß der Kuckuck, was ihn dazu gebracht hat, sich draußen auf seinem väterlichen Erbtheil zu vergraben — aber für den Hinrik leg' ich beide Hände ins Feuer---" „Und läßt darüber das Esten kalt werden," schalt ihn seine Gattin. „Hier tranchier' die Hühner." Der junge Referendar kämpfte eine leichte Verlegenheit nieder und sah auf Cousine Mariechen. Aber einen Blick aus ihren Augen, den er suchte, fand er nicht, sie waren auf den Teller gerichtet, der vor ihr stand. Grundverschieden waren ste, Mariechens beide Vettern, darüber war kein Zweifel. Fritz Gerding war die Lebenslust selber. Er hatte einige Semester länger studirt, als nöthig gewesen — aber das war er seinem Corps schuldig. Und wenn er so dastand, im modischen Hellen Jaquetanzuge, den feinen Strohhut auf dem dunklen Haar, mit dem lachenden Gesicht, dem ein schnurgerader „Durchzieher" und ein flaumiges Bärtchen auf der Oberlippe gar so gut stand, dann unter- schied er sich freilich sehr zu seinem Vortheil von dem „Bauer" Hinrik mit seiner grauen Jagdjoppe, dem verblichenen Filzhut und den derben hohen Stiefeln. Es gehörte schon ein aufmerksames Auge dazu, um in dem vom blondem Bart umwallten Antlitz Hinrik's lesen zu können. Aber dann sprach diese hohe freie Stirne, sprachen diese Augen, die sich gewöhnt hatten, von den Menschen hinweg sich der Natur zuzuwenden und auch dieser festgeschlossene Mund sprach — und dem Kundigen sprach er von herbem Leid, das einst dem stillen Manne widerfahren. — Das Mittagesten war vorüber. Fritz und Mariechen waren aufgestanden und auf den großen, mit alten Kastanienbäumen bestandenen Vorhof herausgetreten. Marie wollte dem Vetter die jungen Puten zeigen, für die der junge Rechts- beflissene ein großes Interesse an den Tag zu legen schien. Der Oberamtmann und seine behäbige Gattin waren noch an dem Tische sitzen geblieben; der Alte wollte den Rest der Rothweinflasche in Ruhe austrinken. „Da gehen sie!" sagte die würdige Frau, auf Marie und Fritz deutend, die plaudernd unter den breitästigen Kastanien dahinschritten. — „Hm —was meinst Du eigentlich dazu, Alter?" „Wozu?" fuhr dieser auf, dem eben wieder der „vertrackte Hinrick" durch den Kopf gegangen war. „Ra, fahr' mich nur nicht gleich an, Du Brummbär! Die da draußen mein ich, unser Mariechen und Vetter Gerding. Es ist ein stattliches Paar!" „Ja, soll's da hinaus? der Junge ist ja noch nichts!" „Wird's aber!" erwiderte die Oberamtmännin eifrig. „Der Präsident meinte neulich, in dem Fritz stecke ein tüchtiger Jurist. Na, und was die Vermögen hüben und drüben anlangen — pauvre ist er doch nicht, das weißt Du und wir-- „Frauenzimmergeschichten," unterbrach der Alte sie unwirsch. „Er ist noch jung und unser Kind —" 6^ Nr.k i s- । - ■ I