AnLevhaLtnngsblatt $um Gietzenev Anzeigen (G-neval-Anzeigrv) 1894. !B ssg§giiij'“c?n jWFüa: WE MMMWW J j-/^; << . -E ;• ■.? . WWOE^^KM Samstag, den 1. September. Geläuterte Herzen. Novelle von Johanna Berger. (Schluß.) Er hatte bis jetzt wenig Verkehr zum weiblichen Geschlecht gehabt, und er dachte so recht als idealer Mann von den Damen. Aeltere Frauen hatten etwas Ehrwürdiges für ihn, junge Mädchen etwas Heilige«. Liebeständeleien verdammte er und Sittenlosigkeit war ihm ein Gräuel. Er selbst verstand sich aber zu beherrschen und ließ so leicht keine leidenschaftliche Liebe in seinem Herzen aufkommen. Nun hatte er Annie kennen und lieben gelernt und der süße, berückende Reiz, der ihr eigen war, steigerte seine Liebe doch zur Leidenschaft und fing an, sein ganzes Leben zu beherrschen. Er hatte niemals ein Phantasieleben geführt und so überlegte er auch nicht lange, sondern dachte ernsthaft daran, sein Junggesellenthum aufzugeben und das liebliche Mädchen als Gattin heimzuführen. Daß er bedeutend älter war, kam bei ihm nicht in Betracht. Er konnte ihr ja eine sorgenfreie Zukunft bieten, eine angesehene Stellung in der Welt und ein reines Herz voll warmer Liebe. — Alles, was ein Mädchen sonst nur beglücken kann, besaß ja in Wirklichkeit der gute Professor. Und er wollte sie auf Händen tragen, wenn sie die Seinige geworden war. Er hoffte von ganzer Seele, daß er sie erringen würde, zumal er allen Grund zu haben glaubte, daß die Frau Rath seine Werbung begünstigen werde. Und nachdem er seinen Entschluß gefaßt, hielt er auch mit der Zähigkeit seines Characters daran fest. Er machte Annie einen Antrag und zwar einen schriftlichen. Dieser Brief rief zumal bei der Frau Rath die höchste Aufregung hervor. Ehe Annie ihn nur zu Ende gelesen hatte, stürmte die Mutter schon mit Fragen über den Inhalt auf sie ein und al« sie den wichtigen Inhalt in Erfahrung gebracht, da faltete sie ihre Hände wie zum Gebet und blickte dankerfüllt zum Himmel hinauf. „Annie, mein Herzenskind — Gott fei gepriesen! Du bist nun versorgt, wenn es einmal mit mir an's Sterben geht!" sagte sie tief ergriffen. „Der Professor ist ein respectabler, ehrenfester Mann und Du wirst unbeschreiblich glücklich mit ihm werden I Es gibt gute Männer und böse Männer auf der Welt, aber er ist einer der Besten von Allen I Daß er Dich liebt, wußte ich schon längst, und wie danke ich Gott, daß er ihm die Liebe zu Dir in's Herz gelegt hat. — Zuerst fürchtete ich freilich, daß Du den Lieutenant nicht vergessen könntest, aber als ich sah, daß diese Gefahr vorüber wär, athmete ich erleichtert auf. — Und nun nimm meinen herzlichen Glückwunsch an, mein liebes Kind, und den Segen der Mutter!" Annie wurde weiß wie der Kalk an der Wand, das Licht verschwamm vor ihren Augen und eine furchtbare Angst brachte ihr eine Anwandlung von Ohnmacht. Sie wankte und fank schwer auf einen Sessel. „Mein Kind! Mein Herzenskind! Wie stehst Du aus, was hast Du?" rief die Räthin erschrocken. „Liebe Mama!" stammelte sie gepreßt. „Ich muß Dir von Neuem Kummer bereiten. Ach, Mitleid hab' ich mit mir selber, daß ich's muß! Aber ich kann nicht thun, was Du wünschest — ich kann den Professor nicht heirathen! Es ist mir unmöglich!" „Unmöglich? Aber warum unmöglich?" frug die Mutter starr vor Staunen. „Weil ich ihn nicht liebe — weil ich überhaupt keinen Anderen mehr lieben kann! Ich werde überhaupt wohl mich niemals verheirathen, Mama!" Die Mutter sah sie halb erschrocken, halb zweifelnd an und schüttelte ärgerlich den Kopf.s „Du bist von Sinnen, Mädchen! Denn Du weisest ein Glück von Dir, um das tausend Andere Dich beneiden würden. Es ist besser, einem braven Manne als Gattin anzugehören, als ein ganzes Leben mit einer unglücklichen Liebe vertrauern!" „Ich will dieser Liebe getreu bleiben, wenn sie auch hoffnungslos ist," erwiderte Annie mit Festigkeit. Die Mutter rang die Hände. „Annie, jetzt sei einmal vernünftig!" rief sie energisch, fast drohend. „Ich bin eine alte Frau und weiß, wie schnell diese ersten Jugendlieben überwunden werden. Die Zeit heilt Alles, auch kranke Herzen- Du bist nicht dazu geschaffen, Dich ewig in Sehnsucht zu verzehren und Phantomen nachzuhängen. Und was willst Du anfangen, wenn mich der Tod ereilt — dann stehst Du mutterseelenallein auf dieser Erdenwelt. Da« rum überlege Dir die Sache einmal ganz in Ruhe und dann entscheide mit Verstand. Solch' ein Glück winkt Dir nicht zum zweiten Mal! Das bedenke! - Darf ich dem braven, guten Professor nicht schon heute ein Fünkchen Hoffnung geben? — Du kannst Dir doch denken, wie glücklich ihn das machen würde I" Annie zitterte an allen Gliedern. „Nein! Nein! Um Gotteswillen nicht!" rief sie entsetzt. „Ich kann nicht» versprechen — ich will auch nicht I Ich hei« rathe den Professor nicht! Sei nicht böse, Mama, aber mein Entschluß steht fest! Ich kann keinen Mann heirathen, den ich nur achte, aber nicht liebe." — 406 — Annie saß am Fenster weit vorgebeugt und den Blick Lie alte Dame brach über diese starre Erklärung der I mächtigen Qualm verbreitend. Rasselnd liefen die Wagen Über Tochter in Thränen aus. Sie weinte und schluchzte Herz- die Weichen und immer schneller ging die Fahrt. brechend. Dann bedeckte ste das Gestcht mit den Händen und I Annie saß am Fenster weit vorgebeugt und den Blick sagte seufzend: „Solch' ein Glück mit Füßen zu treten, Annie, voll Trennungsweh auf die schöne Kurstadt gerichtet. Noch wie es sich vielleicht Dir nie wieder bietet, es ist unerhört-" einmal — zum letzten Mal entrollte sich vor ihr das ent- — Dann weinte die Frau wieder bitterlich. zückende Landschaftsbild, die herrlichen Karlsbader Berge, Dieser Anblick erschütterte Annie, auch ihr kamen die Kuppe um Kuppe und ferne Höhenzüge. Das malerische Eger- Thränen in die Augen. Zerknirscht kniete sie vor der Mutter thal schimmerte herauf mit seinem sonnenbeglänzten Fluß, im nieder, küßte ihre Hände und streichelte ihr den Arm. Flehent- Hintergründe der Hirschensprung mit seinem Kreuz und der lich bat sie, ihr nicht zu zürnen. I Gemse, und zum letzten Male grüßte die Franz-Josess-Höhe „Ich möchte gern gehorsam sein, Mama," schluchzte sie, mit ihrem Gloriet. Im raschen Fluge ging es vorwärts an „aber in diesem Falle kann ich es nicht! Dringe nicht mehr I Wäldern und einsam gelegenen Kohlenmeilern vorbei. Dicht in Dein armes Kind. Ich kann meine erste Liebe nicht ver- am Wege reihten sich kleine Kapellen, Bildsäulen und Kreuze, geffen, Du weißt es gar nicht, wie viel ich um ihn geweint I Dann bog der Zug plötzlich in eine düstere Waldgegend habe, so viel bittere Thränen, wie wohl selten ein Mädchen I ein, wo sich große dunkle Tannen riesenhoch aus schwarzem in meinen Jahren geweint hat. Aber ich trug mein Schicksal I Moor erhoben und jeder Fernsicht den Blick entzogen. Das schweigend — um Deinetwillen, Mama, und übte mich, zu I Gebirge blieb dahinter zurück, die anmuthigen Höhen und liebleiden und zu entsagen, ohne zu klagen, damit auch Dir das I lichen Thäler — und Alles, Alles, was Karlsbad so bezaubernd Herz nicht schwer wurde!" I macht. Und dann barg Annie leidenschaftlich weinend ihr Haupt „Vorbei! Vorbei!" erklang es in Annies Herzen und ste in der Mutter Schooß. I lehnte sich in ihren Sitz zurück, deckte die Hand über die Augen „Ach Annie, ach Kind! Wie habe ich Dich und Deine erste I und weinte. — Liebe verkannt!" rief darauf die alte Frau in überströmender * * * Reue und streichelte ihr zärtlich den dunklen Scheitel. „Aber I h .. nv sKUnt« £ « MAS D-r ZA- ä S Vuienbä leib Ä S tff" in eine kalte Leichenbecke, unter ber fast alles Pflanzenleben MädSen blickte dankbar m der Mutter auf und erstarrte. Eisige Nordstürme durchtosten die Lüfte, die Ge- saate- Und Du ickreibii ibm bitte aleich beute daß ich seine ! wässer waren erstarrt und auf den entlaubten Bäumen lag bÄ« llebe .1Ä ÄÄW# Wi-M- Md Aber aSl- Das mufi ia leider sein!" sommerlicher Frieden. Es war ein bescheidenes Haus mit ",Und dann reisen wir morgen schon ab? Bitte, bitte, I kleinen eingerichteten Zimmern, an Traulichkesi aber überreich, liebste Mutter!" flehte das junge Mädchen. I Mutter und Tochter saßen am gemüthlichen Fammentisch „Wenn Dir so viel daran liegt, ist es mir auch recht! ! und arbeiteten. Die Räthin hatte einen großen Nähkorb vor Meine Kur ist beendigt und die vier Wochen in Karlsbad I sich stehen und nähte emsig darauf los. Die Servietten, die haben viel Unruhe und Kummer gebracht. Auch ich sehne mich sie säumte, sollten morgen noch in die große Wäsche. Anme nach unserem friedlichen Heim. Aber ehe wir abreisen, schrei- war mit einer feinen Stickerei beschäftigt und entwickelte gletch- ben wir erst einen Brief an den guten Professor Hiller und I falls eine emsige Thätigkeit. klären ihn höflich auf, warum Du feine uns beehrende Werb- Es war anheimelnd im Wohnzimmer der beiden Damen, ung leider nicht annehmen konntest." Auf den Fenstern blühte und duftete ein ganzer Blumenflor Annie nickte zustimmend. und der gelbe Kanarienvogel in seinem vergoldeten Bauer . * | sang fast eben so schön, wie im Lenz die Vöglein im Walde. * Sogar Suse, die schneeweiße Hauskatze, schnurrte behaglich Am nächsten Tage waren die Koffer zur Reise gepackt am warmen Ofen. Von der Straße her tönte der Klang Fräulein Brunner kam, um den Damen Blumen zum Abschied einer Drehorgel, welche den Donauwalzer spielte, und aus zu bringen. Sie weinte, denn das Scheiden von der lieben dem Servirtischchen summte das Wasserkesselchen auf der Ber- Annie that dem alten Fräulein bitter weh. zeliuslampe, aus dem der Nachmittagskaffee gebrüht werden Die Damen und Fräulein Brunner hielten übrigens so sollte. .. gute Freundschaft, daß letztere hatte versprechen müssen, nach Annie war kein halbes Kind mehr, sondern eine gereiste Beendigung der Saison, wenn keine Kurgäste mehr in Karls- Jungfrau von dreiundzwanzig Jahren. Aber die schlanke zter- bad waren, auf Besuch zur Frau Rath Göhren nach Stettin liche Gestalt bewegte sich noch eben so leicht und ohne Zwang, zu kommen und ste freute sich jetzt schon auf die Fahrt in die als ob sie nur siebzehn Jahre zählte. Friede leuchtete aus fremde Welt und auf das Wiedersehen. bett blauen Augen unb Gesunbheit von der zart gerötheten f Nun rollte ber Wagen vor bas Haus, ber bis Damen Wange. Das süße Gesicht war heiter und frisch, ste blühte nach dem Bahnhof bringen sollte; jetzt gab es noch ein letztes wie eine Rose. o » kurzes Abschiednehmen, dann zogen die Pferde an. Das Ge- Sie hatte den ersten größten Schmerz rhres Lebens längst fährt setzte sich in Bewegung und fuhr rasch die Straße hinab, überwunden und wieder Freude am Dasein gewonnen. Aber In einer halben Stunde war der Bahnhof erreicht. Die | vergessen hatte sie doch nicht und die Erinnerung an ihre ver- Räthin winkte einen Kofferträger herbei, der ihr Handgepäck lorene Liebe feuchtete ihr noch oft die Wimpern, doch die in Empfang nahm und die Collis expediren ließ. Dann eilten Thränen kamen nie wieder ins Strömen. beide Damen in die große Halle, aus welcher der Zug ab- I Sechs Jahre waren vergangen, seitdem Bernthal sich von fahren mußte. Eine Menge von Waggons standen auf den I Annie getrennt hatte, und sie hatte nichts wieder von ihm er- Geleisen und aus bett Wartesälen fluthete eine wahre Menschen- fahren. Sie wußte nicht, ob er lebendig war oder todt — welle. Das war ein Hasten, ein Drängen und Schieben und aber die Treue hatte sie ihm gehalten. Den lungen Männern, es gehörte Kraft und Umsicht dazu, in diesem Gewoge sich zu welche sich um ihre Gunst bewarben, begegnete sie mit ruhiger behaupten und einen guten Platz im Zuge zu erobern. End- Unbefangenheit und versicherte ihnen lachenden Mundes, daß lich hatten die Damen in einem fast unbesetzten Coupö eine sie nicht daran dächte, zu heirathen und frohen Herzens dem bequeme Unterkunft gefunden und athmeten erleichtert auf. ehrsamen Stande der alten Jungfern entgegengehe. Gleich darauf setzte sich das schnaubende Dampfroß in Sie tummelte sich von früh bis spät in dem kleinen Haus- Bewegung — ächzend, stlhnend, wie in schwerer Qual und ' halt umher, kochte, bügelte und hantierte mit Lust und Freude. — M — Arbeit war ihre beste Arznei gegen Schwermuth und ließ ihr keine Zeit zum Grübeln und Trauern. Zuweilen sang sie auch bei der Arbeit, aber kein trauriges Lied, sondern eine heitere fröhliche Weise. So schwanden die Jahre dahin, ruhig, ohne Stürme und Mühseligkeiten und von vollkommenem Frieden erfüllt. Man konnte sie aber nicht langweilig nennen, denn sie waren reich an stillen Freuden. So saß Annie auch heute friedlich an ihrem Stickrahmen und füllte die Nachmittagsstunden mit Arbeit aus. Zum Abend waren ein paar Freundinnen geladen, welche häufig in dem sehr gemüthlichen Wittwenhäuschen einkehrten, um einige Stunden mit Erzählen von Stadtgeschichten zu verbringen, welche auch die beiden Damen nicht ganz verschmähten. „Du möchtest doch den Kaffeetisch Herrichten, Annie, das Wasser kocht schon sehr lange," sagte die Räthin zu ihrer Tochter. „Ich bin bei meiner Näherei ganz durstig geworden, und sehne mich nach einem Täßchen Kaffee. — Du kannst auch die Lampe anzünden, es wird ja völlig dunkel im Zimmer 1" Annie erhob sich sogleich von ihrem Sessel uud eilte ge- schäftig hin und her. Sie breitete schneeweißen Damast über den Tisch, stellte die feinen Porzellantäßchen zurecht und holte aus dem Vorrathsschränkchen die silberne Zuckerschale und das silberne Kuchenkörbchen mit dem frischen Gebäck. Dann brühte sie den Kaffee auf, dessen Aroma die Luft mit würzigem Duft erfüllte. Eben hatte sie die große Hängelampe über dem Tische angezündet, als draußen vor dem Hause mit ungewöhnlicher Eile eine Droschke vorfuhr. Die Frau Gerichtsräthin schnellte auf: „Gott l Gottl Da kommt unser Besuch schon und ich habe noch meinen Schlafrock an!" rief sie erschrocken. „Und da klingelt's auch schon I Geh nur, und öffne, Kind — und entschuldige mich! — Ich komme gleich!" Sie verschwand rasch im anliegenden Schlafgemach. Annie flog bereits hinaus und über den Halbdunkeln Cor- ridor zur Hausthür und öffnete. Auf der breiten Schwelle stand regungslos eine hohe Männergestalt im Reisemantel und sie hörte eine liebe nie vergessene Stimme. „Annie, mein herziges Mädel, da bin ich wieder!" klang's ihr mit einer Engelstimme entgegen. Sie blieb zitternd und verwundernd stehen. Ihre Augen starrten die stolze Gestalt an, wie einen Geist. War er es wirklich? — War es ihr Franz Bernthal? Dieser fremde Herr im schlichten dunkeln Civil sah ganz anders aus, als der elegante österreichische Offizier in seiner kleidsamen Uniform. „Annie ich bin'»! — Kennst Du mich nicht mehr? Ich sage Dir, ich bin's!" rief er jetzt heiter. Ja, er war es und kein Anderer, wie konnte sie sich durchras Aeußere nur so verwirren lassen. Und er stand vor ihr mit strahlendenMugen und in so vollkommener männlicher Schönheit und Kraft, wie sie ihn vor Jahren in Karlsbad nicht gesehen hatte. Und plötzlich fühlte sie sich von seinen Armen umschlungen, und an seine Brust gedrückt. Er küßte ihr den Mund, ihre Augen und das braune wellige Haar. Und immer zärtlicher küßte er sie und immer fester preßte er sie an sein Herz. Er war still um sie her in dem dämmrigen Flur, ganz still. Sie fanden keine Worte in ihrer großen Seligkeit. Sie lagen sich in den Armen, küßten sich und sagten nichts und sprachen nicht. Im Zimmer nebenan hörte man ein Geräusch. Annie schrack auf und flüsterte: „Da kommt meine Mutter!" Er aber lachte leise und sagte: „Dann will ich zum zweiten Male um Dich bei ihr werben!" Und ehe sie es wehren konnte, hatte er sie auf seinen starken Arm gehoben — überwältigt von Glück, wie damals, als er sich mit ihr verlobte — und über den dunkeln Flur mitten über das hellerleuchtete Wohnzimmer getragen. Die Frau Räthin hatte eilig Toilette gemacht und schloß eben noch hastig ein paar Haken ihres Kleides. Jetzt wandte sie sich um, ihr Gesicht nahm plötzlich den Ausdruck starren Schreckens an und dann entfuhr ihrem Munde ein lauter Schrei. Gott im Himmel! Welch' ein Anblick! — Wie kam der wildfremde Mann dazu, ihre Tochter auf den Armen zu tragen. Bernthal riß jetzt den großen Filzhut vom Kopf und wendete der Frau Rath fein glückstrahlendes Antlitz zu — und nun erkannte sie ihn wieder. Die alte Frau war sprachlos. Zu der großen Erregung kam noch die Ueberraschung dazu. Ihre Augen verdunkelten sich von Thränen — sie wußte nicht, ob eine große Freude oder ein großer Schmerz sie treffen würde. Bernthal trat jetzt dicht vor sie hin, beugte sich über ihre Hand und küßte dieselbe in tiefster Bewegung. „Gnädige Frau müssen gütig verzeihen, daß ich solchen Schrecken verursachte. Aber das Glück und grenzenlose Freude übermannten mich so vollständig, daß ich übermüthig wurde. Ich bin nämlich jetzt in der glücklichen Lage, heirathen zu können — ich hänge jetzt nicht mehr von der Brutalität des fehlenden Geldes ab! So hoffe ich auch, daß Sie, gnädige Frau, nun mir die Einwilligung zu einem Ehebunde mit Ihrer Fräulein Tochter nicht versagen und zwei Menschen dadurch glücklich machen werden!" Das Licht der großen Hängelampe beleuchtete jetzt mit Hellem Schein das junge glückliche Paar. Bernthal war rasch zu Annie getreten und hatte den Arm um ihre Schultern gelegt. Beider Hände waren fest ineinander geschloffen. Die zarte Mädchengestalt schmiegte sich eng an den großen Mann, die blauen Augen sahen zu ihm auf wie verklärt. Und er hielt den schönen, characteristischen Kopf hoch aufgerichtet, kühn und siegesgewiß war der Blick seiner dunklen Augen und ein stolzes Lächeln schwebte um seinen Mund. So standen sie vor der Mutter. Dieser Anblick überwältigte und beruhigte die erregte Frau. Und sofort wieder herzlich und mütterlich theilnehmend legte sie ihre zitternde Rechte auf die verschlungenen Hände der Beiden und stammelte: „Gott sei gepriesen! Denn ich hätte es selbst im Traume nicht gedacht, diesen glücklichen Tag zu erleben; und Annie hoffte auch nicht mehr, Sie jemals im Leben wiederzusehen, mein Herr Sohn! — Doch jetzt ist Alles gut! Gott segne Euch und seid tausendmal gesegnet auch von mir!" Sie konnte vor Rührung und Ergriffenheit nicht weiter sprechen, ihre Stimme bebte. Erst nach einer guten Weile fing sie wieder an und fragte: „Sie haben wohl den Abschied genommen, um Annie heirathen zu können, lieber Sohn?" „Ja, Mutter, mit dem kaiserlich-königlichen Dienst ist es für mich längst aus!" antwortete er munter. „Ich schnallte meinen Säbel ab, sagte den Kameraden Lebewohl und wurde ein Landwirth. Am schönen Donaustrand in der ungarischen Tiefebene pachtete ich ein Gütchen. Dort steht ein kleines, von Reben umsponnenes Haus unter schattigen Plantanen. Das ist mein Daheim. — Eine schwere, sorgenvolle Zeit liegt hinter mir, die ich aber nicht mit Träumereien verlor, sondern ich arbeitete Tag und Nacht wie ein gemeiner Mann und machte meine Sache gut, trotzdem ich niemals landwirthschaftliche Studien getrieben hatte. Ich ging ganz auf in dem schwierigen Beruf, schaffte mit Kopf und Hand, um das Ziel zu erreichen, nach dem ich mich sehnte. Viel Arbeit und große Sparsamkeit haben den Erfolg herbeigeführt. Wenn ich mich spät Abends todtmüde auf mein Lager warf, dann leuchtete mir aus weiter Ferne ein heller Stern, und ein holdes Mädchenbild tauchte dann vor meinem geistigen Auge auf, das einmal an meiner Brust geruht und das ich nicht vergessen konnte. — Und nun fand ich immer frische Kraft und frischen Muth zu neuem Schaffen, und unverrückbar lockte das schöne Ziel. Ich wollte aber nicht eher etwas von mir hören lassen, als bis ich ganz am Ziele war, denn ein halber Erfolg hätte unser Glück nicht begründen können. Ich mußte meine Schulden erst los werden und dann mir genügendes Vermögen erwerben. Gott segnete mein Thun und jetzt fehlt es mir nicht mehr an Hab und Gut, ich bin ein wohlhabender Mann. Mit 408 der Viehzucht, die ich fleißig betreibe, hatte ich besonderes Glück. Sie brachte mir ein schönes Geld ein, ich habe alle meine Schulden davon bezahlt und noch ein paar Tausend Gulden erübrigt. — Und da konnte ich nun keinen Tag länger warten. Ich bin vorgestern Abend mit dem Schnellzug aus dem Süden abgereist und in den Winter in das fremde nordische Land, um mir mein Bräutchen heimzuholen. Ich biete Dir nur ein bescheidenes Loos, meine Annie, viel Arbeit und ein stilles, einsames Leben - aber auch viel, viel Liebe und Treue bis in alle EwigkeitI Willst Du damit zufrieden fein?" Ob sie es wollte? Sie schmiegte sich noch fester an seine Brust und sagte: „Ja, mein lieber Franz, das will ichl" In überwallender Liebe umarmte er jetzt nochmals seine Braut. Es dmchfluthete ihn heiß, als er zu ihren blauen Augen herniederblickte, den Sternen, die ihn hinübergeleitet hatten in ein neues, segensreiches Leben. — Und draußen tobte der Wintersturm über das Land und der Schnee fegte in großen weißen Flocken gegen die Fensterscheiben- Es war ein Brausen und Tosen in den Lüften, ein Wüthen in der Natur, als wäre der Welt Untergang. Aber in der Stube der Frau Rath war heilige Ruhe und seliger Frieden. Das junge Paar hatte viel erduldet, viel gelitten, jetzt war Alles überwunden. Sie waren vereint und in der süßen Wonne des Wiedersehens schwanden ihnen die langen Jahre der Trennung wie ein Traum dahin. Und als dann die Freundinnen des Hauses kamen, blickten sie mit Staunen auf ein glückliches Paar und die Frau Rath erklärte, daß bereits in vier Wochen die Hochzeit stattfinden müsse, denn ihr Herr Schwiegersohn, der Gutspächter in Ungarn sei, brauche für seine Wirtschaft sehr nöthig eine junge Frau. Gemeinnütziges. % — Zum Mästen der Hühner besitzt der Bruchreis alle günstigen Eigenschaften im höchsten Grade. Zunächst ist feine mehr rundliche Form dem leichten Durchmengen und Durch- einanderarbeiten, sowie Anfeuchten in Kropf und Magen förderlich, es entleeren sich sonach diese Organe rascher und leichter wieder und sind dann zu erneuter Nahrungsaufnahme befähigt. Zu dieser leichten mechanischen Vorarbeit im Magen des Huhnes gesellt sich noch eine außerordentlich leichte Verdaulichkeit, in welcher Hinsicht keine Getreideart dem Reis gleichgestellt werden kann. Es erlaubt sonach der Reis die reichlichste Fütterung in der kürzesten Zeit, auf welchen Punkt es gerade bei der Mästung eigentlich ankommt. Bruchreis kann auch sehr billig bezogen werden und verwerthet sich sonach zur Mast vorzüglich, jedoch muß ein Punkt wohl beachtet werden. Der Bruchreis ist nämlich häufig, besonders in seinen Ecken, durch längeres feuchtes Lagern stark verschimmelt; man muß ihn deshalb vorerst durch den Geruch und Geschmack prüfen, und wenn dieser auf starke Verschimmelung weist, muß man ihn vor der Verfütterung gelinde rösten, was am besten in Trommeln geschehen kann, wodurch die Schimmelbildung zerstört wird. * • Feuchte Zimmer. Um zu untersuchen, ob ein Zimmer feucht ist, hat man folgende Vorkehrungen zu treffen: Das Zimmer wird gut verschlossen, nachdem man in demselben eine ganz genau abgewogene Menge frisch gebrannten und feingestoßenen Kalk aufgestellt hat. Erst nach 24 Stunden wiegt man den Kalk wieder ab und stellt den Unterschieb fest. Beträgt die Gewichtszunahme mehr als 1 pCt , so ist das Zimmer wegen großer Feuchtigkeit für die Gesundheit der Menschen nachtheilig. Um die so lästigen Lhrgewürmer in Gartenlauben von Menschen serne zu halten, lege man bei trockenem, warmem Wetter auf den Boden der betreffenden Stelle in Wasser geweichte Pappe und auf diese, die man ringsum etwas vorstehen läßt, eine Ziegelplatte. Nach je 12 Stunden nimmt man das unter der Fangvorrichtung angesammelte Ungeziefer hinweg, außerdem verstreiche man alle Schlupfwinkel in der Laubs sorgfältig mit Cement- * Ein empfehlenswcrther Trauerbaum für Grabstätten. Es ist gewiß nicht zu leugnen, daß die Sitte, Trauerbäume auf die Gräber unserer Dahingeschiedenen zu pflanzen, eine schöne und sinnige ist, doch gibt der Umstand, daß viele dieser Bäume nicht für diesen Zweck so recht geeignet, Veranlassung dazu, einen Trauerbaum zu empfehlen, der in jeder Beziehung der Anpflanzung werth ist. Es ist dies die Trauerkirsche. Sie ist neueren Ursprungs und macht in keiner Weise größere Ansprüche an Boden, Lage und Behandlung, als unsere so vielfach verwendeten Trauereschen oder Trauerweiden. Sie wird hochstämmig auf gemeine Kirschstämmchen veredelt, hat schmale, glänzend dunkelgrüne Blätter und hängende, kugelsörmige Krone. Als ein besonderer Vorzug der Baumes möchte noch genannt werden, daß er zu vollkommener Ausbildung seiner Krons nur geringen Raum bedarf. Er eignet sich deshalb auch zur Anpflanzung für solche Gräber, welche zwischen schon älteren Trauerbäumen (Trauerweiden oder Trauereschen) belegen sind und von deren Bepflanzung mit Trauerbäumen aus diesem Grunde bisher abgesehen werden mußte- * , Den Gänsen darf es* nie an frischem Trinkwaffer fehlen, da stehendes Wasser gern taub und faul wird. Schon häufig ist die Wahrnehmung gemacht worden, daß Gänse, welche mit solchem Wasser getränkt wurden, erkrankten und starben. _____________ Vermischtes. Umschreibung. Rechtsanwalt: „Ihr leugnet also gar nicht, den Kläger geschlagen zu haben; könnt Ihr denn nichts zu Eurer Entschuldigung anführen?" - Klient: „Ei freilich, Herr Rechtsanwalti Sehen Sie, wir haben in unferm Dorf gerade Kirmes, und da bin ich die ganze Woche hindurch in mildernden Umständen gewesen." ♦ * Die Entführung. Braut (die sich von ihrem Verehrer hat entführen lassen): „Hier ist ein Telegramm von Papa." — Bräutigam: „So, was schreibt er denn?" — Braut: „Komm' nicht zurück und Alles ist vergeben." Durch die Blume. Untersuchungsrichter: „Wie alt sind Sie?" — Zeugin: „Achtzehn Jahre." — Untersuchungs- richter: „Nunmehr werde ich Sie vereidigen. Sie haben von jetzt an die reine Wahrheit zu sagenI" Ausrichtig. Mutter: „Mit den kleinen Kindern hat man voch ein rechtes Kreuz . . . wenn sie nur erst ein wenig größer sind, dann geht es schon leichter I" — Besuch (ohnehin schon ergrimmt über das ungezogene Benehmen der Buben): „Da haben Sie recht, gnädige Frau — dann kann man sie wenigstens alle Tage ein paar Mal durchhauen!" * * Ach so! A-: „Sie verfehlen aber auch jeden Hasen!" — B.: „Ich kann ganz gut schießen, ich verliere nur zu leicht die Ruhe." — A.: „Ah, Sie bekommen Lampenfieberl" ♦ ♦ Scherzfrage. Worin *übertrifft der Dieb den Arzt? — Der Dieb weiß stcher, was den Leuten fehlt, wenn er weggeht. Redaction: I. V-: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.