MerIMuLreM 1894. Untevhaltringsblatt zrrnr Gießenev Anzeigen (GeNepal-Anzeigev) Dienstag, dm 1. Mai, W ■ MWWWMW^H ■unn»';-- > • . v IT1 ** 2:; , ^KI^ÄAWNüSDW EKMW^^WK'WW Die Hexe von Bingenheim. Von Gg. Schäfer. (Fortsetzung.) Rasch füllt sich der zweite Schloßhof mit hereindrängendem Volke, welches von neuem in Jubelrufe ausbricht, als sich das Fürstcnpaar an einem Fenster zeigte. Die Blumen« spenderinnen werden von dem Lehrer aus dem Gedränge ge« "Ährt. An der inneren Schloßbrücke staut sich die Menschen« mässe, daß die Kinder nicht weiter können. Auf dem Prell» stein daneben stand ein herrschaftlicher Stallknecht, der den Vorgang mit dem Blumensträuße von seinem erhöhten Standpunkte aus beobachtet und die kleine Blumenspenderin nun dicht neben sich sah. „Na, schwarz' Hex'!" sprach der Rohe mit Behagen, „hast Deinen Strauß zuletzt behalten müssen. Hättest 'auch besser gethan, zu Hause Werg zu spinnen, als sich unter die blumenstreuenden Bürgerkinder zu drängen. Solch aufgelesenes Gesindel muß aber überall zuvorderst sein." „Ich habe mich nicht herzugedrängt, es ist mir vom Pfarrherrn besohlen worden, da mußte ich gehorchen," sprach Sibylle Beilstein, der alten Anna Beilstein Enkelin von Bingenheim. „Hat sich was mit dem Befehlen, man weiß das schon lange und kennt Euer Gelichter." Die Kinder benutzten eine Lücke in der Mengs und zogen nach dem Schulhause, wo sie mit Wein und Backwerk be« wirthet wurden. Still und in sich gekehrt saß Sibylle vor ihrem Weinglase. Die Bretzel rührte sie nicht an, einmal weil ihrem kindlichen Herzen hart mitgespielt worden, daß sie keinen Bissen hinunter bringen konnte, dann: weil sie der alten Großmutter die Bretzel mitbringen wollte. „Sei getrost, mein Kind!" sprach der würdige Pfarrherr zu der Kleinen. „Lasse Dir den schönen Tag nicht durch ein kleines Mißgeschick verderben. Vergiß nicht, daß in jedem Freudenbecher auch ein kleiner Tropfen Wermuth zu sein pflegt. Grüße die Großmutter und erzähle ihr, wie schön Alles gewesen." Wie ein Sonnenstrahl ging es über das Gesicht des Mädchens; die großen, dunklen Augen leuchteten hell auf bei diesen Worten. Dankbar küßte Sibylle die Hand des Geistlichen und eilte davon. Im Schlosse war Abends ein herrliches Mahl aufgerichtet worden, an dem die geladenen Gäste, Cavaliere, hohen Beamten und Geistlichen der Landgrafschaft theilnahmen. Als Commissarius Caspari gegen Mitternacht sein Lager aussuchte, fiel ihm das Kind mit dem Blumensträuße wieder ein. „Die kleine Bauerndirne hat mich heftig aufgeregt!" sprach der Gestrenge zu sich selber. „Mir ist, als hätte ich diesen Blick schon einmal vor Jahren gesehen, weiß aber nicht wo. Ich weiß auch nicht, was mir so scharf in's Innere gedrungen, ob Zuneigung oder Widerwille! Zuneigung! Wie? Für eine uneheliche Bauerndirne! Der Gedanke ist abscheulich. Es wäre ein schwerer Verstoß gegen Sitte und Anstand von Seiten des Pfarrers, wenn er eine uneheliche kleine Dirne unter die Blumenspenderinnen ausgenommen hätte. Ich kann das nicht glauben und werde mit dem Geistlichen sprechen; der Forstmeister war der Ansicht, es sei ein uneheliches Kind, aber er kann sich irren. • Endlich senkte sich der Schlaf auf die Lider des Gestrengen, aber jäh fuhr er wieder empor; es schien ihm, als richteten sich zwei glühende Teufelsaugen auf ihn, die drohten, ihn zu versengen. Aus jeder Ecke blickten ihn die glühenden Augen an. Zuletzt barg er das Haupt unter die Decke, um des quälenden Anblicks ledig zu werden, aber jede Mühe war umsonst. Nun sprang er aus dem Bette und trat an das Fenster; um frische Luft zu schöpfen, öffnete er den einen Flügel und schaute hinaus. Herrlicher Frühlingsodem strömte ihm entgegen. Ueber dem Horloffthale lag, vom Mondschein überstrahlt, ein silberner Nebelschleier. Vor ihm, kaum ein Viertelstündchen gen Nord entfernt, befanden sich die stattlichen Dörfer Echzell und Gettenau, deren Helle Kirchihürme schlank in die Luft ragten. Deutlich vernahm Caspari den Glockenschlag, welcher die zweite Morgenstunde verkündete. Nach West und Südwest, nur eine halbe Stunde entfernt, lagen Heuchelheim und Reichelsheim; darüber hinaus konnten deutlich noch mehrere Kirchihürme unterschieden werden. Selbst die wuchtigen Massen des Taunusgebirges waren zu unterscheiden. Zu seinen Füßen, in den Büschen des Festungsgrabens, sang eine Nachtigall ihre unvergleichlichen Weisen. Ein tiefer Gottesfrieden lag über dem Ganzen, von Zeit zu Zeit durch ein leises Rauschen der mächtigen Roßkastanien im Schloßhofe oder der etwas entfernteren uralten Dorflinde, welche neben dem schmucken Kirchlein stand, geheimnißvoll unterbrochen. „Ein kleines Paradies!" sprach der Gestrenge, „das selbst durch die Greuel des dreißigjährigen Krieges nur wenig gelitten zu haben scheint. Hier könnte ich mich wohl fühlen! Daß mir der erste Tag durch diese kleine Bauerndirne so elendiglich verdorben werden mußte! Ich kann mir das Gesicht nicht aus den Gedanken schaffen und hasse das Geschöpf aus tiefster Seele!" Jauchzendes Rufen ließ sich aus dem nahen Dorfwirths- hause, das den Namen „Zum Darmstädter Hofe" noch heute 198 — Zweites Kapitel. der Gerichtsmami Merten Frickell. "Jedermänniglich ist bekannt, war für ein Hasenfuß Ihr fetb. Mtt einem Men Stocke de waffnei, getraut Ihr Euch nicht emmal zu einem tobten Hinkel unb nun fchwabronirt Ihr vom Hinausfuhrwerken. Ist das überall so Sitte bei Euch im Altkatzenellenbogtschen ober habt das von Eurer Urgroßmutter direct geerbt ? Fred Quaffel grinste hinter den großen Brillengläsern bub Stoffel an: „Halt ein, Du Aasjäger! Hast Du | nicht in der Schonzeit eine Rieke geschaffen und sie dann so I zurechtgeschneidert, daß man glauben sollte, er sei ein Rehbock! I Ein solcher Pfuscher und Lügner will Andere hänftln! Em« | tränken will ich Dir's, daß Du es niemals vergeffen sollst, 1 denn Du bist ein feiger Geizhals der seine Nebenmenschen I f&htbet unb vlaat, gegen Gottes Gebot. I $ Da kamen die Beiben scharf aneinander- Heinz woM i abwehren, aber es half nichts, er war zu schwach. Plötzlich 5 erschien Franz Schmidt der Junge. Er hatte bei den Branden« | Bürger blauen Kürassieren in den letzten W^eng^ient und war stark wie Simson. Mit der Rechten faßte er Dörr dusch, mit der Linken Langerhans am Krips, Hub sie schwebend empor wie zwei Spielbälle und warf sie über den Gartenzaun. Hinter diesem befand sich ein kleiner Entenp uhl. in welchen die beiden Streithähne ,ach hineinflogen, also, daß die der Landwirthschast gar dienliche Flüssigkeit hoch empor spritzte. „Alle gute Dinge sind drei!" sprach lachend der bärenstarke Franz Schmidt, ergriff den beinfertigen Steckenreuter Heinz Rabenholt und warf ihn den aus dem Tümpel ausi buchenden Wildhütern auf die Köpfe, daß sie alle drei noch einmal untertauchten, um darauf gemeinschaftlich an » Ufer zu krabbeln und nach Hause zu humveln- Zorn und Hitze war ihnen vergangen.^ Was die drei Ehehälften zu ihren lieblich duftenden Eheherrn beim Rachhaufekommen tagten, rote sie mit Kübel Besen und Bürsten an ihnen herum arbeiteten, bis der mnae Tag anbrach, ist nachmals bekannt geworden und hat an langen Winterabenden angenehmen Stoff zur Unterhaltung hervor Ma- öet^t ^enn j0 ein Schollenhupfer und Pfuhl« sabrer vom Hinausfuhrwerken I" antwortete Fred Quaffel hoch« Lia Hast Du schon einmal etwas von Orpheus gehört, als er9 mit feinen Meerungeheuern aus dem Wellengetumpe emvor stieg und die Ceres ans Land fetzte? Sah es nicht vorhin gerade fo aus, als die drei Schlucker aus dem O-ymp des Nachbars empor stiegen, triefend von Hector und Aloisia? Unb fo ein zweifpänniger Schimmelbauer unb doppelter Horn« viebbesitzer will mir pon Hafenfußerei vorcaprioltren l „Euer Griechisch unb Hebräisch laßt Ihr kmmer los, wenn ^br mit Eurem Bischen Latein zu Ende seid, antwortete Merten Frickell mit Gemüthsruhe. „Ihr wollt mrt solchem i mS« dem I», IÄ nicht« u-rsiM, in Resvect versetzen. Dergleichen Späße sind vorbei. Wir willen daß Ihr Eure Nasen in die Briese und Depeschen sieckt 'was Euch gar nicht zukommt. Ihr laßt Euch schmieren R- lauft nicht bla« d-u Christeudirnen, sogar dm Jud-umid-l« nachdarumhEfich Eure Frau kein Dienstmädchen mehr. Wenn Fürst Lhurn und Taxis, der kaiserliche Generalpostmeister, wußte, was sur I eine Krähe er sich durch Euch in seine Saat geletzt, er hätte I Euch schon längst abschießen lasten." m . nYt Brüllendes Gelächter folgte auf diese grobe Antwort. Zorn^ erhob sich Quaffel. Ein Kampf stand in Aussicht, aber die Umsttzenden wußten es bester. . . „Jetzt gebt acht, Ihr Männer, was der tapfere Goltath l^Ut!" imlmen^mb^te ich Euch!" donnerte Quaffel, indem er mit der geballten Faust auf den Tisch schlug, aber sogleich Au!" rief, weil er einen abgenagten Schinkenknochen getroffen hatte Zermalmen, wie Angias den Hector zermalmte, als M «TS »ft« MpurW herab sauste. Aber Ihr feid mir Alle mcht recht, ^hr seid nickt« als leibeigene Frohndknechte und müßt es Euch zur Ehre des Durchläuchtigsten Landgrafen schenke. Hier füllt mn noch । einmal den Humpen, dann werdet Rr wett r sehen Allgemeines Bravorusen folgte auf diese tapfere Der Humpen wurde gebracht. Quaffel ergriff ihn 3 sich langsam nach dem Ausgang hm. „Diesen schönen h wein wird meine Gattin aus's Woh der gnädigsten^verrschast trinken!» rief Quaffel. „Jhr KrautkÜpfe aber könnet mr M I den Buckel hinaufsteigen und in der Anke Mittag Y führt vernehmen. Caspari schloß das Fenster und suchte sein I Laaer aus. Die frische Lust und der friedliche Anblick in das I Mne Horloffthal hatten ihm gut gethan und fein heftig er« I regte« Gemüth beruhigt. Bald verkündeten regelmäßige | Atbemzüge, daß er die erfehnte Ruhe gefunden. I Jm9Garten des „Darmstädter Hofes" gmg es noch munter I m. Dorthin hatte der Landgraf em Fuder Wein schaffen I lassen, welches von den Gerichtsmännern, bem Lehrer. den I «ILft, »»d Jaadläufern, dem Zehnt- und Speicherpersonal, I de/Postschreiber und feinem Ausläufer getrunken werben I fnHte Das Faß war groß, es wurde aber doch bezwungen, I denn zuweilen schlüpfte eine Frau oder dieandere.mtnicht zu kleinem Milchtopfe unter der Schürze, herein und ließ sich I K mft d«m I-Mch-M M MM. N-h-d-m S-N- faßeu Au, Rabmhott, dn P»stISuI°r auch Sl-S-m-ul-r g-. nannt Peter Dörrbusch und Stoffel Langerhans, die beiden Wildhüter. We drei gönnten sich Alles, den Nebenmenschen aber nichts, also daß sie es baß verdroß, wenn ein Weiblein mit einem weitbauchigen Milchnapfe den schönen Wetn zu ver« ickti-nnm tracktete Sie hatten sich alle drei die Kopse yern ! getrunken und erzählten ihre Heldenthaten: im Wem ist Wahr« K^ Nii- mar es Stoffel" fragte Peter Dörrbu ch den Ge- u“ 6«®«$ i» n* Jahr-ch- WK-b-ft in Seinem Jagdhulo aihi-lt und Du te», »u ieieft davon auf dem einen Ohre taub geworden? Hemz lackte wie ein Spitzbube, als er das vernahm unb rief: „Gib's ihm zurück, Stoffel, laß Dich nicht hänseln von bem SbbTKm Heinz eine Maulschelle von Dörrbusch mit den Worten: „Kehr' Du vor Deiner Thür, seiger Wetber- knecht." Heinz zog sich etliche Schritte zuruck, rieb die ge troffene Stelle und that einen kräftigen Zug aus seinem geliefert $u QUt ^acht!" rief Fred Quaffel hör Nagsckreiber Schabe, baß ich den Durcheinander Nicht früher merkte, ich hätte mitgeholfen, bie Störenfriede hinaus« rufubrwerken" Bei diesen Worten schob Quaffel die thaler großen Brillengläser zurück, weil ihm das Sehinstrument ans die Nafensvitze herabgerutscht war, faßte mit der Linken bte wenigen Haarsträhne feines kahlen Schädels und legte sie quer über das fettglänzende Haupt. , , r h „Ihr seid doch der größte Prahlhans, Lugenbeutel und Aufschneider zwischen hier unb Frankfurt," bemerkte baranf @UtC Kaum batte sich der Tapfere gewandt, um den Ausgang zu gewinnen, da fuhr ihm ein steinerner Humpen, von Metten Frickells nerviger Faust geschleudert, mit solcher Wucht m Kreil! daß Quaffel kopfüber zu Boden stürzte, den gesumeii Lumv« von sich schleuderte Md di- Rost auf tem J«rt« Boden Mutig Wog. So schnell -« ferne ®?t»uleM!0 raffte er sich auf und verschwand im Dunkel der Nacht Zurückgebliebenen tranken das Faß leer und wankte schweren Köpfen nach Hause- „So etwas war noch n ch gewesen," meinten Alle, als sie sich trennten. Wenige Wochen waren nach dem festUchen Einzuge fürstlichen Paares in'« Land gegangen und schon W ’ J* ein lebhafteres Schaffen, Regen unb Ruhren n der Fuldifch^ Mark, denn je zuvor- Der Mge Fürst befahl, baß ge Stege ausgedeffert und hergerichtet wurden, worn $roei( Wagner und Schmiede nicht sonderlich erbaut «"em d m sie üermeineten, es ginge setzt nicht mehr fo »tel Geschirr zu Grunde als ehedem und sie wurden dadurch — 199 - das Siechthum, am 27. Juni 1651 gab das zarte Kind den ^^Da^entstand ein groß Weinen und Wehklagen im Schlosse. Die Herrschaft, insonderheit die junge Landgräfin, zerfloß in Thränen und wollte sich über den Verlust ihres erstgebocnen Lieblings nicht trösten lasten. Eine Landestrauer wurde wegen des höchstbedauerlichen Ablebens des Erbprinzen angeordnet; das Volk nahm an dem Unglück des Fürstenhauses herzlichen Antbeil. Man sah überall nur schwarz gekleidete Menschen und tiefe Betrübniß lagerte auf den Mienen der Leute. (Fortsetzung folgt.) Werthers Schatten. Novelle von Carl Cais au. (Fortsetzung.) Nun, wie ist's abgelaufen, Werth er?" fragte Reißner den Ankommenden, die Hunde zur Ruhe verweisens wobei er einige mächtige Züge aus der Pferfe ^t. »Apropor Werther, ist Deine Frau Mama auch eigen mit ihren Gardinen. Wir können ja die Fenster öffnen; es ist zudem sehr hech! „Mir lst noch heißer, Armin!" brummte Weither mch- ^Gab's eine Strafpredigt? So sprich doch!" Der Andere stöhnte: „Wenig Worte waren es von met- nem Alten, aber schneidend wie die Mester des Barbiers an der Universitälsecke!" Große Freude herrschte ob der Ankunft dieses Stammhalters bei seinen fürstlichen Eltern und bei allen Landeskmdern in der fuldischen Mark und als die Lüfte mild wehsten und die Maiensonne gar weich und lieblich vom blauen Himmel hernieder lachte, da brachte man das schöne Prinzlem hinaus I in'« Freie, damit es in der köstlichen Luft immer bester wachst und gedeihe. Wer das schöne Menschenkind sah, Jung und Alt, Groß und Klein, Arm und Reich, freute sich des lieb- I lichen Anblicks. | Im Brachmonat Juni des Jahres 1651 wurde es sehr heiß, daher trug man das Prinzlein erst gegen Abend spazieren. Um die Monatsmitte wurde es etwas unpaß. Der Hof- und Leibmedicus verordnete Umschläge; nach emer Wochegmges wieder bester, so daß Amme und Kmderfrau das Prmztem gegen Abend wieder in der zarten Luft spazieren tragen konnten. Sie gingen mit dem Kinde den sogenannten Herrn- oder Heerweg hinab, welcher von Bingenheim zwischen Wiesen un Felder gen Bistes führt. Auf halbenr Wege begegneten den fürstlichen Kinderwärterinnen der Schweinehirt von Bistes und fein Sohn. Jeder von ihnen hatte einen Sack nut junge« Schweinen auf dem Rücken hängen. Als die Träger das schone Fürstenkind sahen, welches friedlich im Arme der Wärter m schlummerte, fragten sie: ob es erlaubt sei, das Herrlein etwas näher anzufehen. Die Erlaubniß wurde gegeben und tue Schweineträger rückten mit ihrer Last näher. „El, was ist das für ein prächtig Menschenkindlein!' riefen sie, reckten die Hälse und thaten noch einen Schritt vorwärts. Das bewirkte, daß sie mit ibren Säcken aneinander stießen, worauf ine em- gesperrten Ferkel ein häßlich Grunzen und Quicken vernehmen ließen. Hierdurch wurde das zarte Prinzlein aus dem Schlafe aufgeschreckt, es fing jämmerlich an zu weinen. Die Schweine- Hirten eilten davon und die Kinderwärtermnen zogen sich nach dem Schlöffe zurück. In der Nacht stellten sich Brech-Krämpfe ein; alle ärztlichen Mittel halfen nicht, mehrere Tage dauerte ihrem Verdienste und Brod Einbuße erleiden. Doch die große I Mehrzahl der Landeseinwohner fand die Besserung gar behag- I sich, sintemal sie die Fuhrwerke nicht mehr so häufig in den tiefen Schlammlöchern stecken ließen oder dre beladenen Wagen an den ungefügigen Wegrainen umschmissen. Etwas harter hielt es schon mit Einführung neuer Sämereien, Fütterungs- I Methoden oder Pflugarbeiten. Da wollten die biederen Land- I leute durchaus nicht heran und so ist es nach drttthalbhundert I fahren und bis auf den heutigen Tag geblieben. Was unser I oberhesfischer Landmann nicht kennt, das ißt er mcht, mag es auch noch so gut schmecken, und was er beim Aelter-(Groß-) Vater nicht schaffen sah, das hält er nicht für gut. Darin liegt viel Beständigkeit und Vorsicht und ganz recht hat der Bauer, wenn er meint: nicht alle neuen Posten und Spässe müste er allsoglsich nachahmen. Aber wenn wirklich etwas Neues erprobt und nachgewiesen ist, und daß das Alte abge- than, unzweckmäßig oder gar widersinnig geworden, dann soll der Landmann feinen Widerstand, Eigensinn und Steifnackig- i keit ablegen und das gute Neue auf- und annehme«, ansonsten er zu seinem eigenen Leid und Schaden das Verkehrte semer Widerspenstigkeit, bevorab im Geldbeutel, deutlich zu verspüren die Gelegenheit haben kann, soll und mag. Auch im Geld-, Gerichts- und Verwaltungswesen wurde gebestert. Maß und Gewicht wurden untersucht und am Rathhause zu Bingenheim eine eiserne Elle aufgehangen, daß Jedermänniglich die feinige daran vergleichen und zu seinem Rechte und richtigen Maße gelangen könnte. (Die Elle wurde in den zwanziger Jahren unseres Jahrhundert« abgenommen, ist aber von vielen noch jetzt lebenden Einwohnern Bmgenherms gesehen und benutzt worden.) Caspari, der gestrenge Justizcommistarius, waltete rm Sinne seines Herrn, sprach Recht und wachte nach Gebühr über die Einkünfte des Landes an Geld, Fruchten, 3eWen und nutzbaren Rechten. Schneller, als man dachte, verstrichen die Monate und al» der 12. März 1651 heraufzog, da genas die Landgräfin eines Knäbleins, welchem der Name des Groß- vaterS: Friedrich, beigelegt wurde. „Teufel auch!" _. .. . o Mein Vater hat dabei nicht ganz unrecht! statt fast ständig im „Kühlen Keller» zu sitzen, welcher Aufenthalt m der Unterwelt mir nichts als den Spottnamen Pluto und einen leeren Beutel eingebracht, hätte ich lieber bei den Pandecten bleiben sollen, das wäre besser gewesen!" , m . , Und wärst vielleicht ein — Philister geworden, Bruderherz! 'Nein, nein, das durfte nicht sein. Rundgesang und Rebensaft Lieben wir ja Alle! Edite, bibite collegialis!“ Reißner trällerte die Anfänge dieser Weise vor sich hin- । Werther lächelte schon wieder und meinte: „Nun, fei Du nur stille, Armin! Dein Spitzname Cazike ist wenig ehren, voller! Weißt Du wohl noch, wie Du bet der Umverfitittsfeter mit Deiner Rede zur Ehrenrettung der Peruaner m den sumpf aeriethest? Nichts blieb Dir davon, als der Name Caztke! I Reißner lachte laut auf und fagte: „War thut s, wenn wir ein paar Semester länger studiren als andere Leute; I unsere Väter können's ja! Und wohin gehen wir heute Nach mittag,^Werther^n, Berstadt ifl etn verdammt lang- i welliges Philisternest!" „ Und hier willst Du acht Wochen bleiben — ? Werther legte dem Freunde die Hand auf den Mund und flüsterte: „Nicht acht Tage möchte ich hter bleiben, aber der Alte und die Goldstücke!" so, da geht'« Dir rote mir!' lachte Rechner. Die Hunde knurrten, denn Gröhlmann, da« alte, wunder- I liche Factotum des Hauses, trat em uno meldete, daß in Wohnstube zum Mittageffen gedeckt fei- , J »T ■ I laut auflachen, als Reißner Anecdoten von zerstreuten Univer- ' ! sttätsprofefforen mit vieler Virtuosität zum Besten gab. Seine > I volle Freundlichkeit erhielt der alte Helbig aber erst wteder, | Must erklärte, daß er morgen Früh mit der Fahrpost ; I mch HarpM ^ reifen wolle' Man stand heiter vom 200 ““ Pfeife holländischen Tabaks mit dem Gaste und dem Sohne den Kaffee genoß. Jetzt erst schlug Werther einen Ausflug nach Jrenenstein, einer benachbarten Ruine, vor. Herr Helbig ließ die jungen Herrn gern allein dahin gehen, denn er selbst machte lieber ein kleines Mittagsschläfchen. „Und nun erst Laura I" meinte Werther voll Entzücken. „Die beiden Damen sind hier mit Pferden und mit Wagen. Die Leute machen ein nobeles Haus." GeMrsinnNtziges. Schwarzwurzeln oder Seorzonere-Wurzeln. Man reinige die Wurzeln sorgfältig, zerschneide jede gleich nach dem Abputzen und lege sie sogleich in kalte, süße Milch, damit sie die weiße Farbe behalten. Hierauf koche man sie in sieden» der Milch gar. Kurz vor dem Anrichten thue man etwas Kochsalz und Butter daran und mache sie mit etwas Kartoffelmehl sämig. Man kann diese Wurzeln übrigens auch sehr schmackhaft wie Spargelgemüse zubereiten. Bei Verletzungen mit Schreibfedern, sowie Bleistift- Verletzungen, welche leicht Blutvergiftung herbeisühren können, lege man sofort oberhalb der Verletzung einen festen Sein« wandstreifen um das Glied und hebe dasselbe hoch, damit bis zur Ankunft des Arztes b« Blutandrang gehemmt wird. Gegen üblen Mundgeruch ist ein einfaches Mittel, etwas Holzkohle zu kauen und zu,verschlucken. Fische blau zu kochen. Man nimmt die Fische auf einem naßgemachten Brettchen aus, rührt sie möglichst wenig an, übergießt sie mit kochendem Essig und läßt sie etwa 10 Minuten in kochendem Wasser, Salz und Essig kochen. Um die Farbe zu erhöhen, läßt man sie vor dem Kochen i/2 Stunde zugedeckt in dem Essig stehen, deckt sie auch beim Kochen, sowie nach dem Garwerden zu. Hausfrau: „Nun, Herr Doctor, wie steht es mit meinem Manne?" — Arzt: „So, so. Ich verschreibe Opium, denn er braucht vor Allem große Ruhe." — Hausfrau: ,Me soll ich ihm denn das Opium-Pulver eingeben?" — „0 bitte, die Pulver gehören ja für Sie, damit — er Ruhe hat. Sie braucht Geld. Sie: „Nun,Männchen, Du hast ja wieder Deine Hände in den Taschen." — Er: „Das könnte Dir wohl so gefallen. Nein, ich halte blos die Taschen zu. Vermischtes. Beim Kaffeeklatsch. Mama: „Else, ich habe Dir schon öfters gesagt, Du sollst nicht immer mitreden, sondern warten, bis wir zu sprechen aufhören — erst dann darf ein Kind reden!" — Else: „Mama, das hab' ich schon oft versucht — aber Ihr hört ja^niemals aus!" Wörtlich genommen* „Sehen Sie nur die reizende junge Wittwe — der reine Zucker!" — „Ja, und sehr raffinirt!" „Hol' mich der Geier," meinte Reißner, „wie fangen wir es an, um mit den Damen nach Hause zu fahren?" Werther zuckte die Achseln, worauf sein Freund in ein iilles Nachsinnen verfiel. „Samiel hilf!" rief plötzlich Reißner. „Ich hab's! Wir machen ihren Kutscher betrunken!" „Pfui, Reißner," erwiderte Werther. „Ei was, pfui! In der Noth frißt der Teufel Fliegen, und die kleine Hexe hat mir's nun einmal angethan!" (Fortsetzung folgt.) Tische auf und Herr Helbig ermangelte nicht, Gröhlmann 1 fernten, schaute Werther träumerisch in den gerötheten Abend- Ordre m ertbeilen, wie selbiger die großen Hunde, Hector I Himmel, Reißner aber rief aus: „Die Kieme hat himmlische und Achill aut ru versorgen habe, während er selbst bei einer | Augen, die könnte mich fesseln!" HP...7 ' A2... „»h hu™ lind nun erst Laura!" meinte Wertster voll Entlüden II. Die Ruinen von Jrenenstein waren unbewohnt. Da sich aber der große Wald Osterhagen bis dahin erstreckte, so hatte der gräfliche Förster am Fuße der Ruinen eine Kaffeewirth- schaft eingerichtet, welche sich eines frequenten Zuspruchs er- freute. Die beiden Musensöhne sahen auch bei ihrer Ankunft Helle Damenkleider durch das Grün der Büsche schimmern, deren Trägerinnen beide Studenten auswichen, indem Reißner dem Wirthe bemerkte: m m » „Wir huldigen, mein Lieber, zwar Gott Gambrmus, aber nicht Gott Amor!" _ n „Die Damen sind aber schön!" versicherte der Förster, mit den grauen Aeuglein blinzelnd. „Schön oder nicht schön!" gab Werther darauf burschikos zurück. ,.Zwar opfern wir manchmal Dame Fortuna und besingen im Allgemeinen die Damen, aber jene Mädchen dort anzubeten, überlassen wir den Herren in Schwalbheim. Nicht wahr, Reißner?" r , , , „Gewiß!" meintet dieser und er warf sein Taschentuch den steilen Abgrund den Hunden zum Apportiren hinunter. „Wie heißen denn diese Wunder der Schönheit? fragte Weither und reichte dem Wirth das Seidel zur frischen ^""Ißie sie heißen?" Es sind die Töchter des Herrn Woland aus Schwalbheim, die Sie wohl kennen!" — gab der Wirth zur Antwort. , , L m , „Backst, chchen!" warf WertherMn und rief dannj: „Armin vorwärts, der Weg ist weit!" Die viel?" Goldstücke in der grünseidenen Börse Reißners hatten dem Wirth gewaltig imponirt, und zu seiner Freude kehrten gegen 6 Uhr Abends nach einem weiten Wege die beiden Herren nochmals zurück. Diesmal entgingen sie den Damen nicht, denn plötzlich standen sie vor hellen Sommerkleidern. Hektor umschmeichelte als alter Bekannter die Damen bereits, während Achill ein lautes Gebell ausstieß. — Die Herren Studenten lüfteten letzt höflicherweise die ^^„Alle Wetter," brummte jetzt Werther leise, „welche Schönheit ist die Laura geworden!" „Und erst die kleine Hexe!" replicirte Reißner halblaut. „Die ist mir noch lieber!" „Ihre Schwester Sophie!" „Kennst Du sie, Werther? Dann vorwärts, stelle mich vor!' Die Damen, von denen soeben eilig sich ein Herr entfernte, hoben verwundert die Köpfe empor. „Ach, Herr Helbig!" warf die größere hin. Die beiden Studenten traten darauf näher und Weither bemerkte verbindlich: „Fast hätte ich sie nicht wieder erkannt, Fräulein Laura, so sehr haben Sie sich zu Ihren Gunsten verändert!" , „... „Ich gebe Ihnen das Compliment zurück!" erwiderte die junge Dame erröthend. Weither lächelte und stellte die Damen seinem Freund vor, der alsobald die jüngere Schwester Sophie in ein intet» essantes Gespräch über das Genie Goethes verwickelte. Laura erzählte indeß dem Jugendfreunde vom Vater, von der längst verstorbenen Mutter und daß sie zu Wagen hier seien, wobei die Musensöhne reichlich das Schwalbheimer Bier tranken. Als sich die Damen für einen Moment ent« Ncdaction: N. Scheyda. — Druck und Verlag der Vrühl'schcn Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.