1893 Untrrhattiingsblatt jum Girsisnsx Anzeigen (General-Anzeiger) WWW WWW WM Samstag, den 30. Deeember. Die beiden Schwestern. Novelle von F. Sutau. (Schluß.) X. Drei Monate sind nach diesen Begebenheiten vergangen und ein Aufsehen erregendes Ereigniß hat sich in der Residenz vollzogen. Bornstettens und Helenens Hochzeit ist im November in glänzender Weise gefeiert morden, und Johanna, die groß- müthige, edele Schwester und die gute Tante Hopfen haben zusämmen für eine standesgemäße Ausstattung Helenens gesorgt, welche die Leute fürstlich nannten. „Es ist ein fabelhaftes, unverdientes Glück, welches diese kleine Else macht," hörte man in der Residenz über Helenens Verheirathung urtheilen. „Sie soll arm sein wie eine Kirchen- maus und heirathet einen bildschönen, hochgebildeten, adeligen Officier, der ein schönes Rittergut ganz allein besitzt. Das nennt man Glück für ein armes, unbedeutendes Profefforen- töchterchen, welche weiter nichts als ein hübsches Gesicht und ein Paar Märchenaugen besitzt." „Nun, dieses Glück hat sie eben ihrer Schwester, der berühmten Sängerin, zu verdanken, die den kunstliebenden Born- stetten lange an das Haus ihrer Tante feffelte und wohl auch an sich mit Rosenketten zu feffeln suchte, aber der schöngeistige Officier nahm schließlich die schöne, jüngere Schwester der unschönen Sängerin. So gehts in der Welt!" „Wer weiß übrigens, ob es wirklich ein großes und dauerndes Glück ist, welches die Helene Halm mit dem Herrn von Bornstetten haben wird!" Solche und ähnliche Urtheile konnte man bei der Hochzeit Helenens mit Bornstetten vielfach in der Residenz hören. Freilich war es für Helene Halm ein großes, glänzendes Glück, die Gemahlin des stattlichen und reichen jungen Edelmannes Herrn von Bornstetten geworden zu sein. Das neuvermählte Paar begab sich auf eine längere Hochzeitsreise nach Italien, Konstantinopel und Egypten und kehrte erst nach sechs Wochen über Paris in die kleine Residenz zurück, wo sie durch ihre Schilderungen der südländischen Schönheiten und klassischen Kunstschätze Aufsehen erregten. Bornstetten war und blieb ganz entzückt von seiner reizenden kleinen Frau und erfüllte alle ihre Wünsche. Er kaufte in der Residenz eine schöne Villa, führte ein großes Haus und gab Feste und Bälle, auf welchen Frau von Bornstetten mit Geschick und Anmuth die Königin des Tages zu spielen verstand, denn Jugend, Schönheit, kostbare Kleides seltene Diamanten und Perlen, sowie eine stets gefüllte Börse standen der koketten Frau zur Seite. Fast sämmtliche Damen der Residenz beneideten Frau von Bornstetten, alle waren geblendet von dem Glanze, mit dem sie sich zu umgeben wußte und selbst Helenens gute Mutter und die sonst so nüchtern urtheilende brave Tante waren ganz von dem Glücke bezaubert, welches Helene durch ihre Heirath gemacht und um sich zu verbreiten verstand. - Eine sehr reservirte Rolle spielte Johanna in der Schwester glänzenden Kreisen. Es war Johanna nicht möglich, für all den Glanz und Flitter, die Feste und Bälle in der Weise zu schwärmen wie Helene und für die Koketterien derfelben hatte sie gleich gar kein rechtes Verständniß, denn dies lag ihrem ganzen Wesen fremd. Johanna kam daher auch nicht oft in das glänzende Haus der viel beneideten Frau von Bornstetten und zu den Festen erschien sie nur dann, wenn musikalische Vorträge damit verbunden waren und wobei zuweilen auch Johanna ein Lied in meisterhafter Weise vortrug und die Hörer entzückte. Die Theilnahme an wöchentlichen musikalischen Abenden, wie solche Bornstetten liebte, lehnte Johanna ab, weil sie an solchen keine künstlerischen Anregungen finden konnte und schließlich auch nicht jeden Abend singen wollte. Der kunstsinnige Schwager Bornstetten war über diese Ablehnung Johannas sehr verstimmt und hoffte seine mit einer so seltenen Stimme begabte Schwägerin allmählich doch für seine musikalischen Abende zu gewinnen, aber er gab sich in dieser Hinsicht einer vollständigen Täuschung hin. „Sie sind doch ein wenig egoistisch, lieber Schwager," erwiderte ihm auf seine betreffende Bitte Johanna mit einem leichten Lächeln, „wenn Sie wünschen, daß ich' wöchentlich einen Abend auch bei Ihnen singen soll, Drei Abende in der Woche muß ich gewöhnlich in der Oper singen, den einen oder anderen Abend habe ich die Ehre in einem Concerte im Schlöffe vor den höchsten Herrschaften zu singen und zwei bis drei Tage in der Woche sind oft für neue Studien und Proben nölhig. Wollen Sie denn meiner Kehle da nicht einmal einen Ruhetag gönnen?" Bornstetten erschrak fast bei dieser kühlen Antwort auf seine Bitte und stotterte einige entschuldigende Worte. Zu seinem Tröste sagte dann Johanna noch, daß sie ein Mal im Jahre, vielleicht zu Helenens Geburtstage oder sonst bei einem größeren Feste in seinem Hause singen werde, aber mehr versprechen könnte sie nicht, da zumal sie auch eine ganz neue Rolle einzustudiren habe. Verschnupft ging Bornstetten heim, denn fein künstlerisch I 6io — Herzog, wohl, er war schon seit Jahren ihr Lehrer, ihr Berather, ihr der er- gesagt, davonwirken sollten. Auch Johanna sagte ihre Mitwirkung zu und fahrens Hofcapellmeister Braun hatte dem Herzoge daß Johanna Halm wahrscheinlich den Siegerlorbeer anzunehmen. Ein wahrer Freudentaumel ergriff Bornstetten, als er erfuhr, daß der Herzog seine Einladung huldvollst angenommen hatte und Helenens Herz schlug vor freudiger Aufregung wie im Fieber. Der große Tag kam heran. Die Salons in Bornstettens Villa waren in einen herrlichen Wintergarten verwandelt, die CrZme der Gesellschaft, an ihrer Spitze der Herzog, erschien zu dem Concerte, und Herr und Frau von Bornstetten standen . —» «hte im Zenith ihres Triumphes. Da begann das Concert der braunen Augen niederschlagend, blickte Johanna in das eoie, fremden Künstler und Künstlerinnen und sie ernteten reichen männlich schöne Antlitz des von, ihr verehrten Mannes. Ja Beifall für ihre Bravourstücke, so daß die nachfolgenden Vor» r*7 "" — r '* führungen der Mitglieder de« herzoglichen Hoftheater« als etwas in Schatten gestellt erschienen. Zuletzt sang Johanna Halm, wie sie es sich ausgebeten. Sie hatte auf den Rath des Capellmeisters Braun das berühmte Gebet der Elisabeth aus dem Tannhäuser gewählt, welches Johanna nach Brauns Urtheil in genialster, verständ- nißvollster Weise wie so leicht keine zweite Sängerin zu singen wußte und welches auch so ganz und gar der erhabenen Ge- müthsstimmung Johannas entsprach. Wie eine die Seele tief ergreifende Bewegung zitterte es durch den Saal, als Johannas glockenreine Stimme erklang. Packender, hinreißender wurde diese Stimme bei jedem ferneren Laut des Gebetes und weit, weit weg vom Alltagsempfinden trug die geniale Kunst Johannas die Hörer. Ein Beifallssturm brach los, als Johanna geendet hatte, und der Herzog war so entzückt von Johannas Leistung, daß er ihr persönlich huldvollst dankte und dabei änßerte, daß er sich eine besondere Anerkennung für diese Glanzleistung vorbehalte. Bornstetten hatte während Johannas Gesang andächtig hinter einer Säule gelauscht; und als der Triumph der Sängerin wuchs und es klar war, daß sie vor so vielen berühmten Künstlern den ersten Lorbeer errungen, da erschien ihm, dem Kunstfreund, Johanna in einer Größe, daß er sie nun noch höher achtete und schätzte als je vorher. Schon am Tage darauf theilte der Intendant des Herzog- ! lichen Hoftheaters Johanna mit, daß der Herzog geruht habe, sie zur herzoglichen Kammersängerin zu ernennen und daß der hohe Herr, um eine solche Künstlerin seinem Theater zu erhalten, Johannas Gage aus seiner Privatchatulle verdoppeln werde. Gleichzeitig überreichte der Intendant im Namen he» Herzogs seiner Kammersängerin einen kostbaren Brillantschmuck. Die bescheidene Johanna war durch die Huld des Her- I zog» ganz verblüfft und fand kaum Worte des Dankes, so I erregt war sie. Als der Intendant gegangen war, fiel Johanna auf die Knies und dankte Gott für solche unverdiente Gnade. Dann I wurde ihr ordentlich ängstlich zu Muthe, sie wagte sich in ihrer Bescheidenheit mit dem neuen Titel gar nicht auf die Straße und den prachtvollen Brillantschmuck blickte Johanna an, als wenn er gar nicht ihr gehöre. Aber die hohen Auszeichnungen, die ihr soeben vom regierenden Herzog geworden, empfand sie voll und ganz und Freudenthränen im Auge wollte sie zur Tante und zur Mutter eilen. Da klopfte es leise und bescheiden an die Thüre, und auf Johannas Heretnruf trat der Hofcapellmeister Braun ein. Er grüßte nicht in seiner gewohnten leichten Weise, sondern I mit einer tiefen Verbeugung und seine Stimme zitterte, al» | er sprach. „Ich weiß schon Alles von unserem gnädigsten Herzoge selbst," sagte Braun, „ich gratulire herzlichst, Fräulein Kammer- sängerin." „, _ „O, wie viel danke ich Ihnen sür diesen Erfolg, Herr I Capellmeister I" entgegnete Johanna und reichte demselben widern?" „ . Mit wachsendem Staunen und sehr häufig die großen freundlich die Hand. m „O, nichts haben Sie mir zu danken," erwiderte Braun in einer merkwürdigen Hast, „ich wäre ja nicht werth, daß mich Gottes Erdboden trüge, wenn ich Ihr Genie nicht erkannt und Ihre Stimme nicht ausgebildet hätte, Fräulein Johanna. O, verzeihen Sie meine Unruhe, ich muß Ihnen ein Geständ- niß offenbaren und eine demüthige Bitte zu Füßen legen. Meine liebe Johanna, denken Sie nicht daran, daß ich ein alternder Junggeselle und bereits einundvierzig Jahre alt bin. Ich verehre, ich — liebe Sie seit dem Tage, wo Ihr unglückliches Herz bei dem herrlichen Gesangs aus Tannhäuser von schwerem Leid genaß. Ich könnte, ich möchte nicht ohne Sie leben, Johanna! Können Sie in mir mehr als einen Freund erblicken, vermögen Sie meine Liebe aus vollem Herzen zu er* XI. Eine Woche nach dieser Unterredung Bornstettens mit seiner Frau verbreitete' stch in der Stadt die Nachricht, daß demnächst ein großes Concert fremder Künstler bei Bornstettens stattfinden werde und diese Nachricht erweckte in der kunstsinnigen kleinen Residenz, wo derartige Concerte bisher nur bet Hofe stattfanden, große Sensation. Das Concert, ausgeführt von berühmten fremden Künstlern, fand auch vor aus- erwählten Gästen unter großem Beifall statt und Herr und Frau von Bornstetten kamen in den Ruf, der Kunstpflege ganz neue Bahnen geöffnet zu haben. Der schwärmerisch angelegte Bornstetten gerieth dadurch förmlich in Entzücken und veranstaltete sechs Wochen später ein neues Elite-Concert in seinem Hause, in welchem förmlich im Wettbewerb auch hervorragende Künstler und Künstlerinnen des Hoftheaters mittragen werde. Diese Mittheilung bestimmte den kunstsinnigen die Einladung des Herrn und der Frau von Bornstetten, dem Elite-Coneerte in ihrem Hause gnädigst beiwohnen zu wollen, angelegte» Herz fühlte sich durch die scharfe Ablehnung seiner = Schwägerin doch sehr verletzt. Einst hatte Johanna fast jeden Abend einige Lieder für ihn, für ihn allein gesungen und nun wollte sie vielleicht einmal im Jahre seine Hausconcerte durch ihre Stimme verschönern helfen! Ja, die Zeiten hatten sich geändert, einst sang Johanna aus Liebe, aus reiner edler Liebe für Bornstetten und wurde des Singens nicht müde. Dann hatte er diese Liebe verschmäht, sie war erloschen, und Johanna hatte nun auch keine Lieder sür ihn mehr. Es war ein ganz natürlicher Vorgang, den aber der vom Glück verwöhnte Bornstetten nicht recht begreifen wollte. Er war doch recht ärgerlich über Johannas Ablehnung und theilte dies auch seiner Gattin mit. „O, was sich diese Johanna doch jetzt einbildet!" rief da aufgebracht die kleine, stolze Helene. „Sie will nicht mehr I bei uns singen. Nun, dann läßt sie es eben bleiben. Es gibt ja andere Sängerinnen genug und wir könnten ja während der Wintermonate überhaupt einige Künstlerconcerte in unserem Salon geben, ein Königreich kann ja das nicht kosten und unser Haus wird dadurch noch berühmter. Wie gefällt Dir der Vorschlag, lieber Kurt!" schloß die kleine Frau und legte schmeichelnd den Arm um den Hals ihres Gatten. „Du hast Recht, Lenchen!" erwiderte Bornstetten. „Es ist eine gute Idee, selbst einige Künstlerconcerte zu veranstalten, wie ich sie so sehr liebe und wodurch wir in unserer kunstsinnigen Stadt große Ehre einlegen können. Vielleicht beehrt uns gar der Herzog mit seinem Besuche, wenn er hört, daß auserlesene fremde Künstler sich bei uns hören laffen." „Das wäre herrlich, Kurt," rief die kokette, junge Frau, „wenn das herzogliche Paar einmal bei uns als Gast weilte, dann würden auch gewtffe Mitglieder der hohen Aristokratie uns nicht mehr von oben herab ansehen. Wann denkst Du, daß wir das Concert geben können?" «In vier Wochen, mein Kind!" entgegnete Bornstetten ganz begeistert. „Ich werde in den nächsten Tagen die nöthigen Schritte thun." f s t i i l s ( i k £ f d l r n b ti £ n n n 11 k i A o d il r i b £ 3 9 k il n ei - SLI - bester Freund, ja, er war vor Jahr und Tag ihr Seelenarzt gewesen. Sie blickte mit unendlichem Vertrauen zu ihm auf, sie sollte, sie konnte ihn glücklich machen. Wie seine Lippen so bangevoll zuckten, als er jetzt vor ihr stand. Eine Vermählung mit diesem erprobten, edlen Manne, diesem treuen Freunde, sie würde kein Mißgriff sein. Johannas Herz blühte erst leise und schüchtern, dann mächtig in Liebe auf und zitternd ein „Ja!" stammelnd, reichte sie dem Capellmeister die. Hand, der sie mit Küsten bedeckte und die erröthende Jungfrau an sein Herz schloß. Johanna Halm und der Hofcapellmeister Braun wurden ein sehr glückliches Paar, welches herrliche Jahre in der Gunst des Herzogs und der hauptstädtischen Bevölkerung verlebte. Weniger glücklich gestaltete sich aber später die Ehe des Herrn und der Frau von Bornstetten, sie hatten durch das glänzende Leben ihr großes Vermögen fast ruinirt und Herr von Bornstetten mußte nebst seiner kleinen, verwöhnten Frau die Bewirthschaftung seines stark verschuldeten Rittergutes selbst übernehmen und ein eingeschränktes Leben führen, um nicht in Armuth zu gerathen. „Anter dem Ghristöaurn." Weihnachts-Erzählung von Gustav Lange. (Schluß.) Ja, es war ein grausames Schicksal, welches ihn Zeit seines Lebens verfolgt, wenn es auch einmal fast den Anschein gehabt» als ob er durch eigene Kraft und Geschicklichkeit im schweren Kampfe um's Dasein sich emporgearbeitet und eine sorgenfreie Existenz vor sich zu haben geglaubt, und al« er dann die Bekanntschaft Valerie Wendts gemacht, deren Liebe ihn, den einsamen, jeder frohen Stunde entbehrenden Mann, über die Misere dieses Lebens hinwegzuhelfen versucht, als ob das Glück ihm nun hold sei. Aber dann hatte ihn ein grau» sames Geschick wieder zurückgestoßen in den Abgrund tiefen Elends. Er hatte seine Stellung, seine Existenz verloren und war somit aller frohen Hoffnungen auf eine glückliche Zukunft beraubt worden, nur ein leerer Wahn war ihm geblieben. — War diese Erkenntniß im ersten Augenblicke niederschmetternd, fast unerträglich ihm erschienen, so hatte er doch anfänglich den Muth nicht sinken lassen und Valerie war ihm in seinem Unglücke ein tröstender Engel gewesen, hatte ihn aufzurichten versucht, als er nahe daran war, alle Hoffnungen zu verlieren. Aber Woche auf Woche verging und noch wollte es ihm nicht gelingen, eine neue Stellung zu finden, trotzdem ihm die besten Zeugnisse zur Seite standen. Seine Ersparnisse waren nun bald aufgezehrt und er sah sich im Geiste schon in der Lage, wo er eines Tages der bittersten Roth preisgegeben sein würde. Auch waren bereits acht Tage verflossen, seit er nicht mehr bei Valerie gewesen, aber er konnte und wollte ihr auch nicht mehr unter die Augen treten und nach vielem Grübeln und mancher schlaflosen Nacht war er zu dem Entschlüsse gekommen, ihr offen und ehrlich Alle« mitzutheilen, wie es um ihn stand. Noch heute wollte er ihr dies schreiben. Freilich würde er dem armen Mädchen gewiß das Herz brechen, heute am „heiligen Abend", wo alle Welt fröhlich und glücklich war. Er hielt bei dem letzten Gedanken in seiner Wanderung durch da« Gemach inne; ein schmerzliches Sehnen wallte in ihm auf. „Wo steht mein Weihnachtsbaum?" kam es trostlos non seinen Lippen. Er schlug die Hände vor das Gesicht und weinte, weinte wie ein Kind um das verlorene — ach, so kurz besessene - Glück. 8 Bilder aus den Kindertagen stiegen in seiner Seele auf. Wie fein ganzes Leben ein ununterbrochener Kampf gewesen, Noth, Elend und Entbehrung ihn auf allen seinen Wegen begleitet, so hatte er nicht einmal das Glück froher Kindertage kennen gelernt. Vater und Mutter waren frühzeitig gestorben, ihn als eine arme Waise allein in dieser Welt zurücklassend; mitleidige Menschen hatten sich zwar seiner angenommen, aber er war immer der arme, vater- und mutterlose Knabe geblieben. Erst als er dann älter geworden und ein Kaufmann sich seiner erbarmt, der ihn anfangs zu niederen Diensten verwendet, später aber, als er seine Brauchbarkeit, seinen Fleiß und seine Treue erkannt, ihn in die kaufmännischen Geschäfte ein» geweiht und nachdem er seine Lehrjahre absolvirt, eine Stelle als Commis m seinem Geschäfte übertragen, glaubte er das Ziel seiner Wunsche erreicht zu haben und nun war auch dies vorbei. Fast eine Stunde mochte wohl vergangen sein, seit den Entschluß gefaßt, an Valerie ?inen offenen 8f zu schrei! ben, einmal hatte er schon angefangen, aber die Feder hatte nicht weiter gewollt und in schmerzvollem Stöhnen hatte er nach Fassung gerungen und al« er jetzt noch immer nicht über die Anrede hinausgekommen, warf er die Feder auf den Tisch sprang mit Heftigkeit von seinem Sitze empor, daß der Sessel auf den Fußboden rollte und begann abermals mit ruhelosen Schritten in dem Gemache auf und ab zu schreiten, das Haupt tief auf die Brust gesenkt. Er hatte dabei ganz überhört, daß bereits mehrere Male, erst leise und dann stärker, an die Thüre geklopft wurde, und erst als dies jetzt noch heftiger geschah, fuhr er entsetzt empor, beeilte sich aber, die Thür zu öffnen, um nach dem Grunde dieser Störung zu forschen. Er war nicht wenig erstaunt, als er hier von einem ihm vollständig wildfremden Manne, nachdem sich derselbe genau nach seinem Namen und Stand erkundigt, ein sorgfältig versiegeltes Schreiben erhielt und der Ueberbringer desselben, ohne auf seine weiteren Fragen Auskunft zu geben, sich wieder entfernte. Eine seltsame Verwirrung bemächtigte sich des jungen Mannes, als er jetzt wieder allein war und noch immer das Schreiben ungeöffnet in der Hand hielt; seltsame Gedanken durchkreuzten sein Hirn und ein Gefühl, fast wie leise Furcht, beschlich ihn. Endlich raffte er sich auf, öffnete vorsichtig die Umhüllung und hielt nun ein längeres Schreiben in seiner Hano, dessen Inhalt er, wie es schien, mit einem einzigen Blick überflog und als er jetzt zu Ende gelesen, ging eine merkliche Veränderung mit ihm vor. Er jauchzte wiederholt laut auf, drückte das Papier wie in überschwänglicher Freude an sein Herz und las es dann immer wieder von neuem durch, al« sei es ihm unmöglich, den Inhalt desselben zu fassen. Das Schreiben war nichts Geringeres, als eine Anweisung auf eine größere Summe Geldes, die Josef Piroth bei einem gleichfalls darin genannten Bankier erheben konnte und war eigenhändig von Seiner Majestät Kaiser Josef II. ausgestellt. In dem Schreiben theilte der Monarch ihm weiter mit, daß er durch Zufall von seinen Verhältnissen Kenntniß erhalten und auch von seinen vergeblichen Bemühungen zur Erlangung einer Stellung, er wolle ihm deshalb behilflich sein zur Gründung eines eigenen Geschäftes, nur knüpfe er die Bedingung daran, daß er unverzüglich Valerie Wendt aus ihren Zweifeln und ihrem Kummer über sein Fernbleiben erlöse und sie später als seine Gattin heimführe.-- Zur Erklärung des Vorstehenden müssen wir noch einmal auf den Vorgang, der sich einige Tage früher in der Wohnung der Frau Wendt abgespielt, zurückgreifen. Jener Fremde, welchen Valerie, wie einer geheimnißvollen Eingebung folgend, zum Vertrauten ihrer Herzensangelegenheiten gemacht, war kein Geringerer gewesen, als der edle Kaiser Franz Josef II. von Oesterreich. Noch heute erzählt man sich in Wien so manche Anekdote aus dem Leben dieses menschenfreundlichen Fürsten, zu dessen Gewohnheiten es unter Anderem gehörte, in einfacher Kleidung und ohne Begleitung sich unerkannt in den Straßen seiner Hauptstadt unter die Bevölkerung zu mischen oder die von den ärmeren Leuten bewohnten Viertel der Stadt zu besuchen, um durch eigene Anschauung von dem alltäglichen Leben und Treiben seiner Unterthanen und was sich sonst seinem Gesichtskreise entzog, zu überzeugen; nicht selten betrat der Kaiser sogar irgend eine öffentliche Wirthschaft oder ein Gasthaus und ließ sich mit den Anwesenden, die ihn natürlich nicht kannten und sich wohl nicht im Entferntesten träumen ließen, ihren Landesherrn unter sich weilen zu sehen, in Gespräche ein, die er geschickt auf seine eigenen Regierungshandlungen zu lenken wußte, um hierdurch - 612 Valerie war zu Ende mit ihrer Arbeit und betrübt ließ I sie den Blick noch einmal über den Weihnachtsbaum gleiten, aber sie hatte keine Freude mehr an demselben. Wie schmerz- I sich vermißte sie den Geliebten I Wie schwer lastete der Druck all' des Leidens, was ihr in der letzten Zeit widerfahren, aus 1 ihrl Wie schön hätte es sein können, wenn Joses an der heutigen Feier hätte theilnehmen können und ein frischer Lebens- I muth ihr neue Freudigkeit gegeben hätte. Vorüber war der Traum, auf immer vorüber I Sie trat I an das Fenster; jenseits der Straße, hinter den erleuchteten Scheiben, flackerten die Wachskerzen des Wethnachtsbaumes und dann und wann drang der Helle Ton jubelnder Kinder- I siimmen an das Ohr der einsamen Lauscherin und sie erwachte erst wieder aus ihrer dumpfen Lethargie, in welche sie ver- fallen schien, als die Thür hastig geöffnet wurde und der Ruf „Valerie" an ihr Ohr drang. Von einem freudigen Schreck über die ihr nur zu sehr I bekannte Stimme durchzuckt, wandte sie sich um und sank im nächsten Augenblicke in die geöffneten Arme Josef Piroths, der auf sie zugeeilt. „ Mit kurzen Worten theilte er ihr mit, was sich zugetragen und das junge Mädchen war nicht wenig erstaunt, als es erfuhr, daß jener „Josef", dem sie nun ihr Glück zu danken hatten, Kaifer Jofef selbst gewesen. Im ersten Augenblicke I freilich wollte sie es gar nicht fasten und erst als Jofef ihr jenes Schreiben, von besten Wahrheit er, noch bevor er sich zu seiner Geliebten begeben, bei dem darin namhast gemachten Bankier sich überzeugt, gezeigt, fand sie Worte, ihrem Herzen in lauten Segenswünschen für den edlen Monarchen, dem Gründer ihres Glückes, und fein ganzes Haus Erlerchterung zu verschaffen^ We 6eil)en Liebenden umschlungen. Das Fragen und Erzählen wollte gar kein Ende nehmen und besonders Valerie konnte nicht des Rühmen» genug finden, mit welcher Freundlichkeit und Güte der edle Kaiser damals bei seinem unverhofften Besuch ihr begegnet war. O möchte doch allen bekümmerten und unglücklichen Menschen heute ein gleicher rettender Engel erscheinen und jenes Wort unseres Heilandes, das er so oft den Menschen gelehrt, hauchte einen Kuß auf die Stirne des schönen Mädchens. Frau Wendt sprach ein stille» bewegte» Dankgebet, in das die beiden Wiedervereinigten mit , einstimmten, während von den Thürmen die Glocken in feierlicher Weise den Beginn de« Festes verkündeten und selbst der Lichterglanz der wenigen Kerzen schien Heller auf die glücklichen Menschen zu strahlen, die unter dem Christbaum sich wiedergesunden. geist befeuchtet sind. Der Salmiakgeist löst da» Schwefelsilbe auf, greift aber das metallische Silber nicht an, so daß dar Metall blank zum Vorschein kommt. Redaction: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. GsMsinnÄtzigss. Oelftecks aus Dielen zu entfernen. Der Fleck wird mit grüner Seise bestrichen, mit Spiritus übergossen und dieser dann angezündet. Selbstverständlich muß man stch mit den Kleidern von der Flamme sernhalten. Nach dem Verlöschen wird sofort mit der Bürste, mit weichem Wasser und Se fe nachgescheuert; der Fleck wird vollständig verschwunden fern, Petroleumflecke lasten sich ebenso entfernen. Broneeleuchter zu putzen. Man bestreicht dieselben mit gereinigtem Terpentin und reibt sie mit einem wollenen Lappen trocken ab. Vermischtes. Vom medicinischen Examen. „Herr Candtdat, was halten Sie für das beste Mittel, um zum Verspiel einen , durch maßlosen Genuß geistiger Getränke besinnungslos gewordenen Collegen schnell wieder zu.sich zu brmgen? „Ihm in's Ohr schreien, daß ihn der Geldbriefträger sucht. Beinahe dasselbe. *Ehecandidat (zum Heirachr- Vermittler): „Ich muß Sie ernstlich zur Rede stellen. Sie haben mir erzählt, der Vater des Mädchens sei tobt und nun erfahre ich, daß er im Zuchthaus sitzt!" — Heirathsv^mittler. Nu, und wenn er fchon im Zuchthaus sitzt, sagen Se selbst — is da» e Leben?" * , Vom Elementar-Unterricht- Lehrer: „Unsere i Stadt hat bekanntlich viele Brücken; wozu dienen diese? Kann | mir da» Einer sagen?" — Schüler: „Ich! — Damit das Master unten durchfließen kann." Ein großer Vorzug. * „Du, Bummel, den Schneider Eller kann ich Dir sehr empfehlen — dem begegnet man fast nie!" e . Im Heirathsbureau. Vermittler: „Das Mädchen, welches ich Ihnen empfehle, ist sehr häuslich." — Herr: „Gut! Je mehr Häuser, desto bester!" Immer derselbe. Reisender: „Ach, mein Fräulein, wenn Sie mich schon nicht wiederlieben, so erhören Sie doch wenigstens nicht einen von der Concurrenz!" __ bi. iWl. >u «*««, «.ich. mm % fg W* I M° ’uÄmtatte Welt wie mm üb« * * I fo war ihm bl« gerlbe m«hm. Deflete bot M nmta solchen heimlichen Ausgängen dem zu jeher Zeit hilfsbereiten | Monarchen die Gelegenheit, Gutes zu wirken und zuweilen als I Retter in der Roth zu erfcheinen. t . I So war dies auch in dem vorliegenden Falle gewesen. I Sofort, nachdem sich der Kaiser aus der Wendt'schen Wohnung entfernt, stand bei ihm der Entfchluß fest, hier helfend m tue | Verhältniste einzugreifen und schien ihm da» bevorstehende Weihnachtsfest die paflendste Zeit, um den beiden Liebenden eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Schon am anderen Tage ließ der Kaiser unauffällig Erkundigungen über das junge Mädchen einziehen und die erhaltene Auskunft gab der sittfamkelt und den häuslichen Tugenden von Valerrs das beste Zeugnrß Auch bezüglich Jofef Piroths geschah ein Gleiches und da dem- selben ebenfalls in jeder Beziehung em guter Ruf zur Serk stand und besonders die Thatsache sich bewahrheitete, nicht durch eigene Schuld seine Stellung verloren zu haben,, so zögerte der Kaiser auch nicht länger und die Folge war jenes Schreiben ™ ^Jn ^r Wendt'schen Wohnung wurde da» Christfest gefeiert! Ein jämmerliches Tannenbäumchen, an dem einige Wachslichter befestigt waren, deren flackerndes Lcht mit röth- liebem Scheine da» verweinte Antlitz Valeriens beleuchtete, die vor demselben stand und noch einige kleine Sachelchen zum Schmucke an den Baum anzubringen sich bemühte, während ihre Mutter im Lehnsessel saß, die Hände andächtig gefaltet