UntevhaltrriigsblaLt znin Gietzenev Anzsigev (Gensval-Anzei§sv> 1893 M .■ ■■ . * fl Donnerstag, den 30. November. »MU FchMchch 30. Uovember 1893. am Donnerstag Gilt's doch der neuen Kirche heute, Die uns so tief, so froh bewegt, Daß. unser Herz die wärmsten Wünsche Begeistert nach den Sternen trägt. Dem Weiheact sei Gottes Segen, Sei alles Gute heut' vcrlieh'n; — In den geweihten Hallen möge Stets Christensinn und Tugend blüh'n! ir grüßen euch, ihr Glockenschläge, Wie dringt ihr tief in das Gemüth! Die Seele fühlt ein göttlich Ahnen, Und Andacht in die Herzen zieht. — Wie lieblich doch die Glocken läuten, Sie laden ein. zum Kirchengang, Und in den Lüften tönt es wieder: Gesegnet sei der Helle Klang! Der Helle Klang, — das Festgeläute, — Das Herz und Sinn so sehr beseelt, Mög allen Menschen Frieden bringen. Wo noch die holde Eintracht fehlt. Ja, läute Ruh' in all' die Herzen, Wo noch ini Schmerz die Thrüue rinnt, Daß sie vereint im Lebensgauge, In Lieb' und Eintracht glücklich sind! Und immer Heller möge strahlen Das Licht, dem jedes Dunkel weicht. Uns in der Wahrheit Sonnenbahnen Die Wege der Erkenntniß zeigt. — Der heil'ge Geist, — des Glaubens Lehre Dring' ein in jede Menschenbrust, Daß sie in allen, Lebenslagen Sich seiner Himmelskraft bewußt. Der edle Bau wird nimmer wanken, Wird jedem Sturme widersteh'n, Wie auch die Zeiten sich gestalten. Der Kirche Geist wird nie vergehn! — In ihrem Tempel wohnet Frieden, Sein Heiligthum sei nie entweiht, Da wohnt die ewig heil'ge Liebe Bis in die allexfernste Zeit! D'rmn grüßen wir der Glocken Läuten, Es ladet ein zum Kirchengang; Wir grüßen heut' in selt'ner Freude Den Hellen, feierlichen Klang! O, möchten doch die Glockcnschläge Ergreifen tief das, Menschenherz, Und fort und fort zur Kirche läuten. Hilft sie doch lindern jeden Schmerz! Th. Loos. 662 - solche Worte trüben." sagte Martha und zog den Knaben „Komm', Albert," sagte Martha und zog den Knaben dichter zu ihm heran. „Erinnerst Du Dich, war ich Dir von Deinem Papa erzählt habe, wie lieb und gut er ist? Sieh', dar ist Dein Papa, den Du sehr lieb haben mußt." „Ich habe ihn schon lieb, — ich hatte ihn schon gestern lieb," sagte der Kleine eifrig. „Ich bin schon so verwirrt, so im Taumel, daß tch Dich noch gar nicht gefragt habe, wie Du hierher gekommen bist? ' Herzenskämpfe. Roman von Theodor Schmidt. fragte Curt. „Das mögen Andere für mich erzählen. Drei Tage, nach» dem ich Dich verlassen, befiel mich eine heftige Gehirnentzündung und schon deckte hoher Schnee die Erde, als ich wieder zu mir kam." „Hast Du keinen meiner Aufrufe gelesen?" fragte Curt. „Nein," entgegnete sie, „mit Dir verließ ich die ganze Welt. Als mir hier ein Obdach geboten wurde, nahm ich es unter der Bedingung an, daß Niemand mich je sehen oder von mir hören dürfe und daß Alles von der Außenwelt von mir ferngehalten werde. Ich dachte, ich würde sterben; ich sehnte mich ja auch nach dem Tode, da ich nicht mehr bei Dir sein konnte." „Armes Kind," sagte Curt innig; „warum . . ." Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihn, und in der nächsten Minute trat die Baronin mit glückstrahlendem Ant» litz ein. „Nun, kannten Sie die Dame?" wandte sie stch lächelnd an Curt. „Mein Sohn möchte wisien, ob er näher treten darf." „Ein gerechter Wunsch!" sprach der Graf heiter, „da wir unser Glück zum großen Theil ihm verdanken- Ach, Masiol," rief er dem Eintretenden zu, „wie soll ich Ihnen für ihre große Güte danken I Jetzt aber erklären Sie mir, wieso ich meinen verlorenen Liebling hier in Ihrem Hause wiederfinde." „Das ist eine lange Geschichte," antwortete der Baron, „doch Sie sollen sie hören. — Bor etwas mehr als drei Jahren, wenige Tage vor meiner Abreise nach Paris, gehe ich auf den Westbahnhof, mich nach etwas zu erkundigen. Es war eben ein Zug angekommen und auf dem Perron herrschte großes Gedränge. Da wurde ich auf eine Dame aufmerksam, die aus einem Wagen erster Klaffe stieg. Sie trug einen großen Mantel, war dicht verschleiert und wußte offenbar nicht recht, wohin sie sich wenden solle. Endlich begab sie sich in den Wartesaal und verweilte da eine volle Stunde. Ich beobachtete sie, sie schien auf Niemand zu warten, ebenso wenig schien sich irgend Jemand um sie zu kümmern. Endlich stand sie auf, doch sichtlich noch ebenso unschlüssig wie bei ihrer Ankunft. „Ich will doch sehen," denke ich, „ob ich ihr nicht irgendwie behilflich sein kannl" — Ich gehe auf sie zu und biete ihr meine Dienste an. Anfangs scheint sie mich nicht zu verstehen; doch als ich meine Frage wiederhole, schlägt sie den Schleier zurück und sieht mich mit wildem, verstörtem Ausdruck an. Stellen Sie stch meinen Schreck vor, als ich Ihre Frau erkenne. „Frau Gräfin," rufe ich, „kennen Sie mich denn nicht? Baron Maffol, der Freund Ihres Gemahls?" — „O ja, ich kenne Sie," entgegnete sie. „Wollen Sie mir helfen?" fetzte sie mit tiefbekümmerter Stimme hinzu, indem sie ihre Hand auf meinen Arm legt- „Ich habe meinen Gatten, mein Haus für immer verlaffen. Ich fühle mich sehr krank; mein Kopf brennt mir wie Feuer. Wollen Sie mich irgendwo hin» bringen, wo ich sterben kann?" Ich starrte sie sprachlos an, die schöne Gräfin von Rod» deck, hier in diesem bedauernswerthen Zustand. „Weiß der Graf davon?" stieß ich hervor. — „Wenn Sie meinen Worten nicht glauben," erwiderte sie heftig, „so verlaffen Sie mich; ich mag keine Fragen hören; ich kann die Nennung seines Namens nicht ertragen 1 Wenn Sie mir helfen wollen, so bringen Sie mich fort von hier!" „Ihr Gesicht war todtenbleich, sie zitterte an allen Glie» dern und in ihren Augen brannte ein unheimliches Feuer. Ich brachte sie zu meiner Mutter und noch an demselben Abend erzählte sie uns einen Theil ihrer Geschichte. Sie schloß einen Vertrag mit uns; wir versprachen ihr, daß sie unter dem Schutz unseres Daches der Außenwelt, die sie so sehr fürchtete, völlig fern bleiben sollte; wir versprachen ihr Alles, was sie verlangte; ihr Zustand war so bedenklich, daß wir mit keinem Wort gegenzureden wagten. — Nach jenem Abend habe ich sie erst vor wenigen Tagen wiedergesehen, da ich am nächsten Morgen nach Paris abreiste. — Ich kann der Vorsehung, die mich gestern in den Park führte, gar nicht genug danken. Wer weiß, wann sich ohne unser Zusammentreffen dieses unselige Mißverständniß aufgeklärt hätte! Als ich nach Hause kam und Ihrer Gattin Ihre Geschichte erzählte, da wußte ich, wie sehr diese Sie liebte." „Gott segne Sie, Maffol!" rief Graf Curt. „Sie haben sich mir als treuester Freund bewährt; tausend Dank! — Auch Ihnen innigsten Dank, Frau Baronin," fuhr er, zu der Mutter Maffol» gewendet, fort, „für alle Liebe und Sorgfalt, die Sie meiner Gattin haben angedeihen lasten." „Sie ist mir eine so liebe Tochter gewesen," erwiderte diese, „daß ich kaum weiß, wie ich ohne sie leben soll! Ich wünschte nur, ich hätte sie Ihnen kräftiger, rosiger wiedergeben können." Der Graf schaute besorgt auf das Antlitz seiner Gattin, sie sah sehr bleich und zart aus. „Wir müssen Dich recht pflegen, mein Liebling," sagte er; „einige Wochen vollen Glücks sollen Dich wieder frisch machen. Ist es denn wirklich wahr — ist es kein Traum, meine Martha? Ich soll mit meiner Frau und meinem Kinde heimkehren?" „Thäten Sie nicht besser, Ihre Frau Mutter erst auf bie Überraschung vorzubereiten?" meinte die alte Dame. „O nein," entgegnete Curt, „ich wage nicht, meine Martha wieder aus den Augen zu lassen; und Mutter soll sobald al» möglich mein Glück mit mir theilen." Martha schmiegte stch inniger an ihren Gatten und flüsterte ihm leise zu, daß sie sich vor dem Wiedersehen mit der Gräfin fürchte. „Habe keine Sorge, Kind," tröstete ihr Gatte sie, „meine Mutter macht sich selbst die bittersten Vorwürfe, Dir nrcht mehr Liebe entgegengebracht zu haben-" Es war ein Abend ungetrübten Glücks. (Schluß.) W Curt hatte schon einmal geweint wie ein Kind — das war, als er seine Gattin verloren hatte; auch jetzt wieder schien seine Manneskraft ihn verlaffen zu wollen und heiße Thränen fielen auf ihr goldenes Haar. „Curt," hauchte sie, „kannst Du mir jemals vergeben — daß ich an Dir zweifelte, daß ich Dich verließ?" „Mich trifft die Schuld," antwortete er, „ich war eifer» süchtig und ungeduldig." L „Mit mir spricht Niemand," erklang da eine klagende Stimme, und ein zartes Kindergesicht schaute verwundert auf. Da erst erinnerte stch Curt an den Knaben. „Wer ist der Knabe, der Dich Mutter nennt?" fragte er mit stockendem Athem. , r. Statt aller Antwort legte Martha das Kind in seine Arme. „Dein Sohn," hauchte sie, „Dein Sohn und der meine. — Schilt mich nicht, Curt," sprach ste, nachdem der erste Freudentaumel vorüber war, „schilt mich nicht, als ich Dich verließ, wußte ich nicht, welch' unschätzbares Geschenk der Himmel mir machen würde. Sieben Monate, nachdem ich von Dir gegangen war, wurde der Knabe hier geboren. Ich wollte ihn Dir schicken, wenn er alt genug war, um meiner nicht mehr zu bedürfen." - ~ „Still, still, Martha!" fiel Curt ihr in'» Wort. „Das ist eine goldene, eine selige Stunde, laß ste uns nicht durch ihres trenn Graf ihnen Aben köstlic glücks zimm gesag erstm ganz Gäst und Wor rrsta roun' Mor heiß, sagt- brau die Ant ihre alte, errö Kun miet Gat nun Keil die Kre mer Hm Sce Kin Tri Bär bals san! Ein und jubl 563 Doch die Trennung verlief nicht ohne Thränen. Inmitten ihres Glücks schmerzte es Martha, sich von ihren Freunden trennen zu müffen, die so unendlich gütig gegen sie gewesen. In der Stille eines köstlichen Frühlingsabends kehrte der Graf mit seiner Gattin und dem Kinde heim. Nie waren ihnen die Sterne so glitzernd erschienen, nie hatte der sanfte Abendwind ihnen süßer in's Ohr geflüstert, nie hatten sie einen köstlicheren, glücklicheren Abend verlebt. „Du bist zu Haus, wieder zu Haus!" sagte Curt mit glückstrahlendem Antlitz, als der Wagen vor der Thür hielt Dreißigstes Capitel. Gräsin von Roddeck und Melanie saßen allein im Wohnzimmer; schon war es zehn Uhr vorüber und Graf Curt hatte gesagt, er werde zeitig heimkehren. Bald darauf verkündete Wagenrollen seine Rückkehr. „Was ist Dir, Curt? ' rief die Gräfin dem Eintretenden erstaunt entgegen. „Du siehst ja aus, als habest Du etwas ganz besonders Glückliches erlebt?" „Das habe ich auch," gab Curt zur Antwort, „ich habe Gäste mitgebracht, die Du willkommen heißen sollst, Mutter." „Gäste? Wen? wenn ich fragen darf!" „Eine Dame mit einem kleinen Knaben," versetzte Curt und der Gräfin entging es nicht, wie seine Stimme bei diesen Worten zitterte. „Eine Dame und einen kleinen Knaben?" wiederholte sie rr staunt. In dem Augenblicke trat ein schöner Knabe in das Zimmer. „Sieh'," sagte Curt, „dies ist mein jüngster Gast." „Was für ein reizendes Kind!" rief die Gräfin mit bewunderndem Blicke aus. „Er sieht wirklich aus wie ein Morillo'scher Engel I" „Küsie ihn, Mutter, und heiße ihn daheim willkommen." Die Gräfin stutzte. „Daheim?" wiederholte sie langsam. „Was soll das heißen, Curt? Hast Du den Knaben adoptirt? Wer ist er?" „Der Knabe ist mein Sohn, Graf Albert von Roddeck," sagte dieser mit tiefbewegter Stimme, „und seine Mutter harrt draußen Deines Willkommens. Soll sie eintreten?" Die alte Dame vermochte kein Wort hervorzubringen, aber die Liebkosungen, mit denen sie das Kind überschüttete, waren Antwort genug. Endlich war ihr Herzenswunsch erfüllt, sie hielt das Kind ihres Sohnes, den Erben von Roddeck, in ihren Armen! Das alte, stolze' Grafengsschlecht sollte nicht aussterbenI Als aber eine schöne Frau mit goldenem Haar und hold erröthendem Antlitz eintrat und sie um Vergebung für all' den Kummer, den sie ihr bereitet hatte, bat, da fand sie die Sprache wieder und zum ersten Male in ihrem Leben schloß sie die Gattin ihres Sohnes zärtlich in die Arme. „Ich sollte Dich um Vergebung bitten," sprach sie, „von nun an sollst Du mir wie die liebste, theuerste Tochter 'sein. Kein Geheimniß soll je wieder zwischen uns treten." „Bin ich denn ganz vergessen?" fragte Melanie und schloß die Wiedergefundene zärtlich in ihre Arme. — Mitternacht war lange vorüber, ehe der glückliche kleine Kreis aureinanderging. Mit dem goldhaarigen Knaben schlummernd im Arm erzählte Curt Baron Massols edle, großherzige Handlungsweise. — Drei Tage später schien die Maisonne auf eine köstliche Scene auf der Roddeck'schen Besitzung. Der Schloßherr, hieß es, sei nun endlich mit Frau und Kind von einer weiten Reise hetmgekehrt- Ueberall waren Triumphbögen mit Willkommengrüßen errichtet; von allen Bäumen wehten Banner und Fahnen, und durch die weiche, balsamische Luft drang von fernher das Läuten der Glocken. Der Himmel war blau, die Bluinen blühten, die Vögel sangen, die Sonne glitzerte — es war ein köstliches Bild! — Eine große Menge Dienerschaft und Angestellte war versammelt, und als die Wagen endlich in Sicht kamen, da erscholl ein jubelndes, nimmer endenwollendes Hurrah! Bevor die Junirosen blühten, war Melanie von Selten Herbert von Kalbornr Frau geworden. Herberts Name war weithin bekannt, und als man ihm zu seinem großen politischen Erfolg Glück wünschte, wandte er sich mit dankbarem Auge zu der edlen Frau an seiner Seite und dankte ihr für das, was sie aus ihm gemacht hatte. Bald erreichte auch die frohe Kunde von Baron Massols Vermählung die Glücklichen auf Ro^deck. Zu seiner Mutter größten Freude hatte er eine junge Dame kennen gelernt, die sein Herz im Sturm erobert hatte. Sie sind sehr glücklich und versäumen nie, alljährlich einen Besuch auf der Roddeck'schen Besitzung zu machen. An einem klaren, sonnenhellen Junimorgen bat Graf Curt seine Gemahlin, ihn auf einem kleinen Spaziergang zu begleiten. Albert lief vor ihnen her und ein kleines, blondhaariges Mädchen, das ihre Mutter Magdalena nannte, ging an deren Seite. „Wohin gehen wir?" fragte Martha. „Geduld," erwiderte der Graf, „Du wirst es gleich sehen." Sie durchschritten den Park, wo der Wind heimlich zwischen den Bäumen flüsterte und die Vögel unter dem schattigen Laubdach ihr munteres Lied sangen, gingen die breite Landstraße hinab, an dem grauen Häuschen bei den Weiden vorüber nach dem kleinen Kirchhof, wo Gräfin Martha einst mit verzweifelndem Herzen gestanden hatte. Der Graf nahm seine Gattin an der Hand und führte sie zu der Stelle, wo sich einst ein namenloses Grab befunden hatte. An derselben Stelle war jetzt ein kostbares Monument von weißem Marmor errichtet, das die Inschrift trug: Gewidmet dem Andenken an Magdalena Horst, durch schwere Prüfung zur ewigen Ruhe eingegangen. „Martha," sagte ihr Gemahl, „meine Mutter hat dieses Denkmal errichtet und auf ihren Wunsch brachte ich Dich hierher. Sprich, Geliebte, schwebt noch eine Wolke an Deinem Himmel?" „Keine," erwiderte sie und hob mit dankbarem Blick ihr schönes Auge zu dem klaren Morgenhimmel empor. - „Der Himmel ist so gut gegen mich; ich will mich bemühen, diese Güte auch zu verdienen." Die Sonne, deren goldene Strahlen auf das stille Grab und auf die leise rauschenden Baumwipfel, auf den treuen, edlen Gatten und auf die schönen, blühenden Kinder fielen, war nicht heller, nicht glänzender, als die Zukunft, der Gräfin Martha entgegensah. Der photographirte Kutz. „Die Sonne bringt es an den Tag." Das ist ein altes Sprüch- und Wahrwort, das seit der Zeit, da die Momentphotographie zum Sport, zum dilettantischen Zeitvertreib, zur Amateurkunst geworden ist, doppelte Geltung besitzt. Diese Apparate, welche mit unheimlicher Genauigkeit den Augenblick im Bilde sesthalten, sind für viele ihrer Besitzer eine Quelle jener reinen Freude, die aus der Liebe zu Gottes herrlicher Natur entspringt; interessante Veduten, schöne Gegenden, die vielleicht noch nie im Bilde wiedergegeben worden sind, werden für die nachgenießende Erinnerung verewigt und die Sammelmappe des fleißigen Amateur-Photographen ist oft eine anregende Geschichte seiner Erlebnisse, ein curriculum vitae in Bildern- Aber, wie jede Vervollkommnung einer Erfindung, so hat auch die Momentphotographie manche mißbräuchliche Anwendung im Gefolge gehabt, und man erörtert erst vor kurzer Zeit im Kreise der berufenen Vertreter dieser modernen Kunst, fertigtet, welche Mittel wohl geeignet seien könnten, den Uebel- ständen vorzubeugen. , r . Y r r Daß eine baldige Entscheidung in dieser Sache sehr wün- schenswerth wäre, beweist auch ein Vorfall, der dieser Tage bald zu einer kleinen ehelichen Tragödie geführt hätte. Im Wiener Bezirk Mariahilf gehört der Kaufmann . ' ■ V 564 Nr.' Verwischtes. Um Redactian: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Taschentücher, lieber den Ursprung des Taschentuches dürften sich unsere Damen wohl wenig Kopfzerbrechen gemacht haben, obwohl diesem unscheinbaren Ding eine bedeutende Rolle in unserer Toilette zugewiesen wurde. Vom unscheinbarsten Leinenlappen wurde dasselbe zum feinsten Spitzentuch erhoben, welches oft als ein kostbarer Gegenstand in den Wäscheschränken unserer Damen ruht. Schon im XIII. Jahrhundert finden wir, wie einem interesianlen Aufsatze in der „Wiener Mode" zu entnehmen ist, daß Kaiser Friedrich II. (1215) dem Taschentuche seine Aufmerksamkeit zuwendete. Er befahl nämlich, daß die weibliche Dienerschaft, und die Kinder auf seinen Besitzungen in Sicilien mit je zwei „Faccolos de pano lineo“ (Taschentücher) zum Reinigen der Rase betheilt werden. Bis zum XVI. Jahrhundert gebrauchten die Deutschen das dem Italienischen entnommene Wort Facolo, Fatzelin ober Fatzen- lein für Taschentuch; es wird daher allgemein angenommen, daß das Taschentuch überhaupt aus Italien eingesührt wurde. Ja, selbst heute noch hat man in einigen Gegenden Oberösterreichs und Bayerns kein anderes Wort hierfür als Fatzenlein. Im XVI. Jahrhundert war das Taschentuch noch nicht im allgemeinen Gebrauche, denn der um diese Zeit lebende Erasmus von Rotterdam schrieb in seiner dem Prinzen von Burgund gewidmeten Schrift „Anleitung zur Wohlanständigkeit" unter Anderem: „Die Rase soll stets rein sein wie ein sauber Geschirr und niemals soll sie mit dem Parret oder dem Rocke geputzt werden, sonderm mit dem Facolettlein." Das Privilegium, die Taschentücher zum Luxusgegenstande erhoben zu haben, kann Frankreich für sich reclamiren. Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts galt das Wort „Taschentuch" in der Gesellschaft als verpönt; ebensowenig durste auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, dasselbe ausgesprochen werden Ein französischer Schauspieler, der es dennoch gewagt hatte, statt des Wortes „Gewebe" — „Taschentuch" zu sagen, wurde derart ausgezischt, daß er nicht nur die Bühne, sondern auch bte Stabt verlassen mußte. Selbst bas bloße sichtbare Tragen des Taschentuches war in den besseren Kreisen gegen die herrschende Etikette. Erst der Kaiserin Josephine blieb es vorbehalten, dem Taschentuche das Oessentlichkeitsrecht zu erwerben. Kaiserin Josexhine benützte nämlich beim Sprechen stets ein feines Spitzentaschentuch, welches sie zu den Lippen führte, um damit ihre schlechten Zähne zu verdecken. Kaum war dies Er- eigniß vor sich gegangen, als sich die Pariser Damen beeilten, ihre Garderobe mit den feinsten Taschentüchern zu completiren. Auf allen Boulevards, «in allen Salons sah man die Damen mit den Taschentüchern in den Händen, oder dieselben zumindest sichtbar tragen. Auf diese Weise erklärt es sich, daß das Taschentuch immer luxuriöser ausgestattet wurde und dieses einst in den tiefsten Falten verborgen gehaltene Toilettestück zu hohen Ehren gelangte. Dies hat Kaiserin Josephine gethan und Schuld daran waren die Zahnärzte jener Zeit; denn hätte es Dentisten gegeben, würde die Kaiserin es nicht nöthlg gehabt haben, ihre schlechten Zähne mit dem Taschentuche beim Karl U. zu den bekanntesten Persönlichkeiten. Er unterhält lebhafte gesellschaftliche Beziehungen, ja man könnte fast sagen, er sei ein „Vereinsmeier", und so kommt es, daß sich vielleicht mehr Personen mit seinen Angelegenheiten beschäftigen, als ihm selber lieb sein mag. Am vergangenen Mittag erschien der Kaufmann zur gewohnten Nachmittagsstunde in seinem Stammkaffeehaus. Als er das Engagement zu seiner gemüthlichen Tarockparthie annehmen wollte, hielt ihn einer seiner intimsten Bekannten, ein Möbelfabrikant zurück. „Ich muß mit Dir in einer sehr wichtigen Angelegenheit sprechen." Diese Worte wurden mit so viel Ernst vorgebracht, daß Herr Karl 11. förmlich neugierig wurde. Der Freund zog ihn in eine einsame Ecke, ergriff seine Rechte und sagte: „Wir sind seit Jahren befreundet, Karl; wir kennen uns seit der Zeit, da wir noch Beide arme Anfänger waren. Wir haben uns gegenseitig geholfen, wo es möglich war . . ." „Wozu die vielen Worte? Du willst mir etwas sehr Unangenehmes sagen." „Ja". Der Fabrikant zögerte und wurde sichtlich verlegen. „Es handelt sich um Deine Frau." Der Kaufmann, dessen Stirnadern anschwollen, machte eine heftige Bewegung der Abwehr. Aber der Redner ließ ihn nicht zu Worte kommen. „Sei überzeugt, daß ich nach reiflicher Ueberlegung mich an Dich gewendet habe. Ich kann es Dir nicht verschweigen, denn Deine Mannesehre steht auf dem Spiele. Höre: ich habe in sichere Erfahrung gebracht, daß in einer gewissen kleinen Stammtisch- Gesellschaft" — er nannte das Hotel — „von einem Amateur- Photographen ein Bild herumgereicht wurde, welches Deine Frau in dem Augenblicke darstellt, in dem sie von einem Manne geküßt wird." Der Kaufmann wurde todtenblaß; er war außer Stande, auch nur ein Wort hervorzubringn. In seinen Schläfen hämmerte es, das ganze Local tanzte vor seinen Augen und er mußte ein Glas Wasser hinabstürzen, denn er fürchtete, unwohl zu werden. Es währte eine geraume Weile, bis er sich einigermaßen erholt hatte. „Es ist unmöglich I" ächzte er. „Die Thatfache kann gar keinem Zweifel unterliegen," erwiderte unerbittlich sein Freund. „Und wer ist jener Schuft . . . ?" „Darüber kann ich Dir keine Aufklärung ertheilen. Aber wir können sie sofort haben. Der Amateurphotograph wohnt Dir gegenüber und besaß so allerdings Gelegenheit" . . . Eine Viertelstunde später befanden sich die beiden Männer in der Wohnung des Studenten, welcher in dem verhängniß- vollen Moment seinen Apparat hatte spielen lassen. Der Kaufmann konnte vor Aufregung nicht sprechen und so mußte 6er Möbelfabrikant den Grund ihres Erscheinens angeben. „Sie haben sich unterstanden, ein Bild von einer gegenüber wohnenden Dame zu verfertigen?" Der junge Herr begriff sofort, um was es sich handle und ferner, daß seine allernächste Zukunft eine etwas unangenehme sein werde. Er ließ sich nicht lange bitten, die Photographie vorzuweisen, denn er war der Ansicht, daß er auf diese Weise noch am ehesten eine glimpfliche Beendigung dieser fatalen Eon- versation herbeiführe. Der Kaufmann riß das verrätherische Bild an sich. Er schlug sich mit der Rechten an die Stirne. Kein Zweifel möglich! Da lachte ihm das hübsche Gesicht seiner Frau aus der in großem Format ausgeführten Photographie entgegen. Sie hielt einen Mann umschlungen — ihre Rosenlippen näherten sich den seinen zum Kuß — oder vielleicht war diese angenehme Ceremonie schon erledigt . . . Der Kaufmann brach in ein Helles Lachen aus, so daß die anderen Zwei nicht anders dachten, als daß er bett Verstaub verloren habe. Seine plötzliche Heiterkeit hatte aber einen begreiflichen Sprechen zu verdecken- D monen i hinein Aeugeli auf die vergesse bett Bli bas teil Anfang um die nun an mögen!' „5 und Tr die bla> aufhöre und nie Dein bi „9 ihre Si was es loben, um Dic ohne Li seine S mich rot „S Therese, daß ich könnte? messen! reicht." ,,S es Dein (8 tr*- jäh emr ich mit , .£ in die - Grund, denn der Mann, der seine, Herrn Karl U's, Frau küßte — — war er selber I Der junge Herr Momentphotograph hatte eine allerdings nicht für Stammtische ober die große Oeffentlichkeit berechnete Scene aus dem Eheleben verewigt. Wie diese Unterredung eigentlich endete, wissen wir nicht. Aber der Student hatte am nächsten Tage heftige Zahnschmerzen, ober — um es genauer zu sagen — eine eingebundene Wange. Herr U., der die Geschichte mit dieser Momenlphoto- graphie, um jeder weiteren irrigen Auffassung vorzübeugen, selber verbreitet, ist der zuversichtlichen Ueberzeugung, daß der junge Herr in Ausübung seiner Kunst con1 nun an bedeutend vorsichtiger sein werde.