Samstag, den 30. September. 1893 Dunkle Mächte. Novelle von B. Corony. (Fortsetzung.) Die Wittwe hatte, freundlichen Einladungen folgend, öfters Besuche auf dem Rittergute abgestattet und Magda nicht nur reizend gefunden, sondern auch bemerkt, daß diese mit naiver Bewunderung zu Georg aufblickte. Dadurch fühlte sich zwar einerseits Frau Franks Mutterstolz hoch geschmeichelt, anderseits schien ihr aber eine Verbindung des Sohnes mit der unbemittelten Waise keineswegs wünschenswerth. Ihrer Neber- zeugung nach liebten sich die Beiden und das meinte sie fast als ein Unglück betrachten zu müssen, denn nur, wenn er ein reiches Mädchen heimführte, wurde dem Arzt die Möglichkeit gegeben, der Welt durch ein ganz anderes Auftreten zu impo- niren, kostspielige und der Neuzeit angemessene Einrichtungen zu treffen und sich durch Uebernahme oder Gründung eines großen Sanatoriums einen Wirkungskreis zu schaffen, welcher ihm glänzende Resultate verbürgte und seinen Namen berühmt machen konnte. Sie hatte Wein — von dem nie ein Tropfen über ihre Lippen kam, denn das würde sie Verschwendung genannt haben, — aus dem Keller bringen lassen und das Glas des Sohnes gefüllt. „Trinke doch auch, Mutter I" rief er unwillig. „Nein! Du kennst meine Ansichten. Späterhin nehme ich Alles an, was Du mir bietest — aber jetzt ist das theure Getränk nur für Dich da, denn es muß Deine Energie und Deine Gedanken beleben." „Es ist peinlich, sich immer an die Armuth erinnern zu hören!" fuhr er auf. „Im höchsten Grade peinlich. — Aber ich erinnere Dich dennoch daran, weil ich weiß, daß Du, um das Joch der Armuth abzuschütteln und um Deinem Ehrgeiz zu genügen, des Höchsten fähig bist, daß Du, um dereinst über der wie Ameisen im Staube wimmelnden Menge zu stehen, sogar den Schrei Deines Herzens ersticken würdest. Weil ich Dich groß sehen will, mahne ich Dich an unsere armseligen Verhältnisse. Nicht aus niederer Genußsucht thue ich es, — denn so wahr ein Gott im Himmel ist, so wahr wollte ich, ohne mich zu beklagen, Tag für Tag trockenes Brod essen und wie eine Magd arbeiten, wenn es zu Deinem Besten wäre, — sondern weil Du emporsteigen, weil Du der Erste unter den Fürsten der Wissenschaft werden sollst. Jetzt scheint es mir, als wären meine Wünsche bedroht. Schon lange beobachte ich eine stets zunehmende Verstimmung bei Dir, die wohl aus schweren Seelenkämpfen entspringen mag und Dich sogar gegen Deinen Beruf gleichgiltig macht." „Du hast recht — ich leugne es nicht," erwiderte er düster. „Aber das ist schlimm! Erschlaffend darf der Kummer nicht wirken. Wer Großes erreichen will, muß sein Ziel fest im Auge behalten und nicht zögernd stehen bleiben, um nach einer schönen Blume zu blicken. Wenn ich mich auch todtmüde fühlte, wenn mir auch das Herz weh zuU Zerspringen that, so strebte ich doch unermüdlich vorwärts und sagte zu mir selbst: „Du mußt!" Unv ich war nur ein Weib, das mit tausenderlei Hindernissen zu kämpfen hatte, die für einen Mann gar nicht existiren- Dieser fast übermenschlichen Ausdauer ist es zu verdanken, daß man Dich heute unter den hervorragenden Aerzten nennt. Jetzt bist Du aber an einem Punkt an» gelangt, wo ich nichts mehr für Dich thun kann. Nun mußt Du selbst handeln und Dir Bahn brechen, oder bist Du schon zufrieden? Mir — an Deiner Stelle — würde das bisher Erreichte nicht genügen." „Genügen?" rief er bitter auflschend. „Nein, wahrhaftig nicht! Wer sagt Dir denn, daß ich so bescheidene Ansprüche an das Leben stelle? Ich denke mehr als je an die Zukunft. Niemals haßte ich die kleinlichen Verhältnisse, in denen ich mich bewegen muß, so sehr, als gerade jetzt. Niemals fühlte ich mich so eingeengt, so gehindert, so wenig an meinem Platz." „Wenn Du so denkst — dann bezwinge Dich selbst." „Wie meinst Du das?" „Sprechen wir einmal offen! Magda von Bodenstein ist ein süßes, liebes Geschöpf. Ich habe wohl schon glänzendere Schönheiten und regelmäßigere Züge gesehen, aber kaum jemals ein Antlitz, das so sehr durch den wechselnden Ausdruck fesselt und so viel geistiges Leben verräth. Daß Du Dich dem sanften Zauber des holden Kindes nicht zu entziehen vermochtest, finde ich sehr begreiflich, aber —" „Was willst Du damit sagen?" unterbrach Georg hastig. Man konnte unangenehme Ueberraschung, ja, sogar unverkennbare Gereiztheit aus dem Ton dieser Frage heraushören. „Daß sie erstens ihres exaltirten Wesens wegen nicht die Lebensgefährtin ist, die ich an Deiner Seite sehen möchte und zweitens —" „Du bist in einem großen Jrrthum befangen!" fiel er ihr abermals in die Rede. „Ich liebe Magda nicht und meines Wissens hegt auch sie kein wärmeres Gefühl für mich. Daß ich mich bis zu einem gewissen Grade für sie interessier, soll zugegeben sein, dieses Interesse ist jedoch ganz anderer Art, als Du meinst." „Du befreist mich von einer schweren Sorgenlast," „Mein Beruf gilt mir immer noch als höchster Lebenszweck, aber daß ich meine Gedanken nicht mehr so fest zusammen- zufaffen vermag wie früher, will ich zugestehen. Sie sind in einem goldenen Netz gefangen — in einem Zaubernetz, gewoben aus dem flimmernden Haar der Loreley Nicht Magda — Ra faele ist es, deren Besitz ich erstrebe. — Niemals gab es ein so herrliches, aber auch so unnahbares Mädchen. Schön, blendend und kühl wie ein Nordlicht erscheint sie mir." „Ja, sie würde ich gern als Schwiegertochter willkommen heißen!" rief die Wittwe und fügte nachdenklich hinzu: „Du hist also ihrer Gegenliebe noch nicht gewiß?" „Ich glaube sogar, daß ich ihr Abneigung einflöße." „Das wäre!" grollte die alte Frau, deren Mutterstolz sich regte. „Diese Vermuthung müßte, meiner Ansicht nach, wie ein Strahl eisigen Wassers wirken." „Mich entflammt sie nur! Ein leicht zu erringendes Weib kann mich nicht fesseln. Welcher Triumph, ihren Trotz zu brechen und in diesen wunderbaren Augen ein heißes Aufleuchten zu sehen! Ist ein solcher Preis nicht werth, daß man Alles einsetzt und mit verzweifelter Verwegenheit um ihn kämpft?" „Aber ein so stolzes und energisches Mädchen wird nur dem Zuge seines Herzens folgen und, wenn dieses nicht für Dich spricht, Dir nimmermehr die Hand reichen." „Ihr Widerstand entmuthigt mich keineswegs. Ganz im Gegenthetl betrachte ich ihn als eine Herausforderung, als stumme Kriegserklärung, die mich wohl reizt, aber nicht einschüchtert. Meine Wünsche wachsen oft zu Giganten an, welche achtlos zertreten, was ihnen im Wege steht." „Ich fürchte, Du hast recht und befindest Dich hart an der Grenze, die Willensstärke und Despotismus scheidet," sagte sie, ihn mit einem eigenthümlichen Gemisch von Scheu und Bewunderung betrachtend. „Wohl möglich. Daran ist vielleicht die geheimnißvolle Wissenschaft schuld, welche man Hypnotismus nennt," erwiderte Georg mit sarkastischem Lächeln. „Es hat etwas Berauschendes, wenn man solch' unumschränkte Herrschaft über Andere auszuüben vermag, wenn ein Wort, ein Blick, ja, selbst nur eine Geberde genügt, um Gehorsam zu erzwingen. Was ist die rohe, körperliche Kraft gegen die Fähigkeit, den Geist in Fesseln zu schlagen, dem Gedanken zu gebieten, der Seele Gesetze vorzuschreiben? Im Himmel und in der Hölle zugleich wurzelt diese seltsame Macht. Wer sie besitzt, entwöhnt sich leicht jener Stumpfheit, mit welcher so viele Menschen tragen, was nicht zu ändern scheint, und die Versuchung tritt an ihn heran, sogar das Schicksal in andere Bahnen zu lenken." In das gefüllte Weinglas starrend, hatte er gesprochen, wie Jemand, der die Gegenwart eines Andern ganz vergißt und fuhr jetzt fast nervös empor, als die Wittwe erschrocken und mahnend rief: „Davor hüte Dich! Die Vorsehung läßt solche Eingriffe nicht unbestraft. Groß und bewundert möchte ich Dich wissen, ja, alle Jahre, die mir der Allgütige noch bestimmt hat, hingeben für die stolze Freude, mich nur einmal „die Mutter des berühmten Arztes" nennen zu hören, aber wenn Du so sprichst, wie eben jetzt, dann durchschauert es mich unheimlich und die Stimme des Gewissens wirft mir vor, daß ich Dich nicht bei Zeiten warnte und bemüht war, Deinen Sinn gottergebener zu machen." „Spare Dir diese Anklagen," erwiderte er unmuthig. „Ich werde sicher nie von dem Wege der Pflicht weichen, geschähe es aber dennoch, so müßte Dich der Himmel von jeder Schuld freisprechen, denn die Hand einer Frau wäre zu schwach, um mich zu lenken." „Ich kann mich einer tiefen Beklemmung kaum erwehren. So wie ich Dich, wie ich die Hartnäckigkeit Deines Characters kenne, drängt sich mir die Befürchtung auf, daß dieses Fräulein von Waldau unser böses Verhängniß wird. Es gibt vielleicht noch entzückendere Mädchen, um welche Du nicht vergebens werben würdest." „Ich bedauere jetzt, Dir etwas anvertraut zu haben, was ich als mein tiesstes Geheimniß hütete, aber da es nun einmal geschehen ist, so bitte ich, alles Zureden zu unterlassen. Ich bin kein Kind, das die silberne Mondenscheibe vom 458 => Firmament herabreißen möchte. Vor der Unmöglichkeit werde ch mir natürlich „Halt!" gebieten; aber ehe ich sie anerkenne, mag noch viel Zeit vergehen. Es handelt sich hier für mich um eine Lebensfrage, und deshalb will und darf ich nicht zurückweichen, so lange ein Schimmer von Hoffnung leuchtet. Daß mich die Leidenschaft mit solcher Gewalt ergreifen konnte, cheint mir selbst unfaßlich. Ich wußte nicht, welche Gluth verborgen in mir schlummerte- Schon um meines Ehrgeize» willen muß ich Rafaele zu erringen suchen, denn nicht eher werde ich die frühere geistige Spannkraft wieder finden, als iis ich aufgehört habe, unter dem lähmenden Banne ungestillter Sehnsucht zu stehen. Erst wenn ich weiß, daß kein Anderer mir das kostbare Gut, nach welchem ich verlange, zu rauben vermag, daß Niemand mehr ein Recht hat, zwischen mich und das geliebte Weib zu treten, dann werde ich jene Ruhe und Sammlung zurück gewinnen, ohne welche man nichts Großer leistet, dann wird der Stern des Ruhmes sein blendendes Licht auf meinen Pfad werfen. — Und jetzt enden wir dieses Gespräch, um es nicht wieder aufzunehmen. Gute Nacht! Ich möchte noch einige Stunden an dem Werke, welches ich zu veröffentlichen gedenke, arbeiten." Sie legte die Hand in die dargebotene, und während sie zu dem Sohn aufblickte, wich die bange Sorge schon wieder dem Mutterstolz. Schön war das scharf markirte Gesicht Georgs nicht, aber welche Gedankenfülle schien sich hinter der hohen Stirn zu bergen! Welche Geistesfunken sprühten aur den grauen Augen! Welch' unbeugsame Energie prägte sich in diesen Zügen aus! " „Er ist doch der Bedeutendsten einer, und wo er mit seinem Willen steht, da mögen unüberwindlich scheinende Hindernisse in ein Nichts zusammenstürzen," flüsterte sie noch, während der Schlummer ihr bereits verworrene Bilder vorzugaukeln begann. Als zarte, lichtdurchglänzte Morgennebel wallten, brMite immer noch die mit grünem Schleier verhüllte Lampe in dem Zimmer des Arztes. Der geopferten Nachtruhe ungeachtet, schien jedoch die Arbeit nicht in ersprießlicher Weise gefördert worden zu sein, denn Frank löste mit unzufriedener Miene die eng beschriebenen Blätter au« dem Manuskript, zerriß sie in kleine Stücke und warf diese in den Papierkorb. Er verlebte jetzt eine jener Stunden, wo unbezähmbarer Ehrgeiz ihn zwang, alle seine Geisteskräfte anzustrengen, wo er aber auch mit trotziger Verzweiflung die Schranken erkannte, welche der Macht und dem Willen des Menschen gesetzt sind. Wenn die widerspenstigen Gedanken, denen er vergebens zu gebieten suchte, immer wieder zu Rafaele zurückkehrten, überwältigte ihn ein Gefühl, brennender als Schmerz, das ihn wie in Flammen tauchte und jeden Nerv in ihm fiebern ließ, ein Gefühl zorniger Verachtung, welches ihm die eigene Schwäche und Ohnmacht einflößte. So durfte es nicht fortgehen. Eine Entscheidung, mochte sie ausfallen wie immer, mußte herbeigeführt werden. Nur die Gewißheit, und wenn sie selbst den jähen Zusammensturz alles Hoffens bedeutete, konnte endlich, nach langem Kampf, die Ruhe wiederbringen. An Frau v. Waldau, die ihm bei jeder Gelegenheit Beweise des Wohlwollens und der Achtung gab, glaubte er übrigens eine mächtige und beredte Fürsprecherin zu haben, und so reifte denn in Frank der Entschluß, sie zur Vertrauten seiner glühenden Leidenschaft zu machen und um die Hand ihrer Tochter Rafaele zu werben. II. Gut Clauswitz zeichnete sich nicht durch ungewöhnliche Größe und Ausdehnung, sondern hauptsächlich durch die Eigen- thümlichkeit der Bauart aus. Es glich mit seinen Erkern und Zinnen einer Burg. In der Mitte ragte ein runder Thurm empor, der von Außen fast etwas düster aussah, stieg man aber die innen angebrachte Wendeltreppe hinauf, so gelangte man in ein reizendes, in altdeutschem Stil möblirte» Zimmer, dessen Wandbekleidungen zum Theil aus kunstvollen Stickereren bestanden, welche sämmtlich Scenen aus der Zeit des Ritter- thums scheibe baden hohen zu bes Prachi Zimm Galer Fernst auf di der A sing, t den E Schult einerj Besitz 8 schwelj nicht ■ was ft einzige Bitten nachgh lichste zwei K welches F «vollen, Bewun heit gr benswi ohne n er wirl und eil selten, neigt z, N flössen, Frau r Gute < Theil, und El im Gar währen durch d kleinen, M Haar, | den ent wunders Gluth. von den und zur Werner Schmetl wie ein« Franks verbreit« „8 Ueberra verstohl« Magdar „Sie bl oft muß Arzt, so Kehrt? dient w« Si Regelmö Summe „V --- 459 S- thums darstellten. Schien die Sonne durch die bunten Glas, scheiben dieses kreisrunden Raumes, so entstand auf dem Fuß. baden ein kaleidoskopartiges Farbenspiel, wer aber aus den hohen Bogenfenstern blickte, glaubte sich in einem Panorama zu befinden, so abwechselungsreich und überraschend war die Pracht der Bilder, die sich dem Auge darboten. Von diesem Zimmer aus führte eine zweite Wendeltreppe nach einer offenen Galerie, welche um den Thurm herumlief und eine herrliche Fernsicht gewährte. Wenn Rafaele zuweilen hier stand und auf die rauschenden, wogenden Baumkronen blickte, während der Wind sich in den reichen, feflellos herabwallenden Haaren sing, daß sie bald hoch aufflatterten, bald wie ein aus glitzern, den Goldfäden gewobener Schleier auf die sanft gerundeten Schultern fielen, glich sie einer entzückenden Zauberin oder einer jener verführerischen Schönheiten der Vorzeit, um deren Besitz einst heiße Kämpfe entbrannten. Frau v. Waldau war stolz auf ihr reizendes Kind und schwelgte in den Triumphen, welche dieses feierte, gehörte aber nicht zu den Müttern, die ehrgeizige Wünsche hegen. Alles, was sie wollte und erstrebte, gipfelten in dem Verlangen, die einzige Tochter glücklich zu wissen, deshalb hatte sie auch dem Bitten derselben, Mazda als Schwester betrachten zu dürfen, nachgegeben, und wenn beide Mädchen ihr unermüdlich die zärt. lichste Sorgfalt widmeten, sagte sie oft lächelnd und gerührt: „Ihr verwöhnt mich. Ich werde mir noch einbilden, zwei Kinder zu besitzen, und endlich gar nicht mehr wissen, welches da» liebevollere ist." Für Doctor Frank hegte die alte Dame besonderes Wohl- wollen, nicht nur, weil seine großen geistigen Fähigkeiten ihr Bewunderung abnöthigten, sondern auch, weil sein an Schroff, heit grenzender Ernst zuweilen wahrhaft unwiderstehlicher Lie. benswürdigkeit wich. „Man könnte ihm stundenlang zuhören, ohne müde zu werden. Ich müßte mich sehr täuschen, oder er wird es noch zu einer hervorragenden Stellung bringen und einst das Staunen der Welt erregen," äußerte sie nicht selten, und so durfte er wohl hoffen, sie seinem Werben ge» neigt zu machen. Nachdem mehrere Wochen seit dem letzten Besuch ver- flössen, entschloß sich der Arzt, nach Clauswitz zu fahren und Frau v. Waldau um eine Unterredung zu bitten. Auf dem Gute angelangt, wurde ihm insofern eine Enttäuschung zu Theil, als er die Damen nicht allein traf. Studiosus Werner und Erich v. Degenfeld waren zugegen. Es hatte geregnet, im Garten rieselte es noch flimmernd von den Zweigen herab, während die Sonnenstrahlen schon wieder wie goldene Pfeile durch das Laub schossen. Der Kaffee wurde deshalb in dem kleinen, gemüthlichen Salon genommen. Magda, eine dunkelrothe Nelke in dem schwarzen, krausen Haar, flog mit ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit dem Eintreten« den entgegen. In den fast übergroßen Augen schillerte ein wundersames Gemisch von Schelmerei und schwärmerischer Gluth. Die Worte der Begrüßung sprudelten ihr förmlich von den Lippen, und dann waltete sie so hausmütterlich eifrig und zuvorkommend an dem zierlich gedeckten Tisch, daß Fritz Werner meinte, er habe nie etwas so Liebliches, Graziöses, Schmetterlingsartiges gesehen. Neben ihr nahm sich Rafaele wie eine herrliche Marmorstatue aus. Das Erscheinen Georg Franks hatte genügt, eine wahre Eisatmosphäre um sie zu verbreiten. „Willkommen, lieber Doctor! Das ist eine sehr angenehme Ueberraschung!" rief Frau v. Waldau, die Tochter mit einem verstohlenen, aber ernst verweisenden Blicke streifend, während Magdas hübsche Hand dem Gaste die gefüllte Taffe darbot. „Sie blieben uns lange fern, und wir vermißten Sie. Wie oft muß ich noch wiederholen, daß Sie für uns nicht nur der Arzt, sondern auch der Freund sind, den man nicht gern ent. Kehrt? Doch jetzt keine Vorwürfe, wenn sie auch wohl ver« dient wären, ich freue mich —" Sie wurde unterbrochen. Der Verwalter, an strenge Regelmäßigkeit gewöhnt, trat ein und überbrachte eine größere Summe Geldes. „Von den Pächtern, gnädige Frau," bemerkte er. , „ Ja, ja, lieber Hagen, schon gut. Hier die Empfangs bescheinigung." Er empfahl sich. Die alte Dame schloß ihren Schreib» tisch auf, legte das Geld in eine kleine Caffette von orydirtem Silber und kehrte wieder an den Tisch zurück. „Verwahren Sie in diesem Möbel immer so bedeutende Beträge?" fragte Degenfeld erstaunt. „Ja," erwiderte sie unbefangen. „Davor möchte ich warnen." „Warum?" „Der Secretär scheint mir sehr alt zu sein." „Das ist er auch und durchaus nicht passend zu der mo« deinen Einrichtung; aber ich kann mich nicht von ihm trennen, weil er schon von meiner Mutter benutzt wurde." „Ich finde es sehr natürlich, daß man ein so werthes Andenken hoch hält, es sollte aber dann eben nur als solches betrachtet werden." „Was wollen Sie damit sagen?" „Daß ich es unvorsichtig finde, wenn Sie solche Summen hier einschließen." „O, lieber Erich —" „Dieser Schreibtisch bietet gar keine Sicherheit. Er ist ganz leicht gearbeitet. Derartige Möbel wurden in früherer Zeit, der damaligen Mode entsprechend, dutzendweise angefertigt." „Nun — und?" „Ich glaube, es ist mehr als gewagt, Werthgegenstände darin aufzubewahren. Die Schlösser dürsten auch alle ganz ähnlich gearbeitet sein. Auf Gut Altdorf steht ein Damen« Schreibtisch, der diesem völlig gleicht, aber eben seiner Un- sicherheit wegen schon lange nicht mehr benutzt wird." „Und aus diesem Grunde —" „Fürchte ich, daß Sie eines Tage» eine schlimme Ueber- raschung erleben werden." Frau v. Waldau lächelte. „In dieser Hinsicht habe ich nichts zu fürchten. Meine alten, bewährten Diener veruntreuen mir keinen Pfennig. Was aber diesen Schreibtisch anbelangt, so trage ich den Schlüssel immer bei mir oder verwahre ihn an einem Ort, von welchem nur Magda und Rafaele Kenntniß haben. Diese Beiden mußte ich natürlich in das Geheimniß einweihen, denn der Fall, daß ein rasches Oeffnen in meiner Abwesenheit nöthig werden sollte, kann ja immerhin eintreten. Abgerechnet davon, daß ich überhaupt nicht mißtrauisch bin, liegt also gar kein Grund zu Befürchtungen vor." Liebkosend, als wolle sie ein lebendes Wesen über eine ihm zugefügte Kränkung trösten, streichelte sie das alte Möbel. „Ich habe es sehr — sehr lieb, dieses Vermächtniß meiner Mutter und, so lange ich lebe, wird es durch kein anderes neuerer Construction verdrängt werden." „Mama, die Sonne hat alle Feuchtigkeit wie mit durstigen Lippen aufgesogen!" rief Rafaele. „Ich finde es zu eng und zu schwül hier. Könnten wir nicht in die freie, köstlich ab« gekühlte Lust hinaus und Croquet spielen?" „Aber selbstverständlich, mein Kind. Geht nur, ich komme nach. — Möchten Sie sich nicht an dem Spiele betheiligen, lieber Doctor?" „Ich kam in der Absicht, Sie um eine Unterredung zu bitten, gnädige Frau!" „Nun dann wollen wir noch etwa« zurückbleiben." Die Mädchen eilten, von Werner undL)egenfeld begleitet, in den Garten, und bald hörte man die jungen, frischen Stimmen und das heitere Gelächter herauf klingen. (Fortsetzung folgt) Gemeinnütziges. Ernte und Aufbewahrung von Tafelobst. Bei der Ernte von Obst, welches längere Zett sich gut auf« »eben lassen soll, beachte man, daß die Früchte nur trocken gepflückt werden dürfen, also am besten Morgens nach Abtrocknen des Thaues oder Abends an sonnigen Lagen. Alle Früchte find vorsichtig mit dem Stiel zu pflücken und einzeln mit dem Stiel nach oben auf das Lager zu bringen. — Kernobst hält man auch gut in Seidenpapier eingewickelt und dann in Sand oder Holzwolle in Kisten verpackt. Torfmull eignet stch nicht zur Aufbewahrung, da in demselben die Früchte welk werden. — Reife Zwetschen werden, um sie bis Weihnachten und länger frisch zu erhalten, in kleine Fäffer in gepulverte Holzkohle geschichtet, die vom Böttcher zugeschlagen, verpicht und in einen Brunnen oder ähnlichem frostfreien Raum mit niederer Temperatur aufgehängt werden. — Weintrauben erhält man lange Zeit bis Ende Januar frisch, wenn man sie mit den Fruchtreben abschneidet und diese in Gefäße mit Waffer an einem kühlen, frostfreien Orte mit reiner Luft stellt und aufbewahrt. Oder man taucht die Traubenstiele mit der Schnittfläche in geschmolzenes Paraffin oder Wachs und legt ste dann in Watte in eine Kiste, nachdem faule oder unreife Beeren entfernt wurden. ♦ s Zwetschenliquerrr. Drei Kilogramm süße Zwetschen werden kgequetscht und gepreßt- Der Rückstand wird mit IV2 Liter Wasser und mit den zerstampften Steinen zwei Tage hingestellt und darauf ausgepreßt. Dann werden beide Flüssigkeiten vermischt und mit ca. 1 Kilogramm Zucker versetzt. Einige Stunden spätes setzt man 2 Liter Weingeist, sowie 5—10 Gramm Bittermandeltinctur hinzu. Behufs rother Färbung setzt man etwas Heidelbeertinctur hinzu. Das Abklären geschieht durch ruhiges Stehenlaffen der Flüssigkeit oder durch Filtriren derselben. Beim Filtriren muß der Trichter bedeckt werden. * * * Apfelliqueur. Ananas- und Gold-Reinette, Bors- dorfer, Gravensteiner und andere aromatische Sorte« eignen stch am besten. Die ungeschälten Früchte werden zerstampft und ausgepreßt. Dann wird der Saft mit Zucker gekocht und ein Tag später guter Branntwein oder Cognac zugesetzt. Man braucht circa 3/5 Liter Branntwein und 2/s Kilogramm Zucker auf 1 Liter Saft. Das Filtriren geschieht am besten durch groben Filz. * Hagebutten in Zucker. Man schneidet die Blüthe der reifen Früchte ab, entfernt die Samen und die ste umgebenden Haare und legt die gereinigten Früchte in eine Schüssel. Nachdem man Zucker, in gleichem Gewichtrquantum wie die Früchte, geläutert hat, gießt man ihn über die Hagebutten, bedeckt das Gefäß und stellt es kalt. Am nächsten Tage lasse man Zucker und Hagebutten circa 10 Minuten kochen, hebt die Früchte mit dem Schaumlöffel heraus, schichtet die Früchte in Gläser, kocht den Zucker ein, gibt ihn über die Früchte und verschließt die Gläser, welche man kühl aufbewahrt, luftdicht. • Zur guten Coirservirung eingemachter Früchte trägt es sehr wesentlich bei, wen« die Gläser eine Zeit lang, etwa acht Tage, auf den Kork gestellt werden. Wenn man sie dann wieder umkehrt, so bilden der anhaftende Fruchtsaft und Zucker einen festen Ueberzug, wodurch alle Poren de» Kork- verschlossen und der Luftzutritt abgesperrt wird. * Gesundes Getränk aus Aepfeln. Man nimmt am besten Borsdorfer Aepfel, wäscht sie ungeschält sauber ab, schneidet jeden Apfel in vier Theile, schüttet die Stückchen in einen irdenen Topf, legt obenauf etwas Zucker, gießt kochendes Waffer darauf bis zum Rande und läßt es an einem warmen Orte zugedeckt einige Stunden stehen. Darauf gießt man das Wasser von den Aepfeln ab, welches nunmehr zum Trünke fertig ist. Gut und erfrischend auch für Kranke. Allerlei Flecken aus Wäsche zu entfernen. Abgefallene wilde Kastanien werden geschält und gerieben; das Geriebene drückt man auf die Flecken und wäscht sie nach Betlauf einiger Stunden aus. * * ♦ Apfelkerne und auch die Birnenkerne muß man sammeln und zerquetscht den Torten zusetzen, denen sie einen köstlichen Wohlgeschmack ertheilen. Vermischtes. Der Gürtel der Exkaiserin Eugenie. Ein merkwürdiges Geschick hat der Gürtel der früheren Kaiserin der Franzosen gehabt. Ein wahres Kunstwerk der Stickerei, oben und unten von purem Gold eingefaßt und meist übersät mit zahllosen Edelsteinen, die jetzt freilich herausgebrochen und durch „Simili" ersetzt sind, kam dieser Gürtel nach der Katastrophe von 1870 mit den übrigen Effecten der Kaiserfamilie unter den Hammer und wurde von dem bekannten Baron Horn, der stch bis vor kurzer Zeit in Stuttgart aufhielt, erworben. Als vor einiger Zeit auch dem Baron Horn das nöthige Kleingeld ausging, mußte auf Wunsch des Gerichtsvollziehers der Gürtel abermals seinen Besitz wechseln und gelangte durch Vermittelung eines Antiquars in den Besitz einer Stuttgarter Handelsfirma. Dieser Tage ging nun der Gürtel um den Preis von 600 Mark in den Besitz einer jungen, auch am Stuttgarter Hoftheater engagirten Schauspielerin über, welche, geschmückt mit dem Gürtel, der einst die stolze Kaiserin der Franzosen zierte, demnächst auf einer Kunstreise die Yankee» durch ihre Schauspielkunst zu bezaubern hofft. Wer die Wahl hat u. s. w. „Sie glauben gar nicht was mein Junge wählerisch ist; neulich war ich mit ihm in der Conditorei, da wollte er zuerst eine Portion Choeolade, dann eine Portion Schlagsahne und schließlich eine Portion Eis haben I" — „Und was hat er endlich bekommen?" - „Natürlich eine Portion Hiebe!" ♦ ♦ ♦ Vorsichtig. „Kannst Du noch harte Sachen beißen, Großmama?" — „Nein, mein Engelchen, ich habe ja alle Zähne verloren." — „So? Dann heb' mir die Zuckerln und die Nüsse auf." ♦ Kindlicher Trost. Aennchen und Fritz sind allein im dichten Walde spazieren gegangen und haben sich dort an eine Quelle gesetzt — al6 plötzlich ein prächtiger Hirsch aus dem Holze tritt. Der Kleine fängt sofort vor Schreck zu weinen an. „Sei doch ruhig, Fritzi" flüstert ihm Aennchen zu, „den kann man ja essen!" * Table d’hdte. „Gut, das Zimmer gefällt mir; ich behalte es! . . . Apropos, wird hier auch Table d’höte gespeist?" — „Gewiß!" — „Wann?" — „Sobald sie hinunter« kommen ... es ist sonst Niemand da!" • ♦ O Höchste Reinlichkeit. „Ich sage Ihnen, meine Gnädige, die Reinlichkeit auf meinem Gute ist geradezu colossal! Sonntags erhält sogar jede Vogelscheuche — frische Wäsche! • * Nach der Kur. A.: „Nun, diesmal ist Ihnen aber Marienbad ausgezeichnet bekommen! Sie sind das reinste Skelett!" - B.: „O, Sie Schmeichler!" • • ♦ Zweideutig. A.: „Ihr Neffe, der Lieutenant da drüben, steht Ihnen merkwürdig ähnlich." — Bankier: „Gott der Gerechte, er hat auch viel von mir!" Redaction: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.