Unterhaltungsblatt jum Gi«h«n«v Anzsigev (Geneval-Anzeigev) 1883 ^njjpr? ‘V ......... rr^e 1 ll 4'fTI M SZ^MMMMEL^W iLL^^-E^SÄSEÄW Dienstag, den 29. August. Das Erbe. Preisgekrönte Erzählung von Si. Blankenburg. (Nachdruck verboten.) I. Von dem Crumbacher Höwt, einer der am meisten in die See hinausgeschobenen Spitzen der an Buchten und Vorsprüngen so reichen Insel Rügen, hat man eine herrliche Aussicht air da« die Küste in weitem Bogen umfassende Meer. Die mit Kiefernwald bestandene Düne fällt hier so steil zum Strande ab, daß der oben Stehende den schmalen Streifen Vorland nicht erkennen kann, welcher ihren Fuß umgibt, und so den Eindruck gewinnt, als spüle die wogende, rauschende Fluth un» Ä?lbar an die hochaufsteigende Wand. Das ist in Wirklichkeit nicht der Fall. Große und kleine Steine, theils von der Natur neben» und übereinander geschoben, theils von Menschenhand zu einer Art von Mauer errichtet, schützen das Land und die Einfahrt für die Boote, die bei ruhigem Wetter hier einhufen können und unbesorgt von den Fischern an den Strand gezogen und verankert werden. Bei bewegtem Wafler ziehen sie allerdings vor, nicht unter dem Höwt zu landen, sondern dort, wo der Weg vom Dorfe über die Dünen führt und wo ein breiteres Vorland ihnen erlaubt, die Fahrzeuge der unmittelbaren Nachbarschaft des immer zu Uebergriffen bereiten Elementes zu entziehen. In der Einbuchtung jenseits des Waldes, der die in meh» reren Reihen die Küste entlang laufenden Höhen schmückt und nicht nur Kiefern, sondern dem Lande zu auch stattliche Buchen und Elchen enthält, liegt der kleine Strandort. Jetzt, wo ihn der Strom der Touristen und Badegäste entdeckt hat, wachsen jährlich Hotels und Villen aus der Erde hervor, aber früher bestand er aus lauter einfachen Häusern, deren kleine Vorgärten auf die ungepflasterte Dorfstraße führten. Tief über die nied- rigen Fenster, selbst auf der Giebelseite, hingen die strohgedeckten Dächer, auf denen Moos und flechtenartige Pflanzen ein ge- deihlrches Dasein führten. Hier wohnten und wohnen noch heute die Fischer, deren wetterharte Gesichter mit den festen, energischen Zügen der Bevölkerung einen eigenartigen Character verleihen. Etwas größer und behaglicher, wenn auch noch immer bescheiden, sind die Heimstätten, welche sich die Bauern errichtet haben. Auf ihren erbgeseffenen, freien Höfen, welche durch die größeren Stallungen wie durch die umschließende Mauer mit der Einfahrt leicht kenntlich sind, führen sie ein nicht weniger arbeitssames Leben, als ihre Nachbarn. Und doch ist es ein anderes. Sie bilden gewissermaßen den Adel der Bevölkerung als Leute, welche nicht von der Hand in den Mund leben, sondern die Grundlage de» gesicherten Besitzthums Denen gegenüber vertreten, deren einziges Eigenthum das schwankende Boot auf dem Wasser ist, ein Bild des eigenen, von Gefahr und Sorge umgebenen Lebens. Um diesem Gegen- satz auch nach außen Rechnung zu tragen, lieben sie es, wenn Umstände sie veranlassen, einen Neubau der Gehöfte vorzunehmen, diese mitten in die Felder zu legen, die ihre gesicherte Lebenslage vor Aller Augen kenntlich machen. So sieht man, wenn man zum Waldrand emporgestiegen ist, zwischen Crumbach und dem Pfarrdorf Willnick verschiedene Ansiedelungen liegen und die größte von ihnen, Grashagen, ist dem lederen Orte schon ziemlich nahe, wenn sie auch eigentlich zum ersteren gehört. Sie muß schon seit längerer Zeit den Wohnsitz einer angesehenen Familie bilden, das zeigt das ganze Aussehen des freundlichen Gutes, die gepflegten Felder, der große Garten mit den prächtigen, alten Bäumen, aus denen das weiße Haus mit dem rotheu Ziegeldach hervorsieht. Es war nicht zu ver- wunder», wenn Grashagen zu der Zeit, wo nur wenige bescheidene Badegäste, denen es auf gute Luft und billige Preise ankam, das kleine Crumbach, das nichts an sonstigen Veranü- gungen bot, aufsuchten, ein beliebter Aufenthalt für die heißen Sommernachmittage war. Es saß sich dort so ruhig nach einem behaglichen Spaziergang durch trockene Sandwege oder an den Wiesen entlang, wo Feldblumen in bunter Fülle an den Rändern der Gräben wuchsen, und die freundlich gebotene Erquickung war auch nicht zu verachten. Ganz anders verhielt es sich mit einem andern Punkt in der Umgebung von Crumbach, den die Handbücher über Rügen als besonders beachtenswerth bezeichnen. Dorthin führte kein bequemer Weg. Wenn man den über die Düne zum Wasser hinabführenden verließ, mußte man auf schmalem Pfade oder über unebene Stufen tüchtig steigen, ehe man das Höwt er« reichte, und um den etwas besseren von Willnick zu gewinnen, war ein bedeutender Umweg nicht zu vermeiden. Außerdem rot das Haus auf der Höhe nur den Menschen, welche genügsam genug waren, um mit Brod und Wasser vorlieb zu neh- men, einen Imbiß. Sonst war es freundlich, und da es nicht ;anz am vorderen Rand der Klippe lag, dem hier immer entlang streichenden Winde nicht ausgesetzt. Ein von der See zurückgekehrter Schiffer hatte es erbaut, weil er sich nicht von hrem Anblick trennen konnte und sie täglich und stündlich in edem Wechsel ihrer Laune vor Augen zu haben wünschte. Bei einem Tode hinterließ er es seinem Pathenkinde, der Tochter )es Fischers Locke, nur mit einem ausgesprochenen Wunsche, daß an jedem Abend mit dem Hereinbrechen der Dämmerung ein Licht in das Hochliegende Fenster des Oberstocks gestellt 402 werden solle als Wahrzeichen für die Schiffer, die draußen auf der See waren. seiner Liebe und Wonne zu einem schnellen, furchtbaren Ende zu bringen. Unwillkürlich preßten sich die Lippen des Pastors zusammen, ein Seufzer stieg aus seiner Brust empor, ein um gesprochenes Flehen für Die, welche vor seinen Augen zu Grunde gehen sollten! Aber es schien, als ob er vergeblich an die Pforte der Gnade pochte, denn schneller folgten die Butze auf einander, während der Donner mächtig tönend über dem Waffer rollte. Keiner der drei auf der Klippe Versammelten dachte noch an das schützende Obdach des Hauses. Das Fern« rohr abwechselnd an die Augen gedrückt, standen die Männer, während das Mädchen nur die emporgestreckte Hand als Schutz vor dieselben hielt und dann mit scharfem Blick noch mehr er- spähte, als die Andern zu thun vermochten. Sie sprachen nur kurze, abgebrochene Worte mit einander, welche nicht von den Empfindungen berichteten, die der Anblick in ihnen hervorrief, sondern nur sachlich und knapp sich mittheilten, was sie bemerkten. Es war ihnen bald klar, daß das kleine Fahrzeug sich dem Ufer näherte, aber daraus folgte eine Frage, die ste in bangem Herzen erwogen. Fesselte ein leeres, kieloben und Meer und Donner, aber er sah, daß die Hand des Mannes freundlich einladend auf fein Haus wies. Doch er konnte sich noch nicht trennen, er schüttelte den Kopf, und obgleich jetzt die ersten Tropfen herabzufallen begannen, wendete er den Blick wieder dem Meere zu. Wie durch ihn ebenfalls dorthin ge- zogen, ließ auch der Fischer den seinen hinausschweifen und plötzlich fühlte der Pastor, wie die Hand, welche noch seinen Arm gefaßt hielt, eine unwillkürliche Bewegung machte, so daß er erstaunt auf den Alten sah. Aber dieser hielt seine Augen unverwandt auf eine Stelle gerichtet, auf welcher der andere, so aufmerksam er sie auch prüfte, nur dasselbe wahrnehmen konnte, was das ganze vor ihm liegende Meer bot: die wogende, schwankende Fluth der schaumgekrönten, sich überstürzenden Wellen. Doch immer hielt der Fischer seinen Blick fest auf den einen Punkt gerichtet, und als jetzt ein flammender Blitz i herabfuhr, war's dem Andern, als sehe er dort etwas, was vorhin nicht da war, einen kleinen dunkeln Gegenstand, und zusammenfahrend wendete er sich zu seinem Genoffen: „Was ist's?" Aber seine Stimme, so sehr er sie erhob, schien nicht zu befien Ohr gedrungen zu sein, denn der antwortete nichts, sondern kehrte sich sogar schnell ab und ging eiligen Schrittes | zum Hause hin. Dort sah ihn der Pastor die Thür öffnen Es war ein heiser, schwüler Julinachmittag. Ein einziger Wanderer, der Pfarrer von Willnick, den ein Amtsgeschäft nach Crumbach geführt hatte, war den beschwerlichen Pfad zum Höwt emporgestiegen und stand, nachdem er den Fischer in seinem Hause begrüßt hatte, auf der höchsten Stelle der vom Wasser umrauschten Klippe, wo das Auge weit hinausschaut in die Ferne und nichts erblickt, als das weite, weite Meer. Ebenso wie auf den Spitzen der hochragenden Gebirge, so wird die Seele auch hier durchschauert von der großartigen Schönheit der Natur und ahnt die gewaltige Hand, welche die Erde aus dem Nichts hervorrief. In den erhabenen Anblick verloren, stand der Pfarrer noch immer, als schon die Sonne begann, sich dem Westen zuzuneigen, und blickte mit Augen, die das tiefe Versenken in das vor ihm liegende Bild spiegelten, in die Weite hinaus. Er hatte schon Stunden hier verweilt, und wenn er sich jetzt fragte, was er gesehen, so hätte er es nicht anzugeben vermocht, denn wenn das Schauspiel auch em anderes geworden war, leise und unmerklich waren die Veränderungen gewesen, die es umgestaltet hatten- , Zuerst hatte ihn der tiefblaue Himmel erfreut und die sanft wie Perlmutter . »»... -?•• m .■ ■. schimmernde Woge, die leise und gemächlich zu dem steinigen und hinter der geschlossenen verschwinden, dann wandte er sich Ufer heranspülte. Dann war am Horizont, dort, wo er sich von Neuem und mit verdoppeltem Interesse dem Meere zu. auf das Wasser niederzusenken schien, eine Dunstschicht erschienen, Aber er konnte nicht das Geringste unterscheiden n ^ welche mehr und mehr die weite Ferne verhüllte. Sie hatte und Wallen, und da der Regen anfing, stärker zu werden, war die Grenze zwischen Meer und Luft verwischt und war lang- er im Begriff, der vorhin ausgesprochenen Ausforderung d s sam und stetig näher und näher gerückt. Leise hatte sich der Fischers nachzukommen und den Schutz desHausesaufzusuchen Wind erhoben, noch war er als sanftes Lüftchen daher gekom- als er diesen wieder an seiner Seite bemerkte und zwar war men, aber er hatte schon die Kämme der Wellen geschwellt, er nicht allein zurückgekehr , eine i»nge' wie sie mit lauterem Rauschen an den Strand schlugen. Dann stand neben ihm- Sie hatte zum Schutz gegen den Regen em hatte er an Kraft gewonnen und damit zugleich hatte der leichtes Tuch um das volle, blonde Haar geschlungen, mit dessen dunstige Horizont sich geändert. Umrisse von Wolkenbtldern einzeln daraus hervorquellenden Löckchen der Wind em scherz, waren an ihm hervorgetreten, und während sich auf den Wogen Haftes Spiel trieb, und folgte mit den Augen derRchtung, weiße Schaumkronen zu bilden begannen, fuhr der Wind leb- m welche der ausgestreckte Finger ihres Vaters deutete, eine Hafter daher. Höher stiegen die Wolken; sie hatten die Sonne, kurze Zeit nur, dann nickte bedeutungsvoll^mit einem er- die leuchtend am westlichen Himmel stand, erreicht und ver- schreckten Ausdruck in dem.frischen- Antlitz. Mit lauter und dunkelten den milden, freundlichen Schein. Drohend erhoben doch wunderbar weicher Stimme sprach ste eimge Worte zu sie sich in scharf gethürmten, massiven Formen, blauschwarz in ihrem Begleiter, welcher inzwischen ein Fernrohr Mer Ar der Masse, die Ränder hell und in fahlem Grau. Ueber die hervorgezogen hatte und es seinen Augen paßlrch machte. Sie Meeresfläche kam es auf unsichtbaren Schwingen. Hochauf wandte sich hierauf zu dem Geistlichen. „Ein Boot Herr richtete sich die Welle, als ob sie kämpfend der feindlichen Kraft Pastor, sehen Sie s? Er hatte siestrotzder> sie umgebenden Widerstand bieten wolle, aber sie mußte bald die trotzige Stirn Lärms verstanden, aber ein Herz neiaeii. wahr anzunehmen, was seine Augen ihm «och nicht bekundeten. Weißer Schaum bedeckte das gesenkte Haupt und wie ein So wartete er denn mit Spannung, bis der Fische sein Glas langer Schleier zog er hinter der Welle her, sie verhüllend und sinken ließ und streckte seine Hand danach aus. Ja, M a r bedeckend, als sie klein und demüthig geworden, den Weg fort- As an das Auge gesetzt hatte, stand eööor ihm.wasdes fetzte. Aber noch einmal raffte sie sich empor. Ungestümes Mädchens scharfes Gesicht ohne solche^ Beihilfe erspäht hat , Schwellen hob ihren Busen, von Neuem wollte sie den Kampf das schwankende, auf und nieder Elende Fahrzeug in Mitt beqinnen, doch der unerbittliche Gegner ließ sie nicht zur Ent- der empörten Wellen. Dort war es, et e» tartliy, bort faltung ihrer Stärke kommen, er trieb sie vor sich her ihrem kämpfte ein Menschenleben oder vielleicht gar *te mit bem Untergange zu, mit klagendem Wehruf brach sie sich an bett Tode, der in furchtbarer, gewaltiger Ges alt neben hm stand, Steinen der Küste, hoch auf spritzte der Gischt, die letzten bereit, die Hand auszustrecken und das frohe Dastin mit all Tropfen verrannen, als sie vergehend dahinsank. Und höher 1 f' “"k stiegen die Wolken empor, dunkle Schatten breiteten sich über Land und Meer, und dann zog plötzlich ein Leuchten, ein fahles Aufflammen schnell und vorübergehend hindurch. Der Mann, welcher auf der Höhe der Klippe stand, hatte bett Hut abgenommen und hielt ihn in ber Hand. Der Wind trieb bas schlichte Haar, bas an bett Schläfen einen merklichen Schimmer von Grau zeigte, aus ber Stirn zurück, er bemerkte es nicht; feine ganze Seele war in bas Anschauen bes vor ihm liegenben Bilbes versenkt. Und immer höher stiegen die Wolken. Blitze flammten von einer Seite zur andern ober zuckten herab unb erleuchteten für wenige Augenblicke bas Dinkel btt, wo Luft unb Meer ineinander zu fließen schienen. Jetzt rollte ber erste Donner, lang verhallenb über bie Wasser- wüste, unb wie durch eine plötzliche Berührung aufgeschreckt, wandte der Pastor schnell sein Haupt zur Seite. Er hatte sich nicht geirrt, der alte Fischer stand neben ihm. „Es thut nicht gut, Herr Pastor, draußen zu sein bei solchem Sturm. Kommen Sie —" Das Uebrige verschlang der Lärm von Wind 403 — chwimmendes Boot ihre Aufmerksamkeit, welches Meer und Wind —• er stand von der See her und trieb die Wogen zum Strande — als willenloses Spielzeug behandelten, oder führten Menschenwille und überlegene Geisteskraft es dem Ufer zu? Doch während sie zagend diese und jene Möglichkeit bedachten, kam es der steinreichen Küste näher und näher, aber noch immer hinderte der herabströmende Regen, der sich wie eine Wolke zwischen sie und dasselbe legte, die Beantwortung dieses Zweifels. Aber plötzlich — wie war es nur gekommen, daß es mit einem Male herangerückt schien, so dicht, daß ein von Neuem herabzuckender Blitzstrahl es wie in unmittelbare Nähe vor sie hinstellte, — da rief das Mädchen mit stockender Stimme: „Gott stehe ihnen bei, ich sehe Menschen!" In den Herzen beider Männer fanden die Worte einen lebhaften Widerhall, dann aber schüttelte der Pastor den Kopf und tief aufseufzend sagte er, indem er das Fernrohr absetzte: „Es kann sich nicht aufrecht halten, wenn es in die Brandung kommt, an die großen Blöcke vor der Einfahrt, nicht wahr, Locke, das ist auch Ihre Meinung?" Der Andere schaute noch einmal nach dem Boot, dann schob er die breitrandige Schiffermütze, von deren Nackendach Ströme herabrieselten, etwas aus dem Gesicht, während er bedächtig antwortete: „Kann möglich sein, Herr Pastor, das ist, wie's kommen soll." Vielleicht hätte er seiner Liehlingsredens« art noch eine Erklärung zugefügt, aber die Tochter unterbrach ihn. „Bitte, Herr Pastor, geben Sie mir einmal das Glas," sagte sie lebhaft, und ohne des Vaters abweisendes: „Nein, Marie, das paßt sich nicht für eine Frauensperson," zu beachten, nahm sie es aus seiner Hand. Es war eine kurze Pause in dem Aufruhr eingetreten,. welcher Himmel und Erde erregte, der Regen hatte sich ein wenig vermindert und erlaubte eine deutlichere Kenntnißnahme der Sachlage. Gespannt blickte der Pastor in das Gesicht der eifrig Spähenden, während des Vaters wetterharte Züge einen unzufriedenen Ausdruck trugen, als er ärgerlich sagte: „Du sollst Dir nicht mit den Ferngläsern zu schaffen machen und mit Allem, was zum Meere gehört, Marie, ich will's nicht haben." „Es gilt vielleicht ei« Menschenleben, Vater," antwortete sie nur ruhig und er versank in Schweigen. Er hatte zwei Söhne auf der See verloren, der arme Mann, war's da zu verwundern, wenn er die Tochter, welche in der Stadt bei Verwandten seiner verstorbenen Frau eine beffere Erziehung genoffen hatte, als sie sonst bei einer Ftschertochter gewöhnlich war, von Allem fern zu halten suchte, was mit dieser in Verbindung stand? Sie war zu besseren Dingen bestimmt, als die Frau eines Schiffers zu werden, aber eine abergläubische Furcht hatte sich seiner bemächtigt, daß ihr Schicksal sie wie ihre Brüder auf das Meer treiben würde. Sein beliebtes Wort: „Das ist, wie's kommen soll," und: „Es soll wohl so sein," das sonst die gleichmäßige Ruhe seiner Seele aussprach, war ihm in dieser Beziehung nur ein Grund zur Befürchtung. So stand er denn ungeduldig neben ihr. Am liebsten hätte er das Glas aus ihrer Hand genommen, aber einmal hinderte ihn die Ehrfurcht vor des Pastors Gegenwart daran und dann hatte sich ihm heute zum ersten Male die traurige Ueberzeugung aufgedrängt, daß er alt war und seine Augen den Dienst nicht mehr versehen konnten, wie in früherer Zeit. Endlich ließ Marie das Fernglas sinken. „Es ist ein Mann in dem Boot," sagte sie in ruhig bestimmtem Tone, „und er muß hier in der Gegend bekannt sein, Vater, denn er hat es draußen um den Regenstein geführt, wenn er auch unter Wasser steht." „Gott sei Dank," rief der Pastor lebhaft, „so ist eins der gefürchteten Hindernisse überwunden. Wir müssen das Boot nun bald deutlicher erkennen können, wenn es an die großen Blöcke vor der Einfahrt kommt." Eine bange Stille entstand, während Alle in höchster Spannung hinausblickten. Auch ein weniger geübtes Auge konnte das Fahrzeug jetzt erspähen und wahrnehmen, wie es von einem bewußten Willen regiert wurde. Wenn aber das der Fall war, wie kam's, daß es jetzt nach rechts zuhielt, nach jener Stelle des Ufers, wo keine Möglichkeit des Herankommens war? Hatte Marie doch unrecht gehabt? War das Umschiffen des Regensteins eine Zufälligkeit gewesen und mußte der Unglückliche, welcher dort um sein Leben kämpfte, noch kurz vor der erhofften Rettung elend untergehen? Mit zurückgehaltenem Athem verfolgten sie die Bewegungen des Mannes, von dem sie nur undeutliche Umrisse erkennen konnten, dann kam es plötzlich wie ein Jubelruf von den Lippen des Mädchens: „Er kennt das Wasser, Vater, er muß ein Crumbacher sein, er hat nach links gewendet," und nach einer Pause folgte mit einen, Seufzer der unbeschreiblichen Erleichterung: „Gott sei tausend Dank, er hat die Einfahrt gewonnen." „So, Marie, und nun hast Du genug gesehen," sagte der Fischer in ungewohnt scharfem Ton- „Du gehst nach Hause, Mädchen, und legst Deine nassen Sachen von Dir. Herrn Pastor kannst Du mitnehmen und machst ihm ein Glas Grog, das ist gut für Kälte und Nässe, und wenn'« ihm auch sonst nicht anstehen mag, heut' ist das mal was Anders." „Und Du, Vater?" fragte Marie. »Ich geh' nach unten und sehe, daß ich ihm vollends an's Land helfe. Das ist noch gar nicht gesagt, daß er's schon gewonnen hat, das ist Alles, wie's kommen soll" „Laß mich mit Dir gehen, Vater," bat die Tochter, „siehst Du, Du bist alt und die Brandung ist stark heut' —" Er unterbrach sie schnell. „Nichts da, Marie, dazu bist Du nicht erzogen und das paßt sich nicht für ein Frauenzimmer, das nichts mit einem Seemann zu thun haben soll," sagte er bestimmt, „Du gehst in'S Haus, wie ich Dir gesagt habe." Sie folgte seinem Befehl, nachdem ein schneller Blick sie überzeugt hatte, daß das Boot sich rasch dem Lande näherte, und der Alte schickte sich an, den steilen Abhang auf schlüpfrigem Wege herabzustetgen. Der Pastor folgte ihm, obgleich er es keine Kleinigkeit fand, sich auf dem durchweichten, mit Kreide vermischten, zähen Lehmboden aufrecht zu halten. Bald schien's, als ob er dis Füße mit magnetischer Gewalt festhalten wollte, dann gab er plötzlich nach und ließ sie fahren, als ob er sie böswilliger weise zu Fall bringen wolle. Mit großer Mühe gelang ihm jedoch der Abstieg, aber der Fischer, dessen gewaltige, wasserdichte Stiefel dem Fuß einen festeren Halt gewährten, hatte vor ihn« das Ufer erreicht- Er fand ihn dort bis an die Hüften im Wasser stehen, bereit, die Spitze des Bootes zu fassen, sobald sie sich hinlänglich genähert haben würde. Ohne Bedenken trat der Pastor neben ihn. Nur wenige kurze Augenblicke warteten sie noch, dann griffen sie gleichzeitig zu. Trotz der Gewalt des zurücktreibenden Wassers, das ihnen noch den Preis entreißen wollte, gelang es ihrer gemeinsamen Anstrengung, das Boot heranzuziehen und das gewaltige Ankertau zu befestigen. Dann boten sie dem einzigen Insassen die Hand, um ihm das »ussteigen zu erleichtern. (Fortsetzung folgt-) Gemeinnütziges. Gute Durchwtnterung verschiedener Gemüse ohne Keller. Obgleich mir ein Keller zur Verfügung stand, überwinterte ich seit mehreren Jahren schon mit Vortheil die verschiedenen Suppengemüse: Sellerie, Lauch, Petersilie rc, und die Kohlarten im Freien in einer Grube mit Schutzdach aus Rohr, Schilf, Stroh rc- Rohr verdient den Vorzug zum Ueberwintern. Man mißt wie gewöhnlich die Grube ab, 5 bis 6 Fuß breit und dem Bedarf entsprechend lang. Innerhalb des abgegrenzten Raumes wirft man eine« kleinen, einen Spatenstich breiten Graben aus und bildet mit der hierbei gewonnenen Erde einen fußhohen Wall um die Grube, an welchen man später das Rohr anlegt. Nun fängt man an einem Ende an, das sauber abgeputzte, von den alten, losen Blättern befreite Gemüse querüber reihenweis einzuschlagen, läßt aber in der Mitte einen schmalen Raum, Steig, frei, damit man nachher von diesem Steige aus Grünes, Wurzeln :c. hervorholen kann, ohne das Gemüse zu zertreten. Ist der Ein« WWWWNMWWWI schlag fertig, so schlägt man an den beiden Seiten so viel Pfähle ein, als die Länge der Gruben oder die Länge der aufzulegenden Stangen, welche das Rohr tragen sollen, erfordert. Man schlägt die Pfähle oder Stützen so schräg ein, daß sie sich oben kreuzen, und legt dann eine oder mehrere Stangen darauf, bindet sie fest und deckt das Ganze mit Rohr ein, welches befestigt wird, indem man nochmals Stangen auflegt und mit den unteren Stangen verbindet. Ist .ein geeignetes Brett vorhanden, so kann dies nach oben lang gelegt werden. Die beiden Enden bleiben vorläufig offen. Wenn es kühler wirb, kann man sie mit Laub und strohigem Dung verpacken, falls man nicht des bequemeren Lüftens wegen Vorsetzer au» Rohr oder Stroh anfertigt. Schlimmsten Falls um» giebt man die Grube noch mit einem Laubumschlage. Man kann unter einem solchen Dache verschiedene Pflanzen, die im Keller ost zu früh treiben, sehr gut unterbringen, z. B- niedrige Rosen und dergleichen. Auch für Beete mit wurzelächten ausgepflanzten niedrigen Rosen bildet ein solches leichtes Strohdach guten Schutz. ♦ Möhren-Compot. Man schält die gereinigten Wurzeln mit einem feinen Messer, daß sie wie Locken sich kräuseln (der in der Mitte befindliche Theil wird entfernt), kocht solche mit Citronenschale und schüttet sie auf ein Sieb. Dann kocht man zu 625 Gramm Wurzeln 250 Gramm Zucker, Citronensaft und etwas Essig, läßt die Wurzeln eine kleine Weile darin kochen und den Säst noch einkochen. * rp * Vogelbeeren - Compot. Man pflücke die reifen, jedoch noch nicht mehlig gewordenen Beeren, entstengele sie und wasche sie sauber, begieße sie mit reinem Wasser soweit, bis sie bedeckt sind, bringe sie zum Feuer und lasse sie 10 bis 15 Minuten kochen. Auf ein Haarsieb oder in einen Saftbeutel geschüttet, wird der abgelaufene klare Saft mit 1 Pfund Zucker auf je 1 Pfund Saft auf raschem Feuer zu Geloe gekocht, in Gläser gefüllt und mit Papier geschlossen. Diese Bratenbeigabe wird besonders von den Herren sehr beliebt und mit Vorzug genossen. ♦ Strohhüte zu reinigen. Feine Kernseife wird mit lauwarmem Wasser so lange auf einem wollenen Lappen gerieben, bis auf diesem ein starker Schaum entsteht. Mit diesem eingeseiften Lappen werden dann die Hüte gewaschen, bi» aller Schmutz verschwunden ist. Wenn man keine Seife mehr auf dem Lappen hat, so muß solche wieder darauf gebracht werden, so daß man die Hüte nicht trocken reibt. Ist der Hut rein, so wird er mit reinem Wasser von aller anhaftenden Seife gereinigt und mit einem Tuche gut abgetrocknet. Helle Hüte werden dann gleich in den Schwefelkasten gebracht, welchen man sich leicht nach folgender Art herstellen kann. Man nimmt ein Faß, dessen einer Boden als Deckel dienen muß, legt einen Ziegelstein hinein und darauf ein altes Blech mit Schwefelpulver, welches angezündet wird. Der Hut wird alsdann vorsichtig so hinein gehängt, daß der brennende Schwefel ihn nicht erreichen kann, worauf das Faß mit dem einen Boden zugedeckt wird. Den Hut läßt man ungefähr eine halbe Stunde im Fasse, dann nimmt man ihn heraus und giebt ihm mit einem warmen Bügeleisen den nöthigen Glanz, wobei ein feines, weißes Papier untergelegt werden muß- Weiße Strohhüte, welche schmutzig und fettig geworden sind, reinigt man auch mit einer Seifenlösung, welcher ein Theelöffel voll Weinsteinsäure zugesetzt wird, mittels eines Schwammes durch gutes Abreiben. Schwarze Strohhüte können gleichfalls, wie angegeben, mit einem singe» seiften Lappen oder mittels einer Seifenlauge gereinigt werden. Solche Hüte können leicht selbst auch wieder schwarz lackirt werden, wozu man blonden Weingeistlack oder Holzlack verwendet, dem man eine entsprechende Quantität in Weingeist ab» geriebenen Kienruß zusetzt. 404 — V-rinischtes. Der Anzug der Frau. Nichts beleidigt das Auge und Gemüth des Mannes so sehr, als die Erscheinung einer Frau, die sich selbst vernachlässigt - sei es nun in der K eidung oder in ihren Mienen. Es ist ein keineswegs übertriebene» Verlangen, das man an eine Gattin oder Mutter stellt, wenn man von ihr erwartet, sie möge Sorgsalt auf ihr Aeußeres verwenden. Dem Gatten wird sie dann stet» einen erfreulichen, erquickenden Anblick bieten, den Kindern aber durch ihr gutes Beispiel von allem Anfang an den Sinn für Schönheit, Rem- lichkeit und Ordnung in die jungen Seelen pflanzen. „Fürs Haus ist Alles gut!" Wie oft hört man dies schlimme Wor aus dem Munde der Frauen, die im Haufe einem wnbtdbel gleich herumschlappen, aus der Straße aber als.Muster an Eleganz und Geschmack einherstolziren. Dre Thörrchtrn! Bedenken Sie denn nicht, daß da» Haus die Welt der Frau ist, und daß sie sich dieselbe so schön als möglich zu gestalten trachten sollen, — dem Manne, den Kindern und sich selbst zum Wohlbehagen? Deshalb und nicht au» eitlem Putzbedürf- niß verwendet eine gute und kluge Frau viel Sorgfalt aus ihr Aeußeres und bringt nöthigenfalls sich selbst dafür so manche» kleine Opfer an Zeit und Schlaf. — Und ihre Mienen halt sie vollauf in der Gewalt! Ein heiteres, freundliches Gesicht - wer fände das nicht schön? Nichts wirkt so sehr gernüthr- verstimmend, als das Antlitz einer Frau, die geärgert, verbitter oder auch nur bekümmert dreinschaut. Wohlan! Sre hat oft trübe Augenblicke — Sorge um dieses und jenes — um die Kinder oder um die knappen Mittel. Der Mann aber braucht die ganze Körper- und Geisteskraft für den Beruf, da sollen ihm alle niederen Sorgen, alle kleinlichen Hebet ^rngehalten werden; so zwingt sich die brave Frau zu ihrem alten Lächeln. Und heiter, trotz aller Sorgen, tritt sie dem Manne dann entgegen, der stets aufs Neue staunen muß, welch' großen Schatz er an dieser kleinen Frau gefunden hat. — Ob er wohl etwas ahnt von ihrer Selbstvergessenheit und Selbstverleugnung" Doch ist er überzeugt davon, daß sie sein guter Genius st, der Sonnenstrahl in seinem sturmbewegten Leben, der Zufluchtsort in allen Lebensstürmen — Blume, Glück und Segen seines Hauses. - Die Frau, die sich in stolzer Demuth damit be- gnügt, so zu handeln, das ist die Frau, die Gott erschuf, dem Manne zur Gefährtin! Ihr gebührt alle Achtung — ihr aller Segen! Sie ist Diejenige, die ohne Selbstüberhebung zum Manne sagen kann: „Ich bin Deiner werth — bin Deine Hälfte." __ Aergerlich. Er: „Wie hast Du geschlafen, mein Engelchen, mein Täubchen, mein Mäuschen —" Sie: „Geh mit Deinen einfältigen Kosenamen. Wenn Du mich kurzweg Anna nennen würdest, dann würdest Du nicht vergessen haben, daß gestern mein Namenstag gewesen ist!" • • Im Colleg. Professor (vortragend): „Der Stoff ist unvergänglich, meine Herren, nur die Form wechselt.' — Suff (leise zu Bummel): „Das ist doch sicher nicht wahr; beim vollen Maßkrug z. B. wechselt der Stoff, aber die Form bleibt unvergänglich." * • Drohmittel. Ein Bettler, mit einer Clarinette bewaffnet, tritt in den Garten einer Villa ein, wo sich eine muntere Gesellschaft tummelt. „Machen Sie, daß Sie fort' kommen!" befiehlt der Hausherr. — „O nein, Papa, bittet die Tochter, „laß den Mann doch 'mal das Ständchen von Schubert spielen, ich höre es so gern." — „Na, denn mal los," schmunzelt der Papa. - „Ich kann überhaupt nicht auf dem Dings spielen," erwidert der Bettler. — „Was thun Sie denn mit dem Instrument?" fragt wißbegierig die Tochter.— „Damit drohe ich nur," ist die lakonische Antwort. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.