Nnterchaltuirgsblatt zrnn GLeszenev Anzeigen (Gsnevcrl Anzeigev) 9J 1893 - Ä./J. t,NrtR H^^WF WZ: . ~* ’XT-"- ■ - OMs^MrWVKMl Samstag, den 29. Juli. Der Staatsanwalt. Novelle von Wolfgang Hellmuth. (Fortsetzung.) Julius Stirner hatte seinem Drehsessel einen kleinen Ruck gegeben, so daß sie einander nun Auge in Auge gegenüber saßen und nach einem sekundenlangen Schweigen sagte er mit eisiger Kälte: „Eine Fälschung also? — Nun, das ist ja eine hübsche Ueberraschung! — Die Familie Hallenstein hatte in der That guten Grund, voll hochmüthigen Stolzes auf mich herabzu- sehen." „Legen Sie nicht meiner Familie zur Last, was allein mein Verschulden ist!" bat der Arzt, der jetzt, wo das entsetzliche Geständniß von seinem Herzen war, für einen Moment wieder freier zu athmen vermochte. „Und verdammen Sie auch mich nicht früher, als bis Sie meine Rechtfertigung gehört haben. Ich befand mich ja in einer Lage, in der ich kaum noch wußte, was ich that." Und er schilderte in vollster Aufrichtigkeit die Bedrängniß, in welcher er sich unmittelbar vor dem Verfalltage seines älteren Wechsels befunden, er erwähnte die günstigen Aussichten, welche sich ihm für die nächste Zukunst aufgethan und seine Zuversicht, das gefälschte Accept noch rechtzeitig unmittelbar vor dem Fälligkeitstermin einlösen oder prolongiren zu können. Der ehemalige Rechtsanwalt hörte ihn an, ohne ihn zu unterbrechen; dann aber erwiderte er mit schneidender Ironie: „Das also nennen Sie eine Rechtfertigung? — Ungefähr mit den nämlichen Gründen dürfte wohl auch jeder Kassendieb und jeder Raubmörder seine Handlungsweise zu entschuldigen im Stande sein. Ich fürchte, Sie werden mit solcher 58er» theidigung schwerlich die Milde eines Gerichtshofes wachrufen können." „Aber Ignaz Barteck hatte mir doch versprochen, den Wechsel nicht weiter zu geben und er hat gehandelt wie ein Schurke, indem er sein Versprechen brach. Denn er wußte ganz genau, welche Bewandtniß es mit der Unterschrift meines Onkels hatte — er mußte es wissen; denn von ihm allein ist jener unglückselige Gedanke ja ausgegangen." Der Andere runzelte die Stirn und fiel ihm mit strengem Ausdruck in's Wort. „Hüten Sie sich vor jedem Versuch, einen ehrenhaften Mann mit hinabzureißen in Ihr Verderben! — Sie würden Ihre eigene Lage dadurch wahrlich nicht verbessern können, denn Niemand wird einer so ungeheuerlichen und unsinnigen Behauptung auch nur eine Minute lang Glauben schenken! — Aber ich sehe nicht ein, weshalb wir uns noch weiter über diese Dinge unterhalten sollten. Ich bin weder berufen, über Sie zu richten, noch habe ich die Macht, Sie vor den Folgen Ihrer Handlungsweise zu bewahren. — Ihr Geständniß läßt mir ja nur noch einen einzigen Weg zum Handeln offen." Angstvoll suchte Emst Hallenstein in dem undurchdringlichen Gesicht des Andern zu leien. „Sie wollen also nicht warten, bis ich im Stande bin, meine Schuld zu zahlen? Sie denken daran, meinem Vater Alles zu offenbaren?" Doctor Stirner schüttelte sehr entschieden den Kopf. „Nein — nicht Ihrem Vater, aber dem Herrn Staatsanwalt, Ihrem zukünftigen Schwager. — Es muß ein sehr pikantes Schauspiel werden, ihn gerade bei dieser Gelegenheit seine Pflicht als öffentlicher Ankläger erfüllen zu sehen." „Nein, nein — das kann Ihr Ernst nicht sein — das werden Sie nicht thun — das nicht! Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie mich durchaus verderben müssen? Wenn Sie mich meinem Vater entdecken, so wird das ein verhängnißvoller Schlag sür den alten Mann sein — es wird ihn vielleicht tödten — aber Ihr Geld werden Sie alsdann sicherlich erhalten und dies ist doch am Ende das einzige Interesse, welches Sie an der Sache haben." Der ehemalige Rechtsanwalt sah den jungen Arzt mit funkelnden Augen durchdringend an und jetzt zum ersten Male durchzuckte es den Unglücklichen wie eine dunkle Ahnung, daß er das Opfer eines mit grausamer Berechnung angelegten Planes geworden sei. „So? Und wer sagt Ihnen, daß dies das einzige Interesse sei, welches ich an der Sache habe? — Wäre es nicht vollkommen begreislich, wenn ich den Wunsch hegte, bei dieser Gelegenheit Genugthuung zu nehmen für die Beleidigungen, die mir von Ihren Angehörigen und in Ihrem Hause widerfahren sind? Ihre Schwester wies hochmüthig meine Bewerbung um ihre Hand zurück und Ihr Vater zögerte nicht, den Stab über mich zu brechen, nur weil es einigen blöden, mißgünstigen Gesellen gefallen hatte, meine Handlungsweise in einem bestimmten Fall für eine nach Philisterbegriffen unmoralische zu erklären. Der Mensch, der es unter Ihrem Dache wagen durfte, mich zu beschimpfen, ist heute im Begriff, ein Mitglied Ihrer Familie zu werden, und ich wüßte wahrlich nicht, was mich unter solchen Umständen noch veranlaffen könnte, Nachsicht und Schonung zu üben gegen Jemanden, der den Namen Hallenstein trägt." Der junge Doctor erhob sich. Der finstere Trotz der Ver- - 350 zweiflung war in seinem fahlen, innerhalb weniger Stunden gleichsam um Jahrzehnte gealterten Gesicht. „Wenn Sie den Zufall, der mich in Ihre Hand gegeben, zur Befriedigung Ihres Rachegelüstes nützen wollen, so kann ich mir's allerdings ersparen, mich noch tiefer vor Ihnen zu demüthigen. In Einem aber werden Sie sich dennoch getäuscht haben — deffen kann ich Sie versichern! Sie werden den Staatsanwalt Rodewaldt niemals als Ankläger gegen mich auftreten sehen, denn wenn ich schon sür mein Vergehen be- straft werden soll, so werde ich diese Strass von einem anderen Richter vollziehen lasien als von dem, der Staatsanwälte und Vertheidiger anhören muß, um zu seinem Spruche zu gelangen." Er machte ein paar Schritte gegen die Thür hin und erst, als er die Klinke derselben bereits in der Hand hatte, hielt ihn ein Zuruf Stirners zurück. „Verweilen Sie noch einen Augenblick! Ich bin kein rach» süchtiges Scheusal, das durchaus Blut und Verderben sehen muß, sondern ich bin nur ein Mensch, der sich nicht ungestraft in seinen tiefsten und heiligsten Empfindungen verletzen laffen will. Verschaffen Sie mir eine andere Genugthuung für den Schimpf, den ich von Ihrer Schwester und von Ihrem Vater erleiden mußte, und ich werde dieses Papier zerreißen, ohne daß die Kenntniß von seinem Vorhandensein über jenen allerkleinsten Kreis hinausgedrungen wäre, von welchem Sie einen Verrath wohl schwerlich zu befürchten haben." Ernst Höllenstein stürzte auf ihn zu. Eine berauschende Fülle von Licht und Sonnenschein hatte sich plötzlich vor seinen geblendeten Augen aufgethan. „Fordern Sie von mir, was Sie wollen!" rief er aus. „Soweit mein Vermögen reicht, werde ich unbedenklich jede Ihrer Bedingungen erfüllen." „Run wohl, so sorgen Sie, daß die Verlobung Ihrer Schwester mit Rodewaldt aufgehoben und daß Fräulein Elfriede Hallenstein meine Gattin werde. Rur so kann die Ehrenkränkung wieder gut gemacht werden, die man mir angethan." Der Arzt sah ihn an, als ob er daran zweifle, richtig gehört zu haben; aber Julius Stirners Miene war nicht diejenige eines Mannes, der geneigt ist, zu scherzen. All' die beglückende Hoffnung, die ihn noch soeben durchströmt hatte, war wieder dahin. „Sie wissen, daß es Unmögliches ist, was Sie da von mir fordern," sagte er tonlos. „Auch wenn ich die Berechtigung Ihres Verlangens anerkennen wollte, woher sollte ich die Macht haben, ihm zur Verwirklichung zu verhelfen?" Der ehemalige Rechtsanwalt zuckte mit den Achseln. „Die geeigneten Mittel und Wege zu finden, müßte allerdings Ihre Sache sein. Aber man sagt ja, daß die Roth erfinderisch macht und ich glaube, es würde nicht einmal allzu großer Erfindungsgabe bedürfen. Ich fordere zunächst nichts Anderes, als daß jene Verbindung rückgängig gemacht werde und daß mir Ihr Vater die Thür seines Hauses in aller Form wieder erschließt. Für das Weitere werde ich dann schon selber Sorge zu tragen wissen und ich werde höchstens hier und da Ihre gelegentliche Unterstützung dabei in Anspruch nehmen. Sie werden mir vielleicht entgegenhalten, daß Ihre Schwester den Staatsanwalt liebt; aber ich vermag darin durchaus keinen stichhaltigen Grund zu erblicken für die Unmöglichkeit, meinem Verlangen nachzukommen. Die Bekanntschaft der beiden ist ja viel zu kurz, als daß wirklich schon eine so gewaltige und unauslöschliche Liebe von Fräulein Elfriedens Herzen Besitz ergriffen haben sollte und ihre schwesterlichen Empfindungen werden hoffentlich noch stärker sein, als ihre bräutlichen. Wenn Sie ihr im Vertrauen mittheilen, wieviel für Sie auf dem Spiele steht, so wird sie nicht zögern, Ihnen ein Opfer zu bringen, das doch schließlich überhaupt nur in der Einbildung ein Opfer ist." Es war unverkennbar, daß er es durchaus ernsthaft mit seiner Bedingung meinte, und wie vollständig auch die Angst um das eigene Schicksal den jungen Arzt beherrschte, so empörte sich doch etwas in seinem Innern gewaltig gegen die brutale Kaltblütigkeit, mit welcher jener das Lebensglück seiner Schwester vernichten wollte und gegen den Cynismus, mit dem er von den heiligsten Dingen sprach. Ein zorniges, verächt» liches Wort wollte sich auf feine Lippen drängen; aber er war doch zu feige, um es auszusprechen und so wandte er sich schweigend abermals zum Gehen. „Ich will Ihnen Zeit laffen, sich meinen Vorschlag zu überlegen!" rief ihm Julius Stirner nach. „Sind Sie bis morgen Mittag nicht im Stande, mir eine Nachricht zu bringen, wie ich sie erwarte, so wird eine Stunde später der Staatsanwalt im Besitz Ihres Wechsels sein- Sie werden ja wissen, auf welcher Seite der größere Vortheil für Sie gelegen ist." Ohne ein Wort stürzte Hallenstein davon. Al« er die Thür des eleganten Arbeitszimmers hinter sich in's Schloß warf, war er fest überzeugt, daß er nunmehr mit dem Leben abgeschlossen habe und daß es für ihn keinen anderen Weg mehr gab, äls den Weg in den Tod. VII. GanzIvon diesem Gedanken beherrscht, kehrte der junge Arzt in das väterliche Haus zurück und begab sich in sein Studierzimmer. Er bewahrte dort in seinem Schreibtisch verschiedene Chemikalien auf, von denen er mit voller Bestimmtheit wußte, daß ihr Genuß einen leichten und fast schmerzlosen Tod im Gefolge habe- Eines dieser wohlthätigen Gifte — so hatte er sich entschlossen — sollte auch ihm Erlösung bringen au« dem schrecklichen Zustande, in dem er sich seit dem Vormittag befand, und Rettung vor der namenlosen Schmach, die ihn bedrohte. Es fehlte ihm nicht an persönlichem Muth, aber er hatte den Tod so oft und in so schrecklichen Gestalten gesehen, daß ihn nun doch ein Grauen überkam bei dem Anblick des kleinen Fläschchens, welches er einem Fache seines Schreibtisches entnommen. Und da« Herz schnürte sich ihm zusammen bei dem Gedanken an den Kummer, den er seinem gütigen Vater bereiten mußte. Er griff zur Feder, aber er kam über die ersten Worte des Abschiedsbriefss, welchen er an den Professor richten wollte, nicht hinaus. Das ehrwürdige Gesicht des alten Herrn stand in erschreckender Lebendigkeit vor seiner Seele, und die Worte, welche geeignet gewesen wären, einen Vater schonend auf die Schmach und das schimpfliche Ende seines Sohnes vorzubereiten, wollten ihm trotz aüm Grübelns nicht etnfallen. Und wie er so dasaß, den Federhalter zwischen den Zähnen und die stieren, brennenden Augen auf das weiße Blatt geheftet, auf dem bis jetzt nur die Worte: „Mein geliebter Vater!" zu lesen standen, da schoß ihm plötzlich die Frage durch das gemarterte Gehirn: „Muß e« denn wirklich sein? Muß ich die Verblendung eines einzigen unglückseligen Augenblicks wirklich mit meinem jungen Leben bezahlen und muß ich diesem ehrlichen grauen Haupte zu der Schande auch noch den bitteren Schmerz bereiten, den einzigen Sohn durch eigene Hand gefallen zu sehen? Ist es denn in der That etwas so Ungeheuerliches um die Bedingung, welche dieser Stirner mir gestellt hat? Wäre nicht alles Unglück abgewendet, wenn Elfriede sich zu dem Verzicht entschließen könnte, welchen er verlangt? Habe ich nicht um meines alten Vaters willen geradezu die Pflicht, wenigstens einen Versuch nach dieser Richtung hin zu machen?" Er warf die Feder bei Seite und durchmaß unentschlossen mit langen Schritten das Zimmer. Das Erbärmliche und Entwürdigende der Zumuthung hielt ihn noch von der Aus- fühmng jenes Gedankens ab; aber die Liebe zum Leben war bereits wieder so stark in ihm geworden, daß er geflissentlich nach Gründen suchte, mit denen er auch die letzten seiner Bedenklichkeiten zu beschwichtigen vermochte. Und nun war es ein Zufall, der die letzte Entscheidung herbeiführte. Es wurde an die Thür des Zimmers geklopft und auf den Zuruf des jungen Arztes trat Elfriede selbst über die Schwelle. Sie hattii irgend eine Frage oder ein unbedeutendes Anliegen an den Bruder gehabt; aber bei dem Anblick seines aschfahlen, verstörten Gesichts vergaß sie den Zweck ihres Kommens. „Mein Gott, was ist Dir, Ernst?" fragte sie bestürzt. „Du bist doch nicht krank?" Er war sogleich entschlossen gewesen, den Wink des Schick- ä 351 - sals zu beherzigen, für den er ihr unerwartetes Erscheinen nahm, und nachdem er die Thür hinter ihr in'S Schloß gedrückt hatte, erfaßte er ihre beiden Hände. „Nein, ich bin nicht krank, Elfriede," sagte er, „aber ich bin namenlos unglücklich und ein rettungslos Verlorener, wenn Du nicht stark und großmüthig genug bist, mich zu retten." Erschrocken war das junge Mädchen ein wenig zurückgewichen. „Was ist Dir widerfahren? — Von welcher Art könnte ein Unglück fein, dessen Abwendung in meine Macht gegeben wäre?" „Willst Du mir versprechen, mich ruhig anzuhören, Elfriede? — Und willst Du mir bei dem Andenken unserer Mutter schwören, daß ohne meine ausdrückliche Einwilligung nicht ein Wort von dem, was ich Dir jetzt anvertrauen will, über Deine Lippen kommen soll?" „Wie Du mich ängstigst I — Ist denn wirklich etwas so Fürchterliches geschehen?" „Etwas Fürchterliches — ja! — Aber ich bin noch ohne Deine Antwort. Willst Du mir schwören, zu schweigen?" „Ich schwöre es! — Nun erlöse mich endlich aus dieser schrecklichen Ungewißheit und Angst!" Er zog sie neben sich auf das Sopha nieder und legte ihr seine Beichte ab — in mühsamen, abgerissenen, oft zusammenhanglosen Worten, aber ohne jede Beschönigung seines verbrecherischen Thuns. Elfriede verstand so wenig von der Natur der Dinge, um welche es sich da handelte, daß ihr für Vieles von dem, was er ihr auseinanderzusetzen suchte, die rechte Erklärung fehlte; aber sie unterbrach ihn trotzdem durch keine Frage, denn die hoffnungslose Verzweislung in seinen Menen war ja von einer fo furchtbaren Beredsamkeit, daß sie trotz alledem nur zu gut begriff, wie hier das Schicksal eines Menschenlebens auf dem Spiele stand. Als er bis zu der Schilderung feiner heutigen Unterredung mit Stirner gekommen war und bis zu der unbarmherzigen Drohung desselben, den gefälschten Wechsel der Staatsanwaltschaft zu übergeben, versagte ihm plötzlich die Stimme- Die schmachvolle Bedingung, an welche der ehemalige Rechtsanwalt sein Versprechen, Gnade zu üben, geknüpft hatte, wollte ihm nicht über die Lippen — und als er den bis dahin starr auf den Boden gehefteten Blick zu dem lieblichen, todestraurigen Antlitz seiner Schwester erhob, da nannte er im Grunde seines Herzens sich selber einen Schurken, weil ihm auch nur für die Dauer eines Augenblicks der Gedanke hatte kommen können, feine eigene Rettung mit dem zerstörten Lebensglück dieses holden, unschuldigen Wesens zu erkaufen. Er brach mitten in seiner Erzählung ab und sprang auf, um an den Schreibtisch zu treten. „Sieh' her, Elfriede!" fuhr er fort, indem er ihr den Briefbogen, auf dem nichts al» die Anrede an den Vater stand, entgegenhielt. „Dies war es, womit ich beschäftigt war, als Du mich überraschtest. Ich bin nicht werth, dem besten und gütigsten aller Menschen mit dem Kainszeichen der Schande auf meiner Stirn noch einmal unter die Augen zu treten. Er wird die Schmach, welche ich zum Dank für alle Liebe aus seinen ehrlichen Namen gehäuft, vielleicht minder grausam empfinden, wenn er durch meinen Anblick nicht mehr daran erinnert werden kann — und das entsetzliche Bewußtsein wenigstens, einen Sohn im Zuchthause zu haben, soll ihm erspart bleiben. — Wärest Du um eine Viertelstunde später gekommen, so würdest Du nur noch einen stillen Mann gefunden haben." „Ernst!" schrie das junge Mädchen im höchsten Entsetzen auf. „Weich' ein fürchterlicher, frevelhafter Gedanke! Deine Schuld würde erst in Wahrheit unverzeihlich und unsühnbar werden durch eine solche Thal! — Sagtest Du denn nicht vorhin, daß ich im Stande sei, Dich zu retten? — Und zweifelst Du etwa, daß es mir an dem Willen fehlen würde, es zu thun?" Düster schüttelte er den Kopf. „Vergiß das thörichte Wort, Elfriede, das ich bei Deinem Eintritt gesprochen! Auch Du vermagst mir nicht zu helfen, so wenig als irgend ein Mensch auf Erden mir zu helfen vermag. In einer Anwandlung von Feigheit und sträflicher Liebe zum Leben nur konnte ich etwas Anderes glauben. Laß mich meinen Weg in's Verderben, den ich ja aus eigener Wahl beschritten habe, nun immerhin bis zu Ende gehen — und ver- gieb mir, daß ich Deine reine Seele betrübt und erschreckt habe durch diese überflüssige Geschichte meiner Verirrung." Aber Elfriede ließ sich natürlich mit solchen Worten jetzt Nicht mehr fortschicken. Als der Bruder ihren Bitten immer nur dieselbe düstere Weigerung entgegensetzte, schlug sie endlich einen anderen, hoheitsvoll befehlenden Ton an und drohte, den Vater auf der Stelle von Allem zu unterrichten, wenn sie nicht eine Erklärung erhielte für jene erste Aeußerung, die der junge Arzt jetzt so hartnäckig zu verleugnen suchte. Doch Ernst Hallenstein fand noch immer nicht den Muth, dem verbrecherischen Verlangen Stirners Ausdruck zu geben. Alles, was er sich durch das Drängen und Befehlen feiner Schwester entreißen ließ, war eine beklommene Andeutung, daß der ehemalige Rechtsanwalt allein die Macht habe, die Katastrophe abzuwenden und daß Elfriede doch sicherlich schon vor dem bloßen Gedanken an eine Berührung mit Stirner zurückgeschreckt sein würde. So verschleiert auch immer dieser Hinweis sein mochte, mit dem feinen Jnstinct des Weibes hatte das junge Mädchen doch die darin verborgene Bedeutung sofort erfaßt. In entschlossenem Tone sagte sie: „Doctor Stirner ist mir in hohem Grade widerwärtig — das ist wahr — und was ich soeben von Dir gehört habe, kann mir seine Person gewiß nicht sym» pathischer machen. Aber meine Abneigung gegen den Menschen darf mich nicht hindern, Alles, was in meinen Kräften steht, für Deine Rettung zu versuchen. Ich werde zu ihm gehen, ihn um Barmherzigkeit zu bitten, und ich hoffe, er wird meins Bitte nicht unerfüllt lassen." „Wie, Elfriede — das wolltest Du für mich thun? — Aber Du bedenkst nicht, was Du damit auf Dich nimmst! — Es wäre ein schwerer Verstoß gegen dis gute Sitte, wenn Du Stirner besuchtest, obwohl Du die Verlobte eines Anderen bist. Und dann — ich weiß nicht, von welcher Art der'Empfang fein würde, den Du bei ihm zu erwarten hast." „Er wird mich unfreundlich behandeln, darauf muß ich gefaßt sein; denn er sglaubt sich wahrscheinlich von mir gekränkt, obwohl ich bei jenem Anlaß nicht anders zu handeln vermochte, als ich es gethan. Aber mag er immerhin jetzt in feiner Weise Vergeltung an mir Üben! Was bedeutet die Demüthigung, der ich mich damit vielleicht aussetze, gegenüber dem furchtbaren Unglück, welches Dich bedroht!" Er hatte nicht Tapferkeit und Selbstverleugnung genug, um sie aus ihrem Jrrthum zu reißen; denn die Kundgabe ihrer hochherzigen Absicht hatte den fast schon verglimmenden Hoffnungsfunken in seinem Herzen von neuem zu heller Flamme angefacht und hatte die mahnenden Bedenklichkeiten seines Gewissens verstummen lassen vor jener lockenden Stimme der Versuchung, die ihm Rettung verhieß und Leben und Freiheit. — Wohl erhob er noch einige schwache Einwendungen gegen das Vorhaben Elfriedens; aber seine Warnungen waren nicht mehr ernsthaft gemeint und er hütete sich wohl, irgend etwas zu sagen, das sie vielleicht wirklich in ihrem Entschlüsse hätte wankend machen können. Da sie mit ruhiger Bestimmtheit dabei verharrte, auf der Stelle zu gehen, gab er auch diesen scheinbaren Widerstand sehr bald auf und versuchte nur noch, sie zur Annahme feiner Begleitung zu bestimmen- Aber das junge Mädchen lehnte dies Anerbieten entschieden ab. „Was könnte mir Schlimmes widerfahren?" sagte sie. „Und wozu sollte ich Deines Schutzes bedürfen? — Wie stark auch immer der Groll sein mag, welchen Doctor Stirner gegen mich empfindet, als ein Mann von guter Erziehung wird er darüber doch nicht vergessen, welche Rücksichten er einer Dame schuldig ist, die im Vertrauen auf seine Ritterlichkeit die Schwelle seiner Behausung überschreitet." Auch diesmal widersprach Ernst Hallenstein nicht. (Fortsetzung folgt.) s 352 Vevnrischtes Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Die deutsche Sprache besitzt keinen Ausdruck, der nur annähernd als Uebersetzung dieses Wortes dienen könnte, was sehr natürlich, well Wes, was es in sich saßt, dem Character und Wesen des Deutschen vollständig sern liegt. Selbst bei unseren französischen Nachbarn kann man keine Anleihe machen, denn wollte man das amerllanische Wort Humbug mll »Re» datne", worin die Pariser Meister sind, übersetzen, so wäre dies nur eine einseitige, keineswegs den ganzen Sinn er» schöpfende Definition. Der practische Nordamerikaner, der mll Allem zu speculiren, jede Geschicklichkeit wie jedes Gefühl lucrativ zu machen versteht und, was eben so merkwürdig ist, dafür immer sein Publikum findet, weiß allein Humbug zu machen; zu begreifen versteht ihn aber nur Der, welcher selbst in Amerika gelebt, selbst Augenzeuge und Opfer derartiger Der Herr, welcher zuerst den Dollar auf den Tisch legte, ist ihr Helfershelfer und hat seinen Antheil am Gewinn." — Warum aber traten Sie nicht hervor und deckten das falsche Spiel auf?" — »Ei nicht doch, wer wird den Leuten das Geschäft verderben, so lange ste leichtgläubige und freigebige Zuschauer finden, es ist ganz guter Humbug," versetzte der Amerllaner- ©eenen geworden ist. Statt aller weiteren Auseinandersetzungen wollen rott hier ein Beispiel erzählen, das sich jüngst im Weltausstellungs- Parks in Chicago zugetragen hat. Der Augenzeuge berichtet darüber wie solgt: Ich befand mich in der Nähe des Sees, als plötzlich ein junger Mann an mir vorüberstürzte, der sich durchaus nicht um die auf der Dampfer-Anlegebrücke befind, lichen Menschen zu bekümmern schien. Er hob die Augen gen Himmel, schlug die Hände zusammen, murmelte unverständliche Worte wie im Uebermaße des Schmerzes und stürzte sich dann, ehe Jemand es verhindern konnte, in den See. Noch standen alle Zuschauer wie gelähmt vor Schrecken, als ein zweiter junger Mann sich durch die Menschenmenge Bahn brach, sich überall ängstlich umsah und fragte, ob Niemand seinen Bruder gesehen. Sein Blick überflog den See, er stieß einen herz, zerreißenden Schrei aus und rief: „Da ist er, ich will ihn retten oder mit ihm sterben!" Im nächsten Augenblick hatte er bereits die Barriere überstiegen und stürzte sich in den See. Mit kräftigen Armen theilte er die Wogen, bald hatte er den Bruder erreicht, ergriff den bereits Sinkenden bei den Haaren I und schwamm unter dem Jauchzen der Zuschauer mit ihm an das Ufer. Der Retter war erschöpft, der Gerettete ohnmäch. tig. Begleitet von einer großen Menschenmenge wurden sie nach dem nächsten Beamtenhause gebracht, mehr als ein Dutzend Hände waren bereit, ihnen Stärkungsmittel zu reichen, und vermittelst dieser erholten sie sich bald wieder. Während der Gerettete schweigend und dumpf vor sich hinstarrte, begann der andere Bruder jetzt, mehr für sich als zu den Umstehenden, eine Schilderung der Noth und des Elends, dem sie Beide, den falschen Vorspiegelungen gewiffenloser Agenten folgend, hier auf fremder Erde preisgegeben. „Die Verzweiflung trieb meinen Bruder in die Fluthen!" rief er laut, hielt aber plötz- ! lich inne, wie erschreckt von dem Tone seiner Stimme, sah sich scheu um und sagte: „Verzeihen Sie, meine Herren, ich ver- gaß, daß ich nicht allein war, es lag nicht in meiner Absicht, Sie mit der Erzählung unseres Elends zu belästigen." — „Sprechen Sie, sprechen Sie," riefen mehrere Stimmen; ein Herr aber trat vor und legte, indem er um Entschuldigung bat, einen Dollar auf den Tisch. Das Beispiel sand Nach, ahmung. Ein Anderer gab zwei, ein Dritter fünf Dollars und in kurzer Zeit war eine ansehnliche Summe zusammengebracht für den edlen Jüngling, der das Leben seines Bruders mit Gefahr des eigenen errettet und ihn in keiner Noth verlassen wollte. „Die haben heute ein ganz gutes Geschäft gemacht," sagte einer der Zuschauer, dessen Tonfall den geborenen Amerikaner erkennen ließ, als die Brüder sich unter den Beweisen der leb» Hastesten Teilnahme entfernt hatten. — „Kennen Sie die jungen Leute?" fragte der Gewährsmann- — „Gewiß kenne ich sie. Es sind zwei der geschicktesten Schwimmer aus Mil« waukee, sie führen das hier dargestellte Stück wenigstens zwei- bis dreimal in der Woche an verschiedenen Orten auf, indem sie mit den Rollen des Retters und des Geretteten abwechseln. Edelsteine. Bei dem großen Jntereffe, das bekannt- lich die Damenwelt für Juwelen hegt, dürfen vielleicht folgende Notizen über einige seltene Stücke und deren gewiß viel be« neidete Besitzerinnen gern gelesen werden. Die reiche Amerikanerin Frau Makay besitzt mehr werthvolle Schmucksachen, als die meisten Fürstinnen Europas. Eine Schnur, Riviera, von Brillanten, von zwei Meter Länge trägt sie als Gürtel und ei« Perlenhalsband „collier enchute“ enthält mehrere Reihen sehr großer Perlen, deren jede einzelne 30,000 Francs werth ist. Eine andere Amerikanerin kaufte ein Perlenhalsband aus der Auction der berühmten Kronjuwelen in Paris für 180,000 Francs. Die Königin Victoria besitzt die seltensten Perlen, nämlich rosenfarbene. Die Kaiserin Eugenie verkaufte bei ihrer Flucht aus Paris ein köstliches Perlenhalsband an die Marquise von Paiva, die erste Ge mahlin des Grafen Guido Henkel von Donnersmark. Dies Unicum von Schönheit befindet sich also jetzt in Berlin. Die Kaiserin-Königin von Oesterreich-Ungarn trägt ein überaus kostbares Halsband von schwarzen Perlen. Das schönste Diadem besaß die Herzogin von Osuna, nachherige Herzogin von Croy-Dülmen, welche erst ganz kürzlich gestorben ist. Es bestand aus großen Rubmen und Manien. Dieses große Prachtstück kann man jetzt in । einem kleinen Schloß Westfalens bewundern. Die reichsten I Juwelenbesitzer sind der Kaiser von Rußland, der Schah von Persien und der türkische Sultan. Die Krone der KöniK von England gilt mit Recht als das herrlichste Besitzthum von seltenen Juwelen und künstlicher Goldarbeit; es find mW Tausend rosenrothe Diamanten, über hundert riesige, birnenförmige Perlen und ebensoviel große runde Perlen, mehrere Dutzend Rubinen der größten Sorte dazu verwendet. Die Faffung von Gold ist so schwer, daß die Königin jedesmal an Kopsweh leidet, wenn sie diese Krone tragen muß. Die groß- artigste Verwendung von Juwelen und Perlen fand bet her berühmten Monstranz statt, welche noch jetzt im Kapuzmerkloster zu Prag gezeigt wird. Der Werth derselben läßt sich nicht nach Millionen, sondern nur nach Milliarden berechnen. Etne Fürstin Lobkowitz, welche vor hundert Jahren starb, hat ihm reichen Familienschmuck dem Kloster vermacht. Der Glanz I und das Farbenspiel der 6660 Brillanten gewähren eiwn wahrhaft bezaubernden Anblick. Der Pater Guardian, welch« den Touristen dies Kunstwerk gern vorzeigt, gibt sich, ste» Mühe, die Monstranz hin und her zu bewegen, um die Wirkung des wunderbaren Feuers der Steine zu erhöhen. Man W sich wirklich zeitweise im Bann des unterirdischen Erdgeistes, der die Edelsteine zu Tage gefördert hat. Wer ist zufriedener, der Besitzer einer Million oder der Mann mit sieben Töchtern? — Offenbar der letztere, denn er hat genug, während Jener noch mehr haben mochte. Wozu das Vermögen da ist. „. • . Verlassen Sst mich jetzt, Herr Baron — sparen Sie Ihre Worte! 3$ wetoe ; überhaupt nie heirathen!" — „Aber was wollen gnädige : j Fräulein denn mit Ihrem kolossalen Vermögen anfangen? ■ Ein Störenfried. Bureaubeamter zu seinen Eolle^ro i „Unser neuer Chef ist ein strenger Patron; der hat uns sch manchen schlaflosen Tag bereitet!" i l i ( i s i s i r l k e j k e i l l $ i i t i r i r i 5 1