Wr. 75 1883. ----1-3—'S----"T--w--gxj Antevhcrltttngsblatt 311m Gietzeneo Anzeigev (GsMsvcrl-Anzeig-p) WM^V iy,', 'Wj'.'ifiy ■?.s*s^53 sW^8M8 Donnerstag, den 29. Juni. Verschlungene Pfade. Roman von Max Höchberg. (Fortsetzung). „Sie haben meine volle Sympathie," rief der Oberst und wollte sich erheben, um dem Scheidenden das Geleit zu geben, ließ sich aber sofort mit dem Ausdruck des Schmerzes in's Fauteuil zurücksinken. „S'ist verdammt hart für einen Soldaten," wetterte er, „sich durch einen unsichtbaren Feind in seinen Bewegungen hemmen zu lassen." „Bitte, Herr Oberst, bemühen Sie sich nicht meinetwegen," protestirte Werner gegen sein nochmaliges Aufstehen. "„Die feuchte Witterung der letzten Tage macht sich einem Jeden mehr oder weniger fühlbar. — Gedenken Sie schon zum Ersten das russische Schlößchen zu beziehen?" „Vielleicht noch ein paar Tage früher! Heute Nachmittag wird der letzte Transport Sachen gestellt. Ich muß hinaus, die Oberleitung übernehmen. Legt man nicht selbst Hand an, hat man hinterdrein Aerger und doppelte Arbeit- Dienende Leute sind Maschinen; sie bedürfen der lenkenden Triedkraft." „Sehr richtig, doch würde ich an Ihrer Stelle heute nicht ausgehen. Es ist unangenehmer Wind und viel Nieder» schlag in der Luft- Bei rheumatischen Leiden —" „Glaube gar, Sie wollen mich auf's Altentheil setzen," polterte der Oberst. „Was fällt Ihnen ein? — Eine sturmgeprüfte Eiche ist nicht so wettergehärtet wie ich, ist nur der verdammte Schuß I" Damit stand er schon, reckte sich und bemerkte mit Genugthuung, um welches Stück er den Maler überragte, und da man liebenswürdig gegen den ist, den man in den Schatten zu stellen vermeint, forderte er Werner mit großer Wärme auf, sich recht bald wieder bei ihm blicken zu lassen. „Ein lieber Mensch, dieser Werner," äußerte er, nach, dem der Maler gegangen, „nur ein bischen zu viel Künstler- stolz und persönliche Eitelkeit! Findest Du nicht auch?" „Hm," machte Leonore achselzuckend. Er sah sie scharf an und lachte dann kurz auf, weil es rhn verdroß, daß sie ihm keine directe Bestätigung seines Urtheils gab. „Das machte er einem Andern weiß, er stoße ein reiches Mädchen ihres Geldes wegen von sich!" Leonore schwieg, um ihm nicht zu widersprechen. „Lächerlich, schon mehr die reine Heuchelei," erhitzte er sich. Ihr Schweigen gab den Ausschlag, denn es bäuchte ihm eine offene Parteinahme für Werner und eine stumme Ver- urtheilung seiner Meinung. „Thut, als könne er die Asta haben," spann er das Thema hartnäckig weiter, „und nähme sie der Hunderttausend halber nicht! Möchte wissen, woher er den Haß auf den Reichthum hat! Klingt beinahe, als habe ihm Einer mit Geld die Liebste vor der Nase weggeschnappt." Ein durch einen schmerzenden Stich hervorgerufener zorniger Fußtritt bekräftigte seinen Ausspruch- „Dies verdammte Rheuma!" zischte er durch die Zähne- „Bist wohl nicht in der Hörlaune oder willst Du nicht antworten, Leonore?" Sie hatte sich am Blumentisch zu schaffen gemacht und einige welke Blätter von den Pflanzen abgestreift. Sie wandte ihm den Kopf zu und blickte ihn voll und fest an. „Worauf hätte ich antworten sollen?" „Natürlich," erboste er sich mit bitterem Lachen, „ich spreche für die Luft, für wen denn sonst! Siehst ja mit einem Mal so roth aus?" „Ich bückte mich über die Blumen," entgegnete sie mit hoheitsvoller Gelassenheit. „So will ich Dich in Deiner Beschäftigung nicht länger stören!" Die Zimmerthür fiel krachend hinter ihm in's Schloß, die nächste desgleichen, die nach seinem Arbeitszimmer führte. Mit einem bittenden: „Aber Ludwig!" hatte Leonore das Zimmer durcheilt, dann hielt sie vor der geschlossenen Thür an, sich Wort für Wort des Gesprächs zurückrufend. Sie wurde in ihrem Entschluß, ihm nachzugehen, schwankend und schüttelte plötzlich energisch den Kopf. Mit finster gezogenen Brauen und festgeschloffenen Lippen verließ sie den Salon. ♦ * • Der Frühling war dies Jahr sehr spät gekommen, aber nun drängte sich auch an Busch und Baum das knospende Grün mit Macht hervor. Die Luft war weich und lau, der Himmel klar und warmer Sonnenschein lockte in die erwachende Natur hinaus. Leonore stand am Fenster und schaute trübe und stumpf in das verheißende Werden, von dem der Grashalm am Boden predigte und das die kleinen Sänger jubilirend verkündeten. „Ergeh' Dich ein wenig in den Gängen und Anlagen, such' Dir Veilchen und Primeln! Bist ohnehin zu viel an meinen Kerker gefesselt worden," forderte Strehlen seine Frau auf. Er lag im Fahrstuhl, ein Kissen im Rücken, den unteren Körper in wollene Decken geschlagen. „Bist schon ganz blaß geworden von dem ewigen Stubenhocken! Hoffentlich kann ich auch bald hinaus," murmelte er grollend, „obwohl der Doctor noch nichts davon hören will! Ich hatte ja auch noch nicht aufstehen sollen! Nur einige Tage warmes Wetter, wie die letzten, und ich kehre mich den Teufel an seine Worte und bin draußen, 298 wärts in’« Zimmer hinein. Götz hatte diese Wirkung nicht beabsichtigt, sondern nur im jähen Aerger den rechten Stiefelabsatz hart gegen den Boden gestemmt. Er zog den Stuhl mit einer unverständlich gemurmelten Entschuldigung wieder näher, hielt sich übrigens heute nicht halb so lange auf als sonst und war nicht halb so lustig. Der Oberst erklärte sich verdrießlich sein schnelles Aufbrechen durch die Abwesenheit seiner Fran- Wie hätte er ahnen sollen, was dem kleinen Lieutenant die Stimmung verdorben? Götz hatte nie ein tieferes Jnteresie für Asta durchschimmern laffen. Er hatte geplant, dereinst mit der Erfüllung seiner Hoffnungen alle Welt, selbst seine besten Freunde zu überraschen. Nun waren seine Lustschlöffer in nichts zusammengesunken, denn wen anders konnte der Oberst gemeint haben als Ruler von Steffeck, der Strehlens thrtsächlich ein einziges Mal in der Friedrichstraße eine Visite abgestattet hatte, wie Götz wußte. Auf den Maler konnte er nicht muthmaßen, da Paul und Asta in reger Cor- respondenz gestanden. Er hatte ihn letzthin verschiedene Male in seiner Wohnung wie im Atelier ausgesucht, aber ihn nicht angetroffen. t p . r m. Viel Zeit zum Nachdenken Über das sonderbare Wesen des Lieutenants fand Strehlen übrigens nicht- , Vom Fenster ihres Bouvoirs aus hatte Erna Gütz in den Präsidentenpark einbiegen sehen. Da es sie schon seit geraumer Zeit sehnlichst danach verlangte, ihm bezüglich Asta» alle Illusionen zu nehmen und er nicht zu Hans kam und sichi tu Gesellschaften mit schlangenartiger Geschmeidigkeit ihrer Annäherung zu entziehen wußte, schien ihr die Gelegenheit heute äußerst günstig, mit ihm anzubinden. Sie ließ sich eilig von Minna zum Ausgehen rüsten, fing aber dabei an, sich über das schlecht sitzende Stirnhaar zu ärgern. Mmna zog die Löckchen rasch noch über die Brennscheere und kämmte sie nachher von frischem auf. Bei alledem ging jedoch Zeit verloren und als Erna mit vortrefflich geheuchelter Unbefangenheit bei i Strehlen den Kopf zur Thür hereinsteckte — das Anmelden hatte sie sich verbeten —, war ihr, der kleine Lieutenant schon wieder entwischt und Strehlen befand sich allein. Daß sie Leonore nicht antreffen würde, wußte sie. Auf der Landstraße rechter Hand am Gitter des Parkes hatte sie einen Herrn stehen sehen und trotz der Entfernung in ihm den Maler er- kannt- Er hatte den Arm auf das trennende Gitter gelehnt | und sinnend den Kopf in die Hand gestützt. Die ihm eigene lässige und doch graziöse Haltung hatte ihr sofort offenbart, wer es sei. Die im Park weilende Person vermochte sie wegen des Buschwerks nicht zu sehen, doch konnte es nur eine Dame fein, sonst hätte sich die Unterhaltung nicht tn bte Länge gezogen, und welche andere Dame hätte es denn sein sollen, als meiner Erkrankung I" „ , Der Sessel mit dem Lieutenant flog ein Stuck nach ruck- ßCOItOTC* Bei Ernas Gruß erhaschte der Oberst blitzschnell Astas Brief und versteckte ihn unter die Decke. „Ganz allein, Onkel Strehlen? Mutterseelenallein?^ bemitleidete sie ihn, um dann mit Entrüstung auszurufen: „Nein, es ist unglaublich egoistisch von Ihrer Frau, den Besuchern Audienz an der Landstraße zu ertheilen, während Ihnen hier die Stunden lang werden!" „Götz verließ mich vor kaum fünf Minuten," schlug der Oberst den hämischen Angriff ab, „und ich habe ihn zur Unterhaltung mit meiner Frau nach dem Park geschickt. „Ich meine nicht Götz," unterbrach sie ihn, „Gott sei Dank bin ich nicht blind und vermag noch Civtl von der Umform zu unterscheiden. Der Lieutenant hätte sich auch nicht mit halbem Leibe über das Gitter gehängt. Der trägt doch auch kein Spazierstöckchen und kritzelt Figuren in den Sand- Von dem Maler spreche ich! Asta ist weg, nun fehlt ihm ein Zeitvertreib. Er wird wohl den fließenden goldenen Manm haben durch’s Gebüsch leuchten sehen. Für eine goldschimmernde i Lockenfluth sind die Leute vom Pinsel zu allen Zeiten sehr I empfänglich gewesen." „ _ _ | Strehlens Faust ballte sich unter der Decke. Erna kam i ihm unsäglich verächtlich vor, wie ein ekles Reptil, das em > schönes Götterbild begeifern möchte, und doch lieh sein arg ! wöhnisches Herz ihren Worten Gehör. Ein Körnchen Wahr das heißt, ich laffe mich auf ein paar Mittagsstunden hinaus ! 1 fahren!" ' „Habe doch Geduld, Du wirst bald ganz hergestellt fein," । sprach ihm Leonore tröstend zu. „Der Geheimrath ist nur be- i sorgt, er will Dich vor einem Rückfall bewahren- Der eine i Nachmittag hier draußen bei der häßlichen Witterung in den ! ungeheizten Räumen hat Dir den Gelenkrheumatismus gebracht. > Wir wollen lieber aus Vorsicht eine halbe Woche für den Stubenarrest zugeben! — Vielleicht macht es Dir Spaß, Astas : Bries zu lesen? Ich gehe und pflücke Dir unterbeffen einen i Veilchenstrauß I" , i Der Oberst nahm bankend den Bries in Empfang. Sehnsüchtig folgte fein Blick der schlanken, jugendschönen Gestalt, die elastischen Schrittes aus dem Zimmer schwebte. In den letzten Wochen war sie magerer geworden, fiel ihm dabei auf. Er fenfzte. Diese letzten Wochen hatten auch ihn verändert- Viel magerer hatte er freilich nicht werden können, weil er nie Fülle besessen; aber er hatte sich mit Schrecken recht gealtert gesunden, als er sich zum ersten Mal, nachdem er das Bett verlassen, längere Zeit int Glase beobachtete. Der Doctor hatte seine Frau auf eine halbe Stunde an die Luft geschickt und da war es ihm eingefallen, sich von Franz einen Handspiegel reichen zu laffen. Ob er wohl seine vorherige Frische zurückerlangen würde? Er wollte den Brief lesen und nicht I länger grübeln, gebeffert wurde dadurch doch nichts! „Du handelst recht unfreundlich," las er halblaut, „es ist geradezu barbarisch grausam von Dir, mir keinen Brief an Pauline' befördern zu wollen- Du bist ein Kieselherz, Leonie, kannst Du mir denn absolut nichts zu Liebe thun?" — Der Oberst legte das Schreiben auf die Decke nieder. „Nun soll mich noch Einer glauben machen, sie liebe den Maler nicht! I Das schwärmt in allen Tonarten von ihm. Wenn das keine Liebe ist, ist Feuer Waffer und Wasser Feuer!" Sein Monolog wurde durch die Meldung des Dieners unterbrochen, Herr von Götz lasse anfragen, ob er sich persönlich von dem Besserbefinden des Herrn Oberst überzeugen dürfe- „Gewiß, fehr angenehm, ich lasse bitten!" Götz trat ein. Nach rascher, herzlicher Begrüßung rollte er sich einen Sessel an Strehlens Fahrstuhl heran. Der kleme Lieutenant war in den schlechten Tagen ein lieber, gerngesehener Gast im Hause des Obersten geworden. Er hatte ihm durch seine Gesellschaft über manche böse, langweilige Stunde hinweg« geholfen. , r r „Das ist schön von Ihnen, daß Ste heute schon so früh kommen," freute sich Strehlen. „Sie sind wie geschaffen, uns mit Ihrer munteren Laune die quecksilberige Kleine zu ersetzen. Werde gleich Franz schicken, meine Frau im Garten ausfindig zu machen und sie herein zu bitten, damit sie auch von Ihrer Anwesenheit profitirt; sie ist merklich still geworden seit Astas Wbtcifc" „Nein, Herr Oberst," bat Götz, „lassen Sie meinetwegen die gnädige Frau nicht vom Spaziergang abrufen! Werde mtr mit Ihrer gütigen Erlaubniß nachher das Vergnügen machen, sie draußen aufzusuchen. Das gnädige Fräulein hat tmeber geschrieben?" erkundigte er sich, auf die äußerste Stuhlkante vorrückend, mit langem Halse. „Sie ist hoffentlich bei guter ©efunbgert? ^^hheit und schlechter Laune," gab der Oberst in feiner ehrlichen Weise Auskunft. „Möchte gern einen Briefwechsel mit einer Freundin entriren, für welchen sie bei ihren Anverwandten keine Gnade findet. Meine Frau sollte den Parlamentär abgeben, läßt sich aber damit nicht ein. Götz rückte den Stuhl schief, doch es half ihm nichts. Trotz feiner Luchsaugen vermochte er bte krause Handschrift E AerkehE Sie viel mit dieser Freundin?" forschte er, um mehr zu hören. ~ ., , . „ . „Gar nicht, Herr von Götz! Dte Freundin hat uns tn der Friedrichstraße einen einzigen Besuch gemacht, kurz vor 299 Helt müßte ihren Steigerungen zu Grunde liegen; ihm mit einer offenbaren Lüge zu kommen, wäre sie wohl zu feige ge« wesen. Es erweckte ihm allerdings einiges Bedenken, daß sie es gleich darauf sehr eilig hatte, nach Hause zu gehen, um so mehr, da sie den lieben guten Onkel mit honigsüßen Worten beschwor, seiner Frau eine Beschämung zu ersparen und weder ihre unbeabsichtigte Häscherei, noch ihren Besuch zu verrathen. Er beschloß, seine Frau auf die Wahrheit des Gehörten zu prüfen und nahm sich vor, allen Verkehr mit Erna abzubrechen, wenn sie ihn getäuscht hatte. Leonore war von dem Spaziergang zurückgekehrt und trug, was sie an Veilchen und Primeln gepflückt, in ihrer zusammengerafften Seidenschürze. Wie ein spielendes Kind überschüttete sie seine Decke mit den Frühlingsgrüßen. Der Oberst griff mit beiden Händen nach ihren schlanken, weißen Fingern und hielt sie fest. Es machte ihm den Eindruck, als ob ein Zittern ihre Glieder durchliefe und sie seine Berührung nur ungern litte. „Götz war hier," begann er, „und leistete mir kurze Zeit Gesellschaft. Er wollte Dich im Garten suchen, hast Du ihn gesprochen?" Sie verneinte es und sagte, sie sei im Park jenseits des Teiches gewesen. „Eins, zwei, drei, vier —" fing sie darauf an, halblaut ihre Blumen zu überzählen. Es gährte in ihm: sie erwähnte den Maler nicht und ihr Ablenken vom Thema war ein böses Zeichen. „Meine zwei schönsten Primeln habe ich verloren," zürnte sie mit sich selbst, „zwei an einem Stengel, das ärgert mich, die größten goldgelben." „Und mich ärgert's," brauste er auf, ihre schlanken Hände plötzlich von sich schleudernd, „daß Du Dein goldgelbes Haar als Fahne flattern läßt, um müßige Gaffer heranzulocken l" „Ludwig," stammelte sie erschrocken, „was hast Du wider mich?" „Es ziemt sich nicht für eine verheirathete Frau," redete er sich immer mehr in Zorn, „das Haar fliegend zu tragen. Künftig wirst Du es von der Jungfer in einen Knoten schlingen laffen. Erna hat's auch nicht anders." Ihre kleinen Zähne schloffen sich aufeinander- Daher also wehte der Wind. Die Galle ging ihr mit Kopf und Herzen durch; sie lachte hell auf, um ihren Aerger zu maskiren. „Wenn ich Ernas fahles, dünnes Haar hätte, ließe ich's natürlich nicht frei über die Schultern fallen," spottete sie, „aus Furcht, ausgelacht zu werden!" „Kein Mann wird eine ehrbare Frau auslachen, aber man lacht den Mann aus, der —" Ein heftiger Hustenanfall erstickte den Schluß feiner Rede. Mit hochrothem Kopf sank er gegen die Rücklehne. Leonore riß mit Hast die Knöpfe seines Rockes auf und rieb seine-Brust mit einer stärkenden Essenz. Ein bitteres Schuldbewußtsein schnürte ihr die Kehle zu. Der Arzt hatte es ihr auf die Seele gebunden, ihrem Mann jede Aufregung fern zu halten, weil der Rheumatismus sich in der Brust festgesetzt hatte und Lungen- und Herzthätigkeit afstcirt waren. „Ludwig, sei mir nicht böse?" flehte sie von Reue erfüllt. „Ich wollte Dich nicht erzürnen mit meiner Entgegnung. Es ist mir ja gleich, wie ich das Haar trage, Du sollst Dich nicht mehr darüber ärgern, gewiß nicht! Ich flechte es von morgen ab ein. Ich will Dich auch nicht wieder allein lassen. Roch ein paar Tage und wir können zusammen draußen sein." Er empfand die wohlthuende Wirkung ihrer Bemühungen, hörte die demüthigen, angstvollen Bitten und sah die heiße Sorge, die aus ihren Augen sprach. Der Husten hatte sich gelegt, zugleich mit seinem Zorn- „Leonie, die Wahrheit!" sagte er mit mildem Ernst. „Trafst Du Werner am Gartenzaun?" Sie senkte den Blick nicht, sondern faßte sich ein Herz zu einer ruhigen Auseinandersetzung mit ihm. „Ja, ich sprach ihn," antwortete sie. „Ich gab ihm Auskunft über Dein Befinden. Ich wollte ihn nicht veranlassen, in’s Haus zu kommen, weil ich nicht wußte, ob Dir sein Besuch angenehm sei und Du ihn empfangen würdest. Er ist der einzige Sohn von Papas bestem Freund und verkehrte bei uns, so lange ich denken kann, das ist Dir ja bekannt. Mama war immer außerordentlich für ihn eingenommen, obwohl sie im Grunde nicht für den Umgang mit Bürgerlichen schwärmt. Ich selber rief ihn vorhin an, als er grüßend den Hut zog. Er würde es nicht gewagt haben, mich von der Straße ans anzureden. Es ist mir aufrichtig leid, wenn ich Dir dadurch Verdruß bereitet habe. Werner ist Dir unsympathisch; ich bemerkte es neulich schon und werde ihn von jetzt ab zu meiden suchen- Du weißt, Du kannst Dich auf mein Wort verlassen. Aber nun verzeih' mir auch!" (Fortsetzung folgt.) Die Wirkungen des Seekkmas. Von Dr. med. Goliner. --- (Nachdruck verboten.) Alle jene Veränderungen der uns umgebenden Luft, welche die Lebensorgane mehr oder weniger beeinflussen, nennt man Klima, eine Bezeichnung, welche eine ganze Reihe von Erscheinungen umfaßt. Die geographische Lage eines Ortes, dis Beschaffenheit des Bodens, die Art der Kultur und Bewachsung desselben, der Wärmegrad, die Feuchtigkeit, die Veränderungen des Luftdrucks — alle diese in sich wechselvollen und doch wieder ein Ganzes bildenden Verhältnisse bezeichnen wir als klimatische. Mit der mächtigen Einwirkung des Klimas hat Jedermann im täglichen Leben zu rechnen; Keiner vermag sich ihr zu entziehen. Die Beziehungen des Menschen zu den gegebenen klimatischen Verhältnissen bedingen nicht allein die Erhaltung und Förderung der Gesundheit, sondern wir vermögen auch gewisse Krankheitszustände einzig und allein dadurch zu heilen, daß wir den Kranken in zweckmäßige klimatische Verhältnisse bringen. Der wirksamste Faktor jedes Klimas ist die Luft; sie bildet ein Heilmittel, welchem der Kranke ununterbrochen, Stunde für Stunde, Tag für Tag unterworfen ist. Das Klima der binnenländischen Ebene wird naturgemäß ein anderes sein, als das des Hochgebirges; letzteres wird wiederum andere Eigenschaften aufzuweisen haben, als das Klima der Inseln und Küsten, das Seeklima. Der von Jahr zu Jahr stärker werdende Zug der Städtebewohner des Festlandes an die See und auf nahe gelegene Inseln läßt das Be- dürsniß der Kranken, sich von den Heilkräften des Seeklimas genauere Kenntniß zu verschaffen, gerechtfertigt erscheinen. Untersuchen wir darum die Eigenschaften des Seeklimas etwas näher. Daß der Aufenthalt an der See auf den Körper erfrischend, belebend, kräftigend wirkt, ist eine allgemein bekannte Thatsache; keineswegs aber ist die Frage endgültig entschieden, welche besonderen klimatischen Verhältnisse dies hauptsächlich bedingen. Es wirken eben mehrere werthvolle Eigenschaften des Seeklimas zusammen, welche den Körper günstig beeinflussen. Da ist zunächst die Reinheit des Seeklimas hervorzuheben. Fremde, dem Organismus schädliche Beimengungen, wie Kohle, Staub und dergleichen finden sich in ihr nicht vor, ebensowenig die dem Körper verderblichen Bazillen. Ihre Zahl ist in der Seeluft so gering, daß sie keimfrei genannt werden kann. Daher rührt der wohlthuende Einfluß der Seeluft auf alle von schweren, ansteckenden Krankheiten Genesende. Denn die Reinheit der Luft bewirkt, daß der Mensch, welcher wochenlang darin athmet und lebt, sich täglich mehr von den ihm aus der staubigen Stadtluft noch anhaftenden Keimen, welche die Störenfriede seiner Gesundheit sind, befreit und schließlich gänzlich keimfrei wird, wie ein neugeborenes Kind. Alle Erkrankungen der Athmungs- und Verdauungsargane, welche niederen pflanzlichen Schmarotzern ihre Entstehung verdanken, werden unter der Wirkung der reinen Seeluft geheilt oder wenigstens gebessert. Dieselbe setzt nicht den geringsten Staub ab, und der Dünensand am Strande ist so rein und körnig, daß er weder staubt, noch Flecke auf den Kleidern macht. Betrachtet man an der See einen Sonnenstrahl, welcher durch eine schmale Oeffnung in einen dunklen Raum fällt, so nimmt man nichts wahr als einen gleichmäßigen bläulichen, durchsichtigen Schein, während der Sonnenstrahl, in einem bewohnten Raume des Festlandes betrachtet, bekanntlich 300 HM leuchtet, von Millionen Sonnenstäubchen belebt und fast undurchsch "3^L^ie fommt das Verhalten der Luftwärme des Seeklimas in Betracht. Die specifische Wärme des Wassers ist höher, als die der festen Erdrinde; ersteres mmmt die Sonnenwärme langsamer auf, hält sie aber auch länger zurück, als das Festland. Hieraus folgt für das Seeklima ein kühler Frühling und Sommer, aber ein warmer Herbst und Wmter; langsam nimmt das Meer im Frühjahr die erhaltene Sommer- wärme auf und läßt langsam im Herbst sie wieder entströmen. Sehr wesentlich sür das Seeklima ist die eigenthumlrchs Erscheinung, daß die Schwankungen der Luftwärme während ernes Tages so gering sind, daß Abends, selbst im Herbst und Winter, kaum ein Unterschied gegen die Tageswärme wahrzunehmen tjt. Daher die Gleichmäßigkeit, Milde und Weichheit des Seeklimas, welche es ermöglicht, daß die Kranken sich zu jeder Tageszeit in der freien Luft aufhalten können. Die in der Seeluft vor- herrschende kalte Lustströmung bewirkt eine mechanische Durch- lüftung des Körpers und der Kleidung, indem der Wind Staub und Keime aus den Kleidern entsührt und die in denselben ent- haltens verunreinigte Luft durch chemisch reme ersetzt. Die Wärmeentziehung von der Haut durch den Seewind macht sich zwar anfangs als Frostgefühl bemerklich. Indessen tritt bei der Milde und Gleichmäßigkeit des Seeklimas schon nach wenigen Tagen Gewöhnung ein, so daß der Seewind kaum noch unangenehm empfunden wird. Diese abhärtende Wirkung des Seeklimas macht sich ganz besonders auf der Schleimhaut der oberen AthmungSwege geltend, also der Nase, des Rachens, des Kehlkopfes und der Luftröhre. Diese Organe werden nach einem vier- bis sechswöchentlichen Aufenthalt an der See gegen dre Gefahr einer Erkältung im Herbst und Winter geschützt. Tue gesteigerte Wärmeentziehung hat auch eine Steigerung der Wärmebildung im Körper zur Folge. Es äußert sich diese Wirkung in einer schon in den ersten Tagen eintretenden Zunahme des Appetites und der Verdauungrkraft; etn ^eU der aufgenommenen Nahrungsstoffe wird zur Wärmebildung un Körper verwandt. Bei Störungen der Ernährung und Erkrankungen des Stoffwechsels, wie sie beispielsweise der Bleich- sucht und Blutarmuth zu Grunde liegen, wirkt der Genuß der Seeluft erfahrungsgemäß überaus günstig, indem der Stoffumsatz gesteigert und die Gesammternährung des Körpers gehoben wird. Die Dauer der Einwirkung der bewegten See- lüft ist ganz abhängig von der Lebensweise des Kranken, d. h. von der Zeit, welche er im Freien und im geschloffene Raume zubringt. Wer den ganzen Tag über am Strande sich aufhält und nur des Nachts im Zimmer verweilt, wird die wohlthuen- den Wirkungen des Seeklimas in ausgiebigerem Maße verspüren, als Derjenige, welcher nur einige Stunden im Freien zubringt. Bezüglich der Häufigkeit der Seewinde zeigen dre Nord ee- bäder durchweg ein weit günstigeres Verhältniß als die Ostseebäder. Denn bei den ersteren bilden die Seewinde den ganzen Sommer hindurch geradezu die Regel. Obenan steht Helgoland, welches aus jeder Himmelsrichtung Seewind bekommt, mithin ohne Unterbrechung, Tag und Nacht, dem Kurgast dre reinste Seeluft darbietet. Diese herrliche Nordseemsel stellt gewissermaßen das Ideal eines Seeklimas dar, indem hier der Sommer kühl, der Herbst warm, der Winter mild, der Frühling kalt ist. Der Salzgehalt der Seeluft, welcher unmittelbar am Strande seine Wirkung entfalten kann, spielt auf Helgoland eine wichtige Rolle, wie es bei der Kleinheit der Insel und Düne gegenüber der großen Waffermaffe leicht verständuch fft. Allerdings ist dieser Salzgehalt nur als ein mechanisch anhaftender, nicht als chemischer, zu betrachten, weil der Wind bisweilen bei wogender See von dem Gischt der Wellen Wafferchnlchen mit fortführt, welche man dann am Strands gelegentlich salzig schmecken kann. Denn das durch Verdunstung vom Meere m die Luft aufsteigende Waffergas ist stets salzfrei. Der Mangel jeden Hemmnisses auf der See selbst ist die Ursache der großen Gleichmäßigkeit und Stetigkeit, welche den Seewind vor dem Landwinde in gesundheitlicher Beziehung so vortheilhaft aus- Redaction: A. Scheyda. - Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in G-eßen. zeichnet. Dabei ist Helgoland während des Sommers von heftigen Winden ganz frei. Alle diese Verhältnisse machen Helgoland und die anderen Nordseeinseln zu Luftkurorten ersten Ranges. Weniger eignen sich hierzu die Ostseebäder, ber denen die Landwinde über die Seewinde überwiegen. Diese Küsten- bäder haben überdies während des Sommers nur an wenigen Tagen wirklich reinen, d. h. staub- und keimfreien Seewind, ft daß von einem regelmäßigen Kurgebrauch der Seeluft nicht wohl die Rede fein kann. Hingegen haben die Ostseebäder eine gewisse Bedeutung als Sommersrischen, welche sich durch reine Lust und freie Luftbewegung, sowie durch eine anmuthige, Auge und Gemüth ersrischende Verbindung von Meer und bewaldetem Land vor den Sommerfrisch-.n des Binnenlandes auszeichnen. Die freiere Lage und die Kleinheit der Nordseemseln bedingt es, daß die Winde von allen Seiten freien Zutritt haben, daher beständig wehen, aber ihrer großen Gleichmäßig- feit wegen von der Haut nach kurzer Gewöhnung nicht unan- genehm empfunden werden. Wer daher von einem Seeaufenthalte nicht allein Erholung, sondern auch eine bestimmte Heilwirkung der Seeluft auf seinen Körper erwartet, der findet sie nur in den Nordseebädern. Gemeinnütziges. Zähes Fleisch weich $u kochen. Da wegen des herrschenden Futtermangels auch viel älteres und dabei unge- mästetes Vieh geschlachtet wird, so seien unsere Hausfrauen und Köchinnen darauf aufmerksam gemacht, daß sich auch alter zähes Fleisch durch nachfolgende Behandlung recht welch kochen läßt. Man gießt nämlich nach dem Abschäumen des Fleisches (auf acht Pfund einen Löffel) Branntwein und selbst das härteste Fleisch wird hierdurch erweicht, ohne im Geringsten nach Branntwein zu schmecken. Auch das Hmzuthun von Nesselblättern wird guten Dienst thun, und läßt man Fleisch zehn Minuten lang im Waffer liegen, welches mit dem Taste der Melone versetzt wurde, so soll es bei dem Kochen zum Zer- fallen weich werden. * * Eier kochen. Eine Eieruhr ist ein sehr zweifelhaftes Dina mit deren Hilfe man die kernweichsten Eier ganz hart kochen kann. Die wissenschaftliche Forschung, der kem Ding zu gering ist, hat auch hier Abhilfe geschaffen: Man wende das Thermometer an und beachte Folgendes: Legt man die Eier in dar Waffer, sobald es eine Temperatur von 50 Grad Reaumur zeigt, so ist in ihnen, wenn dieselbe auf 70 Grad ^stiegen, das Weiße eben im Beginn des Festwerdens, das Gelbe aber noch dünnflüssig; bei 73 Grad zeigt das Weiße sich vollständig fest, das Gelbe 'm Beginn der'Festwerdens, bei 75 Grad ist es „pflaumenweich , bei 76 Grad ist auch das Gelbe fest und seine Härte steigert sich, je länger man es kochen läßt. * , Blumenkohl an Eier. In Salzwaffer abgekochter und abgetropfter Blumenkohl wird mit nach unten gerichteten Stielen auf eine Schüssel, welche die Hitze verträgt, geschichtet, und mit einer dicklichen Sauce überzogen, die man aus 2 mm Rahm mit 20 Gramm Butter und zwei Löffeln Mehl über dem Feuer abgerührt und mit Salz, zwei Eiern und Muskat- nuß vermischt hat; hat man den Blumenkohl hiermit bestrichen, so streut man noch geriebene Seunnel und Parmesan- käse darauf, gießt Krebsbutter darüber und läßt dies auf einem Dreifuß im Ofen zu.einer Kruste backen. Speck mit Eiern (englisch). Man befreit Speck von der Schwarte, schneidet ihn in Würfel over Scheiben, setzt den selben in einem Tiegel auf gelindes Feuer und läßt ihn unte österm Umrühren braten, dann wird er auf eine erwärmt Schüssel gelegt, schlägt in das Fett des Speckes Setzeier, welche man auf dem Speck anrichtet. __