Uirt-rchattrrirgsblatt $um Gieszsnev Anzeigev (GsnevaL-Anzeigre) 1893. M. 50 -^Z> HM MLW : ml. ^..^3“ RR8S jlÜÄjfi ■'4 7v5 ? k - MTSSL-rWtMN M». ..,,« 1*M‘.fe L^^WWZKiM MW MBA^-KWW MM Samstag, den 29. April. Liebe um Liebe. Novelle von Carl Cassau. Nachdruck verboten. I. E« war ein sternheller Winterabend. Der Schnee knarrte unter den Sohlen der auf den Straßen dahin eilenden Fuß- qänger, denn eine scharfe Kälte hatte längere Zeit die Herrschaft behauptet, weshalb es auch auf „dem Ring" der Kaiserstadt trotz der noch nicht weit vorgeschrittenen Stunde verhält- nißmäßig belebter war als sonst. Rasch schritt auch ein Fußgänger daher, der sich in einen dichten Pelzmantel gehüllt hatte. Von dem bärtigen Antlitz sah man wenig, doch verrieth der glänzende Cylinderhut, daß sein Besitzer sich auf einem Gange zu irgend einer Abendgesell- schäft befand. Da fuhr im flackernden Lichte des großen Gaskandelabers rasch ein eleganter Wagen vorbei, in welchem außer dem Kutscher auch ein in Pelze gehüllter Herr saß. Ein lauter Ausruf ertönte, der Wagen schoß noch eine Strecke weiter, der Insasse sprang heraus und stand vor dem vor Anstrengung keuchenden Fußgänger, der ihm entgegenrief: „Lothar, alter Junge, bist Du es oder ist es Dein Geist?" „Ganz ich selbst, lieber Franz I" gab der aus dem Wagen Gesprungene zurück. „Hole mich um zwei Uhr ab, Karl; ich gehe den Rest des Weges mit meinem Freundei" rief er dann dem wartenden Kutscher zu und wandte sich nun wieder an den Freund: „Du willst in Gesellschaft gehen, Franz?" „Allerdings! Und Du?" „Ebenfalls!" „Du machst Dich jetzt recht selten!" , „Ich fühle mich auf meinem Tusculum so wohl, daß ich die Stille da draußen mit dem Getriebe der Stadt nicht vertauschen mag!" „Das glaube ich! Wer so mit einem „Arkadien in der Brandung der Revolution" eine halbe Million und mit den „Romellis" eine zweite halbe Million Gulden innerhalb eines Jahres verdient hat, kann sich wohl eine Villa leisten, Gespann, Dienerschaft und jeden Comsort des Lebens! Dein Name Doctor Lothar Hiller hat nun einmal Klang! Dagegen bleibt Dein armer Freund, Doctor Franz Löwe, immer noch ein armer Redacteur des Tageblatts mit zweitausend Gulden Jahres- gehalt. — Aber da ist das Restaurant Sterzinger. Laß uns eintreten in seine heiligen Hallen, um zur Erwärmung unseres inneren Menschen ein Glas Punsch zu uns zu nehmen; der Herr Winter führt ein abscheulich streng Regiment!' „Ja, wir wollen auf einen Augenblick eintreten!" erwiderte Doctor Hiller. „Im Uebrigen, mein lieber Franz, stehen die Thore der Villa Hillershausen besonders für Dich gastlich offen. Du sollst sehen, daß ich mit meinen Freunden rechtschaffen theile!" „Bin überzeugt, alter Knabe!" erwiderte Doctor Löwe. Die Freunde traten jetzt in das reich decorirte Restaurant. Nachdem Doctor Löwe zwei Glas Punsch ä la Strauß bestellt, nahmen die beiden an einem kleinen Tischchen Platz. Doctor Lothar Hiller war eine hohe, stolze Gestalt. Sein Gesicht war von edlem, klassischem Schnitt und von einem langen, dunklen Barte umrahmt, mit welchem die Augen und das volle, dunkle Lockenhaar vorzüglich harmonirten. Doctor Franz Löwe war etwas kleiner von Figur als sein Nachbar, hatte blaue Augen, blondes Haar und einen blonden Voll- und Schnurrbart. Aus seinen mit einer Brille bewaffneten Augen sprachen Gutmüthig- feit und Witz zugleich. L , , „Was schreibst Du jetzt?" fragte der Redacteur nach enter Weile den Freund. „In einer Woche brauche ich für mein Feuilleton eine Novelle; am liebsten brächte ich etwas von Dir. Wir zahlen das Doppelte des früheren Honorars, denn Du hast wie gefügt als Schriftsteller einen berühmten Namen." Lothar zuckte die Achseln und sagte: „Ich unterbreche mich bei meinen Arbeiten nicht gern. Mein Roman, „Das Labyrinth", nimmt mich vollständig in Anspruch." „Ein vielversprechender Titel! Hast Du Deine Ariadne schon gefunden?" „Ich denke!" c „Und sie wird Dir den Faden reichen, der Dich aus dem Labyrinth führt?" Ich hoffe!" "Puh, wie zugeknöpft! - Ich will mittheilsamer sein. Ich bringe in diesen Tagen eine Geißelung der Börseniobberer. Weißt Du schon, daß infolge der Krise abermals zwei große Häuser gefallen sind, Röber und Bachmann, und Milowsky und Sohn?$^t roieber ^mmen, wie zur Zeit des großen Illerdings! Prosit Lothar! — Wohin willst Du denn heute, wenn ich fragen darf?" „Zu Eppingers!" „Zu Eppingers? — Ha, ha, ha! Doctor Löwe lachte laut auf. Gesprächig fuhr er dann fort: „Guter Junge, eben dahin will ich ;a auch. Der Spaß ist köstlich! Und wir sitzen hier und verplaudern die Zeit." Sie tranken nun rasch die Gläser au«, schlugen die Pelz- — 198 — Die beiden Freunde kamen gerade früh genug, um der nach den rauschenden Klängen einer Jägerkapellr aufgeführten Polonaise zuschauen zu können, welche ein schöner, flotter Rrtt- meister in der Uniform der rothen ungarischen Husaren mit der klassisch schönen Tochter des Hauses an der Seite dirrglite. Ein schönes Paar war es wahrhastig, welches an der Spitze der Polonaise schritt. Die vielfachen Wendungen und Ver- schlingungen, die das führende Paar in immer neuen Varianten ersann, boten den Zuschauern hinreichend Gelegenheit, die ganze Gesellschaft in allen verschiedenen Elementen zu mustern. Die beiden Ankömmlinge mußten übrigens bei dem Hausherrn in sehr hoher Achtung stehen, denn Herr von Eppinger, welcher seine Augen überall zu haben fchren, eilte nach ihrer Ankunft sofort zu ihnen und begrüßte sie herzlich-, An emeni der Büffets tranken die Freunde nun in aller Eile einige Glaser echten Champagners und wandten sich dann den Tanzenden E^Wäh'rend der Zug derselben die entgegengesetzte Saalseite entlang ging, flüsterte Doetor Löwe seinem Freunde ms Ohr: „Alexandrine versteht sich wahrhaftig auf Labyrinthgänge. - Auf Wiedersehen, ich muß zu Beate!" Die nächste Pause benutzte Doctor Hiller dazu, die Damen des Hauses aufzusuchen und ihnen sein Compliment zu machen. War Frau Bella von Eppinger schon eine Schönheit ersten Ranges zu nennen, in den vierziger Jahren noch lugendsrisch, so durste ihre Tochter Fräulein Alexandrine mit rhren zwanM Jahren als das Prototyp echt weiblicher Schönheit gelten. Es war eine junonische Gestalt, die zugleich doch etwas von der Zierlichkeit der Hebe an sich trug. Das griechische Oval des I Gesichtes war durch ein Paar mandelförmig geschnittener, strahlender blauer Augen belebt und von dem prachtvollsten Kastanienbraun eines üppigen Haarschmuckes umrahmt; der rothe Kirschmund konnte so lieblich lächeln und plaudern, daß I man fast darüber vergaß, die prachtvollen, perlenartigen Zahn- reihen^M xbewundmi^lein a(e?anbrine neben der Mama und bei den Damen waren auch der Sohn des Hauses, Victor von Eppinger, Oberlieutenant bei den Kaiserlägern, und der schon erwähnte Rittmeister von den rothen Husaren, Guido von ^Mer stellte sich verbindlich grüßend ben Damen vor und nahm auch Anlaß, Fräulein Alexandrine in Anbetracht des heu» tiaen Tages herzlich zu beglückwünschen. Alexandrine saß sinnend da. Die Worte, in welchen der berühmte Schriftsteller zu ihr sprach, klangen so wahr, so herzlich, daß die Mge Dame sich unwillkürlich tiefer verneigte, als es sonst bei ihr der Fall war, wenn sie für eine Huldigung dankte. „Man ist es bei Ihnen gewohnt, Herr Doctor," gab sie dann zurück, „aus Ihrem Munde so geistreiche Worte zu hören, daß man sich stets von Ihnen angezogen findet ! Hiller verneigte sich und trat, um die Ehre der nächsten Mazmka Atttnd^zurück^ ^^isch und schrieb seinen Namen auf ihre Tanzkarte. Indem trat Victor, Alexandrinens Bruder, mit der Vertraulichkeit eines alten Bekannten an Hiller heran und zog auch Gilzingen mit sich; man verwickelte sich, leicht ein Gespräch I über das bevorstehende Carnevalsfest, bei welchem Lothar Hiller als Dichter und Guido von Gilzingen als der tüchtigste Reiter betheiligt waren. Gilzingen warf jedoch nur mißachtende Blicke aus den Schriftsteller, was dieser jedoch nicht zu bemerken schien- Während Alexandrine noch über Lothars Worte nachsann, die in ihrem Herzen eine neue Saite erklingen machten, tute jenes seelenvolle Gedicht, welches heute früh mit einem prachtvollen Bouquet als erster Geburtstagsgruß anonym au ihre Adresse gelangt war, und die Frau Bankdirector die Compll- mente der älteren Damen in Empfang nahm, hatte Docwr Löwe sich Fräulein Beate Pauli, die sich neben dem weißen Atlas Alexandrinens im einfachen blauen Kleide wie das ve scheidene Veilchen neben der stolzen Lilie ausnahm, zu nähern I gewußt. Ah so!" Schon trat das Haus des Bankdirectors, von oben bis unten festlich erleuchtet, in Sicht, als Doetor Löwe abermals das Wort nahm: „Lothar, Du weißt, ich bin Dein Freund, Dein treuer Freund, der, wie man sagt, mit Dir durch Dick und Dünn geht. Ich liebe Beate, des Directors Richte, und habe dabei vielsach Gelegenheit gehabt, Fräulein Alexandrme zu beobachten; meinst Du, glaubst Du, daß dieser Marmor zu I bcfcclctt I Lothar stand still und schaute einen Moment zum funkelnden Sternenhimmel auf, dann entgegnete er: „Daß Alexandrine eine Seele besitzt, weiß ich; aber diese träumt, sie muß erst erweckt werden. Franz, laß es Dir gestehen: dem einen Streben gilt all mein Ringen, mein Denken, Fühlen, Schaffen ; ich will Alexandrinen mir erwerben, sie durch Liebe zur Liebe und zu einem neuen, glücklichen Leben erwecken!" „Möge es Dir gelingen, Lothar!" Doctor Löwe reichte dem Freunde die Hand und beide traten durch das Portal in das Haus des Bankdirectors, wo die Diener geschäftig Pelzröcke und Hüte in Empfang nahmen. Das Haus war vom Blüthendust großer Topfpflanzen durchweht, Marmortreppen und Corridore waren mit feinen Smyrnaer Teppichen belegt, mit großen Kübeln voll exotischer Gewächse besetzt, an den Wänden sah man überall feine Bilder der neuesten deutschen Schule und durch große, mattgeschliffene Kugeln von Glas drang das Gaslicht von hohen, vergoldeten Kandelabern bis in die entferntesten Winkel. Einem Feenpalast glich der große Saal im ersten Stock. Welch' eine fast orientalische Pracht ans tausend und einer Nacht, welch' ein buntscheckiges Wogen eleganter Damen und Herren, darunter viele in den Uniformen des Kaiserstaates und der Nachbarländer! röcke fester um sich und schritten dem Ausgange des Nestau- i ronts^m j,er orientalischen Bank, Ritter Leopold von Evvinqer, bewohnte ein prachtvolles Haus am Ring, ganz in der Nähe der Bank selbst. Dorthin lenkten die Freunde ihre ^’S'ein, wie komisch," fuhr Doctor Löwe fort, »daß wir uns unser Ziel nicht gleich nannten. Da sitzen wir bei Ster- zinger und verlieren eine kostbare halbe Stunde. — Was mag denn heute bei Eppingers los fein?" „Heute? Das weißt Du nicht, der geheime Verehrer Fräulein Beatens?" srug Hiller erstaunt. „In der That, ich gestehe meine vollste Unwissenheit ein. I erwiderte Doctor Löwe gutmüthig. , n „Fräulein Alexandrine feiert ihr zwanzigstes Wiegenfest ! „Ei, ei, Lothar, und Du hast nicht einmal Blumen bei Dir? Ich dächte doch, Du sähest die junge Dame nicht mit gleichgültigen Augen an!" . _ , „Stille!" gebot hier aber Lothar so heftig, daß Doctor Löwe förmlich zusammenschrak, „lieber diesen Punkt laß uns nicht scherzen. Es ist gewiß, Alexandrine ist mir nicht gleichgültig, aber nie soll sie erfahren, daß Ein so stolzes Herz wie das Deinige sie geliebt hat! ergänzte Löwe sarkastisch. „O Lothar, ich fürchte für Dich, denn Alexandrine scheint sich mehr für Pferdehufe als für Vers- süße zu interessiren und schmucke Husarenoffiziere scheinen ihr näher zu stehen als Jamben und Trochäen!" „Du spielst offenbar auf den Rittmeister von Gilzingen an, Franz! — Victor, der Sohn des Hauses, hat ihn als Kameraden mitgebracht. Und wenn Alexandrine die Werbungen des Rittmeisters erwidert, umsomehr, Franz, habe ich Ursache, meine Gefühle zu verbergen; ich denke, das leuchtet ein! „Ich schweige! Aber Eins noch! Die Huldigungen dieses Gilzingen scheinen doch mehr der Mitgift als der Person Alexandrinens zu gelten." „Glaub's auch!" gab Hiller trocken zurück. „Woher mag eigentlich der Reichthum des Bankdirectors stammen?" Lothar zuckte die Achseln. „Ich habe mich nie darum gekümmert, übrigens soll er m den Donaukriegen sehr klug speculirt haben." K zwischer und bei Büste, ausfiel, ließ eis seelte. D Guido 1 Hiller ; von wc Löwe, i Löwe i sagt ha beseligt Husarei str sie. W ten fein drinens meister drückte Er an das versamn bevorste gen. L zog sich Zimmer spann. Hü ich's boi zieht fid Heiter, Leben h . „ich gin eine Ci, »9 gegnete Ihnen e La director Dü „Lieber angetras Mensch anzuschir Ihrer A Lot edel von Adel uni ein gebo würde r Adel nid zeit nicht nahe tre einem R Hiller in Aehnlich im Kries eines jebi bedarf er nung, de „Si gar Ihre Freund, die Welt vollkomm des guten bezeichnui „W um der esührten ter Ritt» mit der dirigirte. r Spitze rnd Ver- Varian- nheit, die mustern, rm Haus- Eppinger, rach ihrer An einen- ge Gläser Tanzenden Saalseite in's Ohr: gänge. — die Damen zu machen, cheit ersten ugendsrisch, :en zwanzig gelten. Es rs von der ie Oval des geschnittener, »rachtvollsten rahmt; der rudern, daß tigen Zahn- Mama und Victor von ib der schon Guido von nett vor und acht des Heu- andrine saß Schriststeller junge Dame ihr der Fall lot," gab sie >rte zu hören, der nächsten einen Namen mit der Ver- und zog auch ein Gespräch Lothar Hiller chttgste Reiter rchtende Blicke merken schien- orte nachsann, machten, wie einem pracht- onym an ihre >r die Compli- hatte Doctor n dem weißen e wie das be- )tn, zu nähern Kaltblütig stellte der kluge Chefredacteur des Tageblatts zwischen der brünetten, dunkeläugigen Beate, des Ritters Nichte, und der blonden Alexandrine mit der prachtvollen, üppigen Büste, einen Vergleich an, der doch zu Gunsten der ersteren ausfiel. Der Strahl aus den blauen Augen Alexandrinens ließ eiskalt, aber die Sonne aus Beatens dunklen Augen beseelte. Da gaben die Trompeten das Zeichen zum Tanz und Guido von Gilzingen holte Alexandrine zum Walzer ab. Lothar Hiller zog sich an einen der Sogenpfeiler des Saales zurück, von wo er in das Gewühl starrte. Er bemerkte jetzt Doctor Löwe, der mit Beate bescheiden sein Tänzchen machte. Doctor Löwe mußte der jungen Dame wohl etwas recht Schönes gesagt haben, denn Fräulein Beate Pauli lächelte verschämt und beseligt zugleich. Aber da tauchte Alexandrine mit dem stolzen Husarenoffizier auf und jetzt hatte Lothar nur noch Augen ftir sie. Wie ein in der Wüste nach Wasser Lechzender, so verfol- ten feine großen dunklen Augen die himmliche Gestalt Alexan- drinens, und etwas wie Eifersucht überkam ihn, wenn der Rittmeister bei dem herrlichen Strauß'schen Walzer sie an sich drückte und anmuthig mit ihr dahinfchwebte. Endlich war diese Qual für Hiller zu Ende und er eilte an das Büffet. Es schienen dort viele Leute der Finanzsphäre versammelt zu sein, denn man sprach von der Börse, von einem bevorstehenden Krach, von Falliffements und Zahlungseinstellungen. Lothar ekelte dieses Gespräch an dem Ballfeste an, er zog sich deshalb mit einer guten Havanna in ein entlegenes Zimmer zurück, wo er mit dem Dampf bet Cigarre süße Träume spann. Hier fanb ihn der Hausherr unb sagte launig: „Dachte ich's boch, baß Sie hier säßen, lieber Doctor. Unser Taffo zieht sich unter blühende Oleander und in die Einsamkeit zurück. Heiter, mein Freund, muffen Sie aber doch heute sein, das Leben hat der bitteren Stunden genug!" „Sie haben recht, Herr von Eppinger," erwiderte Lothar, „ich ging auch nur, weil ich dem Tanze nur selten opfere und eine Cigarre mir Bedürfniß war!" „Ich bin mit Ihnen in gleicher Lage, Herr Doctor!" entgegnete der Director herzlich. „Außerdem wünsche ich mit Ihnen ein vertrauliches Wörtchen zu sprechen!" Lothar erschrak ein wenig. Was hatte ihm der Bank- birector zu sagen? Dieser nahm jetzt an seiner Seite Platz unb begann leise: „Lieber Doctor, Sie haben neulich ben Adel, welcher Ihnen angetragen warb, abgelehnt. Man hat bas — benn ein jeder Mensch hat seine Widersacher — benutzt, Sie höheren Ortes anzuschwärzen. Ich habe es deshalb übernommen, die Gründe Ihrer Ablehnung zur höchsten Kenntniß zu bringen." Lothar verbeugte sich und erwiderte ebenso leise: „Sehr edel von Ihnen, Herr von Eppinger 1 — Aber sehen Sie, über Adel unb Orben habe ich meine eigenen Ansichten. Wäre ich ein geborener Adeliger, meine Name historischen Ursprungs, ich würde mich mit Stolz von Hiller schreiben; ich verachte ben Adel nicht, aber ich erkenne bie gemachten Wappen ber Neuzeit nicht für voll an, ohne bamit ben Ansichten Anderer zu nahe treten zu wollen. So wenig man einen Cornelius zu einem Rembrandt stempeln kann, ebensowenig ist ein schlichter Hiller in einen Herrn Von gleichen Namens zu verwandeln. Aehnlich denke ich Über Orden, wo ich nur bei Heldenthaten im Kriege Ausnahmen mache. Es ist schon Pflicht im Leben eines jeden Staatsbürgers, das Möglichste zu leisten, darum bedarf es für den pflichtgetreuen Reichsbütger keiner Auszeichnung, deren Lohn schon in ihr selbst liegt!" „Sie mögen Recht haben, Herr Doctor, ja, ich theile sogar Ihre Ansichten; aber ein Gesichtspunkt scheint Ihnen, lieber Freund, bei Ihrer Gradheit entgangen zu sein. Man muß die Welt nehmen, wie sie ist, auch will sie mit all ihren Unvollkommenheiten liebevoll getragen sein. Ist es da nicht Pflicht des guten Staatsbürgers, Anderen zur Nacheiferung die Ehrenbezeichnungen des Staates auch zu tragen?" „Wenn man dadurch nur nicht so viele Heuchler erzöge, Herr von Eppinger. Nein, ich bleibe bei meiner Ansicht; legen Sie diese so rücksichtsvoll als möglich Seiner Majestät nahe." Eppinger nickte zustimmend. „Apropos," fuhr er dann fort, „Doctor Löwe ist Ihr Freund?" „Mein lieber, treuer Freund!" „Da darf ich ihm wohl getrost meine Nichte Beate anvertrauen? Er wirbt um ihre Hand, wie Sie wahrscheinlich chon wissen." „Sie dürfen es wagen, Herr von Eppinger. Löwe ist ein Mann von Geist und Character, ein Schriftsteller mit einer Men Zukunft." „Und Sie dichten auch wieder etwas Neues?" frug Eppinger dann. „Ja, Kleomenes, ein Trauerspiel." „Ah, aus der griechischen Geschichte! Nun, ich wünsche Ihnen einen Erfolg wie bei den Romellis!" „Ich danke Ihnen!" erwiderte Hiller mit einer Verbeugung. Die Herren erhoben sich und kehrten zur Gefellschast zurück. Alexandrine war dieses Mal von einem Kreise junger Herren von den Gesandtschaften, von den Banken und aus )em Offiziercorps umgeben, die der verwöhnten jungen Dame ihre Huldigungen barbrachten. Ein Stich ging bei diesem Anblick Lothar durch bas Herz unb eine marnenbe Stimme seines Innern flüsterte ihm leise zu: „Wie, wenn sie eine Kokette wäre?" Aber schnell übernahm das klopfende Herz ihre Verthei- bigung unb eine innere Stimme flüsterte ihm zu: „Nein, nein, sie hat eine Seele; bie Liebe wirb diesen Marmor einst beleben!" Wieder ertönte bie Einlabung zum Tanz. Lothar zog den abgestreiften weißen Handschuh über bie rechte Hand unb schritt auf Alexandrinen zu. Er fah unb hörte nur sie, sonst würde er jetzt wahrgenommen haben, wie Herr von Eppinger Beate und Doctor Löwe bei Seite rief und in einem Nebenzimmer eifrig mit ihnen redete. Es war eine hübsche, Mazurka, welche das Paar jetzt tanzte. Lothar war ein amnuthiger Tänzer, wenn auch kein Liebhaber dieser Kunst. Befriedigt stand Alexandrine in ber ersten Pause neben ihm und ihr Blick streifte nicht ohne Interesse bie stattliche Erscheinung des Dichters. „Man rühme mit Unrecht," begann sie bie Unterhaltung, „an den Tänzen des letzten Jahrhunderts größere Anmuth der modernen Tanzkunst gegenüber. Sehen Sie einmal die eleganten Bewegungen bei einer Mazurka und vergleichen Sie damit das steife Menuett ober bie altväterliche Gavotte." „Sie haben Recht!" entgegnete Lothar. „Man kann auch ben Bewegungen des modernen Tanzes Anmuth unb Adel verleihen. Dem Menuett unb ber Gavotte zumal klebt neben ber gewohnten Würde auch ber Altersstaub bes Rococco an!" Sie lächelte. Wie fein unb geistreich hatte er bas wieder ausgedrückt. Ja, in der That, Doctor Hiller war ein bedeutender Kopf! In der nächsten Tanzpaufe fand Alexandrine den soeben geadelten Bankier von Sellenheim nebst Gattin vor sich. „Der Wappenschild dieses guten Herrn," lächelte sie flüsternd Lothar zu, „riecht noch nach dem Lack des Malers. Finden Sie dies nicht auch?" Lothar lachte mit und gab ebenso leise zurück: „Gnädiges Fräulein, daß unsere Gedanken in diesem Falle so überein» stimmen, freut mich außerordentlich; Sie wissen vielleicht, daß ich aus diesem Grunde auch neulich den mir angebotenen Adel ausgeschlagen. Ich finde nichts lächerlicher als dieses auf« gemopste Von!" . „Schade!" erwiderte Alexandrine. „Wieso?" „ . , Mr Sie wäre der Adel nur paffend gewesen, Sie hätten Ihren neuen Stand durch den Adel Ihrer Seele gehoben." „Wie fein Sie schmeicheln können!" „Keine Schmeichelei, nur meine aufrichtige Meinung, Herr Doctor!" Lothar verbeugte sich. - 200 - Der Tanz war mittlerweile zu Ende und Lothar geleitete seine Dame an ihren Platz. Sinnend schaute sie ihm nach, als er davon ging, und leise murmelten ihre Lippen: „Welch' ein herrlicher Character, schade, daß er den Adel nicht accep- tirt hat!" (Fortsetzung folgt.) Höflichkeit der Kinder. „Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land!" Wer kennt nicht dies Sprüchlein und wer wendet es nicht oft in der Kindererziehung an? Ist doch dis Höflrchkert, welche wir frühzeitig unseren Kindern anerziehen, gewisser, maßen das Spiegelbild unserer eigenen guten Erziehung und kennzeichnet unseren Bildungsgrad. Höflichkeit will, wie so viel unserer guten Sitten, frühzeitig der Jugend anerzogen werden. Manches Kind hat die angeborene Gabe, ferne und höfliche Manieren leicht anzunehmen. Bei diesen braucht es nicht der so unendlich oft wiederholten Ermahnungen, wie bei jenem kleinen Tollpatsch. Aber endlich erreicht man es auch bei diesem mit jenem besten Erziehungsmittel — mit unermüdlicher Geduld. Der kleine Mann hat le,bliche Mameren angenommen, und wird seine Höflichkeit oft von Bekannten gerühmt und lobend anerkannt. Ich stelle den kleinen Burschen, welcher stets von weitem schon höflich sein Mützchen zieht, meinen Buben zu nachahmendem Beispiel vor. Aber was sehe ich? der Kleine, der noch eben mich so artig begrüßte, zieht nicht einmal den Hut vor seiner Mutter ab! Erstaunt sage ich ihm darüber meine Meinung und bekomme die im Kindermund gewiß übliche Antwort: „Aber meine Mutter brauche ich doch nicht zu begrüßen, die kenne ich ja!" Und gerade das ist's, worauf diese kurzen Worte Hinweisen sollen — auf d,e Höflichkeit in der eigenen Familie, welche nur zu ost versäumt wird.' Man muß nur das Kind über seine irrige Memung ausklären, ihm klar zu machen suchen, daß von allen Menschen die Eltern das größte Anrecht an jeden äußeren Beweis und jede Kundgebung der Ehrerbietung haben neben dem Vorrecht der weiteren innigeren Liebesbezeugungen. Gerade bei den sonst gegen Fremde so höflichen Kindern befremdet dieser Ver- stoß, dem man nur zu häufig begegnet, am meisten. Wie oft werden auch andere Höflichkeitsbezeugungen gegen die Eltern vergessen! Wie nimmt es uns für jeden Knaben ein, wenn er der Mutter mit schwacher Kraft beim Aussteigen behülflich ist, ihre Packete trägt, das Tuch, den Schirm abnimmt, hübsch zurücktritt, bis Vater und Mutter hinausgegangen sind, höflich aussteht, um seinen Platz älteren Personen anzubieten, schnell hinzuspringt, um etwas Heruntergefallenes aufzuheben! Tau- send kleine Dinge gibt es, bei denen sich des Kindes Höflichkeit in angenehmer Weise kund thun kann und als willkommene Aufmerksamkeit wohlthut. Man halte auch im Hause streng auf Höflichkeit, ob Fremde dabei sind oder nicht, den Eltern und Geschwistern gegenüber in gleicher Weise. Man gestatte nicht, daß z. B- nach Tische der Wunsch einer gesegneten Mahlzeit verabsäumt wird. Man fragt nicht: „willst Du noch etwas haben?" - sondern: „bittest Du noch um etwas?" Man verlange streng bet jeder Gabe den Dank oder die Bitte. Auch selbst den Dienstboten gegenüber geziemt sich bei Kindern nicht das herrische, befehlende Verlangen, sondern die höfliche Bitte. Der bei Vielen so verpönte Handkuß sollte bei Kindern, und besonders bei Knaben, stets verlangt werden zur besonderen Kundgebung ihrer Ehrfurcht. Die meist nicht zur Höflichkeit geneigte Knabennatur muß dazu erzogen werden. Derartig feine Manieren werden stets der beste Empfehlungsbrief sem, Bildung bekunden und schnell die Herzen gewinnen. Es sind auch durchaus nicht leere Formen, denn der Kern des liebevollen Denkens für die Bequemlichkeit Anderer steckt darin, den Egoismus ertödtend. Aus diesen höflichen Kindern wachsen höfliche Männer heran, welche die ihnen von Jugend aner» zogene Höflichkeit nicht vergeffen. Wie freut sich wohl jede Redaction: A. Scher) da. — Druck und Verlag der Frau, wenn nicht nur der Bräutigam, nicht nur der junge Ehegatte, sondern auch der alternde Ehemann die Höflichkeit ihr gegenüber nie vergißt. Wie angenehm berührt uns das ritterlich zuvorkommende Wesen eines älteren Herrn, an dem sich oft die Jugend ein Beispiel nehmen könnte! , Selbstverständlich ist alles Uebermaß auch hier, wie m allen Dingen, unangenehm und vom Nebel. Die Höflichkeit, wie überhaupt die äußere gute Form, wird entschieden in aristokratischen Kreisen mehr gepflegt; sie sollte auch in bürgerlichen Kreisen und vor allen Dingen im Schooße der Familie zu Hause sein. Zuerst geht man mit dem Hute in der Hand durchs Haus, dieses des Kindes erste Welt, dann erst durchs ganze Land. ____________ Vermischtes. Zur Krinolineufrage, die schon lange die Damenwelt beschäftigt, hat nun auch der Pariser Kletderkünstler Felix gesprochen. Eher werde ich mein Geschäft schließen, als daß ich Krinolinen anfertigte, bekräftigte er, wie die anderen führenden Modekünstler schon gethan haben. Felix sagt mit Recht, der Reifrock würde das Grab der Erfindung fein, dre Mode- bewegung zur Unfruchtbarkeit verurtheilen. Der Reffrock könne überhaupt nur in einer geisteisarmen, der Schaffenskraft entbehrenden Zeit aufkommen. Gegenwärtig befinden wir uns aber in einer Zeit üppig sprudelnder, sich förmlich überstürzender Schaffenskraft und Erfindungen. Die Krinolrne ist das Höchste der Unschönheit und Geschmacklosigkert. Felix grebt noch einen besonderen Grund an, warum sie mcht auskommen, nicht herrschen kann. Die großen Riesenbazare suchen stets nach Neuheiten, verbreiten sie massenhaft, so daß sie sofort allgemein getragen werden- Sie fallen daber regelmäßig in Uebertreibungen. Deßhalb verschmähen alle wirklich eleganten Damen die Riesenbazare. Dazu kommt, daß der Gehkorb, die Krinoline, weniger als je in unsere heutigen Lebensverhältnffse paßt. Heute hat sich der Reiseverkehr gegen früher verzehn- facht, Omnibuffe und Pferdebahnen sind selbst bis in Mittel- und Kleinstädte vorgedrungen, Hunderttausende, nein mele Millionen Damen benutzen diese täglich. Nie aber mit dem Reifrock. Als im vorigen Jahrhundert der Reffrock herrichte, gab es keine Eisenbahnen, noch Omnibuffe, noch Pferdebahnen. Die Damen ließen sich, in Tragfeffeln siehend, zu Ballen uns Festen tragen. Dies sind himmelweit verschiedene Verhältnisse, die nicht wiederkehren dürften. Die Modekünstler gehen fehl, arbeiten vergebens, wenn sie ihre Schöpfungen nicht den vorhandenen Verhältnissen anpaffen wollen. VomKasernenhof. Feldwebel: „Tritt der Kerl mit'm rechten Fuß an: Da ist's freilich kein Wunder, daß sich Eugen Richter für die Militärvorlage nicht begeistern kann." Nachdrückliche Werbung. „Seien Sie doch nicht so grausam, Fräulein Alma, sagen Sie mir doch endlich ein liebes Wort! Sehen Sie denn nicht, wie — furchtbar rch schwitze?" * , Ueberraschende Wendung. Bankier: „Wie,dieHand meiner Tochter erbitten Sie? Ich weiß wirklich nicht, junger Mensch, soll ich mehr Ihre unverschämte Keckheit oder Ihre geriebene Speculation auf mein Geld bewundern. Da nun aber ein unverschämter kecker Mensch und ein geriebener Specu- lant vortrefflich zu Börsengeschäften sich eignet, so sollen Sie mein Schwiegersohn werden." * Sportlust. Gauner (beim Anblick eines Velociped- Rennens): „Herrgott, wenn i so fahren könnt' und irgendwo a Kassier wär', nocha wär' aba mei' zweit's, daß i mir so a Rad stehlat und durchbrennet I" rühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.