Unteichaltriiigsblatt zunr Gietzenev Anzeigen (Gsneval-Anzeigev) Nr. 140. 1893 W - ZÄ Dienstag, den 28. November. Herzenskämpfe. Roman von Theodor Schmidt. (Fortsetzung.) Auch auf Melanie lasteten viele Sorgen. Vor drei Jahren hatte sie Herbert versprochen, die Seine zu werden, sobald die Wolke von dem Roddeck'schen Hause gewichen sein würde. Sie hatte gelernt, ihn innig zu lieben, er war ihr jetzt theurer als Curt je gewesen, sie sah sein bekümmertes, resignirtes Gesicht, sie fühlte, daß die erste Pflicht sie zu ihm rief, und doch war es ganz unmöglich, jetzt ihre Tante zu verlaffen. In tiefes Sinnen versunken, saß Melanie von Selten in ihrem Zimmer; dann stand sie auf, trat an ihren Schreibtisch und schrieb an ihren Vetter Curt- Sie schrieb ihm von Herberts Liebe, von ihrer Verlobung mit ihm und wie unmöglich es ihr sei, des Geliebten Gattin zu werden, bevor er heimgekehrt sei zu seiner vereinsamten Mutter. „Verzeih', daß ich Dich daran erinnere," schrieb sie, „aber es gab einst eine Zeit, wo ich Dir zu Liebe aü' meine Hoffnung, in diesem Leben je glücklich zu werden, zum Opfer brachte; ich verlange jetzt nur wenig dafür: ich bitte Dich, kehre heim; Deine Mutter verlangt nach ihrem Sohn, Deine Diener und Angestellte verlangen nach ihrem Herrn und, Curt, Herbert verlangt nach mir." „Dieser Bitte kann er nicht widerstehen," sprach sie lächelnd zu sich; „den Gedanken, unserm Glück im Wege zu stehen, wird er nicht dulden, und die Mutter bekommt ihren Sohn zurück." Und Melanie hatte Recht, Curt konnte ihrer Bitte nicht widerstehen; in der Erinnerung, was sie ihm einst gethan, mußte er ihr jetzt das Opfer bringen; und seine Mutter war ganz außer sich vor Freude, als ihr Sohn seine baldige Rück» kehr verkündete. Als er heimkehrte, waren die Gräfin und Melanie betroffen von seinem Aussehen. Er sah nicht mehr krank aus, aber auf seinem Gesicht lag eine Schwermuth, die seinen inneren Kummer mehr verrieth, als alle Worte es vermocht hätten. Erst als sie sich am Abend für die Nacht trennten, er- wähnte die Gräfin wieder Marthas Namen. „Still, Mutter," entgegnete er in tieflraurigem Tone, „sprich nicht von ihr. Wenn sie noch am Leben wäre, hätte ich sie finden müffen; ich glaube sicher, daß sie nicht mehr unter den Lebenden weilt; aber sprich nicht von ihr — ich kann es ' noch nicht ertragen." I Curt nahm seine Pflichten wieder auf, er versäumte, vernachlässigte nichts; aber die Gräfin seufzte, wenn sie lange nach Mitternacht an seiner Zimmerthür vorüberging und noch Licht drinnen sah; und sie seufzte, wenn sie ihn in früher Morgenstunde unablässig in feinem Zimmer auf- und abgehen hörte. Sie meinte, die Thätigkeit, der er sich wieder widmete, sei zu viel für ihn, und machte ihm darum den Vorschlag, sie wollten sich wieder auf einige Zeit nach der Residenz begeben. Curt war einverstanden damit, denn ihm, dem Unglücklichen, war Alles gleich, hatte er doch keinen anderen Gedanken, als an die Geliebte, die er verloren hatte. Achtundzwanzigstes Capitel. Eines Tages — es war Ende Mai, an einem Morgen, an dem Alles frisches, neues Leben athmete — machte Graf Curt einen Spaziergang in dem öffentlichen Park, der in dieser frühen Morgenstunde weniger von der eleganten Welt, als von Bonnen und Wärterinnen mit ihren Zöglingen und Pfleglingen besucht war. Leichte Kinderfüße trippelten hin und her, frische Stimmen und silberhelles Lachen erfüllten die klare Frühlings- lüft; es war so nett, die Kleinen bei ihren Spielen zu beobachten. Graf Curt ließ sich auf eine der Gartenbänke nieder und schaute mit traurig-ernstem Lächeln dem Treiben der Kinder zu; der Anblick dieser frohen Kinderschaar that seinem Herzen unsagbar weh. Kein Kind kleiterte auf seine Kniee, kein Kind nannte ihn Vater, keine zarte Kinderhand liebkoste die seine, keine rothen Kinderlippen berührten fein Gesicht. Er würde in seinem Hause nie den Klang frischer Kinderstimmen hören! Einsam, traurig und verlaffen saß er da im Hellen Sonnenschein und fragte sich, warum das Schicksal hart gegen ihn gewesen. Einem Jeden schien Leben und Liebe, Schönheit und Glück zugefallen zu sein, nur ihm war alle Hoffnung genommen! An einem eben solchen Morgen war es, als er die geliebte, verlorene Gattin zum ersten Male in den Bergsdorfer Wäldern gesehen hatte. In diesem Augenblicke zog ein auffallend schöner Knabe des Grafen Aufmerkfamkeit auf sich, ein Knabe von anscheinend drei bis vier Jahren mit einem Gesicht, wie die alten Meister es sich als Modell für ihre Engel wählten — rothe, lächelnde Lippen, dunkelblaue Augen, den Kopf voll üppig blonder Locken, und lange, goldene Wimpern, die im Sonnenscheine glänzten. Graf Curt blickte mit wahrhafter Bewunderung auf den kleinen, stolzen Knaben, der eifrig mit Blumenpflücken beschäftigt war. Dicht an der Bank neben dem Grafen blühte eine große blaue Glockenblume, der Knabe sah sie und kam herbei- gesprungen, sie zu pflücken; dabei lag ein fo reizendes Lächeln 558 auf seinem schönen Gesicht, dem der Graf nicht widerstehen konnte; er bückte sich zu dem Knaben herab und hob ihn auf seine Kniee. „Du darfst mich nicht fortnehmen," sagte der Knabe in reizend kindlicher Weise, „ich bin Mama ihr Kind." „Das will ich auch nicht," entgegnete Curt ernst, „Du sollst nur eine Minute hier bleiben, ich will Dir auch meine Uhr zeigen." Das Kind war von der glitzernden Uhr und Kette entzückt. „Willst Du mir das schenken?" fragte es. „Wir wollen sehen," versetzte der Graf, „erst sage mir, wie Du heißt." „Albert," sagte der Kleine. „Albert — und wie weiter." „Mamas Albert," antwortete das Kind und hob dabei seine schönen Augen zu dem traurigen Gesicht des Grafen auf. Dieser Blick berührte Curt seltsam; Augen wie diese mußte er schon einmal im Traum gesehen haben. Er beugte sich zu dem Knaben herab, küßte das kleine Gesicht und strich liebkosend über die goldenen Haare. „Ich wünschte, ich hätte auch so einen kleinen Knaben, wie Du," sagte er dann zu dem Kind, „ich habe keinen kleinen Sohn." „Und ich habe keinen Papa," erwiderte der Kleine schnell. „Albert," rief da eine dem Grafen wohlbekannte Stimme, „Albert, wo bist Du?" „Ihr Knabe ist sicher bei mir," gab Curt höflich zur Antwort. „Ich fürchte, er belästigt Sie. — Ah, Graf Noddeck! Sie hier — ist's möglich?" „Baron Mafsol!" rief der Graf, freudig überrascht aufspringend. „Ich wähnte Sie in Paris!" „Ich bin auch erst vorige Woche heimgekehrt," entgegnete dieser. „Wie lange waren Sie fort?" „Drei Jahre," war die kurze Antwort, und Curt wunderte sich über das veränderte Wesen seines Freundes. „Wie freue ich mich, Sie zu sehen," fuhr er fort und streckte Baron Mafsol wieder die Hand entgegen, zu seinem höchsten Erstaunen that dieser, als bemerkte er sie nicht- „Ist das Ihr Söhnchen?" fragte Curt. „Nein," gab der Andere zur Antwort, während ihm die Röihe in das Gesicht stieg, „ich bin noch unverheirathet und werde in meinen Jahren mich auch nicht mehr zu einer Heirath entschließen." „Noch nie habe ich ein reizenderes Kind gesehen," fuhr der Graf fort, „ich kann mich noch gar nicht wieder von ihm trennen." Baron Masiol machte eine ängstliche, unruhige Bewegung. „Wem gehört der Knabe?" fragte Jener weiter- „Ich bin ganz entzückt von ihm — um des Kindes willen möchte ich seine Eltern kennen lernen." Baron Masiol gab keine Antwort und es trat eine peinliche Pause ein. „Masiol," sagte Curt endlich, „ich verstehe Sie nicht! Vor drei Jahren schieden wir als die besten Freunde — jetzt verweigern Sie mir die Hand. Sie sehen mich verlegen an; kaum, daß Sie meine Fragen beantworten. Was hat Sie so ver- ä i Oder hätte ich Sie irgendwie beleidigt?" *:S)u schaute ihn der Baron mit einem tieftraurigen Ausdruck in seinen ehrlichen Augen an. „Das bedarf wohl keiner Erklärung," erwiderte er kurz. „O doch! Gewiß!" sagte Curt erstaunt. „Ich habe Sie immer lieb gehabt, Masiol, und war stolz, Sie meinen Freund nennen zu dürfen. Was habe ich gethan, daß Sie mir jetzt offenbar zürnen?" „Sagt Ihnen das nicht Ihr eigenes Gewisien?" fragte Baron Masiol ernst. „Mein Gewissen?" rief Curt, auf's Höchste erstaunt. „Nein, allerdings nicht — h verstehe Sie weniger denn je! Ich bin unglücklich — vielleicht der unglücklichste Mensch unter der Sonne, — aber mein Gewissen ist rein." „Ich habe kein Recht, zu reden," antwortete Baron Maffol kurz, „komm', Albert," wandte er sich dann zu dem Knaben, „es ist Zeit, nach Hause zu gehen." Aber das Kind schlang beide Arme um den Grafen. „Der Herr gefällt mir," sagte es, „ich will hier bleiben." Da ward des Barons Gesicht seltsam blaß und in stummer Verwunderung sah Gras Curt, wie seine Lippen vor innerer Erregung bebten. „Was ist Ihnen, alter Freund?" fragte er. „Welches Gespenst hat sich zwischen uns gestellt?" Da wandte Baron Maffol sich ihm voll zu und mit einem festen Blick in des einstigen Freundes veränderte, verhärmte Züge sprach er: „Sie haben Recht — ich wollte Ihre Hand nicht berühren, wollte nicht mit Ihnen reden, da Sie es aber wünschen, so sei es denn. Antworten Sie mir, Graf von Roddeck: Was haben Sie Ihrer Gattin gechan?" Curt schrak heftig zusammen und sah seinen Freund in höchster Verwunderung an. Diese Frage schmerzte ihn tief. „Meine Gattin?" wiederholte er mit bleichen, bebenden Lippen. „Mein Leben gäbe ich dafür hin, wenn ich wüßte, wo sie ist. Wie gerne wollte ich sterben, wenn ich sie noch einmal, nur ein einziges Mal sehen könnte!" „Aber Sie haben sie doch von sich geschickt!" sagte Baron Maffol, nun seinerseits erstaunt. „Nun und nimmermehr!" fiel Curt ihm heftig in's Wort. „Gott allein weiß, was ihre Flucht mich gekostet hat! Wer hat Ihnen eine so grausame Geschichte erzählt, Maffol — und wie konnten Sie so etwas von mir glauben?" „Gleichviel, wer es mir sagte, wenn es nicht wahr ist," sagte der Baron; „nie habe ich eine Frau gesehen, die so rein, so schön, so edel war, wie Ihre Gattin! Was sie nicht ändern konnte — ihre üble Abkunst — das hätten Sie übersehen sollen!" „Aber als sie mich verließ, wußte ich ja kein Wort davon," sprach Curt traurig, „meine Liebe zu ihr würde mehr, weit mehr übersehen haben." „Sie wußten nichts davon?" wiederholte der Baron, kaum seinen Ohren trauend. „Warum schickten Sie sie dann fort?" „Das that ich ja nicht," entgegnete Curt; „ihre Fluch« war mir ein Räthsel, bis ich am Sterbelager ihres Vaters stand — erst da ward mir Alles klar." Der Baron sah den Grafen auf's Höchste bestürzt an. „Ich weiß nicht, was Sie gchöit haben," fuhr der Graf mit weicher Stimme fort- „Ich verzeihe Ihnen Ihre Worte; soll ich Ihnen erzählen, was Wenige reiften — wie ich meine Gattin verlor?" Er erzählte seine traurige Geschichte. „Ich habe ein ganzes Vermögen für Aufrufe in allen nur existirenden Zeitungen ausgegeben," sagte er, „in ganz Deutschland ist nach ihr gesucht worden, aber vergebens- Ich weiß nicht, ob sie lebt ober tobt ist, nur das weiß ich: lebend ober tobt bleibe ich ihr treu — keine Andere soll je ihre Stelle einnehmen. Mit Freuden gäbe ich Alles hin, wenn ich sie noch einmal sehen könnte. Das Ganze war ein Mißverständniß, ein furchtbares Mißverständniß! Ich war eifersüchtig und erregt, aber ich habe bitter, bitter dafür gelitten. Gott schütze einen Jeden vor einem solchen Schicksal." „Sonderbar, sonderbar!" faßte Baron Maffol sinnend. „Weniger sonderbar als traurig," antwortete Curt. „Ach, Mafsol, wie konnten Sie mich nur für fähig halten, daß ich meine Gattin fortschickte, weil ihr Vater nicht das war, was er hätte sein sollen? Ich hätte sie darum nur um so mehr geliebt. Als ich sie heirathete, wußte ich nichts von ihrer Familie, noch kümmerte es mich, welcher Abkunft sie war. Wie konnten Sie glauben, daß ich sie in der Stunde, wo Schmerz und Kummer über sie kam, forttreiben würde?" Noch lange saßen die beiden Freunde plaudernd beisammen, ohne der schnell dahinstießenden Zeit zu achten. Graf Curt fand seinen Freund, selbst nachdem er ihm Alles erklärt hatte, ausfallend zurückhaltend. Wohl reichte er Curt die Hand und bat ihn wegen seines ungerechten, unbegründeten Verdachts um Verzeihung, dann aber war er eigenthüm- 5= 559 lich schweigsam. Mit zerstreut in die Ferne schweifendem Blick hörte er der Unterhaltung des Grafen zu, der sprach, wie es ihm um das Herz war und sich von dem offenbaren Mangel an Interesse bei seinem Freunde tief verletzt fühlte. „Wir muffen fort," sagte dieser endlich, nach der Uhr sehend, „komm', Albert, Mama wird sich ängstigen — wir sind fast drei Stunden fortgewesen." „Noch haben Sie mir den Namen meines kleinen Freundes nicht genannt," sagte Curt, indem er ungern des Kindes Aerm- chen von seinem Halse losmachte. „Er heißt Albert," lautete die Antwort, „seine Mama ist eine liebe Freundin von meiner alten Mutter. Kommen Sie morgen und essen Sie bei.uns zu Mittag, wir wohnen noch in dem alten Haus auf der Elgersburg. Meine Multer wird sich freuen, Sie wiederzusehen — Sie waren immer ihr besonderer Liebling." „Ich danke Ihnen sehr; aber ich bin nicht in der Stimmung, Besuche zu machen. Besser, Sie kommen zu mir. Meine Mutter und Melanie von Selten werden Sie herzlich willkommen heißen." „Nein, nein," bat Baron Massol, „mein kleiner Albert hier sei mein Fürsprecher; lassen Sie es dabei und kommen Sie morgen zu uns; vielleicht erlauben wir unserem kleinen Liebling dann auch einmal, daß er Sie besucht — eine große Dunst versichere ich Ihnen. Was meinst Du, Albert? Soll dieser Herr morgen Mittag bei uns essen? ' „Ach ja!" rief das Kind und klammerte sich fest an des rafen Hand. „Ach ja, bitte, kommen Sie!" Die liebliche Ktnderstimme siegte und lächelnd meinte der 's: „Gut, ich werde kommen. — Welche Zeit speisen Sie?" „Um vier Uhr," entgegnete Baron Massol, „holen Sie n meiner Stadtwohnung — Kronenstraße 17 — ab, und hren zusammen hinaus zu meiner Mutter." '1n Ihrer Stadtwohnung ?" fragte Graf Curt verwundert. r Sie denn nicht mehr bei Ihrer Mutter?" .. „wein," antwortete sein Freund, verlegen erröthend, „meine ter hat Gäste im Haus und ich habe in der Stadt zu -an." Darauf trennten sie sich. Neunundzwanzigstes Capitel. Nach Hause zurückgekehrt, erzählte der Graf von seiner Begegnung mit seinem alten Freunde und dem schönen Knaben. — Seine Mutter fand ihn heiterer, denn seit lange; seit Jahren, dachte sie, sei er nicht so froh gestimmt gewesen, wie jetzt, als er lächelnd beschrieb, wie zärtlich der Knabe sich an ihn geschmiegt habe. Jgre Augen füllten sich mit Thränen, als sie seinen Worten lauschte. „Wie dankbar bin ich für Alles, Kind, das sein Interesse erregt," sagte sie zu Melanie, „aber das Herz blutet mir, wenn ich denke, daß er nie auf sein eigenes Kind herablächeln wird." „Hoffen wir das Beste," tröstete Melanie ihre Tante, „die Zeit heilt viele Wunden. Folgt dem schweren Kummer nicht Freude, so doch wenigstens Friede." Graf Curt konnte den Knaben nicht vergessen; den ganzen Tag schwebte ihm das liebliche Kindergestcht vor Augen, des Nachts sah er es im Traume; überall sah er die schönen, ver« trauenbltckenden Augen, die goldenen Locken — und er mußte über seine eigene Thorheit lächeln. „Ich bin in das Kind verliebt," dachte er, „wahrhaftig, ich habe wahre Sehnsucht nach dem Knaben." Pünktlich fand er sich bei Baron Massol ein und fuhr mit diesem nach Elgersburg. Es war eine herrliche Fahrt; kein Wölkchen war an dem tiefblauen Maihimmel zu entdecken, die Luft war balsamisch, Himmel und Erde schienen zu lächeln. Die zwei Freunde sprachen nur wenig. Baron Massol schien in seine eigenen Gedanken versunken und Graf von Roddeck träumte von jenem Maimorgen, wo er vor Jahren dem schönen, holden Wesen begegnet war, das nun für immer für ihn verloren schien. Frau Baronin Massols Blick fiel auf ein trauriges Gesicht, als sie den alten Liebling ihres Hauses willkommen hieß. „Mein Sohn sagte mir scho.i, wie verändert Sie seien," sagte sie und streckte dem Grafen beide Hände entgegen. „Ich bin nicht auf Rosen gewandelt," erwiderte dieser ernst. Die Baronin erkundigte sich lebhaft nach seiner Mutter und Melanie von Selten, sie fragte ihn nach Tausenderlei, und doch fiel Curt etwas Eigenthümliches in ihrem Wesen auf. Sie war gesprächiger, als er fie von früher her kannte und offenbar bemüht, daß die Unterhaltung keine Secunde in's Stocken kam- Es war eine wahre Erleichterung, als der Knabe herankam und direct auf den Grafen zulief. Was war das? Warum füllten sich seine Augen mit Thränen, als die zarten Aermchen ihn umschlangen? Warum schien des Kindes liebliche Stimme ihm bis in's innerste Herz zu bringen und da längst versiegte und vertrocknete Quellen zu berühren? „Mein Sohn sagt mir, Sie hätten den Knaben wunder- bar lieb gewonnen," sagte die Baronin. „Er ist aber auch ein prächtiger Bursche, den wir von ganzem Herzen lieb haben." „Nie zuvor habe ich ein Kind so lieb gehabt," entgegnete Graf Curt mit unsicherer Stimme, „und bei meinem einsamen Leben wird mir auch nie wieder ein Kind so lieb werden." „Möchtest Du mit diesem Herrn gehen, Albert?" fragte die Baronin. „Ja," entgegnete der Knabe, „aber ich kann nicht, ich kann doch Mama nicht verlassen." „Noch weiß ich den Namen meines kleinen Freundes nicht," sagte Curt, „ich möchte mir ihn in aller Form vorstellen lassen und mir die Erlaubniß ausbitten, ihn einmal mit mir nehmen zu dürfen-" Ein seltsames Lächeln glitt über des Barons Züge. „Möchten Sie Alberts Mama kennen lernen und sie um die Erlaubniß bitten?" fragte die Baronin. „Gewiß, mit Vergnügen, wenn e» gestattet ist," entgegnete Curt. „Sie ist hier im Zimmer nebenan," sagte Jene mit vor Erregung bleichem Gesici t, „bitte, treten Sie ein und tragen Sie der Dame Ihre Bitte selbst vor." „Wollen Sie mich nicht begleiten und mich der Dame vorstellen?" „Nein, Graf, gehen Sie allein," mischte Baron Massol sich in das Gespräch. „Albert wird Sie einsühren." Da, wie Graf Curt auch aus seines Freundes Gesicht eine tiefe Bewegung wahrnahm, da ergriff ihn ein seltsames Zittern, eine unbestimmte Hoffnung regte sich in ihm. Er wollte reden und noch eine Frage thun, aber seine Lippen versagten ihm den Dienst. „Albert," sagte der Baron, „gehe mit diesem Herrn und sühre ihn zu Deiner Mama." Das Kind ergriff des Grafen Hand und führte diesen an das anstoßende Boudoir. Wie von einem Traum umfangen, drückte dieser auf die Klinke, öffnete die Thüre und trat ein. Er sah ein kleines, trauliches Gemach mit duftenden Blumen und glänzendem Sonnenschein. Er sah — o Gott! War es im Traume, war es in Wirklichkeit? — er sah, wie sich bei seinem Eintritt ein goldener Kopf erhob, er sah ein^ Gesicht, so schön, so rein, so edel; er sah blaue Augen voll zitternde Lippen, die sich vergeblich bemühten, seinen stammeln; er sah zwei zarte, gefaltete Hände, wie er sie vor Jahren gesehen — ein dichter Nebel schwamm ihm vor den Augen, ein Geräusch wie rauschendes Wasser erfüllte fein Ohr- Eine zarte Kinderstimme brachte ihn zur Besinnung- „Das ist Mama," sagte der Knabe, auf diese zueilend. Nein, es war kein Traum! — Sie war es, sein Liebling, seine Gattin, die ihn mit zärtlichen Armen umschlang und das schöne, von Thränen überströmte Antlitz au seiner Brust barg. Es war kein Traum, kein Trugbild nein, es war wahre köstliche Wirklichkeit! är (Schluß folgt.) " 660 — Genrernnntziges. Um Sauerkraut vor Ueberförierung zu fichern, bestreiche man die betreffenden Gesäße mit Kalkmilch und entferne die Kalkrinde erst beim Einfüllen des Krautes mit heißem Wasser. Da der Kalk die Säure sättigt, wird das Kraut besser schmeckend und hält sich länger. Nach dem Einsüllen empfiehlt! es sich, einen birkenen Pfahl in das Kraut zu stecken, da derselbe die Uebergährung, sowie das Welk- und Käsigwerden verhindert. , * • * Laßt die Schlehen nicht unbenützt! Nach einer Mittheilung des Frankfurter „Pr. Rathg." geben dieselben, reif eingeerntet und getrocknet, mit Zucker, Gewürznelken und ganzem Zimmt gekocht, ein angenehmes Compott. Ganz vorzüglich schmeckt dasselbe, wenn man beim Kochen einen Eßlöffel voll Arak und etwas Zitronenschale beigibt. Auch lassen sich die Schlehen, am Abend vor dem Gebrauch mit Zimmt und Zitronenschale gekocht, nach dem Abtropfen auf einem Sieb mit Zucker überstreut, gleich Kirschen zum Kuchenbacken verwenden. Also sammelt die besonders Heuer massenhaften Schlehen. ♦ ♦ Der Wachholderstrauch ist eines unserer nützlichsten Gewächse, denn von ihm lassen sich alle Theile verwenden. Das Holz sowie die auf Kohlen verbrannten Beeren geben Rauch, der rasch das Zimmer von schädlichen Dünsten befreit und eine gesunde Luft erzeugt.; Aus den Wurzeln, in Wein oder Wasser gesotten, erhält man ein vorzügliches Blutreinigungsmittel. Jeden Morgen nüchtern zehn zerquetschte Wachholder- beeren in Wasser genommen, bringt Jedem, der an Kpofweh leidet, baldige Linderung. * ♦ ♦ Maiblümchen auf dem Weihnachtstisch! Man pflanzt jetzt die Keime in Töpfe (10 bis 12 Keime in einen 4 zölligen Topf), stellt sie in das Freie, damit sie einen Frost von 3 bis 5° E. bekommen, senkt ste Anfang December in das Treibbeet in Sägespähne oder Moos bei 25 bis 28° Wärme ein und überdeckt sie mit Moos. * * * Cactus durchwintert man in einem warmen Zimmer und stellt sie in eine halbdunkle Ecke, wo sie bis Anfang April nicht mehr begossen werden. Dann giebt man ihnen einmal in der Woche ein wenig kaltes Wasser. Anfangs Mai stellt man ste an ein sonniges Fenster und gießt reichlicher bei bis September, wo man die Pflanzen wieder allmählich in Ruhestand treten läfet » * In Hh aeintheugläsern kann man das Wasser vor dem Verderben schützen, indem man in jedes Glas eine Messerspitze voll Holzkohlenpulver oder Salicvlsäure zusetzt. * * * Rothe Milchspeise, sehr fein. Ein Liter gute Vollmilch (nicht abgerahmt) wird aufgekocht, kalt gestellt, doch so lange gerührt, bis sich keine Haut mehr oben bildet, 300 Gramm zugesetzt und dann recht schnell 30 Gramm aufgelöste rothe Gelatine, unter welcher jedoch 1/3 bis 1/4 weiße sein kann, damit die Speise zart rosa erscheint, die abgeriebene Schale von einer, der Saft von vier Zitronen darunter gerührt. Man läßt die Speise in einer mit Mandelöl ausgestrichenen Form kalt, womöglich auf Eis gestellt, gerinnen. Ausgestürzt, giebt man sie mit einer Boullionsauce. Nankin. Den bisweilen sehr empfindlichen feinen Nan- kin zu waschen hat oft seine Schwierigkeit. Folgendes einfache Verfahren hat sich stets als zweckmäßig erwiesen. Der Nankm ' wird 24 Stunden in frisches Wasser gelegt, in welchem eine Hand voll Kochsalz ausgelöst ist. Darauf wäscht man mit schwacher Seifenbrühe und zuletzt blos mit Wasser, oder den abgebrühten Thee trockne man, koche zwei Hand voll! im Wasser und wasche den Nankin darinnen, der dadurch seine Farbe be» hält. Vermischtes. Eine Stecknadel ist freilich ein sehr unbedeutender Gegenstand, allein die Art und Weise, wie sie verwendet und zum Beispiel in ein Kleidungsstück gesteckt ist, offenbart nicht selten den Character der Hand, die es bewerkstelligte. Ein geriebener Bursche, so wird erzählt, sah sich einst nach einer Frau um und machte zu diesem Zwecke einer Familie mit Töch- tern seinen Besuch. Die Schöne, die ihm besonders gefiel, trat eines Tages mit flüchtig geordnetem Haar und einem Kleide in's Zimmer, dessen aufgegangene Nähte sie an einer Stelle mit Stecknadeln zusammengeheftet hatte. Die Folge war. Jener ging nicht wieder hin. Man kann sagen: ein solcher Geselle sei keine Stecknadel werth, aber er war wirklich ein geriebener Bursche und wurde später ein glücklicher Ehemann. Er beurtheilte die Weiber wie die Männer nach Kleinigkeiten, und er hatte Recht, denn aus tausend Kleinigkeiten ist der Mensch zusammengesetzt. Ganz ähnlich verfuhr ein junger, reicher Gutsbesitzer, indem er zu einem Freunde sagte: „Hier, sieh' diesen Besenstiel, ihn bestimme ich, um mir eine Gattin zu wählen." Er hatte eine zahlreiche Gesellschaft eingeladen, worunter sich viele junge Mädchen befanden, die er nach der Tafel im Garten spazieren führte. Auf einem der sorglich geebneten und mit Sand bestreuten Wege lag der Besen, über den Einige stolperten, Andere Hinwegschritten. Endlich kam ein Mädchen, das ihn aufhob und in eine Ecke stellte. Ihre Ordnungsliebe imponirte dem heimlichen Heirathscandidaten, er suchte ihre nähere Bekanntschaft, lernte eine Fülle anziehender Eigenschaften an ihr schätzen und heirathete sie. Er hatte es nie zu bereuen. „Der Beruf als Eisenbahnbeamter scheint in Ihrer Familie erblich zu sein?" wurde ein Bremser gefragt, dessen Vater ebenfalls auf dem Bremsersitz gesessen, worauf dieser mit Stolz erwiderte: „O ja, einer meiner Vorfahren war während des siebenjährigen Krieges schon — Locomotiv- führerl" ♦ » * Fein gegeben. Herr (beim Walzer): „Wie Sie schweben, mein Fräulein I Ich glaube, Sie berühren den Fußboden gar nicht I" — Junge Dame: „Doch — ab und zul Unglücklicherweise rutsche ich dann fast jedesmal unter Ihre Füße!" * ♦ ♦ Sarkastisch. Aelteres Fräulein: ,Ja, ich sag'Ihnen, Herr Lieutenant, um mich haben sich die jungen Männer schon duellirt!" — Lieutenant: „Wie, so reich sind Sie?" * * * Vor Gericht. „Angeklagter, aus welchem Grunde haben Sie eigentlich diese alten Schuhe gestohlen?" — „Sehr einfach, Herr Präsident, weil ich sie für neue hielt." Eine gute Antwort. In einem Gebirgsdorfe. Ein Tourist zu einem Eingeborenen: „Das ist also das Dorf, in dem es so viele Trotteln gibt?" — „Jawohl, mein Herr, aber sie reisen im Sommer hier nur durch." ♦ * ♦ Das schwierige Wort. „Warum haben Sie die Allee mit Apfelbäumen bepflanzt und nicht mit Akazienbäumen, wie ich Ihnen ausdrücklich dictirt habe?" — „Ich war froh, daß ich habe „Aeppel" schreiben können, Herr Landrath!" * * Ach so! A.: „Warum betrachtest Du denn Deinen Hausschlüssel so genau?" — B.: „Morgen — heirathe ich!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.