" ______: . , ■ jum Greßenev Anzeigen (Geneval-Anzeigev) n s 'f ffiasCTSMM .^ML MMMW W^WOß^W ’T’irr.. 'f - Donnerstag, den 28. September. Dunkle Mächte. Novelle von B. Corony. " ” (Nachdruck verboten.) I. -. Nur eine kurze Strecke von der Stadt P. entfernt befand sich das Rittergut Clauswitz, dessen schattiger und wohlgepfleg- ter Garten bis an den Waldessaum reichte. Die seit Jahren verwittwete Besitzerin, Frau v. Waldau, bewohnte es Sommer mld Winter mit ihrer Tochter Rafaele und einer jungen Waise, Namens Magda von Bodenstein. Sie führte ein sehr gast, freie», den besten Kreisen geöffnetes Haus, in welchem man des fernen und doch ungezwungenen Tones wegen, der da herrschte gern verkehrte. y w ' Sin einem herrlichen Juni-Abende hatten sich wieder zahl- reiche Gäste versammelt und unter diesen nahm der noch im besten Mannesalter stehende Arzt Georg Frank das besondere Interesse in Anspruch. Er galt für einen äußerst ehrgeizigen und namentlich auf dem Gebiete der neueren Wissenschaften rastlos vorwärts strebenden Gelehrten. Sein Auge hatte einen gebietenden, zwingenden, aber finstern Blick, wie denn auch sein ganzes Benehmen etwas Schroffes und Herrisches zeigte. Seit es ihm gelungen war, Magda, die verloren schien, dem Tode abzuringen, hing diese mit schwärmerischer Dankbar- ke,t und Verehrung an ihm. Auch Frau v. Waldaus Ver- trauen genoß er in unbeschränktem Maße, nur Rafaele wurde eher abgestoßen als angezogen von seinem Wesen. Gegenwärtig hatte sich eine Streitfrage zwischen ihm und dem Gerichtsrath Wernecke erhoben. Letzterer stand den Wunderwnkungen des Hypnotismus sehr skeptisch gegenüber, während Frank zu den begeisterten Anhängern desselben gehörte. Kernen Widerspruch auf wissenschaftlichem Gebiete dul- dend, erwiderte er denn auch jetzt mit sehr entschiedenem Ton: en Laie, während ich mich auf Erfahrungen berufen kann Alle großen Fortschritte, alle überraschenden Entdeckungen sind nur dadurch zu Stande gekommen, daß Einer ber A^ere den Muth fand, gewissen, noch unerklärlichen Dingen näher zu treten und gegen landläufige Anstchten anzu- rampsen." »Ich gebe gern zu, daß meine Meinung, was mystische Phänomene Betrifft, gar nicht in die Waagschale fällt. Immer- hin werden Sie aber die ausgesprochenen Zweifel nicht ganz unberechtigt nennen dürfen, in Berücksichtigung dessm dasi viele Fälle zur öffentlichen Kenntniß gelangten, in welchen es sich um rasfinirten Betrug, um eine Mystifikation des Publi- kums handelte," beharrte Wernecke. : "Das ist richtig, aber gerade deshalb ist es Sache der • Wissenschaft, vorurtheilslos und objectiv zu prüfen und dem ? Charlatanismus den Boden zu entziehen." j , " Während Frank in eifrigster Weise seine Meinung ver- er doch oft mit raschem, gleichsam verstohlenem Blick zwei zunge Damen, die unter einem blühenden Akazien- fa^en- Die schwankenden Zweige beschatteten auch wirklich ent ungemein fesselndes Bild, welches sich von dem goldiggrünen Hintergrund in anmuthigster Weise abhob. Die Mädchen Boten einen ebenso auffallenden als lieblichen Coutrast dar. Rafaele, groß, imposant, rothblond und blendend weiß, konnte Magda an Schönheit weit überlegen genannt werden, und dennoch dienten sich diese beiden jugendlichen Gestalten gleichsam gegenseitig als Folie. Bewunderte man die junonische Erscheinung und die klassisch geformten Züge der Einen, so fand man das sylphenhafte Figürchen und die nachtschwarzen, aus- drucksvollen Augen der Andern nur um so entzückender. So verschiedenartig nicht nur ihr Aeußeres, sondern ihr ganzer Wesen war, vermochte man sich doch die Mädchen kaum mehr getrennt zu denken, wenn man sie erst einmal vereint gesehen Sie gehörten zusammen und hegten auch wirklich schwesterliche Zärtlichkeit für einander. „Sollte er denn nicht möglich sein, Jemand von den An- wesenden m magnetischen Schlaf zu versetzen?" fragte ein Gast, der dem lebhaft geführten Gespräch besondere Aufmerksamkeit widmete. r . bi« gern bereit, den gewünschten Versuch zu machen," lautete Franks rasche Erwiderung. OÄA Diese Erklärung wurde sehr beifällig ausgenommen. Lächelnd und flüsternd umringten die jungen Damen den Arzt, furchtsam, erregt und neugierig wartend, auf wen seine Wahl fallen werde. Er entschied sich für Magda. In ihre träumerischen Augen trat ein seltsam weicher Glanz, die rothen Lippen öffneten sich zu einem reizenden Lächeln und die zierliche Gestalt sank graziös in den herbei gerückten Armfluhl. „Denken Sie daran, daß Sie einschlafen sollen," sagte Frank und nach einigen Minuten, während welcher ihr Blick wie gebannt in den seinen tauchte, fuhr er fort, immer lang- samer, aber mit dem Ton der Ueberzeugung sprechend: „Jetzt fangen Ihre Augen an, allmälig müder zu werden — die Lider zucken und werden schwer — sie senken sich — ein Gefühl der Mattigkeit beginnt zu entstehen — Ihre Gedanken verwirren sich--Sie können nicht länger widerstreben. — Schlafen Sie!" Gleichsam zögernd hatten sich die dunklen Wimpern geschlossen, M --L „Schlafen Sie?" fragte Frank. „Ja." Klang es traumhaft leise zurück. „Leeren Sie diesen Champagnerkelch I" Sie führte das vorgetäuschte Glas an die Lippen, zwischen Hand und Mund einen Raum lassend, als ob sie in der That ein Glas hielte. „Sie werden jetzt die Augen aufmachen, eine weiße Rose pflücken und in dem Haar des Fräulein von Waldau befestigen, doch erst erwachen, wenn ich es Ihnen befehle und dann Alles, was Sie während Ihres Schlafes thaten, vergessen haben." Magda öffnete die Lider, stand auf und schritt zu dem Rosenbäumchen. Ihre Bewegungen hatten etwas Automatenhastes. Sie brach eine der köstlich duftenden, schneeigen Blüthen und schmückte damit die goldige Pracht, die sich schimmernd um die weiße Stirne der Freundin kräuselte. Man folgte mit so gespannter Aufmerksamkeit dem Vorgang, daß Niemand den heißen, leidenschaftlichen Blick bemerkte, den Frank auf die schöne Blondine heftete. Der Befehl: „Erwachen Sie!" löste endlich den Bann. Die Hypnotifirte erinnerte sich nur des Einschlafens; was während dieses Schlafes geschehen war, davon wußte sie nichts. „Sie scheint außerordentlich prädisponirt zu sein," flüsterte stud. med. Werner seinem Nachbar Erich v. Degenfeld zu. „Man möchte meinen, sie wäre nicht zum ersten Mal in Hypnose versetzt." Noch einige Zeit hindurch standen die Anwesenden unter jenem Zauber, den alles Uebersinnlichscheinende ausübt, wenn man auch weiß, daß es auf natürliche Ursachen zurückgesührt werden muß. Ein stolzes und etwas geringschätzendes Lächeln gab dem strengen Antlitz des Arztes keinen freundlicheren Ausdruck, als er sich mit der Frage: „Nun, halten Sie Fräulein von Bodenstein etwa für eine Simulantin?" an den Gerichtsrath Wernecke wandte. „Davon kann natürlich keine Rede fein," erwiderte dieser. „Ich sprach überhaupt nur im Allgemeinen und dann in meiner Eigenschaft als Gerichtsbeamter. Von der Behauptung, daß schon vielfache Täuschungen versucht wurden, kann ich nicht abgehen. Freilich mag auch bei manchen Personen sogar die Möglichkeit krimineller Suggestionen nicht ausgeschlossen sein, aber ich glaube, daß derartige Fälle nur höchst selten vorkommen werden, weil der Hypnotiseur, wenn seine verbrecherische oder leichtsinnige Handlungsweise entdeckt würde, in argen Con- flict mit dem Strafgesetzbuch gerathen müßte." Er zog die Uhr hervor und bemerkend, daß es bereits sehr spät geworden, verabschiedete er sich. Das war das Signal zu einem allgemeinen Aufbruch. Als der letzte der Gäste den Wagen bestiegen hatte, wurde es ruhig und dunkel in ClauSwitz. Ein Licht nach dem andern erlosch, nur in dem Schlafzimmer der beiden Mädchen blieb es noch hell. Seit Jahren schon betrachtete es Magda als ihr Recht, das Haar der Freundin zu lösen und in zwei dicke Zöpfe zu flechten. Wenn sie mit dem Elfenbeinkamm durch die leicht- gekräuselten Wellen fuhr, entstand jedesmal ein goldiges Geflimmer, wie wenn Schwäne über die sonnenglänzende Fluth ziehend, schimmernde Furchen hinterlassen. „Du bist ja so still," begann Fräulein v. Waldau endlich. „Wahrscheinlich fühlst Du Dich ermüdet?" Ein leises, melodisches Lachen widerlegte diese Vermuthung. „Müde? — O nein! Ich weiß nicht, ob der Schlummer mir überhaupt in dieser Nacht nahen wird," erwiderte Magda. „Weißt Du, es war köstlich, wie Frank den Zweifler mit den Waffen der Wissenschaft bekämpfte und ich freue mich, ja, ich bin stolz darauf, daß ich, wenn auch unbewußt, ihm zu diesem geistigen Siege verhalf." Das feine blasse Gesicht erglühte im schönsten Rosenroth und aus den dunklen Augen sprühte leidenschaftliches, aber dennoch sanft verschleiertes Feuer. Rafaele bemerkte jedoch mit dem Tone nicht zu verkennenden Unmuths: „Ich begreife Deine uud der Mutter fast blinde Vorliebe für diesen Mann nicht." „Und ich finde Deine Abneigung unerklärlich." „Niemand ist Herr seiner Empfindungen. Man kann sie wohl, wenn es sein muß, verbergen, aber nicht besiegen. Ost fühlt man sich zu dem Einen unwiderstehlich hingezogen und von dem Andern abgestoßen, ohne daß man in beiden Fällen zu erklären vermöchte, warum." „Aber einer durchaus grundlosen Abneigung, deren Ungerechtigkeit zweifellos ist, sollte man nicht nachgeben." Die Blondine zuckte die vollen, weißen Schultern, von welchen der mit kostbaren Stickereien fast überladene Frisir- mantel glitt. „Ich habe nie die Nothwendigkeit eingesehen, Krieg mit meinen Ansichten zu führen. Wer sich durch mein Betragen verletzt fühlt, mag mich eines Besseren überzeugen oder mir fern bleiben," sagte sie. „Und was ist es denn eigentlich, was Dich so unwiderstehlich fesselt?" Ein träumerisches Lächeln spielte um die Lippen des Mädchens. „Ich muß es wohl Dankbarkeit nennen," erwiderte sie. „Vergißt Du denn, daß ich am Rande des Grabes stand? Ich glaubte sterben zu müssen und fürchtete mich so sehr vor dem Tode. Duft, Wärme, Sonnengold strömten in mein Stübchen. Akazien und Rosen blühten, summende Bienen, schillernde Schmetterlinge schwebten an dem Fenster vorüber, hinter welchem ich matt und erschöpft lag. Das Herz der Natur pulsirte in kräftigen Schlägen und das meine drohte stille zu stehen. Da haderte ich mit Gott. — Ich wollte nicht fort von der schönen, wunderbaren Welt, nicht hinab in die kalte, finstere Gruft. Es waren keine frommen, demüthigen Gebete, die ich empor sandte. Ich konnte mich dem Willen der Vorsehung nicht unterwerfen und flehte nur immer mit verzweiflungsvoller Angst: „Lasse mich leben, was auch mein Schicksal auf Erden sein mag! Ich will nicht in der Erde ruhen, während Veilchen auf meinem Hügel blühen und Vögel ihre Jubellieder voll Liebessehnsucht singen. Ich will leben — leben! Und wäre es auch zu meinem Unheil! Erbarme Dich, sende mir einen Retter! Meine Seele vermag sich nicht loszuringen, sie hat noch zu wenig von der irdischen Wonne genossen, um schon nach der ewigen zu verlangen!" — Endlich kam der ersehnte, erflehte — der verzweiflungsvoll gerufene Helfer. Mein stürmisches Verlangen fand Erhörung. Ich fühlte, wie die eisige Hand des Todes von mir abließ. Da floß meine ganze Seele in Dankbarkeit und Bewunderung über. Wenn Frank in's Zimmer trat, hätte ich ihm entgegen jubeln mögen: „Willkommen, mein Freund, mein Erlöser, mein Befreier aus tiefster Roth!" „Du bist eine Schwärmerin! So überschwänglichen Dank verdient er gar nicht. Nicht allein seine Pflicht, sondern auch sein Ehrgeiz geboten ihm, Dich zu retten," erwiderte Fräulein v. Waldau halb mitleidig, halb belustigt, „aber nun offenbart sich mir erst das Geheimniß Deines Herzens. Wo die Liebe spricht, da wird keine Warnung gehört und doch möchte ich Dir zurufen: Nimm Dich in Acht! In seinem Gesicht ist ein Zug, der ein wenig an Mephisto erinnert." Magda machte eine Bewegung, wie Jemand, der plötzlich aus einem Traume erwacht. „Ich verstehe Dich nicht!" rief sie. „Liebe? — Nein, nein! — Wie soll ich Dir aber schildern, was ich für ihn empfinde? Vermag ich doch selbst das Räthsel nicht zu lösen. — Oft glaube ich sogar ihn zu Haffen, denn es ist, als nähme er meine ganze Seele, meinen Willen, meine Gedanken gefangen, als handle ich überhaupt nicht mehr aus eigenem Antriebe- Dann lehne ich mich auf, will mich gewaltsam seinem Einfluß entziehen — den er doch nur zu meinem Besten ausübt — widerspreche ihm, weigere mich zu thun, was er mir räth und stehe ihm so trotzig wie ein unvernünftiges Kind gegenüber. Dann möchte ich ihm zurufen: Gieb mich mir selbst zurück! Ich will nicht länger unter Deiner Herrschaft stehen! — Doch gar bald vollzieht sich eine wundersame Veränderung. — Wie die Sonne allmälig durch Wolken bricht, so wird es wieder klar und licht in meinem Innern, alle thörichten Einbildungen I schwinden und das unbeschränkte Vertrauen kehrt zurück. — Es liegt ein Widerspruch darinnen — ein Widerspruch, der de» - 455 seltsamsten, süßesten Reizes nicht entbehrt - an dem ich aber doch noch zu Grunde gehen werde." Gleichsam schützend legte Rafaele den Arm um die Freundin. „Du erschreckst mich l Wie ist es möglich, sich so vollständig beherrschen zu lasten? ' sagte sie. r ,rn ''Wer weiß? - Vielleicht erfährst Du es dereinst an Dir selbst," flüsterte Magda. „O nein! Nun und nimmermehr!" rief die schöne Blondine, den Kopf stolz zurückwerfend. „Ehe ich einem Manne gestatte, solche Gewalt über mich zu erringen, eher fliehe ich bis an's Ende der Welt vor ihm. Schon der Gedanke an diese sclavische Unterwürfigkeit empört mich und macht mein Blut heiß aufwallen. Alles, was ich besitze, ja, mein Leben könnte ich vielleicht hinopfern, aber um meinen freien Willen würde ich kämpfen bis zum letzten Athemzug. Den soll und wird mir Niemand rauben! — Nein, dieser Zauber, den Frank auf Dich, die Mutter und Andere ausübt, wird mir stets unbegreiflich sein. Ich leugne die fascinirende Kraft, die Ihr seinem Blick zuschreibt." „Sie besteht aber! Und doch sind sie nicht einmal schön, seine grauen, tiefliegenden Augen, denen die Macht, zu binden und zu lösen, verliehen ist. - Jndeß begreife ich, daß Du vor ih u zurückbebst. Du findest nur nicht den rechten Ausdruck für Das, was Du empfindest. Ich will versuchen, es Dir zu erklären. Seine Ueberlegenheit, die man anerkennen muß, mag man sich auch noch so sehr dagegen sträuben, das Bewußtsein, daß er weit über anderen Männern steht, sein imponirender Blick, der jedes Geheimniß, jeden Gedanken zu erforschen scheint — das ist es, was einschüchtert, was befangen macht und oft einen gewissen Widerstand hervorrust. Man bemüht sich, den Zauberkreis, in dem man gefangen ist, gewaltsam zu durchbrechen — aber vergebens — und dieses Gefühl der Ohnmacht wirkt beklemmend, ja, es stachelt den Stolz auf. Wir beklagen, daß unsere Geistesschwingen zu schwach sind, um uns zu gleicher Höhe empor zu tragen." „Nein, Du hast meinen Worten eine völlig unzutreffende Auslegung gegeben," fiel Rafaele lebhaft ein. „Ich sehe ihn mit ganz andern Augen an, als Du, und gestehe, daß ich keineswegs Empfindungen hege, wie die eben von Dir geschilderten- Es ist etwas in seinem Wesen, was mir mißfällt und mich vor ihm warnt. Ich sagte es Dir bereits, als er mir zum ersten Male entgegen trat, und so wie damals denke ich auch heute noch. Vielleicht nennt man ihn einst unter den Berühmtheiten — schon jetzt genießt er ja die ehrenvollste Anerkennung, — aber wenn sich auch alle Welt bewundernd vor ihm beugt, die Abneigung, welche er mir einflößt, wird niemals schwinden. Der Vogel flattert ängstlich, wenn ein Gewitter im Anzug ist, jedes Thier kennt und flieht seinen Feind und auch in die menschliche Brust hat Gott ein Vorgefühl nahenden Unheils gelegt, ein ahnungsvolles Grauen, das deutlich sagt: Sei auf Deiner Hut! Dir droht Gefahr! — Diese innere Stimme meine ich stets zu vernehmen, wenn Frank in meine Nähe kommt." Magda bückte sich nach der zu Boden gefallenen weißen Rose, stellte sie in eine mit Wasser gefüllte Vase und zog die von den Fenstern herabwallenden Vorhänge fester zu. Das Alles that sie, um zu verbergen, daß Thränen an ihren Wim» pern glänzten. Es war ihr unbeschreiblich peinlich, in solcher Weise von dem hochverehrten Mann sprechen zu hören. Ohne wie sonst über Scherze und anmuthige Neckereien die späte Stunde zu vergessen, gingen die Mädchen zur Ruhe. Unterdessen war Frank in P. angekommen und hatte zu Hause die Mutter noch seiner harrend gefunden, um ihm die angekommenen Briefe zu übergeben und einige Bestellungen ouszurichten. Während er erstere erbrach und durchsah, lehnte sie sich in den Stuhl zurück und heftete den durchdringenden Blick ihrer lebhaften, braunen Augen forschend auf ihn. Trotz ihrer Jahre war sie eine äußerst rüstige, thatkräftige Frau. Aus sehr guter, aber verarmter Familie stammend, hatte sie einem Beamten die Hand gereicht und gemeint, er würde Carriere machen. Nachdem diese Erwartung jedoch unerfüllt geblieben, hoffte sie durch Georg ihre ehrgeizigen Träume der- i einst verwirklicht zu sehen. Früh verwittwet, war sie gezwungen gewesen, zu sparen, zu arbeiten und die größten Entbehrungen zu tragen, um ihm das kostspielige Studium zu ermöglichen. Jetzt war ja viel erreicht. Ec nahm eine geachtete und infolge seiner Landpraxis auch auskömmliche Stellung ein, befand sich aber dennoch, sowohl ihrer, als seiner eigenen Meinung nach, erst auf der untersten Stufe der Leiter, die er erklimmen wollte. Sie liebte den Sohn leidenschaftlich, schon deshalb, weil sein Character, wenigstens in den Grundzügen, dem ihren glich; was er wünschte und erstrebte, fand ein Echo in ihrer Brust und trotzdem meinte sie, sein Vertrauen nicht ausreichend, nicht unumschränkt zu besitzen Es gab Dinge, über die er sich niemals offen aussprach. Jedesmal, wenn er von Claus- witz zurückkam, sah sie ihn erwartungsvoll an, aber nicht wie Jemand, der einer freudigen Mittheilung harrt. Sie fürchtete eher eine unangenehme, ihre Pläne durchkreuzende. (Fortsetzung folgt ) Eine Aosse aus dem Leöen. Wenn im Theater ein auf Amors geheimen Pfaden wandelnder Held, wie z. B. der Monsieur Hannibal, um ernstlich drohenden Gefahren zu entgehen, in einen Kasten sich ver- kriecht oder sich in einem Sauerkrautfaß in die Küche seiner Frau Liebsten transportiren läßt, so traut man dergleichen possenüblichen Spässen nicht recht, man meint, dergleichen komme in der Wirklichkeit nicht vor. Aber man lese nur folgende humoristische Begebenheit, die vor allen ähnlichen Anecdoten den Vorzug hat, nicht erfunden, sondern aus dem umfangreichen Material einer gerichtlichen Anklageschrift geschöpft zu sein, und man wird Ben Akibas bekannten Ausspruch wieder ein- mal bestätigt finden. Herr Laurenz Vibiral, Privatbeamter in Wien, lebte mit seiner hübschen kleinen Frau in glücklichster Ehe. Der einzige Schatten, welcher über der sonnigen Häuslichkeit schwebte, waren die häufigen Besuche einer alten Erbtante, der Frau Sophie Meidinger, die mit der Tante Fränzchen aus der ,Heimath" sehr viel Aehnlichkeiten hatte, wenigstens titulirte sie Herr Vibiral nicht anders, wie „die alte Zange" oder den „eng- tischen Senf". Machte nun Tante Sophie ihre Visite, so er- griff der junge Gatte schleunigst die Flucht und die junge Frau mußte der Tante Kopfschmerzen oder dringende Beschäftigung ihres Mannes vorlügen. Wie nun alte Tanten einmal sind, merkte Frau Sophie recht bald, wo der Hase im Pfeffer lag und beschloß, der Sache auf den Grund zu gehen. So erschien sie denn vor einigen Tagen in aller Frühe bei dem Ehepaar. Herr Vibiral war noch bei der Toilette, als er den ihm be- kannten schrillen Ton der Klingel vernahm, an dem er die Tante sofort erkannte. Unglücklicher Weise führte man den Besuch in's Frühstückszimmer, wo bereits der Tisch gedeckt stand. Herr Vibiral hoffte, Tante Sophie würde sich bald entfernen und harrte mit Geduld hinter der Thür. Als sie aber immer länger blieb und Herr Vibiral immer größeren Appetit verspürte, beschloß er, sich mit List in den Besitz seines Frühstückes zu setzen. Er wollte sich an das Dienstmädchen wenden — aber nein, seine Frau war ja eifersüchtig auf die hübsche Louise. Doch der Magen knurrte und knurrte lauter als die zarte Stimme des Gewissens. Er schlich sich also über den Corribor in die Küche und flüsterte Louise zu: „Rufen Sie gleich meine Frau unter einem Vorwande heraus, sagen Sie meinetwegen, das Gansel da ist gerupft und was nun damit geschehen soll, oder so was Dergleichen." Das Mädchen folgte dem Befehl und alsbald hörte Herr Vibiral, wie die beiden Frauen auf den Corridor traten, die Tante aber, anstatt Abschied zu nehmen, mit neugieriger Theilnahme sagte: „Also ein Gansel habt'« Ihr heut'? Das muß ich mir anschau'n, ob's etwa» auch so Heber is, wie dar meinige von voriger Woche." = 466 „Herr des Himmels," überlegte Herr Vibiral blitzschnell, I „bringt der Satan die Alte daher. Was mach' ich denn? I Wenn sie mich da trifft, so schwört sie ja d'rauf, daß ich Mit I dem Dienstmäd'l ein Techtl-Mechtl hab'. Da gibt'« nix, als sich versteck'». Es iS zu dumm . . . Himmelssäpperment —" Bebend vor Zorn schlüpfte Herr Vibiral in den offenen Kleiderkasten des Dienstmädchens. Es war die höchste Zeit, denn im nächsten Augenblicke traten die beiden Frauen ein, hinter ihnen Louise, die sich ebenso verlegen wie ihre Herrin umsah, wo denn der gnädige Herr hingekommen. Die Tante hingegen griff ahnungslos nach dem gerupften Gansel und prüfte es mit Kennermiene. „Ein schönes Gansel," sagte sie, „wurzelfett, aber was hat's denn da am Krag'n? Jeffas, das Gansel hat ja ein Kropf ... Da schau' her, Clara . . . Das iS aber ein Natur« spiel! Mein Leb'n hab' i kein kropfet's Gansel nit g'seg'n. Ob das Vieh auch g'sund war? . . . Wart', ich werd' Dir beim Ausnehmen helfen, da werd'n wir ja gleich draufkommen, ob Alles in Ordnung is. Geh', gieb mir eine Schürzen." Herr Vibiral im Kasten stand auf Kohlen. „Aber nein, liebe Tante," wendete Frau Vibiral, immer noch mit den Blicken ihren Mann suchend, ein, „halt' Dich nit auf und mach' Dich nit schmutzig, das Gansel iS ganz g'sund g'wesen . . . Das biffel Kropf macht nix . . . Hat auch noch Zeit mit dem Ausnehmen . . ." „Tfchapperl," entgegnete die Tante liebenswürdig, „fei froh, wenn ich Dir die grausliche Arbeit abnimm, ich hab' eh heul' nix zu thun zu Haus." Und damit legte sie ihre Mantille ab und begann, sich ganz ernstlich mit dem unglückseligen Gansel zu beschäftigen. Herr Vibiral im Kasten knirschte mit den Zähnen. Wäh» rend er grimmig über die abenteuerlichsten Pläne zu seiner Befreiung nachsan«, kam Louise an dem Kasten vorüber und schnell machte er ihr zwischen den Kleidungsstücken hindurch ein Zeichen mit der Hand, um ihre Aufmerksamkeit auf seine verzweifelte Lage zu lenken. Allein das alberne Ding erschrak darüber dermaßen, daß es einen Schreckensruf ausstieß und starr vor dem Kasten stehen blieb. Im Nu war auch die Tante vom Gansel weg und forschte mit Adlerblicken unter der Dienstboten» Garderobe umher, so daß Herrn Vibiral nichts übrig blieb, als sein Versteck zu verlassen. Er glaubte in die Erde sinken zu müssen, als er sich solchermaßen seiner Erb» feindin ausgeliefert sah. Die Scene, die nun folgte, gab den eigentlichen Anlaß zu der Gerichtsverhandlung; denn die Tante ließ ihrer Entrüstung über den vermeintlichen Ehebrecher dermaßen freien Lauf, daß Herr Vibiral trotz der inständigen Bitten seiner Frau eine Klage wegen dreizehn verschiedener schwerer Beschimpfungen und Schmähungen einbrachte, schon um sich in der Nachbarschaft zu rehabilitiren, die durch den lärmenden Vorgang so peinlich alarmirt worden war. Dessen ungeachtet sprach sich der Richter für einen Ausgleich aus und legte der beklagten Frau Sophie Meidinger nahe, den Vorfall, nachdem sich das Mißverständniß nun aufgeklärt habe, zu bedauern. „Hm," meinte achselzuckend diese riegelsame Dame, „wer weiß, ob's so ist, wie meine Nichte, die gute Patsch, sagt. Zu« trau'« thät ich dem Herrn da Alles." „Eine neue Beleidigung!" brauste Herr Vibiral auf. „Jetzt nehm' ich gar keine Abbitte mehr an. Ich laß," fügte er majestätisch hinzu, „dem Gesetze seinen Lauf." „Aber Mannerl," bat die Frau, „schau', die Tant' hat's ja gut gemeint mit mir; 's Gansel hat's mir wollen aus« nehmen. . ." „Ja, aber mich hat's ausgenommen aus dem Kasten und . . ." Alle Und nützten ihm doch nichts, er mußte auf den Aus« gleich etngehen. Und so bleibt Alles beim Alten — nur die arme Louise, darauf wäre Hundert gegen Eins zu wetten, die Louise wird am längsten im Hause Vibiral gedient haben. Das ist so die häusliche Gerechtigkeit! Gemeinnütziges. Kürbis als Gemüse. Der fast ausgewachsene, aber noch nicht ganz reife Kürbis wird seiner Länge nach in sechs bis acht Theile geschnitten, geschält, von seinem Samengehäuse gereinigt, mit dem Gurkenhobel oder dergleichen weiter zerkleinert und dann gesalzen. Nach V2—9/i Stunden läßt man den Kürbis, den man gut ausdrückt, in Fett, in welchem etwas feingehackte Zwiebel leicht gelb geschwitzt wurde, etwas dunsten, stäubt ihn mit feinem Weizenmehle ein und gießt ein wenig saueren Rahm dazu. Will man ihn sauerer haben, so nimmt man etwas Essig, wodurch überhaupt der Geschmack erhöht wird. So zubereitet, ist der Kürbis eines der feinsten und gesundesten Gemüse. * * * Sauer gewordene Fruchtsäfte wieder herzustellen. Wenn eingemachte Früchte und Fruchtsäfte in sauere Gährung gerathen, so kann man sie wieder gut machen, wenn man die Säfte abschüttet und wieder auskocht. Fügt man noch etwas Zucker oder 1 bis 5 Messerspitzen voll doppeltkohlensaures Natron hinzu, so halten sich die Früchte noch besser. * * * Das Schimmeln eingemachter Früchte verhütet man dadurch, daß man nach dem Einkochen derselben unter Luftabschluß die obere Schicht mit einem in starken Rum oder Cognac getränkten Papier bedeckt und das Gefäß wieder sorgfältig verschließt. * » * Birnen-Pasten als Confeet. Geschälte, entkernte, zerschnittene Birnen werden im Wasser weich gekocht und durch ein Haarsieb getrieben. Das dem Maike gleiche Gewichtsquantum Zucker wird mit Fruchtwasser zur Syrupdicke eingekocht, das Mark, das übrige Fruchtwasser und die zerschnittene Schale einer Citrone dazu gegeben und dann zu steifer Beschaffenheit gekocht, wobei man stetig umrührt. Man legt diese Masse auf Porzellanplatten, nimmt sie nach einigen Tagen auf ein mit fein gestoßenem Candis bestreutes Backbrett, schneidet sie in schwache Scheiben, woraus man Figuren aussticht. Diese bestreut man mit Zucker, legt sie in Siebe und trocknet sie im schwach geheizten Bratofen. ♦ ♦ ♦ Birnen in Zucker. Man schäle reife Birnen, schneide den halben Stiel ab, entferne die Schale von der zurückbleibenden Stielhälfte, lege die geschälten Birnen, um ihnen ihre weiße Farbe zu erhalten, in kalte» Wasser und tauche da« ganze Quantum in einem Siebe einige Minuten in kochendes Wasser ein. Darauf kühlt man sie in kaltem Wasser ab, schichtet sie trocken in Einmachgläser und übergießt sie mit geklärter Zuckerlösung (t Kilo auf V2 Liter.) Die Büchsen oder Gläser, luftdicht verschlossen, werden dann im Wafferbade 30 Minuten gekocht. ______________ Vermischtes. In der Bildergalerie. Meister (im Catalog lesend): „Bild von einem unbekannten Meister." — Lehrjunge: „Woher wissens denn dann, daß 's a Meister war?" ♦ * Ungenirt. A.: „Wir sind erst drei Tage bekannt und Sie pumpen mich schon an?!" — B.: „Ja, wissen Sie, ich gebe gar nichts auf Etiquette!" ♦ * Süße Erinnerungen. A.: „Wie, Du kennst mich nicht mehr? Ich bin ja der Meier, der Dir in der deutschen Schule immer die Griffel stahl!" — B.: „Ja, jetzt erinnere ich mich! Ich hab' Dich einmal dafür so geprügelt, daß Du acht Tage lang im Bett liegen mußtest." — A.: „Ja, ja, das waren noch schöne Zeiten!" Redaction: I. V.: Hermann Elle. — Drück und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.