Nntevhattrrirgsblatt zrnn Gietzensv Anzeiaev (Geneval-Anzeigev) Nr. 37 1883 -5x5—-M« M fei Dienstag, den 28. März. Tante Hannas Geheimniß. Original-Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung). So löste Marbach denn zwei Fahrkarten zweiter Klasse und sorgte für den schönen Steindorf, der in der That ganz gebrochen und vernichtet zu sein schien. Er hatte sich in die entgegengesetzte Ecke des Coupees gedrückt, um nicht gezwungen zu sein, dem Verhaßten in das schöne, falsche Antlitz zu sehen oder gar mit ihm sprechen zu müssen. Doch schien diesem an einer Unterhaltung auch durchaus nichts gelegen zu sein. Steindorf blickte beharrlich aus dem anderen Fenster, fein Gesicht war blaß, es erschien im Profil, wie Marbach bei einem flüchtigen Hinblick bemerken wollte, sogar stark gealtert. Der blonde Bart, welcher Mund und Kinn bedeckte, schien in einer fortwährend nervös zuckenden Bewegung zu sein. — Vielleicht kämpfte der Mann mit auf- steigenden Thränen, mit dem Schmerz um sein so grausam hingemordetes Kind. Eine mildere Regung schlich sich bei diesen Gedanken in Marbachs Brust, er fühlte sich sogar versucht, einige Worte des Trostes an ihn zu richten. Da richtete sich jener plötzlich mit einem jähen Ruck empor und blickte seinen Gegner feindselig an. Sie hatten das Coupee jetzt ganz allein inne, da die wenigen Mitreisenden bei der vorigen Station ausgestiegen waren. „Mein Kind ist doch noch nicht beerdigt?" fragte Steindorf kurz und schroff. „Rein," versetzte Marbach in demselben Tone, „ich sagte Ihnen ja, daß sich das Unglück erst gestern ereignet habe." „Sie haben guten Grund, dieses Unglück zu preisen, mein Herr!" Marbach blickte seinen Gegner fest an. „Wollen Sie die Güte haben, sich deutlicher auszudrücken?" sagte er ruhig. „Nun, ich sah Sie zufällig das Haus eine» Rechtsanwalts betreten, der für mich einen Prozeß führen sollte Er wird Sie jedenfalls davon unterrichtet haben." „Und wenn es wirklich so wäre, was weiter, mein Herr?" „Nichts weiter, als daß der Tod meines Töchterchen» Ihnen sehr zu Gute kommt." Marbach zwang sich zur Ruhe, unterdrückte die heftige Antwort und wandte sich mit einem verächtlichen Achselzucken dem Fenster zu. Steindorf ballte die Hände und machte eine Bewegung, als ob er sich auf ihn stürzen wolle. „Es wird mir vielleicht nicht wieder die Gelegenheit geboten, mit Ihnen ohne Zeugen zu reden," fuhr er dann mit heiserer Stimme fort, „wissen Sie, daß es sehr unvorsichtig von Ihnen war, mit Ihrem Todfeind ein solches Coupee zu theilen?" Marbach wandte sich langsam um und maß ihn mit einem ruhigen Blick. „Haben Sie vielleicht die Absicht, mich zu morden?" fragte er spöttisch lächelnd. „Ich wüßte sonst nicht, welchen Sinn ich Ihren Worten beilegen könnte." Steindorfs Gesicht war fahl geworden' „Hüten Sie sich vor mir," zischte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, „mein Kind ist leider tobt, aber noch lebe ich, den Sie beraubt und —" „Halt!" donnerte Marbach, sich hoch aufrichtend. „Kein Wort weiter, ich würde jede Beleidigung mit der Waffe in der Hand rächen. Halten Sie sich in Ihren Besitzrechten gekränkt, dann will ich Ihnen vor Gericht Rede stehen. Mein Großoheim hat Ihr vätertiches Gut rechtmäßig erworben und durch sein Geld und seinen Fleiß wieder hochgebracht. Von ihm habe ich es geerbt, wo bleibt Ihr vermeintliche» Recht?" „Natürlich," lachte Steindorf hohnvoll auf, „Sie haben das herrliche Besttzthum leicht erworben. Ihr Großoheim soll meine Familie gehaßt haben und nahm deshalb mein Erbe für einen Bettelbrocken an sich. — Aber Raub bleibt es dennoch, mein weither Herr, und ich habe mindestens bei meiner Heimkehr die Genugthuung gehabt, daß die redlich denkenden Freunde ebenso darüber urtheilen. Fragen Sie Ihre Nachbarin, die Besitzerin von Edenheim, ob sie anders denkt. Nun," fetzte er, Marbachs Erblassen mit stillem Triumph bemerkend, seufzend hinzu, „mir kann es jetzt gleichgiltig sein, weil ich doch einzig nur das Recht meiner armen kleinen Lotta vertreten wollte und konnte. Verzeihen Sie meine Heftigkeit, der grausame Schlag hat mich so verstört, daß ich in der That mich nicht ganz zurechnungsfähig fühle." Er lehnte sich bei diesen letzten, mit sinkender Stimme gesprochenen Worten wie erschöpft zurück und schloß die Augen, während Marbach ihn erstaunt betrachtete und sich dann finster lächelnd wieder dem Fenster zuwandte. E» war in ter That das letzte Alleinsein gewesen, da bei der nächsten Station wieder neue Passagiere einstiegen. Als sie ihr Reiseziel erreicht hatten, trennten sie sich mit kurzem schweigendem Gruß. e Steindorf war nach Edenheim gefahren und von Armgard mit schmerzlicher Ueberraschuug begrüßt worden. Nach- dem er ihr in leisen, abgebrochenen Worten mitgetheilt, wie und wo er die schreckliche Nachricht empfangen, bat er, ihn zu seinem Kinde zu führen, was Armgard selber übernahm. Außer sich vor Schmerz beim Anblick der kleinen Leiche, stürzte der Bedauernswerthe an dem Lager derselben nieder unv brückte sein von Thränen überströmtes Gesicht auf die er» starrten Händchen. Er sprach kein Wort, aber seine tiefe Verzweiflung drückte sich nur zu deutlich in der convulstvischen Erschütterung aus, welche die kräftige Gestalt durchzuckte. Armgard empfand bei diesem jammervollen Anblick die innigste Theilnahme, welche sich in einem Thränenstrom kund gab. Wie hatte sie sich vor diesem Augenblick gefürchtet, wie gebangt vor den Augen des unglücklichen Vaters, der sein Kind vertrauensvoll ihrem Schutze übergeben hatte. Und sie war doch ganz schuldlos an dem grausigen Ereigniß! Als sie sich leise entfernen wollte, erhob sich Steindorf, sie mit einem flehenden Blick zurückhaltend. „Armgard!" sprach er leise. „Darf ich hier an dieser für mich so heiligen Stelle, angesichts meines todten Kindes, eine Bitte an Sie richten?" Er streckte ihr die Hand entgegen, in welche sie, erbleichend näher tretend, zögernd und zsiternd die ihrige legte. „Fürchten Sie nichtr Ungehöriges," fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, „dieser letzte Schlag hat mich beinahe tödt- lich getroffen. Nur Ihre Verzeihung erflehe ich, Vergebung für den Schmerz jener Stunden, in denen ich einst das edelste Herz zertrat." „Ich vergab Ihnen längst," entgegnete Armgard mühsam. „Tausend Dank für dieses Wort, das mir Trost in meinem Leid gewährt. O, Armgard, Sie sind gerächt worden, hundertfältig gerächt, heute aber hat dieses letzte Kind meine Schuld gesühnt." Er drückte einen Kuß auf ihre Hand und verhüllte dann wieder die Leiche mit zärtlicher Sorgfalt. Schweigend, im tiefsten Herzen erschüttert, begab sich die junge Gutsherrin mit ihrem Gast in's Wohnzimmer, wo er sich mit einer stummen Verbeugung von ihr verabschieden wollte. „Nein, so dürfen Sie nicht von mir gehen, Herr Steindorf!" sprach sie hastig. „Auch ich habe Ihre Vergebung nöthn, weil Sie Ihr Kind in meine Obhut gegeben —" „O, reden Sie nicht weiter, Fräulein Armgard," unterbrach er sie bittend, „halten Sie mich für so ungerecht, Ihnen auch nur die leiseste Schuld eines Unglücks auszubürden, das außer jeder menschlichen Berechnung lag? Ich begreife überhaupt nicht, wie man zu der ungeheuerlichen Annahme eines Verbrechens gekommen ist." Er hatte sich bei diesen Worten auf eine einladende Handbewegung Armgards hin in einen Seffel niedergelaffen. , Ich dächte doch, daß diese Annahme sehr gerechtfertigt wäre," erwiderte sie, „denn welcher Mann könnte so gewtssen- los sein, ohne irgend welche Veranlaffung mehrere Schüffe nacheinander abzugeben, nachdem er durch Aufschrei sich vergegenwärtigt hatte, daß er Menschen getroffen? Ich bin überzeugt, daß der Unselige viermal geschoffen hat, da drei Kugeln tödtlich getroffen, die eine aber und zwar die erste, welche mir oder Herrn Marbach gegolten, an uns vorbeipfiff. Weshalb gab der Schütze die tödlichen Kugeln auf den Wagen ab, wo Marbachs amerikanischer Freund sich mit Ihrer kleinen Lotta unterhielt?" „O nein, nein," rief Steindorf mit entsetztem Blick, „er wird sich das schuldlose Kind unmöglich zur Zielscheibe genommen haben." „Das glaubt man auch nicht, weil die Kleine von der großen, breitschulterigen Figur des Amerikaners ganz verdeckt war und sich erst im letzten verhängnißvollen Moment erhoben haben muß. Nein, ein Verbrechen kann leider nicht bezweifelt werden." „Und hat man keinen Verdacht, wer dieser Thäter sein kann?" „Ich glaube nicht, die Herren vom Gerichte waren heute Mittag hier und fuhren dann nach Rotenhof. Soviel ich ihren Worten entnehmen konnte, schienen sie die feste Ueberzeugung eines überlegten Verbrechens nicht insgesammt zu thellen, während die Leichenbesichtigung meines alten Hausarztes — Sie kennen Doctor Peters ja von früher — das Verbrechen, wie r mir sagte, gar nicht zweifelhaft läßt. Gott gebe, daß der Mörder bald entdeckt werde." „Das ist mir ziemlich gleichgiltig," bemerkte Steindorf trübe, „da er mein todtes Kind mir nicht wieder lebendig machen kann. Und nun will ich Sie nicht länger stören, Fräu- ein Armgard," setzte er, sich erhebend, hinzu, „nur noch eine Frage, wie steht es mit dem Begräbniß meiner Kleinen?" „Herr Marbach wird die Anordnung desselben auf meine Bitte bereits besorgt haben —" „Ich möchte diesem Herrn nicht gern etwas schulden," iel Steindorf düster ein, „Sie werden das begreifen, meine Gnädige, obgleich nun nichts mehr daran zu ändern ist." „Vergeben Sie mir den neuen Kummer, den meine Heimkehr Ihnen zugefügt," fuhr er nach einer Weile mit weicher, um Herzen dringender Stimme fort, „es ist doch wohl Ihnen gegenüber mein Verhängntß. Mir war es drüben oft, als verfolge mich Ihr Fluch —" Armgard bebte zusammen und schüttelte heftig den Kopf. „Von mir durften Sie solche theatralische Anwandlungen nicht voraussetzen, Herr Steindorf!" sagte sie fast drohend. „Eher doch hätten Sie an den Gram und die Verlaffenheit Ihrer alten Eltern denken sollen." „Ich wiegte mein Gewisien ein mit der trügerischen Hoffnung, daß Armgard Holten ihnen eine Tochter sein werde. — Doch Verzeihung, wir Männer sind insgesammt Egoisten, welche ihre Fehler und ihre Schuld gar zu gern auf andere Schultern abladen. Ich werde nach dem Begräbniß eine Zeit lang mich draußen in der Welt zu beruhigen suchen. Darf ich von Ihnen als Freund scheiden, Armaard?" Sie reichte ihm die Hand und neigte wortlos den Kopf. „Sie wollen für immer scheiden?" fragte sie, ihm die Hand, welche er fest umsvloffen hielt, hastig entziehend. „Darf ich denn wirklich wiederkommen?" Sie antwortete nicht, fah ihn auch nicht an. Schweigend wandte er sich nach einer Weile um und verließ das Zimmer. Sie hörte ihn das Haus verlaffen und nach seinem Kutscher rufen, doch sie rührte sich nicht von der Stelle. Eine plötzliche Lähmung schien sie ergriffen zu haben. Dann war's ihr, als befinde sie sich auf einem wogenden Meer und würde von den Wellen hin- und hergeworfen, die furchtbaren Gemüths- erschütterungen hatten diese starke Natur gebrochen. Als Mamsell Evers das Wohnzimmer betrat, um ihr Fräulein zu suchen, fand sie dasselbe bewußtlos am Boden liegend. Das ganze Haus gerieth in Aufruhr. Ein Wagen fuhr im Galopp nach der Stadt, um den Doctor zu holen. Als dieser erschien, lag Armgard im Fieber und phanta- sirte heftig. Er hatte eine Krankenpflegerin gleich mitgebracht und schüttelte bedenklich den Kopf. „Herr Steindorf war also hier," wiederholte er auf den Bericht der Mamsell. „Und gleich nachher kam dieser böse Anfall?" „Ja, Herr Doctor! — Ich trat gleich nachher, als er weggefahren war, in's Wohnzimmer und fand das Fräulein ohnmächtig auf dem Fußboden liegen." Der alte Arzt blickte sie forschend an. Die Mamsell war schon bei Armgards Eltern auf dem Gute und Jener auch bei ihnen Hausarzt gewesen. Beide kannten sich also schon seit vielen Jahren, die jetzige Herrin seit ihrer Kindheit, sie waren somit auch mit ihrer Vergangenheit vertraut. „War er lange bei ihr?" fragte der Doctor. „Erst eine Weile bei dem todten Kinde und dann im Wohnzimmer. Was sie miteinander gesprochen haben, weiß ich natürlich nicht, aber gut hat's ihr nicht gethan." „Das weiß der Himmel," brummte der Arzt. „Es ist eine recht gottlose Geschichte, daß dieses Kind hier just sterben mußte. Wenn Fräulein Holten wieder gesund wird, können wir noch was erleben, Mamsell Evers!" „Ja, das fürchte ich jetzt selber," seufzte die Wirthschaf- - 147 - tetin, „wollte Gott, der Störenfried wäre mit seinem Kinde in Amerika geblieben." „Wünscht' ich selber, da nichts Gutes dabei herauskommen kann. Na, vorerst liegt sie fest und sicher Pasien Sie mir auf, Mamsell Evers, daß kein Unberufener das Krankenzimmer betritt. Auch muß die Leiche in's Verwaltershaus hinüber ge. bracht werden, damit keine Störung, kein lautes Geräusch unsere Kranke erregt. Ich werde die Pflegerin selber noch einmal instruiren." — * Die bezahlte Antwort des Kabel-Telegramms aus Chicago, welche an den Maler Reinhardt einlief, lautete: „Mr. Hilbrecht schwer krank, Sohn will versuchen, Auftrag auszuführen " Der Maler hatte noch ein nettes Sümmchen nachzuzahlen und fluchte über den Einfall. Er fuhr trotz alledem mit der Antwort selber nach Rotenhof hinaus. „Ja, das ist allerdings weggeworfenes Geld," meinte Marbach, „ich kenne den jungen Hilbrecht, er ist ein Stock- Amerikaner, für welchen jede Minute Geld bedeutet. Der rührt keinen Finger ohne Aussicht auf Verdienst. Ob ich selbst hinübergehe?" „Was gewinnen Sie dadurch? Gar nichts I" erwiderte Reinhardt. „Ein Brief thäte just das Nämliche. Da jedoch kein Bild von dem Räuberhauptmann existirt, so könnte einzig und allein ein geriebener Detectiv, der jenen Prien von Angesicht zu Angesicht kennt, hier nutzen. Unsere Criminalpolizei wird sicherlich keine Nasenspitze von ihm entdecken. Wenn ich Ihnen deshalb rathen soll, mein lieber Marbach und zwar als aufrichtiger Freund, dann überlaffen Sie der Polizei alles Weitere und schließen Sie für Ihre Person mit diesem Telegramm die Acten-" „Der Gedanke, dieses blutige Räthsel niemals lösen zu können, ist ein zu entsetzlicher für mich," rief Marbach, in stillem Gram auf- und abschreitend. „Wissen Sie, daß jener Mensch, der sich William Prien nennt, ein ganz besonderes Kennzeichen besitzt?" setzte er plötzlich, vor dem Maler stehen bleibend, hinzu. „Und das wäre?" „Ein blutigrother Strich zwischen Kinn und Mund, den er durch einen blonden Bart versteckt." Marbach hielt inne und blickte wie erstarrt vor sich hin, als erhöbe sich vor seinem inneren Blick ein Schreckbild. „Ein Muttermal vermuthlich," bemerkte Reinhardt. „Nein," fuhr Marbach, jäh emporfahrend, fort, „der rothe Strich rührt von einem Jndianermesser her, dessen Scalpirungs- versuch er sich widersetzt haben soll. So hat er nämlich meinem Freunde erzählt. Uebrigens habe ich Ihnen wohl noch gar nicht mitgetheilt, daß Mister Prien ein auffällig schöner Mann von hoher, prächtiger Körpergestalt, ganz besonders kleinen Händen und Füßen, mit einem Wort ein germanisch-blonder Recke sein soll, besten unglückliche Frau drüben im December gestorben ist. Von mehreren Kindern,'welche ebenfalls gestorben sind, hat er ein einziges nur behalten, mein Freund wußte nicht, ob es ein Knabe oder Mädchen, da dasselbe in einer Pension erzogen worden ist. Diese Personalbeschreibung paßt freilich auch auf Andere, zum Exempel, wie mir einfällt, auch auf diesen Herrn Steindorf." Er hatte den letzten Satz im gleichgiltigsten Tone, ohne den Maler dabei anzusehen, gesprochen- Eine augenblickliche Stille trat ein, — als er sich wieder zu Reinhardt umwandte, sah er diesen mit erblaßtem Gesicht unbeweglich vor sich hinstarren. Dann begegneten sich ihre Blicke mit einem festen Ausdruck. „Hat die Polizei eine solche Personalbeschreibung erhalten?" fragte Reinhardt. „Allerdings, bis auf den rothen Strich. — Ich glaube, daß Herrn Steindorf ein zierlicher Schnurrbart auch sehr verjüngen würde." Der Maler erhob sich rasch und schüttelte sich dann, wie von einem plötzlichen Grauen ergriffen. „Nein, nein, das wäre zu gräßlich," sagte er, schwerathmend, „denken Sie an das erschoffene Kind!" „Ein furchtbarer Zufall, keine Absichtlichkeit, wer denkt denn auch daran?" versetzte Marbach. „Aber recht Vieles würde dadurch in die rechte Beleuchtung kommen. Der Schuß zum Exempel, der mir galt, — er mußte unzweifelhaft durch Feindschaft gelenkt worden sein Wir Beide, mein Freund und ich, waren dem mörderischen Schützen zuviel in der Welt- Liegt in dieser Behauptung keine Logik?" „Freilich — freilich, aber hüten wir uns doch, einen solchen ungeheuerlichen Gedanken laut werden zu lasten, mein bester Marbach, der Tod des Kindes wäre sein bester Schild." „Er könnte sich ja leicht durch das Fehlen jenes Kennzeichens reinigen,", meinte der junge Mann, den eine fieberhafte Unruhe zu erfüllen schien. „Bedenken Sie, Reinhardt, wenn es diesem unheimlichen Menschen glückte, Fräulein Holten zu heirathen." Der Maler sah ihn nachdenklich an. „Na, mein Lieber, wir könnten es nicht hindern —" „Vielleicht doch," knirschte Marbach mit einem wahrhaft ingrimmigen Lächeln. „Irgend eine gute Freundin müßte Ortrud spielen und der leichtgläubigen Elsa von Brabant elwas Mißtrauen gegen ihren blondbärtigen Lohengrin in's Ohr träufeln. Zum Exempel, weshalb er den häßlichen Kinnbart, der ihn ganz entschieden älter macht und sogar seiner Schönheit Eintrag thut, sich habe wachsen lasten? — Wenn Elsa darauf bestände, ihn ohne denselben zu sehen." (Fortsetzung folgt) Der Motkswih als Anatom. Von Leo Lothar. ----- (Nachdruck verboten.) Wir haben kaum einen eifrigeren, gründlicheren Anatom, als den Volkswitz, und doch wieder kann man ihm bett Vorwurf nicht ersparen, daß er in seiner Zergliederung des menschlichen Körpers sehr „oberflächlich" verfährt. Das klingt paradox, stimmt aber, denn in der That beschränkt der Volkrwitz seine anatomischen Studien mit anscheinend wenig Ausnahmen lediglich auf die Oberfläche des menschlichen Körpers, während er den inneren Organen so gut wie gar keine Beachtung schenkt; er beschäftigt sich eben mit dem, was er sieht, was ihm besonders in die Augen fällt. So ist es denn erklärlich, daß er normal gestaltete Körpertheile so gut wie gar nicht in den Bereich seiner Betrachtungen zieht, während ec sich mit Abnormitäten um so eingehender, mit um so größerer Vorliebe beschäftigt. Von den inneren Organen des menschlichen Körpers kommen für den Volkswitz nur zwei in Betracht: Lunge und Herz, also die beiden, die im menschlichen Leben dir bedeutendste Rolle spielen- Jemand hat einen guten oder einen schlechten „Blasebalg", je nachdem er gesunde Lungen hat ober „schwach auf ber Brust" ist. Um bas Herz kümmert sich der Volkswitz nur, wenn der Eigner ein Don Juan ist, bann leidet er an „Herzerweiterung" oder bas Herz — bas reine „Mädchengelah" — gleicht einer „Wechselstube". Anders, wie gesagt, verhält sich ber Volkswitz den äußerlich sichtbaren Organen, den einzelnen Körpertheileu, ja dem ganzen äußeren Körper gegenüber. Da ist wohl kein noch so winziger Theil, ber nicht seinen besonderen Namen führte, wohlgemerkt hauptsächlich bann, wenn er eine von ber normalen Beschaffenheit abweichende Form aufzu- weisen hat- Hören wir zunächst einmal die Aeußerungen unseres Anatomen über den menschlichen Körper in seiner Gesammtheit- Ist Mutter Natur bei Zuertheilung des Größenmaßes etwas knauserig verfahren — und das kommt zum Leidwesen so manches „Gernegroßes" vor — so heißt's von solch einem „abgebrochenen Riesen": er „langt knapp mit den Beinen bis auf die Erde"; ist das Maaß dagegen etwas zu reichlich aus- gefallen, so kriegt der „etwas lang geratene Zwerg", wenn er sich einmal kalte Füße holt, „erst nach vierzehn Tagen Den Schnupfen". Für Leute, die sich eines in die Augen springenden Embonpoints zu erfreuen haben, giebt es eine Menge Vergleiche mit Dingen, an die sie mit ihrer wohlgerundeten Form IlOO? :i I’iWJ'f KvawwETOXifes^meifgffl'WMTej A t-r: - 148 - erinnern oder auch mit solchen Gegenständen, die einen besonders gewichtigen Eindruck machen, wie „Tönnchen", „Faß", „Rollmops", „Rudel", „Maschine", „Dampfwalze", „Fregatte"; schmächtige, um nicht zu sagen dünne Personen dagegen, die anscheinend „den Schmachtriemen zu sehr zugezogen" haben oder bei denen „Schmalhans Küchenmeister" zu sein scheint, haben angesichts ihrer „Wespentaille" das Unglück, „bloß ein en Darm" zu besitzen oder sie sind „aus Versehen durch die Wringmaschine gezogen". Verfügt nun solch eine „Hopfenstange", wohl auch „Windhund" genannt, noch über eine besonders steife Haltung, so kommt er gar noch in den Verdacht, „einen Ladestock verschluckt" zu haben. In engem Zusammenhang mit der ganzen Gestalt steht die Gangart des Menschen, und an der hat der Volkswitz zumeist etwas auszusetzen. Entweder geht man ihm nicht stramm genug, dann heißt'S: man „tagelöhnert", man geht „knickebeinig" oder man „drückt nach vorn durch"; umgekehrt wieder „übt man Parademarsch" oder „steigt wie der Storch im Salat". Nun, und daß es der Volkswitz nicht schön findet, wenn jemand „über die große Zehe" läuft oder „watschelt wie eine Ente", das kann man ihm wahrlich nicht übel nehmen. Und nun, nach diesen einleitenden Betrachtungen, zur eigentlichen Zergliederung des menschlichen Körpers I Dazu brauchen wir nun allerdings ein Muster von Häßlichkeit, wie wir es unter normalen Verhältniffen vergebens suchen dürften. Allein der Volkswitz bedarf ja gerade des Abnormen und so bleibt uns schon nichts übrig, als uns solch ein Monstrum selbst zu construiren. Fangen wir also beim Kopf — pardon, bei der „Kohlrübe" anl Der „Verstandskasten" ist etwas klobig gerathen, daher der Name „Quadratschädel", was aber den Träger nicht hindert, in die Klasse der „Lichtgötter" oder „Feuerköpfe" gezählt zu werden, sintemalen die Farbe seines Haares eine brennend rothe ist. Uebrigens ist der Haarwuchs nur ein spärlicher, denn „die Motten sind hineingerathen"; „Vollmond" ist zwar noch nicht ganz, immerhin aber ist der „Mondschein" bereits ein bedenklicher. Zu beiden Seiten ragen ein paar Ohren empor, die unser Anatom ihrer beträchtlichen Länge wegen mit dem wenig schmeichelhaften Namen „Eselsohren" belegt. Trotz dieser abnormen Länge ist aber die Behauptung des Volkswitzes, daß unser Monstrum „auf den Ohren sitzt", nur bildlich zu verstehen, denn es soll damit nur gesagt sein, daß es ein wenig „spät hört". Diese Eigenschaft unseres Untersuchungsobjectes, die „Ohren zugeknöpft" zu halten, ermuthigt uns, in der ohne Zweifel etwas heiklen Plauderei fortzufahren. Die Augen sitzen ein wenig schief in den „Guklöchern", werden daher nicht mit Unrecht „Krokodilsaugen" genannt, und da ihr Besitzer, „etwas schüchtern auf dem einen Auge" ist, so darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn er das Kunststück fertig bringt, „mit dem rechten Auge in die linke Westentasche" zu sehen. Er kann das um so leichter, als seine Nase — ja so, das Wort Nase kennt ja der Volkswitz nicht — also: er kann das um so leichter, als seine „Gurke", sein „Heft", sein „Gesichtserker", sein „Zinken", sein „Haken" das directe Segen« theil einer „Habichts-" oder „Adlernase", nämlich eine Stulpnase ist. Solch eine Stulpnase hat nun zwar die Unannehmlichkeit, daß es „hinein regnen" kann, andrerseits aber kann auch wieder „die Sonne hineinscheinen", wodurch ja jene Unannehmlichkeit wieder aufgehoben wird. Dank seiner intensiv rothen Färbung gehört der Gesichtserker, um den es sich hier handelt, in die Klasse der „Glühlichter" oder „Kupferbergwerke", allein unser Monstrum ist darüber nicht sonderlich unglücklich, denn der Volkswitz giebt ja gegen Nasenröthe ein vorzügliches Hausmittel an, nämlich: so lange zu trinken, bis die Nase — blau wird. Gehen wir ein Stückchen weiter abwärts, so gelangen wir zur „Futterluke". Die Lippen sind ein wenig vorgeschoben und aufgeworfen, daher der Name „Hechtschnute" und „Kosakenschnauze". Die Sprache ist, obwohl es den Anschein bat, als habe unser Monstrum „einen Kloß im Munde", durchaus fließend, von einem „Stolpern mit der Zunge" kann also keineswegs die Rede sein, viel eher wäre die Bezeichnung „Revolverschnauze" angebracht, da die Sprechwerkzeuge keine Minute in Ruhe sind. Das Gebiß ist kräftig, vielleicht ein wenig zu kräftig entwickelt, denn sonst würde der Volkswitz die Zähne kaum als „Hauer" bezeichnen. Die Menge der Falten im Gesicht läßt übrigens darauf schließen, daß ‘ unser Monstrum nicht mehr zu den Jüngsten zählt — das reine „verfitzte Bindfadengesicht" hat es aufzuweisen; und da es in seiner Jugend an den Pocken erkrankt war, sieht es aus, als habe es „mit dem Gesicht auf einem Rohrstuhl gesessen" oder als sei ihm Jemand „mit dem Reibeisen übers Gesicht gefahren". Obwohl übrigens unser Monstrum sonst recht gut bei Leibe ist, verfügt es doch nicht über eine „Wassersuppe", im Gegentheil, sein Hals ist ein „Schwanenhals", wie man ihn sich besser nicht wünschen kann. Das ist ihm aber gar nicht angenehm, denn der Hals ist so lang, daß jedes „warme Getränk kalt wird, ehe es in den Magen kommt". Doch weiter in der anatomischen Betrachtung! Von einer „Berücksichtigung" will unser Monstrum nichts wissen — das läßt auf ein böses Gewissen schließen. Und mit Recht. Da hinten auf dem Rücken hat es nämlich „etwas versteckt", einen „Ast, den es gestohlen" hat. Doch da wir keine criminalistische Untersuchung hier anstellen wollen, kümmern wir uns auch nicht weiter darum, sondern gehen in unsrer Betrachtung zu den Armen über, die uns ihrer Länge wegen interessiren. „Affenarme" nennt sie der Volkswitz, oder auch, näher specialisirend, „Pavian-" resp- „Gorilla-Arme". Die Hände machen den Armen alle Ehre; es dürfte genügen, wenn wir sie nach der Hand- schuhnummer, deren sie benöthigen, characterisiren: „Nr. 15 — kommt gleich nach den Strümpfen". Auch die Fingernägel lassen rückschließend die Bezeichnung „Affenarme" gerechtfertigt erscheinen, denn sie sind, wie bei allen Gigerln und sonstigen Affen, ungewöhnlich lang und werden daher mit Recht „Krallen" genannt. Besondere Kennzeichen: „Hoftrauer". Und nun zum Schluß unserer Betrachtung zu den unteren Extremitäten. Sie lassen erkennen, daß unser Monstrum auch Gemüth hat: es hat nämlich „einen so wehmüthigen Zug um die Beine", mit anderen Worten, es hat die schönsten Exemplare von „0-Beinen". Daß solche „Säbelbeine" durchaus nicht zu den Seitenheiten gehören, beweist wohl die große Anzahl von Bezeichnungen, die der Volkswitz für diese Erscheinung hat. • „Teckelbeine" werden sie nach ihren berühmten Vorbildern, den Dachshunden, genannt; als „Rokoko" bezeichnen sie Kunstverständige und als „Beine, durch die man einen Hund jagen kann", vermuthlich nur Sportsmänner. Daß speciell Referendare mit Säbelbeinen gesegnet seien, worauf das Berschen: Für solche Referendare Erschuf man die Talare ja schließen lassen könnte, ist wohl nur ein schlechter Scherz des Klapphorn-Dichters. Uebrigens giebt der Volkswitz eine sehr einleuchtende Erklärung für die Entstehung der 0-Beine: Die Betreffenden haben „im Feuchten gestanden" und da haben sich „die Beine krumm gezogen". Unser Monstrum aber leugnet überhaupt, 0-Betne zu haben. Die ganze Schuld an dem Verdacht schiebt es lediglich seinem Schneider in die Schuhe, der ihm „die Hosen krumm gemacht" hat. Nun, mag ihm in diesem Falle das Leugnen etwas nützen, daß es aber „auf einem großen Fuße lebt", dieses Factum läßt sich bei aller Spitzfindigkeit nicht aus der Welt lügen. Die mächtigen Füße sind mit vollem Fug und Recht als „Quadratlatschen" oder „Rathsgondeln" anzusprechen. Wie sollte sonst wohl auch der Schuster unseres Monstrums seinen Ausspruch rechtfertigen wollen, daß er „solche Kleinkinder-Särge" noch nicht angefertigt habe?! Doch genug nun des grausamen Spieles. Wir haben gesehen, daß der Volkswitz ein gründlicher „oberflächlicher" Anatom ist und ein loser Spötter dazu, dem nichts heilig ist. Aber den Nagel trifft er, trotz der mitunter recht gewagten Bilder, doch zumeist auf — die Kohlrübe. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.