NnterchaltrrirgSblatt zrrin Gietzenev Anzeigev (Gsneval-Anzeig-vj Dienstag, den 28. Februar. Dämon Gold. Original - Roman von W. Höffer. (Fortsetzung). Sechstes Kapitel. Tante Anna fuhr, getreu ihrem Versprechen, sogleich nach Dornau und wartete da geduldig drei Stunden, bis Erich kam, um aus ihrer Hand das für ihn bestimmte Schreiben seiner Schutzbefohlenen zu empfangen. Wie er erschrak, wie er bald bleich, bald roth wurde. — „Ruth im Gefängniß!" — Erich schien seinen Sinnen zu mißtrauen. „Was schreibt das arme Kind?" schluchzte Tante Anna. „Sie bittet mich um Hilfe, gnädige Frau. Ich muß jetzt sofort abreisen — Verzeihung, aber es ist nicht anders möglich." Er ging mit hastigen Schritten davon, und während die Haushälterin den Besuch durch allerlei Erfrischungen und reichliche Mitleidsthränen nach Kräften zu trösten suchte, verbarg er Ruths Brief im Schreibtisch und legte nur das zerknitterte Blatt von der Hand Cäciliens in seine Brieftasche, dann traf er dem Großknecht gegenüber für die nächsten Tage einige notwendige Anordnungen und ritt, so schnell das Pferd laufen konnte, zur Stadt. Irgendwo mußte Adele während der Nacht geblieben sein, irgendwo hatte sie einige Einkäufe gemacht, oder zu Abend gegessen — und diesen Ort wollte er aufspüren, um von da aus die Fährte zu gewinnen. Ein bitteres, zorniges Weh erfüllte fein Herz. Und sollte er über den halben Erdball der Verleumderin nachsetzen — wiederfinden wollte er sie. Nur ein Zweifel beschäftigte ihn fortwährend. Rief er die Polizei zur Hilfe oder nicht? Im ersteren Falle mußte ein Verhaftsbefehl ausgestellt werden und ehe das geschah, vergingen Stunden, vielleicht ein ganzer Tag; Adele fand Zeit, die Landesgrenze zu überschreiten, und schlimmer noch, die Behörde nahm ihm selbst die Verfolgung der ganzen Angelegenheit einfach aus der Hand und das schien von allen Eventualitäten die gefürchtetste. Wer würde so energisch verfahren, mit solchem Eifer nachforschen, wie gerade er selbst? Kein Lebender. Nein, er wollte vorläufig allein handeln. Und so kam er denn in die Stadt, brachte das Pferd in ein Wirthshaus und überlegte, wo er feine Nachforschungen beginnen sollte. Doch wohl zuerst bei den Portiers der verschiedenen Gasthöfe; Adele war ja schwerlich gleich am ersten Abend weitergereist. Und dann fiel ihm ein, wo der Kutscher von Moldt auszuspannen pflegte. Er eilte mit schnellen Schritten dahin. „War gestern des Barons Equipage hier?" Man bejahte. „Aber der Baron selbst nicht; nur Fräulein Malten, die Gesellschaftsdame." Erich fürchtete, das Klopfen seines Herzens möge von den Leuten gehört werden; er zwang sich mit Mühe zur äußeren Ruhe. „Und Fräulein Malten ist noch hier?" forschte er. „Nein, sie ist abgereist." „Wohin?" Man zuckte die Achseln. „Der Hausknecht hat ihr Gepäck zum Bahnhof gebracht," hieß es. „Weiter wissen wir nichts." Erich eilte .fort. Noch zwei lange Stunden, bevor der Zug abging. Die weite Halle war geöffnet, auch die Wirthschaftslocali- täten; er konnte nach Belieben in dem herrschenden Gewühl ausharren und zehn Züge davondampfen sehen, ehe der seinige vorgeschoben wurde — Niemand hinderte ihn. Die Uhr behielt in der Tasche keine fünf Minuten Ruhe. Ob sie nicht auch jählings stehen geblieben war? Und er horchte. Nein, der Zeiger bewegte sich wirklich. Eine halbe Minute, seit er zuletzt nachsah. Wie kann nur eine halbe Minute so entsetzlich lang erscheinen? Und er wanderte wieder vor dem geschloffenen Schalter wie ein Löwe im Käfig rastlos auf und ab. „Ein Verliebter," flüsterten lächelnd die Leute. „Er erwartet „sie", er hat ein Stelldichein." Da steht er wieder nach der Uhr. „Guten Tag, Wolfram!" redete ihn ein mit dem eben in die Halle eingelaufenen Bahnzuge Angekommener, ein benachbarter Gutsbesitzer, an. „Was machst Du hier, alter Junge?" „Ich will zur Hauptstadt," antwortete Erich, dem es erst in diesem Augenblicke schwer auf's Herz fiel, daß er gewissermaßen in's Blaue hineinzureisen gedacht. Wer konnte denn wissen, wohin sich Adele gewendet hatte. Wahrscheinlich in die Hauptstadt, aber vielleicht auch nach der entgegengesetzten Seite. Der Andere zog die Uhr. „Dann geht Dein Zug in einer und dreiviertel Stunden, Wolfram. So lange willst Du doch nicht hier vor dem Schalter stehen?" „Ich will wenigstens den Bahnhof nicht erst noch verlassen." 98 - „Thorheit! Wir können gut nach meinem Hause fahren und da eine Flasche Wein trinken. Komm' mit." „Nach Deinem Hause?" wiederholte Erich. „Nach Deinem Hause? Aber ich bitte Dich um des Himmels willen!" Der Gutsbesitzer schüttelte ganz verwundert den Kopf. „Weshalb sollte denn das unmöglich sein? Der Blumenhof ist zehn Minuten entfernt." Erich wechselte die Farbe. „Das weiß ich ja," versetzte er, „aber — es kommt dies oder jenes unvorhergesehene Hinderniß und man bleibt stecken. Heute darf ich aber den Zug um keinen Preis verfehlen." Der Andere drückte ihm die Hand. „Du bist unrffhig, Wolfram," fagte er. „Ich will Dich nicht weiter quälen." „Später erzähle ich Dir Alles, Nollaul" „Schön, schön. Wünsche guten Erfolg." Sie trennten sich und Erich nahm seine Wanderung wieder auf. Sieben Minuten, seit Nollau ihn begrüßte. Es war, um zu verzweifeln. Er sah einen Zug aus der Halle fahren und entsann sich, daß es derselbe war, welcher in einer drei Meilen entfernten Stadt angelangt sein mußte, ehe der, den er selbst erwartete, jene Station verlaffen durfte.' Drei Meilen. Welch' eine Strecke! Er setzte sich auf eine Bank und grübelte. In der Hauptstadt mußte er doch wohl die Hilfe der Polizei in Anspruch nehmen. Da verwirrten und verschlangen sich die Fäden, da herrschten so ganz andere Berhältniffe; die, welche er suchte, konnte ihm in dem Menschengewirr so leicht verloren gehen. Und er seufzte ungeduldig. „Wenn ich nur erst dort wäre!" Immer tastete von Zeit zu Zeit die Hand nach der Brief, lasche. An dem Blatte mit den abgebrochenen drei Worten hing zu viel; vielleicht sogar Tod und Leben. Und er schauderte; sein Herz setzte die Schläge aus. Jetzt mußte der Bahnzug diese und nun wieder jene Station erreicht haben. Es war nur noch eine halbe Stunde, bis er einlief, um nach kurzer Rast weiter zu eilen, unaufhaltsam wie das Berhängniß naht und alles Lebende in seine Wirbel zieht. Nun noch Minuten. Der Schalter wurde geöffnet und mit zwei langen Schritten stand Erich als der Erste vor dem Beamten. Während dieser die Fahrkarte verabfolgte, beugte sich Erich tiefer zum Schalter hinab. „Eine Frage, mein Herr!" „Bitte!" „Sollten Sie sich zufällig erinnern, ob gestern Abend eine hübsche junge, in tiefe Trauer gekleidete Dame hier für den- selben Zug, der jetzt fällig wird, ein Billet nach der Hauptstadt nahm?" Der Beamte lächelte. „Ich bedaure lebhaft," sagte er, „aber gestern hatte ein Anderer den Dienst am Schalter." „Ach!" Erich fühlte, wie die halb und halb erwachte Hoffnung abermals entfloh. Er drängte sich, als die Flügelthüren geöffnet wurden, Allen voran auf den Bahnsteig und eroberte im Coupee einen Eckplatz. So eingekeilt zu sitzen, mit der nagenden Ungewißheit im Herzen, bedrängt von rechts und links, ohne den Blick in das Freie — er hätte es nicht ertragen können. Endlich rollten die Räder; der Train brauste hinaus in die Schneelandschaft, schwarze Schatten huschten vorüber, ein Dorf tauchte auf und verschwand. Tiefer und tiefer senkte die Nacht ihre Schleier herab auf all' das endlose Weiß, mit dem die Schneeflocken fest überzogen hielten, was ihre fluchende Fülle erreichen konnte. Am zweiten Bahnhof schaukelte eine Petroleumlampe im Wmd: der Zug sollte fünf Minuten Aufenthalt haben, und eine große Anzahl von Reisenden stürmte das niedrige Schenk- Mmer, um in der kalten Nacht irgend einen erwärmenden Tropfen zu erhaschen. Erich sah aus dem geschlossenen Fenster, während seine Gedanken dem Zuge vorauseilten. Was kümmerte ihn das Menschengewühl auf dem Bahnhofe. Einige Personen nahmen schmerzvollen Abschied, Andere schwelgten im Wiedersehensjubel, noch Andere sahen mit verdrießlichen, gelangweilten Mienen in die Welt hinein, das ist der Wechsel der Dinge und Situationen, aus denen sich das Leben aufbaut. Die Thür des Wartezimmers zweiter Klaffe wurde geöffnet und eine Dame in Trauerkleidern trat heraus. Erich sah sie, ohne es zu wollen, dann aber fuhr er auf, als habe ihn ein Messerstich plötzlich getroffen. Die da auf den Stufen stand, war Adele. Jnstinctmäßig griff Erich zum Thürdrücker, als wolle er in Sprüngen das Coupee verlaffen und sich der Gesuchten entgegenstürzen, um sie festzuhalten, aber schon der nächste Augenblick ließ ihn die Uebereilung erkennen. Es gab kein Mittel, in diesem kleinen Orte ohne polizeiliche Hilfe, ohne einen Ber- haftsbefehl oder irgend welchen Rechtsgrund eine fremde Dame an der Weiterreise zu verhindern, das mußte er erkennen; wenn ihm aber Adele einmal glücklich entschlüpft war, dann würde sie den Zusammenhang der Dinge sogleich durchschauen und das werthvolle Document vernichten. Darauf durfte er es nicht ankommen laffen. Das Alles zuckte blitzartig durch sein heißes Hirn, während Adele immer noch auf den Treppenstufen der Thür stand und das erste Gedränge abwarten zu wollen schien. Die Hand am Thürgriff, behielt Erich unverrückt ihre schlanke Gestalt im Auge, bereit, hinauszuspringen und sie festzuhalten, sobald sie nur Miene machen würde, in das Wartezimmer zurückzukehren. Jetzt ertönte das erste Signal und die junge Dame schritt langsam zum Perron. In der Hand trug sie eine kleine Ledertasche ; ihr blasses Gesicht war unverschleiert. Sie wandte sich jetzt mit einer Frage an den Schaffner. Dieser öffnete ein Coupee, nur zwei Thüren entfernt von dem, in welchem Erich saß. Er drückte das Gesicht gänzlich in den Schatten der Ecke — Adele sollte ihn ja um keinen Preis erkennen. Dann schloß sich geräuschvoll die Thür jenes anderen Coupees und der Schaffner kam, um die Fahrkarten einzufordern. Erich nahm gedankenschnell aus der Tasche einen Thaler, den er dem Manne unvermerkt in die Hand drückte. „Auf ein Wort, guter Freund!" „Befehlen der Herr?" „Wohin fährt die Dame, mit der Sie vorhin sprachen?" „Die schwarze Dame — nach der Hauptstadt." „Nun wohl; dann bitte ich Sie, das Coupee, in welchem sich diese Reisende befindet, auf allen Zwischenstationen sorgfältig im Auge zu behalten und mir, wenn sie etwa aussteigen sollte, einen Wink zu geben." Der Schaffner lächelte vertraulich. „Ich denke, wir machen das viel einfacher," flüsterte er. „Auf welche Weise?" „In dem andern Coupee ist noch ein Platz frei — nehmen Sie denselben für sich, mein Herr!" Erich schüttelte abwehrend den Kopf. „Es ist nicht, wie Sie denken, Schaffner. Die Dame darf auf keinen Fall erfahren, daß ich in der Nähe bin." Der Beamte griff plötzlich mit veränderter Miene an die Dienstmütze. „Ah so — der Herr ist ein Geheimpolizist?" „Nehmen Sie es an, guter Freund." „Ich werde nicht ermangeln." Der Zug setzte sich langsani in Bewegung und Erich sank ruhiger als vorher in die Polster zurück. Es schien jetzt, als sei das Ziel nahe; er durfte hoffen, nun bald der schönen Verbrecherin gegenüber zu stehen. Und dann — dann — Er athmete tiefer. Sie sollte ihm nicht entkommen und müßte er Himmel und Erde in Bewegung setzen. Auf jeder Station kam der Schaffner an das Coupee. „Alles in Ordnung, mein Herr." Und Erich nickte. Er selbst beobachtete unausgesetzt, er horchte und spähte, als könne Adele durch das Fenster davonfliegen wie ein Vogel, den man hoch oben in den Lüften wohl - 99 - Fräulein schwarzen Material Ein „Beruhigungs-Thee". Der Thee übt be- anntlich eine aufregende Wirkung auf die Nerven aus, wes- salb es für Personen von reizbarem Temperament räthlich ist, ich des Theegenusses lieber gänzlich zu enthalten. Außerdem geschieht es nicht selten, daß der gewöhnliche Thee bei unacht- amer Bereitung einen rauhen und widrigen Geschmack erhält. Dem soll nunmehr ein von H. A. Snelling erfundener „Be- ruhigungsthee" abhelfen, welcher aus einer Mischung von gewöhnlichem Thee mit eigens präparirtem Hopfen besteht. Durch ;en Zusatz des letzteren zu dem Thee erfährt der Geschmack >es Thees, wie die „Oesterr. Chem.- und Techn.-Ztg." ver- ichert, eine wesentliche Verbesserung, außerdem erhält der Thee ein malziges Aroma. Außerdem wirke eine derartige Mischung, wie bas genannte Fachblatt weiter versichert, beruhigend auf die Nerven ein und durchkreuze also den schädlichen Einfluß ein hastiger Blick die Enttäuschung. Wolfram? Wie kam er hierher? Was konnte er beabsichtigen? „Sagen Sie dem Herrn, daß ich Niemand empfange." Der Kellner verließ das Zimmer, um seine Botschaft aus- zurichten. Erich war auf ein kühles Nein aber fo vollständig vorberettet gewesen, daß er sich nicht in die Flucht schlagen ließ. „Machen Sie der Dame meine Empfehlung und bitten Sie nochmals um em kurzes Gehör für mich. Die Sache sei unaufschiebbar." r. Dann ging er dem Burschen auf dem Fuße nach und stand, als Adele heftig aufbrausend ein abermaliges Nein hervor-' sprudelte, unmittelbar hinter ihm im Thürrahmen. „Verzeihen Sie den Ueberfall, Fräulein Malten! Ich muß Ihnen gerade hier und gerade jetzt einige kurze Worte sagen vUl । vH* „Das ist unerhört!" rief die Gesellschafterin. „Es scheint nur so, mein Fräulein, aber selbst wenn ich mich in diesem Augenblicke einer Tactlosigkeit schuldig machen sollte, so ist doch meine Handlungsweise durch die Umstände geboten." Adele lächelte. „Darf ich fragen, inwiefern das Alles mich angeht, Herr Wolfram? — Sie sprechen, als sei ich bei der Sache betheiligt." „Das sind Sie im höchsten Maße, mein Fräulein!" „3ch? „Sie. Ich habe die Reise von Dornau hierher nur gemacht, um Ihnen eine einzige Frage vorzulegen." Adele neigte spöttisch den Kopf. „Dann bitte ich um Beschleunigung des Verfahrens, Herr Wolfram. Wirklich — Sie stellen durch Ihrs Gegenwart meine Geduld auf eine sehr harte Probe." (Fortsetzung folgt) Gemeinnütziger sieht, zu dem aber durch die Gesetze der Natur dem Menschen der Weg versperrt ist. Erich begriff nicht, weshalb Adele eine Nacht und einen Tag in dem unbedeutenden Oertchen an der Bahn verbrach hatte. Sie mußte dort Freunde besitzen oder sie suchte eine neue Stellung. Gottlob, daß sie sich vollständig sicher hielt und an keine Verfolgung dachte. Ach, Gottlob! m _ Es war noch tiefe Nacht, als der Zug in die erleuchtete Bahnhofshalle einfuhr. Ein eisiger Nordost trieb ganze Wolken von Schnee vor sich her, die Laternen knarrten und die Unterbeamten liefen im Trab, um je eher desto lieber nach Haufe eilen zu können. Alles schob und drängte auf dem Perron durcheinander. Der Schaffner öffnete die Thüren. „Alle aussteigen!" Erich blieb, einem Winke gehorchend, bis zuletzt sitzen; er sah, wie Adele einem Kofferträger ihren Gepäckschein übergab und wie sie dann dem Ausgangsthore zuschritt. Erst als sie im Gebäude verschwunden war, wechselte er mit dem Schaff- ner einen schnellen Gruß und eilte ihr nach, um sie nicht wieder aus den Augen zu verlieren. Jetzt oder nie, das wußte er. Adele stand neben einer Droschke und bezahlte den Koffer- träger, der ihr Gepäck herbeibrachte. „Zum Unionhotel," befahl sie. Dann half ihr der Mann in den Wagen und schloß den Schlag. Die Räder setzten sich in Bewegung. Die nächstfolgende Droschke rückte auf den Platz der ersten; Erich trat hart an den Kutscher heran. „Unionhotel, mein guter Mann. Sie bekommen ein an- smndiges Trinkgeld, wenn Sie sich immer dicht hinter jenem Wagen halten." Der Kutscher pfiff leise vor sich hin. „Werde ich wohl!" schmunzelte er. Erich überließ es ihm, zu glauben, was er wolle. Die Droschke flog über den gefrorenen Boden, bis sie ihre Vor- gängerin eingeholt hatte, dann verfiel der Gaul in Schritt und fein Führer zog den Schafpelz fester um die Schultern. Es war unangenehm kalt in dieser Novembernacht. Erich's Herz schlug wie ein Hammer. Wenn es gelang, hinter der Gesellschafterin unbemerkt das Hotel zu erreichen, dann war viel gewonnen. Durch mehrere Straßen fuhren die Wagen, dann hielt der erste und ein Kellner eilte dienstbeflissen herbei, um den Schlag zu öffnen. Adele ging in das Haus, während Erich seinen Kutscher abfertigte. „Genügt das, mein guter Mann?" «Ich danke. Wenn der Herr mal wieder was zu besorgen hat —" Erich ging zur Portierloge, fest entschlossen, den Kampf bis aus s Messer jetzt gleich zum Austrage zu bringen. Die Ungeduld verzehrte ihn fast. „Welche Nummer hat die Dame im schwarzen Kleide erhalten?" „Einundfünfzig, Ihnen zu dienen. Es war leider das letzte noch vorhandene Zimmer im dritten Stock." „Es ist gut, ich danke Ihnen." Erich eilte die Treppen hinauf und gab dem Zimmerkellner feine Karte. „Melden Sie mich der Dame in Nummer emundfünfzig." Dann blieb er ganz in der Nähe der Thür stehen und wartete. „ .Der Kellner klopfte. Als ihm ein „Herein" entgegenklang, stand Adele vor dem Spiegel und glättete ihr Haar. Sie hatte kaum Zeit gehabt, Hut und Mantel abzulegen; jetzt sah sie über die Schulter hinweg zur Thür. „Nun?" „Ein Herr wünscht das gnädige Fräulein zu sprechen."' . Wie ein elektrischer Schlag ging es durch den Körper des rungen Mädchens; Adele wurde zuerst blaß, dann glühend roth. „Ein Herr?" — Sollte es möglicherweise der Baron — Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. „Geben Sie her die Kartei" Ein Blitz des Triumphes sprühte aus den Augen. Verhaftet! Ihre Feindin war verhaftet! „Mir liegt es also ob," fuhr Erich fort, „das für die Entkräftigung dieser aberwitzigen Anklage möglichst schnell herbeizuschaffen. Ich bin der Vormund der jungen Dame und muß für sie handeln." Er gab dem Kellner einen Wink, das Zimmer zu ver« lassen und schloß hinter ihm die Thür. „Ich komme selbst, verständlich nicht in eigener Angelegenheit, mein Fräulein, sondern in derjenigen meiner Mündel." Adele sah ihm spöttisch lächelnd in's Gesicht. „Das wäre also nicht Ihr eigenes Interesse, Herr Wolfram? Ich hätte es fast geglaubt, obgleich freilich auch die zartesten Regungen — so oft gänzlich verschwendet werden." Es durchzuckte ihn schmerzhaft, aber er blieb äußerlich gelassen. „Sprechen wir nicht von mir, sondern von Fräulein Aßmann, sagte er im bestimmten Tone. „Es ist neuerdings das, was Sie wissen, auf Ihre Denunciationen hin überhaupt begonnene Verfahren wieder ausgenommen worden. Aßmann ist verhaftet." „Ah! — 100 — des gewöhnlichen Thees auf diese Organe, so daß demnach die Snelling'sche Theemischung reizbaren Personen empfohlen werden könnte. * * * Hirschleder wasche«. (Beinkleider, Handschuhe u.s.w.) 1) Man löst Weinstein in kochendem Wasier auf. Sobald es etwas abgekühlt ist, taucht man die Gegenstände einige Zeit hinein. Hierauf reinigt man sie in lauwarmem Wasser mit Eigelb vermengt und appretirt dann die Sachen mit einer schwachen Ockerlösung, der man etwas Alaunpulver beigefügt hat. Dann wendet man die Gegenstände auf die linke Seite, drückt sie aus und hängt sie an die Luft, aber weder an die Sonne noch an den heißen Ofen. 2) Weißes Hirschleder wäscht man in Seifenwaffer rein, spült es in kaltem Wasser nach, dann reibt man es leicht im Wasser, in das man einige Tropfen Speiseöl gegeben hat. Alsdann streicht man das Wasser mit der Hand soviel als möglich aus. Leder darf nie gerungen werden, man läßt es langsam trocknen, war je nach Stärke des Leders 3—5 Tage dauern kann- Halbtrocken dehnt man es zur richtigen Größe aus und mangelt es dann mit einem Rollholz glatt. Rehled» wird ebenso behandelt. Spanische Ringelhauben. 1 Pfd. Mehl, Vs Pfd. Butter werden abgebröselt, dann mischt man V» Pfund gestoßene Mandeln, 1/4 Pfund Zucker, sowie die fein gewiegte Schale einer Sitrone daran, ebenso zwei Eidotter und macht Alles zu einem Teig. Dann walkt man aus und sticht Plätzchen daraus. Man bestreicht dieselben mit Eiweiß, bestreut sie mit Zucker und legt sie auf ein mit Wachs bestrichenes Blech, um sie bei mäßiger Hitze im Rohre zu backen. • * Moeea-Creme. 125 Gramm feinster Mocca-Kaffee wird recht vorsichtig gebrannt, sofort gemahlen und mit zwei Taffen brausend siedendem Wasser übergossen, mit einem Löffel umgerührt, fest zugedeckt und so 4 Minuten stehen gelassen. In eine größere Kanne thut man 85 Gramm Zucker, filtrirt den Kaffee darauf durch einen Beutel und läßt den Zucker darin zergehen. Sobald dies geschehen, gibt man 40 Gramm in Wasser aufgelöste feinste Gelatine dazu; 1 Liter dicken süßen Rahm schlägt man mit etwas Puderzucker zu festem Schaum, gießt dann unter fortdauerndem Schlagen ganz langsam (wie ein Faden so dünn) den Kaffee dazu, füllt die Masse in eine mit Mandelöl ausgestcichene Form und gräbt diese in Eis. Gestürzt wird die Creme mit Confect garnirt. Vermischtes. Auch ein Urtheil. „Müller, Ihre Arbeit beweist, daß Sie mehr Vorbildung zu einem Schuster als zum Schriftsteller haben. Was für einen Stiefel Sie schreiben, das ist großartig und alle Augenblicke machen.Sie einen Absatz." Vorschlag zur Güte.* Köchin beim Stabsarzt (der ein zu Tisch geladener Hauptmann ein Trinkgeld geben will): „Nein, nein, Herr Hauptmann, von Ihnen nehme ich nichts, — aber net wahr, Sie sind so freundlich und behanbeln den Gefreiten Müller von Ihrer Compagnie immer recht gutl" ♦ * Vor Gericht. Richter:*„Aber ich bitt' Euch, wie habt Ihr ihn nur mit der Faust todtschlagen können?" — Angeklagter: „Bitt' gehorsamst — soll ich's Ihnen vielleicht vor- machen?" Eingesandt. Wir Pfarrer werden nicht selten wegen Büchern, die zu Con« firmalionsgeschenken geeignet sind, um Rath gefragt. Da nun die Konfirmation in der Matth äusgemeinde nahe bevorsteht, erlaube ich mir, den Eltern und Anverwandten, die beabsichtigen, ihren Consir- manden ein solches Geschenk zu machen, einige gute Bücher zu nennen. Ich kann dabei selbstverständlich auf keine Vollständigkeit Anspruch erheben. Es ist aber mein dringender Wunsch, dazu Anregung zu geben, daß überhaupt mehr Bücher geschenkt werden statt Schmucksachen und anderer Dinge, die keinen Werth für die Förderung des inneren Lebens der Kinder haben, und daß man doch recht sorgfältig bei der Auswahl verfahre. Es wird gar oft verkannt, wie wichtig und einflußreich die Lektüre unserer Kinder ist. Eltern, die ihre Kinder sorgfältig vor schlechter Gesellschaft hüten, gestatten ihnen doch manchmal in der Wahl ihrer Lektüre eine Freiheit, die ihnen zum Schaden gereicht. Es kommt dabei nicht blos darauf an, daß man gradezu schlechte Schriften fernhält, sondern daß den jungen Menschen die rechte geistige Speise zur rechten Zeit dargereicht werde. Ein besonders schönes Geschenk für Confirmanden ist ja immer die Heilige Schrift. Da möchte ich besonders auf die neue revidirte Ausgabe (Halle, Kanstein'scher Verlag, Mk. 5) aufmerksam machen, ferner auf die schöne illustrirte Sternbibel (Leipzig, Hinrich's Verlag, Mk. 16), ferner auf die ganz treffliche Ueber- setzung des Neuen Testaments von Weizsäcker (Freiburg, Mohr, Mk. 4.) Treffliche Hilfsmittel zum Verständniß der heil. Schrift sind: Behrmann: Einleitung in die Heil. Schrift. Schneller: Kennst du das Land? Bilder aus dem gelobten Land (Leipzig, Wallmann, Mk. 6). Ninck: Auf biblischen Pfaden, (Hamburg, Mk. 6). Aus der religiösen Erbauungsliteratur nenne ich: Kolde: Gebetswerk mit Gotteswort auf alle Tage des Jahres, jungen Christen dargeboten, (Hamburg, Rauhes Haus, Mk. 1,20, in Goldschnitt Mk. 2,20). W. Baur: Beicht- und Communionbuch, Mk. 3. Delitzsch: Beicht» und Communionbuch, Mk. 4. Wiese: Wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Berlin, Wiegand und Grieben, Mk. 2,75. Weitb recht: Heilig ist die Jugendzeit, Mk. 5. Gerok-. Palmblätter, Stuttgart, Greiner und Pfeiffer, Mk. 3—18. — Blumen und Sterne, — — Mk. 5,50. Spitta: Psalter und Harfe, Bremen, Heinsius, Mk. 1,30—15. Rogge: Allzeit int Herrn, Leipzig, Hirt und Sohn, Mk. 12,50. Julius Sturm: Palme und Krone, Bremen, Heinsius, Mk. 6. Hammer: Leben und Heimath in Gott, Leipzig, Amelang, Mk. 6. Lud. Richter: Christenfreude in Lied und Bild, Leipzig, Dürr, Mk. 4,50. Paul Gerhardt: Geistliche Lieder (in verschiedenen Ausgaben,). ZurFörderungderKenntnißund Erkenntniß des Christ en- thums dienen z. B.: Uhlhorn: Kampf des Christenthums mit dem tzeidenthum, Stuttgart, Gundert. Mk. 4. Baum: Kirchengeschichte für das evangelische Haus, München, Beck, prachtvoll illustrirt, Mk. 14. Sell: Aus Religions- und Kirchengeschichte Mk. 4. — Kirchengeschichte in Vorträgen Mk. 4. Rade: Luther's Leben, Thaten und Meinungen, 3 Bände, Neusalz, Oeser, Mk. 18. Blaikie: Leben Livingstones. Bornemann: Unterricht im Christenihum. Für Mädchen fei noch ganz besonders empfohlen: Amalie Sieveking: An meine jungen Freundinnen, Mk. 1,50. Für gereistere auch: Wiese: Euphrosyne, Mancherlei Frucht zur Geistesnahrung weiblicher Jugend, Berlin, Wiegand und Grieben, Mk. 4. Aus weiterem Kreise wären zu nennen: Freytag: Bilder aus der deutschen Vergangenheit, Leipzig, Hirzel, Mk. 34,25, auch in einzelnen Bänden. Gedichte von Uhland, Geibel, (für Knaben, bes. „Juniuslieder" und „Heroldsrufe") und der treffliche „Christoforus" vom Rocholl. Für musikalisch Gebildete eignet sich unser neues Choralbuch, auch die schöne Sammlung „Geistliche Lieder", Herausgegeben von Dr. Kretzschmar, Leipzig, Grünow, Mk. 7 und 12. Zugleich möchte ich hier auf die schöne Ausgabe des Gesangbuchs mit Noten Hinweisen und seine Anschaffung recht empfehlen. Ein besonders schönes Geschenk sind immer Bildwerke. Das Beste vom Besten bleiben immer die köstlichen Werke von Ludwig Richter, sein „Vaterunser" „Sonntag", „Unser täglich Brot", „Die vier Jahreszeiten", „Neuer Strauß für's Haus" re. (Mk. 4—12). Sinnigeres, gemüthvolleres und zugleich reizvolleres hat unsere deutsche Kunst kaum hervorgebracht. Leider sind sie in ihrem bescheidenen Holzschnittgewand durch die ausdringlichen modernen Prachtwerke zu sehr in den Hintergrund geschoben worden. Aber während man dieser bunten Eintagsfliegen bald überdrüssig wird, kehrt man immer wieder von Neuem zu Richter zurück, und entdeckt darin immer neue Tiefen. Neben-ihm seien noch die beiden Werke von Hofmann:. „Gedenke mein" und „Kommt zu mir" (Breslau, Wiskott, je 25 Mk.) genannt, die zwar etwas weich, aber von weihevoller Schönheit sind. Möchten auch die Herren Buchhändler vorstehenden Empfehlungen freundliche Beachtung schenken und dadurch dazu beitragen, daß mehr und mehr gute Bücher zur Mitgabe für unsere Confirmanden gewählt werden. Gießen, den 23. Februar 1893. Gg. Schlosser, Pfarrer. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.