Nnterchaltrrngsblatt 311m Gieszenev Elnzeigev (Geneval-Anzeigev) 1893 Donnerstag, den 27. Juli. Der Staatsanwalt. Novelle von Wolfgang Hellmuth. (Fortsetzung.) Beim Aufbruch wollte ihm der junge Arzt sogar durchaus seine Begleitung für den Heimweg aufdrängen; aber der Staatsanwalt lehnte dies Anerbieten mit Bestimmtheit ab und nach einem kurzen, zärtlichen Abschied von seiner schönen Braut verließ er als der letzte der Gäste das Haus des Professors. Der Weg, welchen er einschlagen mußte, um nach seiner in einem anderen Viertel der Stadt gelegenen Wohnung zu gelangen, führte zunächst an dem ausgedehnten Garten des Gymnasiums, welches früher Jahrhunderte hindurch als Kloster gedient hatte, vorüber. Hier, wo die Straße zur Rechten von dem Fluffe und zur Linken von der Mauer des Klostergartens begrenzt wurde, herrschte in der vorgerückten nächtlichen Stunde tiefste Einsamkeit und Stille. Auch die Beleuchtung war nur eine kümmerliche und der Staatsanwalt, der überdies in seinen glückseligen Gedanken dahinwandelte wie in einem schönen Traum, nahm nichts davon wahr, daß sich bei seiner Annäherung eine lange, dunkle Gestalt hinter einen Pfeiler des hohen Gartenthores schmiegte, um ihm dann in kurzer Entfernung mit den geräuschlosen Schritten einer Katze nachzufolgen. Erst als sie da, wo die Parkmauer einen scharfen Winkel bildete, die dunkelste Stelle der ganzen Wegstrecke erreicht hatten, überholte der Verfolger mit einigen langen Schritten den ahnungslosen Staatsanwalt und vertrat ihm, indem er sich direct vor ihn hinpflanzte, den Weg. „Guten Abend, mein Herr!" hörte der überraschte Rode- waldt die Stimme des Doctors Julius Sttrner an sein Ohr schlagen. „Oder muß man nicht vielmehr schon sagen: Guten Morgen? Sie haben sich allem Anschein nach da oben vortrefflich unterhalten, daß ich genöthigt war, hier unten so lange auf Sie zu warten." Nur für einen Moment war der Staatsanwalt durch das Unerwartete der Begegnung in leichte Bestürzung versetzt worden; noch ehe der Andere mit seiner höhnischen Anrede zu Ende gekommen, hatte er seine kaltblütige Ruhe vollständig zurückgewonnen. „Gehen Sie mir aus dem Wege!" befahl er kurz. „Ich habe nichts mit Ihnen zu schaffen." „Ich aber wünsche mit Ihnen zu reden, mein Herr Staatsanwalt! — Und damit Sie mir nicht wieder entschlüpfen wie beim ersten Mal, habe ich mir diese hübsche Stelle dafür ausgesucht. Hier werden wir ganz ungestört sein, und auch von den Schutzleuten, für die Sie eine so besondere Vorliebe haben, wird uns hier keiner incommodiren." „Noch einmal: Geben Sie mir den Weg frei!" donnerte ihm Rodewaldt zu. „Oder beim Himmel! Sie sollen erfahren, wie man mit Strauchdieben und Wegelagerern umgeht." Die Thatsache, daß dieser widerwärtige Geselle sich nun schon zum zweiten Mal mit dreister Unverschämtheit mitten in seine holdesten Phantasien zu drängen wagte, erhitzte das Blut des sonst so ruhigen Mannes zu stürmischer Zorneswallung, und schon während der letzten Worte hatte seine rechte Hand sich unwillkürlich zur Faust geballt. Aber der Andere nahm entweder nichts von diesen drohenden Anzeichen wahr oder er glaubte sich dem Staatsanwalt auch körperlich überlegen. „Wähnen Sie, daß ich eine halbe Nacht geopfert hätte, nur um Ihnen im Vorbeigehen einen guten Abend zu wünschen?" höhnte er weiter, ohne sich von der Stelle zu rühren. „Ich denke vielmehr, mich recht gründlich mit Ihnen auszusprechen und zwar in Ihrem eigenen Interesse, damit Sie künftig wissen, wie wenig mit mir zu spaffen ist. Sie haben meine letzte Warnung in den Wind geschlagen, — Sie sind diesem hübschen Frätzchen zuliebe, das nun einmal nicht für Sie oder Ihresgleichen bestimmt ist —" Weiter kam er nicht, denn ein wuchtiger Faustschlag, der ihn mitten in's Gesicht getroffen, machte ihn mit einem Aufschrei der Wuth und des Schmerzes gegen die Gartenmauer zurücktaumeln. Der Weg war frei und Bernhard Rodewaldt ging weiter, ohne seinen Schritt zu beschleunigen und ohne nur einen einzigen Blick nach seinem Feinde zurückzuwerfen. Wohl mußte er darauf gefaßt sein, daß Stirner ihm folgen würde, um auf der Stelle Rache zu nehmen für den schweren, tödt- lichen Schimpf, der ihm widerfahren, und er lauschte denn auch aufmerksam jedem Geräusch hinter seinem Rücken, um auf einen etwaigen Angriff vorbereitet zu sein. Aber es blieb Alles still und unangefochten erreichte der Staatsanwalt eine Viertelstunde später seine Wohnung, fest überzeugt, daß ein Gezüchtigter, der nicht den Muth gehabt hatte, auf der Stelle seine Genugthuung zu nehmen, schwerlich noch einmal wagen würde, ihn durch die Wiederholung einer dreisten Provocation zum Zorn zu reizen. Doctor Ernst Hallenstein hatte eben den Rundgang durch seine Krankenstation im städtischen Hospital beendet, als einer der Wärter ihm meldete, daß im Sprechzimmer ein Herr sei, der ihn in dringender Angelegenheit zu consultiren wünsche. Etwas zaghaft und mißtrauisch, denn seit einiger Zeit wurde er von seinen Gläubigern auch bis hierher verfolgt, leistete der — 346 — junge Arzt dem Rufe Folge; aber seine besorgte Miene hellte sich wieder auf, als er in dem Wartenden den Doctor Julius Stirner erkannte. Er hatte früher, als der ehemalige Rechtsanwalt noch im Hause seines Vaters verkehrte, auf einem ganz guten Fuße mit ihm gestanden, und er huldigte viel zu toleranteren Anschauungen, als daß er infolge der öffentlich gebrandmarkten Handlungsweise des Advocaten mit einem Schlage alle Sympathien für ihn hätte verlieren sollen. Es war darum durchaus keine Heuchelei, als er dem Anderen zum Gruße feine Hand entgegenstreckte und ihm versicherte, daß er sehr erfreut sei, ihn wiederzusehen. Stirner lächelte eigenthümlich; aber er wies die dargebotene Hand nicht zurück und sagte in einem sehr höflich klingenden Tone: „Ich höre, daß man Ihnen zur Verlobung Ihrer Schwester gratuliren darf, Herr Doctor? Oder ist es noch nicht gestattet, darüber zu sprechen?" Ernst Hallenstein war von Stirners Absichten auf die Hand Elftiedens entweder gar nicht unterrichtet gewesen oder die Erinnerung daran mußte ihm wieder entfallen sein, denn er würde sonst schwerlich so unbefangen und mit so lebhafter Befriedigung geantwortet haben: „O gewiß! — Wenn auch die öffentliche Bekanntmachung noch nicht erfolgt ist, brauchen wir doch aus einem so frohen Ereigniß durchaus kein Hehl zu machen — am wenigsten unseren Freunden gegenüber, bei denen wir auf eine gewisse freudige Antheilnahme hoffen dürfen." Der ehemalige Rechtsanwalt kniff die Lippen zusammen und in seinen scharfen grauen Augen glitzerte es tückisch. „Es ist zwar sehr liebenswürdig, Herr Doctor Hallenstein, daß Sie mich noch immer zu den Freunden Ihrer Familie zählen; aber ich darf diese Ehre doch wohl nur mit einer kleinen Einschränkung für /mich in Anspruch nehmen. Es hat nicht den Anschein, als ob auch von Ihren Angehörigen irgend welcher Werth auf diese meine Freundschaft gelegt würde." Der Arzt wurde verlegen und murmelte etwas von Miß- verständniflen und unbedeutenden Verstimmungen, die sich gewiß leicht wieder beseitigen ließen. Die Art und Weise des ehemaligen Rechtsanwalts wollte ihm heute gar nicht gefallen und er dachte insgeheim bereits über einen Vorwand nach, um ihn auf gute Manier wieder los zu werden. Doctor Stirner aber weidete sich eine kleine Weile an seiner Verwirrung, um dann plötzlich in merklich verändertem Tone zu sagen: „Uebrigens — wie auch immer es um unsere Freundschaft aussehen mag — ich würde jedenfalls den armen Kranken Ihre unschätzbare ärztliche Kraft nicht entzogen haben, nur um Ihnen meine Glückwünsche abzustatten. Der eigentliche Zweck meines Kommens ist ein anderer, rein geschäftlicher, siir deffen Erledigung wir also unsere ehemaligen persönlichen Beziehungen ganz aus dem Spiele lassen können." Keine andere Ankündigung hätte dem jungen Doctor so unbehaglich sein können als diese. Wenn irgend Jemand mit ihm von „Geschäften" redete, so lief es doch nie auf etwas Anderes hinaus, als auf feine Schulden und es war begreiflich genug, daß dies Thema nicht zu den erfreulichsten für ihn gehörte. Obwohl er nicht recht begriff, in welchem Zusammenhang die Person des Doctor Stirner mit einer seiner unerledigten Zahlungsverpflichtungen stehen könnte, hatte er doch bei der eigenthümlichen Beschaffenheit seiner Verbindungen nach dieser Richtung hin schon so merkwürdige Dinge erlebt, daß er sich im Stillen auf die unangenehmsten Eröffnungen gefaßt machte und das Lächeln etwas verzerrt ausfiel, mit welchem er erwiderte: „Ein Geschäft? — Sie sehen mich außerordentlich gespannt, denn hoffentlich wird es doch ein gutes Geschäft sein, das Sie mir vorzuschlagen haben?" Doctor Stirner zuckte mit den Achseln, und indem er ein Portefeuille aus der Tasche zog, sagte er: „Ich habe da vor zwei Tagen von einem Herrn, der mir eine bestimmte Summe schuldete, einen Wechsel in Zahlung erhalten, auf welchem Ihr Name als derjenige des Acccptanten figurirt. Da meine Ver- mögensverhältniffe mir nicht gestatten, derartige Papiere bis zum Fälligkeitstage liegen zu lassen, so wollte ich den Wechsel gestern weiter begeben; aber der Bankier, bei welchem ich ihn zu discontiren versuchte, lehnte die Honorirung ab unter einer sehr merkwürdigen Begründung Er behauptete nämlich, daß ihm die Unterschrift des Stadtraths Werkenthin, welche außer der Ihrigen auf dem Wechsel steht, verdächtig erscheine und er nahm wenigstens das Recht in Anspruch, das Papier dem Stadtrath, mit welchem er seit Jahren in geschäftlicher Verbindung steht, zunächst zur Anerkennung vorlegen zu dürfen. Ich hätte ihm die Erlaubniß dazu ja nun ohne Weiteres er* theilen können; aber ich nahm an, daß Ihnen eine derartige Belästigung Ihres Herrn Onkels vielleicht unangenehm sein könnte und daß Sie es möglicherweise vorziehen würden, durch eine sofortige Einlösung Ihres Accepts derselben vorzubeugen." Indem er sich den Anschein gab, als ob er unter seinen Papieren nach dem Wechsel suche, hatte er es vermeiden können, dem Arzte in's Gesicht zu sehen, und es war vielleicht eine Anwandlung von Mitleid gewesen, welche ihn zu dieser kleinen Rücksicht bestimmt hatte. Denn unmöglich konnte von dem Antlitz eines Verbrechers das Bekenntniß seiner Schuld deutlicher zu lesen sein, als es sich während der kurzen, int nüchternsten Tone vorgebrachten Eröffnung des ehemaligen Rechtsanwalts in den Zügen Ernst Hallensteins ausgeprägt hatte. Jeder Blutstropfen schien aus feinen Wangen gewichen; selbst seine Lippen hatten sich bläulich verfärbt und wie in tödtlicher Angst traten feine Augen weiter aus ihren Höhle» hervor. Wiederholt hatte er den Mund geöffnet, als ob er den Redenden unterbrechen wolle; aber es war kein Laut vernehmlich geworden und feine Brust arbeitete mühsam, wie wenn es ihm an Athem zum Sprechen fehle. Nun, da er unabweislich ge- nöthigt war, eine Antwort zu geben, stieß er in hastigen, ab* gerissenen Worten hervor: „In der That — allerdings — der Wechsel darf unter keinen Umständen meinem Oheim vorgelegt werden! — Aber ich begreife nicht, Herr Doctor, wie er überhaupt in Ihre Hände kommen konnte. Ignaz Barteck hatte sich mir gegenüber ausdrücklich verpflichtet, daß das Papier bis zum Zahlungstage in feinem Gewahrsam bleiben würde. Wenn er es trotzdem weiter gegeben hat, so hat er sein Wort gebrochen und hat an mir nicht wie ein ehrlicher Mann gehandelt." Doctor Stirner machte sich noch immer mit seiner Brieftasche zu schaffen. „Ich habe keine Veranlaffung, den Mann zu vertheidigen," sagte er sehr gleichmüthig, „denn seine Charaktereigenschaften sind mir gänzlich unbekannt. Jedenfalls aber war er nach kaufmännischen Begriffen vollkommen berechtigt, Ihr Accept in Zahlung zu geben, und es unterliegt keinem Zweifel, daß etwaige mündliche Verabredungen zwischen Ihnen und ihm für die späteren Besitzer des Wechsels keinerlei Verbindlichkeit haben können. Schließlich ist das Unglück, daß das Appoint in Umlauf gekommen ist, für Sie doch auch nicht so groß. Ich für meine Person zweifle ja natürlich keinen Augenblick, daß es mit der Überschrift Ihres Onkels seine volle Richtigkeit hat, und es war gewiß nur ein fataler Zufall, daß der alte Herr gerade bei dieser Gelegenheit seinen Namen etwas anders geschrieben hat, als es sonst seine Art ist. Eine einfache Anerkennung dieser Thatsache von seiner Seite würbe genügen, um alle Bedenklichkeiten meines Bankiers zu zerstreuen, und ich halte es für sehr wahrscheinlich, daß der Wechsel dann bis zur Fälligkeit ruhig in dem Geldschranke desselben verbleiben wird. Es ist also durch den angeblichen Wortbruch des Herrn Barteck an der Lage der Dinge für Sie kaum etwas geändert worben." Ernst Hallenstein war an das Fenster des Sprechzimmers getreten und hatte feine fieberheiße. Stirn an die kalte Glasscheibe gepreßt. In seinem Kopfe schwirrte und brauste es, so daß er die Worte des Anderen nur wie aus weiter Ferne vernahm, und die tollsten, abenteuerlichsten Ideen jagten sich in seinem Gehirn. Aber trotz seiner wahnwitzigen Aufregung hatte er doch noch Verstand genug, um zu erkennen, daß von den verzweifelten Auskunftsmitteln, welche ihm da in den Sinn kamen, kein einziges wirklich durchführbar war. Und da es für den Augenblick keine Rettung gab, wenn nicht in dem Versuche, Zeit zu gewinnen, so wandte er sich nach einem kurzen Schweigen dem ehemaligen Rechtsanwalt wieder zu und sagte mit einer gewaltigen Anstrengung, ruhig und gleichmüthig zu erscheinen: „Es ist richtig — die Sache hat für mich kaum eine practische Bedeutung, und nur das wenig ehrenwerthe Verhalten jenes Herrn Barteck ist es, das mich verdrießt. Ich wünsche indessen, wie gesagt, aus gewissen besonderen Gründen sehr dringend, daß meinem Oheim der Wechsel nicht zur Anerkennung vorgelegt werde. Ich werde es wahrscheinlich vorziehen, ihn alsbald einzulösen, und ich darf wohl mit einiger Sicherheit darauf rechnen, daß Sie mir in Anbetracht unserer fteundschaftlichen Beziehungen durch die Gewährung einer kleinen Frist entgegenkommen werden." „Wenn es sich dabei nur um wenige Stunden handelt — gewiß! Etwas Weiteres aber vermag ich leider nicht zu thun, denn auch ich bin des Geldes sehr dringend benöthigt. Ich hoffe, den Wechsel bis morgen früh um neun Uhr zu Ihrer Verfügung halten zu können, aber ich bitte Sie in Ihrem eigenen Interesse dringend, diese Stunde nicht zu versäumen, da ich völlig außer Stande sein würde, länger zu warten." Ein Krankenwärter erschien mit der Meldung, daß der Oberarzt Herrn Doctor Hallenstein im Operationszimmer erwartete, und da der unglückliche junge Mann wußte, daß es sich um einen besonders schweren Fall handele, durfte er nicht zaudern, der erhaltenen Weisung Folge zu leisten. Obwohl er auch nicht die geringste Möglichkeit sah, sich innerhalb eines Zeitraumes, der nur nach Stunden bemessen war, eine so bedeutende Summe zu verschaffen, wollte er doch nicht durch ein Eingeständniß dieser Unmöglichkeit selbst die kurze Galgenfrist, welche Stirners Großmulh ihm gewährt hatte, wieder auf's Spiel setzen, und so sagte er, indem er dem Doctor wie seinem besten Freunde zum Abschied die Hand drückte, mit fliegendem Athem: „Ich werde bis neun Uhr bei Ihnen sein — verlassen Sie sich darauf! Und wir werden die Sache alsdann erledigen, wie es sich unter Freunden geziemt." Als er einige Minuten später den Operationssaal betrat, hatte er selber ganz das Aussehen eines Schwerkranken; die Füße drohten ihm den Dienst zu versagen, und er mußte wiederholt mit der Hand nach irgend einer Stütze greifen, weil er einen heftigen Anfall von Schwindel verspürte. Der Oberarzt, der sonst eine gute Meinung von ihm hatte und seine Geschicklichkeit sehr hochschätzte, sah ihn verwundert an. »Ist Ihnen nicht wohl, Herr College? ' fragte er. „Sie sehen übel aus und Ihre Hände zittern. Wäre es Ihnen vielleicht erwünscht, daß ich einen der anderen Herren ersuchen lasse, mir zu afststiren?" Ernst Hallenstein, der unter dem prüfenden Blick des Anderen die peinigende Empfindung hatte, der erfahrene Menschenkenner müsse ihm das schlechte Gewissen vom Gesicht ablesen, nahm all' seine Willenskraft zusammen, um die Anwandlung zu überwinden. Auch war er als Arzt nicht ohne Ehrgeiz, und er hatte noch vor einer Stunde gehofft, sich gerade bei dieser schwierigen und seltenen Operation besonders hervorthun zu können. So lehnte er das gutgemeinte Anerbieten seines wohlwollenden Gönners ab und bereitete sich hastig darauf vor, seine verantwortungsvolle Pflicht zu erfüllen. Der Patient wurde in eine Chloroformnarkose versetzt ; aber als Doctor Hallenstein dem Oberarzt eben die erste Handreichung thun wollte, ließ derselbe das bereits angesetzte Messer wieder sinken und sagte in sehr ernstem, fast strengem Ton: »3ch muß auf Ihren Beistand verzichten, Herr College, denn hier steht das Leben eines Menschen auf dem Spiel! Sie sind krank und ich rathe Ihnen dringend, sich nach Hause zu begeben." Er winkte einen der anderen im Operationssaale an- wesenden Aerzte des Krankenhauses zu sich heran und Ernst Hallenstem ging mit gesenktem Haupte davon, wie wenn ihm der schwerste Tadel zu Theil geworden wäre. Planlos und ziellos irrte er wohl eine Stunde lang in den Straßen umher, tausend abenteuerliche Pläne in seinem Kopfe wälzend und jeden von ihnen doch als unausführbar in trüber Hoffnungslosigkeit wieder verwerfend. Mit schmerzenden Schläfen und zitternden Knieen stieg er endlich die Treppe zur Wohnung des Herrn Ignaz Barteck empor; aber die würdige Gattin des Patriarchen empfing ihn mit der niederschmetternden Eröffnung, daß ihr Gemahl gestern eine kleine Erholungsreise angetreten habe und vor Ablauf einer Woche keinesfalls zurückerwartet werden dürfe. So war denn auch diese letzte schwache Aussicht auf Rettung in Nichts zerstoben und die Barmherzigkeit der Doctor Julius Stirner bildete die einzige Hoffnung, welche den unglücklichen jungen Mann noch mit dem Leben verband. Denn er war fest davon überzeugt, daß er seinem schmachbedeckten Dasein freiwillig ein Ende machen müsse, wenn es ihm nicht gelang, das Mitleid des Rechtsanwalts zu erwecken und die Gefahr einer Entdeckung von sich abzuwenden. Aber er sagte sich, daß er seinen Besuch bei Stirner nicht bis zum folgenden Morgen aufschieben dürfe, sondern daß er auf der Stelle versuchen müsse, wenigstens einen längeren Aufschub zu erlangen. In den elegant ausgestatteten Räumen seines Bureaus fand er den Doctor nicht anwesend; man wies ihn vielmehr in die Privatwohnung desselben, und eine endlos lange, qualvolle halbe Stunde mußte er hier im Vorzimmer wartend zu- bringen, ehe es Julius Stirner gefiel, ihn zu empfangen. Ein einziger Blick in das Antlitz des Besuchers genügte dem menschenkundigen Advocaten, um ihn zu überzeugen, daß Doctor Hallenstein nicht gekommen sei, seinen Wechsel einzulösen, und er würde ihm ja auch wahrscheinlich jene Frist nicht zugestanden haben, wenn er nicht durch seine Kundschafter zuverlässig davon unterrichtet gewesen wäre, daß es für den jungen Arzt keine Hülfsquellen mehr gab, aus denen er so beträchtliche Summen hätte schöpfen können- Schweigend hörte er das mit fast versagender Stimme vorgebrachte Anliegen des Doctors an; aber mit ernster Miene schüttelte er, als Jener geendet, den Kopf. „Es ist unmöglich," sagte er kurz, „und wir wollen nicht erst viele unnütze Worte darüber verlieren. Ihr Herr Onkel wird sich die kleine Unbequemlichkeit nun schon wohl oder übel gefallen lassen müssen." Er legte einen Briefbogen vor sich hin und rückte seinen Schreibstuhl zurecht wie Jemand, der einem lästigen Besuch deutlich zu verstehen gegeben, daß seine Zeit anderweitig in Anspruch genommen sei. Ernst Hallenstein drehte an den Enden seines Schnurrbarts, ohne zu wissen, was er that. Vor seinen Augen begann es zu flimmern, die Umrisse der im Zimmer befindlichen Gegenstände lösten sich in einem unbestimmten Nebel auf und in diesem Nebel nahm er als einzig unveränderlich nur das blasse Gesicht des ehemaligen Rechtsanwalts mit seinem schrecklich gleichmüthigen, unbarmherzigen Ausdruck wahr. Er zermarterte sein Gehirn, um einen noch innigeren, rührenderen Ausdruck heißen Flehens zu finden; aber er hatte schon vorhin oll' seine Beredsamkeit erschöpft, und als er nun Julius Stirners Feder über das Papier dahinkreischen hörte — ein unzweideutiges Zeichen, daß Jener die Unterredung als beendet und die Angelegenheit als abgethan betrachte, da übermannte ihn die Verzweiflung, und in seiner Rathlosigkeit griff er zu dem Aeußersten, das er in der gegenwärtigen Sage noch zu thun vermochte- „Sie — Sie dürfen nicht zu dem Stadtrath gehen!" keuchte er mit heiserer, klangloser Stimme. „Er würde feine Unterschrift nicht anerkennen — er kann sie nicht anerkennen, denn — denn sie ist nicht von seiner Hand." Stirner schrieb den begonnenen Satz ruhig zu Ende, und dann, nachdem er feinen Brief noch einmal gemächlich überflogen, wandte er sich sehr gelassen gegen Ernst Hallenstein. Mas sagten Sie da? — Ich habe doch wohl nicht ganz richtig gehört. Sie sprachen von einer Unterschrift des Stadtraths, die gar nicht feine Unterschrift fei. Ist das ein Scherz oder habe ich Sie irgendwie mißverstanden?" „Nein — Sie verstanden mich recht. Ich — selbst habe dm Namen meines Onkels auf den Wechsel gesetzt." == 348 — „Mit seiner Einwilligung natürlich! — Nun, das ist zwar nicht ganz correct; doch wenn es auf Veranlassung des Herrn Stadtraths geschehen ist —" „Aber so begreifen Sie mich doch endlich, bester, theuerster Freund! — Nicht auf seine Veranlassung und mit seiner Ein» willigung, sondern aus eigenem Antrieb und ohne sein Wissen habe ich mich zu jener unglückseligen Handlung hinreißen lassen. — Ich gebe mich diesem Geständniß auf Gnade oder Ungnade in Ihre Hände; denn ich weiß ja, Sie werden mich nicht verderben!" (Fortsetzung folgt.) Gemeinnütziges« Die Feinde des spielende« Kindes. In der Kinderstube und im Freien läuft das Kind beim Spielen allerlei Gefahren, da es unbedachtsam Alles berührt und in den Mund oder die Ohren steckt, was ihm zur Hand liegt- Einige Verhaltungsmaßregeln, die Harriet Friedeberg veröffentlicht hat (Berlin, Max Posch), werden daher den Eltern willkommen sein: Stecknadel oder scharfen Gegenstand verschluckt. Gib dem Kinde eine harte Brodrinde oder rohes Eiweiß zu schlucken. (Keine Abführmittel.) — Münze verschluckt. Wenn die Münze im Hals stecken bleibt und nicht mit den Fingern zu erreichen ist, halte das Kind an den Füßen herunterwärts und gib kurze Schläge auf den Rücken zwischen den Schultern. Wenn dies mißlingt, gib Rtcinusöl. — Erbse oder Brod im Ohr. Versuche auf keine Weise den Fremdkörper, zu entfernen, sondern warte, bis der Arzt kommt oder das Kind zu ihm gebracht wird. Es ist ungefährlicher, den Fremdkörper einige Stunden im Ohr zu laffen, ohne ihn zu berühren, als vergebliche Versuche mit unkundiger Hand vorzunehmen. — Fremdkörper im Auge- Nicht reiben! Ziehe vorsichtig das untere Lid vom Augapfel ab. Siehst du den hineingeflogenen Gegenstand, so versuche, ihn mit dem Zipfel eines reinen Taschentuches fortzufischen. Siehst du ihn nicht, so ziehe das obere Lid vorsichtig über das untere, wobei sich der Fremdkörper leicht abstreift. Wische stets von dem äußeren zum inneren Augenwinkel. Ist der Körper entfernt, so mache Umschläge mit kaltem Wasser (Bleiwasser). Ist der Fremdkörper nicht entfernt, so mache kalte Umschläge, bis der Arzt kommt, und quäle das Kind nicht unnütz. — Gegenstände in der Nase. Bohre und stochere nicht! Eine Prise Schnupftabak in den anderen Nasenflügel bringt ihn gewiß zum Vorschein. — Käfer im Ohr. Lege das Kind mit dem leidenden Ohr nach oben und träufele mit einem Thee- löffel warmes Wasser hinein, der Käfer wird zur Oberfläche steigen. Rühre das Ohr sonst nicht an. * * • Zur Vertilgung des Schimmels in Kellern eignet sich sehr gut der ungelöschte Kalk. Derselbe wird in der Form eines feinen Pulvers mittels eines Blasebalges an die Wandungen des Kellers und in die Fugen und Ritzen ge- blasen oder auch mit der Hand gestreut. Die Wände müssen feucht sein; trockene Keller werden zuvor tüchtig angenetzt. Der Kalk löscht sich und tödtet hierbei alle Organismen. Am fol- genden Tage läßt man die Wände, die dann wenigstens zwei Jahre schimmelfrei bleiben, abwaschen. ♦ ♦ ♦ Griesmehlklötze. 1 Liter Milch, 1 Pfund feines Griesmehl, ein etdick Butter, etwas Citronenfchale, vier bis fünf Eier. Die Milch wird mit der Butter und etwas Salz gekocht, alsdann unter stetem Umrühren das Griesmehl hinein- gethan, bis es ganz trocken geworden. In diese erkaltete Masse gibt man die Eier und die Citronenfchale und sticht mit einem Löffel Klöße aus, die man in Salzwasser 10 Minuten kochen läßt. Beim Anrichten etwas gebräunte Butter darüber gegeben, bilden sie mit Backobst oder Eingemachten eine angenehme Speise. Vermischtes« Speise« als Ursache« vo« Hautausschlägen. Schon der größere Blutreichthum und das erhöhte Wärmegefühl in der äußeren Haut nach einer guten Mahlzeit ruft im Ge. sicht eine frischere Farbe hervor und läßt eine Abhängigkeit zwischen dem Füllungszustande der Blutgefäße der Bauchhöhle und denen der Haut erkennen. Aber wie manche Arzneimittel, z. B. Antipyrin, Chinin, Bromkalium, Jodkalium u. s. ro., sobald sie im Blut kreisen, auf der Haut Ausschläge Hervorrufen, so geben auch bestimmte Speisen und Getränke bei einzelnen Personen Anlaß zum Ausbruch von Neflelausschlag (Urtikaria), Rötheln und anderen Hautleiden. Man kann diese auffällige und ost sehr lästige Erscheinung nur als die Wirkung einer rein reflectorischen Nervenreizung erklären, wie sie am häufigsten durch Reizung der Geschmacksnerven und des Verdauungscanals bedingt wird, da manche Personen gegenüber bestimmten Speisen und Getränken eine derartige Empfindlichkeit zeigen, daß nicht selten, wenn der Stoff bloß in den Mund gebracht wird, schon Nesselsucht auftritt, ohne daß inzwischen das Geringste davom in die Körpersäfte übergegangen sein kann. Es gibt eine ganze Reihe von Speisen, die regelmäßig oder zeitweise Nesselausschlag veranlassen können, so z. B. Erdbeeren, Himbeeren, Johannisbeeren, Fische aller Art, besonders Seefische, Hummern, Austern, Krebse, Schnecken, Würste, Schinken, Champagner, Schweinefleisch, manche Sorten Käse, Gefrorenes u. s. w. Ekel und Einbildung tragen an dieser Wirkung nicht immer die Schuld, da auch in Fällen, wo man Jemandem ohne sein Wissen eine Speise beibringt, gegen die er empfindlich ist, doch die Erscheinung zum Vorschein kommen kann. Neben dieser Empfindlichkeit der Gefäßnerven, die auf reflec- torische Erregung oder auf einen bestimmten chemischen Reiz in so eigenartiger Weise reagiren, können auch im Verdauungscanal Mikroben und Fermente vorhanden sein, welche aus den Speisen Gifte bilden, die in der angedeuteten Weise wirksam sind. Auffallend ist ja, daß derartige Erscheinungen aus ber Haut mit Vorliebe bei Personen auftreten, die an gestörter Verdauung leiden, bei denen Gährungen oder übermäßige Säurebildungen im Magen fehlerhafte Verdauungsproducte liefern. Einen interessanten Fall in dieser Hinsicht beobachtete Dr. Pick in Wien. Jemand bekam jedesmal nach dem Genuß von Kartoffeln und eingemachtem Obst Nesselausschlag, der nach dem Genuß dieser Speisen mit der allergrößten Gewißheit vorausgesagt werden konnte. Das Leiden bestand schon seit sechs Jahren und trotzte jeder Behandlung. Von dem Gesichtspunkte ausgehend, daß hier fremde Fermente mit im Spiele seien, versuchte Dr. Pick durch Verabreichung eines gährungs- widrigen Mittels (0,05 Gramm Kreosot) den Ausbruch der Utikaria zu verhüten. Dies gelang in der That und der Kranke konnte bei Gebrauch von 0,05 Gramm dreimal täglich seine Lieblingsspeisen (Kartoffeln und eingemachtes Obst) ungestraft genießen. Als nach einer Woche das Kreosot probeweise ausgesetzt wurde, trat der Neflelausschlag wieder aus, um nach Anwendung des Mittels wieder zu verschwinden. Und so zeigte sich nach mehr oder weniger langen Zwischenräumen das Kreosot namentlich in etwas größeren Gaben gegen eine Wiederkehr des Leidens wirksam; und wie Kreosot dürsten auch andere gährungswidrige Mittel wirken. Einen weiteren eigenartigen Fall beobachtete Dr. Pick noch bei Rekruten, die in großer Zahl von Furunkulose befallen wurden, welche nur darauf zurückgesührt werden konnte, daß die Leute früher nur äußerst selten Fleisch und fast ausschließlich Pflanzenkost genoffen hatten. Immer unschuldig. Weib: „Es ist doch ein Kreuz mit Dir, daß Du jedesmal der Letzte sein mußt, der aus dem Wirthshaus heimgeht." — Mann: „Heiliges Kanonenrohr, was kann ich dafür, daß jedesmal alle anderen Leute vor mir heimgehen I" Redaktion: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen.