---^.ijj^., _~.._■ jf,< i,... - .-r_r~-i~~ — i i| _ T:r'7' -...,- ;-^;_:3..J '"- • — r:-^-—ac*e^»»^— .»■___ r - Ä^D 1893. Nr. 61 "e^Ss/5 c_^g--h—@xs *■ Untevhaltttngsblatt zrrin Gietzenee Anz-igev sGenepal-AnzeiKev) H a Samstag, den 27. Mai. Das große Loos. Original-Novelle von Leo Werner. (Fortsetzung). „Wo ist aber Herr Malten?" riefen einige der Ungeduldigsten. „Hier bin ich schon I" erklang eine sonore Stimme von Weitem und Ludwig Malten schritt eilig herbei, ein Schriftstück in der Hand haltend. „Guten Morgen, meine Herren!" sagte er höflich und lüftete den Hut. „Herr Hülsemann ist durch Krankheit verhindert, vor Ihnen zu erscheinen, das große Unglück hat seine Gesundheit erschüttert und er hrt mich infolge besten bevollmächtigt, ihn in allen seinen Angelegenheiten zu vertreten. Hier ist die Generalvollmacht, falls einer der Herren sich davon durch die notarielle Urkunde überzeugen will." „Schon gut, schon gut," meinten die Gläubiger im Chor, „aber welche Eröffnungen haben Sie uns zu machen, Herr Malten?" „Meine Herren! Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß Herr Hülsemann nicht durch eigene Schuld, sondern durch ein großes Unglück in eine schlimme Vermögenslage gekommen ist und wir haben es auch nicht nöthig, uns lange darüber zu unterhalten, weshalb Sie hier sind. Sie wollen sich über die Lage des Bergwerks unterrichten und Sie möchten Alle sobald als möglich Ihre Forderungen bezahlt oder garantirt haben." „Jawohl! Natürlich!" erscholl es aus dem Kreise der Gläubiger. „Nun, so will ich Sie erst in das Bergwerk und an das Kohlenlager führen, damit Sie sehen, welch' ein Unglück hier gewüthet hat und damit Sie mit den Verhältnissen zu rechnen lernen," erklärte Ludwig Malten ruhig. „O, diese Belehrung ist nicht nöthig!" riefen einige der schlimmsten Dränger. „Wir sahen und hörten davon schon genug und wollen jetzt unser Geld oder entsprechende Sicherstellung." „Dies geht nicht so schnell, wie Sie wünschen," bemerkte Ludwig mit einem bitteren Lächeln, „denn wenn der Blitz über Nacht in Ihren Geldschrank schlägt und die Banknoten ver- mchtet und dar Gold beschädigt, so können Sie auch am anderen Morgen nicht zahlen. In einer solchen Lage befindet « i. t A^inann. Also darf ich wohl erwarten, daß Sie Geduld haben und um Ihnen zu beweisen, daß Sie Geduld haben müssen, will ich Ihnen die Zerstörung in dem Bergwerke und das verschüttete Kohlenlager zeigen." Ludwig rief den Obersteiger Krützner, sowie zwei Bergleute herbei, und lud die Gläubiger, sowie die Herren Künne« mann und Leixner zur Einfahrt in die Grube ein. Nur zögernd und zaghaft schloffen sich die meisten der Gläubiger der Fahrt in das dunkle Bergwerk an und Ludwig sowie der Obersteiger Krützner mußten sie unten in den Schachten förmlich vorwärts drängen. Nach einer halben Stunde standen sie vor den in grausiger Tiefe tosenden Waffermaffen und vor den riesigen Trümmern des Schachtsturzes. Wiederholte Ausrufe des Staunens und des Schrecken» ertönten bei diesem entsetzlichen Anblicke aus dem Munde der Männer und ganz niedergeschlagen waren sie bei der Rückkehr aus dem Bergwerke. Als sie wieder vor dem Grubenhause versammelt waren, sagte Ludwig Malten: „Nun muß ich Ihnen noch die verschütteten Kohlenlager zeigen, meine Herren, damit Sie die wahre Größe des Unheiles, welches über das Bergwerk hereingebrochen ist, ermessen können." „Das ist nicht nöthig, wir haben das Kohlenlager schon gesehen," erklärten mehrere der Herren. „Nun gut, dann lade ich Sie ein, in das Haus einzutreten, damit ich Ihnen meine Vorschläge unterbreiten kann." Wenige Minuten später saßen dicht zusammengedrängt die Gläubiger im größten Zimmer des Grubenhauses, während Ludwig Malten in einem Nebenzimmer mit den beiden einzigen treu gebliebenen Freunden Hülsemanns, mit den Herren Künne- mann und Leixner eine vertrauliche Unterredung hatte. Bald darauf traten die drei Herren unter die harrenden Gläubiger und nahmen an einem an der Seite des Zimmers stehenden Tische Platz. „Meine Herren!" begann der Bankier Leixner. „Ich gehöre nicht zu den Gläubigern des Herrn Hülsemann, sondern ich bin nur gekommen, um gleich^Herrn Künnemann einen gütlichen Ausgleich in der schwierigen Angelegenheit, die uns Alle interessirt, herbeisühren zu helfen. Herr Ludwig Malten als Bevollmächtigter des Herrn Hülsemann wird Ihnen hierüber einige Eröffnungen und Vorschläge machen, welche ich sowie Herr Künnemann befürworten und für welche wir bis zu einem gewiffen Grade einstehen wollen." „Meine Herren!" sagte gleich darauf Ludwig Malten. „Ich glaube, daß Sie sich Alle davon überzeugt haben, daß wir uns hier in einer schwierigen Lage befinden. Würde das Bergwerk, wie es jetzt ruinirt ist, in Subhastation gebracht, so käme schwerlich für die Gläubiger dabei ein Vortheil heraus, denn wer wird das Bergwerk in diesem Zustande kaufen wollen? Gedeckt würde durch einen gerichtlichen Verkauf wahrscheinlich nur die Forderung der ersten Hypothek. Die übrigen 242 -- Die 120,000 Mark, welche Ludwig Malten und die Herren Leixner und Künnemann vorstreckten, wurden nur als Gefällig' 'eit gegenüber Herrn Hülsemann angesehen und blieben bei der Abmachung mit den Gläubigern außer Betracht. Ludwig Malten athmete erleichtert auf, als der Vertrag mit den Gläubigern fertig war. Nun hatte er zunächst doch das Schlimmste von dem ehrwürdigen Haupte des alten Hülse- mann abgewandt und konnte mit voller Thatkraft den Versuch einer Rettung und Wiederherstellung des Bergwerkes machen und der hochbefähigte Mann hoffte auf das schließliche Gelingen eines Planes. Freudigen Herzens eilte er eine halbe Stunde später, begleitet von den Herren Leixner und Künnemann, nach dem Hülsemann'schen Landhaus, um dem tiefgebeugten Bergwerks- Besitzer und der geliebten Braut die hoffnungsvolle Nachricht zu überbringen. ♦ Die Begebenheiten der letzten Woche hatten den Com- merzienrath Malten' in eine große seelische Aufregung gebracht. Durch die seltsame Abmachung mit dem Bankier Butzhold war der Commerzienrath nicht allein in eine verhängnißvolle Ab- hängigkeit von diesem verschlagenen und unter Umständen sehr rücksichtslosen Manne gerathen, sondern Malten sah zu seinem Schrecken auch nur zu bald ein, daß die Ereignisie einen ganz anderen Lauf nahmen, als er wünschte. Sein Sohn war um keinen Preis der Welt dazu zu bewegen gewesen, die heimliche Verlobung mit Käthchen Hülsemann aufzuheben, und hatte der darüber zwischen Vater und Sohn ausgebrochene Meinungsstreit zu einem vollständigen Bruche zwischen beiden geführt. Ludwig hatte das väterliche Haus und Geschäft verlasien und der Commerzienrath sah ihn nicht mehr, sondern hatte nur erfahren, daß Ludwig als Bevollmächtigter von Matthias Hülsemann thätig sei. Der Verlust des einzigen braven Sohnes und dre trübe Aussicht, das dem Bankier Buchhold gegebene Versprechen nicht halten zu können, sowie die seit dem Weggange Ludwigs ge- steigerten geschäftlichen Sorgen drückten den Commerzienrath beinahe nieder. Doch immer und immer wieder raffte sich der gequälte Mann wieder auf und kämpfte weiter. So aufgebracht Malten auch zuweilen über seines Sohnes Handlungsweise war, so konnte er auf die Dauer doch dem- felben im Herzen nicht zürnen, denn er wußte nur zu genau, daß Ludwig lediglich aus den edelsten Beweggründen so gehan- beit hatte, wie er es gethan, aber dem Stolze des Vaters widerstrebte es, aus eigener freier Entschließung sich mit dem Sohne zu versöhnen, und so blieb der Bruch bestehen. Malten wußte im Uebrigen auch nur zu genau, daß er geschäftlich nur in neue Verlegenheiten kommen würde, wenn er sich jetzt mit Ludwig versöhne, denn dieser setzte seinem ganzen Character nach alle Mittel in Bewegung, um Hirse- mann» Bergwerk zu retten und da konnte es gar nicht ausbleiben, daß er auch den Vater in Anspruch nehmen wurde, wenn er mit diesem wieder ausgesöhnt war. Dadurch wären aber nicht nur des Commerzienraths jetzige finanzielle Mittel in verhängnißvolle Mitleidenschaft gezogen worden, sondern eine solche Haltung hätte auch den Bankier Buchhold in hohem Maße gegen ihn aufgebracht. . Den kleinen Bankier fürchtete der Commerzienrath seit dem Weggänge Ludwigs überhaupt wie das Feuer und suchte einer Begegnung mit ihm auszuweichen. Unruhig ging auch heute Nachmittag wie an den vorhergehenden Tagen der Commerzienrath in seinem Garten auf und ab und rief wiederholt halblaut: „O, mein Kopf, mein Kopf! Er wird mir noch zerspringen! Ich finde keinen Ausweg aus diesem Labyrinth i Söhne ich mich mit Ludwig aus und trete ich auf Hülfemanns Seite, so wird mich Buchhold unfehlbar geschäftlich rmmren, denn die 400,000 Mark kann ich schwerlich am 7. October schon zahlen. Halte ich aber den Bruch mit Ludwig aufrecht, so bleibt mir ein Stachel im Herzen so lange ich lebe, und die Unwahrscheinlichkeit, meinen Verpflichtungen gegen Buchhow nachzukommen, bleibt trotzdem bestehen- O, diese blinde Liev Gläubiger können sich dann etwa noch an das Hülsemann'sche Landhaus halten, welches wegen feiner großen Entfernung von der Stadt aber keinen bedeutenden Werth hat- Zudem würden bei dem ausbrechenden Concurfe die Gerichts- und Verwaltungskosten noch einen guten Theil der Activa verschlingen. Diese trüben Aussichten, meine Herren, werden aber besser, wenn Versuche zur Rettung und Wiederherstellung des Bergwerkes unternommen werden. Den Werth der Felix-Grube schätzte man noch vor drei Tagen auf 800,000 Mark und die gesammte Schuldenlast ist nicht höher als höchstens 212,000 Mark, wie Sie selbst wissen. Gelänge es nun, das Bergwerk wieder so herzustellen, daß e» annähernd seinen alten Werth wieder bekäme, so würden alle Gläubiger ihr Geld bei Heller und Pfennig erhalten. Meine Herren, ich bin zwar kein Berg- techniker, aber ich bin practischer Ingenieur und habe schon gestern bei den Rettungsarbeiten in der Felix-Grube geholfen und die Wiederherstellung des Bergwerks in's Auge gefaßt. Leicht und billig werden die betreffenden Arbeiten zwar nicht werden, aber sie sind durchführbar, wenn uns die Herren unterstützen. Ich schätze die Kosten der vollständigen Wieder- Herstellung auf 200,000 bis 250,000 Mark und denke mir, daß diese Kosten folgendermaßen aufgebracht werden: W steuere 60,000 Mark, 60,000 Mark wollen die hier anwesenden Herren Leixner und Künnemann bewilligen und die noch fehlenden 80,000 bis 130,000 Mark müssen die Herren Gläubiger aufbringen." , Eine allgemeine Bewegung ging bei den letzten Worten Ludwigs durch die Reihen der Gläubiger und durcheinander erschollen die Rufe: „Wie? Geld sollen wir noch darauf zahlen? Solche Zumuthung! Daraus wird nichts! Ich zahle keinen Heller! Ich verlange mein Geld!" »Ich hoffe, daß Sie sich den Vorschlag noch einmal reiflich überlegen werden, meine Herren," fuhr Ludwig fort, als sich der Lärm gelegt hatte. „Die Summe, die Sie zeitweilig opfern sollen, ist doch nur eine Art Versicherungsprämie für Ihre ganzen Forderungen, welche sie wahrscheinlich dadurch retten werden- Ist das Bergwerk wieder hergestellt, so ist es wahrscheinlich doch mindestens 500,000 bis 600,000 Mark werth und dann müssen Sie Alle Ihr Geld bekommen. Treiben Sie aber die Angelegenheit zur Subhastation, so verlieren Sie fast Ihre ganzen Forderungen. Besonders möchte ich Herrn Ecler, den größten Gläubiger, bitten, seinen Einfluß geltend zu machen, daß das Arrangement zu Stande kommt. Dasselbe ist in Ihrem Interesse, Herr Erler, denn es sichert auch den Werth Ihrer Hypothek, welche unter Umständen nur halben Werth hat, wenn-Sie mir nämlich nicht beistehen, das Bergwerk zu retten." „ , „ „Ich trete dem Vorschläge bei und bewillige meinerseits ein Darlehn von 30,000 Mark," erklärte der Bankier Erler jetzt, „und die anderen Herren mögen die 100,000 Mark aufbringen oder den Betrag von 50,000 Mark, falls nicht mehr nöthig fein follte." „100,000 Mark sind zu viel für die übrigen Gläubiger," erwiderte jetzt Herr Faber. „Sie haben die größten Gewinnaussichten, Herr Erler, und können deshalb auch das größte Risiko tragen. Wir wollen zusammen 50,000 Mark überneh- mehmen, und falls weitere 50,000 Mark für die vollständige Wiederherstellung des Bergwerkes nöthig fein sollten, so soll Herr Erler dazu noch 20,000 Mark beitragen, während wir uns in den Rest theilen würden." Einige Gläubiger, zumal der spindeldürre Mann mit der Fistelstimme, opponirten noch heftig gegen diese Vorschläge, aber sie blieben in der Minderheit und fügten sich schließlich den Zureden Künnemann», Leixners und Erkers. Es wurde nun ein förmlicher Vertrag zwischen den Gläubigern und Ludwig Malten, als dem Bevollmächtigten Hülsemanns, in der Weise abgeschlossen, daß die ersteren in vier Raten die Summe von 130,000 Mark zur Rettung und Wiederherstellung der Felix-Grube beizusteuern hatten, welche Summe nebst den übrigen Forderungen aber als zweite Hypothek auf das Bergwerk einzutragen war und deren eventuelle Kündigung sich die Gläubiger nach Jahresfrist ausbedangen. r- 243 Ludwigs zu Hülsemänns Tochter! War diese aufzuheben gewesen, so wäre ich nicht der unglückliche, verlaffene Vater. — O, Ludwig, Ludwig, das konntest Du mir um eines Mädchens willen anthun, wie Du sie jedenfalls ebenso gut in anderen Familien gefunden haben würdest!" Vor seinen letzten, laut gesprochenen Worten erschrak der gequälte Mann förmlich. War es denn wirklich nur eine blinde Leidenschaft, die Ludwig an Hülsemanns Seite getrieben hatte? Hielt es Ludwig nicht vielmehr mit seinem Ehr- und Pflichtgefühl ganz unvereinbar, die geliebte Braut nur deshalb schnöde zu verlaffen, weil ihr Vater durch unverschuldetes Unglück in eine schlechte Vermögenslage gekommen war? — Ja, ja, Ludwig dachte und handelte ganz anders, wie die meisten anderen jungen Männer in solchen Fällen. Diese Wahrheit predigte dem Commerzienrath die Stimme des Gewissens so deutlich und nachdrücklich, daß eine eigenartige geläuterte Stimmung sich allmälig seiner Seele bemächtigte und er wieder mehr, als er es in den Jahren des Glückes und Glanzes gewohnt gewesen war, einsehen lernte, daß es doch noch viel edlere Güter und mächtigere Kräfte in der Welt gab, als Gold und Eitelkeit. Diese wachsende Erkenntniß stärkte auch die geistigen und moralischen Kräfte des Commerzienrathes im Hinblick auf die üble Auseinandersetzung, welche er jeden Tag mit Buchhold haben konnte, denn daß dieser sich nicht ruhig verhalten würde, wenn er erst sicher erfahren hatte, daß Ludwig Malten das Vaterhaus verlassen und treulich auf Hülsemanns Seite getreten war, also von einer Verlobung Ludwigs mit Buchholds Tochter im Ernste keine Rede sein konnte, das war klar. Der Commerzienrath Malten wunderte sich überhaupt, daß Buchhold noch nicht dagewesen war, um ihm die Hölle heiß zu machen, denn der überall seine geschäftlichen Beziehungen unterhaltende Bankier mußte doch schon längst über den Ausgang der Gläubigerversammlung in der Angelegenheit des von dem Schachtsturze schwer betroffenen Hülsemann'schen Bergwerkes unterrichtet sein. Warum kam nur Buchhold nicht? Wollte er erst noch feurige Kohlen auf des Commerzienraths Haupt sammeln oder wollte er eine ganz neue Jntrigue in Scene setzen? Diese Gedanken quälten jetzt den alten Malten wieder und er lief unruhig in dem Garten hin und her. Da hörte er plötzlich seinen Rainen rufen, und erschrocken sich umdrehend, sah er den Bankier Buchhold vor sich, wie er von dem Diener begleitet näher trat. „Guten Tag, Herr Commerzienrath," sagte Buchhold sehr erregt und reichte Malten flüchtig die Hand. Dieser erwiderte den Gruß nur kühl und lud Buchhold ein, in's Haus zu treten. „Bleiben wir lieber hier im Garten," entgegnete aber der Bankier, „ich glaube, wir können uns da ungestörter aussprechen." „Wie Sie wünschen," antwortete Malten und geleitete Buchhold nach einer kleinen Laube, die halb verborgen zwischen den Obstbäumen des Gartens stand- „Ich habe recht nette Geschichten über ihren Herrn Sohn gehört," begann der Bankier lebhaft gestikulirend, „daraus scheint mir sehr deutlich hervorzugehen, daß Sie einen ungehorsamen Sohn haben, der sich gar nicht nach den guten Absichten des Vaters richtet." . muß ich Ihnen Recht geben," bemerkte Malten ziemlich kleinlaut, „Ludwig handelt in der Angelegenheit nur nach fernem Kopfe und hat meinen sehr ernsten Vorstellungen kein Gehör geschenkt." „Aber wie stehen Sie jetzt mit Ihrem Sohne? Haben Sre seme Handlungsweise schließlich doch gebilligt? Unterstützen Sre seine Bemühungen, das Hülsemann'sche Bergwerk zu „Nein, nein, es ist vielmehr zwischen mir und Ludwig wegen seines Ungehorsams und seiner Hartnäckigkeit zum Bruche unteHiitze ihn nicht und ich werde es auch Lun, denn es würde gegen meine Grundsätze als Vater und Geschäftsmann sein- Ueberdies wissen Sie auch sehr gut, daß ich gegenwärtig gar nicht in der Lage bin, große Kapitalien zu verleihen." ., ,®o!&n ^t als Bevollmächtigter Hülsemanns aber sehr geschickt ein Moratorium mit dessen Gläubigern ab. geschlossen. Da Hülsemann ohne nennenswerthe Baarmittel ist und außerdem noch bedeutende Summen in das Bergwerk ge» baut werden sollen, so ist ohne größere Geldmittel das Auf- tteten Ihres Sohnes als Retter Hülsemanns nicht zu erklären. Woher mag er das Geld erhalten haben?" „Da fragen Sie mich zu viel, Herr Buchhold," erklärte der Commerzienrath, „denn seit seiner Einmischung in die Hülsemann schen Angelegenheiten habe ich keinen Verkehr mehr mit meinem Sohne. Erwähnen will ich nur, daß er ein eigenes verfügbares Vermögen von 60,000 Mark besitzt, welches er von seiner Mutter geerbt hat. Aber dieses Kapital reicht ja nicht entfernt dazu aus, um die Hülsemann'schen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen." „Haben Sie Ihrem Sohne vor seinem verhängnißvollen Entschlüsse einigen Aufschluß über Ihre Geschäfts- und Vermögenslage gegeben," frug Buchhold jetzt, den Commerzienrath scharf beobachtend. „Das habe ich unumwunden gethan," erwiderte Malten mit einem tiefen Seufzer. „Und Ihr Sohn hat dennoch den Vater verlaffen?" „Sie sehen, daß er es gethan hat!" „Was halten Sie von Ihrem Sohne und seinem Be- gmnen?" „Obwohl ich ihm zürne, so muß ich doch sagen, daß er ein edler, hochherziger Mensch ist, mit dessen Ehrgefühl es ganz unvereinbar ist, die Braut zu verlassen, weil deren Vater in schlechte Vermögensverhältniffe gekommen ist. Mein Sohn thut seine Pflicht, wie Herz und Gemüth sie ihm vorschreiben." „Und wenn bei dieser thörichten Pflichterfüllung der eigene Vater bankerott wird?" frug Buchhold mit funkelnden Augen. „Was sagt zu dieser Möglichkeit Ihr Herr Sohn?" Der Commerzienrath hatte in den letzten Tagen zu viele Seelenkämpfe überwunden, um über diese bedrohliche Frage noch in Erregung zu gerathen, und ruhig, mit seltsamem Lächeln sagte er: „Wenn das Schlimmste über meine Unternehmungen hereinbrechen sollte, Herr Buchhold, so werde ich alter Mann bei meinem Sohne ein Asyl finden." „Und wenn Ihr Sohn sein kleines Vermögen in den unglückseligen Hülsemann'schen Bergwerksunternehmungen verlieren sollte, wo wollen Sie dann Ihr Asyl aufschlagen?" frug Buch- hold höhnrsch. „Mein Sohn ist ein tüchtiger Ingenieur und wird eine Stellung finden, die ihn und mich ernährt, wenn sein Plan scheitern sollte," bemerkte Malten ruhig. (Schluß folgt.) Keiße Speisen «nd KetränKe. Es ist zwölf Uhr. Der Herr kommt heim, die Kinder sind erwartungsvoll im Eßzimmer versammelt, die Hausfrau legt noch die letzte ordnende Hand an den bereits gedeckten Tisch und nun geht's los; die siedendheißen, dampfenden Gerichte werden hastig und schnell verschlungen; es folgt zur besseren Verdauung noch ein Schälchen recht heißen Kaffees; und da fragt man noch, wo die vielen Magenkrankheiten Herkommen, warum die Kinder über Brechreiz und Uebelkeit klagen? Richt nur in Arbeiterkreisen, wo die Frau so überangestrengt ist, daß sie unmöglich viel Zeit und Sorgfalt auf das Kochen und Essen verwenden kann, wo die Kinder gierig und hungrig über die Speisen herfallen oder wo der Mann nur zehn Minuten Zeit zum Mittagessen hat, damit er den oft weiten Weg zur Fabrik wieder antreten kann, nein, in den reichsten Familien, wo der Toilette Stunden geopfert werden, - 244 - V-pinischtes. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Aus der Schule. Der Bauarbeiter W. in der S.- straße, d»sten siebenjähriger Sprößling Fritze seit Ostern eine Berliner Gemeindeschule besucht, erhielt dieser Tage von einem guten Freunde Besuch, der ihn unter Anderem auch befragte, wie sich denn sein Junge in der Schule mache und ob er gute Censuren nach Hause gebracht. „Jh," meinte Vater W-, „der Junge is ja nich uff'n Kopp jefallen, und die Censuren sind ja so weit noch janz jut. Aber blos von wejen der Aufmerksamkeit, da hab' ick ihm schon zweemal ordentlich verbimst." — „Was hat er denn in Aufmerksamkeit?" — „Na, steh' mal hier," und dabei zeigt Herr W. auf die betreffende Rubrik. — „Ja, was willste denn blos?" fragt erstaunt der Freund. „Da steht ja: Aufmerksamkeit rege." — „Das is es ja eben," braust Vater W. ärgerlich auf, „der Junge soll nich rege sind! So is er zu Hause accurat. Das is 'n ewijes Jezappel un Jefrage; wat hat der Bengel rege zu sind? Wenn er noch mal „Aufmerksamkeit rege" kriegt, denn kann er sich uf was jesaßt machen 1" - Hoffentlich ist Vater W. bis zur nächsten Censur über seinen Jrrthum aufgeklärt und wird Fritze bei passenderer Gelegenheit „verbimst". * Petroleumkaffee. Gnädige Frau (händeringend): „Um Gotteswillen, Herr Doctor, ich habe aus Versehen Petro» leum getrunkenI" — Hausarzt (ruhig): „Beruhigen Sie sich; wenn Sie denselben Kaffee trinken, den ich schon manchmal von Ihnen vorgesetzt bekommen, wird Ihnen auch Petroleum nichts schaden!" * # ♦ Auf dem Ball. Herr (nach dem Tanz): „Darf ich hoffen, daß Sie auch morgen an mich denken werden, mein Fräulein?" — Fräulein: „O gewiß, die Hühneraugen werden mich schon an Sie erinnern!" * Widerspruch. Unteroffizier: „Füsilier Knorr, Sie infamer Kerl, Sie sollen Ihr Gewehr nicht so weit hintenüber halten, das muß Ihnen doch Ihr gesunder Menschenverstand sagen, Sie Rindvieh!" ♦ Rücksichtsvoll. Gendarm (zu einem im Korn lagernden Strolch): „Heda, kommen Sie mal heraus!" — Strolch: „Ach, laffen's mich doch; ich müßt' dem Bauer ja zu viele Halme niedertreten!" brennen!" „ c „Allerdings, und doch muthen Sre getrost den inneren, empfindlicheren und edleren Theilen täglich das zu, was Sie für die äußere, abgehärtete Haut mit Entrüstung zurückweisen." Speisen und Getränke, die 25 bis 26 Grad haben, sind vollkommen warm genug und dem Magen zuträglich. Eine lächerliche Einbildung ist es, durch heißes Esten und Trinken sich gegen die kalte Jahreszeit schützen zu wollen; eine richtige Blutcirculation ist der beste Wärmeregulator des Körpers; daß die Blutcirculation aber keine beffere wird, wenn ich mir Zunge, Hals, Magen und Gedärme verbrenne, wird wohl Jedermann einleuchten. Möchte doch in jeder Familie neben dem Bade« und Zimmerthermometer auch ein Speisethermometer seinen Platz behaupten und möchten doch alle Diejenigen, welche schon länger der Unsitte des Heiß- und Hastiq-Effens und -Trinkens ge- fröhnt haben, allmälig davon zurückgehen und zur Ueberzeugung gelangen, daß ich mit diesen Zeilen nur Gutes, die Gesundheit Förderndes habe bezwecken wollen! (Häusl. Rathg.) SüßeSchmeichelei. Fräulein: „Run habe ich Ihnen meine Ansicht über diese Sache entwickelt. Aber, nicht wahr, es ist rechter Kohl gewesen." — Herr: „O, mein Fräulein, und wenn es wirklich Kohl wäre, auf Ihren holden Lippen wird es wenigstens zu Rosenkohl", Die beste Empfehlung. Dame: „Haben Sie Empfehlungen über Ihre Pension?" — Vorsteherin: „Gewiß, im vergangenen Jahre haben drei meiner Pensionärinnen sofort von hier weg . . . geheirathet!" * Das letzte Mittel. Tochter: „Ich kann's nicht ändern, daß Herr X. so ost kommt; ich habe schon alles Mögliche versucht, ihn zu vertreiben." — Vater: „Unsinn, Du hast ihm noch nicht ein einziges Mal, etwas.vorgesungen." Natürlich. „Misten Sie, meine Herren, was ich gemacht hab', als ich einmal auf meiner Orientreise einem Räuber begegnete?" — „Nun?" — „Lange Beine!" Unerhört. Hauptmann (auf dem Rock eines Rekruten ein Federchen gewahrend): „Jetzt spielt der Mensch gar den Papageno I" wo die Frau mit Romanlesen, der Mann mit Billardspielen ihre Zeit vertreiben, wird heiß und rasch gegeffen und getrunken. Und was find die Folgen dieser unvernünftigen Lebensweise ? Hier ein Beispiel aus meiner eigenen Familie. Mein jüngster Bruder, Realschüler, ein sehr talentvolles Kind, bekam von Zeit zu Zeit heftiges Erbrechen nach dem Essen, doch konnten die Aerzte keine Krankheit an ihm entdecken, und als er eines Tages auf dem Heimwege von der Schule zusammenstürzte und nach wenigen Stunden starb, erklärte sich erst nach der Sectio«, daß mein Bruder Magengeschwüre ge- habt hat und infolge von innerlicher Verblutung gestorben ist. Und was war wohl die directe Ursache seiner Magengeschwüre? Mein Bruder chatte nach der Schule noch Musikstunden und kam dann erst zu einer Zeit heim, da das Mittagessen schon vorüber war. Die Wirtschafterin, die nach der Mutter Tode das Hauswesen führte, meinte es gut mit dem Kinde und stellte ihm das Essen recht warm vor, und mein armer, hungriger Bruder aß schnell und ohne richtig zu kauen. Wie viel Jammer wäre dem Vater erspart geblieben, wenn er zur rich- tigen Zeit diese Untugend seines Sohnes erkannt und Abhülfe geschaffen hätte! Wie in Pensionen und Erziehungsanstalten in dieser Hinsicht gesündigt wird, das möge ein Beispiel von mir selber aus meiner Pensionszeit in der französischen Schweiz beleuchten. , , r __ . Ich, die ich von Hause aus eine langsame Essen« :mar, so daß ich deshalb oft ausgelacht wurde, kam in der Pension immer zu kurz; ich konnte mich nie satt essen, weil auf Com- mando gegessen werden mußte und zwar sehr heiß. Aber was machen nicht das böse Beispiel und der Hunger? Ich aß schließlich ebenso schnell und heiß wie alle Anderen, mußte es aber mit monatelangem Magenleiden büßen. Und wie sah es mit meinen Mitgenossinnen aus? Auf 20 Mädchen kamen 15, die wegen Magenbeschwerden in fortwährender ärztlicher Behandlung waren und alle möglichen Pillen und Mixturen verschluckten, was ihnen aber nichts half, weil sie die Ursache ihres Leidens nicht erkannten und immer wieder darauf los sündigten. Die meisten Magenleidenden gibt es unter den Köchinnen, weil sie verpflichtet sind, die gekochten Speisen auf den Ge- schmack zu prüfen. Und wie thun sie es? Gewöhnlich nur TC&t Daß heißes Esten und Trinken auch die Zähne ruinirt, ckann jeder Zahnarzt nachweisen. Zu einer mir befreundeten Familie kam ich zufälligerweise zum Mittageffen und sah mit Erstaunen zu, wie Alles dampfend verschlungen wurde. Beim Kaffee konnte ich mich nicht mehr halten: „Bitte, wollen Sie doch einmal diesen Kaffee mit dem Thermometer messen? Ha, ausgezeichnet, vierundsünfzig Grad! Hätten Sie wohl Lust, auch ein Vollbad mit vierundfünfzig Grad zu nehmen?" „O Gott bewahre, ich würde mir ja meinen Körper ver-