Aber ein kleines, blasses Gespenst ließ trotz alledem nicht von ihm ab und hockte im Schlaf und Wachen ihm zur Seite. Durch die finstere Nacht sah er ein blasses Gesichtchen mit der Todeskugel in der Stirn, weitgeöffnete starre Kinderaugen schauten ihn unverwandt an und eisige Händchen umklammerten die seinen, daß die tödtltche Kälte ihm schauernd durch die Adern kroch, das Mark in seinen Knochen erstarren ließ. Es hals ihm nichts, ob er wachte oder schlief, das Ge- penst drängte sich in seine Träume, er sah es durch die ge- chloflenen Lider, es wachte mit ihm auf und drohte ihn wahninnig zu machen. Noch widerstand er trotzig. Mit bleichem, ibernächtigem Gesicht und wildblickenden Augen, in welchem ich scheue Furcht und ingrimmiger Haß spiegelten, stand er vor dem Richter, die Fragen desselben mit Achselzucken oder einem festen Nein beantwortend. Plötzlich bebte er zusammen und taumelte dann wie vor einem Schreckbild zurück. „Wegl — Weg!" stöhnte er, beide Hände vor'« Gesicht schlagend. Der Richter blickte ihn aufmerksam und besorgt an, er wechselte mit dem Protocollführer einen erstaunten Blick. Was fehlte dem Gefangenen? — Sprach er irre? — Jetzt ließ dieser die Hände sinken und athmete tief auf Seine Augen hefteten sich fest auf einen Punkt oder vielmehr auf eine leere Stelle neben dem Richter und wurden nach und nach ruhiger. Der Unselige hatte wieder die fürchterliche Erscheinung seines Kindes gehabt, welche seine durch die Schlaflosigkeit krankhaft gesteigerte Einbildungskraft ihm vorspiegelte. Unter dem Eindruck derselben entschloß er sich zu einem Geständniß, wodurch seine Nerven beruhigt, seine Augen klarer wurden und die Erscheinung verschwunden war. Ohne Zögern bekannte er sich zu der ganzen Anklage, fügte aber mit einem gewissen Hohn hinzu, daß er weder Warnecks Tod noch die Dynamit-Spielerei im Gebrrge bereue, da er in jenem nur seinen Verfolger getödtet, während Marbach ihm als Räuber seines Erbes ebenfalls verhaßt gewesen sei und die gelungene Rache ihn deshalb noch auf dem Lchaffot freuen werde. „Nur Eins schmerzt mich bis zur Verzweiflung," schloß er mit umflorter Stimme, „der Tod meines Kindes. Mit diesem einen unseligen Schüsse, den nur der hohnvollste Zufall gelenkt, habe ich alles Uebrige gesühnt. Leben will ich nicht mehr, ich verzichte auf jegliche Gnade und Vertheidigung. Nun machen Sie es kurz mit mir, meine Herren, verschärfen Sie die Strafe nicht durch eine längere Frist, als nöthig ist, um das Urtheil tb hoch ■6t, da kel der Kampf M der >ermag. z zarter gebigen, :er Zeit e Thal« ich wir ichen zu hen Ge- erth fei, ) Lieder zöthigen- schirmen st, wenn sen. Er sich, um fter Leser das, so vig neue, edeln und gesuchten Nr. 49 1883 WH $6 2$ Nirterchaltnirgsblatt zrnn Gieren er* Anzeigen (Geneval-Anzeiger?) Donnerstag, den 27. April. Tante Hannas Geheimniß. Original-Roman von E. v. Linden- 111 kommst jenn aus- irk fünfzig en): „Ich — Dienst- ja niemals Euch doch Wir haben Portal bis ft noch gar Kirche, da tragen und reiten Frau die Kneipe »auf' — es zimmer ab- r Wimmerl ie es ihrem seit, daß er Michel, wie „wegen dem t hob', so« i dös V und > Geld lieber (Schluß.) Die Aussicht auf Reichthum und Lebensgenuß, welche die Heirath mit der Besitzerin von Edenheim ihm bot, bannte alle Geister und trüben Erinnerungen, da nur der Lebende nach seiner Philosophie Recht hatte. Mit Steindorfs Verhaftung aber war die Aussicht dahin. Er konnte sich's nicht verhehlen, daß er als ein auf frischer That ergriffener Verbrecher und Dieb für die Sphäre der Gesellschaft unmöglich geworden und daß auch Amerika» Boden für ihn kein ungefährdeter mehr war. Er berechnete, wie viele Jahre Zuchthaus man ihm zuerkennen werde und nickte finster zu dem ansehnlichen Resultat. Aber er blieb wenigstens am Leben und die Zeit geht auch im Zuchthause hin; endlich mußten sich ihm jene unheimlichen Pforten doch wieder öffnen- — Den Mord gestehen! — Nimmermehr! Aber er hatte nicht mit den einsamen Nächten und den endlos langen Tagen einer solchen Haft gerechnet. Die Gedanken an sein Kind, welches er selbst getödtet, an sein im fernen Welttheil begrabenes Weib, das er vernachlässigt, dem Hunger und Gram preisgegeben, in ein frühes Grab gestürzt hatte, diese Gedanken kamen erst vereinzelt und langsam wie kleine Schattenbilder und er scheuchte sie unwillig von sich ab. „Ein unglückseliger Zufall," murmelte er dann, „arme kleine Lotta, ich hatte Dich ja fo lieb. — Bah, das Weib war mein Unglück, hätte sie mich nicht umgarnt, ich war so jung noch, — was soll diese Erinnerung? — Sie verdiente ihr Loos, hat mich um zwei Güter gebracht, mich in's Verderben gerissen- — Weg damit!" Ec konnte den Gedanken jedoch nicht gebieten, sie kamen wieder, krochen jetzt häufiger wie giftige Schlangen an ihn heran und peinigten ihn grausam. Oft sprang er mitten in der Nacht auf und lief in seiner Zelle umher, um diese Gedanken los zu werden Nun, Julius Steindorf war kein armseliger Gefühlsschwärmer, die tobte Frau ließ von ihm, der ermordete Warneck moderte ruhig in seinem Grabe. Ach, es war rührend, er lachte über den sentimentalen Besitzer von Rotenhof, welcher demselben in seinem Garten ein Grab gegeben hatte. Darin lag ein ungeheurer Humor für den Gefangenen, weil er sein Erbe war, sein eigener Garten. Nein, an Warneck hatte er Nothwehr geübt, „er oder ich" lautete die Parole, wer konnte ihn tadeln, daß er seinen Feind ge» übtet, sich von seinem Verfolger befreit hatte? — — 194 ~ zu fällen. Sie verdammen mich damit zu einer grausamen Folter." Wieder streifte sein Blick, welcher den scheuen und wilden Ausdruck verloren, jene leere Stelle, doch war und blieb die Erscheinung verschwunden. Das Geschworenen-Gericht, vor welchem der sensationelle Fall verhandelt worden war, hatte das Todesurtheil über Steindorf gefällt, die ganze Verhandlung aber nur wenige Stunden in Anspruch genommen, da der Angeklagte in allen Punkten geständig war und jede Vertheidigung energisch ab» lehnte. Er konnte sich ja nicht verhehlen, daß er so wie so unrettbar verloren sei, weshalb er die öffentliche Schaustellung seiner Person um jeden Preis abkürzen wollte. Demgemäß verzichtete er auch auf ein Gnadengesuch und erbat sich als solches nur eine möglichst beschleunigte Vollstreckung des Urtheils. Sein gewohntes hohnvolles Lächeln war verschwunden, er konnte die Ermahnungen und Trostworte des Geistlichen ruhig anhören und sogar wieder schlafen. Ob sein Kind ihm vor dem letzten verhängnißvollen Augenblick noch einmal erschienen? — Der Geistliche, welcher seine Hand ergriffen, fühlte plötzlich einen krampfhaften Druck, sah seine Augen weit geöffnet nach oben gerichtet und vernahm den leisen Ausruf: „Lotta, bitte für mich!" Im nächsten Augenblick war Alles zu Ende! * * * Wieder war es Lenz geworden und auf's Neue sproßte, grünte und blühte es in Tante Hannas Garten. Ein neues Haus war aus der Asche erstanden, genau wie das alte ge- wohMe Heim der Greisin, welche die ärztliche Kunst nicht blos vom leiblichen, sondern, was noch mehr bedeutete, auch vom geistigen Tode zu einem neuen Leben errettet hatte. Und wieder klangen die Pfingstglocken von den Thürmen der Stadt, — mit Maienbäumchen war Tante Hannas Gartenpforte und die Veranda geschmückt, da man es sich nicht hatte nehmen lassen, die alte Freundin mit diesem Gruß zu erfreuen. — Sie wußte es wohl, wie hart und schwielig die Hände waren, welche ihr diese Maienfreude bereitet. Tante Hanna saß auf ihrer Veranda, da der Arzt ihr den Kirchenbesuch noch nicht erlaubt hatte. Doctor Peters saß neben ihr und gegenüber der Maler Reinhardt, welcher sein Augenlicht behalten und eine Menge Verzierungen und Arabesken, wie er die Narben nannte, noch als hübsche Zugabe bekommen hatte. „Denn sehen Sie, meine liebe Freundin," schloß Reinhardt soeben seine Krankengeschichte, „den größten und handgreiflichsten Vorthell hat doch im Grunde unser Doctor hier aus dem schauerlichen Drama gezogen. Ja, schauen Sie mich nur recht grimmig und verwundert an, alter Aeskulap! — Ist es nicht wahr, daß jener Mensch, dessen Namen wir verschworen haben, unter uns zu nennen, Ihren ärztlichen Ruhm durch ganz Deutschland und darüber hinaus verbreitet und erhöht hat? — Hat der Schinderhannes nicht etliche von uns armen Menschenkindern so wundervoll zugerichtet, daß alle Aerzte Sie um uns beneidet haben? Und ist es Ihnen nicht gelungen, meine unglückselige Visage und vor allen Dingen meine Augen, Tante Hannas zerschlagenes Gehirn und sogar unfern Todes-Candi- daten Marbach wieder prachtvoll zusammenzuflicken, daß wir allesammt uns noch des schönen Lebens freuen und den Herrgott preisen können für die Gnade, unserm Städtchen einen solchen medicinischen —" „Nun hören Sie aber auf," unterbrach ihn der Doctor, die Ohren zuhaltend, „Sie blasen ja eine unausstehliche Fanfare. Wollen Sie denn durchaus, daß ich's Ihnen heimzahle und Sie mit Raphael, Rubens und Titian vergleichen soll? Der Teufel hole alle Reclame und Unvernunft!" „Lassen Sie ihn nur immerhin Ihr Loblied singen, Herr Doctor!" sprach Tante Hanna mit ihrem alten milden Lächeln. „Freund Reinhardt macht's ja stets ein wenig arg, aber wahr bleibt es doch, daß Sie wahre Wunderkuren an uns verrichtet haben. Ich selber weiß nur noch, wie schwer ich mich auf etwas besinnen konnte, und daß es mir zuweilen noch nicht leicht fällt, meine Gedanken zu concentriren. Was Sie mir über meinen geistig-todten Zustand, der eine Lücke in meiner Erinnerung bildet, gesagt haben, ist so furchtbar, daß ich meinem Retter weder durch Dankesworte noch durch die That zu vergelten vermag. Nächst Gott sind Sie, lieber Doctor, die Leuchte meiner letzten Lebenstage geworden, da ich's nun einmal für ein grausames Geschick halte, einen zweifachen Tod zu leiden und schließlich wie eine gedankenlose Pagode wegzusterben." „Na ja, ich freue mich doch auch, Sie wieder herausgeflickt zu haben," rief der Doctor, seine Rührung unter einem bitterbösen Gesicht verbergend. „Wissen möchte ich's aber nur, wo Fräulein Holten jetzt in der Welt umherflreift. Ich habe ihr für den Winter Italien verschrieben, das sie aber bereits im Februar mit Afrika vertauscht hat." „Was will sie denn dort?" fragte Reinhardt erstaunt, während Tante Hanna still vor sich hinblickte. „Fürchte meiner Treu doch, daß sie den Schinderhannes —" Tante Hanna hob die Hand und blickte ihn strafend an. „Gut, gut, ich bin schon still," brummte der Maler, „das Schooßkind darf mit keinem schiefen Seitenblick gestreift werden. Was aber eine alleinreisende Dame —" „Sie reist nicht allein, wie Sie sehr wohl wissen, Herr Reinhardt," unterbrach Hanna ihn auf's Neue, „es ist leider Gottes eine böse Gewohnheit von Ihnen, alles Reine zu verlästern." „Da hören Sie's, Doctor, welch' verkanntes Genie ich bin," sagte der Maler achselzuckend, „die Wahrheit wird selbst von solchen milden Augen zur Lästerung umgewandelt. Meinetwegen mag Fräulein Holten nach dem Monde reisen, mich soll's nicht kümmern. Wäre mir auch noch erklärlicher, als just nach Afrika! Was die Evers dort wohl zu den Heiden und Türken sagen wird? — Die alte Mamsell ist auch eine nette Begleiterin für eine junge ruhelose Dame. — Wen hat sie denn als Mrthschafts-Cerberus in Edenheim eingesetzt?" Tante Hanna wollte böse werden, mußte aber doch lachen und nannte ihn unverbesserlich. „Mamsell Evers ist just die beste Gesellschafterin für das Fräulein," bemerkte der Doctor, „und das Klima in Afrika sehr zuträglich für derartige Nervenleidende wie Fräulein Armgard. Seeluft, fremde Eindrücke, Strapazen sind ganz vortreffliche Heilmittel, wenn's auch gerade nicht meine Absicht gewesen ist, sie dorthin zu senden. Glaube, sie haben sich einer deutschen Familie angeschlossen." Tante Hanna sagte kein Wort dazu. „In Edenheim wird Mamsell Evers einstweilen durch ihre Nichte, einer jungen Pächterswittwe, vertreten," bemerkte sie nach einer Weile. „Hm, was geht'« mich an," weinte Reinhardt mit einem humoristischen Seitenblick auf das nachdenkliche Gesicht der Greisin, „Fräulein Holten und ich waren immer Antipoden. Aber daß der Bursche, der Leonhardt Marbach, mir nicht ein einziges Mal geschrieben —" „O doch, er sandte Ihnen einen Nmjahrsgruß, Sie Undankbarer!" fiel Tante Hanna ihm energisch in'S Wort. „Richtig, mein Gedähtniß wird auch schwach, wie ich merke, — Sie haben Recht, bekam aus Rom einen Gruß und einen echten Raphael, den ich nicht sür tausend Mark hergeben würde- Wo der Heide — denn ein solcher ist er in Kunstsachen — dieses Juwel aufgegabelt hat, das möchte ich wissen- Na, Sie haben's ja Beide gesehen, aber was er dort den Winter über getrieben und wo er überhaupt geblieben ist, da» weiß ich bis zur Stunde nicht." „Ich denke, er ging nach Nizza und hat dort Fräulein Holten getroffen," warf Doctor Peters ruhig hin. Reinhardt blickte ihn verdutzt an und stieß dann einen langgezogenen Pfiff aus. ♦ Vierzehn Tage später finden wir unsere Freunds wieder auf der Veranda von Tante Hannas Haus versammelt, wo seit Eintritt milder Witterung der Sammelpunkt derselben war, 195 - Mut hat sich die Gesellschaft um zwei gute Bekannte vermehrt — Armgard Holten und Leonhard Marbach. Sie sind beide von ihren Erholungsreisen zurückgekehrt und muffen immer und immer wieder ausführlich erzählen, wie sie sich gefunden. „Was soll ich weiter berichten, meine lieben Freunde," sagte Marbach mit einem freudestrahlenden Blick auf Armgard, „sie kam, sah und — diesmal besiegte ich die spröde Korb» spenderin im Sturm, indem ich sie ohne Weiteres an mein Herz schloß und nicht wieder freiließ. „Der entsetzliche Mensch 1" schalt Armgard, sich mit Tante Hanna in's Zimmer flüchtend und die Thür hinter sich verriegelnd. Hanna sah sie fest an und fragte: „Lieben Sie ihn denn auch von ganzem Herzen ohne den Nachgeschmack jener einstigen Neigung, mein theures Kind?" „Ja, mein einziges Tantchen, ich liebe ihn von ganzem Herzen, von ganzer Seele, weil er mir schon gleich am vorigen verhängnißvollen Pfingsten so gut gefiel." „Dann bin ich beruhigt, Ihre Briefe waxen mir nicht recht verständlich, der letzte aus Kairo aber ließ mich ahnen, daß ich heute ein Brautpaar begrüßen werde. Gott segne Sie und erhalte Ihnen dieses Glück!" Draußen auf der Veranda saßen die Herren im leisen Gespräch. „Herr Doctor," sagte Marbach halblaut, „ich verdanke Ihnen mehr als nteht Leben, das mir ohne Armgard doch werthlos schien. Sie haben mir geholfen, mein Glück wieder- zufinden, haben mir Hoffnung und kecken Muth in's Herz geflößt und durch ärztliche Schachzüge mir die Spröde in die Arme getrieben." „Ja, ich habe der Vorsehung ein wenig nachgeeifert," sprach Doctor Peters lachend. „Es machte mir Spaß, Sie Beide, die doch so vortrefflich für einander paffen, nach Afrika zu schicken, um dort Verlobung zu feiern." „Bravo!" schrie Reinhardt überlaut. „Unser Doctor soll leben! — Nun kommen Rotenhof und Ebenheim also doch richtig unter eine Firma —" „Schreien Sie nicht so fürchterlich," bat der Doctor, besorgt nach dem offenen Fenster blickend, „wenn die Braut dergleichen Schachzüge merkt, wäre sie im Stande, noch zurückzutreten. Machen Sie schleunigst Hochzeit, lieber Marbach!" „In spätestens vier Wochen," erwiderte dieser, rasch an's Fenster tretend und der sich lächelnd, mit drohend emporgeho- benem Zeigefinger herausbeugenden Armgard einen Kuß auf die frischen Lippen drückend. „Er bleibt das Haupt!" rief Reinhard triumphirend. „Und meine Frau die Krone!" sprach Marbach, ihre Hand zärtlich an die Lippen ziehend. An unsere Mütter! —----- (Nachdruck verboten.) Wenige Wochen noch und wir treten in die heißeste Zeit des Jahres ein, mit welcher dann das Schreckenszefpenst der großen Kindersterblichkeit allüberall an der Eltern Thüre klopft. Nach der ersten Woche andauernder Wärme tritt es auf, rafft in den großen Städten ungefähr den zehnten Theil aller im Säuglingsalter stehenden Kinder binnen wenig Monaten hinweg und verschwindet mit Eintritt des kühleren Wetters. Aber nicht nur in den großen Städten fordert der unerbittliche Tod seine Opfer; auch die mittleren und kleinen Gemeinden sowohl, als auch das platte Land haben, wenn auch in geringeren procentualen Sätzen, ihren Tribut zu zollen. Die erschreckende Regelmäßigkeit, mit welcher sich die Seuche allsommerlich einstellt, erscheint wohl so manchem als das Walten eines ehernen Naturgesetzes. Und doch, je eingehender die Aerzte auf diesem Gebiete forschen, desto klarer tritt zu Tage, daß der menschliche Unverstand, die Sorglosigkeit der Mütter und Dienstboten meist die Hauptschuld tragen. Wieviel hierbei an den kleinen hilflosen Wesen gesündigt wird, wie die sich nicht wehren könnenden Kleinen in den Tod getrieben werden, das wollen wir einmal näher betrachten. Kein Erwachsener ist im Zweifel, was er zu thun und zu laffen hat, wenn ihn des Sommers Hitze plagt, wenn man, wie der landläufige Ausdruck sagt, es vor Gluth kaum noch aushalten kann. Man kleidet sich leichter, als zur kälteren Jahreszeit, nimmt ein kühles Bad — entweder im Zimmer, oder im nahen Fluffe, — lüstet von Früh bis Abends die nach Norden gelegenen Zimmer, hält sich mehr an erfrischende Getränke (Milch, Limonaden, leichte Biere re.), als an nähr« hafte Speisen, und wenn man sich schlafen legt, sucht man an Stelle der dicken Federbetten leichte wollene, mit leinenen Ueberzug versehene Decken herzu. Wir wollen gleich an dieser Stelle ausdrücklich hervorheben, daß es durchaus falsch ist, wenn behauptet wird, daß das Schlafen bei offenem Fenster schädlich ist. Man möge es nur versuchen, aber wenn irgend ein Angstmeier das Zipperlein fürchtet, mag er im Nebenzimmer die Fenster öffnen und selbstverständlich — die Zwischen- thür offen laffen. Doch nun zurück zu unseren Kleinen. Daß diesen die Sommerhitze nicht mindere Qualen bereitet und daß ihnen deshalb dieselben Erleichterungen verschafft werden müssen, ohne welche die Erwachsenen nicht auskommen können, ist eigenilich selbstverständlich; leider bedenkt das die große Mehrzahl der Eltern nicht. Denn sonst würde man die armen hilflosen Geschöpfe nicht unter Türmen von Federbetten oder festgeschnallt in die geradezu mörderisch wirkenden Steckkissen hinter geschloffenen Fenstern oder in dicht verhangenen Kinderwagen schmachten laffen. Gedankenlos gönnt man ihnen nichts als warme, oft heiße Milch oder dicken Mehlbrei als einziges Mittel zur Stillung des brennenden Durstes. Kein Wunder, daß das Uebermaß an Nahrung, welches die Kleinen in ihrer Verzweiflung hinunterhasten, ihnen den so häufig mit tödtlichem Ausgang endenden Brechdurchfall bringt. liebet die Unsitte des Einwiegens der Kinder in den Schlaf brauchen wir wohl kaum noch zu sprechen. Gott sei Dank, daß diese Schlummer