Ms 4 -(T-E-1 2xä) -xS-7' •* 1 <•)—«•-----g^j Nntephaltringsblatt jum Giehenev Anzeiger» (Geneval-Anzeiger) 1893 6 Nr. 126. B'M«LL"ZW MASS W rWDW tiäB OStoasBI^BML. MW^WEM'M^^^^^^W^GMUW^D^ — - " , - - - "tl WöMwi fTn^Ä.rSte. *Sfcf Donnerstag, den 26. Oetoöer. Eine verhängnißvolle Nordlandsfahrt. Humoristische Novelle von Johannes Wilda. (Fortsetzung.) Wir saßen in drangvoller Enge. Der dicke, rothverbrannte Capitän präsidirte. Karl raspelte derartig Süßholz, daß mir beinahe der Appetit verging. Dabei hatte ich das Unglück, daß Fräulein Minnie sich für mein Gespräch mit dem Vater, welches doch lediglich ernste Männer-Themata betraf, zu inter- esstren schien. Ich will nicht sagen, daß es Unsinn war, was sie dazwischen warf. Aber Frauen «Geschwätz war mir nun einmal von jeher unverdaulich. Bei diesen störenden Einflüssen konnte ich natürlich nicht auf die Diner-Kosten, die 2J/2 Kronen betrugen, kommen. Nach Tisch wurde der Kaffee auf dem Oberdeck eingenommen. Wir passirten. nahe an der Insel Langeland vorüber, deren schöne Buchenwälder und freundlichen Landsitze wir recht gut erkennen konnten. Wie ich so betrachtend am Schiffsgeländer da stand, nahte sich mir Freund Asmus. „Famoses Mädel, he?" raunte er mir siegesfroh in's Ohr. „Schon riesige Fortschritte gemacht! Der Alte, scheint noch ein bischen widerhaarig. Hamburger Apotheker, mindestens Millionär! zweifellos! - Ich habe gesagt, daß ich Besitzer der Mineralwasser-Fabrik in Tuttlingen sei. Bitte, störe , diese Illusion nicht, liebster Wuz. Ich will mir die Fabrik ja erst mit dem Geld meines Schwiegervaters in spe kaufen. Das braucht er halt nicht zu wissen, sonst könnte er kopfscheu werden. — Wuz, Wuz, wenn ich erst osficieller Schwiegersohn bin, gebe ich Dir auch das feierliche Versprechen, daß Du bei unserem ersten Jungen Gevatter stehen sollst!" Bescheiden erlaubte ich mir einige Bedenken zu murmeln, doch Karl flüsterte im Drange seiner Großmuth weiter: „Ach was, keine Widerrede! Gevatter stehst Du und damit Punktum! Und nun, mein Junge, mußt Du Dich opfern; es geht wahrhaftig nicht anders! Siehst Du, ich muß den Alten einmal apart vornehmen und ihn durch die Gluth meiner anerkannten Liebenswürdigkeit so lange erhitzen, bis sein mir vorenthaltenes Wohlwollen bis zum letzten Tropfen überdestillirt. Thue mir den Gefallen und beschäftige Dich derweilen ein bischen in meinem Interesse mit der kleinen Minnie, der Du ja zu meiner Beruhigung ungefährlich bist. Streiche mich kräftig bei ihr heraus, theuerster Wuz, hörst Du! Dein Schaden soll's nicht sein. Parole d’honneur beim ersten Jungen —" „Schon gut, schon gut, Asmus! Aufsuchen thue ich sie nicht, aber wenn Du sie zu mir bugsirst, will ich wenigstens nicht weglaufen, das verspreche ich Dir." „Abgemacht, Wuz. Verweile hier, ich werde sie Dir allmählich in die treuen Freundesarme führen." Mit diesen Worten enteilte der glückliche Karl und ich sah, wie er sich am Kaffeetisch um Vater und Tochter bemühte. Indem ich noch so der Ausführung meines idealen Auftrages harrte, schlängelte plötzlich Jemand wie von ungefähr auf mich zu. Vorläufig war es nicht die Tochter, sondern der Vater. „Angeln wohl dahinten zum Pläsir - Vergnügen, Herr Doctor Döderlein?" In der That hatte ich eine Angelschnur ausgeworfen, bei der großen Fahrt des Dampfers ein etwas phantastisches Unterfangen, das von dem Hamburger belächelt wurde. „Es will nicht gelingen, Herr Sasse." „Schadet nicht. Angeln scheint nicht Ihre Sache — Mädchen-Angelei auch nicht. — Braver Charakter. — Hm!" Herr Sasse räusperte sich und zog verlegen seinen Backenbart durch die Finger. Offenbar hatte er etwas auf dem Herzen. Nach einer Weile stieß er hervor: „Ihr Kollege wohl ein bischen Windhund, was?" „Armer Asmus! Jetzt sollte ich in Deinen heiligsten Interessen gegen Dich zeugen! Das brachte ich nicht über mein Freundesherz. Andererseits verrieth meine für Diplomatie nicht veranlagte Miene wohl genug. „Dachte es mir schon. Im Vertrauen, ich bin ein guter Kerl und kränke andere Leute nicht gern. Ihr College hat um Reiseanschluß an uns in Schweden gebeten und da meine Tochter, unbefangen wie sie ist, sorglos einwilligte, mochte ich nicht Nein sagen. Auch Ihretwillen nicht, Herr Doctor, da ich mich freue, mit einem so verständigen Mann zusammengetroffen zu sein." „Bitte, bitte, Herr Sasse." Ich machte eine geschmeichelte Verbeugung, obgleich die ganze Reisefreiheit nun zum Kuckuck war. „Aufrichtig, Herr Doctor, verständiger Mann!" ich wiederhole es. „Aber wissen Sie," hier stellte sich der kleine Herr auf die Zehen, indem er mir so zuthunlich in's Ohr flüsterte, daß der Schirm seiner carrirten Reisemütze sich fast an meinen Kopf legte, „entre nous, ganz entre nous, helfen Sie mir die jungen Leutchen da ein bischen bewachen. Wollen Sie?" Die Schirmmütze entfernte sich von meinem Haupt und erwartungsvoll blickte mich der vertrauende Vater über seine Brillengläser an. - 502 Beklommen schaute ich nach meinem Angelhaken, der wie ein fliegender Fisch über das Wasser hüpfte. „Ihre überaus große Zuversicht zu mir ehrt mich, Herr Sasse, indessen —" „Durchaus nicht, durchaus nicht! Sie haben nur so etwas Gereiftes, so etwas Väterliches möchte ich sagen. Meine Tochter ist noch nicht lange aus der Pension und daher über- müthig wie eine junge Ziege, die ihre ersten romantischen Sprünge macht. Ihr Freund ist nun ein hübscher, netter Mensch, aber wie gesagt, entre nous, Windhund und so weiter. Nehmen Sie also meine Tochter bei den voraussichtlich gemeinsamen Partien bitte ein bischen mit unter Ihre Flügel, dies muß ich als eine conditio sine qua non für unser angenehmes Beisammenbleiben betrachten, Herr Doctor!" So stand ich nun da, belastet mit dem Vertrauen beider streitenden Parteien. Und warum mir Dies? Weil ich wie ein Schulmeister aussah, weil ich „ungefährlich" war, weil der Papa mich bereits für eine Art von Jubelgreis hielt, was er liebenswürdig mit dem Epitheton „väterlich" ausdrückte. — Nun, meinetwegen! meine Eitelkeit war über dergleichen Abschätzungen erhaben und da ich Freund Asmus zudem das Versprechen gegeben hatte, in Unterdrückung meiner Aversion mich mit dem kleinen Zicklein zu langweilen, so lud ich ja nunmehr nichts Anderes auf meine Schulter, als eine bereits übernommene Last. Aber, aber, wie konnte ich denn die doppelte Rolle in vollster Ehrlichkeit gegen beide Mandatare durchführen? Da lag der Hase im Pfeffer! Indessen, wozu wäre die herrliche Wissenschaft der Logik aurspintisirt worden, wenn man sie nicht im praktischen Leben anwendete? Schnell überlegte ich, daß durch meine Einwilligung erst beide Parteien hinreichend in die Lage versetzt würden, sich gegenseitig kennen und schätzen zu lernen. Ich wurde ihnen also Beiden gerecht. Und die Tochter erhielt sodann die Möglichkeit, einerseits kritisch unter meinen Flügeln eher zu prüfen, ob Asmus auch Derjenige, welcher für sie sei, andererseits das Verlangen nach ihm an der Unliebenswürdigkeit meiner ihr auferlegten Gesellschaft zu stärken. Kurz gefaßt: ich that ihnen Allen wohl, nur ich selbst, ich armer Kerl, ich fuhr natürlich wieder einmal am schlechtesten dabei. Der Papa Apotheker bezeugte sich über meine schüchtern gestammelte Zustimmung entzückt. „Sehr verbunden, lieber Herr Doctor, sehr verbunden! Wenn meine Tochter einmal ihre passende Partie mit einem soliden Hamburger Geschäftsmann gemacht hat, dann sollen Sie auch mit zur Hochzeit, das verspreche ich Ihnen, und wenn in Hamburg 'mal eine gute Hauslehrerstelle frei wird, will ich an Sie denken." „Tausend Dank, Herr Sasse! Mir sind freilich schon so viele schöne Dinge für die Zukunft versprochen, daß mir's bei diesem Füllhornwinken Fortunas säst schwindelt. Man thut eben nur seine Pflicht als Ehrenmann." „Ehrenmann!" wiederholte Herr Sasse, indem er gerührt und überzeugt die Augen zusammendrückte, worauf er schleunigst auf das am Kaffeetisch plaudernde und soeben zur traurigsten Jsolirung verurtheilte Paar zurückeilte. Gleich darauf sah ich, wie Asmus ein langes Gesicht machte, um jedoch sofort mir geheimniß- und verständnißvoll zuzunicken und sich dann zu bemühen, einer lebhaften Auseinandersetzung des Apothekers, wahrscheinlich über ein chemisches Thema, zu folgen. Fräulein Minnie hatte sich erhoben und schritt durchaus frei von Zögern auf mich zu. „Sie angeln, Herr Doctor? Papa meinte, es sei so interessant, Ihnen dabei zuzusehen." Ich machte eine etwas mürrische Verbeugung. „So, meinte er das? Hm! Interessant ist es aber absolut nicht, wenn nichts anbeißen will." „O, ich denke, das Anbeißen ist bei den Herrn Anglern immer Nebensache." „I der tausend! Was wäre denn wohl die Hauptsache?" „Darf ich es Ihnen gerade heraus sagen, ohne Sie zu beleidigen?" „Bitte sehr! Thun Sie Ihrer Offenheit durchaus keinen Zwang an." „Faulenzen!" „So — so! Faulenzen!" „Jawohl, faulenzen und nichts denken!" „Außerordentlich schmeichelhaft! Also ich komme Ihnen wie ein Faulenzer und Nichtsdenker vor?" „Im Gegentheil!" „Im Gegentheil?" „Allerdings. Und deshalb wundere ich mich, weil Sie angeln." „Was soll man denn auf einem Schiff anderes thun, wenn die See zu schläfrig ist, um ein fesselndes Schauspiel zu bieten?" „Sich mit seinen Mitmenschen beschäftigen." „Meine Mitmenschen spielen alle Skat, wie Sie sehen, und das verstehe ich nicht." „Das ist kein Fehler. Aber sind wir Damen nicht sozusagen auch Mitmenschen, Herr Doctor?" „Hm! — Im Allgemeinen ja. — Jedoch —" „Man kann zu ihnen über nichts Gescheidtes reden, wollten Sie ergänzen." „Allerdings, das wollte ich." „Pfui! Sie sind aber gar nicht höflich." „Nein, das bin ich nicht." „Doch offenherzig, wahrhaftig, das muß ich sagen! Macht es Ihnen denn Spaß, unliebenswürdig gegen Damen zu sein? Was haben diese armen Geschöpfe Ihnen zu leide gethan?" „Zu leide gethan? Nichts. Es ist eben nur unmöglich, sich mit ihnen vernünftig zu unterhalten. Das ist Alles." „Mit mir also auch, Herr Doctor?" Das niedliche, kleine Wesen pflanzte sich so drollig vor mir auf, die Flügel des Stumpfnäschens vibrirten so allerliebst und die blauen Augen schauten mich so seltsam lustig an, daß ich ganz unsicher wurde und verlegen mit den Fingern am Halskragen herumgriff. „Mit Ihnen? — Hm, ich weiß es nicht genau, aber ich glaube auch mit Ihnen." „Das käme doch auf die Probe an. Mir dünkt, wir kommen gleich jetzt schon ganz tapfer vorwärts, fahren wir also so fort, nicht wahr?" Da ich es einmal übernommen hatte, die kleine Hexe unter meine Fittiche zu nehmen und diese obendrein entschlossen schien, mich am Verstummen zu hindern, so blieb mir schlechterdings nichts übrig, als ihrem Wunsch zum Fortfahren statt zu geben. In Erinnerung an meine Pflichten begann ich demgemäß: „Mein Freund, der Doctor Schratt —* „Scheint ein reizender Mensch zu sein. Ein so schöner, geistvoller Kopf wie seiner fällt gleich auf." „So, so," brummte ich, indem mir dieses Lob, so sehr ich meinen Asmus schätzte, ein wenig stark aufgetragen schien. Es ärgerte mich sogar. Warum ärgerte es mich? Machte cs doch meinen Feldzug, den ich soeben für den „schönen" Karl antreten wollte, schier überflüssig. „Ja, finden Sie das etwa nicht, Herr Doctor?" „O ja, das heißt, so im Ganzen. O ja!" „Sind Sie nicht auch der Ansicht, Herr Doctor, daß ein edles Antlitz meist auf eine edle Seele schließen läßt?" Karl Schratt ein edles Antlitz und noch dazu eine edle Seele! Das war denn doch zu stark. O, diese Frauen, wie fie doch alle, alle, ohne Ausnahme, am Aeußerlichen haften! „Erlauben Sie die Gegenfrage, mein Fräulein: Lassen unedle Züge meist auf eine unedle Seele schließen?" „Allerdings!" „Ich danke bestens!" „Warum so pikirt, Herr Doctor? Die Anwesenden sind ja stets ausgenommen. Und wer sagt Ihnen, daß ich Ihre Züge für unedle halte?" „Das ist ja selbstverständlich!" Grimmig lächelnd rückte ich meinen Zwicker zurecht und schielte zu meiner weder an- muthig geformten, noch zart gefärbten Nase hinunter. „Durchaus nicht! Wollen Sie stets nur Complimente von i mir hören! Eben sagte ich Ihnen indirect eins, anläßlich der *— 303 Fischerei, und nun soll ich Ihnen schon wieder eine Eloge machen?" „Spotten Sie doch nicht, gnädiges Fräulein. Sie ziehen die Gesellschaft meines Freundes Schratt der meinigen ja weit vor und ich" — hier kribbelte mich die Empfindlichkeit dermaßen, daß ich Vernunft, Pflicht und alle guten Sitten vergessend, in förmlich gereiztem Tone schloß — „habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen!" Und eine linkische Verbeugung versuchend, lüftete ich meinen zerdrückten, schwarzen Calabreser und verschwand mit langen Schritten unter Deck, Fräulein Minnie verblüfft bei meiner Angel zurücklassend. Mochte sie sich damit amüstren, das Ding bei jedem Schraubenhub der Schiffswelle resultatlos über das Wasser Hüpfen zu sehen oder mochte sie — in die Arme ihres Glückspinsels Asmus eilen! Unten versuchte ich dem Skatspiel zuzusehen. Es verdroß mich: ich versuchte zu schlafen. Es ging nicht- Ich hatte das Bewußtsein, mich albern benommen zu haben und überlegte, wie es gewesen wäre, wenn ich das oder das nicht und dafür dies oder jenes gesagt haben würde. Dazu zog ein eigenthüm« liches Knarren und Wiegen durch das Schiff, die beklommene Kajütenluft drückte auf die Gehirnnerven. Vorsichtig schlich ich wieder nach oben, und als ich mich überzeugt hatte, daß Sasses selbstverständlich in Asmussens Gesellschaft, bei dem dicken rothen Capitän auf der Brücke standen, duckte ich mich hinter ein Local, in welchen: eine Köchin schaltete, die von den Nachtheilen der Reinlichkeit offenbar eine übertriebene Vorstellung besaß. Hier konnte ich nicht so leicht entdeckt werden. Das Wiegen und Knarren hatte seinen Grund. Ein Wind hatte sich erhoben, der weiße Kämme auf die vorhin so glatte Fläche modellirte und in diese allerlei Höhlungen grub, in welche die „Ceres" überäll hineintaumelte. Famos! famos! Jetzt erst ward die Spaziergondelei zu einer interessanten Meerfahrt! Links lag das Land ganz fern, rechts zeigten sich hügelige grüne Inseln, ohne Wald, auf denen sich weiße, roth- gedeckte Gebäude erhoben, die wie Kirchen aussahen, aber in Wirklichkeit, wie mir einer der schwedischen Matrosen erklärte, Leuchtthürme waren. Bei der Rauhheit des Windes und dem düsteren Wolkenfluge des hereinbrechenden Abends bekam das Seebild etwas Oedes, Melancholiches. Fröstelnd knöpfte ich meinen Rock zu. Wie sonnig und warm mochte es zur Zeit noch drinnen im lieben Schwabenland sein! Es war mir nicht unlieb, als die Schiffsglocke die Abendmahlzeit ankündigte. Magen und Kehle befanden sich in einem gepreßten Zustand, der vermuthlich durch Speise und wärmenden Trank gehoben werden konnte. Das Verlangen hiernach stellte sich unbezwinglich ein, weshalb ich meine Abneigung, die bedenkliche Kajütenluft zu athmen und den unheimlichen Sasses wieder unter die Finger zu gerathen, unterdrückte. Als ich die zum Speisesälchen umgewandelte Kajüte betrat, schrie mir aus der zusammengepfsrchten Gesellschaft gleich die Stimme meines Asmus entgegen: „Da ist er ja! Hierher, Döderlein! Dein Platz ist reservirtl" Da hatte ich also die Bescheerung! — Durch einen heftigen Ruck des Schiffes befördert, torkelte ich auf den leeren Sessel nieder, der zwischen die Sasses geklemmt stand. Rechts von Minnie thronte Asmus rittlings auf dem seinigen. Man machte mir allseitig Vorwürfe über mein Verschwinden. Asmus zog mich verleumderisch mit den schwedischen Stewardessen auf, und Fräulein Minnie erkundigte sich, ob ich vielleicht unter dem Bugspriet geangelt habe. Ernstlich unzufrieden schien nur der alte Herr mit mir zu sein, der höchst mißtrauische Blicke nach dem vergnügten Karl warf. Karls Vergnügtheit kam mir höchst verdächtig vor, wie überhaupt die ganze Gesellschaft eine Heiterkeit an den Tag legte, die sich von derjenigen wirklich zufriedener Gemüther wesentlich unterschied. Jeden Augenblick kippte ein Schnaps- glas, der Käse gerieth in's Rollen, die Makreelen bewiesen eine lebhafte Tendenz zum Hin- und Herrutschen, worüber stets ein allgemeines unbändiges Gelächter ausbrach, welches einen eigenthümlich blechernen Klang besaß. Wenn das Schiff sich gar zu sehr überneigte, geriethen auch die Personen nebst ihren Sesseln in kippende Bewegung. Mir war vor Allem die schwingende Lampe unangenehm, obgleich ich mir sagte, daß sie es gar nicht war, welche die fatalen Neigungen ausführte, sondern ich selbst. Lust, Luft! hätte ich rufen mögen bei der erstickenden Hitze der Atmosphäre, aber ich schwieg mit ungewöhnlichem Heroismus und stopfte in größter Geschwindigkeit alles Mögliche in den Mund, ohne daß es so recht in's Gleiten durch die Kehle gelangen wollte. Vor der übrigen Gesellschaft hätte ich mich wahrscheinlich nicht genirt, den peinlichen Kampf, in dem meine seeungewohnte Constitution begriffen war, zu offenbaren, nur die Anwesenheit der Person, der gegenüber ich doch am gleichmüthigsten hätte bleiben können, hinderte mich daran: Fräulein Minnie! Aber auch sie hatte sich verfärbt. So viel vermochte ich noch zu unterscheiden. Ein ernstes Lächeln, das gelegentlich einen Stich in's Geisterhafte erhielt, lag um ihren anziehenden Mund. Auch Vater Sasse schien gedankenvoll zu werden, während Asmus „edles" Antlitz einen Couleur angenommen hatte, die ich genau kannte. So pflegte er als Student Sonntags Vormittags nach der Samstagskneipe auszuschauen. Der schöne Asmus! Wenn Fräulein Minnie nur im Stands gewesen wäre, die Veränderung des herrlichen Mannes recht wahrzunehmen! Nichtsdestoweniger setzte Asmus noch mit einer Stirn, auf welcher schon der Angstschweiß perlte, seine Prahlereien fort. Er empfinde es, daß er niemals seekrank werden könne. Seine vortrefflichen Nerven, sein gestählter Körper, seine Gewöhnung an den entfesselten Ueberlinger See mache dies unmöglich. Hastig knusperte er dabei an dem wie Maler-Paletten aussehenden skandinavischen Hartbrod, dem „Knakebroe", und ließ sich von dem sardonisch lächelnden Capitän einen Aquavit nach dem anderen aufdrängen. Soeben hatte ich mit Todesverachtung ein neues Stück geräucherter Makreele zwischen die Zähne gestopft, als die boshafte „Ceres" einen höchst verwirrenden Sprung unternahm. Sie hüpfte förmlich empor, duckte sich dann in eine unermeßliche Tiefe, worauf sie sich erst auf die eine, dann vehement auf die andere Seite warf. Das war zu viel! Hilferufen, Angstkreischen, Gelächter ertönte; dazwischen das Klappern und Klirren von fallendem Geschirr und das Knarren der Kajütenwände. Uns Passagieren erging es etwa wie Bleisoldaten, die ein erfinderischer Knabe in einer Reihe aufgestellt hat und dann antippt. Wenn der erste fällt, reißt er seine sämmtlichen Kameraden mit sich. In dieser Weise wurden die beiden Längsseiten des Tisches entblößt. Zu einem scheußlichen Knäuel geballt, in welchem der größte Theil des Soupers mit eingeschlossen war, lagen wir Alle in je einer Kajütenecke. Nur der Capitän hatte seinen Platz an der Querseite behauptet und vor Vergnügen ein so rothes Gesicht bekommen wie noch niemals zuvor. Als der Knäuel entwirrt worden war, drückte ich Fräulein Minnie mein Beileid aus. Sie stotterte einen Dank hervor, während Letchenblässe ihre Wangen malte, worauf sie unter der Erklärung, sie fei „müde" geworden, sich in ihre Kammer zurückzog. Ein Passagier nach dem anderen verschwand; Asmus stürzte davon, als ob er einen Mord begangen habe und sich nun vor den Häschern in Sicherheit bringen müsse, und auch ich gab meinem Verlangen nach frischer Luft mit einer gewissen Schnelligkeit Raum. Was mir dann an unbeobachteter Bordwand passtrte, will ich lieber verschweigen, da es für den Verlauf dieser Geschichte ohne Einfluß ist. (Fortsetzung folgt.) Unser Einziges. „Unser Einziges!" — O Zauberwort für Elternohren! Quillt nicht bei Deinem Klange die ganze Fülle von Glück, Liebe und Zärtlichkeit empor, davon Elternherzen fähig sind! „Es ist ja unser Einziges!" flüstert die junge Mutter und überlastet wählerisch die niedlichen Kleidchen, Schuhe, Häubchen rc. Nichts ist ihr gut, nichts ist ihr schön genug. S 504 -- Und geputzt und geschmückt trippelt das „Einzige" mürrisch und murrend neben der seligen Mutter, die es in ihrer Angst nicht eine Minute von der Hand läßt, weil es die weißen Gewänder beschmutzen, das duftige Hütchen verknittern könnte oder aber gar fallen, sich stoßen oder fonstwie etwas zu Leide thun! „Es ist ja unser Einziges!" heißt es dann wieder und sorgliche Mutterhände hüllen es in eine solche Menge von Tüchern und Decken, daß das „Einzige" unwillig und pustend das Köpfchen höher streckt und gierig die frische, gesunde Winterluft einathmet. Das „Einzige" ist gar oft unfolgsam, unartig und boshaft oder anspruchsvoll und begehrlich in seinen Wünschen und Neigungen, aber mit dem Gedanken, „es ist ja unser Einziges", wird jeder Tadel, jede Züchtigung und jede Versagung zurückgehalten. So wachsen die Kleinen in die Höhe, verwöhnt, verweichlicht und eigensinnig, gewohnt, in Allem zu siegen, Alles zu erhalten; Trotz und Eigenwille verunstalten den kindlichen Character und aus dem mit übertriebener Sorgfalt und Nachsicht erzogenen „Einzigen" wird gar oft ein — Taugenichts! Es ist Thatsache, daß viele jener Jungen, aus besten Familien oft, welche von einer Studienanstalt zur anderen wandern, schließlich nach Amerika oder sonst in die Fremde geschoben werden, und es trotz der vortrefflichen Fähigkeiten zu keinem Ziele bringen, die „Einzigen", die Lieblinge schwacher, kurzsichtiger Mütter sind! Und das einzige Mädchen, wächst es nicht sehr oft zur putzsüchtigen, lebenverlangenden Tochter heran, welche rücksichts- und liebelos über die Wünsche der Mutter, die sie mit verderblicher Zärtlichkeit großgezogen hat, hinweg, zur Befriedi- gung der eigenen schreitet! Möge doch keine der Mütter sich von dem Grundsätze: „Es ist ja unser Einziges" leiten und beeinfluffen lastenI Sie schadet ihrem Liebling für später an Leib, Geist und Seele, verzieht ihn zu einem unbescheidenen, unselbständigen Menschen, erstickt allen Edelsinn und zerstört ihm das Glück der späteren Jahre. Wenn wir einen guten Rath geben dürfen, so ist es der: Jede Mutter, welcher das Schicksal nur ein einziges Abbild gegönnt hat, erziehe dieses möglichst in Gemeinschaft mit einem anderen Kinde; sei es ein Nachbarskind oder von Verwandten, das sie für einige Stunden des Tages zu sich nimmt! So verliert sich die Einseitigkeit der Erziehung eher, das Kind lernt nicht so sehr die Langeweile und somit ihr Gefolge: Begehrlichkeit und Bosheit, kennen. Gemeinnütziges. Kinder, welche schnell wachsen und infolge besten blaß und schwächlich aussehen, haben zumeist großes Verlangen nach Süßigkeiten. Dieses Verlangen beruht auf dem Bedürfnisse, dem Körper Stoffe zuzuführen, welche rasch und unmittelbar in's Blut gelangen und so den intensiven Lebensproceß vermitteln. Hierher gehört vornehmlich der Zuckerstoff, der im Körper als Heizstoff Verwendung findet. Nun bietet uns die Natur einen reinen Süßstoff, der durch seinen hohen Gehalt an Traubenzucker und durch fast gänzlichen Mangel an Stickstoff am leichtesten in's Blut übergeführt wird — den Honig. Besonders empfiehlt sich zum Frühstück warme, mit Honig versüßte Milch mit gutem Hausbrode. Das ist das gesündeste, schmackhafteste und verdaulichste Frühstück; besonders im Winter kann nichts zum Gedeihen der Kinder mehr beitragen. Während Milch und kräftiges Brod die Kinder gut nährt, erwärmt der Honig den Körper und stärkt die Athmungsorgane. Die Ansicht, daß Honig unverdaulich sei und „im Magen liegen bleibe", wie Viele glauben, ist ein Vorurtheil; er ist nur dann unverdaulich, wenn er ohne Verbindung mit stickstoffhaltigen Nährmitteln in größeren Quantitäten genommen wird. Aber gutes Hausbrob, mit Honig bestrichen, frommt den Kindern mehr, als ganze Schachteln Kinderbisquits, Extracte und andere Kunstproducte. ♦ ♦ ♦ Gegen das Rauchen der Lampen. Das lästige Rauchen der Petroleumlampen, sowie das damit verbundene Verkohlen der Dochte kann dadurch vermieden werden, daß man letztere vor dem Gebrauche in möglichst starkem Essig einweicht und, nachdem sie wieder trocken geworden, in die Lampe einzieht. Durch dieses einfache Verfahren wird das Rauchen und Dunsten beseitigt. ♦ * ♦ Apfslsleisch. Aepfel werden in Würfel geschnitten, mit Wasser, Zimmet, Citronenschale und Zucker auf's Feuer gesetzt und weichgekocht, doch müssen die Stücke ganz bleiben. Währenddessen hat man Corinthen gewaschen und weichgekocht und schüttet sie nun dazu. Nun kann man alle Reste Fletsch dazu verwenden, schneidet sie in kleine Stücke, gibt ein gutes Stück Butter in eine Kasserole, das Fleisch dazu, läßt es mit durchschwitzen, salzt es ein wenig, gibt einen Theelöffel voll Fleischextract hinzu, rührt es mit den Aepfeln gut durch und richtet es an. Sehr gut zu weißen Bohnen oder Kartoffelbrei. * $ ♦ Gefülltes Kraut als Krautrouladen. Von einigen Krautköpfen werden zuerst die äußeren Blätter entfernt, dann alle guten, großen Blätter abgebrochen und das Dickste der Rippen davon abgeschnitten; diese Blätter werden gebrüht, abgekühlt, eine Viertelstunde in wallendem Salzwaffer gekocht und zum Ablaufen auf ein Sieb gelegt. Dann breitet man zwei bis drei Blätter übereinander, bestreicht sie mit einer seinen Kalbfleischfarce, die mit geräucherter Zunge, rohem Schinken, gebratener Niere und dergleichen vermischt ist, und rollt sie fest zusammen, legt sie dicht aneinander in eine Kasserolle, gießt etwas fette Fleischbrühe darüber, überstreut sie mit Salz und Pfeffer, bedeckt sie mit einem gebutterten Papier und einem Deckel und läßt sie langsam weich dämpfen; bei dem Anrichten werden die Rouladen mit dicklich eingekochter, brauner Kraftbrühe überzogen. Vermischtes. Ein sonderbarer Betrüger. A.: „Du, der dort hat mich auch um 80,000 Mark gebracht." — B.: „Wieso?" — A.: „Er hat mir seine Tochter nicht gegeben!" * * * Ominöse Gegend. Director: „Wo haben Sie denn Ihre Braut kennen gelernt?" — Beamter: „Auf einer Reise im Harz." — Director: „O, Sie Pechvogel!" • » ♦ Annonce. „Gesucht wird ein einfaches Mädchen, das mit Bodenwichsen umgehen und in den freien Stunden den Kindern Nachhilfe-Unterricht im Französischen ertheilen kann." ♦ Boshafter Schluß. Freund„Schau' mal diese echte Havannacigarre an, ein wahres Prachtstück. Siehst Du, so etwas muß mit Verstand geraucht werden." — Geck: „So? Da solltest Du sie eigentlich nicht selbst rauchen." Statistik. Peter: „Was für eine Beschäftigung hast Du denn jetzt eigentlich?" — Paul: „Ich habe mich jetzt ganz der Statistik gewidmet." — Peter: „Du? Nicht möglich!" — Paul: „Ich bin nämlich — Statist beim Theater." * Entweder — oder. A.: „Was ist denn das plötzlich für ein Lärm im Wirthshaus drüben — was muß denn da los sein?" — B-: „Ach, da laffen sie gewiß wieder Einen leben oder — sie bringen Einen um!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Chr. Pietsch) in Gießen. Uni (Shu N maßen Macht Aus d schwint warst schuf v gegebei Mir 11 Mensä die gu lingen dem n harrte S befand die fck mit fl Gottei fand s der C irrte, und d Scheu Kataf unser, unschi so gr in di, an F in de los, Ich i Karl thun, Karl digen - t Herr Unte liebe: